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Mittwoch, 28. August 2019

Die Wuhn


Altkötzting: Die Wuhn



Am 3. Juni 1867 brach um 11 Uhr nachts im Hintergebäude des Kötztinger bräuenden Bürgers Joseph Amberger Feuer aus (heutzutage Gasthaus Dreger in der Marktstraße, Details nachzulesen in dem eigenen Blogeintrag: Der große Marktbrand von 1867). Aus diesem anfänglichen Kleinfeuer, vermutlich ausgelöst durch eine offene Kerzenflamme, entstand ein verheerender Marktbrand, der eine komplette Häuserfront der Markstraße vom oberen Tor bis in den unteren Markt erfasste und in Schutt und Asche legte. „In sechs Stunden war ein großer Teil des Marktes, darunter das Bürgerspital und theilweise auch die St. Veithskirche, die Gottesackerkapelle nebst 90 Nebengebäuden ein glühender Schutt- und Aschehaufen“[1].

Staatsarchiv Landshut: Rep 164-8 Nr_ 1570. rot, die abgebrannten Anwesen


Als Folge dieser Brandkatastrophe wurde der Verlauf der Straßen, zumindest im Brandgebiet, neu durchdacht und so zugeschnitten, dass den Regeln des passiven Brandschutzes eher entsprochen werden konnte und im Wesentlichen der Straßenverlauf entstand, den wir heute kennen.



Neuprojektierung des Straßenverlaufs in der "heutigen" unteren Marktstraße, mit der Wuhn, erkennbar mitten in der neu anzulegenden Straße


 
Während früher die Marktstraße, bergabführend, beim Spitalbrunnen endete und die Fuhrleute entweder über die enge Müllerstraße oder die stark abknickende Herrenstraße und dann über die schmale Regenbrücke aus dem Markt hinaus fahren mussten, konnte nach der neuen Straßenführung der Durchgangsverkehr in Kötzting um vieles leichter abgewickelt werden. Die Engstelle beim Krankenhaus blieb aber bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts bestehen.

Um all diese Veränderungen des Straßenverlaufs durchsetzen zu können waren langjährige Grundstücksverhandlungen nötig. Einige Anwesen mussten zugunsten von Brandschneisen ersatzlos gestrichen werden, andere konnten an benachbarter Stelle wiederaufgebaut werden. Der Straßenverlängerung im unteren Markt fielen neben mehreren Städeln und anderen Nebengebäuden auch Teile des Spitals und einige Wohngebäude zum Opfer. Eines dieser Anwesen führte den sonderbaren  Eigennamen „Wuhn“ und hatte eine wechselvolle Geschichte.

Lage der Wuhn


Würde man die Wuhn heute an ihrem Originalplatz errichten wollen, müsste man das Haus mit Erd- und Obergeschoss mitten auf der unteren Marktstraße vor dem Anwesen Schötz platzieren.



Da sich die Anwesen im Markt Kötzting in das Schema Marktlehen-Sölde-Leerhaus einfügten, ist zunächst zu klären wo die Wuhn einzuordnen ist. Dem Besitz an Grund und Boden entsprechend und damit abgestuft in den Rechten und Pflichten galten Kötztings Marktbewohner als Marktlehner, Söldner, Häusler und Inwohner.
Schon im niederbayrischen Herzogsurbar (kurz nach 1301) ist Kötzting als Markt bezeichnet und aufgeführt mit 36 Lehen und 10 Sölden.[2] Im Marktrechtsprivileg Kaiser Ludwig des Bayern vom 11. November 1344 heißt es unter anderem: „Von erst wan der Markt getheilt ist von dreu Höfen zu 36 Burglehen und in 12 Sölden, wollen wür, wer der Lehen eines mer oder minder inn hat, der soll arbeiten all die Arbeit, die den Markt angehört mit Fludern, Fleischwerken, mit Pachen, mit Schenken, mit Gastung und mit anderer Arbeit und Handwerken.“[3]

Bereits aus der ersten Gründungszeit Kötztings stammt also die Aufteilung des Ortes in 36 Marktlehen, 10 (an anderer Stelle 12) Sölden und 20 Teilen. Hinter diesen „Teile“ genannten Anwesen verstecken sich die Leerhäuser.
Was war das Besondere an diesen unterschiedlichen Anwesen?
Die Marktlehner waren gewissermaßen die Oberschicht in Kötzting, ausgestattet mit allen Rechten, die das Marktprivileg erlaubte, einschließlich des uneingeschränkten Brau- und Schankrechtes. In Kötzting hatten also nur die Besitzer der 36 Marktlehen die Erlaubnis, im Kommunebräuhaus brauen zu lassen und ein Wirtshaus zu betreiben. Und sie nutzten dies auch weidlich. Die Söldner hatten dieses Braurecht nur eingeschränkt, das heißt, sie durften nur festgelegte Mengen brauen (1 Sud pro Jahr) und dieses Bier auch nicht ausschenken. Die (Leer)Häusler, am unteren Ende der Rechteskala der besitzenden Bürger, hatten weder Brau- noch Schankrecht, und nur wenn einer der „Häusler“ eine Handwerksgerechtigkeit besaß, durfte er seinen Beruf in seinem Anwesen ausüben. Ein weiteres Merkmal der „Leerhäuser“ war, dass beim Haus kein weiterer Grundbesitz vorhanden war.

Im Besitz des Marktes

Unter Führung des bayerischen Ministers Graf Montgelas wurden die Gemeinden durch die Edikte
von 1806 und 1808 unter „staatliche Kuratel“ gestellt und die gemeindliche Selbstverwaltung beseitigt. Bereits ein paar Jahre vorher kam aus München die zwingende Aufforderung an alle Gemeinden, ihre im Eigenbesitz befindlichen Immobilien öffentlich zu versteigern. Damit sollten Einnahmen für die Magistratskasse erzielt und Folgekosten entscheidend reduziert werden. So konnte im Jahr 1803 der Kötztinger Magistrat unter anderem die Marktschneidmühle (heute Brauerei Lindner) und die Wuhnbehausung versteigern.[4]   
Bis zu dieser Zeit war also die Wuhn im Besitz des Marktes Kötzting. Ein Blick in die ersten Marktrechnungen zeigt bereits für das Jahr 1647 Pachteinnahmen für kleine Grundstücke, welche der Wuhn. zugeordnet waren[5] Im Einzelnen waren es zwei kleine Äcker und ein Wurzgartl.
1683 zahlte der Kötztinger Ratsbürger Wolfgang Seiderer für die zwei Wuhnäcker, die vorher Georg Denscherz (1647) gepachtet hatte, 30 Kreuzer im Jahr und der Kötztinger Kammerer Jakob Passauer für den Wuhngarten 1 Gulden und 30 Kreuzer.
Damit kann festgehalten werden, dass die Wuhn ursprünglich eigene, eigentlich unveräußerliche, Grundstücke hatte, sogenannte Pertinenzien. Zählte die Wuhn also früher zu den Marktlehen oder war sie nur eine Sölde?
Trotz des geringen Grundbesitzes ist sie im Liquidationsprotokoll vom Jahre 1831 als Marktlehen vorgetragen.[6] Im Häuser- und Rustikalsteuer-Kataster von 1811 ist das Gebäude beschrieben als ein gemauertes Haus mit einem hölzernen Stallerl. Der Wert des Anwesens wird mit 600 Gulden angegeben, der Besitzer war 1811 der Nagelschmied Anton Magg.[7]
Für die Einordnung als Marktlehen spricht zum anderen auch die klare Aussage des Kötztinger Priors und Pfarrvikars P. Gregor Mack, der sich mit dem damaligen Kammerer (=Bürgermeister) Samuel Luckner einen heftigen Streit unter anderem um Kirchengrundstücke lieferte. Da Luckner vermutete, dass dem Mesnerhaus, welches die Pfarrei Kötzting nach dem 30-jährigen Krieg von einem Privatmann angekauft hatte, früher ebenfalls Grundstücke fest zugeordnet gewesen waren, warf er der Kirche vor, dieses nunmehrige Mesneranwesen zertrümmert zu haben. Pfarrer Mack konterte mit dem Hinweis, dass die Wuhn, früher auch einmal ein Marktlehen gewesen sei, und fragte, wo denn deren Grundstücke geblieben wären.[8]
Was steckte hinter diesem Streit um früher vorhandene Grundstücke? Die Einteilung des Grundbesitzes im Markt Kötzting in die drei Anwesensgrößen (Marktlehen,Sölden und Häuser) entsprach der Regelung auf den Dörfern mit "Ganzen, Halben, Viertelbauernhöfen und weiter abgestuft mit den Söldnern und Häuslern). der Zweck dieser Regelung war eine Finanztechnische. Jede dieser Einheiten hatte den gleichen Steuersatz zu bezahlen,. unabhängig ob der Besitzer gut oder schlecht wirtschaftete. Somit konnte der Grundherr (hier der Markt Kötzting), unabhängig von einer möglichen Wirtschaftsflaute oder sonstigen Beeinflussungen, von genau bezifferten Einnahmen ausgehen. Allerdings behinderte diese Wirtschaftsform auch den Aufstieg von einzelnen Bewohnern, da ein Wachstum eines Anwesens nicht möglich war, da Grundstücke eben von einem Besitzer zu einem anderen verkauft - und damit vom Hauptanwesen abgetrennt, werden durften.
Ein weiterer Beleg für die Wuhn als Marktlehen: Es gint Hinweise, dass die Wuhn früher wohl eine Brauerei gewesen war, sogar in Privatbesitz. Anschließend, als sie dann zum Besitz des Marktes gehörte, wurde im Erdgeschoß noch lange Zeit ein Wirtshaus betrieben. Solch ein Bierausschank war aber in Kötzting ausschließlich den Marktlehnern vorbehalten, weder Söldnern noch Häuslern wurde dieses Recht zugestanden. In Pachtverträgen nach dem 30-jährigen Krieg finden wir manchmal noch die Verpflichtung für den Pächter der Wuhn, dass er das Bier im Kommunebräuhaus zu beziehen habe.
Andererseits aber lag die Wuhn in einem Ortsteil, in dem sonst nur Leerhäuser angelegt waren. Ausnahme: das benachbarte Spitalgebäude, das vor der Umwandlung in ein Spital ebenfalls ein Marktlehen war.
Vor 1830, als es noch keine Vermessungspläne und damit auch keine Plannummern gab, wurden die Besitztümer, Häuser und Anwesen mithilfe von markanten Ortsteilen oder Nachbarn beschrieben. Unter Kötztings Häusern gibt es nur wenige, die in Schriftstücken (z.B.Briefproto­kollen) als Ortsangaben, sozusagen als "Anker" zur räumlichen Zuordnung der Nachbarshäuser, dienten. Zu diesen festen Bezugsgrößen zählten die Fleischbank, das Rathaus, das Spital, die Veitskirche, der Pfarrhof und eben auch die Wuhn.
Der Bereich zwischen Wuhn und Pfeffergraben war Ende des 17. Jahrhunderts das aktuelle Neubaugebiet Kötztings. Der Neubürger und Schuhmacher Michael Juglreiter etwa ersteht im Jahre 1672 um 66 Gulden „ein Grundstück zunegst der Wuhn fuer ein Heusl.“[9]  

Stadtarrchiv Kötzting: Beilage zum Bauantrag des brauenden Bürgers Hofbauer (später Wirtshaus
Greiner, nun der Blumenladen Alchemilla) Das "Haus der Elisabeth Drger" ist heutzutage das
Schuhhaus Liebl. Der Besitzer der Wuhn ist Anton Magg






Als Marktlehen war die Wuhn früher sicherlich im Privatbesitz. Später wurde sie aus unbekannten Gründen vom Markt übernommen. Und dieser versuchte erfolgreich diesen Kostentverursacher wieder loszuwerden. Wie ein Bumerang kam diese Immobilie wieder in den Marktsbesitz zurück, und erst die Verwaltungsreform im 19. Jahrhundert brachte mit den angeordneten Zwangsversteigerungen ein Ende der kommunalen Aufsicht über das alte Gebäude.      

