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Freitag, 13. Februar 2026

Kötztinger Häuserchronik - alte Hausnummer 108 beim Schuhmacher

    Das "alte Kötzting" bei der Uraufnahme bei der beginnenden Landvermessung hatte 159 Anwesen. Der Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuspüren und sie zu dokumentieren, ist das Ziel dieser Häuserchronik. Die Anfänge und die Entwicklung unserer Heimatstadt – von der Teilung der Urhöfe bis zur Ernennung Kötztings zum Landgerichtsort – lassen sich in einem einleitenden Blogbeitrag ausführlich nachlesen.


Alte Hausnummer 108
beim Schuhmacher

Detail aus: Vermessungsamt Cham 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_1831_Beilage_M2500_1_1-01

Da dieser Ortsteil des alten Kötztings in seiner früheren Form nicht mehr existiert – der verheerende Marktbrand vom Juni 1867 hat den gesamten Bereich grundlegend verändert – lässt sich die Lage des Hauses nur noch grob auf das heutige Straßenbild übertragen. Nach heutigem Zuschnitt lag es ungefähr dort, wo sich heute das Stadtcafé an der Kreuzung Marktstraße/Bahnhofstraße befindet – wie damals auch in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Schmidtbräugarten“.
Auch bei diesem Haus in diesem Kötztinger Ortsteil ist der sichere Boden der Beweisführung, von dem aus versucht werden kann, rückwärts zu suchen, das Häuser - und Rustikalsteuerkataster von 1811, und dort lesen wir:

HsNro CIV, also 104 (darunter handschriftlich die Korrektur in Hinblick auf die spätere Hausnummer: "
HsN 108"

"Joseph Sporrer: das gezimmerte Haus mit seinem kleinen Wurzgartl"

1797 finden wir eine Heirat des Joseph Sporrer mit Franziska Waldherr, die ihm ihre Behausung als Gegengewicht zu seinem Heiratsgut widerlegt.
Von dieser Heirat aus, kann man rückwärtssuchend die Besitzerliste vervollständigen bis heran an den Beginn der Kötztinger Briefprotokolle, die um 1700 einsetzen. IN diesem Falle gibt es sogar den seltenen Fall, dass ein so kleines Haus sogar über diese Dokumentationsgrenze hinaus noch weiter verfolgt werden kann. Der Beweis kann mit einer Kreditaufnahme beim Markt geführt werden, bei dem sogar der Grund angegeben ist, nämlich ein Haus zu errichten:
Wir kennen also sogar das Baujahr, es war im Jahre 1669. 

Juglreither Michael und Maria

StA Kötzting Marktrechnung von 1970

"Michaeln Jublreither, burger und Schuechmacher alda, ist wie verttige Rechnung - also 1669 - vermag, ain gemaines Grundt negst bey der Wuhn zu ainem Heisl, per 10 fl ausgezaigt und verkauftt worden und macht das Interesse auf diss 1670iste Jahr 30 xr."

In der Kirchentrachtliste von 1688 findet sich die "Juglreitherin" mit der Kirchentrachtzahlung für ein Haus.

HStA München GL_Fasz_1829_62


Freimuth Michael und Katharina

Am 29.11.1706 verkauft der Kötztinger Bürger Freymuth Michael sein "Häusl uf dem sogenannte Pfeffergraben entlegen, soviel selbes mit Scharr und Dach umpfangen"  für 40 Gulden an den Bürger und Leineweber Andre Wurmb und dessen Frau Barbara,  Weiter heißt es im Vertrag: " dem Verkäufer bleibt die Wohnung in seinem absonderlichen  Wohnstiebl welches erst zu dem andern vom Verkhäuffer gericht und  von denen am 29.11.1706  Erkhauffern hierzu mehrers nit als 5 fl gegeben werden  mueß, sambt halber Schupfen und 2 Pötl im Garten gegen dem Haus  linker Hand, das Brennholz in dem Garten und under der Tachung  zuhalten auch das Prodt im Packofen zepachen und Krautvass im  Keller zesetzen haben." Dieser Kaufpreis setzt sich zusammen aus einer Schuld von 30 Gulden bei der St. Nikolauskirche in Steinbühl und 10 Gulden beim Markt Kötzting. Dem Verkäufer bleibt also buchstäblich nichts übrig von seinem Hausverkauf, außer der freien Wohnung.....
Vom Verkäuferehepaar ist nur bekannt, dass sie im Jahr 1685 in den Kötztinger Geburtsmatrikeln auftauchen.  

Wurmb Andreas und Sticker Barbara

In den Kötztinger Marktrechnungen findet sich dann auch folgender Eintrag, wobei nicht klar wird, ob es sich beim Familiennamen des ursprünglichen Schuldners „Juglreither“ nicht um einen Schreibfehler handelt.

StA Kötzting Marktrechnung von 1710 Seite 4

"Andre Wurmb burger und Leineweber alhir, hat ienige 10 fl Capüithal in erkhauffung seines Heusl ufm Graben zu bezallen ybernomben, welche Michael Juglreither in Handen gehebt, welche er Wurmb auch underm 14. Aprill 1710 mit Verschreibung ermelt seines Heusls  besambt aller zugehör zugeniegen versichert und raicht davon zur St. Weihnachten an Züns 30 xr."

Einschub:

Was hier interessant ist, ist die Lagebeschreibung des Hauses.Das - freie - Grundstück auf dem das Haus errichtet werden durfte wird beschrieben als "negst an der Wuhn" gelegen.Beim Haus heißt es später, dass dieses am "Pfeffergraben"  oder "uffm Graben" liege.Nun ist eben der "historische" Pfeffergraben nicht identisch mit der heutigen Straße gleichen Namens. Es hat den Anschein, dass früher die lange Gasse vom Schmidtbräugarten bis hinauf zum Schlossgarten den Namen Pfeffergraben trug, was könnte man sich auch dadurch erklären, weil die spätere Holzapfelstraße auf dieser Linie in ihren Anfängen eher einer Hohlgasse als einer Straße glich.

