Translate

Freitag, 17. April 2020

Vor dem Vergessen bewahren: das Haus der "Liebl Schwestern"

vom Bäcker zum Kramerladen

alte Hausnummer 142



Stadtarchiv Kötzting/Bilderblöcke/Luftaufnahmen/Img118

Deutlich zu erkennen, das kleine Haus mit gelben Dach unterhalb des Kaufhauses Wanninger, dessen ursprünglicher Grund über das heutige Anwesen Sonnleitner bis über die heutige Gehrigstraße hinaus auf das nächste Gebäude reichte, heutzutage die Fa. W. Oexler.

Ausschnitt aus dem Uraufnahmeblatt von 1831, aus:"Kötzting 1085-1985"
Die Hausnummer 142 ist das alte Schindler-Dreger-Liebl Anwesen



Kann man bei einem solch eigentlich nüchternen Thema, wie es eine Häuserchronik einmal ist, eigentlich politisch unkorrekt sein bzw. formulieren?
Man kann....
Anlässlich der Historischen Einkehr im Frühjahr im "S`Cafe" beim Zellertaler Bahnhof habe ich meine nächsten Blog-Vorhaben geschildert und dabei auch das Haus der "Liawe Weiwa" genannt. Frau Berta Lukas hat mich sofort darauf hingewiesen, dass das die Liebl Schwestern bzw. Frauen waren. Sicherheitshalber und ein wenig schuldbewusst habe ich mich dann später bei Gelegenheit bei einigen wenigen "Obermarktlern" - viele gibt es ja nicht mehr aus der "alten" Zeit  - umgehört und mich bestätigt gefunden. Allgemein wurde früher von den "Liawe Weiwa" gesprochen, im Gegensatz zu den benachbarten "Zimmerer Schwestern"
Nichts desto trotz, es geht um das nun abgerissene Haus gleich unterhalb des Kaufhauses Wanninger, in dem bis vor wenigen Jahrzehnten die Schwestern Liebl, zwei zierliche und immer freundliche, weißblond und, eigentlich immer schon, ältere Frauen ihre Kundschaft bedient hatten.
Bei dieser Gelegenheit ist mir wieder einmal aufgefallen, wie viele Lebensmittelgeschäfte wir noch bis in die 70er Jahre alleine im Bereich der Markstraße hatten:
die Liebl Weiber resp. Schwestern
Georg Pongratz mit dem Konsum

Fleischmann an der Ecke mit dem VEGE
die unermüdliche Rabl Fanny in der Metzstraße

der kleine Milchladen beim Achtler
Anna Schrödel als EDEKA
Kellner
Dullinger
Kroher
die Metzger Wieser Girgl - Miethanner - Ritzenberger - Graf - Greiner - Barth - Haushofer

die Bäckereien: Liebl - Pongratz - Vogl - Grassl - Kerscher - Meidinger
die Wirte: Amberger Hof, Osl, Januel, Rabl, Miethanner, Wieser, Wieser Girgl, Pfeffer, Dreger, Lemberger, Graf, Röhrl, Greiner, 


Schindler Anny aus der Bürgerfestbeilage von 1995
Aber nun zum Haus der Liebl-Schwestern, früher der Dregerbeck, noch früher "Schindler".
Eine der letzten Personen aus dieser "Dreger-Schindler" Ära war die "Schindler Anne", das Fräulein Anna Dreger, deren Großvater den Bau der Schindlerkapelle veranlasste.







wie bei den meisten Häuserchroniken, so beginnt auch hier die Liste der gesicherten Hausbesitzer erst in dem Bereich zwischen 1650 und 1700, weil erst in dem Zeitraum - zuerst lückenhaft, dann vollständig - die Reihe der Briefprotokolle einsetzt, die erst die Sicherheit gibt, dass die vermuteten Besitzer auch die richtigen sind.
Nichts desto trotz gibt es einige Fundstellen schon in den Jahrhunderten vorher, die einen Hinweis geben, dass manche Personen mit einzelnen Anwesen verbunden werden können.
Solche Fundstellen sind Steuer- und Bürgerlisten, die über Jahrhunderte hinweg eine bestimmte Reihenfolge einhielten, so dass manche Stelle innerhalb der Liste auf manche Häuser schließen lässt.
Trotzdem bleibt die Zuweisung einzelner Familien auf die Anwesen mit einer Unsicherheit behaftet.

Ich habe frühe Hinweise - aus Steuerlisten, - dass zu Ende des 16. Jahrhunderts ein Poyssl Sebastian Besitzer des Anwesens gewesen sein könnte.

