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Freitag, 26. Juni 2026

Kötztinger Häuserchronik - alte Hausnummer 114

Mit der sogenannten Uraufnahme und der beginnenden Landvermessung zählte Kötzting insgesamt 159 Anwesen. Die Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuzeichnen und möglichst genau zu dokumentieren, ist das Anliegen dieser Häuserchronik. Wer sich näher mit den frühen Entwicklungen unserer Heimatstadt beschäftigen möchte – von den ersten Urhöfen bis zur Erhebung Kötztings zum Landgerichtsort –, findet dazu ausführliche Informationen in einem einleitenden Blogbeitrag. 

Bei den nun folgenden zehn Anwesen ist allerdings eine Besonderheit zu beachten: Die Häuser mit den alten Hausnummern 113 bis 123 bestanden bereits lange vor dem großen Marktbrand von 1867, wurden nach der Katastrophe jedoch nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten errichtet. Mit der Neuordnung des unteren Marktes und dem Bau der unteren Marktstraße, des Pfeffergrabens sowie später der Holzapfelstraße entstand ein neuer Ortsteil, in den die bisherigen Hausnummern übertragen wurden.

Die Identifizierung dieser Anwesen ist deshalb heute nicht mehr über ihre frühere Lage möglich, sondern ausschließlich über die weitergeführten alten Hausnummern.

Alte Hausnummer 114

beim  Lommerweber


Vermessungsamt Cham: Detail aus 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_1831_Beilage_M2500_1_1-01

Die belegbare Geschichte dieses Hauses beginnt mit einem Leineweber Martin Härtl, der im Jahre 1706 vom Markt Kötzting den sogenannten „Beisitz“ verliehen bekam. Dafür hatte er 4 Gulden und 30 Kreuzer zu entrichten. Dieser „Beisitz“ stellte eine Art eingeschränktes Bürgerrecht dar, da Härtl zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes Haus besaß – eine Voraussetzung, die damals für den Erwerb des vollen Bürgerrechts unabdingbar war.
StadtA Kötzting MR von 1706 Seite 7
"Einnamb an Burgerrecht
Marthin Härtl Leineweeber, ist vor ainem burgerlichen beysizer aufgenomben und von ihme hiervon bezalt worden 4 fl 30 xr.



Härtl Wolf und  Stoiber Anna

Am 14.7.1732 heiratete der Weber Wolfgang Härtl - Sohn des Martin Härtl und der Katharina - die aus Blaibach stammende Schmiedtochter Anna Stoiber.
Die Reihe der Häuser angefangen bei der Nummer 113 bis hinauf zur 115 scheinen alle erst im Laufe des 18. Jahrhunderts angelegt worden zu sein. Beim Haus mit der Nummer 114 gibt es dazu einige Hinweise, die diesen Schluss nahelegen. 
Mit Datum des 26. Juni 1730 wissen wir, dass der junge Webermeister vom Landgericht Kötzting die Erlaubnis erhalten hatte für den Erwerb eines Grundstücks im Markt, wie es im Jahre 1744 dann ausführlich in den Kötztinger Marktrechnung aufgeführt ist.

StadtA Kötzting MR von 1744

"Wolf Härtl Zeug= und Lein=Wöber, hat vermög des von churfrtl. lobl. Rentambt Straubing underm 26ten Juny anno 1730 erhaltenen Consens, ab dessen under darzue gegebnen gemeinen Grundt die darauf geschlagene Gült zalt zu 17 xr."
 Liest man zwischen den Zeilen, so hat wohl der junge Weber die nächste Instanz bemühen müssen, um dann schlussendlich vom Markt ein Grundstück für den Hausbau zu erhalten. Es steht zu vermuten, dass er für seinen Hausbau die nächsten zwei Jahre gebraucht hat, denn erst  am 14.7.1732 heiratete der Weber Wolfgang Härtl - Sohn des Martin Härtl und der Katharina - die aus Blaibach stammende Schmiedtochter Anna Stoiber.
Vom November 1732 - also dem Jahr seiner Verheiratung - stammt eine Grundstücksverbriefung des nördlich von ihm gelegenen großen Gartengrundstückes, in dem das Härtlsche Haus erwähnt ist.
Die verwitwete Pflegersgattin Witwe Maria Thersia von Mayr verkauft das ihr erblich zugefallene Gartengrundstück das in seiner Lage beschrieben ist :" den ihr mitls Testament erblich zugegangene und oberhalb des Wolfgang Härtl Wöbers Haus liegent: und umb und umb eingefangene aigenthumbliche Gartten mit der darin stehenden Wohnbehausung sambt dem vorhandtenen Sommerheusl und anderer Garttnerey."

Einschuib
Für manche Kötztinger ist der um die Jahrhundertwende 1900 verstorbene "Schlossgärtner Hardl", Leonhard Mittermayr noch ein Begriff. Dieser wohnte 150 Jahre später in diesem haus und trug den Hausnamen Schlossgärtner, weil das Gartengrundstück früher dem Pfleger gehörte, der eben im Schloss residierte.
Einschub Ende

Härtl Hans Michael und Anna Reichhold


Am 11.8.1753 übergab der Kötztinger Bürger und Leineweber sein "Haus ufm Pfeffergraben negst des Hofmann Martin  (=alte Hausnummer 115)entlegen". 20 Gulden Grundschuld waren  bei der St. Sebastiani Bruderschaft eingetragen und seine beiden Geschwister Elisabeth und Catharina mussten ebenfalls berücksichtigt werden. Der Kaufpreis betrug 100 Gulden.
Zwei Monate später, am 13.11.1753  heiratete der Weber Michael Härtl die aus Chammünster stammende Webertochter Anna Maria Reichhold.
Einschub
Es ist hier interessant, dass der Flur/Straßenname "Pfeffergraben" nicht dieselbe Stalle bennnt, wie heutzutage. Heute ist es die Querverbindung zwischen der Gehring- und der Holzapfelstraße. Damals war es aber der Hohlweg hinter der Häuserreihe, die bergauf führte. 
Einschub Ende
80 Gulden versprach die junge Weberin in die Ehe mit einzubringen, die sie sich im Jahre 1755 sich in einem Heiratsvertrag sicherstellen ließ.
Die im Übergabevertrag genannte Schwester Katharina Härtl wurde im Jahre 1756 verurteilt und musste eine "Geige" tragen.
StadtA Kötzting MR von 1756 
"Catharina Harrerin Kellnerin und Magdalena Schmikdtpäurin Köchin beede beym Cammerer Luckhner in diensten, haben Catharina Härtlin und Maria Lanzingerin beede Burgerstöchter von hier geclagt, daß sye ganz nachdrückhlich ausgesprengt, samb Selbe deren Herrnschaft in ain: und anderem abtragen; und obwohlen zwar anfangs die beclagte solches in Abredt stellen und die Sach mit laugnen zu hintertreiben suechen wollen; So hat sich...



iedoch die beclagte Härtlin ex post der Harrerin, und Schmidtpäurin solche Aussprengungen ordentlich zu beweisen sich erbotten, zu den Einclagten, das derselben ein und anderes dergleichen Wortt entfallen sein könnte, bekhennet, die mitbeclagte Lanzingerin aber ein für alle Zeit behauptet, weeder von der ainen noch der anderen nichts widriges geredet zu haben, welches endlich auch die 2 Clägerinnen bey Rhat selbsten eingestanden, und also von ihr gewichen. Solchemnach ist die Lanzingerin absolviert, die Härtlin aber nebst ernstlichen Verweis in ain Stündige antragung der Geigen verfählt worden, mit dem Auftrag, da sye dise nachdennkhliche Aussprengung zuruckh nemmen und bekhennen solle, das selbe von dennen zway


Clägerinnen nichts als alles lieb und guettes zu sagen wisse, womit man sothannes nachreden als dennen zwey Clägerinnen an denen Ehren unpraejudizierlich von Ambtsweegen aufgehoben hat, id est
1 Stund in die Geigen.
6 Jahre dauerte es wohl, bis die Ehefrau ihr Heiratsgut eingebracht hatte, denn erst im Jahre 1759 quittierte der Altenteiler Wolf Härtl seinem Sohn die vollständige Bezahlung des Kaufpreises.

Wenige Jahre nach ihrer Geigenstrafe musste Catharina Härtl erneut diese Strafe erleiden, als sie vor dem Magistrat ausrief: " es gäbe keine Gerechtigkeit mehr", was nun direkt gegen die Ehre der Kötztinger Ratsherren ging..... keine Kleinigkeit in der damaligen Zeit.
Auch die Stimmung zwischen dem Vater und den nunmehrigen Hausbesitzer und Sohn war angespannt, was dem Vater alleine wegen der Verhandlung mit seinem Sohn 2 Stunden im bürgerlichen Arrest einbrachte.
Es gab aber dazu auch eine Vorgeschichte bzw. eine Kettenverhandlung in ein und derselben Beleidigungsklage:

StadtA Kötzting MR von 1762

"Umb willen sich Wolfgang Härtl burger und Leinweeber alhir unterwunden bey gehaltem Handwerch gegen den von Rhatt aus darzue verordneten Handtwechs commissarium Herrn Johann Hainrich Straubinger dess Innern Raths ganz, respectlos aufzuführen, und ins angesicht zusagen, Er commissarius habe ihme in ihren Handwerchs-Sachen nichts 


"einzureden. Alß ist ihme solches in geschärfften Ernst nachtruckhsammist verwiesen worden, mit dem auftrag, das er gegen dem Handtwerchs commissarium infuturo allen Respect gebrauchen, und dabey gedencken solle, das sollcher noe dess Magistrats stehet, und wann selber beym Handwerch ain ungebühr sicht derentwillen gar wohl zu reden, und solches abzustöhlen habe, Wobey man noch anzue dem Härtl zur Straff 1 Tag im burgerlichen Arrest zugeben dictiret id est:
1 Tag in burgerl. Arrest.

Nitweniger daßgedachter Härtl der beschechenen Clage und selbstigen EIngeständtung nach seinem Sohn Michaeln Härtl auch burgerlichen Leineweber derorthen ainen Hundtsfott und Pfuscher betitelt, ist er, nebst ernstlichem Verweiß, nach anvor beschechen obrigkleitlich zu nichts machung solcher verschandungen, 2 Stund im burgerlichen Arrest condemniert worden id est
2 Stund im burgerl. Arrest."

1762 stritten sich Vater und Sohn vor Gericht. 
1765 quittierte der Vater dem Sohn weitere fristgerechte Zahlungen
Im selben Jahr verklagte der Vater seinen Sohn und dessen Frau und obwohl sich die Parteien selber verglichen, mussten sich die jungen Härtls einer Verhandlung stellen und landeten je 1 Tag im bürgerlichen Arrest.
Die Beleidigung ist spektakulär:

Die Härtlschen Eheleute warfen dem Vater resp. Schwiegervater vor, er hätte die "S.V. Morbus Gallici", also Syphilis. Als Verteidigung brachten die Jungen nur vor, diesen von anderen Menschen gehört zu haben.

Die weitere Abfolge der Besitzverhältnisse ist aufgrund eines Mangels an Archivalien nur mit Lücken zu belegen.
Hier die Kirchentrachtliste des Klosters Rott aus dem Hauptstaatsarchiv:

HStA München Landshuter Abgabe KL Rott B5 1777-1800
Hier ist in der Tabelle die tatsächliche Abfolge der Anwesen abgebildet:
Leonhard Haas 111
112 fehlt, weil der heutige Schmidtbräukeller zum damaligen Anwesen 98 gehört
113 Josef Drückl Schneider
114 Michael Härtl Weber
115 Martin Hofmann Schuhmacher
116 Franz Mittermayr  Schlossgärtner

 


Da in einem Kaufvertrag aus dem Jahre 1785 ein Johann Michael Härtl, Häusler und Leinweber, verheiratet mit Magdalena, erwähnt wird und darin festgehalten ist, dass das Kaufobjekt – ein Stadel – von seinem Schwiegervater Adam Parzinger erbaut worden sei, spricht vieles dafür, dass zwischenzeitlich bereits eine Besitzübergabe vom Vater Johann Michael Härtl auf den gleichnamigen Sohn stattgefunden hatte. 
Auch die Kirchentrachtliste, die den Zeitraum von 1777 bis 1800 umfasst, deutet darauf hin. Dort wurden die Namen offensichtlich nicht ausgebessert oder geändert, was bei einer Übergabe vom Vater auf den Sohn mit identischem Namen auch gar nicht notwendig gewesen wäre.