Einschub Ende

In all den Folgejahren findet sich - ähnlich wie vorher Michael Juglreither und nach ihm Michael Freimuth - nun auch Andreas Wurmb in den Marktrechnungen mit der Zahlung von jährlich 30 Kreuzern an die Marktkasse.
1721 verklagt der Leinweber AW die Gärtnerstochter Anna Maria Peyr.

Marktrechnung von 1721 Seite 11
"Einnamb an Straffen und Wändl
Anna Maria Peyrin ledige Garttnerstochter alhir, umb selbe Andren Wurmb burger und Leinewebern alda, ainen redo Schelmben verscholten, Inhalt Rhat verhörs Prothocoll fol. 66 und neben ernstlichem verweis und exofficio aufhebung bedeither iniurj per 1/2 Pfund Pfennige gestrafft worden ist. 34 xr."

Einschub

Ein interessantes Detail verbirgt sich in diesem Rechnungseintrag:
"exofficio aufhebung bedeither iniurj"

Die Ausgesprochene Beleidigung wurde nicht nur einfach bestraft, sondern durch den Kötztinger Rat ausdrücklich "aufgehoben" und damit unwirksam gemacht. Es lag also künftig kein Schatten mehr auf der Ehre des Kötztinger Bürgers und Leinewebers.

Einschub Ende

HStA München Landshuter Abgabe KL Rott B4 1727-1736

Im Jahre 1731 steht der Bürger und Leinweber in der Rubrik der Feuerstrafen, weil "in dessen  hülzernen Heusl negst an der Wändt stehenter Pachofen Feur auskhommen das man hat Larmen machen müssen. So hat man deme nit allein aufgetragen , das er diesen Pachofen abbrechen und heraus sezen sollte dieser Unachtsamkeit willen aber ist derselbe intacita paupertatis umb 1/2 Pfundt punctiert worden." 
Sein Backofen hatte Feuergefangen und dieser war noch dazu zu nahe an seinem aus Holz gebauten Haus gestanden, weshalb in Kötzting Feueralarm gegeben wurde.1733 steht er zum letzten Male mit der Bezahlung des Jahreszinses in den Marktrechnungen, denn am 1.6.1734 verkauft er sein "Bürgershäusl uffm Pfeffergraben und behält sich für 2 Jahre die freie Herberge, in der vordern Stuben , die er jetzt bereits bewohnt"  an den Schuhmacher Lanzinger Benedikt um 150 Gulden.


Lanzinger Benedikt und Weber Anna Barbara

Lanzinger Benedikt war in erster Ehe mit einer Gräll Katharina verheiratet, deren Vater als "villicus parochialis"angegeben war, er war also der Kötztinger Widtumsbauer, der Mann der den landwirtschaftlichen Betrieb des Kötztinger Pfarrers führte. Die beiden hatten bereits am 28.2.1724 geheiratet. Am 31.8.1733 heiratete der Witwer Lanzinger erneut und zwar die Kötztinger Bürgerstochter Anna Barbara Weber. Vom verwitweten Kötztinger Schuhmacher Anton Kramer kaufte Lanzinger Benedikt dann im selben Jahr noch dessen "Schuchmacherwerchstattsgerechtigkeit" für die er weitere 30 Gulden bezahlen musste.
Was der Hintergrund seines Auszugs war, wird nicht übermittelt, aber im Jahre 1740 wollte Andreas Wurmb nicht mehr bei den Lanzingers in der Herberge bleiben und so muss Lanzinger seinem Vorbesitzer jährlich 3 Gulden 30 Kreuzer als Ausgleich bzw. Ersatz bezahlen.
Im Jahre 1746 - wir sind am Ende des Österreichischen Erbfolgekriegs mit seinen Unmengen an Kontributionszahlungen, die der Magistrat gleichmäßig auf seine Bürger umlegte, findet sich eine Art von Gnadenakt für den Schuster Lanzinger:
StA Kötzting Marktrechnung von 1746 Seite 51

Wolfgang Waldherr und Barbara Görgenhuber

Am 5.11.1757 kam es zum nächsten Besitzerwechsel, Käufer war Waldherr Wolfgang und der Kaufpreis betrug 188 Gulden, wobei eine Grundschuld von 50 Gulden beim Spital erwähnt sind.
Auch dieses Mal blieben die Verkäufer weiter im kleinen Haus wohnen mit der folgenden Ausnahm:
"Den Lanzingerichen Eheleuten in dem vorhandenen und auf der  andern Seithen sich befindtende Stibl die lebenslange Herberge,  das Cämmerl und Pödl nebst der Holzschupfen zu deren Gebrauch"
Auch noch im Jahre 1757 erwarb der Webergeselle Wolfgang Waldherr aus Blaibach das Kötztinger Bürgerrecht, in dessen Eintrag in den Marktrechnungen vermerkt ist, dass er das "Haus des Benedikt Lanzingers erkauft" hatte. 10 Gulden kostete ihn das Bürgerrecht und es heißt im Eintrag weiter, dass er "vom Handwerk der Leineweber ein Attestatum beigebracht hatte, dass sye deme für ainen Marktmaister acceptiern wollen."
Im drauffolgenden Jahr schließen die beiden neuen Hausbesitzer dann auch noch einen gegenseitigen Heiratsvertrag. Durch die Quittung über die Bezahlung des noch ausstehenden Restkaufpreises, den die Witwe Lanzinger den neuen Hausbesitzern im Jahre 1761 ausstellt, erfahren wir vom Tode den Schusters Benedikt Lanzinger.
Im Jahre 1764 wurde er wegen Ungehorsams vor dem bürgerlichen Magistrat bestraft.