 Die Schreiner


Fast sicher wissen wir es mit dem Auftritt der Familie Schreiner, wobei speziell der erste, der Bäcker Hans Schreiner, der uns namentlich in den Akten bekannt geworden ist, ein etwas rabiates Exemplar eines Kötztinger Bürgers gewesen ist - oder aber die war ein zumindest nicht unübliches Verhalten der Bürger in Kötzting, um Streitigkeiten auszutragen...
Warum nur "fast"?
Nun, wir denken, auf der Hausnummer 141 ein Mitglied der Familie Yettinger zu dieser Zeit lokalisieren zu können und dieser beschreibt seinen Besitz als zwischen dem Bäcker Schreiner und Billich liegend.
 

StA Landshut Rentkastenamt Straubing
Pfleggerichtsrechnung von 1632
Einnamb an Geldtstraffen und Gerichtswändeln

Hanns Schreiner burger und Peckh alhir zu Khözting, ist von Wolfen Gogeißl Trummelschlegern daselbsten darumben clagent vorgenommen worden, daß er dem Mitwoch vor Pfingsten nach Aufführung der Wacht mit enem Praiden Plossen Dolchen vor sein Hauß khommen, und gegen Gogeissls Weib vermeldt, "Du redo Schandhuer, lass mir deinen Mann, den Tauben Dieb herab gehen, diese Klinge mueß sein Freudthof sein", hingegen aber Schreiner in seiner Antwort vorgeben es hette ihme der Gogeißl ein redo Hundtsschlagerisch Dieb: darauf er ihme erst einen dauben Dieb gehaissen, dahero und weilen beede Thaill handwerkchs leuth sein, die Iniurien Exofficio daß es yeden an seinen Ehren unverletzlich sein sollen, aufgehebt, und daß Schreiner der Außforderung gestendig gewesen, ist er deßhalben gestrafft worden per 5 Pfund Regensburger Pfennig. Tuet in Münz 2 Gulden 51 Kreuzer und 3 Pfennige





Vieles in diesem Rechnungsbucheintrag ist bemerkenswert bzw. wert, erläutert zu werden.
1. Überschrift: Gerichtswändel: das Pflegegericht - und nur dieses - ist berechtigt, eine Strafe in Geld zu wandeln und die persönliche Ehre der beiden Beleidigten wiederherzustellen.
Hätten sich die beiden Kontrahenten - nach einer Nacht zum Überlegen - am nächsten Morgen friedlich, schiedlich gegenseitig entschuldigt und den Vorfall für ein dummes Missgeschick erklärt, hätten sie sich einer weiteren Straftat schuldig gemacht.
Nur das Gericht kann die Beleidigungen für nichtig und die beiden wieder “zu guten Freunden erklären"
2. Dann hören wir von der "Aufführung der Wacht". Offensichtlich ist am Abend in Kötzting die Wache aufgezogen, hat die Tore geschlossen und ist vermutlich die Marktbefestigung abmarschiert, inkl. der Feuerwache.
3. Dann hat Schindler eine Waffe gezogen, damit konnte die Straftat nicht mehr vor dem Magistrat, als der untersten Instanz der Kötztinger Bürger, verhandelt werden, sondern musste vor den Landrichter in der Kirchenburg.
4. Der Anzeigende war von Beruf Trommelschläger, eine interessante Berufswahl
5. Und als letztes: die Geldstrafe wurde, nach alter Tradition und diese hielt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, in der Währung "Pfund Regensburger Pfennige" ausgesprochen, die dann im Rechnungsbuch sofort in die derzeit gültige Währung umgerechnet wurde.

Nur ein Jahr später, im November 1633, kam dann die große Katastrophe über Kötzting und seine Bewohner, nur wenige von diesen überlebten den Feuersturm, den die "Schweden" auslösten, als sie die, weitgehend aus hölzernen Schuppen und Städeln bestehende Befestigungsanlage, des Marktes an mehreren Stellen anbrannten.
 Aus dem Jahre 1638 kennen wir eine Seelenbeschreibung der Pfarrei Kötzting, in der sich für den Markt Kötzting, einschließlich der Kinder, Mägde und Knechte, weniger als 300 Menschen finden lassen.
Sowohl die Familie Schreiner als auch die der Schindler überleben die Katastrophe als Ehepaar und zusammen mit ihren Kindern.

 die Schindler


Pfarrarchiv Kötzting Pfarrmatrikel Band 1 vom 12.5.1670
Georg Schindler, der Sohn von Hans Schindler und Elisabeth, heiratet ELisabeth Passauer, die Tochter des äusseren Rats Jakob Passauer  und Margaretha dessen Ehefrau.