Es gibt jedoch auch noch eine zweite Möglichkeit, weil die "Hartlsche Weberlinie" und die Familie Parzinger mit dem Hausnummer 107 sicher verbunden sind.
Nun also ein Blick zunächst in die Zukunft, um einen Rückblick zu ermöglichen:
Im Häuser und Rustikalsteuerkataster von 1811 ist als Besitzer ein Schötz Mathias eingegeben und im Kötztinger Heiratsmatrikel findet sich mit Datum des 23.7.1800:
Schötz Mathias, Sohn des Weißenregener Halbbauern Joseph Schötz und der Laumer Magdalena, heiratet die Anna Maria Hartl, Tochter des Michael Härtl und der Reichhold Anna Maria aus Chammünster.
Es bleibt aber trotzdem kompliziert bei den Härtls, aber wenn man lange genug sucht, findet man doch manchmal einen Ausweg: :


Schötz Mathias und Härtl Anna Maria

 

Am 6.8.1789 war Michael Härtl, der Vater, mit 65 Jahren verstorben. Im Jahre 1800 kam es schließlich zur Hausübergabe verbunden mit einer „väterlichen Erbsverteilung“. Bereits im Kopfteil dieses Vertrages wird festgehalten, dass der Weber und Häusler Michael Härtl zwar schon im Jahre 1789 verstorben war, man jedoch amtlicherseits „die nachgebliebene Mutter und Witwe mit genannten Kindern (9 leibliche und zum Teil noch minderjährige Kinder waren beim Tode des Vaters noch vorhanden) einige Zeit gemeinschaftlich forthaussen lassen wollte“.

Beim Tod des Ehemannes beliefen sich die Schulden auf insgesamt 451 Gulden. Nach Abzug des eingebrachten Heiratsgutes verblieben schließlich noch 89 Gulden, die als väterliches Erbe unter den Kindern aufzuteilen waren.
Nun hieß es weiter in der Urkunde "Nun habe sich in dem Umlauf von 11 Jahren die Verhältnisse wesentlich geändert, auch die Mutter findet sich in die Länge nicht mehr fähig das häusliche Anwesen bey anrückentem Alter zubehaupten, sie will sich also in Kraft diss mit ihren leiblichen 9 Kindern in das anerstorbene väterliche Vermögen und dem künftigen Häusl und Weeberrechtsbesitz auf erlangt Marktsobrigkeitlichen consen unter Beystandschaft des Herrn Gerichts und Marktsprokurators Lorenz Stoiber in Iudicio selbst anwesend freundschaftlich vertragen haben:"

Die Erben:
1. Michael Härtl burgerlicher Zeug und Leinweeber in Kötzting selbst anwesend (HsNro 107)
2. Mathias Härtl Fabric Weeber zu Linz in Oberösterreich
3. Joseph Härtl ebenmässiger Fabric Weeber daselbst
4. Anton Härtl dermahliger Inwoher und Weebermeister am Strohhof Landgerichts Kötzting (der Strohhof ist die Gärtnerei in Grub)
5. Wolfgang Härtl ledigtands, doch nicht ganz weltläuffig zu Hause im Aufenthalt
6. Anna des Johann Lobners Weebermeister in Böhmisch Eisenstein Eheweib
7. Theresia des Johann Weinbergers Schreiner zu gesagt böhmisch Eisenstein Weib
8. Katharina Härtin ledigstands zu WIen in Unterösterreich in Diensten
Alle diese Geschwister werden von Michael Härtl vertreten
9. Anna Maria Härtlin ledig, doch bereits vogtbaren Stands und zukünftige Vermögensübernehmerin.

Die Mutter und Witwe übergibt nun der Tochter das bürgerliche Häusl im Pfeffergraben  um 700 Gulden.
Schulden
Bei der Pfarrkirche Kötzting 100 Gulden und zwei Jahre ausstehende Zinsen
Beim Spital 40 Gulden  und ausstehende Zinsen
Bei der Rosenkranzbruderschaft 120 Gulden und drei Jahre ausstehende Zinsen.
Da der älteste Sohn Michael verzichtet, verbleiben als Erbe einschließlich des mütterlichen Heiratsgutes genau 200 Gulden, die unter die 8 Geschwister verteilt werden.

Nach dieser Erbverteilung schließt die neugebackene Hausbesitzerin einen Heiratsvertrag über 400 Gulden mit ihren zukünftigen Ehemann, dem Weißenregener Bauernsohn Mathias Schötz.
QED
Es geht also - trotz der unüblich sehr langen Zeitspanne für solch einen Generationswechsel - direkt weiter vom Hans Michael Härtls Erben auf seinen Schwiegersohn Mathias Schötz
Von der Kötztinger "Kommunalwahl" des Jahres 1806 haben sich alle Wahlzellel erhalten und so besitzen wir nicht nur ein Beispiel seiner Handschrift sondern kennen auch seine WÜnsche, was den Kötztinger Kammerer, die Räte und den Bürgerausschuss betrifft.
StA Landshut : LGäO Kötzting Nr. 793 Magistratswahlen von 1806 Wahlzettel und Bürgerliste
"Mathias Schötz 
Kammerer: Windorfer
Rat: Bauer - Gulder - Schöpperl - Haas
Ausschuss: Math Pfeffer - Gernhuber - Leszkier - L: Mühlbauer

Hier der persönliche Wahlzettel des Mathias Schötz


 

Lommer Mathias und Pongratz Anna Maria

In StadtA Kötzting AA II/44 heißt es im Jahre 1829. 
"Schötz Mathias Hausbesitzer und Weber von Kötzting und sein Eheweib bringen vor, dass sie keine leiblichen Erben haben und wollen den Lommer, ihrem Vetter ihr Anwesen in 6 - 8 Jahren übergeben. Lommer ist bereits 22 Jahre in ihren Diensten, genehmigt."
Dann verstarb am 5.11.1836  der Weber Mathias Schötz an der Lungensucht und am 17.9.1838 war ihm seine Witwe ins Grab gefolgt; sie verstarb an der Wassersucht.
Der Tod der verwitwten Weberin war wohl abzusehen, denn schon vier Wochen vorher wurde im Markt Kötzting in den Staatsbürgerverpflichtungsprotokollen knapp und kurz zusammengefasst:
"10. Aug 1838  Lommer Mathias Webergeselle aus Böhmisch Eisenstein erhielt von seiner Ziehmutter Schötz Anna Maria Häuslerin und Weberin  v Kö  das Anwesen durch Übernahme . Einwanderung und Ansässigmachung genehmigt. und Bürgerrecht erhalten."  StadtA Kötzting AA II/18
Blickt man auf die "väterliche Erbverteilung" vom Jahre 1800, so kann man gut erkennen, dass Mathias Lommer ein Enkel der Anna Maria Schötz gewesen ist und das Haus und die Webergerechtigkeit damit in der Familie bleiben.
StA Landshut Rentamt Kötzting B 28 Umschreibeheft

"Den 11. August 1838 hat Anna Maria Schötz Burgerswittwe in Kötzting an Mathias Lommer von Böhmisch Eisenstein ihr ludeigenes Burgersanwesen aldort nämlich:
die Behausung mit Stadl und Stall
den Gemeinde-Antheil von der Herrenwiese, Wiese
den Gemeinde- Antheil im Galgenberg, Acker
den kleinen Lehmgassenacker
das Ackerl in der Lehmgassse
um 900 fl ohne sonstige Änderungen übergeben."
Fast 16 1/2 Gulden kostet Mathias Lommer mittlerweile das Kötztinger Bürgerrecht als Häusler, das er im selben Jahre noch erwerben kann.
1841 wird in Bayern der Grundsteuerkataster errichtet und das Haus erhält nun seine endgültige Hausnummer - 114- .
StA Landshut Grundsteuerkataster 5039

"Hausnummer 114 in Kötzting beim Weber Mathias Lommer
Das Haus mit realer Webergerechtsame
Gebäude: Wohnhaus, Stall und STadl aneinander, dann kleiner Hofraum
Garten: Wurzgarten beim Haus
Gemeinderecht: zu ganzem Nutzantheil an den noch unvertheilten Gemeindebesitzungen.
Acker: PlNr. 955a auf dem Galgenberg - 955 182 auf dem Galgenberg beide kultiviert im Jahre 1803
Wiese: PlNr. 955b auf dem Galgenberg
walzende Grundstücke: Acker PlNr. 569 auf dem Schusterbergl an der Leimgasse
Wiese: PlNr 570 auf dem Schusterbergl an der Leimgasse
Auswärtig walzender Besitz:
siehe Steuergemeinde Grafenwiesen
(die Familie hatte ein Waldgrundstück im Watzlholz) und Arndorf

Im Jahr drauf wurde ein sogenannter Mieterkataster erstellt und dieser lässt einen genaueren Blick auf das Wohngebäude zu:
StA Landshut Grundsteuerkataster 5045
"Mathias Lommer, Weber /:Hauseigenthümer
1, Hauptgebäude
Unter der Erde: 1 Keller
I: 1 Wohnzimmer, 1 Kammer, 1 Küche, 1 Stallung, 1 Futterboden mit Dreschthenne, und Antheil vom Hausboden unterm Dach
Handzeichen "X" des Mathias Lommer

2. Joseph Altmann Inwohner /:Miether
I. 1 Wohnzimmer, 1 Kammer und Bodenantheil unterm Dach
Unterschrift: Joseph Altman"


Im Jahre 1843 muss sich Mathias Lommer zusammen mit einem anderen Nachbarn - Leonhard Mittermaier (Schlossgärtner Hardl)  vor dem Kötztinger Vergleichsamt stellen, es geht - übrigens wie auch Jahrzehnte später erneut mit anderen Nachbarn - um das Problem der oberirdischen Wasserableitung in dem hängigen Gelände.
"23. Juni 1843: Xaver Henneberger Buchbinder zu K beklagt  heute 
1. den Leonhard Mittermeier Bürger und
2. den Matthias Lommer Webermeister v K deshalb weil  die Beklagten das Regen- und Gießwasser von seinem bisherigen Wasserverlaufe weg leiten und solches gegen sein neuerbautes Wohnhaus hinleiten, wodurch ihm an dem Gemäuer Schaden zugeht und bittet derselbe um Abstellung dieses Unfuges. Die Beklagten erinnern dagegen, dass sie an dem bisherigen Laufe des Wassers eine Änderung  nicht vorgenommen haben und somit sie den Kläger keinen Schaden zufügen können. Auf amtliches Zureden endlich kommen die Teile dahin überein dass der bisherige Wasserlauf beibehalten und jede Neuerung an diesem Gießwasserlaufe vermieden werde wogegen Henneberger verbindlich macht den Wassergraben zu reinigen und zu unterhalten,
"
Der Buchbinder Xaver Henneberger hatte kurz zuvor unter der späteren Hausnummer 120a im Bereich des heutigen Pfeffergraben seinen gemauerten Neubau errichtet.
Am 17.11.1864 war die Weberin Anna Maria Lommer an Hydrops verstorben im Alter von 59 Jahren.
Mathias Lommer verstarb als "Spitalpfündtner" mit 79 Jahren erst am 24.3.1872 an Altersschwäche.

Lommer Joseph und Schnitzbauer Rosina


Am 26.11.1866 heiratet Joseph Lommer, der Sohn des Mathias und der Anna Maria, die Zwieseler Nagelschmiedstochter Rosina Schnitzbauer und weniger als ein halbes Jahr danach brach die Katastrophe über das junge Paar herein. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni brach in der Marktstraße - im Anwesen, in dem bis vor Jahren der Gasthof Dreger gewesen war - in einem rückwärtigen Gebäude aus Nachlässigkeit ein Bran aus, der sich blitzartig bis hinauf zum heutigen alten Friedhof und hinunter bis zur heutigen Kreuzung Bahnhofstraße/Holzapfelstraße ausbreitete und alles dazwischen in Schutt und Asche legte. Viele weitere Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden ebenfalls beschädigt. Das vollständig aus Holz errichtete Haus der Webersfamilie Lommer wurde bis auf den Grund verbrannt.
StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570 der Marktbrand in Kötzting

HsNr. 114 Lommer Josef, Weber
Die Beschreibung des Gebäudes vor dem Brande vide Protokoll sub Nro XXXV
Befund:
ad 1) dieses Gebäude ist bis auf den Grund niedergebrannt, jedoch zeigen sich einzelne Futtermauerreste welche die Schwellen theilweise unterstützten. Schaden total
ad 2) Auch dieses Gebäude ist bis auf den Grund niedergebrannt. Schaden Total
(versicherte) Schadenssumme 300 Gulden

Nun also weiter zur Zustandsbeschreibung vor dem Brande: 

"XXXV
Lommer Joseph, Häusler und Weber
1. Das einstöckige Wohnhaus am Pfeffergraben von Holz erbaut u. mit Legschindelbedachung versehen gewesen.
2. Der einstöckige angebaute Stadel mit Stallung, ersterer mit Bretterumfassung bestanden, letzterer von Bruchstein aufgeführt u. beide Gebäulichkeiten mit einem Legschindeldache versehen gewesen.
Das Resultat der Besichtigung  u. Schadenserhebung vide Tab U sub Nr. 9
Unterschrift Josef Lomer"
Auf dem folgenden Ausschnitt kann man das verheerende Ausmaß des Brandes im Bereich des heutigen Pfeffergrabens erkennen.

Und so radikal wurde nach dem Brand der Straßenzuschnitt in diesem Bereich verändert. Da mit ganz wenigen Ausnahmen die Häuser in diesem Bereich alle aus Holz gebaut gewesen waren, konnte dies auch sehr relativ einfach vom "Reißbrett" in die Wirklichkeit übertragen werden.