StA Marktrechnung von 1764 Seite 31ff

"Ihrer Vier sich bey Rhat bey den Vorstand ganz Ungehorsamb respectlos und insolent aufzuführen"
Und ums sich die junge 4 Marckhts Weebermaister Sebastian Mühlpaur, Max Dadler, Wolfgang Waldtherr und Franz Härtl bei Rhatt bey deren Vorstand mit denen alten dreyen Maistern in Specie aber...."
Die Strafe für die vier jungen Webermeister betrug jeweils drei Stunden im bürgerlichen Arrest, also drei Stunden Gefängniszelle....."
Am 29.3.1772 verstarb die Webermeisterin Barbara Waldherr und am 24.11.1774 wiederverheiratete sich der Witwer mit Häckl Johanna, einer Soldatentochter.

Waldherr Wolfgang und Häckl Johanna 

Da aus der ersten Ehe 4 Kinder vorhanden waren, musste Wolfgang Waldherr seinen Kindern zunächst einmal vertraglich deren Muttergut sichern. Aus diesem Grund kennen wir auch die Namen der damals noch lebenden Kinder:
"Katharina 13
Maria Franziska 11
Barbara 10
Ignaz 5 1/2 Jahre alt"
Sieben Jahre später - und damit kann es sich eigentlich nur um den Sohn Ignaz handeln - findet sich in den Marktrechnungen ein ganz bemerkenswerter Eintrag:
StA Kötzting Marktrechnung von 1779 Seite 62

"Und Wolfgangen Waldherrn burgerlichen Leinewebern dissorts zu Fortbringung seines Bubens nach St. Zenno ins Salzburgerische woselbst ienner zur Musii und denen Sestgen(?) Schullen obrigkeitlichen angenommen worden, kraft weiteren Scheins 3 Gulden."
Der kleine Bub, nun ca. 12 Jahre alt durfte also zur weiteren Ausbildung nach St. Zeno in Bad Reichenhall.

Einschub
Das Kloster St. Zeno ist benannt nach dem  heiligen Zeno von Verona

Das starke Wachstum der Bevölkerung von Reichenhall könnte Anfang des 9. Jahrhunderts der Grund für die Anlage eines neuen Friedhofs mit Kirche an der Straße nach Salzburg gewesen sein. Die dem heiligen Zeno geweihte Kirche ist wohl auf Initiative des Salzburger Erzbischofs Arn (785–821) um 810 dort erbaut worden. Der heilige Zeno von Verona († 372) galt als Beschützer vor Überschwemmungen, welche Reichenhall immer wieder heimsuchten. Auch die Verbindungen Arns zum Langobardenkönig könnten zur Wahl des Kirchenpatrons beigetragen haben.
....
Kulturzentrum
Das Stift erlebte einen Aufschwung in der Barockzeit, in der es ein bedeutendes Kulturzentrum des Reichenhaller Tales wurde. Vor allem Musik und schriftstellerisches Schaffen wurde gefördert. .
Einschub Ende

Ab dem Jahre 1781 finden sich ein paar merkwürdige Auftragsarbeiten für einen gelernten Leineweber, die Reparatur der Rathausuhr.
56 Kreuzer erhält WW "für die Vorrichtung des Wechelwerks in der Rathhausthurmuhr". 12 Jahre später heißt es in den Kötztinger Marktrechnungen, dass Wolfgang Waldherr gut 6(!) Gulden dafür erhält, dass er die " Uhr gänzlich abgetragen, ausgebutzt und gangbar gemacht" hat.
Am 26. Februar 1797 verstirbt der Leineweber Wolfgang Waldherr mit 63 Jahren und im selben Jahr noch erhält die Tochter Franziska das Haus.
In der Verkaufsurkunde am 26.8.1797 ist es die Witwe Johanna Waldherr, die das Haus um 400 Gulden an die Tochter übergibt und in der auch die "weichenden" Erben aufgeführt sind.
Im einzelnen sind dies:
"Katharina Stadlerin verwitwete Webermeisterin 
Franziska WaldHerrin 33 Jahre
Pater Sigismund WaldHerr Kloster Memmingen

2. Ehe
Wolfgang WaldHerr 18 Jahre
Xaver WaldHerr 16 Jahre"

Der Sohn erster Ehe war also nun als Pater Sigismund im Kloster Memmingen gelandet.

Sporrer Joseph und Franziska Waldherr

Am 12.9.1797 heiraten der Arnschwanger Webermeister Joseph Sporrer und Wolfgangs Tochter Franziska Waldherr, nachdem sie bereits 2 Wochen vorher vor dem Landrichter einen Heiratsvertrag abgeschlossen hatten, in welchem Joseph Sporrer 200 Gulden an Heiratsgut mitzubringen versprach.
Es folgen die üblichen Gebühren, die Josef Sporrer an die Marktkasse zu entrichten hatte, um das Kötztinger Bürgerrecht bekommen zu können. Diese Gebühren waren mittlerweile um einen "Exerziergulden" und um die "Aufnahmetax"  erweitert worden.
Erst nach der Heirat und der Überschreibung des Hauses konnte Josef Sporrer Kötztinger (Voll-)Bürger werden. Es hat den Anschein, als würde der Webermeister Josef Sporrer jedoch keinen Wert auf eine weiter Beschäftigung als Weber legen, denn bereits am 13.as.1797 verkaufte er seine - auf dem Haus liegende - "Webergerechtigkeit mit Einschluss eines Webstuhls" an das "Handwerk der Leineweber" Kötztings um 200 Gulden.
Trotz dieses Kapitalzuschusses erscheint Joseph Sporrer in den Folgejahren als säumiger Schuldner sowohl beim Spital als auch bei der Marktkasse.
In dem offensichtlichen Versuch, sich Kapital zu verschaffen, verkauften die beiden auch ihren Anteil am Watzlholz, einem Waldgrundstück, das bei der Aufteilung des markteigenen Watzlhofes auf die Bürger Kötztings, anteilig an sie gefallen gewesen war.
StA Landshut LGäO 924 Briefprotokolle  Verkauf des Watzhofantheils um 8(!) Gulden.
Aus dem Jahre 1806 haben sich die vollständigen Wahlunterlagen für die Kötztinger Magistratswahl erhalten und auch die handschriftlich ausgefüllten Wahlzettel..... und so hat sich nicht nur Josef Sporrers Handschrift erhalten sondern wir kennen auch sein Wahlverhalten:
LGäO Kötzting Nr. 793
Joseph Sporer: als Bürgermeister den Bader Schepperl
Als Räte: die Bürger Kraus - Gerstl - Bauer und Görnhuber
Für den Ausschuss: Aschenbrenner - Dachs - L. Mühlbauer und Math Pfeffer 

