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Sonntag, 25. November 2018

Was für ein tapferes Mädchen...

vor 80 Jahren, im Dezember 1939, entkam das kleine Mädchen Susanne Kirschner den Nazi Schergen und auch das ist Teil unserer Kötztinger Geschichte

Susanne Theresia Kirschner und ihre Cousins

eine unglaubliche Spurensuche in Deutschland, Israel und den USA

Staatsarchiv München pol.Dir. Nr. 14457
Passphoto für Susanne Thereia Kirschner
vom November 1939, nicht einmal 12 Jahre alt
Seit vielen Jahren nun sammle und erforsche ich die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder unserer drei Kötztinger jüdischen Familien, nämlich die der Kernfamilien Kirschner, Hahn und Grünzweig.
Allesamt waren sie in unterschiedlichster Weise sehr gut in der Kötztinger Bürgerschaft integriert und Teil des alltäglichen Lebens. Julius Kirschner, der Vater der Susanne, war der Mitbegründer und - heute würde man sagen Hauptsponor - der zuverlässige Geldgeber und Bürge für den FC Kötzting. Die Familie Hahn war bei der Feuerwehr in der Vorstandschaft vertreten und Bepp Hahn spielte auch regelmäßig die Orgel in der Pfarrkirche bei den katholischen Gottesdiensten. Kirschner und Hahn waren beim Gesangs- und Orchesterverein aktiv und vor allem die Hahns waren begeisterte Theaterspieler. Die Familie Grünzweig besaß neben ihrem Werk in Cham auch die Fabrik in Regenstein und als solches waren die beiden Brüder Grünzweig auch wichtige Arbeitgeber.
Dies hier nur zur Einleitung.

Ebenfalls seit vielen Jahren trage ich mich mit dem Gedanken wie und auf welche Weise eine Veröffentlichung diesen Menschen gerecht wird und wann der Punkt ist, an dem ich glaube, bei meinen Recherchen weitgehend sämtliches relevante Material gefunden zu haben. Das aber ist in diesem Zusammenhang schwer zu sagen, weil ich in den letzten 5-6 Jahre von den unterschiedlichsten und auch unerwarteten Seiten Hinweise auf Fundstellen bekommen habe und auch ich selbst weitere Dokumente finden konnte.
Hier ein paar Beispiele für unerwartete "Kontakte": die Buchveröffentlichung über die Flucht Julius Kirschners im vorigen Jahr. Dieser Kontakt erbrachte dann einen Hinweis auf einen Passantrag für Susanne Kirschners Ausreise. Die Recherche des Stadtarchives in Würzburg für Stolpersteine gewidmet dem  Onkel, Tante und Cousinen von Susanne Kirschner erbrachte eine ganze Reihe von Bildern und Photos dieses Familienzweiges. Dann fand ich in der Zeitung einen Hinweis dass ein weiteres Mitglied (Sohn) des Kirschner Seitenzweiges, nämlich der Freiwirths, Fritz Moritz Freiwirth, der es auch 1939 auf abenteuerlichem Wege aus Deutschland herausgeschafft hatte, am NASA Mondlandungsprogramm teilgenommen hatte und nicht zuletzt Facebook. Ja, Facebook, das gescholtene Medium ist gerade im Bereich der Familienforschung das glatte Gegenteil dessen, was man sonst davon im Netz findet.
Im Bereich der Familienforschung auf FB gibts tatsächlich keine Trolle, hier wird gegenseitig beim Entziffern geholfen und vor Allem kann man Informationen nachfragen, weltweit, wenn man Hilfe in auswärtigen Archiven benötigt.
Das Schicksal und das Leben der Kötztinger jüdischen Familien ist so komplex und mit sovielen Ereignissen in unserer Heimatstadt verbunden, dass ich mich diesem Thema, dem ich mich, wie oben einleitend bereits angedeutet, bereits seit Jahren widme, am Besten mit einzelnen Fazetten nähere, auch, um den einzelnen Menschen und ihren Schicksalen besser zu versuchen gerecht zu werden.

Dieser Blogbeitrag sollte - und soll auch weiterhin - sich um das Mädchen Susanne Kirschner drehen, ABER im Zuge der Recherche sind nun so viele überraschende Details zutage getreten, die sich nicht alleine auf Susi Kirschner beziehen sondern teilweise auch auf ihren Bruder und ihre Cousins, dass es den Überblick erleicht, den Bogen größer zu spannen:
Aber trotzdem nun zuerst zu Susanne, Susi Kirschner, dem Anlass meiner diesjährigen intensiven Nachforschungen:

Die Familie Kirschner


Viele "alte" Kötztinger sprechen heut noch, wie es sich in Bayern für Ortsansässige gehört in der Reihenfolge "Familienname - Vorname", in wörtlicher Rede also vom "Kischner Juler", ihrem Vater,  oder von der "Kirschner Susi". Doch trotz dieser familiär klingenden Attitüde ist es unfassbar, was diese Menschen erdulden mussten. Meine Suche nach Archivalien für Julius und Alice Kirschner ist noch nicht abgeschlossen weshalb ich zuerst mit der Tochter beginne, auch um aufzuzeigen, wie weltumspannend das Netz der Familienforscher geworden ist, wie beeindruckend deren Hilfsangebote sind und wie die modenernen Medien bei der Forschung helfen können.

Susanne Kirschner wurde geboren am  22.November 1927, war also nur wenige Monate jünger als mein Vater, der ebenfalls Jahrgang 27 war.
Sie war die Tochter von Julius und Alice Kirschner, einer geborenen Klein aus Tirschenreuth.
Julius Kirschner hatte den Betrieb von seinem Vater Moritz Kirschner übernommen.
Hier nur zur Einordnung das Schema der Kernfamilie Kirschner:
Bild Arbeitskreis Heimatforschung: Pfingstritt 1933
Bild Archiv Arbeitsforschung Kötzting
Grabstein und Grabplatte für die Familie
Kirschner im jüdischen Friedhof in
Windischbergerdorf.
 