StadtA Kötzting AA V 84 1867 Plan nach dem Marktbrand Straßennamen

Die heutige Holzapfelstraße wurde nun als Schulhaus-Straße umbenannt, der damalige Pfeffergraben verschwand komplett, er wurde ersetzt durch das schmale Schulhausgasserl. Der heutige Pfeffergraben hieß Pfeffergrabengasserl und die heutige untere Marktstraße war damals die Chamer Straße.

Im Umschreibebuch des Jahres ab 1860 kann man erkennen, dass ein sehr häufiger Besitzwechsel eingetreten ist.
StA Landshut Grundsteuerkataster 5060




Es sieht sogar so aus,  dass Lommer Josef - ein Josef Lommer ist später als Taglöhner in Kötzting aktenkundig und der Vater verstarb ja 1872 verarmt als Spitalpfriemdter - das Haus gar nicht mehr aufgebaut hat, sondern direkt die Brandstätte veräußert hat, denn im Datenblatt kann man erkennen, dass dem Nachfolger Anton Dimpfl das Grundstück am 7. Juli 1868 verbrieft worden ist.

Dimpfl Anton  und Filomena Haselsteiner



StA Landshut Grundsteuerkataster 5050

Durch die neue Wegeführung zusammen mit den neu errichteten Häusern ergaben sich dann aber auch Probleme in den hängigen Gelände, weil sich damit auch alte Wegerechte und Wasserabflussmöglichkeiten verändert hatten.

Im Jahre 1872, also nach dem Neuzuschnitt der Kötztinger Straßen v.a. in dem Bereich des Pfeffergraben und der heutigen Holzapfelstraße  kommt es zu einem Nachbarschaftsstreit  wegen all dieser Problemfelder

Hier zur Erläuterung des Streits die jeweiligen Hausbesitzer zu der Zeit
Probst auf der 113(b)
Dimpfl auf 114
Fink auf 115


20. Dezember 1872: Erscheint der Flößer Josef Fink und erklärt: Wegen der Fahrt von meinem Hause hinter dem meines Nachbarn Dimpfl weg, welche mir letzterer verwehrt verlange ich Augenschein durch eine magistratische Commission, um sodann eventuell Klage stellen zu können.
Augenschein Protokoll: Der vorgenommene Augenschein ergab folgendes. Hinter dem Hause des Fink und Dimpfl zieht sich gegen das Anwesen des Probst zu ein schmaler, ferner an die Straße angrenzenden Platz hin, welcher jeder der genannten Anwesen als Ab- bzw. Zufahrt dient.
Dimpfl hat auf seinen Platz einen Düngerhaufen aufgelegt, welche die Ab- und Zufahrt zu Fink hindert. Die Frage, ob diese Düngelagerung gestattet werden kann, soll im Vergleichswege gelöst werden und soll deshalb  ein Sühneversuch anberaumt werden. 

16. Jänner 1873: Erscheint Herr Anton Dimpfl, Hutmacher dahier und erklärt: zwischen meinem und dem Hause des Probst läuft das Wasser von oben herab durch und über meinen Grund der abhängige Lage gemäß auf jenen des Probst. Letzterer vermacht nun den Abfluss des Wassers, so dass Letzteres auf meinem Grund stehen bleiben muss. Aber nicht genug damit, wirft er einen förmlichen Wall auf, unterminiert meinen Zaun,  schlägt Pfeiler u dgl ein , kurz geriert sich, als ob ich gerade mit mir tun müsste lassen was er wollte.
Ich bitte nun dringend um Augenscheinnahme, da ich , wenn heute Regenwetter eintritt, vom Wasser geradezu überschwemmt werde. Ich bemerke hierbei, dass das Ganze lediglich nur aus Bosheit drüben geschieht,  weil ich mit seinem Schwager Fink wegen einer Fahrt in Differenzen bin. Es kam trotz großer Bemühungen kein Vergleich zustande. 

2. Juni 1874: Erscheint Binder Probst und erklärt: Beim Vergleiche am 20. Januar 1873 wurde bestimmt, dass Dimpfl einen Kanal zum Abfluss seines Wassers herstellen lassen muss. Dieses ist bis jetzt noch nicht geschehen und ich habe immer das Wasser im Hofe, auch läuft dasselbe in den Brunnen. Ich ersuche nun, den Dimpfl nochmal aufzufordern, ob er den Kanal herstellen will oder nicht. Außerdem bin ich gezwungen die Sache weiter zu verfolgen. -

9. Juni 1874: Herr Dimpfl erklärt: Nach dem schriftlich am 20. 1. 73 vor dem Vermittlungsamte abgeschlossenen Vergleiche habe ich lediglich mein Hauswasser abzuleiten, was auch geschehen ist. Ich habe eine Rinne anbringen lassen, nun läuft das Wasser neben meinem Hause vorüber rückwärts in den Straßengraben.
Dagegen kommt vom Schulhause her bei starken Regen viel Wasser, weil die Schulgemeinde den Kanal noch nicht hergestellt hat, wie dieses im Protokoll vom 20. 1. 73 bestimmt ist. Dieses Wasser läuft natürlich hin wo es will und kann ich nicht dafür, wenn  dieses Wasser zum Probst läuft, er muss Klage gegen den Magistrat als Schulverwaltung einreichen.  

Im Umschreibeheft finden sich unter dem Jahre 1869 gleich drei bemerkenswerte Einträge zum Hutmacher Anton Dimpfl:

10.3.1869: „Dimpfl Anton und dessen Braut Leßzkeur Josefa >>> Ehevertrag“
8.4.1869: „Nun Rücktrittehevertrag“
19.8.1869: „Dimpfl Anton und dessen 2. Braut Tischner Philomena mit Ehevertrag“

Was es mit dem letzten Eintrag auf sich hat, lässt sich verhältnismäßig leicht klären:
Am 1. September 1869 heirateten der Hutmacher Anton Dimpfl, Sohn des Metzgers Johann Dimpfl und dessen Ehefrau Barbara, geborene Koller, und die Mesnerstochter Filomena Haselsteiner aus Weißenregen, eine verwitwete Tischner.

Rätselhaft bleibt dagegen der erste Eintrag mit der „Josefa Leßzkeur“ beziehungsweise „Leszkier“ in ihren verschiedenen Schreibweisen. 
Für eine solche Frau findet sich weder ein Sterbeeintrag, der ein plötzliches Unglück erklären könnte, noch ein passender Heiratseintrag. Auch die später im Jahre 1907 heiratende Josepha Leszkier dürfte mit der geplatzten Verbindung von 1869 kaum identisch sein.
Interessant ist allerdings ein Hinweis aus einem Taufeintrag: Bei der Geburt dieser jüngeren Josepha Leszkier im Jahre 1886 in Kötzting erscheint als Taufpatin eine „Josepha Leßzkier, Pfarrhaushälterin in Blaibach“.
Damit verdichtet sich der Eindruck, dass hinter dem „Rücktrittehevertrag“ wohl weniger ein Schicksalsschlag als vielmehr ein persönlicher Entschluss stand. Offenbar wurde die bereits vertraglich vorbereitete Hochzeit zwischen Anton Dimpfl und Josepha Leßzkier noch vor der Trauung wieder aufgehoben — ein Vorgang, der zwar selten auftaucht, aber eben doch vorkam.
Was es nicht alles gibt.

Am 9.9.1869 jedenfalls bezahlte der Hutmacher Anton Dimpfl 24 Gulden das Kötztinger Bürgerrecht. und wird im Kötztinger Gewerberegister als Hutmacher eingetragen mit dem Zusatz: "will das Geschäft ohne Gesellen betreiben, ohne Laden"
In einem Bauantrag eines seiner Nachbarn ist im Jahre 1884 oben rechts - vlt nur schwer zu lesen - das Haus des " Schuhmachers Dimpfl" eingetragen

StA Landshut Rep 162-8  Sch. 21 Nr.  3141 Lang Josef 1884


Der Name "Dimpfl" hat natürlich in Kötzting einen besonderen Klang (Siehe die Häuserchroniken der alten Hausnummern 22 und 24)  und es war schon interessant, herauszufinden, ob zu diesem Familienzweig eine Verbindung besteht.
Als im Jahre 1888 eine Frau Babette Mühlbauer - Gastwirtswitwe in Kötzting und in erster Ehe verheiratete Dimpfl - verstirbt befinden sich unter ihren Erben auch "unser" Anton Dimpfl

StA Landshut Rep 166N-12 Schachtel 31 Nr. 60 Dimpfl Babette von 1888
"Babette DImpfl - 65 Jahre 8 MOnate - Gastwirts und Metzgermeisterswitwe - verwitwet - am 14.Juni 1888 nachmittags 4 1/2 Uhr - in Kötzting im Haus Nummer 116, sonst wohnhaft in Kötzting Hausnummer 24."

Zu den erbenden Kindern:
Mühlbauer Anna Gastwirtin in Weißenregen
Anton Dimpfl, Hutmacher hier,
Johann Dimpfl, Bezirksamtsschreiber
Babette Dimpfl, ledig hier
Heinrich Dimpfl, Gastwirt in Aschaffenburg
Xaver Dimpfl, Gastwirt in München
Kathi Dimpfl, Tochter de verstorbenen gg Dimpfl dahier, minderjährig: Vormund Anton Dimpfl, Hutmacher dahier


Decker Franz Paul


Der nächste Besitzübergang verlief lt Umschreibeheft über eine Versteigerung des Besitzes und der neue Eigentümer wird im Dezember 1884 Franz Paul Decker. Ein fast identischer Lageplan eines Bauantrages wie kurz zuvor,  nur eben jetzt im Jahre 1885, zeigt uns den neuen Besitzer.
StA Landshut Rep 162-8  Sch. 21 Nr.  3151 Haas Anton Neubau Fassade

Die genauere sehr umfangreiche Geschichte, Herkunft des Franz Paul Decker kann in der Häuserchronik der alten Hausnummer 96 - früheres Kaufhaus Gartner - nachgelesen werden.
Dieses Haus war das eigentliche Stammhaus der Decker-Familie, auch wenn "der Decker" später zum Hausnamen des Hauses am Marktplatz geworden ist.

Es ging munter weiter mit dem Besitzerwechsel:

Am 31.8.1885 werden Breu Josef und Katharina durch Kauf die neuen Besitzer, danach folgen am 222.6.1891 Ehrle Johann Baptist und wenige Monate später am 11.10.1894 das Ehepaar Alois und Barbara Steininger, die das Haus ein halbes Jahr später an Theres Straßer verkaufen.
Als letzte Besitzerin im Umschreibeheft steht dann eine Vogl Franziska, die am 28.11.1896 das Haus gekauft hat.

Die Lücke dieser munteren Käufe und Verkäufe lässt sich nicht vollständig schließen, aber aus dem Jahre 1922 gibt es einen Bauakt, der uns einen schönen Blick auf das Haus gewährt, wie es damals von einem Holzhändler Franz Dattler gebaut wurde.

Franz Dattler


StA Landshut Rep 162-8 Sch. 25 Nr. 3593 Michael Dattler Wohnhaus 1922 Hanr 114




Der Bauplan wurde damals vom Kötztinger Techniker Weininger entworfen.

Fotos gibt es nur wenige, die uns eine gewisse Bauentwicklung des Gebäudes zeigen können. In den 80er Jahren wurde - im Zusammenhang mit den geplanten Sanierungen der Straßen in der Stadt die Holzapfelstraße systematisch abfotografiert.... allerdings wohl nur mit einer minderwertigen Ausrüstung und ohne die Negative aufzuheben. Ein Scan von den Bilderabzügen ist idR eher schwach in der Auflösung.
Sammlung Stadt Bad Kötzting

Von Josef Barth sen. haben wir eine Bilderserie in unserer Sammlung, die dieser von seinem Schlachthaus - zwei Häuser weiter oben und heutzutage das Wohnhaus des Michael Irlbeck gleich bei der Einfahrt zum neuen Parkhaus - gemacht hat und im Hintergrund das Haus mit abgebildet hat.
Foto Josef Barth sen.


DIA-Repro 3044 das Schulgasserl mit der Rückseite des Gebäudes

DIA-Repro 3402 

Und dann möchte ich nicht unterlassen, eine wichtige Person zu erwähnen, die in diesem Hause gewohnt hat, den Kötztinger Wasserwart Sepp Schedlbauer:
DIA-Repro 2149



Detail aus: Luftaufnahmen Serwuschok: hier das ganze Ensemble, sicherlich ein kleines Kötztinger Idyll in Ruhe und Beschaulichkeit



Auch vom Architekten Siegi Wild gibt es eine Aufnahmenserie, die dieser im Zusammenhang mit mehreren Straßenausbauprojekten gemacht hat und darauf findet sich auch diese Aufnahme der Holzapfelstraße:



Und zum Abschluss noch einmal eine Aufnahme in Bewegung, als zu Anfang der 80er Jahre der Kötztinger Burschenverein in Zusammenarbeit mit dem Trachtenverein damals noch händisch den Kötztinger Maibaum aufgestellt hat und diesen die Holzapfelstraße herauftransportiert hat.
Auch hier ist aber leider das Haus nur als Kulisse im Hintrergrund zu erkennen.