Ab jetzt können wir endlich ganz sicher sein, die richtigen Bewohner des Hauses Nr. 142 benennen zu können, auch weil er, Schindler, noch im selben Jahr beim Spital in Kötzting 50 Gulden als Grundschuld auf sein Marktlehen: zwischen "H: Traurig und Wolf Raab" aufnimmt. Wolf Raab ist zu der Zeit der Besitzer des Hauses 141.
Wir wissen nicht genau, wann der Wechsel von der Familie Schreiner zu den Schindlers erfolgt ist. Als ein anderer von Hans Schindlers Söhnen heiratet, wird der Beruf von Hans Schindler als Fludermann angegeben.

Anders als heutzutage verkauften die Kötztinger Bäcker ihre Ware nicht in einer Verkaufsstelle zu Hause, sondern in dem sogenannten Brothaus. Dieses Brothaus war im Rathaus Kötzting angesiedelt und für die dort genutzte Fläche mussten die Bäcker im Jahr 30 Kreuzer zahlen, eine Zahlung, die sich auch in den Rechnungsbüchern des Marktes wiederfinden lässt.
Auch Georg Schindler kam nachweislich mit dem Gesetz in Konflikt, sein Verfahren aber wurde vor dem Magistrat verhandelt; die Strafe aber war unangenehm: einen halben Tag wurde er für einen Streit mit dem Kötztinger Schlosser Paar in den Stock gesteckt.
Der Schlosser Paar war damals übrigens in der Wuhn eingestifftet.
StA Landshut Briefprotokolle Kötzting P2 Seite 15

 Im Jahre 1700 unterzeichnen Georg Schindler, der Bürger und Bäcker und seine Frau Elisabeth, einen Schuldschein, bei dem sie für weitere 50 Gulden ihre zwischen Traurig und Raab liegende Marktlehensbehausung hinterlegen.
Im Laufe der nächsten Jahre leihen sie sich Geld von Georg Lärnbecher, dem Wiesmüller, dann offensichtlich direkt vom Pfarrer und Prior Placidus Daller (wäre das Geld von der Kirche gekommen, hätten die Kirchenverwalter unterschrieben) und hinterlegen dafür mehrere ihrer Wiesengrundstücke.




Im Jahre 1706 erlaubt er sich ein teures Späßchen mit dem Magistrat, den er einen "Butzen" nannte, was ihn gut 3 1/2 Gulden kostete, je nach Umrechnungskurs um die 500 Euro.
1711 dann erlaubte er sich eine Schwarzschlachtung im eigenen Hause, ohne "Bschau" wofür er erneut 1 Gulden 8 Kreuzer 4 Pfennig (= dies ist exakt 1 Pfund Regensburger Pfennige und ungefähr 150-200 Euros in heutiger Münze).

Wenige Jahre, am 3.4.1716, später verkauft/übergibt er seine Bäckerei an den Sohn Andreas Schindler, nimmt sich dabei die freie Herberge im "hinteren Haushofstübl" für sich und seine Tochter Maria Katharina aus, welche untauglich wäre zu dienen und sich ihr eigenes Brot zu verdienen.
Andreas Schindler bleibt ledig und bekommt von seiner Mutter, Elisabeth Schindler, die mittlerweile im Witwenstand lebt, das Haus, Grundstück, Werkstatt und die auf dem Hause liegenden Gerechtigkeit übertragen. So weit so gut, aber plötzlich verstirbt der Sohn und nun wird die Witwe 1725 vom Kötztinger Bäckerhandwerk verklagt, weil sie einen "Pfuscher" hatte arbeiten lassen, also einen nicht von der Kötztinger Bäckerzunft anerkannten "Pfuscherbäcker" (HStA München GL fasc. Nr. 1819-22). Der Beklagten sei nur die "zeitliche Verlassenschaft anheimgestorben" und nicht das Meisterrecht. Es kommt zunächst zu keiner Entscheidung, der ganze Vorgang wird vertagt.

Die Rettung kommt aus Furth im Wald.

Die Dreger

 Im Jahre 1730 zahlt der junge Bäcker Johann Georg Dreger aus Furth im Wald 13 Gulden für das Kötztinger Bürgerrecht und heiratet noch im selben Jahr die Tochter Maria Katharina Schindler.
Ihre Mutter Elisabeth, geborene Passauer, die mit der Kötztinger Bäckerszunft im Clinch lag, war im Sommer verstorben.