Pfingsten 1933, Julius Kirschner hatte bereits im März unter unwürdigen Bedingungen den Vorsitz des FC Kötzting abgeben müssen, steht der alljährliche Pfingstritt bereits unter der Beobachtung der NSDAP und es ist zu vermuten, dass das Mädchen, welches man im Fenster im ersten Stock des Kirschneranwesens sieht, Susanne Kirschner ist.
Sie ging in Kötzting zur Schule und mußte bereits in sehr jungen Jahren alle staatlichen Formen der Diskriminierung miterleben.
Sie mußte erleben, dass die lokale SA vor dem Geschäft ihres Vaters Posten stand um zu verhindern, dass Kötztinger Kunden das Geschäft betraten. In zeitlichem Zusammenhang mit den  Ausschreitungen bei der Reichsprogromnacht im November 1938 wurden die beiden Kötztinger Geschäftsinhaber Kirschner und Hahn - die bereits wenige Tage VORHER verhaftet worden waren -  aus Dachau antransportiert und mussten - unter Androhungen - die vorbereiteten Verkaufsurkunden für ihre Häuser unterschreiben.  (Alle diese Vorgänge werden in späteren Beiträgen für Alice und Julius Kirschner und die Familie Hahn aufbereitet).
Es wurde der Familie Kirschner dann gerade noch für ein halbes Jahr zugestanden in ihrem, eigentlich eigenen, Haus für ein halbes Jahr im ersten Stock, rechts, wohnen zu bleiben. Im Frühjahr 1939 dann stellte der Vater einen Auswanderungsantrag.

Hier geschieht offensichtlich eine Weichenstellung für die vierköpfige Familie, die zu einer Trennung des Ehepaares führte.
Einschub
Aus Israel habe ich von überlebenden Verwandten auch eine Erklärung für sein Verhalten gefunden: Es war wohl innerhalb der Juden in Deutschland die Meinung vorherrschend, dass die Nazis nicht hart gegen Frauen und Kinder vorgehen würden, es daher nur für die Männer notwendig wäre ihr Leben zu retten und zu versuchen ausser Landes zu kommen.Während also nun Julius Kirschner versuchte nach Palestina zu entkommen, blieben Alice Kirschner und der kleine Sohn Alfred in Deutschland - wohl unter fatal falschen Voraussetzungen - und wurden Jahre später in Sobibor ermordet. 
Einschub Ende
Aber nun weiter mit der Situation der Familie in Kötzting:
Aus dem eigenen Haus vertrieben, fand die Familie Kirschner noch für eine gewisse Zeit Unterkunft im oberen Markt bei den "Lieblschwestern" (Auskunft von Frau Annemarie Schötz, der Spielkameradin von Susi Kirschner)
Es war hier in der Zeit zuvor, als die Spannungen bereits unübersehbar geworden waren, der glückliche Umstand, dass es zwischen den benachbarten Häusern: Schrödel und Kirschner Kontaktmöglichkeiten gab, die von der Straßenseite her nicht kontrolliert werden konnten.
Es gab ein richtiges "Fensterl zum Hof" aus dem Kirschnerhaus heraus - noch heute im ersten Stock sichtbar -  und ein Gartentor auf der Schrödelseite.
Somit eröffnete sich nicht nur den jeweiligen Nachbarskindern sondern auch den Erwachsenen der beiden Familien die Möglichkeit unkontrolliert von den Wache stehenden SA-Männern, abgegebene Post weiterzureichen, Essen auszutauschen und Schulnachrichten zu überbringen.  Im Hinterbereich des Schrödelschen Anwesens, noch heute als kleine "Ruine" am Rande des hinteren Parkplatzes zu sehen, gab es auch noch eine kleine hölzerne Durchgangstüre in der Hinterhofmauer. Diese Türe war aber auch der Zugang zu einem kleinen Kinderparadies, denn Julius Kirschner hatte dort nicht nur eine große Rutschbahn aufgebaut sondern darin befand sich auch ein selbsgebautes hölzernes "Rennauto"
Bepp Fischer, das Nachbarskind von der anderen, der unteren, Häuserseite und Spielkamerad des jüngeren Bruders von Susanne Kirschner, Alfred, berichtete mir von diesem Haus und dem Spielhof:
Anbei eine Skizze von Kirschners Laden und Küche. Du kannst sie ja noch besser zeichnen.

Wie war es bei Kirschner? Aus der Sicht eines 6-jährigen nicht anders als überall.  Die unter-

schiedliche Konfession war für uns nicht nur kein Thema sondern trat gar nicht in Erscheinung.

Einzig, wenn Julius das Tischgebet sprach verstand ich nichts. Vielleicht war das jiddisch, bei

uns daheim war es anders. Das war halt so. Eins noch, Julius hatte sein "Käppi" auf. Das war

für mich nichts besonderes.
Alfred war ein echter kleiner Freund. Wir haben zusammen viel angestellt. Versteckspielen im

Laden, besonder in den Unterkästen der Kleiderständer. Der große Hof war ein Eldorado. Da

war die  ca 10-12 Meter lange Rutschbahn, das hölzerne Auto, das Julius für Alfred gezim-

Skizze von Bepp Fischer über das Haus Kirschner
und ihre Spielplätze
mert hatte. In ihm waren wir Weltmeister. Alfred war ein ruhiger Bub aber sein verschmilztes