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
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🔎 Wer diesen Beitrag dort wiederfinden möchte, muss ein wenig suchen:
Er verbirgt sich in der Markergruppe Kötztinger Häuserchronik 

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Dienstag, 23. Juni 2026

Kötzting im Jahre 1926 eine Jahresschronik

 1926


Die Kötztinger Suppenanstalt
Das Kraftwerk am Höllensteinsee wird eröffnet
Der - vergebliche - Kampf um die Zellertalbahn beginnt   
Das Pfingstfest des Jahres 1926
Das Gauturnfest im Juni   
Die - politische - Sonnwendfeier des Kötztinger Heimat= und Königsbundes  
das neue Schützenheim - der Bericht folgt
Der große Heimattag mit Volksfest im August - der Bericht folgt
Der Weiß-Blaue Tag und der Leserbriefstreit mit Cham - der Bericht folgt


Das Jahr 1926 hatte für Kötzting und seine Bürger sehr viel zu bieten. (Das Pfingstfest von 1926 wurde ja bereits separat behandelt). Ein Blick in die damaligen Ausgaben des Kötztinger Anzeigers zeigt eine Marktgemeinde voller Leben, neuer Ideen und großer Feierlichkeiten.
Die folgenden Berichte stammen sämtlich aus dem Kötztinger Anzeiger, der seit 1899 dreimal wöchentlich erschien und damals die einzige Zeitung Kötztings war. Bis auf wenige Fehljahrgänge haben sich die Ausgaben heute nahezu vollständig in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten. Neben kleinen Neuerungen und alltäglichen Nachrichten sorgten im Sommer  1926 gleich zwei weiter große und überregional beachtete Veranstaltungen dafür, dass in Kötzting außergewöhnlich viel Betrieb herrschte:
Da war zum ersten das große Gauturnfest im Juni und im August der große Heimattag verbunden mit einem Volksfest und sogar einem Kinderfestzug.
Diese Ereignisse zeigen eindrucksvoll, wie lebendig das gesellschaftliche Leben in Kötzting vor genau 100 Jahren gewesen ist – zwischen Heimatverbundenheit, religiöser Tradition und bayerischem Selbstbewusstsein.

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Chroniken  Diese Jahreschronik ist zum Beispiel in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken zu finden.



Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.

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Die Suppenanstalt



 Warme Suppe gegen Hunger und Kälte
die Kötztinger Suppenanstalt von 1925/26

Foto Josef Bock - Kinderfestzug in den 60ern mit dem Alten Rathaus im Hintergrund


Wenn heute über Schulverpflegung oder Ganztagsbetreuung diskutiert wird, gerät leicht in Vergessenheit, unter welchen Bedingungen viele Kinder noch vor einhundert Jahren aufwuchsen. Ein Bericht aus dem Januar 1926 gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensverhältnisse zahlreicher Familien im Kötztinger Land und zeigt zugleich ein bemerkenswertes Beispiel bürgerschaftlicher Solidarität.
Bereits am 6. Dezember 1925 hatte die Gemeinde Kötzting im Rathaus eine Suppenanstalt eingerichtet. Dort wurden täglich mittags etwa 80 Kinder kostenlos mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Auf den Tisch kam eine kräftige Fleischsuppe, in die Grieß, Reis oder ähnliche Zutaten eingekocht wurden. Auch besser situierte Einwohner konnten Suppe erhalten, mussten dafür allerdings ein geringes Entgelt bezahlen. Finanziert wurde die Einrichtung überwiegend durch freiwillige Spenden. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehr als 500 Mark zusammen – ein beachtlicher Betrag in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Lage vieler Menschen alles andere als einfach war. Zusätzlich unterstützte der Marktgemeinderat die Aktion mit einem erheblichen Geldbetrag.

Wie groß der Bedarf tatsächlich war, zeigte sich bereits in den ersten Tagen. Während der ersten Woche konnte jeder kostenlos Suppe erhalten, woraufhin täglich zwischen 200 und 250 Personen zur Ausgabe erschienen. Um die vorhandenen Mittel nicht zu rasch aufzubrauchen, wurde die unentgeltliche Verpflegung deshalb schon bald auf die wirklich bedürftigen Kinder beschränkt. Besonders betroffen waren die Schulkinder aus den umliegenden Dörfern und Einöden. Allein aus Arndorf nahmen 42 Kinder an der Speisung teil, aus Haus weitere 22. Viele von ihnen hatten einen langen Schulweg. Bis zu zwei Stunden mussten sie täglich zu Fuß zurücklegen – morgens hin und nachmittags wieder zurück. Im Winter bedeutete dies oft einen Marsch durch Schnee und Kälte.
Der Bericht schildert die Verhältnisse eindringlich: Viele Kinder verließen bereits gegen sechs Uhr morgens ihr Elternhaus und kehrten erst gegen vier Uhr nachmittags zurück. In dieser Zeit bekamen sie häufig nichts Warmes zu essen. Ein Stück Brot oder einige Kartoffeln mussten als Mittagessen genügen. In manchen Familien warteten nach der Rückkehr lediglich kalte Kartoffeln oder erkaltete Rüben auf die Kinder.
Umso größer war die Bedeutung einer warmen Mahlzeit in der Mitte des Tages. Nach knapp einem Monat Betrieb konnten bereits erste Erfolge festgestellt werden. Der Leiter der Volksschule, Hauptlehrer Möcklein, berichtete von einem außergewöhnlich guten Schulbesuch – selbst während der strengsten Kälteperiode. Nach seiner Beobachtung waren die Kinder im Nachmittagsunterricht deutlich aufmerksamer und beteiligten sich sogar am Vormittag eifriger, weil sie sich bereits auf die warme Suppe freuten.
Der Zeitungsbericht endet mit einer Beobachtung, die vielleicht mehr aussagt als alle Zahlen. Wer die leuchtenden Gesichter der Kinder gesehen habe, wenn die dampfenden Suppenteller hereingetragen wurden, der könne die Bedeutung dieser Einrichtung erst richtig verstehen.

Heute erinnert die Kötztinger Suppenanstalt daran, wie entbehrungsreich das Leben vieler Familien noch in den 1920er Jahren war. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass Notzeiten oft Kräfte der Solidarität freisetzen. Die Unterstützung durch Bürger, Beamte und Gemeinde machte es möglich, hunderten Kindern wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu geben – ein kleines Stück Fürsorge, das für viele von ihnen einen spürbaren Unterschied machte.

Im Oktober 1926 entschied der Marktgemeinderat die Einrichtung erneut anzubieten und forderte die die Kötztinger Bevölkerung auf, diese finanziell zu unterstützen.

Mit dem Kötztinger Männergsangs- und Orchesterverein und einer Vielzahl von Solistinnen und Theaterspielern war es vor 100 Jahren möglich, aus eigener Kraft mehrmals im Jahr große Produktionen anzubieten.


Von dieser Aufführung gibt es sogar einen eher humoristischen im Kötztinger Anzeiger, der hier im Original dokumentiert, wie und worüber sich  unsere Vorfahren so amüsieren konnten:

Einschub:

Aus heutiger Sicht wirkt die Glosse stellenweise erstaunlich respektlos, ja sogar verletzend. Der Verfasser macht sich nicht nur über die Bühnenhandlung lustig, sondern auch über Personen im Zuschauerraum. Besonders auffällig ist die Schilderung der „dicken älteren Frau“ hinter ihm, die später sogar zur „fetten Nachbarin“ wird, deren „Fettbauch“ beim Lachen „schwapple“. Eine solche Beschreibung würde heute kaum noch veröffentlicht werden, ohne Kritik hervorzurufen. Sie verletzt moderne Vorstellungen von Höflichkeit, Privatsphäre und Respekt gegenüber dem Äußeren anderer Menschen.

Man sollte den Text allerdings nicht vorschnell mit heutigen Maßstäben verurteilen. Er stammt aus einer Zeit, in der Zeitungen oft wesentlich persönlicher, bissiger und direkter formulierten als heute. Gerade in lokalen Blättern fanden sich regelmäßig satirische Glossen, die von Überzeichnungen, Spott und bewusst groben Bildern lebten. Der Verfasser schreibt nicht als objektiver Theaterkritiker, sondern als humorvoller Beobachter des Geschehens im Saal. Seine Nachbarin wird dabei zu einer literarischen Figur, deren Lachen die ausgelassene Stimmung des Abends symbolisieren soll.

Dennoch offenbart der Text auch gesellschaftliche Vorstellungen der 1920er Jahre. Frauen werden fast ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt: Die Schauspielerinnen sind „rotbackig“, „frisch“ und „zum Anbeißen“, während die Zuschauerin wegen ihrer Körperfülle verspottet wird. Männer erscheinen dagegen als handelnde Personen, Schauspieler oder Beobachter. Der Autor bewegt sich damit ganz selbstverständlich in den Geschlechterbildern seiner Zeit.

Bemerkenswert ist außerdem der selbstironische Ton. Der Verfasser macht sich nicht nur über andere lustig, sondern auch über sich selbst. Er gesteht offen ein, die jungen Darstellerinnen bewundert zu haben, und schildert scherzhaft die Kontrolle durch seine Ehefrau. Dadurch wird die Glosse weniger bösartig, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Ihr Ziel ist weniger die Herabsetzung einzelner Personen als die humorvolle Beschreibung eines vergnügten Theaterabends.

Für den Historiker ist der Text deshalb besonders interessant: Er erzählt nicht nur etwas über die Aufführung von „Mizzi und Muzzi“, sondern vor allem darüber, worüber man im Kötzting der 1920er Jahre lachte, welche Witze als gesellschaftlich akzeptabel galten und wie ungezwungen Journalisten damals über ihre Mitmenschen schreiben konnten. Gerade die heute befremdlichen Passagen machen den Quellenwert des Textes aus, weil sie einen unverstellten Blick auf Mentalitäten und Umgangsformen jener Zeit ermöglichen.

Einschub Ende


"Vermischte Nachrichten

Kötzting, 4. Jan. (Mizzi — Muzzi; eine große Schweinerei! So kam das Stück zur Aufführung, unter dem Zauberschleier der Töne eines sehr passend besetzten Orchesters mit Reinheit, Feinheit und sicherem Takt. Unsittlich wurde es gebrandmarkt, ich weiß nicht warum? Ja eine große Schweinerei wäre es beinahe entstanden. Die dicke ältere Frau hinter mir hat nämlich über den Xaverl furchtbar gelacht und auf einmal hat sie zu ihrer linken Freundin hinübergeredet: „Schaug— hi — da — da Xa — Xa — verl — — Pe — pi — i koos nim — ma — ma — ha — halt'n!“
In der Pause hab' ich dann unauffällig hinter meinen Stuhl hingeschaut — aber es war noch keine Schweinerei! Oder war das Stück deshalb eine Schweinerei, weil die Mizzi und die Muzi und die anderen Madeln so rotbackig und frisch ins Bühnenlicht geschaut, so sittsam den Reigen getanzt bei glöckerlhellem Gesang? Keine war unkeusch, aber alle zum Anbeißen!

Mein Freund hat es auch gesagt: „Du — schad, dass ma voheirat san!“ Meine Frau hat dies aufgeschnappt und das Verlangen meines Gesichtes überprüft.
Als der Kunstmaler Lug aber gleich darauf mit seiner molligen Schar zum Reigen einsetzte, war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Brettern und ich konnte meine Augen auch wieder ungehört auf die Weide treiben, zu den hüpfenden Geißlein: Mizzi — Muzzi — Susi — Vroni — Toni — Mali — Hanny — Cilli — Tilli — Zenzi — Leni mit ihrem überglücklichen Hüter Kunstmaler Lug.

Ein älteres, studiertes Beamtenherz ließ sich unter den Zuschauern sogar aus seinem versteinerten Ernste aufrütteln. Als die frohe Jugendschar durch seine Hornbrille Einzug hielt in Hirn und Brust, da stöhnte er leise für sich die auf der Schulbank gelernten Goethes-Worte: „Welch reicher Himmel, Stern an Stern, wer nennt die Namen?“
Wahrscheinlich hat der alte Schwerenöter noch manch andere unerlaubte Gedanken entfaltet. Und wenn es wirklich so gewesen wäre — noch bei diesem und jenem im weiten Saal — der Xaverl hat sie sicher alle auf harmlose Bahnen abgelenkt. Wenn du, lieber Leser, den Xaverl noch nicht kennst, dann schau dir ihn heute Mittwoch in der Abendvorstellung an — dann hat´s di! 
Dr. Fritz Brandenfeld — Dich möchte ich hier schon öffentlich fragen: „Hast du bei deiner gespielten Eifersucht nicht ein klein wenig eine echte gehabt?“ Der treffliche Spieler ist zwar verheiratet und wir Ehemänner wissen alle von uns, dass wir konsequente Weiberfeinde sind, aber es gibt auch manchmal Rückfälle in den Urzustand. Brandenfeld hat sicher bei seinem langen Junggesellentum manchmal an jener Krankheit gelitten, sonst hätte er diese sicher nicht so lebenswahr auf der Bühne in Pose gebracht.
Und dann die zwei kleinen Persönchen der Nebenrolle: Sieglinde Hupfauf (Sprechrolle), Hansi Hupfauf, ihr Sohn (Sprechrolle) habe ich meine Frau noch eben aus dem Zettel lesen hören, da rollten schon ohrenbetäubende Lachsalven durch den Saal. Darin ersoffen Schreie aus allen Richtungen des brüllenden Raumes: „Meintse Leit - meintse Leit — meintse Leit!“.
Meine fette Nachbarin brachte es fast nicht mehr heraus. Als ich ihren Fettbauch schwappeln sah vor Lachen, wurde es mir klar, dass sie mir die zwei Flöhe aufgesprengt hatte und ich habe ihr dies in der Freude des Ereignisses verziehen. Zu rasch fiel der schwere Bühnenvorhang vor der trefflich spielenden Schar.
Ja fröhliche Stunden währen immer zu kurz! Die uns aber die Freude gemacht, denen dankte es nicht der geringe Beitrag, eine Spende für den Kötztinger Kriegerverein, sondern der überfüllte, von Freude hallende Saal im Zeichen der Mizzi und Muzzi. 


