Die Zahl der Bewohner im ehemaligen Landkreis Kötzting hatte sich nach dem Kriegsende mit den Geflüchteten und Vertriebenen um fast 50 Prozent erhöht und diese Menschen konnten unseren Grenzraum bis zum Jahre 1947 auch nicht verlassen, da selbst die innerdeutschen Sektorengrenzen für sie idR verschlossen geblieben waren.
StA Kötzting Flüchtlingskartei des ehemaligen Landkreises Kötzting mit über 11000 Namen.
Der folgende Ausschnitt dokumentiert die Entwicklung der registrierten Flüchtlingszahlen von Januar bis März 1947. Trotz des deutlichen Rückgangs gegenüber dem Sommer 1945 – die Gesamtzahl hatte sich inzwischen etwa halbiert – verzeichneten alle Gemeinden in diesem Zeitraum nochmals einen Anstieg. Der längerfristige Rückgang war vor allem darauf zurückzuführen, dass die Zonengrenzen zur französischen und britischen Besatzungszone inzwischen geöffnet worden waren. Dies ermöglichte zahlreichen Flüchtlingen, zu Angehörigen in anderen Teilen Deutschlands weiterzuziehen.
Welche gewaltige Herausforderung die Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen auch zwei Jahre nach Kriegsende noch darstellte, zeigt der Jahresbericht 1946/47 an den Kreistag Kötzting. Allein im Altlandkreis Kötzting lebten damals noch 10.791 Menschen, die vielfach unter schwierigen und prekären Verhältnissen existierten und auf öffentliche Unterstützung angewiesen waren.
StA Landshut Rep 164-8 Nr. 1830_0005
Trotz einer allmählichen Verbesserung der Verhältnisse blieb die Wohnungsnot noch über Jahre ein drängendes Problem. So ist selbst im Jahr 1950 in amtlichen Unterlagen noch von „Elendsquartieren“ die Rede, die sich, wie es dort heißt, „landauf, landab im Landkreis Kötzting“ finden ließen.
Foto: Zeitungsausschnitt Krämerarchiv Nr. 54
In der Kötztinger Zeitung konnte man 1951 noch in einem Rückblick auf die "Erfolge" der Wohnraumbeschaffung folgendes nachlesen:
"In einer Denkschrift an den Bayerischen Landtag kennzeichnete Landrat ORR. Scholz die katastrophale Wohnraumlage im Landkreis Kötzting mit dem Hinweis, dass noch 3500 Flüchtlinge in Elendsquartieren und gefährlich überfüllten Wohnungen untergebracht seien. Noch Ende 1948 lebten 450 Personen in Wohnraumlagern. Als im Herbst des Jahres 1949 die Wohnraumkommission der Regierung den Landkreis Kötzting durchkämmte, wurden noch 331 Elendsquartiere festgestellt. Durch die steten Bemühungen der zuständigen Stellen konnten bis zum 30. Oktober 1950 125 Elendswohnungen beseitigt werden. 43 weitere Elendsquartiere wurden in den letzten fünf Monaten aufgelöst. Noch immer aber sind 163 solcher Unterkünfte im Landkreis Kötzting vorhanden. Mit der endgültigen Beseitigung der Elendsquartiere wird im Laufe des nächsten Haushaltsjahres zu rechnen sein. Es ist immerhin bemerkenswert, dass einzelne kleinere Gemeinden des Landkreises heute schon ohne Flüchtlingsbelegung sind. Auch auf dem Gebiete der Wohnraumlager konnten ständig Verbesserungen und Auflockerungen vorgenommen werden. Wohnraumlager bestehen gegenwärtig noch in Arrach, Blaibach, Kötzting, Miltach, Oberndorf und Steinbach. Die Belegung hat sich in den letzten zwei Jahren von 478 auf 391 Personen vermindert. Der größte Rückgang trat in der Zeit vom 1.1.1949 bis zum 1.1.1950 ein. In dieser Zeit wurden die sechs Wohnraumlager im Landkreis Kötzting um 63 Personen entlastet. Sie waren am 1.4.1950 mit 120 Familien (408 Personen) und am 30. November 1950 mit 113 Familien (392 Personen) belegt. Für den Ausbau der Unterkünfte wurden im vergangenen Jahre durch das Kreisflüchtlingsamt insgesamt 24.290 DM aufgebracht. Es ist nicht zu leugnen, dass auch im Landkreis Kötzting zur Beseitigung der Notstandswohnungen und Elendsquartiere das Menschenmöglichste geleistet wurde. Trotz sozialem Wohnungsbau aber hausen immer noch Menschen abseits der Straßen in jämmerlichen Holzhütten."