Hier der Wahlschein von Joseph Sporer aus dem Jahre 1806

Und so sind wir nun beim eingangs erwähnten Eintrag im H+R Steuerkataster, von dem aus ja die Suche rückwärts begonnen.


"HsNro CIV", also 104 (darunter handschriftlich die Korrektur in Hinblick auf die spätere Hausnummer: "HsN 108"

"Joseph Sporrer: das gezimmerte Haus mit seinem kleinen Wurzgartl"

Am 18.5.1818 war es dann soweit, die "Sporrer Josephschen" Kreditoren verkauften das kleine Haus, ein Zwangsverkauf also.


StA Landshut Rentamt Kötzting B25 Umschreibeheft
"eod Dato (18.5.1818) hat Georg Müller - Müller auf der Stockmühle - von der Joseph Sporrerischen Kreditorschaft in Kötzting das Waldherr Häusl aöda um 860 fl erkauft ohne Änderung."

Das Sporrersche Ehepaar fiel nun vom Status einer Kötztinger Bürgersfamilie zurück auf den von Insassen.

StA Kötzting AA II/19
"Verzeichnis der Inwohner, welche zwar keine Gemeindeglieder sind, iedoch ihr Heimatrecht begründet haben im Markte Koetzting"

"Franziska Sporrer, Inwohnerin, verehelicht"

"Joseph Sporrer, Inwohner, verehelicht"


Müller Georg und Katharina

Am 10. August 1833 reicht die Witwe Katharina Müller das kleine Haus an den Sohn Joseph, einem Schuhmachermeister weiter. Der Übergabepreis war 1200 Gulden. 

StA Landshut Grundsteuerkataster 5039


Müller Joseph und Schwimmer Katharina

 Am 24.9.1831 erhält Josef Müller vom Kötztinger Magistrat die Heiratserlaubnis mit der Anna Maria Schwimmer, einer ledigen Häuslertochter aus Grub. und  zwei Jahre später, am 10.8.1833 dann noch das Haus von seiner Mutter, der Witwe Katharina Müller. für 1200 übertragen.
Noch zu Zeiten als die Mutter - Katharina Müller - noch die Besitzerin gewesen war, hatte der Nachbar Ignaz Schrank - Hotel zur Post - einen Antrag gestellt, um ein kleines Gässchen, das hinter seinem Anwesen entlang führte, kassieren zu dürfen.
Später wurde im Laufe dieses Vorgangs dann auch noch ein Lageplan erstellt, weshalb wir in dem Plan nun Joseph Müller als den Besitzer vorfinden.

StA Kötzting AA VI 9 Straßenerweiterung durch Ignaz Schrank 1833

Der dem Akt beiliegende Lageplan zeigt uns erneut, wie ungeordnet, ja teilweise chaotisch die Flächenaufteilung in diesem Ortsteil Kötzting bis zum Marktbrand gewesen war.

Durch die Auflistung im Mieterkataster des Jahres 1841 kennen wir sogar die innere Aufteilung des Hauses:


StA Landshut Grundsteuerkataster 5045 Mieterkataster
"Joseph Müller, Schuhmacher /Hauseigenthümer 
Unter der Erde: 1 Keller
I: 1 Wohnzimmer und Kammer, dann 1 Stallung und 1 Küche
Unterschrift Joseph Müller

2. Christoph Rückl Schreiner /Miether:/ 
I 2 Wohnzimmer und 1 Kammer, dann Antheil am Hausboden unterm Dach
Unterschrift Christoph Rückl

3. Franz Fink, Inwohner
/:Miether:/
II 1 Wohnzimmer, 1 Kammer und Antheil am hausboden unterm Dach
Handzeichen des Franz Fink

4. Johann Reininger Maurer /:Miether:/
II 1 Wohnzimmer und 1 Kammer Hz des Johann Reininger

5. Joseph Müller EIgenthümer 

2. Nebengebäude
1 Schweinestallung

3. Nebengebäude 
1 kleine Scheine >>> vertauscht
"

Die Haltung des "Gailviehs" war in Kötzting immer wieder ein Thema, nachdem es amtlicherseits endlich erreicht worden war, diese lästige Pflichtaufgabe nicht mehr einfach dem Bürgerspital aufzuhalsen.
 Einzelne Bürger konnten sich für diese undankbare Aufgabe bewerben, es gab jedoch immer wieder Klagen über die Ausübung dieser für die Viehhaltung im Markt so wichtigen Einrichtung.