Zwei Ankündigungen ließen die Kötztinger bereits im Februar aufhorchen:
Der Turnverein startete ins neue Jahr mit seinen Turnübungen in der neuen Halle und kündigte dabei das große Gauturnfest für den Juni an und im Reichstag in Berlin war die Entscheidung gefallen, den Ausbau der Eisenbahnstrecke Zwiesel-Bodenmais anzugehen, eine Nachricht, die im Anschluss für brisante aber hochinteressante "Entscheidungen" vor Ort sorgte und hier später in einer eigenen Rubrik  behandelt werden wird.

Ebenfalls im Februar 1926 wandte sich das katholische Pfarramt Kötzting an seine "Schäfchen", um diese vor den verderblichen Schriften der "Ernsten Bibelforscher" zu warnen. Auch dies ist eine Zeichen dafür, wie tendenziös damals bei manchen Zeitungsartikeln einer Zeitung berichtet wurde

Kötzting, 6. Febr. Gegenwärtig wird die Umgebung Kötztings von Agenten der adventistischen Sekte der „Ernsten Bibelforscher“ bearbeitet. Täglich ziehen sie aus, um ihre adventistischen Bibeln und andere Schriften dieser irregläubigen Sekte unter das katholische Volk zu werfen. 
Darum Katholiken obacht!
Das Kaufen, Lesen oder Aufbewahren irregläubiger Bücher und Schriften ist ja schwere Sünde und mit kirchlichen Strafen belegt. Wenn ein Arzt von irgend etwas sagt: „Das ist Gift!“ so glaubt du ihm und lässest die Hand von dem Gifte. Wenn deine Kirche dir sagt: „Irrgläubige Bücher und Schriften sind Gift für deine Seele“, so glaube auch das der unfehlbaren Kirche und lasse die Hand von dem Gifte!
Kommt darum in ein Haus ein Kolporteur mit Büchern oder Schriften religiösen Inhalts, dann schauet, ob die Bücher vorne, auf einem der ersten Blätter, eine bischöfliche Druckerlaubnis aufweisen. Haben sie eine solche nicht — adventistische Bücher sind meist in Hamburg gedruckt — dann weiset den Agenten die Türe und zwar energisch! Suchen sie diese Bücher gar als katholische Bücher euch aufzuschwätzen, dann zeiget diese Kolporteure sofort bei der Gendarmerie wegen Betrugsversuches an. Machet auch sogleich euren Seelsorger aufmerksam, wenn ein Agent mit solchen Schriften zu euch kommt.
Nur entschiedene Abwehr kann uns von dieser adventistischen Landplage befreien.


Weitere Raritäten vom Frühjahr 1926:

Ein Fräulein Zenzl Neuberger aus Reitenstein wollte sich vor ihrer Auswanderung nach Nordamerika von all ihren Freunden und Bekannten verabschieden:


Ein Ausdruck, den ich vorher noch nie gehört hatte: Kirmweiber.
Darunter versteht man offensichtlich Frauen, die mit großen Buckelkörben - Kirmen - in den Wald gingen und dort unerlaubt Zweige oder Blätter einsammelten.

KA vom März 1926

KA vom April 1926

Noch ein kleines Rätsel: der "Altregen"

Ich vermute mal - zwischen den Zeilen des folgenden Artikels gelesen - dass es sich dabei um einen Altarm des Weißen Regenflusses gehandelt hat, der offen als Schuttabladeplatz benutzt wurde.




Eine mir bis dahin unbekannte Kötztinger Schützen=Gesellschaft: die Zimmerstutzen=Schützen=Gesellschaft=Klosterschmiede lud für den Josefi Tag zu einem Sau=Schießen.





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Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden.

 




Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

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Das Phantom der Zellertalbahn


Die Entscheidung für die Bahnlinie Bodenmais–Zwiesel entfachte im Zellertal große Erwartungen. Viele Einwohner waren überzeugt, dass nun auch der Bau einer „Zellertalbahn“ nur noch eine Frage der Zeit sei. Die Euphorie ging sogar so weit, dass sich die Zellertaler, angeführt vom Handwerksverein Arnbruck, vom Bezirk Viechtach lösen und dem Bezirk Kötzting anschließen wollten.
Der folgende politische und wirtschaftliche Schlagabtausch der Befürworter und Gegner endete zwar mit dem Bau der Strecke Blaibach–Viechtach, doch die Idee einer Zellertalbahn blieb lebendig. Noch Jahrzehnte später, bis weit in die 1950er Jahre, kämpften Kötztinger und Zellertaler für ihre Bahnverbindung.
Der konkrete zeitliche Anlass war jedoch die abschließenden Verhandlungen über eine  regelmäßigen Busverbindung Bodenmais - Kötzting. Der Markt Kötzting wollte diese Busverbindung organisieren - eine vorherige Buslinie Kötzting-Viechtach war eingestellt und eine Wiedereinführung 1925 abgelehnt worden - und kämpfte seit dem Jahre 1925 mit der Regensburger Oberpostdirektion um die Betriebserlaubnis.  Mit dem neuen Bahnprojekt im Hintergrund bekam nun auch diese Buslinie neuen Aufschub und wurde vor Ort von den Arnbruckern und den Kötztingern massiv angeschoben.

Nachvollziehbar ist dabei sicherlich die Argumentation der natürlichen Anbindung des Zellertals an den Raum Kötzting, wie in einem ersten Artikel im April 1926 anklingt.: " Der Grund zu obengenannten Verlangen besteht darin, dass erstens die nun kommende Autoverbindung es jeden einzelnen ermöglicht, auf leichte Weiße nach Kötzting zu kommen, während dieses nach Viechtach nicht möglich ist und besonders alte Personen nur mit großen Kosten (für Fuhrwerk) dahingelangen können und zweitens sind wir geographisch immer mit Kötzting verbunden, denn unsere Produkte wandern seit urdenklichen Zeiten nach dort. Liegt doch Kötzting  circa 200 Meter tiefer wie Arnbruck und trennen uns unüberwindliche Bergerücken  wie dieses bei Viechtach der Fall ist." 

Einschub:
Eine ähnliche Begründung mit der Topografie und der Verkehrsanbindung führt übrigens im Jahre 1976 zu einer Abänderung der 1972er kommunalen Gebietsreform und zur Entscheidung Wettzells, sich der Stadt Kötzting und damit dem LK Cham anzuschließen.

Einschub Ende


Ab August 1926 nahm die Diskussion jedoch deutlich an Schärfe zu. Einerseits hatte bereits eine Kommission die projektierte Bahnstrecke besichtigt, andererseits war die Oberpostdirektion Regensburg noch immer nicht bereit, eine Entscheidung über die geplante Kraftpostlinie zu treffen. Die Geduld der Befürworter ging zunehmend zu Ende, und entsprechend schriller wurden die Schlagzeilen und Wortmeldungen auf den Versammlungen.

Selbst bei der Berichterstattung über den Besuch der Kommission kann man zwischen den Zeilen bereits herauslesen, wie unterschiedlich die beiden in Frage stehenden Trassen gewichtet wurden:
Kötzting 2. August: " .... Von Bodenmais weg fuhren die Herren durch das Zellerthal nach Kötzting, um wenigstens flüchtig das Gelände zu besehen, das für eine allenfallsige Weiterführung der Bahn in Betracht käme. Von da weg begab sich die Kommission nach Viechtach, um die Strecke Viechtach-Blaibach zu besichtigen."


Auslöser der nun wachsenden Empörung war aber dann ein Schreiben der Oberpostdirektion vom 3. August 1926. Darin wurde die Verwirklichung des Busprojekts mit Hinweis auf die bereits weit fortgeschrittene Fremdenverkehrssaison für das laufende Jahr abgelehnt. Für die Verfechter einer besseren Verkehrsanbindung des Zellertals kam dies einer weiteren Verzögerungstaktik gleich – und die Auseinandersetzung gewann nun erst richtig an Fahrt, wie die folgenden Zeitungsüberschriften und -Ausschnitte belegen..

Wie die Hebung des Bayerischen Waldes in Wirklichkeit aussieht.

Seit Wochen und Monatenarbeitet der Gemeinderat Kötzting und unterzeichnete Vereinigung mit allen Mitteln daran, eine
Amtspostlinie Kötzting–Bodenmais
durch die Oberpostdirektion Regensburg zu bekommen. 

"So sieht also die nun schon zum Ekel oft gehörte "Hebung des Bayr. Waldes" in Wirklichkeit aus.
(
KA vom 7.8.1926)

 Und nun ging es plötzlich nicht mehr nur um das verzögerte Busprojekt, sondern gleich um die Eisenbahnanbindung von Bodenmais gleich weiter nach Kötzting:


"Kötzting, 11. Aug. (Das Zellertalbahn-Projekt.)

Auf Einladung des Handwerker- und Gewerbevereins Arnbruck fanden sich am letzten Sonntag in Arnbruck ca. Interessenten aus Zwiesel, Bodenmais, Drachselsried, Arnbruck und Kötzting zusammen. Kötzting war allein mit einigen 20 Herren vertreten, darunter fast vollzählig der Gemeinderat. Die äußerst interessant und angeregt verlaufene Besprechung konnte den Erfolg buchen, dass sämtliche Interessenten von Zwiesel bis Kötzting einmütig für das allein richtige Projekt Zwiesel—Bodenmais—Kötzting eintraten. Die nächste Versammlung findet in Drachselsried statt. Wir werden über die bedeutsame Tagung in der nächsten Samstagsnummer ausführlich berichten."

Der hier angekündigte Großbericht über die Arnbrucker Versammlung wurde vom "Zwieseler Tagblatt" übernommen und titelte spektakulär:


Eine ganze Zeitungsseite befasste sich mit dem Bericht, der teilweise sehr lebhaft geschrieben ist und uns dem hervorgeht, dass - natürlich - parallel zu den Kötztingern auch die Viechtacher hier Lobbyarbeit betrieben, und mit ihrem Bahnprojekt Viechtach-Gotteszell schon mal eine "Bein in der Tür" hatten.
Mit einer Rede über den "Wein des Zellertales" begann dann die Berichterstattung des lebhaften Treffens:
"......Nach der Begrüßung durch den Versammlungsleiter gab Herr Biller ein nettes Geschichtchen zum Besten, das schallende Heiterkeit auslöste und das sicherlich noch in ferneren Zeiten manches Zwerchfell zum Erschüttern bringen wird, das Gedichtchen nämlich von

„Wein des Zellertales“


und jenen Schlauen, die ihn gern schlürfen möchten, wenn es ihnen schließlich nicht auch ergehen würde wie weiland jenem Fuchs, der die Trauben wohl hangen sah, sie aber verschmähte, weil sie ihm zu sauer schienen. Herr Direktor Fischl von der Lokalbahnaktiengesellschaft Gotteszell-Viechtach war es, der am Sonntag vor acht Tagen in Drachselsried den gespannt lauschenden Bauern das Geheimnis offenbarte, das „Zellertal sei eigentlich ein ganz wertvolles Weinfaßl", das nur angezapft zu werden bräuchte; der Wein freilich, so fügte der Herr Direktor vorsorglich bei, müsste allerdings nach Viechtach fließen. Herr Direktor Fischl, dessen Organisationsgeschick durchaus nicht bestritten sein soll, hatte auch gleich ein niedliches Plänchen für die „Traubenlese“ mitgebracht und seinen Zuhörer einfach erklärt: „Was wollt Ihr denn, Ihr simplen Staatsbürger von Drachselsried, glaubt Ihr vielleicht, das Reich baut Euch eine Bahn durchs Zellertal? Das gibt es ja gar nicht und weil es das nicht gibt, 
Ihr Drachselsrieder, drum kommen wir Viechtacher Euch zu Hilfe, wir bauen von Gumpenried weg zu Euch herüber weiter und dann habt Ihr den langersehnten Bahnanschluss. 
So sprach der Herr Direktor Fischl. Das Echo aber, es blieb aus! Es musste ausbleiben, weil die Zellertaler schlau genug sind, um den Plan zu durchschauen. Drum hätte es gar nichts geschadet, wenn der Herr Direktor Fischl in der Arnbrucker Versammlung zugegen gewesen wäre und die Antwort gehört hätte, die ihm vom zweiten Bürgermeister von Drachselsried, Herrn Fritz, zuteil geworden ist. Mit einer Dialektik, die an Urwüchsigkeit ihresgleichen sucht, fertigte dieser Redner unter brausender Zustimmung die Anbiederungsversuche der Viechtacher in unzweideutiger Weise ab.
Nicht 5 Prozent der Drachselsrieder, so erklärte Herr Fritz überzeugend, sind für die Viechtacher Pläne zu haben. Drachselsried lehnt alle Kombinationen nach dieser Richtung hin mit Entschiedenheit und Entrüstung ab und wenn einmal das Weinfaß des Zellertales angezapft werden sollte, dann

wollen wir den Wein selbst saufen.