⭐ Chroniken Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken und der Jahreszahl 1951 zu finden.
Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.
In der Bildersammlung des Stadtarchives befinden sich viele Beispiele von damals tagesaktuellen Veranstaltungen oder Berichten über Handel und Gewerbe, die uns einen kleinen "Blick zurück" erlauben, zurück auf Menschen, die schon lange verstorben sind oder Orte und Plätze, die es ebenfalls schon lange nicht mehr gibt. Mit dieser Reihe an Blogbeiträgen soll diese Erinnerungskultur ermöglicht werden; eine Erinnerung an ein Kötzting mit viel Handel, Handwerk, Vereinsleben und Gasthäusern, mit Jahrtagen, Bällen, und vor allem mit Menschen.
Die schiere Zahl der sich ergebenden Soldaten überstieg die Erwartungen der Amerikaner bei weitem und so wurden die deutschen Soldaten auf viele Dörfer in der direkten Umgebung Kötztings verteilt. Sicher wissen wir von Einquartierungen in Gehstorf, Haus und Sperlhammer.
Der Gutshof - von den US-Amerikanern gleich als "The White House" bezeichnet, wurde von den US-Streitkräften selber rekrutiert, was auch nicht verwunderlich war, da der Besitzer, Herr Rümmelein, der Ortsgruppenleiter der Kötztinger NSDAP gewesen war.
Liest man den Zeitungsartikel über dieses Wiedersehenstreffen genau durch, so sind im Jahre 1975 noch keinerlei Soldaten der 2nd Cavalry beteiligt gewesen, sondern nur Abordnungen der Bundeswehr
Dort in den Wiesen bei dem Gutshof war im Mai 1945 durch die Männer der 11. PD eine Baracke errichtet worden, die später noch viele Jahre für Flüchtlingsfamilien ge/benutzt wurde.
Frühere Angehörige der 11. PD auf der Suche nach ihren Erinnerungen in Sperlhammer
Nun also, nach gut 30 Jahren standen zwei - ältere - Herren in der Wiese bei dem Gut Sperlhammer und versuchten den Ort ausfindig zu machen, wo sie viele Jahre zuvor gelebt hatten.
In dieser Wiese stand wohl einmal die Baracke
Was werden da wohl für Erinnerungen wach geworden sein?
Was wissen wir von diesen Baracken:
Im Januar 1949 hatte der Fraktionsvorsitzende der Bayernpartei Kötzting, Ludwig Volkholz, einen Fraktionsantrag beim Landratsamt gestellt, um die damals immer noch bestehende Baracke endlich abbauen zu lassen.
StA Landshut Rep 164-8 Nr. 3200
Tage später antwortete ein Beamter des Landratsamt mit genaueren Details über die Baugeschichte dieser Baracke.
Es war also das Bau-Bataillon der 11. PD, die das Holzhaus ursprünglich errichtet hatte und der Beamte zweifelte deutlich an, dass der Grundstücksverlust von 315 qm, die die Bracke benötigte, den Bauern dazu gezwungen hätte 5 Kühe wegen Futtermangels abzuschaffen, wie Ludwig Volkholz in seinem Antrag argumentiert hatte.