Lachen habe ich nicht vergessen. Seine größere Schwester kam uns manchmal in die Quere,

war aber sonst ganz "comod". Mutter Kirschner hatte wie der Vater viel für uns übrig. Ich habe

das gute Brot das sie uns auf der Herdplatte röstete nicht vergessen.
Julius und Alice Kirschner mit Alfred.
Bild Arbeitskreis Heimatforschung
aus dem Familienalbum Ida Seiler
hier hatte ich dann eine Nachfrage an Bepp Fischer, weil mir von anderer Seite erzählt worden war, dass Julius Kirschner auch fremde Kinder regelmäßig zum Mittagessen hatte, und er erinnerte sich an weitere Details:
Spielplatz: Links im Hof die Rutschbahn, rechts Nebengebäude, davor das Holzauto für uns Kinder.
Erinnerung an Susi ja. Sie war eben Alfreds grosse Schwester. In unserer Familie war ein Ausspruch von Alfred bekannt als er einen Hut seines Vaters auf dem Kopf hatte in bestem jiddisch: Susä stät me de hät.
Schule: Alfred und ich wurden zusammen eingeschult. Wir sassen nebeneinander. Irgend ein Mitschüler sagte zu mir: "Wie magst du dich denn neben einen Juden hinsetzen? Das war diesem sicher aufgetragen worden, denn wer kommt in diesem Alter auf so etwas. Lange war Alfred nicht in der Klasse.
ich bin bis kurz vor "Abholung" der Kirschners immer wieder drüben bei Alfred gewesen. Am Tag der "Abholung" wollte ich wieder rüber. Ein SA-Mann hielt mich fest. Wo willst du hin? Zum Kirschner. Antwort: De sind nach Palestina ausgewandert, nicht mehr da, Ich: Das glaub ich nicht, da hätte mir ja Alfred was gesagt. Die Leute erzählten es soll die Straubinger SA gewesen sein. 
Von Susi und ihrer Schule weiss ich nichts. Es gab getrennte Klassen.
Dass arme Kinder bei den "Stadtkindern" essen war damals üblich, Bei uns war auch ein Bub aus Arndorf. Bei Kischners weiss ich es nicht.


Auch von Frau Christa Rabl-Dachs bekam ich die Bestätigung von Gesprächen mit Ihrem Vater, meinem Nachbarn Rabl Franz, dass er gerne und auch mit vielen mit anderen Kindern, ganz selbstverständlich, auf dem Kirschnerschen "Kinderspielplatz" gespielt hatte. Er berichtete auch von dem "Geruch" im Hinterhof. Julius Kirschner hatte ja auch einen Pelze und Lederhandel, was offensichtlich bei manchen Lieferungen einen "nachhaltigen olfaktorischen Eindruck" auf die Kinder hinterlassen hatte.

Manuskript von Frau Paula Dittrich

Im Stadtarchiv bewahren wir auch das Manuskript von Frau Paula Dittrich auf, deren Bücher sicherlich den allermeisten Kötztingern nicht nur bekannt sind, sondern vermutlich auch in fast jedem Haushalt zu finden sind. Unter der Überschrift:" Erinnerungen an die, "denen Kötzting Heimat war wie uns" berichtet sie unter anderem auch über die ihre jüdischen Nachbarn.
"Nicht wegzudenken aus dem Kötztinger Vereinsleben, namentlich dem Fußballclub, war der Kirschner Julius. Was hat er nicht an Zeit und Geld für den Verein und besonders die Errichtung des Platzes am Roten Steg aufgewendet. Eine offene Hand und ein offenes Herz hatte die ganze Kirschnerfamilie. Schulkinder fanden im Hof einen allezeit und für alle zugänglichen Spielplatz, und für manchen, dem der Schulweg zu weit und die Mittagspause deshalb zum heimgehen zu kurz war, gabs eine warme Mahlzeit. Wenn ein schmächtiges Bübl einen Hasenbalg oder ein Katzenfell zum alten Kirschner brachte, der auch Häute aufkaufte, so bekam er immer um ein paar Zehnerl mehr dafür als einer, der´s nicht so nötig hatte.
Fast jeden Sonntagnachmittag, der Kirschnerladen war immer offen, habe ich die alte Frau Kirschner mit der Ladenklingel aufgeschreckt und geplagt. Wegen eines Zehnerl humpelte die weißhaarige Frau, die sich schon sehr schwer mit dem Gehen tat, mühsam das Stiegerl vom Ladenzimmer zum Laden herunter, und immer war sie freundlich und suchte mir die drei Fondant Pralinen, die es um ein Zehnerl nirgens so groß und so gut wie beim Kirschner gab, genau in den gewünschten Farben - lila- hellgrün und rosa - aus den Schachteln, riß sogar noch ein Tütchen vom Nagel und sagte jedesmal :"Komm bald wieder, gell!" Alle haben wir noch die bescheidene, leibenswürdige und liebenswerte Frau Ida Seiler in Erinnerung. Sie war die einzige der Kirschnerfamilie, die überlebte und nach Kötzting zurückkehrte....

Auszug aus der "alten" Einwohnermeldekartei Stadt Bad Kötzting

Die Vertreibung aus Kötzting

Die Eintragungen - auch mit den nachträglichen handschriftlichen Ergänzungen - lassen das Schicksal der Familienmitglieder deutlich werden: Susanne Therese und Alfred Joachim  werden offensichtlich mit Datum 8. Juli 1939 nach München abgemeldet, während die Eltern erst zum 20. Juli als, nach Regensburg verzogen, vermerkt sind. Diese Ortsangabe decken sich mit den Angaben, die  in Susannes Passantrag eingetragen sind. Bei der Mutter ist ein Todesdatum vom 8.5.1945 vermerkt, dies ist ja der Tag des Kriegsendes. Es erscheint mir eher ein symbolisches Datum zu sein.
Trotz dieser Auftrennung vom Juli, dass die Kinder nach München und die Eltern nach Regensburg umgezogen/wohl eher zwangsumgesiedelt wurden, kam es am Ende zu einer ganz anderen Zusammenstellung. Susanne und ihr Vater versuchten unabhängig voneinander nach Palestina zu entkommen, während Alfred wieder mit seiner Mutter vereint wurde und beide dann für längere Zeit in Berlin sich aufhielten, bevor sie dann in dem Vernichtungslager Sobibor ermordet worden waren.