Man muss Zeuge des orkanartigen Beifalls gewesen sein, der durch diese frischen Worte ausgelöst worden ist, um ermessen zu können, wie sehr Herr Bürgermeister Fischl den Anwesenden aus der Seele gesprochen hat. Nur ein Narr konnte da noch der Meinung sein, dass die Viechtacher Bäume heute in Drachselsried oder im Zellertal überhaupt in den Himmel wachsen würden.  Herr Bürgermeister Fritz gebührt das hohe Verdienst, mit diesen kernigen Worten dem unbeugsamen Lebenswillen des Zellertales neuen Impuls eingeflößt zu haben. Im Zusammenhange mit den Viechtacher Plänen wurde auch an der

Tätigkeit des Landtagpräsidenten Königbauer

eine durchaus recht derbe Kritik geübt ......

Und eben in dieser Person - des Landtagspräsidenten Königbauer - lag die Crux, an der alle Anstrengungen der Kötztinger und des Zellertals abprallten. Das Sprichwort "Der Ober sticht den Unter" zeigt auch hier seine Wirksamkeit, als Monate später das Bahnprojekt der Zellertalbahn zugunsten der Bahnverbindung Blaibach-Viechtach eingestampft wurde. Die Brückenruine bei Pulling ist der noch "überlebende" beweis dieser alten Nebenstrecke.
Sogar den Kötztinger Schi-stra-Bus aus den 50er Jahren muss man als eine Art von Abfallprodukt dieser Entscheidung gegen den Bahnanschluss Kötzting-Bodenmais ansehen. .

Die Versammlung, von der in der Zwieseler Zeitung so groß berichtet wurde, fand am 8.August statt und bei aller Aufregung über die gefühlte - und sicherlich berechtigt gefühlte - Zurücksetzung des Zellertales gab es doch auch eine gute Nachricht und die kam nun vom Markt Kötzting, wie es ein launiger Berichterstatter im Kötztinger Anzeiger formulierte.
Dem Markt Kötzting war offensichtlich die Verzögerungstaktik der Oberpostdirketion auf die Nerven gegangen und hatte Tatsachen geschaffen. Hier der Bericht vom 12. August aus dem Kötztinger Anzeiger:
"Kötzting, 12. August. (Mit dem Auto durchs Zellertal.) Die Teilnehmer der Bahnversammlung in Arnbruck konnten eine freudige Überraschung erleben. Schon beim Betreten des Ortes war es aufgefallen, dass sich vor dem Hause des Arnbrucker Bürgermeisters die Schuljugend mit weiß-blauen Fähnchen zahlreich eingefunden hatte, um offenbar auf ein Ereignis zu warten. 
Bestärkt in dieser Meinung wurde man noch durch mehrere von den Buben herumgetragene Plakate des Inhalts: „Heil und Segen dem ersten modernen allgemeinen Verkehrsmittel des Zellertals“. Was mochte das wohl bedeuten? Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten, denn gar bald kam von Kötzting ein imposantes Personenauto (ungefähr dreißig Sitzplätze) angefahren, vollgepfropft mit Kötztingern, die der Arnbrucker Tagung anwohnen wollten.
Aus dem Munde der Kötztinger erfuhr man dann folgenden Sachverhalt: Nach längeren Verhandlungen hatten die maßgebenden Stellen die Errichtung einer Postautolinie Kötzting–Arnbruck–Bodenmais zugesagt. Trotz dieses festen Versprechens kam in letzter Stunde von oben der Bescheid, dass aus diesen und jenen Gründen das neue Verkehrsmittel heuer noch nicht in Verkehr gebracht werden könnte.
Nachdem aber die Zellertaler die letzten sind, die sich etwa verblüffen ließen, kaufte der Gemeinderat Kötzting noch am gleichen Tage, an dem der ablehnende Bescheid eintraf, telefonisch ein großes Personenauto der M. A. N. Mittels dieses Autos das Zellertal von Kötzting über Arnbruck nach Bodenmais ab Samstag den 14. August dem Verkehr erschlossen werden. Man kann sich die Freude der Arnbrucker vorstellen, als gestern zum ersten Male der neue Verkehrswagen den Ort passierte. Das jauchzende Hoch der frischen Waldlerbuben, mit dem sie die Kötztinger begrüßt und die zahlreichen anerkennenden Worte, die ihrer Initiative von allen Seiten gezollt wurden, mögen dem Gemeinderat Kötzting bewiesen haben, welch begeisterten Widerhall diese etwas dahingehende Beanwortung einer behördlichen Paragraphenreiterei gefunden hat. Möge das Unternehmen der Marktgemeinde Kötzting reiche Früchte tragen zum Segen des Zellertals!

Nun hatte also der Markt Kötzting seine eigene Busverbindung hinein ins Zellertal und dieser  - markteigene - Wagen wurde in der Kötztinger Hammermühle untergestellt und gewartet. 

 
DIA-Repro 1764: Omnibus der Marktgemeinde Kötzting um 1930 verkehrte von Kötzting nach Bodenmais, am Steuer Hubert Weinzierl, dahinter Georg Greß, der Fotograf Franz Pleier, auf dem Motorrad Max Kroher
 Max Kroher, der schneidige Motorradfahrer auf dem oberen Bild betrieb auf der Hammermühle eine eigene Werkstatt.

Ab Mitte August nun gab es also die neue - markteigene - Buslinie Kötzting-Bodenmais ..... und schon wenige Tage danach - am 18.8. -  kam es schon zum ersten Unfall, durch dessen Bericht wir eine sehr gute Vorstellung davon bekommen wie - schlecht - die Straßenverhältnisse im Zellertal damals gewesen waren. Übrigens hatte auch der Schi-Stra-Bus  - fast 30 Jahre später - mit eben diesen Verhältnissen zu kämpfen und verlor ebenso das eine oder andere Mal den Kampf mit den Unbilden der Elemente und des Gegenverkehrs.


"Aus dem Zellertal.
Gestern abends 6 Uhr erlitt der neue Kraftwagen der Autolinie Kötzting–Bodenmais einen kleinen Unfall, der sowohl für die Marktgemeinde Kötzting als auch für die Passanten noch gut abging, aber für den Bezirk Regen ein ernster Fingerzeig sein soll, mit welchen weiteren Unfällen auf dieser Strecke noch gerechnet werden muss.
Die Straßenstrecke Kötzting–Bodenmais innerhalb des Bezirkes Regen weist gegenüber den anderen Straßenstrecken gute Untergrundverhältnisse auf, nur ist sie durch die unsachmännische Behandlung derart heruntergekommen, dass sie heute einer Autofalle gleich kommt. Zahllose unnütze Querrinnen hemmen jeglichen Verkehr. Mit hohen Büschen verwachsene und verschlämmte Gräben drängen das Wasser in die Fahrbahn, verwachsene Schotterhaufen lagern an den engen Straßenteilen, die ein Ausweichen unmöglich machen, hohe Hügel von der Einschotterung herrührend, sind höchst gefährlich, erhöhte Bankette verhindern sowohl den Wasserablauf, als auch das Ausweichen.
Wiederholte schriftliche und telefonische Vorstellungen des Gemeinderates Bodenmais und der Marktgemeinde Kötzting um Abhilfe dieses Missstandes hat seitens des Bezirkes Regen kein Gehör gefunden.
Wir sind deshalb gezwungen diese Missstände öffentlich zu rügen und an dieser Stelle den Bezirksrat Regen dringend zu bitten, hier sofort Abhilfe zu schaffen, damit weitere Unglücksfälle vermieden werden.
Durch die Einführung der Kraftwagenlinie Kötzting — Bodenmais ist endlich die schon seit über einem halben Jahrhundert angestrebte Verbindung des oberen mit dem unteren Bayerischen Wald geschaffen und die ganze Bevölkerung des Zellertales ist der Marktgemeinde Kötzting zu Dank verpflichtet, dass sie mit hohen Kosten dieses moderne Verkehrsmittel geschaffen hat.
"

Natürlich ging der Kampf um die Zellertalbahn weiter, verlor jedoch mit der Bauzusage für die Verbindung Blaibach-Viechtach an Schärfe, weil diese Zellertalbahn fast dann eine Parallelverbindung gewesen wäre.
Die neu geplante Anschlusslösung über Gumpenried wird von Kötzting aus nicht ohne Häme betrachtet bzw. begleitet: (KA vom November 1926)

Ein Schüleraufsatz

von Kosmas Damian Schienenbieger aus Rumminnswaid beim Gumpenried.

Von Viechtach nach Bodenmais ist ein Broegt und wird eine Bahn. Eine fertige Bahn ist ein Broegt. Wenn's keine Bahn wird, fällt das Broegt kann aber nicht brechen. Das Broegt ist in der Geographie vom Bayer'schen Wald und ist diese schwer. Auf dem Broegt muß man mit dem Kopfe fahren und ist das auch schwer aber geht schneller.

Das Broegt wird mit Eisenbahnschienen gemacht und müssen gebogen sein. Alle. Aber für den Bahnhof grade. Am Bahnhof pfeift  der Zug. Der rauscht dann und fährt die Reiben ab. Alle. In der Reibe fahre ich gern. In der Reibe sieht man zur Lokomotive. Wie sich sie dreht und herum reibt. Auf der anderen Seite sehe ich es nicht. Ich gehe von einem Fenster ans andere. Deshalb. Wenn die Leute nicht schimpfen. Wenn die Leute schimpfen, bleibe ich sitzen. Da schlafe ich ein. Ich schlafe mich aus, bis man hinkommt. Wenn man wo hinkommt, steigen Leute aus. Bei einem Wirtshaus und stärken sich zum Weiterfahren und ist auch notwendig. Das Broegt eröffnet den oberen Wald. Denselben hüllt es ein,  durch viele Landschaften wo man hinkommt und ist deshalb knäuelig. Das Broegt ist nördlich und macht auch andere Himmelsrichtungen.  Alle . Es durchschneidet die Gegend und macht Einschnitte wie Soldaten im Schützengraben ist es schtradegisch wenn kein Krieg kommt. Deshalb bloß so. Und ein Schrtradege ist wenn einer eine solche Bahn macht. Solche Leute haben es im Kopf und finden überall hinaus. Das Broegt kommt um viele Berge und sieht man eine Gegend mit allen was sehr schön ist. Auch lehrreich.  Das Broegt zapft am Weinfaß. In Arnbruck ist's der ´Heidelbeersaft und wird abgefahren. Wenn man den Saft schüttelt, begärt er auf. In Viechtach hat man dann einen Wein. Der Wein wird ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Dann kann man ihn trinken. Die Schwammerl werden ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Dann sind sie trocken. Die Waldbevölkerung wird ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Diese ist zäh und ausdauernd. Das Stadtvolk wird ein Fahrprodukt von Viechtach. Dieses will bummeln und braun werden.  Bis sie kommen sind sie schon braun und aufgebrennt wo der Kopf am Fenster ist. Auch schwitzen sie. Die Sommerfrischler sind uns zu mitleidig und möchten manche von uns diese ausrotten durch den schlechten Verkehr. Und das Broegt soll helfen. Das Broegt ist von manchen und anderen Leuten. Es ist recht und ich freue mich sehr wie diese.

Immer wieder taucht im Jahresreigen das neue Kraftwerk am Höllenstein auf, das zu Besuchen einlädt und über dessen Leistungen mit mehrteiligen Folgen in der Zeitung berichtet wird.




 

Umland  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland zu finden.

Nicht alle Geschichten spielen innerhalb der Marktgrenzen Kötztings. Die Markergruppe Umland führt zu historischen Orten, Ereignissen und Erinnerungen aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden des Kötztinger Landes. Oft ergeben gerade diese Beiträge spannende Verbindungen zur Geschichte der Stadt.

 Viel Freude beim Entdecken!