Kötztinger Umschau im März 1949
Wenige runde Jubiläen später, wurde es zu Treffen der Angehörigen der 11.PD und der US-Armee, besonders der 2nd Cavalry und Captain Sperl wurde in Kötzting zu einem immer wieder gerne gesehenen Gast, auch im White House in Sperlhammer. Dies umso mehr, als er, der Mann der ersten Wochen bei der Besetzung Kötztings, - so wurde mir berichtet - von dem Wunsche beseelt war, vielleicht von der adeligen Familie v. Sperl abzustammen und fühlte sich daher in seinem "White House" bei all seinen Besuchen in späteren Jahren sehr gut aufgehoben.
Ca. 1980 Frau Rümmelein und Captain Sperl in Sperlhammer
Captain Sperl - Franz Oexler - Frau Rümmelein und auf dem Tisch ausgebreitet die große Ahnentafel der von Sperls.
Mit dem Neujahrstag beginnt einer neuer Jahreszyklus, begleitet von vielen Wünschen und Vorsätzen. In der Vergangenheit gab es bereits einige Zuwanderungen, bei denen die Menschen hier bei uns einen kompletten Neustart ihrer Lebensplanung durchziehen mussten/konnten.
Bereits in den letzten Kriegsmonaten setzte eine Binnenfluchtbewegung innerhalb des damaligen Deutschen Reiches ein, der durch die vielen Vertreibungen in der Nachkriegszeit dann Ende 1946 seinen Höhepunkt fand. Die nicht einmal vollständig erhaltene "Flüchtlingskartei" im Stadtarchiv enthält ca. 12000 Namen Wenige Jahre später, als die innerdeutschen Zonengrenzen durchlässiger geworden waren, setzte eine Binnenwanderung ein, die den Wohnungsmarkt im Altlandkreis damit entlastete, aber auch einen wirtschaftlichen Verlust bedeuteten.
Kötzting in der "Wurmhöhe": die Ankunft der ersten Flüchtlinge vom indischen Subkontinent
KÖZ vom Oktober 1957
KÖZ vom Juni 1957
Die deutsche Binnenwanderung vom Bayerischen Wald, als dem damaligen Armenhaus Deutschlands, in prosperierendere Teile des Landes wurde damals genau beobachtet und kritisch beurteilt, obwohl die Winterarbeitslosigkeit noch in den 70er Jahren im Arbeitsamtsbezirk Kötzting die deutschen Rekordwerte erreichten. Es gab aber auch Gegenbewegungen, und so konnten wir Im Jahre 1970 die ersten türkischen Gastarbeiterinnen im Bayerischen Wald begrüßen und später, Ende der 80er Jahre, machten sich bei uns auch die weltweiten Flüchtlingsstrome bemerkbar, als Kötzting für einige Flüchtlinge vom indischen Subkontinent die neue Heimat wurde. Auch wenn die Ursachen für diese Zuwanderungsbewegungen vollkommen unterschiedlich waren, so haben sie doch eines gemeinsam, die Hoffnung auf ein besseres Leben in unserem Lande und, da wir nun ebenfalls vor einem neuen Zeitabschnitt stehen, passen die Bilder vielleicht ganz gut zum Jahresanfang.
Von beiden "Vorgängen" gibt es eine Bilderserie in den Unterlagen ,welche alle über eine private Sammlung von Frau Renate Serwuschok dem Arbeitskreis Heimatforschung übereignet wurden und nun im Stadtarchiv Kötzting verwahrt werden. Vieles aus dem Bestand, den wir von Frau Serwuschok ins Stadtarchiv übernehmen durften, befindet sich in großen, nach Monaten sortierten, Briefumschlägen. Manche/viele der Negativstreifen sind aber unsortiert, auch wenn bei einigen Negativen ein erklärender Begleitkommentar angeheftet ist, wie auch zumindest in einem dieser beiden Fälle. Wenn ich nachträglich Information über den damaligen Berichterstatter bekomme, werde ich diesen natürlich ergänzen.