Für das nächste halbe Jahr habe ich keine Belege, erst im November, als Susanne offensichtlich schon lange in einem Waisenhaus in München lebte.
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de
/Lexikon/Verband_Bayerischer_Israelitischer_Gemeinden
Im Zusammenhang mit einem Kontakt  mit dem Autorenpaar Erika und Gerhard Schwarz und ihrer Neuerscheinung im letzten Jahr: Das Rittergut Garzau und seine jüdischen Zwangsarbeiter bekam ich vom Autor einen Hinweis auf Auswanderungspapiere der Tochter von Julius Kirschner, die im letzten Jahr noch wegen unserer strikten Datenschutzregelungen für mich gesperrt waren, aber eben nur noch bis zu diesem Jahr.
Die oberbayerischen  - durch den Umzug nach München wurde Susanne Oberbayerin - "Judenakten" wurden alle bei der Polizeidirektion München gesammelt und dort wurde eben auch ein Akt für ihren Auswanderungsantrag angelegt.
Dieser Akt und meine danach anschließenden Recherchen waren nun der genaue Grund mit Susanne den Anfang zu machen um über unsere jüdischen Mitbürger zu schreiben.
Genauer gesagt war es ihre zittrige Jungmädchenunterschrift:



Offensichtlich aufgefordert, ihre Unterschrift unter die Empfangsbestätigung zu setzen, schrieb Susanne Kirschner, mit der ungeübten Hand einer noch nicht mal Zwölfjährigen: Susi Kirschner. Danach wurde sie offensichtlich darauf aufmerksam gemacht, dass das nicht mehr ihr richtiger Name gewesen war. Seit dem 1.1.1939 bekamen alle Menschen jüdischer Abstammung in Deutschland, durch Gesetz, neben dem Judenstern auch noch einen verpflichteten Namenszusatz aufgedrückt. Susanne Theresia Kirschner hieß ab dann verpflichtend Susanne Sara Theresia Kirschner und hatte diesen Zusatznamen auch immer zu verwenden.  Aus diesem Grunde setzte sie nun den Zusatznamen, der ihr offensichtlich noch nicht geläufig war, nachträglich noch darüber.



Stadtarchiv Bad Kötzting

In diesem Akt bei der Polizeidirektion München lag auch ein amtliches Anschreiben:

Das Formular stammt aus dem Palestina-Amt Berlin und wurde von der Jewish Agency for Palestine ausgestellt. In dem Schreiben heißt es, dass eine Einwanderungserlaubnis für Palestina vorläge und eben dazu ein gültiger Pass notwendig wäre.
















Nun beginnen die Mühlen er deutschen Brokratie zu mahlen: bei der Stellungsnahme der Devisenüberwachungsstelle heißt es lapidar: ist erst 11 Jahre alt. Auch von der Auswanderungsstelle, der israelitischen Kultusgemeinde, vom Einziehungsamt, vom Finanzamt und natürlich von der NSDAP mussten Bestätigungen eingeholt werden. Auf die Ausstellung einer Unbedenklichkeitsbescheinigung von Seiten der GESTAPO wurde verzichtet.

natürlich musste Susanne ihre Abstammung belegen und dort finden wir, dass die Eltern Julius und Alice im November 1939 noch in Regensburg gemeldet waren, genauer in der Furthmayerstraße 4a im ersten Stock. Die Liste der Stolpersteine in Regensburg führt unter der Furthmayerstraße 4 a zwei jüdische Familien, die der Glaser und Haag, auf. Es steht zu vermuten, dass Alice und Julius Kirschner bei ihnen zeitweise Unterschlupf fanden.

Nun musste alles schnell gehen, denn am 1.12.1939 wurde der Pass genehmigt und der Bleistiftvermerk sagte aus: Sichtvermerk am 1.12.1939 nach Palestina zur einmaligen Ausreise bis zum 31.12.1939. Ob Susanne noch Gelegenheit gefunden hatte sich von ihren Eltern zu verabschieden ist mir nicht bekannt.

Einschub: der "Rechercheverbund" in Israel, den USA und Deutschland

Das war mein Wissenstand bis Mitte Oktober 2018, dann entschied ich mich erneut  - so wie ich auf den Familienforscherseiten in Facebook meist beim Entziffern helfe, wurde auch mir bereits mehrmals mit ausländischen Datenbanken geholfen - die Seite "Tracing the Tribe" zu benutzen.
Meine Anfrage, an einem frühen Abend gestellt, bezog sich zuerst einmal weniger auf Susanne sondern auf diese Berliner Auswanderungsbehörde. Ich wollte grundsätzlich wissen wie solche Rettungsaktionen bewerkstelling wurden.
Binnen MINUTEN(!) hatte ich links bekommen
>>> "Zionist trainings camp" welches in Berlin existiert hatte um eine (illegale) Einreise mit einem kleinen Boot im Finstern nach Palestina zu ermöglichen.
>>> die Israel Genealogical Association
>>> Hilfsangebot einer Privatperson aus einem seinem privaten Zeitungsarchiv israelischer Zeitungen
>>> das Central Zionist Archive in Jerusalem
>>> Erstkontakt nach 5 Minuten mit Elan Oren der mich seither unglaublich unterstützte
>>> Hinweis auf Aliyat Hanoar, einer Organisation, die Kinder aus Nazideutschland herausholte
>>> Hinweis auf eine Datenbank von Passagierlisten
>>> dann natürlich Bilder ihrer "Testimony" https://yvng.yadvashem.org/
Alice Kirschner geborene Klein
aus Tirschernreuth, die Mutter von
Susanne, dieses Bild hatte sie wohl
mit nach Palestina gerettet und in Yad Vashem
2005 bei ihrer Aussage hinterlegt.
testimony von Susanne Kirschner bei Yad Vashem























Obwohl ich diese Eingabe von Susanne Kirschner bei Yad Vashem mit dem veröffentlichten Bild ihrer Mutter bereits kannte, konnte Elan nun mit den vielen, auf Hebräisch geschrieben, Details mehr anfangen und, unglaublich, bereits wenige Minuten nach meiner Bestätigung, dass dieses "Testimony" von meiner gesuchten Frau Kirschner stammte,  hatte er bereits telefonischen Kontakt mit einer Großnichte von Susanne Kirschner hergestellt.