Die Bewohner der Wuhn


Die Entstehung der Wuhn ist wie die der meisten Anwesen Kötztings unbekannt. Erstmals um 1620 bekommen wir Kenntnis von ihrer Existenz.
Wolf Paulus der Jüngere, Ratsbürger und Bürgermeister von Neukirchen b. Hl. Blut, klagt 1626 gegen Kötztings Cammerer und Rat wegen 1000 Gulden ausständiger Schuld im Zusammenhang mit dem Verkauf der Wuhn. Dabei legt er einen Kaufbrief vom 19.11.1621 vor, den der Markt Kötzting ausgestellt hatte, als er, Wolf Paulus, die Wuhn „mit aller Ein- und Zuegehör, sambt der Preustath und darzue gehörigem Preugeschier, vermög alter Brief und Sigl um 2400 Gulden und 20 Reichstaler Leykauf“ an Adam Mayr zu Simpering verkauft hatte. Mit dem Brief waren alle Zahlungsfristen geregelt. 400 Gulden waren sogleich zu entrichten, 1000 im Jahre 1622 und die restlichen 1000 Gulden sollten 1623 beglichen werden.[10] Obwohl der Käufer Adam Mayr aus Simpering kam und der Verkäufer Paulus aus Neukirchen, liefen die Geldströme nicht direkt zwischen den beiden. Adam Mayr zahlte an die Kötztinger, und diese verpflichteten sich zu den oben angegebenen Zahlungszielen. Soweit so gut. Nun setzte aber zu Beginn des dreißigjährigen Krieges eine Währungsinflation ein. Zwischen 1621, dem Verkaufsdatum, und 1623, dem Zeitpunkt der letzten Zahlungsfrist, fand in Bayern eine hohe Geldentwertung statt. Die Entwertung geschah zu den damaligen Zeiten einfach dadurch, dass die Münzprägeanstalten schlicht den Goldgehalt der Münzen reduzierten. Wolfgang Paulus wollte die, vom Nennwert her, 1000 Gulden betragende Restsumme von den Kötztingern nicht annehmen. Um formal keinen Fehler zu machen, deponierten die Kötztinger die Summe zuerst beim Landrichter, hoben sie aber später wieder ab und legten das Geld gewinnbringend an. Der Streit wurde vor dem Landgericht in Kötzting ausgetragen, und am 2.Mai 1626 kam es zur Verhandlung, bei der Wolf Paulus erklärte, dass die erste Tranche „mit Münz im hechsten Wert erlegt“ worden war. Dann allerdings seien „die Münz abgeschlagen“ worden, und er begehre jetzt von den Kötztingern entweder 1100 Gulden der schlechten Münzen oder aber sie, die Kötztinger, sollten die ausgemachten 1000 Gulden in der alten Währung bezahlen. Lieber wolle er die Wuhn wieder zurücknehmen, als sie um einen schlechten Betrag abgeben. Im Übrigen hätte er schon einen anderen Käufer gehabt, den Gerichtsschreiber Eustachius Landauer, der sogar 3000 Gulden geboten hatte. Diesen aber hätten die Kötztinger abgelehnt.

Der Magistrat trat in voller Besetzung auf. Vier Innere und vier Äußere Räte machten ihre Aussage. Sie bestätigten die Grundaussagen des Neukirchener Bürgermeisters. Und alles sei genauso durchgeführt worden, wie es mit Wolf Paulus und Adam Mayr vereinbart worden war. Wolf Paulus habe die ersten 1000 Gulden bereits angenommen und mit diesen gewirtschaftet. Die zweite Summe hätten sie noch vor der Abwertung bezahlt und sie hofften stark, nicht schuldig zu sein und nicht von dem Gut weichen zu müssen.
Mit dem Geldverdienen aus den ersten 1000 Gulden sei es nicht so weit her, meinte Wolf Paulus. Lieber würde er sich mit der geringen Einnahme aus den erhaltenen Kaufsgeldern mit den Kötztingern vergleichen und die Wuhn zurückbekommen, als sich mit den schlechten Münzen zufrieden geben. Dies umso mehr, als die Kötztinger den Landauer, der schließlich viel mehr geboten hatte, gehindert und abgeschreckt hätten. Und am St. Georgi Tag, als die Kötztinger ihm das Geld nach Neukirchen geschickt hätten, seien die Münzen in München bereits abgewertet worden und das Mandat dazu bereits geschrieben gewesen.
Die Räte gaben nicht auf. Er habe mit dem Geld trotzdem bereits gewirtschaftet und Grund und Boden damit gehandelt. Sie aber hätten die Wuhn vor Jahren um 600 Gulden gekauft und später wieder verkauft und all die Jahre hätten sie sich nur um Baufälle kümmern müssen.

Nun kam es zu einem Gerichtsentscheid betreffend die Behausung und Bräustatt Wuhn:
Obwohl viel Mühe von Seiten des Pfleggerichts verwendet worden ist, einen Vergleich zu erzielen, sei man in dieser Richtung nicht erfolgreich gewesen. Die erste Tranche der Kaufsumme sei korrekt und ohne Schaden für den Neukirchener bezahlt worden.
Da aber, als der zweite Termin näher gerückt war, „gleich das Geschrey gangen, es werde das Geld abgeschlagen“, solle weder Wolf Paulus allein den Schaden tragen, noch könne er den Kötztingern angelastet werden, die korrekt, dem Termin gemäß, gezahlt hätten. Da die Kötztinger die zweite Summe gewinnbringend angelegt hätten – es waren ja inzwischen ein paar Jahre vergangen – sollten sie dem Neukirchener die 1000 Gulden zusammen mit den angefallenen Zinsen von 65 Gulden bezahlen. Die Verfahrenskosten sollten aufgehoben und die Kosten der protokollierten Verhandlung allein von den Kötztingern getragen werden. Ansonsten erklärte man beide Parteien zu guten Freunden und Nachbarn, verwies auf das Recht der Revision und verblieb mit freundlichen Grüßen.

Wie aus den Gerichtsakten hervorgeht, war die Wuhn also vor dieser Zeit bereits im Besitz des Marktes. Möglicherweise war sie der Vorgänger des Kommunbrauhauses. Ein „Verzeichnis der Weißen Pierpreuheußer in dem Rennt Ambt Straubing“ listet in Kötzting drei Weißbierbrauereien auf. Eines davon ist im Besitz des Marktes. Von diesem Brauhaus heißt es, dass es von zwei Kötztinger Bürgern ca. 1550 gegründet und um das Jahr 1580 vom Markt angekauft worden war. Dem Bericht nach soll in diesem Brauhaus aber mehr Braun- als Weißbier gebraut worden sein.[11]
Dieses kleine hölzerne Gebäude war also Brauerei, Wirtshaus und Wohnhaus.

In der kartographischen Uraufnahme Kötztings aus dem Jahre 1831 ist die Wuhn (Hausnummer 119) als langgezogenes Rechteck eingezeichnet.[12]

Obwohl der Markt Kötzting versuchte den Nutzwert des Gebäudes zu steigern, dürfte die Wuhn dem Magistrat in vielen Jahren wie ein Mühlstein um den Hals gehangen haben.
Die Einnahmen waren reduziert auf niedrige Pachtzahlungen aus dem Gebäude und den wenigen Grundstücken. Die regelmäßig wiederkehrenden Umbau- und Unterhaltungsmaßnahmen aber nahmen kein Ende. Darüber hinaus waren an das Kloster Rott alljährlich Giltzahlungen für das Anwesen fällig. Der Markt wurde vom Kloster nicht anders behandelt als jeder Privatbesitzer.
Zuerst einmal versuchte der Magistrat die Nutzungsmöglichkeiten der Wuhn zu erhöhen. Und als sich Mitte 1666 die Möglichkeit ergab, eine Werkstatteinrichtung zu erstehen, kaufte sie der Markt mitsamt dem Recht auf Handwerksausübung und transferierte beides, Werkstatt und Recht, auf die Wuhn.

Der Rechnungsführer notierte, dass die „dem Markt gehoerige alte Wuhnbehausung umb mehr und besonders Nuzen willens ain Schlosser werkstatt als vorhero solcher Gerechtigkeit von Ander Lehners Behausung zu versagt gemainer Markts verkhaufft worden. Hat der eingestueffte Schlosser Arnold Paar mit allem was er selbst wegen verreichter Schlosser Arbeit verdient.“

Von Andreas Lehner, einem Schlosser, wurde diese Werkstatt für die Summe einer späteren Jahrespacht angekauft. Und im Jahre 1682 zahlte der Schlosser Arnold Paar für zwei Jahre 9 Gulden an den Markt, noch etwas behindert wegen der Umbaumaßnahmen. Aber immerhin konnte er, wenn auch eingeschränkt, seine Werkstatt nutzen.[13]

Im Gegensatz zu dem Mieter Wolfgang Schwarz, der wenige Jahre vorher, 1672, bei einem Nachbarn Martin Rädlinger, Bürger und Gerichtsbote (heute Blumengeschäft Riedl) auf Marktskosten von Georgii bis Michaeli einquartiert werden musste, weil „er in der Wuhn Wohnung der grossen paufehligkeit und der darbey besorgten gefaehrlichkeit nit mehr wohnen koennen.“[14]

Die Wuhn war also im Jahre 1672 buchstäblich am Einfallen und so häufen sich in den Folgejahren auch die Reparaturen, die sich bis ins Jahr 1682 ziehen.

Auch 1681 bestand wieder die große Gefahr, dass das Haus zerfiel, denn nach der Marktrechnung desselben Jahres verkaufte der Kalkofener Kalkmeister Georg Spagerer 46 Tragen Kalk an den Markt wegen der „gross vor Augen gestandten Gefahr die zu dem zum gemainen Markht gehoerigen behausung, die Wuhn genannt, Paufelligkeit und der Oelter halber wegen Ueberneigen Hoehe abgetragen und widerumben was die Notturft erfordert zugericht und zum Theil sonderbar an ainem herforden Eckh von der grundvest auss von Neuem erpauth werden muessen.“    

In der damaligen Zeit, bei den schlechten Baumaterialien, war es vor allem wichtig das Dach dicht zu bekommen und so wurde ein völlig neuer Dachstuhl errichtet und die Wuhn meistenteils mit Legschindeln aber auch mit Ziegeln (Preiss und Häcken) gedeckt. Teile der Wände wurden repariert. Benötigt wurden 1500 Ziegel und 11000 Schindeln, die zum größten Teil aus dem markteigenen Watzlholz bei Grafenwiesen stammten.[15]

Außerdem wurde die Küche neu aufgemauert, und die Öfen wurden neugesetzt.

