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Sonntag, 1. März 2026

Erdäpfelboussa gegen Roumstutzn

 Die Lederdorner geben sich ein neues Gemeindewappen

Es gibt Zufallsfunde, die sind fast zu schön, um wahr zu sein. Ein solcher Fund ist ein Artikel über die Fassadengestaltung des 1976 neu errichteten Lederdorner Gemeinschaftshauses. Der beauftragte Künstler brachte an der Fassade ein von ihm entworfenes Gemeindewappen an, dessen zentrales Symbol – man staune – eine Kartoffelblüte ist.
Ausgerechnet eine Kartoffelblüte zu wählen und diese auch als Wappenmotiv zu akzeptieren, zeigt, dass sich die Lederdorner inzwischen mit ihrem „Hausnamen“ arrangiert hatten – vielleicht sogar begonnen hatten, ihn als eigenes, unverwechselbares Merkmal zu begreifen.
In dem leider nicht näher gekennzeichneten Artikel (KU, Juni 1976) wird auf die bewegte Vergangenheit Lederdorns verwiesen, die mit dem früher als Spottnamen gebrauchten Ausdruck „Erdäpfelboussa“ verbunden ist. Da zu der Zeit zumeist ein Herr Wiener die Artikel für Lederdorn und Umgebung geschrieben hat, vermute ich, dass es auch in diesem Falle so gewesen ist.

Das Lederdorner Gemeindewappen, entworfen und Gestaltet von Hans Höcherl

Hier nun ein Auszug des Zeitungsberichtes:

Im „Gemeindewappen“ eine Kartoffelblüte

Inoffizielle Wappenschöpfung – Inhalt ein Stück Heimatgeschichte

Es ändern sich die Zeiten“, sagte uns ein alter Bürger der Gemeinde Lederdorn, als er vor dem Gemeinschaftshaus am Sportplatz stand und mit der neuen Hausinschrift das Wappen betrachtete. Was er meinte, ist nur dem Kenner der Dorf- und Heimatgeschichte klar. Die Kartoffelblüte im inoffiziellen Gemeindewappen war’s, die seinen Ausspruch herausforderte. Wer etwa mit einer solchen Blüte „dekoriert“ zu Zeiten, als er jung war, sich in Lederdorn hätte sehen lassen, wäre wahrscheinlich nicht ungeschoren aus dem Ort gekommen.

Alles, was in Gegenwart von Lederdornern mit „Erdäpfeln“ in Verbindung gebracht wurde, konnte zum Zündstoff für handfeste Auseinandersetzungen werden. Nicht nur einmal gab es bei Festen und Tanzveranstaltungen, zum Teil sogar gefährliche Prügeleien und Raufereien, wenn unbedacht jemand das Wort „Erdäpfelboussa“ entschlüpft war. Mit diesem Wort soll es eine geschichtliche Bewandtnis haben. Ob sie Wahrheit ist oder den Lederdornern nur als Anekdote „angedichtet wurde“, ist nie nachgewiesen worden. Die Geschichte aber ist geradezu zum ortsgeschichtlichen Bestandteil geworden, und es würde nicht wundern nehmen, wenn sie irgendwo einmal in einer Chronik ihren Niederschlag gefunden hätte.

Vor Jahrzehnten, als die Lederdorner noch kein eigenes Gotteshaus hatten und zur Messe an Sonn- und Feiertagen in die Pfarrkirche nach Runding gingen, soll es geschehen sein. Man erzählt, dass an einem kalten Sonntagmorgen sich ein Büblein aus Lederdorn auf den Weg zur Pfarrmesse in Runding begab. Zugefrorene Fensterscheiben und der Schnee, der unter den Schuhen der vorbeigehenden Messeesuchers knirschte, verrieten die herrschenden Temperaturen. Die Mutter, um das leibliche Wohl ihres Sprösslings ebenso besorgt wie um das seelische, steckte in Ermangelung von Handschuhen, die damals noch als Luxus galten, dem Buben ein paar gekochte, warme Kartoffeln in den Hosensack, an denen er sich beim Gang zur Kirche die Finger wärmen sollte. Gesagt, getan!

Als es in der Kirche zu Runding gerade auf die Wandlung zuging und es so mäuschenstill war, dass selbst ein Räuspern schon als laut empfunden wurde, wollte das Büblein sein „Sacktüchlein“ aus dem Hosensack ziehen, um das Nasentröpfchen aufzufangen. Dabei wurde ein „Warmhalter“, eine Kartoffel, die die Mutter ihm in die Hosentasche gesteckt hatte, aus dem „Versteck“ gerissen und polferte, „boußte“ auf den Kirchenboden. In diesem Augenblick soll den Lederdornern der Spottname „Erdäpfelboussa“ geboren worden sein.

Von diesem Tag an hat es, und das ist nun nicht mehr Legende, sondern Geschichte, viele Prügeleien und Raufereien zwischen Lederdornern und Bewohnern anderer Dörfer gegeben, zum Beispiel schon dann, wenn ein Bursch etwa aus einem anderen Ort an einem Sonntag mit einer Kartoffelblüte am Hut durch Lederdorn ging. Die heftigsten Auseinandersetzungen aber lieferten sich die Lederdorner mit den „Roumstuzn“, den Rundingern. Gelegenheiten dazu gab es ja mehr als heute, denn neben dem Gottesdienst war in Runding die Feiertagsschule zu absolvieren, und natürlich blieben die Gefechte auf dem Tanzboden nicht aus, wobei man sich von Messerstechereien erzählt, die ihren Ausgangspunkt in Frotzeleien mit den Erdäpfeln genommen hatten.

Die Zeit hat sich tatsächlich geändert, wie uns der Alte sagte; denn niemand rauft heute mehr wegen eines „Erdäpfelboussers“ einer Kartoffelblüte. Man hat sie vielmehr zu Wappenehren erhoben und sie neben die weiß-blaue Bayernraute gesetzt, zu einem Dorfsymbol gemacht, das übrigens die Fußballer schon längere Zeit in ihrem Vereinswappen tragen.


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