Elan Oren:  Here is Shoshana (Sara) Kirschner's testimony at Yad Va'shem for her mother and father.
She lived in Kibbutz Tzora and it has her phone number (if she is still alive). But the kibbutz will know to connect you to her family.

Zwischendrinn, wir sind noch innerhalb desselben Abends  meiner ursprünglichen Anfrage, schickte mir Michael Moritz ein Bild von ihrem Sterbeeintrag:

Hier haben wir schon gleich einmal mein Hauptproblem, die Schrift : es hat lange gedauert, bis ich diesen Bildausschnitt als den richtigen "vermutet" habe, es war die Klammer mit ihrem Kosenamen, die mir half. Aber die Kontakte sprangen sofort ein und übersetzten mir die Ankündigung, als ich nachfragte und zugestand, das ich keine Ahnung von der hebräischen Schrift hätte:


Elan Oren: It says Shoshana (Shosh) Kirschner passed and her funeral will take place March 21, 2016 at Kibbutz Tzora.
Also ist Susanne - Susi - ihrer Kosenamenverkürzung treu geblieben, nun eben nicht mehr die Susi, sondern die Shosh.



So, nun änderten Elan und ich unsere Kontaktaufnahme, während auf FB weiterhin viele richtige, aber auch verkehrte Zusammenhänge, angeboten wurden, wechselten Elan und ich auf den Messenger und seither füllten die Inhalte dessen was er recherchiert und herausgefunden hatte mehrere Seiten, die ich anfangs auf Word dokumentiert hatte.
Ich beendete den Dialog, es war Dienstag abend, Mittwoch war Archivtag in Kötzting, Donnerstag hatte ich ja zuerst einmal in meinem Hauptberuf zu arbeiten. Donnerstag nachmittag ein Ping auf dem Messenger, Elan war online und weiter gings:
Bei meinen ersten Fragen an Elan ging es mir vor Allem um das Wie und Wo der  Rettungsorganisation: Aliyah Child Rescue und deren Archiv in Jerusalem, wo ich danach dann auch
online einen Suchauftrag stellte.
Zuerst schickte mir Elan einen Link auf die Homepage des Kibbuz Tzora und deren FB Seite.
Dann gings weiter:
Elan Oren:  I just spoke with the kibbutz. They have a small file on Shoshana in their archive. I will PM you the numbers. If I'm in the area I'll drop in to see and copy the file.
Danach kamen die Neuigkeiten im Minutentakt: 


Elan Oren: Shoshana was a teacher and a librarian. The Library at the kibbutz is named after her.
I also discovered that she joined Kibbutz Alumot after finishing school and only at the end of the 50's she moved with Yaala, a girl friend that came to Palestine with her.


Elan Oren I found that it was Shoshana's uncle Ludwig and Fridel Klein (came to Palestine in 1933) from Tel Aviv that arranged for her visa to Palestine. Ludwig knew Mrs Recha Freier, the founder of Aliyat Hanoar organization. Shoshana left on the last group of youth that Aliyat Hanoar managed to get out of Germany. The group of children was trucked to Italy where they were put on a ship to Palestine.
 
When Shoshana arrived to Palestine, the ship was diverted from Tel Aviv to Haifa due to high waves at sea. Ludwig waited for her at the Haifa port. She stayed with the Klein family in Tel Aviv to the age of 18 when she then joined Kibbutz Alumot.
Shoshana had one more cousin in Israel Shlomit Zentel that arrived from Germany in November 1940.
Ludwig had a son by the name of Fritz. I spoke with Fritz's daughter Shely.


When Shoshana arrived in late 39, she stayed with her uncle Ludwig Klein in Tel Aviv. I assume Ludwig was Shoshana's mother brother.
She stayed with them until she finished high-school and then she joined Kibbutz Alumot in 1947.
https://en.m.wikipedia.org/wiki/Alumot
In the late 50's she moved with her girlfriend Yaala, that came with her from Germany  to Kibbutz Tzora. I dont think it will be a problem to connect you with Fritz's daughter and Shulamit Zentel's daughter. Fritz, Shulamit and Shoshana were all 1st cousins.
I just spoke with Ludwig's granddaughter (Fritz daughter). Her name is Shelly Feder, she will be glad to be in touch with you. She has many documents from 100 years ago in German she can't read. Her email is: xx@gmail.com Her cell phone: +972-.............Her home number: +972-..............

Damit hatte ich natürlich überhaupt nicht gerechnet, aber es sollte noch besser werden am selben Abend:
Also zuerst einmal schon der erste Kontakt mit einer Großnichte hergestellt.
Dann die nächste Überraschung:
Elan Oren: This is another Fritz, not Shoshana's cousin but might be a relative. You will note he is from your town as well and he also stayed with Ludwig Klein.