Über die "Wurmhöhe" herauf konnte die Gruppe der damaligen Fluchtlinge ihr Quartier im Rückgebäude beim "Fischer Peter" beziehen.
Viele Menschen, die auf einen Neuanfang im sicheren Deutschland hofften.
v.r. Herr Ludwig Wolfgang, später Kötztings Bürgermeister, damals noch Beamter im Landratsamt Cham, neben ihm Herr Alfons Fischer aus Thenried und Angestellter im Kreisbauhof und vorne rechts Florian Heigl und Walter Ziegler
Im Juli 1970 dann waren es türkische Frauen, die als Gastarbeiterinnen in den Großküchen arbeiteten. Alois Dachs war der Berichterstatter über die Gastarbeiterinnen.
Muesser Girgin aus Malkara arbeitete im Gasthof am Eck
wie im Januarblog bereits angedeutet, möchte ich die "Jahresüberblicke" zeitlich etwas dichter abarbeiten, weil ich sonst - ich gehe halt nicht davon aus, dass ich 185 Jahre oder noch älter werde - die, auch für mich persönlich, interessanten Jahre zur Aufarbeitung nicht mehr erleben werde.
Gesundheit vorausgesetzt...werde ich nun mit einer zweiten Reihe der Jahreschroniken beginnen, also zukünftig weiter immer im Januarblog: "Kötzting vor 110 Jahren" und dann, je nachdem in welchen Monat unser Pfingstfest fällt, nun die Zusammenstellung: "Kötzting vor 70 Jahren".
Ich muss allerdings gestehen, dass ich nun bei der immer noch laufende Digitalisierung der Lokalausgaben in den 70ern angekommen bin und DIESER Zeitraum ist für mich wegen der eigenen , genaueren und eben persönlichen, Erinnerung, noch viel interessanter.
Es kann also gut sein, dass ich zukünftig in den jeweiligen Herbst hinein mit einer ähnlichen Zusammenstellung, beginnend 1967, also "Kötzting vor 50 Jahren" starte.
Auch wenn die Digitalisierung einer Zeitungsdoppelseite relativ zügig abläuft - etwa 7-9 Sekunden - , so bleibt doch ausreichend Zeit dabei die Überschriften und wichtigsten Bilder zu überfliegen. Der Übergang der 60er auf die 70er Jahre in Kötzting war eine turbulente Aufbruchszeit, und vor allem viele, der sich nun aus dem beruflichen bzw. politischen Leben zurückziehenden, Kötztinger Personen standen damals am Beginn ihrer Laufbahn. Die meisten neuen Straßen, Neubaugebiete und zukunftsweisenden Projekte entstanden in dieser Zeit bzw. wurden auf die "Gleise" gesetzt. Auch eigene, ich nenn´s mal "Jugendsünden", Aktivitäten kann man dort bereits finden, Also kommt Zeit kommt Rat bzw. eine neue "Blogreihe".
Aber nun zuerst einmal 1947
Auch wenn Pfingsten 1947 erst am Ende des Blogeintrags behandelt wird, hier quasi als Einstieg
ein Ausschnitt aus dem Brautzug und dem Einmarsch in die Turnhalle zur Pfingsthochzeit. man beachte: der leere Jahnplatz, das Volksfest wird erst in späteren Jahren eingeführt.
Die Quittung für die Anfertigung des Pfingstkranzls von 1947
Eine kleine Szene vom Brautzug 1947 als Einstiegsschmankerl
Der Filmausschnitt von 1947 stammt aus einem Film von dem Kötztinger Wensauer Gottfried, der Stadel im Hintergrund sollte noch ein Überbleibsel der 11. Panzerdivision sein und wurde dann - ebenfalls im Jahre 1947 - vom Markt unter der Bezeichnung "Autohalle" an die Brauerei Löwenbräu versteigert und verkauft. Für diesen Verkauf waren sogar Anfragen und Angebote aus Norddeutschland eingetroffen.