1685, als es schon wieder nötig war Schäden auszubessern, erschien die Ausführung dem Magistrat zu teuer, vor allem die Abrechnung des Schlossers und Schreiners Paar, der die Arbeiten selbst am Haus vorgenommen hatte, wurden angezweifelt, und eine Kommission sollte gleich alle Abrechnungen Paars überprüfen. Und so ist auf Befelchs Cammerer und Rat Anthony Praendl Schmied und Wolf Immerl Schreiner aufgetragen worden, dass sie des Schlossers Arbeith bei der Wuhnbehausung und dem Rathaus besichtigen und erleitterung geben sollen ob er nit zuviel in seiner Spezifikation einkhommen lassen“.[16] Der Schreiner Hans Lehner, der Sohn des Andreas Lehner, von dem der Markt die Werkstatt angekauft hatte, war für die Erneuerung der Stuben und Kammertüren zuständig.

1693 war der nächste größere Umbau fällig. Und durch die Art der vergebenen Arbeiten wird die Bausubstanz des Hauses deutlich.

Nachdem zuerst die Fensterstöcke ausgebessert waren, wurde alles für den neuen Fußboden hergerichtet: „… und so hat man zur obbedeitten Stuben oeffterer Laimbstain zum Fusspoden  beschnitten, Sandt graben und fuehren lassen, so dann an 26 Fuhren Laimb ab iede Fuhr 1 kr, von 6 Fuhrn Sand iedem 2 ½ kr Grabelohn item von 32 Fuhren ab iedem 3 kr Fuhrlohn und absonderlich von Fuehrung 5 Bolsterhoelzer“ bezalt“

Der Kötztinger Mauerer Hans Poll lieferte einen Nachweis ab wegen Arbeit auf dem obern Stubenpoden und Aufmauerung eines Mäuerls item  Ausweissung der Stuben und ander darbey verrichter Arbeit.“   

Der Hafner Hans Koller verrechnete 2 Gulden 51 Kreuzer für das Setzen des Ofens in der Wuhnbehausung und die dafür hergegebenen Ofenkacheln. 

Auch der obere Stubenboden wurde mit Brettern verschlagen, Ofenstangen wurden errichtet und eine Ofenbank. Verarbeitet hatte all die Materialien der Zimmermann Ander Müller.

Die Schlosserstube war ebenfalls heizbar mit einen eigenen Ofen. Denn Koller Hans besserte nicht nur den Ofen aus, sondern lieferte auch die Kacheln neben einer Rehrn“.

Die Wuhn, die zehn Jahre zuvor ein neues Dach erhalten hatte, um weiteren Schaden zu verhindern, wurde nun von innen heraus renoviert. Der Fußboden, mit Lehm und Sand fest gestampft und mit darauf ausgerichteten Polsterhölzern versehen, konnte mit aufgenagelten Falzbrettern neu belegt werden.

Sowohl der erste Stock, der als Wohnung vermietet war, als auch die Schlosserei waren mit einem Kachelofen beheizbar.

In den folgenden Jahren kam dann der Keller dran, der unbedingt entwässert werden musste. Dies ist ein altes Übel in manchen Kötztinger Kellern, vor allem im unteren Markt, wo Grundwasser unaufhaltsam in die Keller eindringt. Wo solch ein Grundwasser gelegen kam, konnte man Schöpfbrunnen anlegen (z. B. den Spitalbrunnen). Im Haus jedoch war es unerwünscht. So musste der Maurer Poll mit einem ausgemauerten Kanalgraben Abhilfe schaffen. Wie feucht dieses Areal war, sieht man daran, dass gleich neben der Wuhn ein Brunnen lag, der im Jahre 1678 mit Aufwand gereinigt wurde.[17] Auf einem Plan von 1826 sind sogar zwei Brunnen neben dem Garten des Wuhnbesitzers Magg deutlich zu sehen.

Um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert zieht ein neuer Schlosser in die Wuhn. Von seinem Pachtvertrag kennen wir den genauen Text:

„Stifftbeschreibung

Von Cammerer und Raths wegen alhier würdet Johann Stahl bürgern alda, die zu gemainer Markht gehörig sogenannte Wuhnbehausung hirmit dergestalten auf ain Jahrlang so sich zu Hl: Georgy ao 1703 anfangt und zu solcher Zeit H: Georgy 1704 widerumben endet, gegen Erlag 18 fl pactierten Stüfftgeldts verstüfftet, dass er hierinnen die Würthschaft mit Weiss und Praunpier so er von der Bürgerschaft und nit Herrn Khrieger viertlweis Zenemmen auszäpfeln neben ander berechtigtem Zweck betreiben möge. Den darin befindlichen Schlosser zur beihilf zuegeniessen, entgegen aber allen Schaden welche durch sein oder die seinigen Vahrlessigkheit sich bey solcher Behausung eraignen würde auf seinen Säckl zubessern haben solle. Actum 21.12. Anno 1702“[18]

Die Laufzeit des Vertrags beträgt also gerade mal ein Jahr.[19] Dafür darf er sowohl die Schlosserei ausüben oder untervermieten und er darf, und das dürfte die Haupteinnahmequelle gewesen sein, ein Wirtshaus betreiben. Die einzige Einschränkung war, er musste das Bier in der Kommunebrauerei beziehen und durfte sich nicht bei seinem Nachbarn dem Herrn Johann Krieger, Privatbrauer (heute Gasthof zur Post), bedienen.

Eine Petition der Witwe Stahls um Pachtnachlass, wirft ein Licht auf die Lebensbedingungen in Kötzting während des Spanischen Erbfolgekriegs.

Johann Stahl, dem die Wuhn mit Schlosserwerkstatt, Wirtshaus und Wohnung verstiftet worden war, ist in den Kriegswirren von den österreichischen Husaren getötet worden. Seine Witwe bittet nun beim Magistrat um einen Nachlass der üblichen 18 Gulden Jahrespacht und erhält ihn auch gewährt. Darüber hinaus wird ihr die Wuhn für drei Jahre verpachtet. Die Schlosserei könnte sie ja untervermieten. Auch ihr wird verboten, das benötigte Bier beim Krieger zu beziehen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Kötztinger Bildhauer Johann Paul Hager mit einer Tochter des Johann Stahl verheiratet war. Es darf angenommen werden, dass er in der Schlosserwerkstatt des verstorbenen Schwiegervaters seine Bildhauerwerkstatt einrichtete.   

Aus dem Jahr 1709 kennen wir einen Rechnungseintrag, der ein Licht auf die damaligen Gewohnheiten wirft. Die den Markt durchfahrenden Fuhrleute mussten einen Pflasterzoll zahlen. Der Zöllner wohnte in der Herrenstraße (jetzt Blumenladen Riedl). Die Fuhrleute aber versuchten den Markt ungesehen über einen Verbindungsweg von der Wuhn nach dem Pfeffergraben zu verlassen. Der Markt musste reagieren und verbaute die Notausfahrt: „Von dem sogenannten Pfeffergraben hat man zu der Wuhn 2 Grenzstain zum eingraben herauf geführt umb dadurch zemachen daß die Pflasterzohl durch die frembten Fuhrleit nit umbfahren werden und deswegen denen darzu gebrauchten so stark zeheben und aufzulegen gehebt.“ Als Absperrung wurden also einfach zwei große Steine mitten auf dem Weg platziert. 

Dass die Wuhn während der ganzen Zeit immer noch als Wirtschaft genutzt wurde, ergibt sich aus mehreren Einträgen in den Rechnungsbüchern. In den Bänden des Pfleggerichts Kötzting von 1706 wird eine Gerichtsstrafe notiert, weil Kötztinger Saliterknechte (der Saliter wohnte gleich neben der Wuhn) sich am Pfingstmontag eine Rauferei mit einem Arndorfer Knecht lieferten. Valentin Völkl, Salliterknecht aus Kötzting, und Thürmeier, dann Oswaldt Völckhl sammentlich 3 Salliterknecht, haben Georgen Penzkofer ledigen bauernknecht zu Ärndorf verwichenen heyl. Pfingstmontag bey dem sogenannten alten wunwürth ufm Berge, da Penzkofer weillen es schon ziemblich nacht worden nicht ufm weege nacher Haus zugehen, begriffen wahr ohne Ursach angefallen und mit Schrägenffiessen dergestalten geschlagen, dass er an der Stürn ober des lünckhen Augs bluetig gewesen.[20] Alle drei wurden mit 3 Gulden 25 Kreuzern abgestraft, eine respektable Summe, wenn man bedenkt, dass die Jahrespacht für eine Wuhnhälfte nur zwischen 7 und 9 Gulden ausmachte.

Im Spanischen Erbfolgekrieg, es waren Soldaten einquartiert, musste der Wuhnwirt Martin Hofmann gleich 18 Rekruten bewirten und stellte den Aufwand dann dem Markt Kötzting in Rechnung.[21] Dieser Hofmann erhält in seinem Stiftsvertrag etwas genauere Vorschriften, wie er seine Wirtschaft zu führen hat. Neben der Vorgabe, das Bier bei der Bürgerschaft und nicht beim Krieger zu kaufen, wird auch die Auflage erläutert, das Bier viertlweise zu kaufen. Er dürfe nämlich das Bier nicht einlagern – wohl um keine zu große Konkurrenz den anderen Bürgern zu machen –, sondern dürfe gerade mal zwei (Viertl-)Fass Bier vorrätig haben (1 Viertl = 100 Maß). Er darf weder schlachten noch Fleisch verkaufen. Schweine dürfe er sich aber halten, soviel er für seine Wirtschaft benötigt.[22]

Nachweislich wurde in der Wuhn zumindest bis 1721 Bier ausgeschenkt und eine Wirtschaft betrieben.

Wie man sich die räumliche Aufteilung der Wuhn mit den zwei Parteien vorstellen muss, verdeutlichen zwei Einträge im 18. Jahrhundert.

Nach einer Rechnungsrevision wird sie neu verstiftet und zwar „ist vermög der vom  
churfürstlich wohlloblichen Rentamt Straubing ausgeförtigt  hochgdigen Resolution so der 1760ten Marktkammerrechnung mit Nr. 9 anliget die hünter Stuben besamt der Nagelschmiedgerechtigkeit in der sogenannten Wuhn Behausung  bewilligt worden.Dahero man ihme Fischer lauth Rhatsprotokoll de ao 1766 fol. 49 solche hüntere Stuben und Nagelschmiedengerechtigkeit umb 6 und der Katharina Härtlin  verwittibte Leineweberin alda, die vordere Stuben ingleichen vor 6 fl verstifftet.“[23]

Im Jahre 1785 wird die bürgerliche Wuhnbehausung samt der Nagelschmiede  Antoni Fisher nunmaliger Nagelschmied dann Johann Mossmüller bürgerlicher Inwohner und zwar dem Fischer die hintere Stuben samt  der Nagelschmied per 8 fl dem Mossmüller aber die vordere Stuben ab 6 fl unteinander verstift. Dieser Nagelschmied aber zu keiner Zahlung fähig.“

Im Jahre 1793 wird der Antrag gestellt, in Kötzting eine Freibank zu errichten. Und der Magistrat sieht eine neue Einnahmequelle und lässt das neue Gebäude neben der Wuhn errichten, genauer gesagt: „Die große Freibank ließ man zur Wuhnbehausung hinzu schraufen und für eine Kammer zu recht richten.[24] An die Wuhn wurde also ein hölzernes Nebengebäude angelehnt und man hoffte auf große Einnahmen. Allein, der Freibankmetzger schickte zwar seine Familie, selber aber nahm er den Betrieb nie auf, und der Markt blieb auf all seinen Schulden sitzen.