AA XV/49: "Fest Franz hatte gekündigt und im Jahre 1859 bewarb sich Weiß Kaspar auf 3 Jahre auf diese Stelle. Die Vorwürfe kommen laufend herein: er ließe in der Au die Wiese verkommen, zöge keine Gräben. Die Wiesenbesitzer rundherum beschweren sich. Weiß kündigt auf und bringt Graßl Anton, Bäckermeister in Vorschlag, der auch übernehmen will. Der Magistrat ist dagegen und der Wechsel wird nicht gestattet. Eine Kommission begutachtet Tiere und stellt vollkommene Verwahrlosung fest. Müller Joseph, Schuhmacher, war danach von 1862 bis 1865 der einziger Bewerber.

StA Landshut Grundsteuerkataster 5047

Müller Hermann und Schödlbauer Katharina


Am 3.6.1867 heiratete Hermann Müller, Sohn des Joseph Müller und der Schwimmer Anna Maria die Allmannsdorfer Bauerstochter Katharina Schödlbauer.
Schon im April desselben Jahres hatte er das Haus von seinem Vater übernehmen können und am Tage seiner Heirat kam  das große Unglück über Kötzting und auch über den neugebackenen Ehemann und Hausbesitzer, denn in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni brach ein Marktbrand aus, der eine komplette Häuserreihe der Marktstraße auslöschte, vom Oberen Friedhof bis hinunter zur heutigen Kreuzung Bahnhofstraße/Marktstraße.

StA Landshut Grundsteuerkataster 5050

Über diesen Brand und seine Schäden gibt es einen ausführlichen Akt im Staatsarchiv Landshut und darin ist auch eine Beschreibung der Häuser der einzelnen Brandleider.

StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570 Der Brand in Kötzting 1867

"Hausnummer 108:
Müller Hermann Hausbesitzer und Maurer
Der Beschrieb der Gebäude vide Protokoll sub Nro XXXII

Befund:
ad 1: Das aus Blockwänden und Ziegelgemäuer bestandene Wohnhaus ist bis auf den Grunde niedergebrannt.
(Größe des Hauses 46 x 31 Schuh und 23 Schuh hoch.)
Das durch Abbruch genommene Ziegelmaterial hat wegen seiner Beschaffenheit einen erheblichen Werth nicht, deckt auch die Abbruchs und w. Abfuhrkosten nicht. Schaden total
ad 2. Das Stadelgebäude ist bis auf den Grund niedergebrannt, nur ragen die 4 Eckpfeiler, welche aus Ziegeln bestanden empor; deren Abbruch aus feuergefährlichen Rücksichten bedingt wurde.
Schaden Total (Die Größe des Stadels: 30 x 31 Schuh und 35 Schuh Hoch)
Das Ziegelmaterial, welches vom Abbruch genommen wird, übersteigt keineswegs die Abbruchskosten."

Die Beschreibung verweist auf einen Protokollpunkt XXXII:

StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570 Der Brand in Kötzting 1867

"XXXII

Müller Hermann
Hausbesitzer und Maurer
1. das einstöckige Wohnhaus an der Blaibacher Straße, von Holz u. Stein aufgeführt und mit Schneidschindeldach versehen gewesen.
2. Der neuerbaute Stadel von gemischter Umfassung und von gemischter Bedachung versehen gewesen.
Das Resultat der Besichtigung des Schadenserhebung
vide Tabelle Nro 7 
Unterschrift:
Hermann Müller"

Da das Müllersche Haus ja auch in Teilen vermietet war, finden sich auch diese Mieter auf der Liste der Geschädigten.

StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570 Der Brand in Kötzting 1867

"Mühlbauer A, Maria Inwohnerin bei Hermann Müller: Kleidungsstücke, Bett, Mobilien, 1 Uhr, Bilder, Schuh, Bänder und Küchengeschirr im Wert von 24 fl 30 Kreuzer

Müller Martin Maurer : Hausgeräthe, Schuhwerk, Werkzeug, Kleider, Küchen und B>Indergeschirr im Wert von 41 Gulden.
"

Hier die Totalverluste an Häusern und Nebengebäude im unteren Markt. Die gelb markierten Häuser haben nur geringe Teilschäden. Rot ist Totalverlust.




Nachdem es im Markt Kötzting nun bereits der zweite Marktbrand gewesen war, der seinen Ausgang in der Mitte der Marktstraße und mit seinen verheerenden Auswirkungen fast gleichartig vom Friedhof bis in den unteren Markt reichte, schritt man von der Planungsseite zu einem vorbeugenden Brandschutz und bildete durch die neu anzulegenden Straßen regelrechte Brandschneisen. So wurde die Verlängerung der Metz- und der Schirnstraße hinüber zur  - heutigen - Gehringstraße erst im Nachgang dieses Brandes durchgesetzt, was den Verlust von zwei Marktlehen bedeutete, die auf dem Platz dieser neuen Verbindungstraßen gestanden hatte. In gleicher Weise wurde die Torstraße leicht gedreht - Verlust ein Haus gegenüber dem vorherigen Zustand und auch die heutige untere Marktstraße erhielt erst durch die neuen Planungen ihre heutige Gestalt, zumindest was die Verkehrswege angeht.

StA Kötzting 021-1
Wie man an dem Bild gut erkennen kann, ist der Platz unseres Hauses auf der neu projektierten Straße und fällt somit zunächst einmal weg. Die auf dem Entwurfsplan be/genutzten Nummern sind die Plannummern der einzelnen Grundstücksparzellen und nicht die alten Hausnummern.
Der "Ersatzbau" wird in dem sich anschließenden "Schmidtbräugarten" errichtet werden und befindet sich bis heran an die Gegenwart in Familienbesitz aller Nachfolger auf dem Hotel zur Post.
Aus diesem Grunde wird dieses "ersatzgebäude" in den Grundsteuerkataster auch nicht unter der alten Hausnummer 108 geführt sondern als 107e.
 