Die Bewirtung erfolgte - nach Rücksprache bei Haymo Richter - am alten Feuerwehrhaus
Nun aber zuerst zum Jahresverlauf 1947:
Gut 2 Jahre nach dem Kriegsende und noch mitten im Versuch die Kriegsschäden und -folgen zu überwinden und mit den enormen Flüchtlingsströmen fertig zu werden, lag der Fokus der Behörden besonders auf dem Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen.
Stadtarchiv Bad Kötzting Neues Archiv 203/2 Hooverspeisung
Schon im Herbst zuvor hatten die einzelnen Bürgermeister die Aufgabe die Situation zu analysieren und die Kenndaten nach oben - hier an die Regierung (noch von Niederbayern und der Oberpfalz gemeinsam) weiter zureichen. Wie in der kleinen Tabelle von Ende August 1946 zu ersehen bestand die Bevölkerung Kötztings zu ziemlich genau 33% aus "ortsfremden" Personen, also Kriegsflüchtlingen bzw. Vertriebenen. Bei den Kindern und Jugendlichen lag der Prozentsatz immer noch bei 27 %.
All diese Kinder und Jugendlichen wurden verpflegt, zu einem Tagessatz von 25 Pfennigen, allerdings mussten nur Eltern, die sich diese Kosten wirklich leisten konnten zur Zahlung herangezogen. Für die Durchführung der Schulspeisung wurde extra Küchenpersonal eingestellt und diese Frauen rechneten dann auch wochenweise ihre ausgegebenen Speisemengen ab.
Stadtarchiv Bad Kötzting Neues Archiv 203/2 Hooverspeisung
Die Abrechnung vom Anfang Juni 1947 ergab bei 780 ausgegebenen Schulspeisen noch eine Zahl von 120 Kindern, deren Eltern unterstützt werden mussten.
Stadtarchiv Bad Kötzting Neues Archiv 203/2 Hooverspeisung
Bei der Versorgung der Kinder wurden der Einfachheit halber manchmal auch die ortsansässigen Firmen - größere Lieferungen an Lebensmitteln wurden zentral von Regensburg aus geregelt - berücksichtigt. Hier eine Rechnung der Bäckerei Schmitz - gelegen direkt neben der Metzgerei Oberberger an der Regenbrücke
Stadtarchiv Bad Kötzting Neues Archiv 203/2 Hooverspeisung
Wie aus dem amtlichen Schreiben hervorgeht, ist die "Hooverspeisung" ab Mai 1947 bereits der Nachfolger einer vorherigen Regelung.
Neben der Nahrungssituation der Kinder und Jugendlichen hatte die Regierung auch die "moralische" Situation der Heranwachsenden im Auge und bereits kurz nach dem Kriegsende gab es unter der Rubrik JUGENDSCHUTZ die Aufforderung an die Bürgermeister die Situation im Auge zu behalten und in Hinblick auf mehrere Detailfragen monatlich - später vierteljährlich - an das Landratsamt und folglich auch an die Militärregierung zu berichten.
Hier zuerst die Festlegung einer Jugendsperrstunde vom Februar 1946
Stadtarchiv Bad Kötzting Neues Archiv 430/2 Jugendschutz
Stadtarchiv Bad Kötzting Neues Archiv 430/2 Jugendschutz
Auch in der Liste der Kötztinger Jugendlichen - interessant, dass man 1947 noch mit 25 Jahren als solcher angesehen wurde - fällt der weiterhin sehr große Anteil der "Zugewanderten" auf. Gleichzeitig sieht man, dass der Zustrom an "neuen" Flüchtlingen versiegt ist, es kamen zumindest im Zeitraum von Oktober bis Dezember 1947 keine neuen Personen dieser Altersgruppe hinzu.