Wie eingangs erwähnt, zwang die Regierung in München zu Anfang des 19. Jahrhunderts die bayerischen Kommunen sich von kommunalen Immobilien zu trennen. So rief der Kötztinger Magistrat zur öffentlichen Versteigerung auf und Anton Mack, ein Kötztinger Marktlehner und Nagelschmied, ersteigerte 1803 die Wuhn für 1215 Gulden.[25] Anschließend beantragte er für sich beim Landgericht eine Konzession, um eine Nagelschmiede zu betreiben und erhielt diese auch mit der Auflage, den vorher eingestifteten alten Nagelschmied Fischer als Meistergeselle zu übernehmen. Von 1832 bis 1836 war Anton Mack dann auch noch Kammerer (Bürgermeister) in Kötzting. Am 12.5.1834 heiratete der Neubürger Anton Schreil – er stammte aus Hohenwarth – Barbara, die Tochter des Nagelschmieds Mack und „erheiratete“ sich mit seiner Braut auch die Nagelschmiedsgerechtigkeit und die Wuhn.


Ein Spottgedicht

Dr. Carl Müller, genannt Saumüller
Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er auch der Nagelschmied mit Vornamen Anton, auf den der Kötztinger Bezirksarzt und Dichter Dr. C. Müller, genannt Saumüller, ein Spottgedicht schrieb.[26]
Sollte der geneigte Leser bei der Textzeile: "und schau ma hinten nein" spontan denken: "er wird doch nicht etwa DAS gemeint haben"?` Doch genau um diese Körperöffnung geht es bei dem Spottgedicht.









Wirkliche Begebenheit


wie ein bürgerlicher Nagelschmied zu Kötzting einen großen Bretternagel verschluckt haben thäte und derselbe, obwohl unter unsäglichen Schmerzen und nachdem ihm sein Eheweib in Silber gefasst nach Weißenregen verlobt, durch den ganzen Leib gegangen, im Jahre des Heils, als man schrieb 1853. Personen: Antoni der Nagelschmied, Waberl sein Weib.



Geh Waberl zünd a Kerzn an

Und schau ma hinten nein.

Es sticht mich etwas mordian

Dös muß a Nagel sein.

Z´erst is er mir im Magen drin gleg´n

Ich hab´n deutli g´spürt.

Doch wie ich druck, hat sich der Lump

Auf einmal hint postiert.

Waberl: Geh Toni, schau bist du denn toll

Was fällt dir net als ein.

Ich koch doch in die Knödl wohl

Koan Bretternagl nei.

Toni: Oh Mordian, auweh, auweh,

Geh sei net so bequem

Wie schlagt sich glei der Brand dazu,

bei mir woaßt ohnedem

O Mordion, oh weh oh, weh!

Wirst sehn i stirb jetzt glei.

Wer nimmt sich nun der Kinder an,

Wer kriegt mei kreuzbravs Weib,

Waberl: Geh Toni, mach mirs Herz net schwer

Sonst fang is Flehna an

Ziehn lieber auseinand,

Damit ich nein schaun kann.

Toni: Oh Mordion, herzliebstes Weib

Wahr ists das glaub mir g´wiß

I g´spürn jetzt scho im ganzen Leib

A Bretternagel is.

(Waberl guckt nein)

O Toni, wenn ich´n glückli krieg

I moa i hab´n g´segn

In Silber laß i´n faß´n glei

Und tragn auf Weißenregn.

Toni: O liebs Weib, plag di net so sehr,

Du kannst ihn ja kaum krieg´n

Geh hol mir´n Dr. Seidl her,

Der muß mir´n außa ziehn.

Der Doktor kommt, nimmt Perspektiv

Und schaut ins Loch hinein.

Sagt: lieber Toni da hats g´fehlt

Dös muss a Nagl sein.

Jetzt gehts nur Gselln und halts man fest

Sonst halt er’s uns net aus.

Und i nimm mei Geburtszang her

Und zieh den Teufel raus.

Der Toni schreit: Auweh ös Schwanz,

dös is koa Narrethei.

Der Doktor sagt: Jetzt holt di stad

Ich hab den Nagl glei!

Der Doktor zieht aus Leibeskraft

Der Krank schreit, was er kann

Bringt endlich raus an Ochsenfuß

Mitsamt den Boana dran.

Der Toni sagt! Jetzt ist mir leicht

Jetzt ist der Schmerz vorbei.

I´ glaubs scho sagt der Dr. drauf,

da schau die Sauerei.

Und s´Waberl sagt: Gott Lob und Dank,

Jetzt leg di Toni und rast.

I geh damit zum Goldschmied hin,

damit er´s Boandl fasst!

Doch du mein lieber Nagelschmied

Wennst wieder frisst an Fuß,

So friß doch net de Boana mit

Dass man´s hint raus ziehgan muß“.


Anton Schreil besaß die Wuhn noch, als im Juni 1867 wieder einmal eine Brandkatastrophe über Kötzting hereinbrach und eine Markthälfte abbrannte. Wie in der Einleitung bereits erwähnt, wurden beim Neuaufbau feuerpolizeiliche Auflagen berücksichtigt und neben der Anlage von Brandschneisen auch der Straßenverlauf im unteren Markt neu gestaltet. Die Altbesitzer der Brandgrundstücke wurden entschädigt und nach dem Neuaufbau verschwand hier ein Stück Altkötzting unter dem Straßenpflaster. Wenige Jahrzehnte später konnte sich kaum jemand vorstellen, dass es einst anders gewesen sein könnte. Erst bei der aufwändigen Sanierung der Kötztinger Straßen in den Jahren nach 1983 kam der eine oder andere Keller für die ausführenden Baufirmen überraschenderweise unter dem damaligen Straßenpflaster zutage.

Betreiber der Wuhnwerkstatt


1672    Wolf Schwarz

1682    Arnold Paar, Bürger und Schlosser  

1686    Christoph Khamp, Schlosser

1693    Gotthard Gnadenpaur, Schlosser    

1694    Georg  Billich

1703    Johann Stahl

1708    Paulus Maier

1716    Hans Georg Pachmayr, muss einen Schlosser hinzunehmen

1730    Kaspar Lobner, Nagelschmied

1747    Hans Fischer, Nagelschmied

1785    Anton Fischer, Nagelschmied

Bewohner der Wuhn


1672    Wolf Schwarz

1694    Georg Billich

1703    Johann Stahl

1708    Paulus Meier

1710    Martin Hofmann, führt die Wirtschaft

1716    Hans Georg Pachmayr

1719    Georg Zilker

1721    Georg Zilker

1730    Kaspar Lobmayer

1741    Johann Baptist Eller

1745    Johann Gulder, Hüter, die vordere Wuhnstube

1753    Ander Wurmb Zeug- und Leineweber

1766    Katharina Härtl, Witwe

1785    Johann Moosmüller, Inwohner, die hintere Stuben

1788    Johann Mossmüller, die obere Wohnung, neu gemacht

1788    Wolfgang Preu, Wagner, die untere Wohnung

1794    Johann Moosmüllers Witwe, die obere Wohnung

1794    Ander Prebeck, die untere Wohnung



Besitzer der Wuhn

Herkunft privat

vor 1620             Markt Kötzting

1621                   Wolf Paulus

1621                   Adam Mayr

1650 bis 1803 Markt Kötzting

1803                   Anton Mack, Nagelschmied

1837                   Anton Schreil

1860                   Anton Schreil, Hausname beim Nagelschmied

1867                   abgebrannt






[1] CARL VON PAUR: Gedenkblätter zur Ortsgeschichte des Marktes Kötzting von 1800 bis 1871, Manuskript im    Panzerschrank des Bürgermeisters, S. 367.
[2] MAX PIENDL: Kötzting in seiner geschichtlichen Entwicklung, in: Kötzting 1085-1985, Regensburg 1985, S. 27.
[3] Zitiert nach Piendl, wie Anm. 2, S. 29.
[4] Stadtarchiv (im Folgenden Stadt A) Kötzting, AA V/23.
[5] Stadt Kötzting, Archiv Arbeitskreis Heimatforschung (im Folgenden AAH), Marktrechnung Kötzting 1647.
[6] Vermessungsamt Cham, Liquidationsprotokoll der Steuergemeinde Kötzting. III. Band, Haus-Nr. 119.
[7] Staatsarchiv Landshut (im Folgenden StA La), Häuser- und Rustikalsteuerkataster Kötzting 1811, Nr. 389.
[8] Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (im Folgenden BayHStA), KL Rott 80.
[9] StadtA Kötzting, Marktrechnungen Band 1, S. 37.
[10]  StA La, Rep 97e Nr. 189.
[11] StA La, Rentkastenamt Straubing A 1166.
[12] Abgedruckt in: Kötzting 1085-1985, wie Anm. 2, S. 85.
[13] StadtA Kötzting, Marktrechnungen Band 10, S. 8.
[14] StadtA Kötzting, Marktrechnungen Band 1, S. 39.
[15] StadtA Kötzting, Marktrechnungen Band 10, S. 28.
[16] StadtA Kötzting, Marktrechnungen Band 13, S. 31.
[17] StadtA Kötzting, Marktrechnungen Band 7, S. 41.
[18] StA Landshut,Pfleggericht Kötzting P2, S. 21.
[19] Ohne Genehmigung durch die Regierung durften die Kommunen solche Verträge immer nur mit einer Laufzeit     von einem Jahr abschließen. Protokollierten sie längere Laufzeiten, so kassierte die Regierung anschließend die     Verträge wieder, so geschehen im Jahre 1700 als der Rentmeister aus Straubing in seinem Umrittsprotokoll solche     Vorgehensweise monierte und gegen die Verpachtung der Wuhn auf drei Jahre Einspruch erhob.
[20] StA Landshut, Rentkastenamt Straubing R 2392, S. 2.
[21] StadtA Kötzting, Marktrechnung von 1710, S. 38.
[22] StA Landshut, Pfleggericht Kötzting P5, S. 14.
[23] StadtA Kötzting, Marktrechnung von 1767, S. 15.
[24] #######
[25] StadtA Kötzting, AA X/15.
[26] CARL MÜLLER:  Gedichte aus seiner letzten Zeit in Kötzting, Druck von J. Jakob in Kötzting, 1855, S. 33.