Er schickte mir nicht nur einen Link zu der Datenbank der Palestinensischen Einwanderungsbehörde sondern aus diesem Akt auch ein Bild...... und diesen Mann kannte ich, als Moritz Freiwirth, einem Cousin von Susanne Kirschner. 
Von ihm hatte ich sogar einen Zeitungsauschnitt im Archiv und nun die Überraschung, dass auch er bei der Familie der Kleins in Israel gelandet war. Moritz (Fritz) Freiwirth, das wußte ich bereits, wanderte später in die USA aus und arbeitete dort sogar beim NASA Apolloprogramm bei der Mondlandung mit. Der Kötztinger Zeitungsausschnitt behandelte einen seiner Besuche in Deutschland und ein Treffen mit seiner Tante Frau Ida Seiler.
von ihm ist sogar eine handschriftliche Notiz über seine Flucht über die Tschechoslowakei erhalten.
Betreffend meiner Ungenauigkeiten wegen meines Namens möchte ich folgendes festhalten:
I wurde in Kötzting (Deutschland) geboren und mein deutscher Name war Fritz. Seit ich in der Tchechoslowakei
lebte, wurde mir in Brno ein Pass ausgestellt und mein Name als Bedrich geschrieben und Fritz war in Anführungszeichen. Bedrich ist das tschechoslowakische Wort für Fritz. Bei meiner Einreise nach Palestina wurde mein name Fritz ohne Anführungszeichen gesetzt aber bei meiner Armeeeinschreibung wurde es wieder durchgenehnd mit Bedrich und fritz in Anführungszeichen geschrieben. Freiwirth Fritz: Auszug aus seiner Einwanderungsakte

 
Fritz Freiwirth ist offensichtlich bereits im August 1939 in Palestina angekommen, ein halbes Jahr vor Susanne.
Nun wurde es dann ganz konkret im Sinne der Familienforschung, die Familie der Kleins - das war die Verwandtschaft von Susannes Mutter, war bereits vor 1933 nach Palestina eingewandert und von dort wurden anscheinend auch die Aus/Einwanderungsanträge gestellt, ja hatten sogar bereits einen umfangreichen Stammbaum der Familie in FB zusammengestellt.
Nun kam die Aufforderung, mich endlich bei Shelly zu melden, sie würde auf einen Kontakt warten.
Das machte ich sofort, stellte mich und mein Anliegen vor und binnen Kurzem kam eine Antwort:
Shelly Feder:  Dear Mr. Mente,
Thank you for your quick response.
Susanne Kirschner was my father's first cousin.
I knew her since I was a baby and she was a very nice aunt.
She did not visit us often but when she did, she always told us funny stories.
She never got married and had no children.
I know very little about her family and her past. Only from the time she came to Israel
and lived for some time with my grandfather Ludwig Klein, when she firstly arrived in Israel.
I will be happy to answer any questions you have and continue to correspond with you.
 Mit Elan Oren und seinem enormen Wissen und Zugängen zu Datenbanken, gings natürlich weiter, es gibt da nicht nur den Moritz Freiwirth und seinen Bruder, der eine in den USA (mit Nachkommen) und der andere in England. Auch Manfred Kirschner, der einzige Überlebende des in Würzburg lebenden Kirschnerzweiges, emigrierte später in die USA, war verheiratet und hatte Kinder.
Soviel nun der Einschub wie ich innerhalb kürzester Zeit zu so vielen Antworten gekommen war.
So, nun wußte ich dass Susi Kirschner in Palestina angekommen war, dass dort bereits ein Cousin auf sie wartete.

Mit dieser kleinen Tabelle als Information machte sich Elan nun auf den Weg um noch weitere mögliche Nachkommen zu finden und dann gings Schlag auf Schlag. Erstes fand er Manfred Kirschner, den einzig überlebenden Sohn der Zweigfamilie Albert Kirschner, welcher als Zollbeamter nach Würzburg verzogen und mitsamt seiner Frau und den beiden Töchtern ermordet worden war. Zuerst fand er nur Spuren aus dem Leben Manfred Kirschner, doch am nächsten Morgen fand ich Elans Nachricht vor, dass Manfred noch hochbetragt in den USA leben würde und er auch bereits mit ihm gesprochen hätte. Ich habe dann, allerdings über Elan einen längern Brief(email) an Manfred geschrieben und warte noch auf seine Reaktion.
Zwischenzeitlich stieg Elan in die Suche nach den Freiwirts ein und binnen kurzem hatten zuerst er, und kurz drauf auch ich Ray Freiwirth (dem Sohn von Fritz ) und dessen Frau aus den USA am Telefon. Ray erzähtle mir, dass seine Mutter noch in Florida leben würde und er schon gespannt sei auf deren Reaktion.
In der Zeit als ich LANGE mit Ray sprach, hatte Elan den nächsten Coup an der Angel:
Die Passagierlisten und die Bilder der Schiffe, mit denen Fritz und Susanne aus Italien nach Palesitina transportiert worden waren:

Elan: Here is the passanger list of the SS Palestina that arrived in Haifa in 14/8/1939 with Badrich (Fritz) Freiwirth on line 49 (1st from the top)

 





























auf diesem Schiff entkam Fritz Freiwirth im Sommer 1939
 nachdem Elan zuerst nicht fündig geworden war auch die Passage für Susanne zu finden, kam aber dann doch noch mit dem Ergebnis:
 We should always stay optimistic. Here is the one for Susi Kirschner. She arrived aboard the SS Galilea in 19/12/1939, she is on line #251

Passagierschiff Gallilea Susannes Rettungsschiff

Einschub Ende

Das Leben der "Kirschnerkinder" in Israel

Nun also wissen wir seit Kurzem, dass Susanne Kirschner und ihr Cousin Fritz unabhängig voneinander im Abstand von nur wenigen Monaten per Schiff in Palestina eingetroffen waren.
Wie war das möglich? Nun, das verbindende Glied zwischen den beiden und deren organisierte Flucht war ein Onkel, Dr. Ludwig Eleizer Klein, der Bruder von Frau Alice Kirschner, wie sie in Tirschenreuth geboren und bereits seit Anfang der 30er Jahre mit seiner Frau Friedel, einer geborenen Braun, nach Palestina ausgewandert.
Dr. Ludwig Eleizer Klein, mit seiner Frau Friedel und der
Enkelin Shelly, der ich viele Informationen verdanke.