Als Träger der Jugendarbeit kamen in Kötzting vier Vereine in Betracht: die Kolpingsfamilie, der Burschen- und Wandererverein (!) (als Mitglied in solchem kann ich mir ein Ausrufezeichen an dieser Stelle nicht verkneifen) und dann noch der Fußball- und Turnverein.
Dies ist die nüchterne Darstellung durch die Marktverwaltung Kötztings in Form einer Tabelle, gleichzeitig bedeutet diese "Aufsichtsaufforderung " der Behörde aber auch, dass die Jugendlichen in Kötzting unter Beobachtung standen - und es gibt entsprechende Berichte der Landpolizeistation über Razzien speziell in den Notunterkünften der Vertriebenen:
Staatsarchiv Landshut Rep 164/8 Nr. 2906 Sittenpolizei: ein Akt beginnend im Jahre 1881 und endend 1951, enthält 1881 einem interessanten Hinweis auf einen Christoph Gruber, Heiglchrist genannt, der bei einer Razzia auf dem Kreuzberg in der Kollerhütte angetroffen worden war. Diese Kollerhütte wurde dann auf amtlichen Befehl hin abgerissen. Dieser Heiglchrist dürfte mit einem der Kinder unseres Heigl Michael mit seiner ersten geliebten Gruber identisch sein.
Vom Februar 1948 meldete die Landpolizeistation Kötzting: 5.2.1948 0,30 Uhr: Kontrolle der Schlafgelegenheiten in der Unterkunftsbaracke des bayerischen Roten Kreuzes am Bahnhof in Kötzting: 15 Personen in buntem Durcheinander von Männern, Frauen, Burschen, Mädchen und Kindern liegen dicht aneinander gereiht auf amerikanischen Feldbetten . Bei meinem Eintritt lag ein Paar unter einer Decke im Beischlaf vereint und trennten sich erst nach meinem längeren Aufenthalte. Diese einem Bordell ähnliche Unterkunft dürfte nicht dem Sinne des bayerischen Roten Kreuzes entsprechen.
Im nächsten Schreiben aus diesem Akt ging´s dann um ein delikateres Detail: Überschrift:
Anwendung von Frauendouchen gegen Empfängnis und Geschlechtskrankeiten verboten
und, auch das gehört zur Situation der Nachkriegszeit in unserem Gebiet,
6 Prostitierte in Lam in Verbindung mit den amerikanischen Soldaten, Deutsche, Belgier und Norweger
Am Ende dieses ernsten Themas hier noch eine Kuriosität, die sich auch in diesem Akt befindet, allerdings aus dem Jahre 1888: Die Landshuter Zeitung 279 des Jahres 1888 berichtete über die Miltacher Wirtshausbesucher: Überschrift Miltach 1.Dezember: Waldler nachtigallen unsittliche Gesänge und Vorträge!
Dieser Zeitungsbericht hatte zur Folge, dass die Kötztinger Gendarmen aufgefordert worden waren einen Bericht darüber zu erstellen. Die Landshuter Zeitung ist noch nicht digital zur Verfügung gestellt, es wird also im kommenden Winter eine meiner Archivsuchen werden, diesen Artikel in München zu finden um herauszufinden welch Gesangeskünstler vor 140 Jahren in Miltach "auftraten"
Mangelverwaltung war also in Kötzting angesagt und das zivile Leben in Kötzting und die Unterhaltungsveranstaltungen waren noch ganz dünn gesät. Selbst das Bier war ja noch, von Amts wegen, als "Dünnbier" verdünnt worden.
Wenn ich mich an ein Gespräch mit meinen Vaters über das Pfingstfest 1948, als er Begleiter beim Dattler Buberl war, richtig erinnere, so gab es erst 1948 wieder reguläres - unverdünntes - Bier an Pfingsten.
Was gab es also noch zu berichten aus dem Nachkriegsjahr 1947?