Mittwoch, 7. August 2019

Johann Bartholomaeus von Gehring auf Hochentreßwitz

Die Gehringstraße


Epitaph des Johann Bartholomaeus von Görring
auf Hochentreswitz zum Raidenstain in der Kötztinger Sankt Anna
Kapelle. Vor der letzten renovierung unserer Pfarrkirche war dieser
Stein auf der linken Kirchenseite bei den Beichtstühlen angebracht.
Die Gehringstraße, eine der beiden Hauptstraßen in Kötzting, hat Ihren Namen von einem Landadeligen bekommen, welcher der letzte Besitzer des Sitzes Reitenstein war, sich aber auch nach Hohentreswitz, heutzutage ein Teil der Stadt Pfeimdt in der Oberpfalz, nannte.
Helmut Schnabel hat in den "Gelben Bänden", den "Beiträgen zur Geschichte im Landkreis Cham" von 2008 den 2. Teil seines Beitrages über die Geschichte der Hofmark (Sitz) Reitenstein veröffentlicht und dort auch von Schwierigkeiten geschrieben eine genealogische Verbindung "unserer" Gehrings mit denen auf Hochentreßwitz zu belegen Mit Dokumenten bzw. mit den jeweiligen Pfarrmatrikeln kann dieser Beweis nicht geführt werden. Es gibt einen Wappenbrief, ausgestellt auf einen Bartholomaeus Gehring auf Hochentreßwitz, des Jahres 1653 und auch die Besitznahme des adeligen Gutes Hochentreßwitz durch von Gehring im Jahre 1651 ist belegt. 1682 ist er dann gestorben, sein gleichnamiger Sohn wurde sein Nachfolger. (siehe Hist. Atlas von Bayern Heft Nr. 50 Nabburg)

In den Archivalien des Staatsarchives für Niederbayern(!) in Landshut fand sich dann,2020, der entscheidende Hinweis, dass sich die Göhring von Reitenstein nicht nur nach denen von Hochentreswitz nennen, sondern auch nachweislich von dort abstammen.
Gleichzeitig möchte ich hier gleich anmerken und vorwarnen, dass die Abstammungslinie derer von Gehring zwar sehr, sehr einfach und schlicht ist, da es allerdings nur 2 - in Worten zwei - Vornamen in dieser Familie zu geben schien, wird es in dem folgenden Text nur so wimmeln von Bartholomaeussen und Georgen.
 
  
Wappen derer von Görring auf Hochentreswitz aus dem Epitaph in der St. Anna Kapelle in Kötzting



 Nun aber der Reihe nach, so wir sie belegen und beweisen können: der erste der Familie der Görrings kommt nach Reitenstein:


Johann Bartholomaeus von Görrings
1686-1712 Herr von Reitenstein


 Der Besitz des Sitzes Reitenstein - eine Gründung des späten 16. Jahrhunderts durch eine Kötztinger Bürgersfamilie Raith - wechselte nach dem 30jährigen Krieg mehrmals seine Besitzer. Im Jahre 1686 erstand dann Johann Bartholomaeus von Görrings die Hofmark Reitenstein (Das Attribut Hofmark bzw. Sitz war für viele Jahre strittig) für die Familie und diese behielt sie bis der letzte dieses Namens 1772 kinderlos verstarb und den Markt Kötzting als Alleinerben einsetzte - allerdings mit Hindernissen und Hintertürchen.
Nun zu dem oben angesprochenen Nachweis der Herkunft der Reitensteiner Görrings . Die Regierung der Oberpfalz in Amberg schrieb, über den Umweg der Regierung in Straubing, an den Reitensteiner Hofmarksbesitzer, er möge die, nach dem Verkauf der Hofmark Hochentreswitz in seinen Händen verbliebenen, Aktenstücke herausgeben und nach Amberg übersenden.
In diesem Begleitschreiben findet sich der genealogische Beleg für die Abstammung Johann Bartholoaeus gleichsam in einer "Räuberpistole"
Wir schreiben das Jahr 1707, Bayern ist in Folge das spanischen Erbfolgekrieges von Österreich besetzt und die formale Anrede in den amtlichen Briefen richtet sich immer an den Kaiser oder die kaiserlichen Beamten. Der Vizekanzler der Regierung der Oberpfalz in Amberg, Weinzierl, schreibt an den Vicedomb, eigentlich der Stellvertreter des Kurfürsten, nun eben der des Kaiser, in Straubing:
StALa Regirung Straubing A 4444 Anschreiben der Regierung Amberg an den Vizdomb seiner kaiserlichen Majestät in der Regierung zu Straubing
Denen Herren und Freundten geben Wir hirmit frtl. nachbarlich zu vernehmen, wie daß Johann Bartholome Göhring, so sich uf Absterben seines Bruders in das Landsassen Guth Hohentreßwitz eigenmächtig eingetrungen, aniezo aber, nachdem selbes wegen der herfürkommenen alt: und jung Göhrigschen Schuldten verkaufft werden müssen, hat selber ganz unbefugter weis etwelche zu ersagtem Landsassen Guth Hohentreßwitz gehörige Documenta, Lehen: und andere Briefereyen mit sich hinweg und nachher vor Raithenstein genommen, anstatt deren aber verschiedentliche Schulden hinterlassen, neben deme, daß er Zeith seiner widerrechtlichen Nuznießung oberersagtes Guth sehr starck abgeösiget(?). und so wol zu Dorff als fedt marodlichen deterioriert.

Der Vicekanzler Weinzierl in Amberg schlägt folgende Druckmittel vor:

 ....und zwar durch Abschickung des "Ainspännigen" oder auf andere ernst: und recht zuverlässige weis.
 Der "Einspännige"  ist - laut Wörterbuch Riepl - als ein berittener und gerüsteter Amtsknecht zu sehen, der bei Verhaftungen und Hinrichtungen und zu Kriegszeiten herangezogen werden konnte.
Eigentlich aber wäre es den Herren in Amberg  lieber gewesen, sie hätten den Herren von Görring gleich verhaften können:


.....wie wol man billich Ursach hette, dessen Verschaffung hirhero selbsten zu begehren, wann man nit uff seine Armuth einige Reflexion machte...
Der Brief zeigt, auch im Detail, seine Wirkung, Johann Bartholomaeus ist sich der Gefahr durchaus bewusst, als er seine in Händen haltenden Dokumente übersendet. Im Begleitschreiben führt er an:

Antwortschreiben Johann Bartholomaeus von Görring
....Fahls mir unverhalten bleibt, den mann dem Ainspennigen anbefehlchen lassen werde, mich auf meinem Uncosten in dem Schloss Arrest nachher Straubing abzeholen....

Darauf unterschreibt er mit zittriger, wohl ehrer, ungeübter, Hand:
Joannes Bartholomaeus von Göring uff Hohentreswitz zum Raidenstain
Nun übergibt er die Dokumente, welche er noch in Händen hatte, darunter:
2. Meines Vatters Bärtlmeen von Gehring gehaltenes Lehenregister
3. Hanns Georgen von Gehring meines Brueders seel Lehenregister.
4. Mein Johann Bärtmeen von Gehring junge gehaltenes Registerl




















Wir haben also folgende Situation:

Bartholomaeus von Görring  auf Hochentreswitz hat zwei Söhne, Georg und Johann Bartholomaeus. Der Sohn Georg bleibt als Nachfolger auf Hohentreswitz und Joh. Bartholomaeus der zweite Sohn erwirbt - und zieht in - die Hofmark Reitenstein. Nach dem Tode seines Bruders Georg versucht er wohl noch einmal auf dem Gute seines Vaters Fuß zu fassen, scheitert aber an der Schuldenmasse und zieht sich endgültig auf den Sitz Reitenstein zurück.


In den Kötztinger Taufmatrikeln finden sich zwei Einträge derer von Gehring (Göhring) auf Reitenstein. Am 21.8.1687, gut ein Jahr, nachdem der Vater das Gut Reitenstein gekauft hatte,  kommt Johann Bartholomaeus als Sohn des ebenfalls Johann Bartholomaeus und seiner Gattin Maria Eva auf die Welt.
Taufmatrikel Pfarrei Kötzting Band 2 vom 21.8.1687: die Taufpate war die Ehefrau Regina in Vertretung des abwesenden Hofmarksrichters Johann Prechtl aus Stachesried.
 Drei Jahre später, am 5.4.1690,  kam dann der zweite Sohn, Johann Georg Benedikt, auf die Welt.


Taufmatrikel Kötzting Band 2 vom 5.4.1690 Geburt des Johann Georg Benedikt Gerring

Wir kennen nicht viel aus dieser Zeit über die Familie von Görring, wissen aber, dass ein Sohn Johann Georg 1712 sein Nachfolger geworden ist. Entweder hatte er sein Gut seinem Zweitgeborenen vermacht und den Erstgeborenen übergangen, oder aber - was gar nicht so selten vorgekommen ist in der Zeit, es hat noch einen - früher geborenen - zweiten Sohn mit Namen Johann Georg gegeben, welcher dann bereits mit seinen Eltern beim Kauf des Sitzes nach Reitenstein mitgekommen ist.

17.7.1707 Sterbematrikel Bad Kötzting Nr. 3 wurde die ehrenwerte Frau Eva Maria Göhring von Reitenstein beerdigt, mit allen notwendigen Sakramenten versehen.

Fünf Jahre später am 16.6.1712 stirbt Johann Bartholomaeus (sen.) von Hochentreßwitz und Reitenstein, wohl überraschend, denn sein Sterbeeintrag trägt den Zusatz:  "mortuus in lecto inventus", was ich mit: "im Bett verstorben/tot aufgefunden" übersetzen würde .
Sterbematrikel Kötzting Band 3 Seite 516 Sterbeeintrag Johann Bartholomaeus von Gehring vom 14.6.1712


Johann Georg von Görring Herr auf Reitenstein von 1712-1748
ein eher unsympatischer und unbeherrschter Grundherr

 Sein Sohn Johann Georg übernimmt die Hofmark und über ihn, und vor Allem wegen seines herrischen Gehabes, hat sich ein Prozessakt erhalten, der ein Schlaglicht auf die damaligen Verhältnisse zwischen adeligem Grundherr und seinen kleinen Hintersassen wirft.
StALa Regierung Straubing A 4454 Unterschrift des Beklagten
Johann Georg von Gehring

In diesem Prozessakt, den sowohl Helmut Schnabel ausführlich in den "Gelben Bänden" behandelt hat, als auch der Kötztinger Lesestammtisch sich dessen bereits angenommen hat, wird eine schier unmenschliche Behandlung, ja sogar Folter der Reitensteiner Untertanen geschildert durch den Hofmarksherren beschrieben, welcher seine Bauern zu kostenloser Arbeit zwingen wollte.
Gleich zu Beginn des Prozesses aus dem Jahre 1712 (Zur Erinnerung im selben Jahr ist sein Vater verstorben)  beschreiben die beklagenswerten Untertanen, dass das "Schloss" in Reitenstein vor 22 Jahren neu erbaut worden war und vom Vater des Beklagten dem Ruin preisgegeben und nie repariert worden war. Beim damaligen Bau wären die Untertanen für ihre Dienstleistungen, welche über die verpflichtenden Scharwerksdienste hinausgingen, bezahlt worden.
Hans Georg, der neue Herr, wollte dies nicht so handhaben und zwang seine Bauern zu kostenlosen Hand und Spanndiensten, weiters zu kostenlosen, und jederzeit von ihm abrufbaren, Boten- und Dienstgängen.