Das "Leben" des Hauses mit der alten Hausnummer 108 endete also fatalerweise am Hochzeitstag seines Besitzers in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1867.

🗺️ Ein Tipp zum Schluss:
Seit Herbst 2025 gibt es außerdem die interaktive Karte Kötztings.
Dort sind Beiträge zur Häuserchronik und viele weitere historische Themen direkt im Stadtplan verortet – jeder Marker führt per Klick zum passenden Blogbeitrag.
Die Karte funktioniert am PC ebenso wie auf dem Smartphone und kann sogar als kleine App gespeichert werden.

Haus Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Haus zu finden. Haus                        🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen

Freitag, 7. Januar 2022

Der Kötztinger Marktbrand von 1891

Gerade mal 24 Jahre lagen zwischen der ganz großen Brandkatastrophe, kurz vor Pfingsten 1867, und dem nächsten Kötztinger Marktbrand.
Während es 1867 fast den "halben" Markt erwischte, - vom oberen Friedhof bis hinunter zum Beginn der heutigen Bahnhofstraße -  war es im Juli 1891 "nur" ein Häuserviertel auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Die Akten stammen aus dem Stadtarchiv Signatur 091-9


Dieser Blog enthält drei unterschiedliche Teile:


1. Die Beschreibung des Großbrandes
2. Die Schadensmeldungen der Brandleider und deren Neubaumaßnahmen
3. Der große Bierdurst der Feuerwehrmänner und der Prozess um die offenen Rechnungen





Der Brand


Ausschnitt von 1831 aus Bayernatlas.de

Besser und genauer, als es in der "Zeitschrift für Feuerlöschwesen" Nr 15 vom 1.8.1891 beschrieben ist, kann man fast keinen Brandbericht erstellen.




Die Kötztinger "Pflichtfeuerwehr" stellte dann nachfolgend mehrere Mannschaften, die in Schichten die Brandwache übernahmen.

Brandwache am 7.7.1891 von 8.00-Mitternacht und die zweite Gruppe dann von Mitternacht bis 8 Uhr früh, viele bekannte Namen mit den eigenhändigen Unterschriften.
Noch einmal 24 weitere Stunden standen die Kötztinger Feuerwehrler Wache, um ein erneutes Aufflackern der Flammen ausschließen zu können.
Die beiden Namenslisten sind ein "Who-Is-Who" der Kötztinger Bürgersfamilien, deren Namen zumeist auch heutzutage uns noch etwas sagen.

 




Die Schadensmeldungen

Anton Rabl Hausnummer 30


"Schergengasse Hausnummer 30
Rabl Anton Metzger 
Wohnhaus
Stallung"
[offensichtlich nur ein geringer Brandschaden, vermutlich an den Dachschindeln]

Franz Kirschbauer Hausnummer 37

"Franz Kirschbauer, Mauerer Hausnummer 37 in Kötzting
Wohnhaus
Schupfe"


"Ja auf derselben Plannummer
Das Haus ist hergestellt, fehlen aber noch mehrere Weißdecken und sonstoges.
Im Stadel fehlt die Tenne. Jedoch dürften ca. 2000 M verbaut sein."
StA Landshut Baupläne BZA/LRA Kötzting 164-8


Kirschbauer Anwesen Ansicht zur Wurmhöhe 

Kirschbauer Franz: Ansicht zur Schirnstraße


Franz Liebl Hausnummer 38




"Schergengasse Hausnummer 38
Franz Liebl, Lebzelter
Stadel
Stallung
Wohnhaus
"


StA Landshut Baupläne BZA/LRA Kötzting 164-8

Franz Liebl: Frontansicht zur Schirnstraße

Johann Pfeffer Hausnummer 39  Achtler

"Johann Pfeffer Oekonom und Gastwirth Hausnummer 39 in Kötzting
1. Schafstall
2. Stadel
3. Stallung
4. Anbau am Wohnhause
5. Wohnhaus"

"Nach der Genehmigung des k. Bezirksamtes Kötzting vom 23.10.1891" [durften die Versicherungsgelder auch anderweitig verwendet werden.]
Ja, mit Ausnahme des Backofens, welcher noch nicht gebaut ist.

StA Landshut Baupläne BZA/LRA Kötzting 164-8

Johann Pfeffer Ansicht gegen die Marktstraße



Johann Pfeffer Ansicht gegen die Schirnstraße

Die Nebengebäude









Georg Mühlbauer Hausnummer 40

"Georg Mühlbauer, Ökonom und Gastwirth Hausnummer 40 in Kötzting
Getreidestadel
Neuer Stall
Stall mit Stübl
Wohnhaus"



"Stadel und das Wohnhaus sind auf der alten Stelle erbaut: Der Stall ist an einem anderen Platz derselben Plannummer erbaut, Stall mit Stübl ist nicht aufgebaut. Bezirksamtliche Genehmigung vom 12. Oktober 1891.

Stadel ist fast vollständig fertig, ebenso das Wohnhaus und der Stall. Es ist auf sämtlichen Gebäuden der Dachstuhl aufgesetzt und sind diese Gebäude sämtlich eingedeckt.

Die Gebäude sind nach dem genehmigten Plan hergestellt.
Kötzting am 17. Oktober 1891.
"

StA Landshut Baupläne BZA/LRA Kötzting 164-8

Mühlbauer Georg: Detail der Frontansicht des Neubaues


Fischer Peter Hausnummer 41


"Peter Fischer Gastwirth und Oekonom Hausnummer 41 
1 Stadel mit Schupfe
2. Schupfe mit Futterboden
3. Stallung
4. Inwohnung und Backhaus
5. Wohnhaus
"




"Die Gebäude sind auf der alten Stelle erbaut bezw ist Genehmigung vom 12. Oktober ertheilt bezüglich derjenigen Gebäude, welche nicht mehr auf die alte Stelle kommen.