Pfarrarchiv Kötzting Hochzeitsmatrikel Band 14
am 13. desselben (November Monats)  heirateten in der Kapelle St. Veit der ehrenwerte Jüngling Johann Georg Traeger, Sohn des ehrenwerten Bürgers und Bäckers aus Furth Johann Traeger und Magdalena dessen Frau, die noch am Leben war, die tugendsame Jungfrau Maria Katharina Schindler, Tochter des ehrenwerten Johann Georg Schindler, Bürgers und Bäckers diesorts und Elisabeth seiner Ehefrau, beide verstorben,
Die Trauzeugen waren der Richter in der Hofmark Kleinaign Wolfgang Traeger und der Kötztinger Gerber
Christoph Kollmeier

Um die Dregers ist es recht ruhig in den Akten, keine Notiz, also auch kein Ärger, weder von ihnen, noch an ihnen.
Erst als die große Weltpolitik seine Wellen auch nach Kötzting hereinschwappen lässt, taucht die Familie in den Akten auf.
Der Österreichische Erbfolgekrieg bringt fremde Truppen und damit Einquartierungen und Kontributionszahlungen, die vom Landgericht auf die Ortschaften und dort auf die einzelnen Anwesensbesitzer heruntergebrochen werden.
1742 erhält die "Wirtin Frau Dröger" mehr als 3 Gulden für die zwangsweis Bewirtung von 52 Pöckhenjungen. Die Fuhrleute von durchziehende Proviantfuhren müssen untergebracht werden, und auch dafür erhält die Wirtin Dreger Geld.

Nun wirds ernster, Baron von der Trenck (der, der Cham eingeäschert hatte und an den alljährlich ein Festspiel in Waldmünchen erinnert) droht auch den umliegenden Städten und Märkten.
Um diese Drohung abzuwenden (die Brandschatzungssteuer, die eben Cham verweigert hatte), wurden die einzelnen Bürger herangezogen, und der Weißbäcker Hans Georg Dreger steht mit 100 Gulden in der Kontributionsliste. 15 Jahre später wartet Georg Dreger immer noch auf die Rückzahlung dieser Summe aus der Marktkasse, aber zumindest steht er noch in der Liste der Begünstigten....
1743 hatte er Bediente des Generaladjutanten unterzubringen und diesen 6 Gulden als Portionsgelder zu bezahlen.
Auch diese schweren Zeiten nahmen einmal ein Ende und es begann der ganz normale Alltag, was für die Bäcker auch mit Lebensmittelkontrollen verbunden war.
1749 erwischt es ihn, ebenso wie die anderen Kötztinger Bäcker: "als die alhiesigen Pöckhen die ihnen öfters dictierte Straffen nit respectiert, sondern mit ihrem liderlichen Brodtpachen annoch wie vor ungeschückt fortgefahren auch deren Brodt sogar nit mehr gedipflet haben."
Also zu leicht/klein, vermutlich Beimengung von allem Möglichen, nur nicht Getreidemehl, und nicht sauber verarbeitet.
Johann Georgs Frau verstirbt früh (1741),  und der Witwer heiratet seine zweite Frau, eine Bäckerstochter aus Runding.

Aus dem Jahre 1768 - vermutlich war er das bereits viel früher - wissen wir, dass der Bäcker Johann Georg Dreger Mitglied des Rats geworden war.

Im April 1770 verstirbt Johann Georg Dreger, und seine Witwe übergibt das Marktlehen und die Bäckerei an den Sohn Andreas Dreger um 3500 Gulden.

Bei der Übergabe bekommen wir auch eine kleine Baubeschreibung mitgeliefert: das Haus ist zweigädig gemauert, (also anders als viele Häuser in Kötzting auch im ersten Stock aus Stein errichtet) und hat einen neuen Dachstuhl und doppelten Boden erhalten.
Seine Geschwister, die er damit gleichzeitig auszahlen konnte, waren die Ehefrau des Kötztinger Metzgers Stephan Dimpfl, Anna, und der Bäckersknecht Joseph.
Weiterhin waren vorhanden: Eine Stallung, 2 Schupfen mit dem in der äußeren (Schupfen) sich befindenden Sommerkeller und einem kleinen Wurzgartl.
Zwei kleine Äckerl oder Krautgärtl, den einen hinder dem Eckelshof das ante aber interhalb des Dampfbaches lieget.


der sogenannte Sandthofacker bey Fessmannsdorf zwischen des Müllers allda Gründen
der sogenannte Steinacker oberhalb des Dampfbaches
den Passauerischen Theilacker in der Leimbgassen

der sogenannte Hopfengarten am Zeltendorfer Gangsteig entlegen
die Altwiesen im Gänskragen entlegen
die Marktdiener und Rabenwiesen genannt am Maxen Auzinger und dem sobetitelten Wehyer stossend
 