Dr. Ludwig Klein als junger Mann aus
Tirschenreuth, der wohl 1911 in Frankfurt
am Main studierte und 1916 dort auch arbeitete.
Shelly Feder, die Enkelin Ludwig Kleins, stellte mir die
folgenden Bilder zur Verfügung.

Von dem Ehepaar Klein sind viele Briefe erhalten - Shelly schickte mir bisher zwei Stück - die die tiefe Zuneigung der beiden zueinander beeindruckend dokumentieren.
Ludwig Klein schrieb ganz fein in Sütterlin, während seine Frau, damals noch seine Verlobte, schon einen moderneren Schreibstil ausübte.
Schriftprobe und Anfang eines Briefes von Friedel Braun an ihren
späteren Ehemann vom September 1916:











Hier das Ende des Briefes von Ludwig an seine geleibte Elfriede: lebe recht, recht wohl, meine Friedel. dein Ludwig
Elfriede Braun schreibt in Ihrem Brief auch von den Schwierigkeiten, die Ludwig im alltäglichen Leben mit bzw. von seinen Kollegen zu erdulden hatte und ermutigt ihn in solch einer Situation auch einmal kräftig zu schimpfen.
Dr. Ludwig Klein, ein promovierter Volks- oder Betriebswirtschaftler, stellte sich als Bürge zur Verfügung, schaffte es von Tel Aviv aus ihr ein Visa für Palestina zu verschaffen und bei ihm blieb Susanne auch in der ersten Zeit. Ludwig kannte offensichtlich Frau Recha Freier, die Gründerin der Aliyat Hanoar Organisation. Wie haben wir uns nun diese Flucht vorzustellen? Nach Allem was ich weiß ging die Reise so vonstatten, dass die Kinder von der jüdischen Agentur Youth Aliyah betreut und die Fahrt auch organisiert wurde. Vom Waisenhaus in München ging es nach der Passzuteilung Anfang Dezember in die Schweiz. und von dort mit Lastwagen in einen italienischen Hafen. Am 19.12.1939 erreichte das Schiff den Hafen in Haifa, nachdem Tel Aviv wegen hoher Wellen nicht nagelaufen werden konnte. (Elan).
Ludwig Klein erwartete seine Nichte am Hafen und sie blieb bei der Familie bis zum Abschluss der Highschool dann 1947 zuerst einmal in den Kibbuz Alumot einzog.
Elan berichtete weiter, dass Susanne noch einen weiteren Cousin in Israel hatte, Shlomit Zentel, der im November 1940 nach Palestina gekommen sein soll. Ludwig selber hatte mit seiner Frau Friedel einen Sohn Fritz, dessen Tochter Shelly eine meiNer derzeitigen Kontaktpersonen in Israel ist und von der ich die Familienbilder der Kleins und die Briefe erhalten habe.
Ende der 50er Jahre wechselte sie dann zusammen mit einer Freundin Yaala, die sie von Deutschland her kannte, in den Kibbuz Tzora, in dem sie bis zu ihrem Tode lebte und arbeitete.
Nun kommt wieder Elan ins Spiel, der mit einer Frau aus dem Kibbuz telefononiert hatte und mir ein paar Details übermittelte: einer ihrer Onkel war verheiratet und wohnte mit seinen Töchtern (Hermann und Ida Seiler) in unserer Stadt und standen in Kontakt mit Susi, nachdem sie ja Cousins waren. Sie - die Frau - berichtete auch dass Susi einen Bruder namens Alfred hatte. Die jüdische Agentur weigerte sich ihn  mit nach Palestina mitzunehmen, weil er noch zu jung war. Susis Vater entkam Deutschland und ging auf die Fahrt nach Palestina zusammen mit einer Gruppe von Juden und kam bis nach Rumänien. Dort wurde er krank und starb und wurde dort in Rumänien begraben. Susi hat sein Grab gefunden. Dieb Frau sagte weiter, dass nur Susis Vater versuchte zu fliehen weil sie dachten dass die Deutschen Frauen und kleine Kindern nichts antuen würden. Susi hatte eine Postkarte von ihrer Mutter aus einem der Lager erhalten. Da gab es ein Buch, das 1992 über die Juden in deiner Stadt geschrieben wurde von Paula Dittrich. Die deutchen Cousins haben im Jahr 200 Susi eine Kopie des Buches geschickt. Als der Kibbuz versuchte die deutschen Cousins zu informieren, dass Susi verstorben war, bekamen sie keine Antwort.

Von Shelly habe ich die weitere Information über Susi Kirschner,
Shelly: I knew her since I was a baby and she was a very nice aunt. She did not visit us often, but when she did, she always told us funny stories.
She never got married and had no children.
I know very little about her family and her past. only from the time she came to Israel
and lived for some time with my grandfather Ludwig Klein, when she firstly arrived in Israel. 
I will be happy to answer any questions you have and continue to correspond with you.
Bild von Frau Marianna Hasenberg von ihrem Besuch im Kibbuz
Von Shelly habe ich auch einen Link auf die Ahnentafel der Familie Klein erhalten, den ich bereits mit ein paar Details ergänzen konnte und den ich zukünftig auch weiter erforschen möchte.
Nun was wissen wir weiter von Susanne Kirschner, sie war wohl eine Erzieherin und die Leiterin der Kibbuzeigenen Bibliothek. Diese ist nun nach ihr benannt.
In den 80er Jahren besuchte Frau Marianne Hasenberg die Schulkameradin ihrer Mutter in Israel und von diesem Besuch hatte sie noch ein Bild gefunden.