Auf dem Wohnhaus, Anbau, Stadel mit Stall ist der Dachstuhl aufgesetzt und auch schon eingedeckt. Auf der Schupfe ist der Dachstuhl noch nicht aufgesetzt, wird aber in nächster Zeit geschehen.
StA Landshut Baupläne BZA/LRA Kötzting 164-8
Fischer Peter: Frontansicht zur Marktstraße




Josef Wagner Hausnummer 42

"Josef Wagner, Oekonom und Wirth Hausnummer 42 in Kötzting

Wohnhaus, Getreidekasten und Backofen, Rindviehstallung mit aufgebauten Fremdenzimmern, Pferdestallung Stadel und Kellerschupfe."

"Der Stadel ist soweit fertig, daß der Dachstuhl aufgestellt und eingedeckt ist. Es fehlen nur noch die Thore. Mit dem Bau des Stalles ist begonnen. Die Kellerschupfe ist noch nicht gebaut, jedoch das Material angefahren. Das Wohnhaus ist ganz repariert und der Getreidekasten theilweise, Backofen aber ganz."
Dem Akt liegt ein persönlich gehaltener Brief bei, der nur durch die darinnen enthaltenen Details dem "Wagner-Haus" zugeordnet werden kann.


"X. Höchstetter Weiss und Braun Bierbrauerei


Dein Bruder Josef sagte mir, daß du den Backofen und Getreidekasten wegbrechen willst. Du bekommst aber das Dach davon entschädigt. Damit du nur diese Entschädigung nicht fortschenken brauchst, musste du diese Summe in deinen übrigen Nebengebäuden verbauen und das darfst und kannst du leicht, weil man in einem Neubau allemal mehr verbaut als in ein altes Gebäude, welches geschätzt wurde.
Du musst nur deshalb ein Transferierungsgesuch einreichen. Ich war bei Herrn Brandinspektor und der sagte mir folgendes: Du musst durch den Magistrat Kötzting sogleich ein Gesuch beim Bezirksamt Kötzting einreichen lassen, daß die Entschädigung für den Getreidekasten und Backofen zum Wideraufbau der übrigen Nebengebäude verwendet werden darf. nach Artikel 39 des Brandversicherungsgesetzes vom Jahre 1875. Es ist am beßten, du gehst mit diesem Briefe zum Herrn Marktscheiber, derselbe besorg dir die Angelegenheit schon. Auch hättest du schon lang das erste Drittel der Versicherung bekommen können, denn wenn man nur einen Theil der Baumaterialien angefahren hat, kann man schon um das erste Drittel nachsuchen, rede darüber auch mit Herrn Marktschreiber und zeige ihm diesen Brief.

Es grüßt dich dein Freund

X. Hoechstetter.


StA Landshut Baupläne BZA/LRA Kötzting 164-8
Von Josef Wagner kennen wir folgenden Bauentwurf:  die Errichtung eines Traktes mit Fremdenzimmern und einem Einstellstall für deren Pferde.

 





Der große Bierdurst der Kötztinger Feuerwehr

Der Rechtstreit der Kötztinger Wirte Wieser und Kollmaier um die Bezahlung von 431 und 790, also zusammen 1231 Liter Bier, die im Zusammenhang mit dem Großbrand an die Feuerwehr ausgegeben worden waren, nimmt im Akt über den Großbrand mehr Raum ein, als die Schadensmeldungen und deren Abarbeitung zusammen.

StA Kötzting 091-9 Rechnung über 431 Maß Bier von Georg Wieser, dem direkten Anlieger.
14 Fässer hatte der Wirtsgirgl geliefert..


Christoph Kollmaier, hatte sogar 22 Fässer an die 9 anwesenden Feuerwehrmannschaften aus seinem Kollmaier-Keller abgegeben mit weiteren 790 Maß Bier.

Noch im Dezember 1891 war die ganze Angelegenheit in der Schwebe, bis am 18.12.1891 der Kötztinger Gendarm Hummel für den Magistrat folgenden Sachverhalt protokollieren ließ.
Aus dem Privatfotoalbum von Frau Vogl, einer geborenen Mieleitner, stammt das Bild mit einer Beschreibung das Kötztinger Amtsdieners/Gendarms Andreas Hummel.

Sammlung Vogl: Andreas Hummel

StA Kötzting 091-9 Unterschrift "Hummel Polizeid."


"Der gehorsamst Unterzeichente bringt hiermit zur Anzeige: 
Heute den 17. Dezember l. Is kam ich unterfertigter zum Herrn Christoph Kollmaier gastwirth v.h. um die Gemeinde=Umlage pro II. Semester 1891
(hier fehlen wohl ein/zwei Wörter).
H. Kollmaier erklärte, daß ich die Quittung wieder mitnehmen soll, da er nichts bezalt, bis der Magistrat Kötzting seine Rechnung betr. des Biers welches beim letzten Brand betrunken wurde, bezalt.
Desgleichen ist der Fall beim Gastwirth Georg Wieser. H. Wieser verweigert die Zalung der Gemeindeumlage nicht, möchte aber wißen, wer das Bier, welches beim letzen Brand ausgeschenkt wurde, bezalt. Nach Angabe des H. Kollmaier soll Herr Dreger anbefolchen haben daß Bier zu verschenken und beim Herrn Wieser der Müller Josef Höcherl v.h.
"

Der Magistrat lässt sich Zeit und legt den ganzen Vorgang am 12.5.1892 auch dem zweiten Ratsgremium, den Gemeindebevollmächtigten, zur Abstimmung vor, und beide Gremien schicken an die beiden Wirte - Kollmaier und Wieser - den eindeutigen Bescheid: "die Rechnungen werden nicht berücksichtig." Weiter verweisen die Gremien die beiden Wirte an "denjenigen, der Ihnen den Auftrag zur Verleitgabe von Bier" gegeben hatte 



Zeitgleich bemühte sich der Magistrat um einen Rechtbeistand und fand diesen beim Chamer Rechtsanwalt Dr. Schmidtbauer in Cham.