Ausnahmb: in dem auf dem Backofen im Hof vorhandtenen Stübel welches ein iedmaliger Hausinhaber in baulichem und wohnbaren Stand zu halten hat.
Die übergebende Witwe zieht also in einem Raum über dem Backofen...was ich als durchaus bemerkenswert empfinde.
Als Sohn eines Bäckers in Kötzting erinnere ich mich noch gut an das sogenannte "Warme Zimmer" über dem Backofen und der Backstube. Dieses Zimmer eignete sich nur zum Wäschetrocknen, es war ansonsten unbewohnbar. Als Kinder wurden meine Schwester und ich in diesem "warmen Zimmer", im ansonsten unbeheizten Riesenhaus am Marktplatzeck, morgens aus einer Waschschüssel gewaschen. Ich möchte mir die Bedingungen der Witwe Dreger ÜBER dem Backofen gar nicht vorstellen müssen.

Aus dem Jahre 1771 kennen wir noch einen Vorgang, der bezeichnend für die damalige Zeit ist:
Die Pfarrkirche und das Spital in Kötzting(als Gründungskapital) hatten ein Recht auf die Abgabe von Naturalien, den Zehent, dieser Zehent, der von Dorf zu Dorf verschieden, war eine Holschuld und wurde entweder gleich auf dem Felde "gefext" oder aber in der Tenne.
Solche ein Zehent, der vom Ernteertag abhängig war, war für die Pfarrei nicht nur unangenehm schwankend, sondern auch mit Aufwand verbunden.
StA Landshut Briefprotokolle Kötzting P 36 von 1773
Wie heutzutage bei einer Spekulation auf den Rohstoffmärkten, konnten Kötztinger Bürger den Zehent eines Dorfes zu einem Jahresfestpreis kaufen und hoffen, dass die Ernte hoch genug ausfiel, dass das Ganze für sie zu einem Gewinn summierte.
Andreas Dreger hatte nun den "dritten Garb Zehent" von Sitz(?) und Dorf Gehstorf des Spitals Kötzting erworben und das Kloster Rott stellte ihm darüber einen Lehensrevers aus.
Er heiratete 1773 Anna Maria Schiedermeier, eine Chamer Bäckerstochter, die ihm 1000 fl. Heiratsgut mit in die Verbindung brachte.


Weiterhin kennen wir von Andreas Dreger nur Kleinigkeiten, er wird als "Kirchenherr" erwähnt, ist also Teil der Kirchenverwaltung. Bei der Handwerkszunft der Bäcker wird er Oberlademeister.

Obwohl er zuvor nicht am Streit einiger Kötztinger Bürger mit dem Magistrat um den Ankauf von Anteilen an der Hofmark Reitenstein beteiligt war, erwirbt er in den Jahren zwischen 1790 und 1793 mehrere Anteile von Anteilseignern und vom Magistrat. Er ist also kapitalkräftig genug , um sich diese üppigen Ausgaben leisten zu können.
Unterschrift Kammerer
Andreas Dreger


1793 führt Andreas Dreger, mittlerweile Kammerer (=Bürgermeister) in Kötzting einen Prozess gegen seine Nachbarin. Genauer gesagt , er muss sich in einem Prozess gegen die Vorwürfe der Scholastika Preissin, Gattin des Gerichtsschreibers Preiss erwehren, er würde eine Mauer errichten, die nicht auf seinem Grund stünde. Weiter beschwert sich die Nachbarin, dass Ander Dreger seine Dachentwässerung auf ihren Grund ablaufen lassen würde.
 Dreger wehrt sich gegen die Anfeindungen und kann auch bei jedem der anstehenden Schritte im Verfahren gewinnen. Preiss jedoch gibt nicht nach und so schreibt sich Andreas Dreger seinen Frust von der Seele:
Wie weit wohl wird die Streitsucht meines Herrn Nachbars Joseph Preiß churfürstlicher Landgerichtsschreibers der orten gegen mich noch gehen?
Kaum nahet sich ein Prozess seinem Ende, so betritt er gleich wieder mit einem neuen die Bühne.

Treflich hält er sein Wort, daß er mich lebenslang mit solcher Geißl martern würde.
Schade für ihn, dass er jedesmal nur solche Entwürfe aushöcket, welche beim ersten Blicke das Brandmal der gehässigsten Geburth auf der Stürne tragen......

1798 wird Andreas Dreger erneut zum Kammerer gewählt, und auch als er im Januar 1804 verstirbt, wird er als Nebenkammerer (in etwa der 2. Bürgermeister) bezeichnet.