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Das Gauturnfest in Kötzting

Angesichts der ansehnlichen Meldungen für das Gauturnfest, rief der Magistrat die Kötztinger auf, Quartiere zur Verfügung zu stellen.:
"Kötzting, 2. Juni. Am 12. und 13. Juni findet wie bekannt das Gauturnfest, an dem sich zirka 200 Mitturner beteiligen, in unserer schönen Markte statt. Da nun vom Gau die Vorschrift besteht, dass dem Preisturnen Freiquartiere mit Frühstück für eine Nacht unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden muss, hat natürlich der Turnverein die schwere Aufgabe, dieselben zu besorgen. Ganz Kötzting darf sich zur Ehre rechnen, den Turnern den Aufenthalt in unserem Markte möglichst gemütlich zu gestalten und hoffen wir, dass es sich jeder Haushalt zur Ehre schätzt, einen Turner beherbergen zu können. Die nächsten Tage werden Quartiermacher von Haus zu Haus gehen, um Quartiere zu sammeln. Möge dies von großem Erfolg gekrönt sein!"


Schon im Februar angekündigt und bei den Pfingstfeierlichkeiten beworben, kommt nun im Juni der große Tag des Kötztinger Turnvereins mit dem Gauturnfest verbunden mit der feierlichen Einweihung der neuen Turnhalle..

An Pfingsten - sicherlich 1926 - kann man die noch unverputzte Turnhalle im Hintergrund bei der Kranzlvergabe erkennen, wenige Wochen danach kam es zur offiziellen Eröffnung im Rahmen des "Donauwald Gauturnfestes."

DIA-Repro 3679 der Sportplatz - Bleichanger - vor der Jahnhalle gut zwei Wochen vor dem großen Turnfest..... leicht matschig, aber das Wetter besserte sich.
DIA-Repro 3455 Plakette anlässlich der Eröffnung der neuerbauten Turnhalle



Hier noch das Programm für das Festwochenende:



Zum 15. Turn-Fest
des Donau-Wald-Gaues in Kötzting
am 12. und 13. Juni 1926.

Eine schöne, erhebende Feier, in allen Teilen wohlgelungen, gut vorbereitet, nach klarem Richtlinien durchgeführt, aufgebaut auf den harten Mauern der einstlichen Turngemeinde, getragen von einer zahlreichen Zahl liebwerter Turngäste, umrahmt von der verhältnisvollen Teilnahme des ganzen Marktes, ein Fest, so ganz im Geiste der alten deutschen Turnerei, ernst und würdig und doch bewegt und lebendig, fröhlich und froh, das wird der bleibende Eindruck sein, den jeder mit nach Hause nahm, der das 15. Turnfest des Donau-Wald-Gaues in Kötzting miterlebte.

Dass dieses Fest mit der feierlichen Eröffnung der neuen Turnhalle in Kötzting verbunden werden konnte, erhöhte und verstärkte seinen örtlichen Widerhall



Hier nun ein Auszug aus dem Bericht über den Beginn des Gauturnfestes mit der Einweihung der neuen Jahnhalle:
Kötztinger Anzeiger vom Samstag, den 19.6.1926

...... Das Fest setzte ein mit der feierlichen Einholung der auswärtigen Turner, die am Bahnhof und an den Straßenmündungen mit klingendem Spiel empfangen und zu ihren Standquartieren geleitet wurden. Die Gäste waren sichtlich aufs angenehmste davon berührt, dass ihnen eröffnet werden konnte, dass für jeden derselben ein gutes Privatquartier bereit stehe, wo er für die Tage des Festes gastliche Aufnahme finde. Allgemein war die Anerkennung über dieses vorbildliche Verhalten der Markteinwohner, das die fröhliche Stimmung der fremden Turner so sehr erhöhte und vom ersten Augenblicke an jenes herzliche Einvernehmen schuf, durch das dieses Turnfest so viel Weite und Volkstümlichkeit gewann.
Mittlerweile hatte die neue Turnhalle die letzte Hand an ihr Festtagskleid gelegt und stand gewärtig, die zuströmenden Gäste und Freunde an ihrem Ehrentage würdig zu empfangen. Einfach und ohne Überladung, aber schmuck und gehaltvoll hatte sie sich herausgeputzt und jedem lachte das Herz im Leibe, der sie in ihrem bräutlichen Wesen vor sich prangen sah. Man erkannte sofort, dass hier feinsinnige Köpfe und kluge Hände vereint ein Werk geschaffen hatten, das Gestalt hatte und warmes Leben atmete.
Und in der Tat: Mit dieser schmucken Schöpfung hatte der Turnrat im Vereine mit Herrn Adlhoch und Frl. Obermeier und unterstützt von einem Stabe fleißiger Helfer und Helferinnen eine Leistung vollbracht, wie sie mit den gegebenen Mitteln nicht schöner zu vollbringen war.
Den eigentlichen Festakt eröffnete der 1. Vorstand des Turnvereins Kötzting, Herr Schlossermeister Joseph Liebl, mit einer Begrüßungsrede, in der er mit warmen Worten den Mitgliedern des Vereines, insbesondere aber den werten Gästen und Freunden desselben im Namen Kötztings ein herzliches „Gut Heil“ entgegenrief, der Gauleitung dankte, dass sie dem Turnverein Kötzting die Durchführung des Gauturnfestes anvertraut habe und mit der Versicherung schloss, dass der Verein alles daran setzen werde, sich dieser Ehre würdig zu erweisen und bei den bevorstehenden Wettkämpfen seinen Mann zu stellen.
Die Festrede selbst, die den Anlass und Inhalt der Feier darzulegen hatte, hielt ein berufener Meister des Wortes, Herr Bezirksamtmann Thoma, der 2. Vorstand des hiesigen Turnvereins.

DIA-Repro 386: 
386 Damenturnriege mit Vorturner Bezirksamtmann Ludwig Thoma zum Abschied März 1931
von oben links 1. Reihe 2.v.links Pagany Else, 2. Reihe Mitte Wühr Fanny, rechts Weingut, 3. Reihe Pagany Minna und Bergbauer Rosel, 4. Reihe Röhrl Linerl, Herre Rosel, Brunner Fanny, Praller Lina, Pagany Maria, ? 5. Reihe Pleier Gusti, Pagany Betty, Heigl ?, Herr Thoma, ?,?, 6. Reihe Hofmann 

Weiter mit der Berichterstattung der  Rede des Bezirksamtmannes Thoma:

Er umriss einleitend in kurzen treffenden Worten die Geschichte des Turnvereins Kötzting, seine Fluten und Ebben und führte des Näheren aus, dass der Turnverein Kötzting 1863 gegründet wurde von turnbegeisterten Kötztinger Bürgern und Bürgersöhnen, als da waren: Decker, Kollmeier, Lukas, Hofbauer, Rabl u. a. m., deren Bestrebungen durch den damaligen Bezirksamtmann v. Paur aufs regeste gefördert wurden.



DIA-Repro 3456 Reckturnen seitlich neben der  - äußerlich fast -  fertiggestellten Turnhalle, sicherlich Teil des Gauturnfestes.


DIA-Repro 1578 Gauturnfest und Turnhalleneröffnungsfeier Juni 1926
Hinweis, es ist möglich, dass das Foto nicht vom Juni, also vom Gauturnfest, sondern vom August und damit vom Volksfest stammt, da auch dort ein Schauturnen im Programm stand.

Nach der Einweihungsfeier der neuen Turnhalle kam es dann am Sonntag zu den Wettkämpfen:

"Ein strahlend schöner Sommertag, doppelt schön und vorher begrüßt nach wochenlangen Regenschauern, leuchtete am Sonntagmorgen über unsere Turner und Gäste hin, als sie, durch den Turnerweckruf aus den Herbergen geholt, der Turnhalle zueilten, um sich den Kampfrichtern zu stellen. Denn heute galt es, in ernstem, zähem, erwartungsspannendem Wettstreit sein Können zu erweisen und den schlichten, aber heißersehnten Siegeskranz zu erringen, der in der Ferne leuchtete, zu dem jedoch ein dornenvoller Weg voll harter Arbeit und Mühsal führte.
Dass halb Kötzting auf den Beinen war, damit es von dem ersten Schauspiel nichts versäume, war selbstverständlich.
Und in der Tat, niemand hatte zu bereuen, den Kämpfen beigewohnt zu haben, die nunmehr Zug um Zug einsetzen und die Turner wie die Zuschauer in gleicher Weise in Atem hielten.
"


Ein für heutige Verhältnisse unvorstellbarer Leserbriefwechsel mit persönlichen Beleidigungen entspannte sich im Nachgang des Turnerfestes.

Laut dem Programm des Turnerfestes, war ein Fußballmatch zwischen dem 1. FC Kötzting und dem 1. FC Zwiesel angesetzt und da gab es wohl ein Problem.

Der Torwart des FC Kötzting hatte seine Mannschaft in Stich gelassen - so die Sicht der Kritiker - bzw. konnte zum Spiel nicht antreten - so seine Verteidiger - , indem er ganz kurz vor Spielbeginn erklärte nicht spielen zu können oder zu wollen.
Nun wurde dieser Torwart Schmidl Ziel eines zornigen Leserbriefes des späteren "Stadtschreibers" Georg Rauscher. Dieser war der Berichterstatter des FC Kötzting und als solcher schrieb er sich seinen Zorn von der Seele mit Ausdrücken, die heute vermutlich justiziabel wären.
Hier ein Auszug aus dem Anfang seines längeren Leserbriefes im Kötztinger Anzeiger:

"Eingesandt

Dem Tormann ins Stammbuch.

„Man fühlt sich“ anscheinend schon als genügende Größe um dies in einem mehr als genügenden Maße von Laune zum Ausdruck zu bringen. Man kann diese Laune auch als Ungezogenheit identifizieren. Es gibt auch noch drastischere Bezeichnungen für diese Ausflüsse von Selbstherrlichkeit. Jedenfalls lässt eine derartige Eigenmächtigkeit, wie sie sich Herr Schmidl letzten Sonntag erlaubte, die Disziplin dieses Herrn in einem bezeichnenden Lichte erscheinen. Im letzten Momente kindisch zu bocken und die Pläne der Spielleitung über den Haufen zu werfen war bisher nur das Vorrecht einer verwöhnten grillenhaften Theaterdiva, der man solche Extravaganzien im Hinblick auf ihr wankelmütiges Geschlecht verzeihen konnte. Für einen Mann aber ziemt sich ein solch bubenhaftes Verhalten unter gar keinen Umständen. Oder fand es der „Preisgekrönte“ unter seiner Würde das Tor zu hüten?....
In diesem Stil ging es noch eine ganze Weile weiter

Kurz darauf erschien die "Gegendarstellung" des so heftig Gerügten mit Hinweis auf die bereits erfolgte Meldung beim Magistrat wegen eines Sühnetermins.





Nun kam die ganze Angelegenheit erst richtig ins rollen, weil Gg Rauscher nachhakte, sich genauer erkundigte und danach einen noch viel längeren Leserbrief im Kötztinger Anzeiger abdrucken lies.
Dabei blieb Gg Rauscher bei seinem süffisanten Schreibstil.
Auch hier erneut der Anfang seines "offenen Briefes" :

"Offener Brief


An
Herrn Georg Schmidl, hier

Es wäre zwar klüger, auf Ihre heutige flügellahme Erwiderung zu schweigen, aber da Sie selbst auf ein ordnungsgemäßes Darstellung Wert zu legen scheinen, gestatte ich mir, Ihre Ausführungen dahin zu berichtigen, dass Ihre Entschuldigungsgründe wohl geringe Bruchteile Wahrheit im sich bergen, zum größeren Teile jedoch auf – schwacher Grundlage beruhen. Es würde zu weit führen Ihre vorgebrachten Punkte aufzufrischen und sie zu widerlegen, ich greife nur ihre Abmeldung - die sie als Kronzeugnis anzubringen beliebten - heraus und werde ich so liebenswürdig sein, Ihrem Gedächtnis, das wohl noch  infolge der damaligen Uebermüdung nicht ganz intakt sein dürfte, etwas zu Hilfe zu kommen."

Georg Rauscher steigert sich von Satz zu Satz in seiner Erwiederungsschrift und endet mit

"Mit dieser Versicherung beehrt sich sie höflichst zu begrüßen
Kötzting, 26.6.26 
Gg Rauscher
Berichterstatter des 1. FC Kötzting

PS. Dass gerade Sie auf dieses Wettspiel großen Wert legten und dann als Erster Ihre Spieler als Tormann im Stiche ließen, sei nur nebenbei bemerkt. - Ihrem mir indirekt übermittelten Wunsche, diesen Brief unveröffentlicht zu lassen, kann ich aus Gründen strenger Konsequenz zu  meinem bedauern nicht entsprechen."

Was ist der  - möglicherweise - erklärende Hintergrund dieses Rückziehers von Seiten des Kötztinger Tormanns. Im Bericht über die einzelnen Sportarten findet sich der beschuldigte "Herr Schmidl" gleich zwei mal, einmal beim Dreikampf 2. Stufe und einmal im 4 mal 100 Meter Staffellauf.


Ausschnitt aus der Ergebnisliste des Gauturnfestes.

Möglicherweise ausgelöst durch diesen Streit - oder dies war nur noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte-, kam es dann im zweiten Halbjahr 1926 zur vollständigen Einstellung des Fußball-Spielbetriebs, der erst 1927 wieder nach der Wahl des neuen Vorstands - eben dieser Georg Rauscher - langsam wieder aufgenommen wurde. Anschließend ließ sich Julius Kirschner wieder in die Pflicht nehmen und führte den 1. FC Kötzting zu neuen Höhen und zu einem eigenen Fußballplatz. 