Die Untertanen wandten sich an die Regierung in Straubing und führten ihre außerordentlichen  Belastungen an. Nach der ersten Beschwerdeschrift ergeht von Seiten der Regierung der Befehl an den Hofmarksherren, sich an Recht und Gesetz und an die herkömmlichen Verpflichtungen seiner Untertanen zu halten und ihnen nichts darüber hinaus (ohne Bezahlung) abzuverlangen.
Solch eine Beschwerde an höherem Ort machte wohl den Herrn von Gehring etwas zornig und diesen Zorn lässt er dann erneut an seinen Untertanen aus, dem kurfürstlichen Befehl nachzukommen fällt ihm jedenfalls zuerst einmal nicht ein.
 So wenden sich die "armen Häusler"  ein weiteres Mal an die Regierung und führen ihre außergewöhnlich harten Lasten von Seiten der Herrschaft an:


....dass sie mit Stöhlung der Pagagefuhren, Vorspann oder Reitpferdt, Pothen laufen und Wachten etc. so Taag als nacht geplagt werden....
....hat er uns nit allein fast unaus sezlich zum Potten gehen und zur Scharwerch angehalten sondern auch, da wir umb befürderung des Berichts (=Stellungsnamhe zur Beschwerde bei der Regierung) und entzwischen uns zur Schand gebetten wie die Hund, ganz unbarmherzig und dergestalt
in den Stock geschlagen und mehrers hängen lassen, das wür die Handt und redo Fuess gen berg kheren: und abwerths oder gen Thall sizen müssen, volgsamb kein wunder wäre, wan wür hand und fuess abgebrochen hetten; negst dem haben wür dem Ambtsknecht zue Kezting iedesmahls 25 xr schliess und auslassen gelt bezahlen und noch dazue von unserer Herrschaft anhören miessen, daß er ihme ambtknecht, was dieser auch immer dentwegen begehre nichte absprechen wolle, wardurch dan dem allergnedigsten anbefelchen, nit allein der schuldigste Gehorsamb b´nit gelaistet: sondern im gegenfahl solch nur illudiert worden ist.

Hans Georg von Görring fordert also ein Übermaß an kostenloser Hilfe seiner Bauern, um sein "Schloss" in Reitenstein, welches sein Vater hatte verfallen lassen, und dazu ist ihm jedes Mittel recht.
Dass ihm die Regierung in Straubing, angerufen von seinen Bauern,  in den Arm fallen will, steigert nur seine Wut.
Er - so der Tenor der Beschwerde seiner Untertanen - behandle sie wie Hunde und lasse sie in den Stock spannen. Solch ein Stockeinspannen, in dem Hände und Fuße fixiert sind, verursacht allein schon eine äußerst schmerzhafte Körperhaltung. Wird dieser Stock dann aber auch noch aufgehängt, so dass die Hände und Füße nach oben zeigen (gen Berg), der Körper aber nach unten (gen Tal) durchhängt und das ganze Körpergewicht von den Hand und Fußgelenken getragen wird so ist es wirklich kein Wunder, wenn die armen Bauern sich dabei Hände und Füße gebrochen hätten.
Dass sie dann auch noch den Kötztinger Amtsknecht - der ja diese Folter durchzuführen hatte - für die Rahmenbedingungen dieser Sonderbehandlung (das Aus und Einschließen im Amtshaus eines Delinquenten war eine extra Position in der "Gebührenordnung" der bayerischen Amtsmänner) machte die Schande dann nur noch perfekt.
Die Regierung schickt nun eine Kommission nach Reitenstein und lässt sich beim Ortstermin dann auch noch einzelne Erbrechtsbriefe von Reitensteiner Untertanen vorlegen, die ziemlich deutlich erkennen lassen, wie sehr Hans Georg von Görring über das Ziel hinausgeschossen ist.
Der Akt endet 1713 ohne eine schlussendliche Entscheidung, die Regierung bestätigt lediglich die bereits vorher verfügten Beschränkungen in Richtung des Hofmarksherren.
Aus der Tatsache, dass in den folgenden Jahrzehnten die Anzahl der Häusler in Reitenstein um 8 Hofstellen zunimmt, kann man aber wohl schließen, dass sich das Verhältnis etwas entspannt hat.
Im Rahmen des Prozesses wird auch erwähnt, dass der neue Hofmarksherr die Anzahl der Schafe, welche bei seinem Vater noch unter 20 Stück gewesen waren, nun auf über 200 angestiegen war, was bei den Untertanen ebenfalls ein Problem bei der Beweidung der engfängigen Flächen darstellte.

In den Jahren 1723 und später noch einmal 1740 kam es zu einem Prozess zwischen dem Gotzendorfer Bauern Mühlbauer und dem Herrn von Reitenstein.

Briefkopfdetail des Notars, welcher
die Abschrift des Schillerschen
Kaufsbriefes bestätigte
Mühlbauers Vater hatte ein Waldstück von einem früheren Besitzer der Hofmark Reitenstein - Peter Schiller aus Kötzting - gekauft und gleichzeitig war eine Giltzahlung von einem halben Gulden pro Jahr damit verbunden.
 Mühlbauer - der Sohn - beschwerte sich nun bei Gericht, - und konnte seinen Besitztitel auch mit dem Verkaufsbrief von Peter Schiller beweisen -  dass der Herr von Gehring die Entgegennahme der Giltzahlung verweigere, auf der anderen Seite aber Holz einschlagen lies und damit den Wald verwüstete.
Anfang des Verkaufsbriefs des Peter Schillers Inhabers des
Sitzes und der Hofmark Reitenstein











Akt
Georg Müllbauer Bauer von Gotzen=
dorf ctra den von Göring auf Raitten=
stein Puncto eines Holzwachses so
anderen
des Anno
172340


Mühlbauer berichtet ein nettes Detail: der Vater des jetzigen Hofmarksbesitzers war damals sogar persönlich in den Bauernhof seines Vaters gekommen, um die Giltzahlung abzuholen.

 .... sein Vater seel: offtermahl den Ausgang des Jahr gar nit Erwarttet: sondern es ist derselbe vor der Zeit in die Behausung meines Vatters khommen, und hat den halben Gulden Holtz gilt selbst abgehollet....





Epitaph des Kötztinger Pfleger Johann Jakob von Mayr
in der St. Anna Kapelle in Kötzting
Dieser Mann hatte so seine Probleme mit dem kleinen
Landadeligen Georg von Gehring
Dann gibt es noch einen Akt aus dem Jahre 1731 mit dem Deckblatt:  StALa Regierung Straubing A 4502  Akt Hanns Lemberger Halbbauer zu Eckers=berg Gerichts Kötzting um für ihm neben seinem halben Hof ein Inhäusl erbauen zu dürfen, so anders betr: de Anno 1731
Über diesen Vorgang, der auf dem Aktendeckel angekündigt ist, gibt es in dem Bündel genau einen Brief, der Rest behandelt eine neue Räuberpistole unseres Herrn von Görring.
Ein Schriftwechsel also, der nichts mit dem Deckblatt zu tun hat und ausreichend über die Geisteshaltung des Johann Georg von Gehring aussagt und sich passend an die "Folteranklage" gegen ihn, zu Anfang seines Kapitels, anfügt.
Der Kötztinger "Obristwachtmeister und Pfleger" Johann Jakob von Mayr beschwert sich bei der Regierung in Straubing, dass der Reitensteiner Herr von Gehring bei der Bezahlung des Getreide- und Gelddienstes des zum Kasten Kötzting grundbaren Friesenhofes eine, ich nenns mal, Extrawurst verlange, weshalb er seinen pflichtschuldigen Rechnungsabschluss des Kastens Kötzting nicht termingerecht vorlegen könne.
 ...er thuett villmehr aus pur lautter hocher unnottwendtiger Einbildtung, keckh praetendieren, das man Ihme dentwillen a,mbtshalber allweegen zueschreiben und den tag zu Ablegung ermelten diensts determinieren solle.....

Titel den Entwurfsschreiben zurück an Herrn von Görring: etc. Max Eman(uel) Churfürsst
......Waist dahero dem vorgeschriebenen: und billich erfundtenen anbegehren in ain= so and(ereren) iedesmahlen gehorsambist nachzu=khomben, und zu and(erem) nicht Ursach zu geben. ....
Regierungskanzley Straubing
an Johann Geörg Von Göring abgang(en)

 Dieser Nasenstüber von ganz oben scheint nicht allzulange gewirkt haben, denn aus dem Jahre 1727 gibt es ein Beschwerdeschreiben von Mayers ähnlichen Inhalts, nur mit noch üblerem Benehmen von Seiten von Görrings::
Wan nun er von Göring sich dessen Abfiehrung aus vorhin anberichteten Ursachen, mehreren thayls aber pur lautterer muettwillen, und gegen dem Gericht ausser aller Ursach fiehrenten Passion wardurch er selben nichts als allerhandt Ungelegenheiten und Verhinderung zu causieren suechet, mehrmahlen verwaigert, und ich beriehrten Traidt: und ....

1731 gehts munter weiter, wieder verweigert Herr von Göhring "seine Castenschuldigkeit" obwohl diese bereits 12 mal seinem Hofbauern und dem Dienstknecht überbracht worden war.  Darüber hinaus hatte er sich auch erlaubt: sich an des Castenknechts Bruedern Hans Adam Khern hechst sträflich zuergreiffen.
Der Kötztinger Pfleger hatte diesen  an einem Dienstag nachmittag zu Herrn von Göhring nach Reitenstein geschickt welcher diesen dann bei einem seiner Untertanen, dem sogenannten Rehrl antraf. Hans Adam Kern überbrachte den schriftlichen Befehl und richtete dabei aus, daß er von Gehring seinen Traidtdienst übersenden möchte.Den folgenden Text hier in einer kurzen Zusammenfassung: In guter Fürstenmanier, den Boten für den Inhalt seiner Botschaft verantwortlich zu machen, zwingt Herr von Görring den Kötztinger Amtsknecht Kern in den neben seiner Haustüre angebrachten Stock und lässt ihn dort im Freien (es ist Anfang Februar) zuerst einmal stecken.


Doch hier in den Worten des Kötztinger Pflegers von Mayer:


Er darauf vermewldt, daß es ganz Recht seye, er Khern solle nur mit ihme gehen, müsse ihme was mitgeben. Und als er Khern hierauf gefolgt: und mit ihme in seinen Hof bis zu der Haus Thier zu den alda lünckher handt erricht(en) Stockh gangen, ist Er der von Göhring bey solcher stillgestandten, mit vermeldten, weillen sein Pfleger keinen anderen Respekt gegen ihme brauchen thue, so solle er in dem Stockh süzen, dessen sich aber der Khern gewaigert, und fürgewendet, wie das er es nit verschuldet und also auch in den Stockh nit gehen thue, worauf er von Göhring, wan er nit wolle, ihme gleich etwas anderts zuweisen, nit nur gethrohet sondern auch würcklich ainen aldorth gelaindten Raiffsteckhen ergriffen, iedoch solchen widerumben aus dennen handten gelegt, nachgehents dem Khern mit ainer bey dem Linckhen armb genomben mit der andern aber den obern Thaill von dem Stockh aufgehoben, disen damit er offen geblieben uf Spreizen gelegt. Volglich ihme beime armb nidergezogen, und in den Stockh zusizen anbefolchen, aso das Er Khern sich entlich darzue bequemet und daryber bei dieser unaussprechlichen Kelte  (es ist zu Anfang Februar) bey einer Virtl Stundt lang in solchen endthalten, wo nachmals anfenglich des von Gehring Köchin und baldt hierauf er von geöhring auch selbsten kommen, und gesagt, daß er iezt aus dem Stockh gehen solle mit befragen. wer ihme befolchen.Nach dieser Befragung sagte der Herr von Göhring über den Kötztinger Pfleger, dieser wäre ein  "Rechter Alter S:V: Hundsf(ott)".  S:V: bedeutet hier übersetzt "Mit Verlaub"

Georg von Göhring  erwiedert nun: : wan nun aber ersagter Pfleger, wie es gebreuchig und auf einem Landsassen gebieren will, der Tag zur iberbringung ermelten Traidtdienst schriftlichen denominieren: und nicht durch seynen Schörgen Knecht..... (anstelle des Kastenknechts) .... gleich einem Pauern hette piethen lassen, dan diser Schörgenknecht sich erfrecht hatte verwichenem Pfinztag zum einen aufm Raidtenstain mit diser Ausrichtung zu khommen und dessen Pfleger mir Göhring entbitten lasset, dass ich den Traidtdienst sogleich iberbringen solle, weillen andere Pauern auch zugleich eingesagt worden seye.....und aber eine Refir bekannte saxche, daß dessen Pfleger seines einbildtenten Hochmuth halbers keinen Adlstand zu tractieren weis, sondern sich pur allein mit gemeinen leithen divertire....