Ein Sohn, wieder ein Andreas, heiratet, ein paar Häuser weiter die Marktstraße hinunter, eine Nachbarstochter. Im Jahre 1807 ehelicht er Lärnbecher Magdalena, die Tochter des Kötztinger Marktlehners und Bäckers Michael Lärnbecher. Heute die Apotheke am Marktplatz. 
Hier verzweigt sich die Dregerlinie, er begründet mit der Heirat die Linie Dreger-Jackerbeck

Ein anderer Sohn, Michael Dreger, heiratet 1811 Kollmaier Franziska, die Tochter des Luckner-Kompagnions Christoph Kollmaier, und übernimmt das elterliche Anwesen. .

Im Jahre 1825 finden wir Dreger Michael als Gemeindebevollmächtigten, also als ein Mitglied des zweites Kontrollorgans bei der Marktsverwaltung.
Unterschrift Michael Dregers 1850 in einem Streit
um die Steurechte in den Reitensteiner Wäldern
In den Marktrechnungen von 1844 finden wir eine Ausgabe an Michl Dreger, der 4 Bund Stroh zur Auffüllung der Arreststrohsäcke geliefert hatte. Im April 1847 stirbt Michael Dreger im Alter von 58 Jahren an Altersschwäche. 1851 dann seine Witwe mit 61 Jahren. Sie stirbt wohl eines schrecklichen Todes: im Sterbebuch ist als Todesursache vermerkt: "Gedärmbrand infolge eines Sturzes."



1853 steht dann der nächste Generationswechsel an. Michael Dreger heiratet Trunkenpolz Theresa. Er erhält vom Magistrat die Heiratserlaubnis. Allerdings muss er für die Bäckerei "aus Mangel an persönlicher Befähigung zur Ausübung des Bäckergewerbes einen Sachverständigen einstellen."
Offensichtlich hatte er seinen Meisterbrief noch nicht.

1854 erhält er dann sein Bürgerrecht, er muss mittlerweile 32 Gulden dafür bezahlen.
Die Ehe hält aber nicht lange, bereits 1864 verstirbt Therese mit nur 31 Jahren an der Lungensucht.
Der Witwer heiratet noch im selben Jahr wieder - wenn Kinder zu versorgen sind, muss man die 1-jährige Trauerzeit nicht einhalten - Greidl Katharina, eine Wirtstochter aus Englmar.
Vom Oktober 1855 kennen wir eine Vergleichsverhandlung - ein neu eingeführtes Rechtsinstrument - 
zwischen Michael Dreger und dem Marktschreiber Johann Grieb. Grieb klagt wegen öffentlicher Beschimpfung durch den Bäcker Michael Dreger im Rötzerischen Wirtshause.
Dieses Rötzerische Wirtshaus ist die spätere Dampfbäckerei Pongratz.
Der Landrichter Carl von Paur gründete, neben vielen anderen sozialen Einrichtungen, auch einen Dienstbotenheilsverein, zu welchem Michl Dreger 1864 beitritt. 
Beim großen Marktbrand 1867 wird auch das Dregeranwesen komplett eingeäschert

StA Landshut BZA/LRA Kötzting Nr. 1570 Beschreibung des Schadens auf Hausnummer 142
des Bäckers Michl Dreger





Dreger Michael Bäcker:


1. Das Wohnhaus 2-stöckig, ist aus Bruchstein mit Schneidschindeldachung vor dem Brande hergestellt gewesen.


2. Das linksseitige angebaute Backhaus und Stallung war massiv aus Bruch und Backsteinen hergestellt und mit einem Schneidschindeldache versehen.

3. Die hintere 2-stöckige Stallung hatte gemischte Umfassungen und ein Schneidschindeldach.

4. Die rechtseitig angebaute Backstube und Stallung und darüber derselben Wohnung war aus Bruch- und Backsteinen erbauth undn mit einem Legschindeldach versehen.

5. Die 2-stöckige Wagenschupfe in der Bollburggasse bestand aus Bretterumfassung und Legschindeldachung.

6. Der Stadel beim Friedhof hatte ebenfalls eine Bretterumfassung und Schneidschindeldach.




                                                                           Befund:




Von dem Wohngebäude bestehen nur noch arg ausgebrannte Mauerreste von Scheidemauern und die Umfassung bis zum Dachgebälk. Diesem Mauerwerk ist keinerlei Tragfähigkeit mehr zuzutrauen und wird der Abbruch die Kosten des Materials um einen erheblichen betrag übersteigen; demnach wird der Schaden als ein totaler erkannt.

Das linksseitig angebaute Backhaus und Stallung ist im Innern und resp. sämtliches Holzwerk ausgebrannt und es bestehen nur noch mehr Mauerreste der Umfassung, welche als wertlos erscheinen. Der Backofen hat zwar durch den Brand nicht so sehr gelitten, muss aber aus feuergefährlichen Rücksichten versetzt werden, sohin ist auch hier der Schaden ein totaler.