Die Kötztinger Zeitungen gab es noch nicht, die "Kötztinger Zeitung" erhielt ihre Lizenz erst spät im Jahre 1949. Die "Mittelbayerische Zeitung" startete zwar bereits 1946, aber in der Regensburger Ausgabe tauchte Kötzting natürlich nur am Rande auch. Aber ab Oktober 1947 gab es eine sogenannte Aufgabe "M" der MZ, die sich mit dem Bayerischen Wald beschäftigte und dann bereits 1948 haben wir eine Kötztinger Lokalausgabe.
Aus dem Jahre 1947 haben wir also nur wenige Berichte vom Tagesgeschehen:
Leider war das Zeitungspapier im Jahre 1947 tageweise von so schlechter Qualität, dass der Druck teilweise verschwommen herüberkommt.
"Mittelbayerische Zeitung Ausgabe M vom 21. Oktober 1947" sehr aufschlussreich sind die nackten Zahlen über Schulen, Lehrer, Schüler und die Nahrungsmittelsituation. Beschämend, wenn auch menschlich verständlich, ist das Verhalten der Waldbesitzer, die ihre Ware Holz, zurückhalten und so zur allgemeinen Brennholzknappheit beitragen.
"Mittelbayerische Zeitung Ausgabe M vom Oktober 1947: Bericht über die - nachgeholte - 100 Jahrfeier des Burschen und Wanderervereins Kötzting, der ausdrücklich als ein wichtiger Baustein der Jugendfürsorge benannt wurde.
Die Burschen feierten beim "Wieser Girgl" also im Hause das Vorsitzenden Heinrich Wieser, dem Vater unseres heutigen Stadtrates und Landwirtes Heinrich Wieser aus Riedersfurth. Interessant ist auch noch, dass Pater Augustin, hier als geistlicher Beistand des BWVs genannt wurde. Soweit ich weiß ist Pater Augustin aber nie als Offiziator beim Pfingstritt dabeigewesen, er war unter anderem aber die maßgeblich treibende und gestaltende Kraft in Kötzting beim Aufbau der St. Georgs Pfadfinderschaft.
Wie schwierig die Bedingungen im Landkreis Kötzting noch waren und gleichzeitig wie realistisch die Behörden damit umgingen zeigt eine Entscheidung des Landrates aus dem Herbst 1947:
Wenn die Menschen nicht - aus den verschiedensten Gründen - ins Amt kommen können dann kommt halt das Amt zu den Menschen. Eine frühe Form des Bürgerbüros bzw. der durchs Internet vernetzen Behörden, die heutzutage den Bürgern auch unnötige Fahrerei ersparen sollen.
"Mittelbayerische Zeitung Ausgabe M vom Oktober 1947
nach Genehmigung durch die Militärregierung fand dieses Jugendfest der weiblichen katholischen Jugend in Schönbuchen statt.
Es gab nur zwei gesellige Zusammenkünfte, die im Herbst 1947 Erwähnung in der Zeitung fanden. Ein Heimatabend des Kötztinger Trachtenvereins, in dem von einem "Lichtpunkt in der lichtlosen Gelichförmigkeit unserer Tage" geschrieben wurde.
"Mittelbayerische Zeitung Ausgabe M vom Oktober 1947, noch laufen die Berichte über Kötzting in einer eigenen Rubrik inmitten der kleinen Nachrichten aus dem Bayerischen Wald bzw. vom östlichen Grenzgebiet rund um Cham herum.
"Mittelbayerische Zeitung Ausgabe M vom Dezember 1947
2 Jahre Gefängnis für 10 kg Butter und 47 Stück Kernseife. Die damalige Justiz war alles andere als eine "Kuschelgerichtsbarkeit". Der ehemalige Leiter des Kötztinger Ernährungsamts saß für die oben angegebenen Mengen an Butter und Kernseife auf der Anklagebank. Die Tat geschah in der direkten Nachkriegszeit und brachte diesem Mann, auch weil er dafür Belege fälschte und Einfluss auf Zeugen genommen hatte, 2(!) Jahre Gefängnis ein.