Die Regierung hat nun ein genaues Auge auf diese Vorgänge und der Pfleger berichtet in dem Folgejahr nur knapp dass Herr von Gehring zwar seine Schuldigkeit für das Jahr 1732 bezahlt habe, dass es aber sehr lästig sei, 6,8 ja 10 mal einsagen zu müssen und der Kastenknecht - außer er würde durch eine Aussage des Herrn von Gehring Sicherheit erhalten - sich weigern würde diesen Dienst auszuführen.


Wir wissen nicht viel weiteres von Johann Georg von Gehring, erst mit dem Sterbeeintrag in den Kötztinger Matrikeln taucht er wieder auf, als Georg Benedikt von Görring, Herr in Reitenstein, als er am 27.12.1748 stirbt.

Sterbematrikel Pfarrei Kötzting Band 18 vom 27.12.1748 für den Ehrenwerten Herrn Johann Georg
Benedikt von Gerring von Hohentreswitz Herr auf Raittenstein









Nun übernimmt sein Bruder Johann Bartholomaeus die Hofmark, es ist der Herr von Gehring, nach dem in Bad Kötzting die Gehringstraße benannt ist..



Johann Bartholomaeus Görring Herr auf Reitenstein (1748-1772)


Fangen wir mit seinem Tode an, Johann Bartholomae von Görring stirbt am 3.3.1772, mit 84 Jahren - so stehts auf seinem Grabstein in der Pfarrkirche Bad Kötztingt. Da bei (Johann) Georg Benedikts Sterbeeintrag - seinem Bruder und Vorgänger als Hofmarksherr- kein Alter angegeben ist, ist es nicht klar, ob er, Bartholomaeus,  Erstgeborene war, oder ob es einen späteren Sohn gleichen Namens gegeben hat. Helmut Schnabel jedenfalls bezeichnet Johann Bartholomaeus als den Bruder und Nachfolger des verstorbenen Georg von Görring. Zeitlich würde es passen.

Nun, ebenso wie von den beiden vorgegangenen Generationen derer von Gehring, hat sich in den Archiven fast nichts erhalten.
Wir kennen einen Prozess mit dem Kloster Rott um das Jagdrecht am Kaitersberg aus den Jahren 1758-1769 des weiteren einen ebensolchen um die Sicherstellung, dass Reitenstein als Hofmark und nicht nur als Sitz bezeichnet werden darf. Dies ist deshalb wichtig, weil eine Hofmark eine wesentlich höhere Stellung hat und auch die eigene Gerichtsbarkeit beinhaltet. Dieser Prozess, von J.B. Gehring begonnen, wird nach seinem Tode vom Markt Kötzting erfolgreich weitergeführt.

Johann Bartholomaeus heiratet



Am 18.Januar 1751, im hohen Alter von 65 Jahren heiratet J.B. von Gehring die jungfräuliche Maria Anna Viktoria Margaretha, Tochter des ehrwürdigen, bereits verstorbenen,  Herrn Franz Albert von Rainer in Hackenbuch und Chammereckh und seiner noch lebenden Frau Maria Eleonora Franziska, einer geborenen Baronin von Schrenck auf Notzing. Als Trauzeugen fungierten der ehrenwerte Herr Sigismund von Prenner auf Tallersdorf und der Kötztinger Arzt Joseph Anton Halser.

 

Das erste Testament

StALa Regierung Straubing Nr. 4576

Schon kurz nach der Heirat, am 24.7.1755 entschließen sich die Beiden ein Testament zu verfassen und bitten den Kötztinger Pflegskommissar von Francken um einen Termin bei ihm, um die Urkunde bei Gericht deponieren zu dürfen. Der Pflegskommissar antwortet sofort und so kann am 30.7.1755 das von beiden unterzeichnete Testament in Kötzting bei Gericht deponiert werden.
Die beiden Kötztinger Gerichtsprokuratoren Johann Christoph Magerer und Georg Druckmüller bezeugen den Vorgang.
StALa Regierung Straubing Nr. 4576

 



 

 

 

 

Sterbeeintrag der edlen Frau Anna Maria von Gering in Reitenstein, einer geborenen Rainer von Chamereck.
Sterbematrikel Kötzting Band 18 von 1758. Auch wenn in dem Eintrag bereits der Monat Juli als Überschrift
eingetragen ist, denke ich es war der 27. Juni. Der in der Liste  nachfolgende Sterbeeintrag trägt das Datum vom 6.7.
Auch in dem amtlichen Schreiben wegen der Testamentseröffnung ist die Rede, dass Frau von Gering Ende Juni verstorben sei.
Schon 3 Jahre nach der Testamentsdeponierung und nur 7 Jahre nach der Eheschließung verstirbt Frau von Gehring am 2. Juli und das Gericht Kötzting setzt einen Termin zur "Publizierung des Testaments" fest. Es bittet sowohl Herrn von Gehring als auch die "Notherbin" der Erblasserin Marie Eleonora von Rainer zu dieser Testamentseröffnung zu erscheinen und setzt dazu den 10. Juli 1758 fest.
Da das Testament offensichtlich auch - vermutlich als Erst- oder Zweitschrift - bei der Regierung in Straubing hinterlegt worden ist, fordert nun Herr von Gehring das Straubinger Exemplar mit Schreiben vom 17.10.1758 ebenfalls zurück, " da meine Frau nunmehro das zeitliche gesegnet, mithin sich er ganze Status vollkommen geändert..."
Der Straubinger "höchste Bannrichter und Regierungs und Landschaftsadvokat Johann Conrad Hayder protokolliert zu seiner eigenen Sicherheit, dass er das Testament, auf Anforderung des Herrn von Gehring aus dem "Geheimen Casten" entnommen hat.
Wiederum 4 Jahre später errichtet Johann Bartholomaeus Gehring am 18.2.1762 sein eigenes Testament, welches er dann wenige Jahre vor seinem Tode noch einmal geringfügig (zulasten einer Klause in Weißenregen und zugunsten der Kötztinger Kirchenglocke)  abändern wird
Sterbeeintag des Johann Bartholomaeus von Göring in Hohentreswitz und Reitenstein vom 3.3.1772
Im Jahre 1772, am dritten März, verstarb Johann Bartholomaeus von Göhring Herr auf Reitenstein und wurde auf dem Friedhof in Kötzting begraben.
In der St. Anna Kapelle - damals Zentrum des Kötztinger Friedhofs - befindet sich heutzutage sein Epitaph.

Ruhet der hochedelgebohrene Herr Herr Johann Bartlmae von Görrung uf Hochentreswitz um Raidenstain. Erster Guetthätter der Alhiesig Grossen Pfahr Gottshausglocken. dan sonderbahr Guett letzten Willens Gemeinen Markts Kötzting im Alter 84 Jahren. Letzter dessen Stammes. In Gott Entschlaffen den 1. Martii in Anno 1772 Gott Verleihe ihm die Ewige Ruehe Amen
Im Stadtarchiv Bad Kötzting befindet sich eines der Exemplare des Testamentes von Johann Bartholomaeus von Göring

Ich, Johann Bartholomae von Görring auf Hochentreswitz zum Raidenstein

bekenne himit und in Kraft dieß offen und gegen iedermänniglich, daß nach öfterer Erwägung wie des Menschen Leben auf dieser Welt sehr kurz und tausend Gefahren unterworffen, auch nichts gewissers als der Tod, nichts aber ungewissers als die Stund desselben seye, ich mich in meinem hohen Alter entschlossen habe, meines zeitlichen Vermögens halber nachfolgende Disposition und letzten Willen......zu verfassen
1. befiehlt er seine arme Seele der Barmherzigkeit des allmächtiogen Gottes .......
2. möchte er in der Pfarrkirche Kötzting, allwo die Göringische Begräbnus, begraben werden.
3. Vermacht er zum Trost des Seelenheils seines verstorbenen Bruders Georg Benedikt und seiner Frau Maria Anna Viktoria Margaretha jeweils 100 Gulden zur Lesung von insgesamt 600 (!) hl. Messen in Kötzting, Schönbuchen und Weißenregen.
4. Vermacht er 25 Gulden zum Franziskaner Kloster nach Neukirchen für 50 hl. Messen zum Trost der Armen Seelen und zusätzlich 25 Gulden für 50 weitere Messen bei den Kapuzinern in Straubing.
5. Fundiert er einen ewigen Jahrtag beim Gotteshaus in Kötzting für die Göringische und Rhainerische (seine Frau) Freundschaft mit 200 Gulden.
(damals waren 5 Prozent Zinsen üblich = 10 Gulden jährlich, diese 10 Gulden sollten aufgeteilt werden zu jeweils 5 Gulden für das Gotteshaus und für den Pfarrer und die Kirchenbediensteten)
Weiters bekommt die Kirche Kötzting 300 Gulden zum Chorbau in der Kirche. 
Dieser Zusatz wird in einem späteren Testamentszusatz (Codicill) abgeändert, am 29.12.1768

6. Zur Erbauung einer Klause oder eines Priesterhauses in Weißenregen vermacht er 1000 GuldenAuch dieser Zusatz wird abgeändert bzw. gestrichen am 29.12.1768.
Zu einer Capelle aufm Raittenstein 50 Gulden dann zu dessen Unterhaltung auch 50 Gulden.