Die hintere 2-stöckige Stallung an diesem Gebäude die sämtlichen Holzteile vom Feuer völlig verzehrt und stehen sonach nur noch das Bruchsteingemäuer, welches vom Feuer arg gelitten.

Das Stadelgebäude ist bis auf wenige Mauerreste völlig verschwunden, welche übrigens ganz wertlos erscheinen.
 
Bei dem Brand wurde auch die Besitztümer von Mietern und Angestellten zerstört:
Hier die Schadenliste der Magd Anna Mang aus Bonried, Dienstmagd bei Michl Dreger



Kötzting ersteht neu:


Repro 2654, Dies ist ein Ausschnitt aus dem vermutlich ältesten Photo, das wir von Kötzting haben, und zeigt den
oberen Markt nur 7 Jahre nach dem Großbrand in neuer Blüte. Mit Fahnen geschmückt, das Haus des Michael Dreger.


In dem Beitrag über die Entstehung der Schindlerkapelle berichtet die "Schindler Anne", Fräulein Anna Dreger davon, dass ihr Großvater diese bei einem Unfall mit seinem Ochsenfuhrwerk vermacht, selber aber die Errichtung in den Jahren 1870/1872 nicht mehr erlebt habe, weil er vorher verstorben sei. Ich kann allerdings keinen Sterbeeintrag auf einen Kötztinger Bürger und Bäcker mit dem Namen Michael Dreger finden. 
Allerdings findet sich im Staatsarchiv in Landshut unter den Nachlassakten der entscheidende Hinweis. Es ist bekannt, dass autobiographische Erzählungen wichtige, ja unerlässliche aber manchmal eben auch im Detail unzuverlässige Quellen darstellen können. So ist es auch hier. 
Der Großvater von Frau Anna Dreger, von dem sie berichtet er sei VOR der Errichtung der Kapelle im Jahr 1870/72 verstorben, hat noch lange dieses Datum überlebt und wohl selber noch am Bau mitgewirkt.
Schindlerkapelle, errichtet von Michael Dreger - Hausname Schindler - um die
Jahre 1870-1872
Ölgemälde in Privatbesitz
Die Schindlerkapelle auf einem Farbdia Ende der 30er Jahre von Josef Bock

Laut Nachlassakten (StaLandshut Rep 166N-12 Schachtel 12 Nr. 88 von 1888) ist Michael Dreger am 7. Oktober 1888 vormittags um 10 1/2 Uhr im Alter von 66 Jahren im Hause Nr. 142 in Kötzting verstorben. Nun hätte es auch ein anderer Michael Dreger sein können, es gab ja mehrere diesen Namens. Im Akt ist aber die Witwe Katharina erwähnt und auch die erste, verstorbene Frau, Therese Drunkenpolz.
Nachlassakten\Rep 166N-12 Schachtel  28 Nr. 42 Dreger Karl





Es gibt in den Nachlassakten einen zweiten Dreger aus dieser Familie: Karl Dreger.
Am 11. April verstarb in München der ledige Braugehilfe Karl Dreger im Alter von 30 Jahren, Sohn des Kötztinger Michael Dreger. Dieser Karl Dreger sollte mit dem Pfingstbräutigam von 1876 identisch sein, seine Pfingstbraut war damals Denk Anna.
Alle
anderen Pfingstakteure
aus dem Dreger-Kreise scheinen von der Jackerbeck-Linie abzustammen.















Repro 2013 Familiebild der Familie Huber (Drechsler)
von links hinten: Hedwig, Xaver, Heinrich, Mathide
vorn die Eltern Xaver und Therese Huber geb. Dreger-Schindler
Tochter des Michael Dreger Abage von Frau Anni Dreger



Erneut wird ein Michael Dreger Nachfolger auf der Bäckerei: 1888 erhält er das Kötztinger Bürgerrecht und 1889 heiratet er die Pullinger Müllerstochter Barbara Höcherl.

Das Paar wird 5 Kinder haben, das jüngste, eine Tochter, wird unsere Gewährsfrau, Fräulein Anny Dreger, vulgo Schindler Anne.
Michael      1889  + 1890
Barbara      1890
Michael      1892
Joseph        1894    + 1894
Anna           1901


Seit 1730 lebte keines der Schindlermitglieder mehr auf dem Haus, trotzdem hat sich der Hausname bis zum Tode der "Schindler Anne im Jahre 1988 gehalten.
1892 wird Michael Dreger das Haus in der Holzapfelstraße errichten, welches später dem Geschäftsgebäude der Fa. Oexler weichen musste. Interessant ist hier, dass der kleine Gemüsegarten



a: der Bauplatz des Neubaus
interessant ist der Punkt e: Gartengrund des Bauherren
(siehe die nächste Luftaufnahme)