Ein weiterer Punkt, der sicherlich auch später zur zeitweisen Einstellung des Sommer- Spielbetriebs gesorgt haben könnte, war der Mangel an einer Sportstätte, da ja der Bleichanger für das große Heimatfest im August gebraucht wurde und sicherlich für einige Zeit vor und nachher unbespielbar war.
Beim nächsten Fußballmatch Ende Juni (Kötzting gegen Cham  1:1) jedenfalls lobt der Berichterstatter - sicherlich erneut Gg Rauschner - ausdrücklich den jungen Kötztinger Torwart Huber.



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Das gesellschaftliche Leben prägte Bad Kötzting über Generationen hinweg. Vereine, Feste, Feiern, Theateraufführungen, Turnveranstaltungen und viele weitere Ereignisse hinterließen ihre Spuren in der Stadtgeschichte.



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Der Kötztinger Heimat= und Königsbund


 

Im Laufe des Jahres 1926 folgte in Kötzting eine Großveranstaltung der nächsten. Gleichzeitig wurde die politische Stimmung im Deutschen Reich zunehmend unruhiger. Der verlorene Weltkrieg lag erst acht Jahre zurück – den Zusatz „Erster“ erhielt er bekanntlich erst nach 1939, denn damals ahnte kaum jemand, dass noch ein zweiter, noch verheerenderer Weltkrieg folgen würde. 
Die junge Republik war innenpolitisch tief gespalten. Republikaner, Monarchisten und verschiedene nationale Gruppierungen rangen um die politische Zukunft Deutschlands. Hinzu kamen die ungelösten Fragen um das Ruhrgebiet, das Saargebiet und die deutschen Grenzregionen.
Auch im Bayerischen Wald wurden diese Spannungen spürbar. Immer wieder berichteten die Zeitungen über angebliche tschechische Einflussversuche im Grenzgebiet. Wandergruppen aus der Tschechoslowakei auf Osser oder Arber wurden teilweise mit großem Misstrauen beobachtet und ihre Ausflüge ausführlich kommentiert. Manche Berichte gingen sogar so weit, vor einer gewaltsamen Übernahme des Grenzgebietes zu warnen – Behauptungen, die aus heutiger Sicht eher als Ausdruck der damaligen politischen Ängste und nationalistischer Stimmungsmache denn als reale Gefahr zu bewerten sind.

Das folgende Zeitungsbeispiel zeigt eindrucksvoll, wie diese Stimmung im Jahr 1926 auch in der regionalen Presse ihren Niederschlag fand.

"Lam, 14. Juni. (Vom Grenzgebiet.) Es ist eigentlich schon oft gesagt worden – aber es kann nicht oft genug gesagt werden: Es ist unglaublich, wie sich die Tschechen um das Grenzgebiet bemühen. Es vergeht keine Woche, ohne dass nicht mehrere Schulen geschlossen auf den Osser kommen. Bis von Nordböhmen herunter führen die Lehrer ihre Klassen. Das Gipfelbuch könnte da unendlich viel erzählen! – Es scheint der deutsche Eisenbahnmichel hat in dieser Hinsicht noch die Zipfelhaube weit über den Augen.
Warum erhalten denn unsere bayerischen Schulen nicht die gleichen Fahrpreisermäßigungen wie die in Böhmen? Wie leicht könnten die Schulen von Cham, Straubing und Regensburg in das gefährdete Grenzgebiet gebracht werden? Hier müsste eine kleine Geschichtsstunde gehalten werden. Sicher würde sie den Schülern ein unvergessliches Erlebnis sein. Und sicherlich würde dadurch an nationaler und heimatlicher Erziehung mehr erreicht werden, als in einer langatmigen Darbietung im Schulsaal. Ein solcher Besuch hätte aber auch ohne Zweifel Einfluss auf die geheimen Gedanken der Tschechen. Sie müssten sehen, dass das Gegengewicht vorhanden ist. Und das währe not.
"
 
In diesem Kontext sehe ich auch die rührige Arbeit des Kötztinger Ablegers des bayerischen Heimat= und Königsbundes, der eigentlich erst in diesem Jahr sich so massiv in den Vordergrund drängt.

AKH Kötzting DIA-Repro 0351 Mitgliedkarte des Michl Röhrl

Im Juni lud die Ortsgruppe beim "Grillergang" - heute das griechische Restaurant beim Kollmaier am Bahnhof -  zum Treffen mit einer Vorstandswahl.
Der Wirt Wolfgang Pongratz im Bahnhofsrestaurant hatte den "Hausnamen" "Grillergang"

Leider weist das erhaltene Zeitungsexemplar ausgerechnet im Bericht über diese Versammlung eine Beschädigung auf. Ein Riss im Papier wurde vermutlich bereits vor 100 Jahren überklebt, wodurch mehrere Namen und einzelne Textstellen heute nicht mehr lesbar sind. Die überlieferten Angaben erlauben deshalb nur eine teilweise Rekonstruktion der damals gewählten Funktionäre.


KA vom 8.6.1926

Aus dem Bericht geht hervor, dass Herr Windisch zum stellvertretenden Ortsleiter, Schlossermeister Haas zum Kassier, Pfarrmessner Obermayer zum Schriftführer sowie Kooperator Bugl und Fräulein Anna Drunkenpolz zu Beisitzern gewählt wurden.
Aus der Einladung zu einer öffentlichen Versammlung geht hervor, dass der - unleserliche - 1. Ortsleiter der Tierarzt Kirschner gewesen ist.
Besonders bemerkenswert erscheint aus heutiger Sicht die Ankündigung eines „weiß-blauen Heimattages“, der im Rahmen des für den 21. und 22. August geplanten Volksfestes stattfinden sollte. Die Veranstaltung war offenbar von erheblicher Bedeutung, denn für diesen Termin hatte bereits "S. Königl. Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern" sein Erscheinen zugesagt. Dies zeigt, welchen Stellenwert die Organisatoren ihrem Fest beimaßen und welche Aufmerksamkeit man sich weit über die Grenzen Kötztings hinaus erhoffte.


Der Aufruf oben zeigt, dass die Niederlage des Ersten Weltkriegs im Jahr 1926 für viele Zeitgenossen noch keineswegs überwunden war. Zwischen den Zeilen wird der Wunsch nach einer Rückbesinnung auf die Verhältnisse der Vorkriegszeit deutlich, wie er in monarchistischen und nationalkonservativen Kreisen jener Jahre häufig anzutreffen war.



Zum 4. Juli lud dieser Königsbund zu einer großen Versammlung in den Graßl-Saal





In derselben Zeitungausgabe, die dieses Treffen ankündigte, ließ der Kötztinger Krieger- und Veteranenverein mitteilen, dass er seine zeitgleich geplante Versammlung verschieben wolle.




Vieles spricht dafür, dass es sich bei dem angekündigten ‚Grafen Arco‘ um Anton Graf von Arco auf Valley handelte, den Attentäter auf den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner.“ Eisner wurde am 21. Februar 1919 von Anton Graf von Arco auf Valley auf dem Weg zum Bayerischen Landtag durch zwei Schüsse ermordet. 
Arco wurde zunächst zum Tode verurteilt. Bereits einen Tag nach der Urteilsverkündung wandelte die Bayerische Regierung die Strafe jedoch in lebenslange Festungshaft um. Seine Haft verbüßte er in Landsberg am Lech, wo später auch Adolf Hitler einsaß. Die sogenannte Festungshaft war eine privilegierte Form des Strafvollzugs für politische Straftäter mit angeblich „ehrenhaften Motiven“. Die Häftlinge mussten keine Zwangsarbeit leisten, konnten Besuch empfangen und verfügten über vergleichsweise komfortable Haftbedingungen.
Dass es sich bei dem für Kötzting angekündigten Redner tatsächlich um Anton Graf von Arco auf Valley handelte, lässt sich aus der Ankündigung allein zwar nicht mit letzter Sicherheit beweisen. Es spricht jedoch vieles dafür. Der Vortrag sollte unter dem Titel „Republik oder Monarchie?“ stattfinden und wurde vom Bayerischen Heimat- und Königsbund veranstaltet. Zudem hieß es im späteren Zeitungsbericht ausdrücklich: „Anstelle des unliebsam verhinderten Grafen Arco ...“
Sollte tatsächlich Anton Graf von Arco auf Valley als Redner vorgesehen gewesen sein, so hätte die Ortsgruppe einen Mann eingeladen, der durch das Attentat auf Kurt Eisner bayernweit bekannt geworden war und bei dem Anschlag selbst schwer verletzt worden war.
Die Kötztinger hätten also möglicherweise einen verurteilten politischen Attentäter als Festredner eingeladen.
Und so war der Graßl-Saal  bis auf den letzten Platz gefüllt und die Schlagworte bzw. Zitate, die in der nächsten Zeitungsausgabe abgedruckt waren sprechen eine eindeutige Sprache:
Die Rede war vom "verhängnisvollen 7.11.1918 (erzwungene Abdankung König Ludwigs III). der Frage, ob Bayern  monarchisch oder republikanisch regiert werden solle. Aus einer ganzen Liste an Vorwürfen gegen das reich und die Behandlung Bayerns entstand angeblich dann das das Ziel dieses Bundes;  ein "freies und unabhängiges königliches Bayern in den Vereinigten Staaten von Großdeutschland. Es ist dies die Reaktion auf die sozialistische Revolution, republikanische Korruption und Missregierung  und auf die Vormachtstellung Preußens, die durch die Wilhelminische Ära das Unglück des verlorenen Krieges auf dem Gewissen hat."
Diese Kampfansage an die Republik sollte später dann im Besuch des Kronprinzen Rupprecht gipfeln und zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen der Kötztinger und den Chamer Zeitung führen, in der vor allem von Seiten der Kötztinger - meiner Meinung nach - alle Grenzen des politischen Anstands überschritten wurden.
Dieser Teil wird aber erst im Zusammenhang mit dem großen Volksfest und dem Heimattag bearbeitet.
Hier noch ein kleines Detail zum  - geplanten und dann doch abgesagten  - Vortrag des Grafen Arco:
Sein vermutlich geplanter feuriger Apell zugunsten der Monarchie und gegen die Republik im, wie berichtet - übervollen Graßlsaal steht im starken Kontrast zu den in der Woche zuvor veröffentlichten Ergebnissen der Volksabstimmung zur "Fürstenfrage" 
Eindrucksvoll zeigten 96 Prozent der abgegebenen Stimmen, dass sie auch für die Einziehung der Vermögenswerte der Fürsten stimmten, wie auch die Zahlen für Kötzting und den Bezirk zeigten:


ABER:  die Gesetzesvorlage schrieb ein Quorum von 50 Prozent der Abstimmungsberechtigten vor und dieses Quorum wurde nicht erreicht und so blieb eben alles beim Alten.
Und noch eine Neuigkeit bahnte sich an: Michl Miethaner lud zu einer Einstandfeier für seine neu errichtete Kegelbahn:


Und noch ein weitere Veranstaltung kündigte sich mit großen Versprechungen an .... die Kötztinger waren wohl etwas reserviert, wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann. Was allerdings "Zahnakrobaten" waren, würde mich schon interessieren....


"Kötzting, 13. Juli. (Varieté-Schau Globus in Kötzting.)

Die Varieté-Schau Globus gastiert vom 10.–16. Juli in Kötzting und liefert wahrhaft Unglaubliches. Damen und Herren treten in abwechslungsreichem Programm auf. Künstler auf Stühlen und Leitern, Zahnakrobaten halten die Zuschauer in höchster Spannung. Clowns sorgen in urkomischen Possen für den nötigen Humor. Theaterstücke und Pantomimen wahrhaft zum Tränenlachen. 
Nachdem die Eintrittspreise auf die Grenze des Möglichen gesetzt sind, ist jedermann in der Lage, sich diese erstklassigen Vorstellungen anzusehen. Es ist klar, dass diese Leute auch verdienen müssen und nicht von der Luft leben können, nachdem die Reisen schon mit großen Unkosten verbunden sind und das Leben so teuer ist. Leider sind die zahlenden Zuschauer in den ersten Vorstellungen sehr wenig gewesen. Hoffentlich tritt da in den nächsten Vorstellungen eine Besserung ein.
Wer ein wenig Nächstenliebe hat, der komme zu den Vorstellungen und er wird zufriedenstellend den Platz verlassen, denn diese Leute müssen sich durch ihre halsbrecherischen Vorführungen ihr Geld wirklich verdienen. Darum auf zur Varieté-Schau heute Abend auf dem Marktplatz. – Täglich neues Programm –




🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.

 

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Nicht alle Geschichten spielen innerhalb der Marktgrenzen Kötztings. Die Markergruppe Umland führt zu historischen Orten, Ereignissen und Erinnerungen aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden des Kötztinger Landes. Oft ergeben gerade diese Beiträge spannende Verbindungen zur Geschichte der Stadt.

Viel Freude beim Entdecken!

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Diese Jahreschronik wird noch mehrmals ergänzt  werden, siehe Inhaltsverzeichnis am Bloganfang.