7. Vermacht er seiner freiherrlichen Mam Magdalena von Singer auf Mossau, da sie seine Hauswirthschaft gethreulich gefiehret zu einem prolegat nebst einer redo (mit Verlaub) Khue und Hausfahrnus als Zünn, Kupfer und Leinwand 1500 Gulden.
8.Nun folgen die einzelnen Legate: Den Fischerischen Kindern zu Poppenried 150 Gulden.
Den Anna Levinischen Kindern am Hainhof 150 Gulden
Den Elisabetha Prechtlischen Kindern zu Stachesried 150 Gulden
Den Anna Neybergerischen Kidnern zu Kaitersbach 150 Gulden.
Der Barbara Maltrin zu Attelskofen 150 Gulden.
Dem Dienstmaydl Magdalena Kinigin 150 Gulden.
Denen Hans Görringischen Kindern zu Regensburg 100 Gulden.
Denen Ehelhalten, welche sich in seinen Diensten bei seinem Ableben befanden aufgeteilt 60 Gulden

9. seinem Verwalter Ferdinand Mayr bzw. dessen Kinder welcher seinem Bruder im abgelaufenen Krieg, (Österreichischer Erbfolgekrieg) als auch ihm viele Dienste gratis getan und viele Schriften unentgeldlich verfaßt: das beste vorhandene Pferd, mit bester Schabracken und Zeug, die 2 besten Ochsen samt einem guten Wagen, dann 2 redo Khue, ferners meine Sackuhr, die Straßmayrische Fluiten und beste Baar Pistollen.
10. Als Hauptpunkt und Fundament eines jeden Testamentes bestimmt er als wahren Universalerben den Gemeinen Markt Kötzting, also und dergestalten das derselbe mir nicht allein in meinen eigenthumblichen Sitz und Hofmark Raidenstein, samt denen darzu gehörigen Unterthenan cum pertinentiis, sondern auch in all übrig meinen Vermögen wie solches immer na,men haben mag, succediren möge und solle.....
...geschehen zu Raittenstein den achtzehnten Monatstag Februarii im Aintausend sibenhundert zweiundsechzigsten Jahr
Johann Barthomolme von Göring

In der oben aufgezeigten Testamentsabänderung strich er das Vermächtnis für Weißenregen und den Chorbau und stiftete dafür den Betrag zur Herstellung der großen Kirchenglocke.

Drei Monate nach seinem Ableben wurde im Mai 1772 durch eine Kommission sein Besitzstand inventarisiert. Dieses Protokoll ist heute noch im Stadtarchiv Bad Kötzting vorhanden und ziegt auf wie weit es mit seinem "Schloß" her war. Die Kommission war ansehnlich, die beiden Kammerer Kötztings (heutzutage der erste und zweite Bürgermeister) Luckner und Fischer, Johann Baptist Fabrici (Voithenleitnerhaus) als Marktrat, von Görrings Haushälterin mit ihrem Rechtsbeistand - sie sollte ja das große Legat über 1500 Gulden erhalten - der Marktschreiber, zwei Gerichtsprokuratoren, der Pflegsverwalter von Frank (heutzutage in etwa der Landrat mit allerdings viel, viel umfassenderen Zuständigkeiten) zusammen mit seinem eigenen Gerichtsschreiber und Schätzleute vom Kaufmanns und Bauernstand.
Sie alle durchforsteten das Anwesen, die Stallung, die Scheunen und auch das zum "Schloß" gehörende Hofbauerngütl, bewerteten das, was sie fanden, und gingen auf den Feldern und Wiesen ebenso vor. Alles, aber auch wirklich Alles, hatte damals einen Preis und so kamen dann gerade mal gut 10000 Gulden an Wert zusammen, denen über 8300 Gulden an Legaten und Vermächtnissen gegenüberstanden. Kötzting, der Universalerbe, sollte also mit einem Vermögensüberschuss - für den er sich nichts kaufen konnte, aus dem Erbe von gerade mal 1702 Gulden das Erbe annehmen und sich damit verpflichten die Riesensummen an Legaten in bar auszuzahlen.

Dies war der Anfang für einen fast 30 jährigen erbitterten Streit innerhalb der Kötztinger Bürgerschaft, zwischen den Kötztingern und den Reitensteinern, zwischen Kötzting und der Regierung in Straubing und dem Pfleggericht und umgekehrt. Zwischen all diesen Parteien saß als Prozessbeteiligter und/oder "Zündler" Wolfgang Samuel Luckner, der damals mächtigste Mann in Kötzting, der das Testament in dieser Form nicht annehmen wollte und welcher, bei der Rückkunft nach einer Reise nach München, sich  zuhause vor vollendete Tatsachen gestellt sah, die die Regierung in Straubing zusammen mit einigen wenigen Kötztinger Bürgern durchgesetzt hatten.
Das Thema der "Reitensteiner Anteile" ist zu umfangreich für diesen Blog, wurde auch ebreits ind en gelben Bänden veröffentlicht, ist auch in dem Blogeintrag über Wolfgang Samuel Luckner in Teilen nachzulesen.
Nun, wie mächtig Wolfgang Samuel Luckner damals war,s ieht man auch an der großen Kirchenglocke Kötztings, zu deren Herstellung Bartholomaeus von Görring am Ende 1300 Gulden vermacht hatte. Luckner selber steuerte dann noch 500 Gulden bei.

aus einer Bürgerfestbeilage der Kötztinger Zeitung, der Beitrag stammt vom Kötztinger Ludwig Baumann

aus einer Bürgerfestbeilage der Kötztinger Zeitung, der Beitrag stammt vom Kötztinger Ludwig Baumann

Nun, im Rahmen des Kirchenumbaus im Gotteshaus Kötzting, wurde 1778 der Auftrag vom Kirchenverwalter Luckner für den Glockenguss an die Firma Florido in Straubing erteilt. 1987 Gulden sollte sie kosten, 1300 kamen von von Görring, 500 von Luckner. Die Anweisung in Görrings Testamentsabänderung war ganz klar, dass sowohl sein Wappen als auch sein Name mit dem Zusatz "Gutthäter" auf der Glocke sichtbar sein sollten.
Nun:
Luckner ist deutlich aufgeführt: Sam. Luckner A.K. (d.h. Amtskammerer)
Dann heißt es weiter: IO:B:V:G:U:H:T:U:RT, was nur Eingeweihte entziffern können. Der Leser, der bis hierher gefolgt ist, kann die Buchstaben sicherlich eher zuordnen:
IO(hann) B(artholomaeus) V(on) G(öring) U(f) H(ochen)T(reswitz) U(und) R(eitenstein).

Ludwig Baumann schreibt weiter: Die große Glocke wurde am 13. September 1779 zum erstenmal geläutet. Seitdem geleitete ihr voller Klang die Reitensteiner auf ihrem letzten Weg zum Pfarrfriedhof - eine Reverenz an den reitensteiner Guttäter und ein liebenswerter Brauch, der den geänderten, neuzeitlichen Beerdigungsformen zum Opfer fiel.
Dieser Brauch ergibt sich zwar nicht aus dem Verfügungen J. B. von Gehring, scheint aber in Kötzting vor Generationen durchaus gebräuchlich gewesen zu sein. Nimmt man das Benehmen der Herren von Görring ihren Untertanen gegenüber zum Maßstab, so erscheint solch eine Reminiszenz dem Hofmarksherren gegenüber auch mehr als fragwürdig.
Stadtarchiv Kötzting AA VII/3 Deckblatt
Verhör und Briefprotokoll
dann
Inventur und Vormundschaftsbuch
der
hochadelichen Görring(schen)
Hofmarch Raidenstein
de ais (annis)
1768
et
1769

Wie streng der Herr v. Görring auch bei Kleinigkeiten war, zeigt ein Ausschnitt aus einem Verhörsprotokoll der Hofmark Reitenstein vom 27.4.1769. Die Hühner seiner Untertanen waren dem Herrn ein Dorn im Auge und so verpflichtete er seinen "Hofmarksrichter" seinen Untertanen anlässlich der Zahlung der Georgigilt (es gab zwei "Steuerzahltermine" an Michaeli und Georgi), wenn eben alle Untertanen eh versammelt seien, diesen zu eröffnen, dass ab nun jeder Untertan dafür Sorge zu tragen habe, dass die Hühner nicht in die Felder und Gärten eindringen. Jedes Huhn würde "konfisziert" und der (Hühner)besitzer müsse 1ß Pfennig bezahlen (pro Stück Huhn) und den Schaden darüber hinaus.












 

 

 

 Die Gehringstraße


Nach dem großen Marktbrand von 1867  bestand die Notwendigkeit, die Straßenführung im Markt neu auszurichten und so entstand zu Ende des 19. Jahrhunderts der untere Teil der jetzigen Gehringstraße neu, bis hinauf zum jetzigen Parkhaus und der Abzweigung bei der ehemaligen Bäckerei Kerscher. Erst ins 20. Jahrhundert herein wurde dann peu a peu auch der oberste Teil bebaut und zu Anfang erhielt die Straße dann sogar kurzfristig den Namen zu Ehren eines damaligen Bezirksamtmannes "von Fuchs", welcher von 1903 bis 1912 in Kötzting wirkte. Später jedoch wurde die Straße dann endgültig dem Reitensteiner Hofmarksherren "Gehring" gewidmet, allen unterschiedlichen vorherigen Schreibweisen zum Trotz, welche zumeist auf Göring und Görring lauteten. 



Das "Schloss" Reitenstein

HaStA München GL fasc. Nr. 1816
"Raidenstein war den in den ältesten Zeiten eine blosse Einöd: Martin Raid sass circa 1500 in dasigen hölzernen Hauß"
 

 
Vermessungsamt Cham Ausschnitt aus Uraufnamhekarte: NO_050_41_1831 von 1831

Das Grundstück südöstlich des Dorfweihers, gelegen am heutigen Schloßweg, ist die Stelle, an der früher das "Schloss" Reitenstein bis zum Jahre 1772 gestanden hatte. Wir müssen es uns als ein kleines gezimmertes Haus mit, aus rauhen Steinen, gemauertem Erdgeschoss vorstellen, mit vier Zimmern zu ebener Erde und einem zusätzlichen Zimmer und einer Bodenkammer im ersten Stock.
Die, nach dem Tode J.B. von Gehring, vorgenommene Aufnahme aller seiner Güter beschreibt den Inhalt jedes einzelnen seiner Zimmer und auch seine Lage.
Stadtarchiv Kötzting AA VII/14
Im Jahre 1790 erstellte der Kötztinger Marktbaumeister Hummel (sein "Dienstposten" und sein Wohnhaus, das nun sogenannte Kamplmacherhaus, wurden extra für ihn, wenige Jahre zuvor, eingerichtet und gebaut, weil der Kötztinger Kammerer Luckner die märktischen Bauvorhaben nicht mehr unter Regie durchführen lassen wollte) einen Entwurf und einen Kostenvoranschlag für ein offizielles "Amtsgebäude" in Reitenstein, welches die Reitensteiner Untertanen von ihrem Grundherren (=Markt Kötzting) einforderten. 
Dieses - nie errichtete - Gebäude kommt vermutlich dem vorherigen "Schloss" sehr nahe; zumindest stimmen die Zimmeranzahl und die Funktionen gut mit denen des Inventariums des alten "Schlosses" J.B. von Gehrings überein - mit Ausnahme einer Arrestzelle. Aber zu diesem Zwecke hatte der Herr von Gehring ja seinen "Stock" gleich neben der Haustüre stehen, siehe weiter oben.



Stadtarchiv Kötzting AA VII/14


Dies also ist die Geschichte derer von Gehring/Gerring/Göhring und Görring von Hohentreswitz und Reitenstein, die Namensgeber unserer Gehringstraße

Luftaufname Krämerarchiv:Mitte der 60er Jahre, erste Marktplatzsanierung:  Marktstraße und die parallele Gehringstraße
die weiße Linie zeigt die Lage der ehemaligen Bollburggasse mit dem Chamauer Tor