Stadtarchiv Kötzting/Bilderblöcke/Luftaufnahmen/Img118
Schön hier zu sehen, der kleine, schmale Gemüsegarten, den Frau Sonnleitner bewirtschaftete, heutzutage ein Privatparkplatz des Kaufhauses Wanninger. Laut Lageplan gehörte dieser Fleck ebenfalls zum Anwesen Hnr 142 und nicht zu 143.
Serwuschok Lufbilder, Ausschnitt
 hier noch einmal schön zu sehen das Dreger-Schindleranwesen, das als einzigstes - nach dam Marktbrand vom Marktplatz bis zur Holzapfelstraße reichte, trotz der Fragemntierung durch
Erbteilungen.


 
Repro 2564 Baustelle neben dem alten Friedhof, mit Blick auf das damals noch ziemlich
neue Schindlerhaus


Die folgenden Bilder stammen aus der Sammlung des Arbeitskreises Kötzting und wurden von Frau Anny Dreger, vulgo Schindler Anne,  an Frau Rabl-Dachs und Frau Kretschmer übergeben

Michl Dreger in der Uniform 1914-18


Michl Dreger im "Guten Zimmer"


von links:  Anny Dreger, Herr Michael Dreger, Frau Dreger oder Huber Hebamme, Babette Dreger
links und rechts außen die Herrn Liebscher und Hänisch aus Dresden




Repro 2011 das Schindlerhaus an der Ecke Gehring-Holzapfelstraße


Repro 2015 Dreger Töchter: von links Babett (wettl) und Anni




Repro 2017 Fräulein Anni Dreger als Kommunionkind um 1910

Repro 2016 Kinder im Dregergarten, siehe auch das Buch von Paula Dittrich

Um die Jahrhundertwende - beginnend mit dem Marktbrand von 1867 und dem schrittweisen Ausbau der späteren Gehringstraße - wurde das früher zusamenhängende Schindleranwesen zerstückelt.
Der Schuster Karl bezog das spätere Sonnleitnerhaus, die Dreger zogen sich auf das schmucke  Gebäude mit Garten zurück.

Ungefähr aus der Jahrhundertwende stammt eine Gruppenaufnahme des oberen Marktes, bei dem man am Rande auch das Dregeranwesen erkennen kann.
Repro 2566 noch mit dem Seilzugaufzug
 
Von Joseph Barth haben wir eine Bilderserie aus den 40ern vom obern Markt, auf dem auch am Rande das Gebäude zu sehen ist:
Josef Barth Film Nummer 75 Nun das Gebäude ohne Seilzuggaube



Das Gebäude auf der Marktstraßenseite blieb eine Bäckerei.
In den Nachkriegsjahren wurde dies zum Stammhaus der Bäckerein Liebl. Von Karl Liebl, haben wir einige Aufnahmen aus seiner Backstube. Für mich interessant ist es, dass einige seiner Bäckergesellen Jahre später bei meinem Großvater und Vater gearbeitet hatten. Heubl Sepp war unser Schießer, also der Mann am Backofen, der die Verantwortung trug beim Ein- und Umschießen und ob und wann das Backgut fertig war.

Aus dem "Dritten Reich", ohne ein besonderes Datum, kennen wir ein Bild, auf dem deutlich auch die Beschriftung "Bäckerein und Handlung Karl..." zu lesen ist.
Repro Arbeitskreis Heimatforschung Nr. 784




Repro 1626, am Ofen Sepp Heubl, in der Grube Karl Liebl, rechts Fuidl Karl aus Gehstorf
Wir haben darüber hinaus noch zwei Bilder von Joseph Barth, vom Arber, die die Kötztinger beim Skifahren zeigten, unter ihnen auch inmitten seines Freundeskreises, Karl Liebl:




Karl Liebl mit Ludwig Wolfgang, Franz Oexler
und KB Krämer

Serwuschok Luftbilder: das Anwesen in den 50er Jahren

Ich hab leider kein einziges Bild von der kompletten Ladenfront der Lieblschwestern gefunden, nur in einem kleinen Abschnitt am Bildrand, als über das Kötztinger Verkehrschaos am Marktplatz berichtet wurde:
Links im Hintergrund der Laden der Liebl Schwestern



Liebl Karl kaufte 1951 das Haus in der Torstraße 4, und das alte Schindler-Dreger Anwesen wurde zu einem kleinen Lebensmittelladen für seine Schwestern umgebaut.

Swerwuschok Luftbilder: die alte Hofmannbäckerei, die Karl Liebl 1951 erwarb





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.