Im Laufe des Jahres 1947 kam es auch zu den ersten Vereins-Wieder- Gründungen. Im Dezember war es der MGOV, der Männer Gesangs- und Orchesterverein Kötztings, der wieder aus der Taufe gehoben wurde, ein Verein, der in Kötzting auf eine sehr lange Tradition zurückblicken konnte.
"Mittelbayerische Zeitung Ausgabe M vom Dezember 1947
Wie aus den einleitenden Zeilen zu ersehen ist, setzen die Zeitungsnachrichten über Kötzting langsam im Herbst 1947 ein und damit kennen wir keinen zeitgenössischen Bericht vom Pfingstfest 1947, es bleibt also nur der Blick ins Stadtarchiv und selbst dort sind es nur ganz wenige Blätter, die uns aus dieser Zeit überliefert sind.
Pfingsten 1947
Stadtarchiv Kötzting Neues Archiv 320/947
Das offizielle Einladungsschreiben an die Markträte Kötztings, unterschrieben vom damaligen - von der Militärregierung wieder eingesetzten Bürgermeister Schödlbauer - siehe auch den Bericht vor einigen Jahren: Überraschungsfund im Bauschutt des Kötztinger Amgtsgerichtsgebäudes.
Mit Ausnahme des erst im Jahre 1949 eingeführten Volksfestes im Rahmen einer programmbeladenen Festwoche, haben wir in diesem Jahre dann endlich wieder alle wichtigen Elemente des Pfingstfestes versammelt.
Das Pfingstbrautpaar das Jahres 1947. Feichtner Ludwig und seine Braut Ehemann Hilde, nun verheiratete Dreier, links, der Brautführer Dattler Hans (Buberl) wird der Bräutigam des nächsten Jahres, rechts der Brautführer Rabl Franz
Im Archiv befinden sich noch zwei kleine Abrechnungen: der Zuschuss für den Pfingstbräutigam und die Ausgaben für das Pfingstkränzchen, erstellt von den Mallersdorfer Schwestern im Josefsheim in Kötzting
Das ist eigentlich Alles, was wir aus dem Jahre 1947 haben ABER, es gibt noch ein Schmankerl und das hängt eng mit der Pfingstbraut zusammen. Der Bruder der Pfingstbraut, Herr Siegfried Ehemann, war damals bereits ein Photograph und Filmer und hat - auch wenn er für seinen Film ältere Teile von Filmen des Lehrers Bock und eigene Filmausschnitte über Pfingsten aus späteren Jahren zusammengeschnitten hat - zwei schwarz/weiß Filme über Pfingsten in Kötzting zusammengestellt. In diesem Film sind in einigen Ausschnitten auch die Hauptpersonen von 1947 zu sehen.
Eine kleine Szene vom Brautzug 1947
Als "Zuckerl" für den Bericht über 1947 hier eine Szene aus dem Pfingstfilm von Siegfried Ehemann aus der Konservenfabrik, der die Freude und den Spaß der jungen Leute in Kötzting aus dem Jahre 1947/1948 zeigen kann.
Der zweite Film - als ein kleiner YouTube Schnipsel - zeigt uns eine fröhliche Runde mit dem Pfingstbräutigam und seinen Begleitern von 1948 nach dem "Dritten Brautzug" beim Spitzi, also im Amberger Hof. Der große Unterschied zu 1947 war 1948 auch, dass es endlich wieder Normalbier gab, im Gegensatz zum Dünnbier von 1947.
Vielleicht ist mir ein Hinweis gestattet >>>>> man beachte die Form und Figur der REITpferde. ;-)))
Ich kenne aus diesem Film natürlich meinen Vater und den Dattler Buberl, ich wäre durchaus auch noch daran interessiert zu erfahren, wer die anderen "Partyteilnehmer" gewesen waren.
🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken. Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.
⭐ Pfingstritt Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Pfingsten in Bad Kötzting.