Im Akt findet sich nun ein ganzes Bündel an handschriftlichen Briefen des RA Schmidtbauer, dessen flüchtige Handschrift es äußerst schwer macht, die Briefe zu entziffern.
Im Wesentlichen aber berichtet er von den Versuchen der Gegenseite Zeugen vorzuladen, die nachweisen sollten/könnten, wer denn nun den Auftrag zur Bierlieferung gegeben hatte.
Um das Ganze noch zu erschweren, war mittlerweile der damalige Bürgermeister Mühlbauer verstorben. 
Ich habe mich oft gefragt, warum der Christoph Kollmaier sich den Wünschen des Marktes beim Bau der Eisenbahnbrücke so unbarmherzig und unnachgiebig gezeigt hat. Vielleicht hat auch sein Ärger über den Markt wegen der nicht bezahlten Bierrechnung bei seiner Weigerung eine Rolle gespielt.
Der Zeitraum jedenfalls ist derselbe.
Kollmaier, beim Amtsgericht unterlegen, geht natürlich in die nächste Instanz, diesmal geht's nach Straubing 

Im Akt finden sich - nun wird der Markt vom Straubinger RA Börger vertreten viele weitere Schriftstücke, nun bereits aus den Jahren 1893 und 1894.

Kollmaiers Anwalt fordert nun, den nunmehrigen Bürgermeister [ Schmiedemeister Drunkenpolz] sogar unter Eid aussagen zu lassen, dass dieser nach sorgfältiger Prüfung zur Überzeugung gekommen sei,  es wäre nicht wahr, dass der verstorbene Bürgermeister dem Christoph Kollmaier den Auftrag zur Bierlieferung gegeben hätte.
Bgm Drunkenpolz verweigert die Eidesleistung, da er zur fraglichen Zeit nicht einmal Mitglied des Magistrates gewesen war, weshalb er mögliche Äußerungen des verstorbenen Bgm Mühlbauer auch nicht hätte hören können. Noch zu Lebzeiten habe Mühlbauer eindeutig erklärt keinen Auftrag zur Bierlieferung gegeben zu haben. Im Gegenteil, meinte er,  als Kollmaier einen gewissen Heinrich Hannes aus Ansdorf, als den Auftraggeber benannt hatte, war Mühlbauer eigens zu dessen Zeugenvernehmung nach Kulmbach gefahren, weil Hannes damals ein Zuchthaussträfling in Plassenburg gewesen war.
Mühlbauer bekräftigte weiter, dass er nur die Erlaubnis zur Bierabgabe den Wirten "Wolfgang Lemberger, Georg Rötzer und Wolfgang Stoiber auf spezielle Anfrage ertheilt hatte, aber niemals dem Christoph Kollmaier und [dieser] habe ihn auch niemals ersucht oder gefragt, ob Kollmaier Bier verabreichen darf."
"Mühlbauer habe wahrend des Brandes nicht einmal gewußt, daß am Kollmeierkeller Leute waren und dort Bier verabreicht wurde, weil er während des Brandes nicht aus seiner Behausung kam, welche in sehr großer Gefahr stand. Erst andern Tags hat er den Brandplatz betreten und auch erfahren, daß Kollmaier Bier verabreicht hatte."

Die Eidesleistung wird vom Magistrat rundweg abgelehnt.
Unterschriften Drunkenpolz und Schwarz (Marktschreiber)


Am 15. Februar meldet der Straubinger RA Börger:


"In obiger Sache beehre ich mich hiermit anzuzeigen, daß die Berufung des Christof Kollmaier vom kgl Landgericht Straubing kostenfällig zurückgewiesen worden ist. Dann ist die Sache zugunsten des Magistrats endgültig entschieden. Sobald das landgerichtische Urtheil ausgefertigt und zugestellt ist, lasse ich die Akten zum Zwecke der Kostenbeitreibung an Herrn Dr. Schmidtbauer in Cham zurückgeben.

In vorzüglicher Hochachtung ergebenst 

Börger
Justizrat"

RA Schmidtbauer fordert nun den Magistrat Kötzting in seiner "wunderschönen" Handschrift auf, ihm sämtliche Kosten und Auslagen zu benennen, die der Markt bei diesem Rechtsstreit gezahlt hatte, denn Kollmaier war dazu verurteilt worden, sämtliche Kosten der Gegenseite zu übernehmen.


208 Mark und 20 Pfennigen war die Summe der Kosten, die der Markt Kötzting geltend machen konnte, und welche Christoph Kollmaier - zusätzlich zu seinen eigenen Anwaltskosten - zu bezahlen hatte.
Zur Erinnerung: Für die 790 Maß Bier hatte Kollmaier eine Quittung über 158 Mark ausgestellt.
Die persönliche Härte und Unnachgiebigkeit - möglicherweise auch sein verletzter Stolz - der Familie Kollmaier in diesen Jahrzehnten zweigte sich auch bei anderen Gelegenheiten.
Ich erinnere hier nur an den Streit mit dem Bischof Senestrey, seiner Halsstarrigkeit bei der Aufgabe des Familiengrabes in der Kirchenburg, der kategorischen Weigerung ein Stück Land für den Brückenschluss und die Verbindung der beiden Lokalbahnen abzugeben und hier eben ein Prozess, der für ihn nur Kosten und Ärger verursachte, die in keinem Verhältnis zum ursprünglichen Grunde standen.