Auch Notburga Baumann, die Tochter unseres Heimatforschers Ludwig Baumann, war anfang der 2010er Jahre in Israel und hatte versucht mit Susanne Kontakt aufzunehmen, aber eine einsetzende Demenz hatte den Kontakt unmöglich gemacht. Aber auch Notburga brachte Bilder mit und so gibt es zumindest ein paar Aufnahmen wie wir uns den Kibbuz vorstellen können.
der Kibbuz Tzora beim besuch von Notburga Baumann

auch hier nocheinmal der Kibbuz Tzora

Zum Abschluss dieses Berichtes nun noch ein Bild, das aus dem Familienalbum von Frau Ida Seiler stammt. Aloys Dachs von der Kötztinger Umschau durfte damals viele Bilder abphotographieren und dann auch für Zeitungsberichte benutzen.
Hier ein Bild von Susanne, wie sie es an ihre Tante weitergereicht hat:




Grabplatte von Susanna Kirschner in Tzora, übermittelt von
Elan Orin aus Israel.
Wie in der Einleitung bereits geschrieben, ist Frau Susanne Theresia Kirschner am 21.3.2016 in ihrem Kibbuz in Tzora gestorben. Auf ihrer Grabplatte steht: Shoshna Kirschner Tochter von Alice und Julius geboren am 22.11.1927 In Koetzing, Deutschland, gestorben am 21.3.2016 in Tzora, eine Erzieherung und Liebhaberin der Bücher

Es ist mittlererweile, wie oben teilweise bereits angedeutet zu vielen Kontakten mit Susannes Verwandtschaft in Israel und auch in den USA gekommen; viele Emails sind hin und her geflogen und auch telefoniert wurde bereits. Ich hoffe, dass diese Kontakte aufrecht erhalten bleiben und wir vielleicht in der Zukunft einmal den Einen oder die Andere bei uns in Kötzting begrüßen dürfen. Elan, der mir so viel geholfen hat und der mich vermutlich auch weiter unterstützen wird, hoffe ich, ebenso wie Shelly, bei einer bevorstehenden touristischen Reise nach Jordanien und Israel die Hand schütteln  und Dank sagen zu können.

Nachtrag:
wie bei vielen anderen Blogeinträgen bekomme ich nicht nur Rückmeldungen - zumeist in FB - sondern von Zeit zu Zeit auch Zusatzinformationen, so auch hier.
Frau Shelly Feder, Susannas Nichte, erhielt die Grabrede, die im Kibbuz auf sie gehalten worden war. Ich lasse sie hier in der englischen Übersetzung, die mir Shelly zugesandt hat:


Eulogy that was read for Shosh on her burial day.
It was written by a friend of hers  from Kibbutz Zorea
The translation of the Eulogy below:


I met Shosh when I came to Kibbutz Zora and worked with her at school. Shosh was already an elderly woman who lived alone and I was intrigued to hear about her original family. It took a long time before I managed to get a story from her and I want to tell it.

Susannah was born to Alice and Julius Kirchner in a rather small town called Kotsing. In a large house in the center of the city lived the grandparents, the parents, Susana and later her younger brother Alfred. On the first floor was a family store of clothes and around a large yard with a seesaw and games for the children. The house was a center for all the uncles and aunts and cousins who would often come to visit. In a book published in Germany in 1992 about the town of Kotzing, this house appears as a center of life and happiness in the city. Suzy, as they called her in the family, began her studies after Hitler came to power, but Kutzing was far from the main cities and there were very few Jews in the city, so the days went by like all the children.
When Jewish students were not allowed to go to school, Susie remained at home and she remembered all her adult life, the teacher who wrote the lessons for her every day and sent another child from the class, every day to bring them and to visit. "They received an order to come from the backyard and not from the front so that they would not be seen," she said with a smile.
In 1938, after Kristallnacht, Julius was arrested and sent to Dachau for about six months. The family left the house and moved to Munich in the hope that it would be easier to manage. Suzy was placed in a children's home of the Jewish community, where she lived until she immigrated to Israel. The father, who was released from the concentration camp, decided with a group of men to leave Germany. They assumed that men were in danger, but that women and children would not be harmed. He left them and set out, but later Shosh found out that he died on the way near the Bulgarian border, and she managed to visit his burial place.
In 1939, after the outbreak of the war, the mother decided to try to send her children to Palestine, where the uncle and his family lived, but Aliyat Hanoar refused to take Alfred because of his youth and Shosh left at the end of the year alone with her mother's promise that she and her brother would join her in Palestine. The mother really believed it was a possibility and she packed all her belongings and sent them to Tel Aviv. But it did not happen, Alice and Alfred were sent to Theresienstadt and then to their deaths.
Shosh was very aware that it was her age who saved her and when she spoke about it she said, "Look what three years can do." Later on, family belongings came to Israel and Shosh took out her mother's recipe book, which she always kept.
Two postcards she received from her mother and brother from Theresienstadt, under the auspices of the Red Cross, were what she had preserved all these years, as if proof that they did exist. Only in later years did she turn to me to put their names in the Hall of Names at Yad Vashem, so she was very aware that no one would remember them and spoke about it openly.
Shosh remained a woman alone all her life, which undoubtedly also shaped her years of old age. Her last years in this house were a kind of sad resignation to this reality.

Nachtrag Ende

Mich freut besonders die Bestätigung des kleinen Details, dass die Susanne über die Hintergebäude Aufgaben und Nachrichten von und aus der Schule erhalten hat. Dies deckt sich mit der Erinnerung von Tante Annemarie, Frau Schötz aus Kötzting, eine geborene Schrödel, die genau dieses erzählt und selber mitgemacht hat.
Die Schrödels und Kirschners hatten, wie im Blog erwähnt, eine gemeinsame Mauer mit Fenster und Türen, uneinsehbar sowohl von der Markt- als auch von der hinten vorbeiführenden Gehringstraße.
Nicht immer stimmen so kleine Geschichten, die in einer Familie überliefert werden, hier aber stimmt es wohl.
Das ist das kleine Tor  - sicherlich seit 1970 nicht mehr geöffnet - in der Gartenmauer zwischen dem früheren Schrödel und dem Kirschner Hinterhof, uneinsehbar sowohl von der Markt- noch von der Gehringstraße