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Dienstag, 9. Juni 2026

Eintauchen in Kötztings Untergrund

Selbst in einem Rathaus lohnt es sich, gelegentlich zu stöbern. Ausgelöst durch die aktuellen Umbaumaßnahmen werden derzeit auch Räume  und Regale im Keller umgeräumt, in denen sich an einigen Stellen auch noch versteckte Kleinigkeiten fanden.
In diesem Fall kam dabei eine unscheinbare Papprolle zum Vorschein, die einen großformatigen Plan enthielt, ein zentrales Dokument, das eigentlich zu einer Umfangreichen Einzelplansammlung gehörte und nun einen festen Platz in unserem Archiv erhält.

Es war im Jahr 1992 der Bergbauingenieur Walter Schneider, der sich gemeinsam mit Franz Emberger der Fleißarbeit angenommen hatte, die Kötztinger Keller und unterirdischen Gänge zu erforschen, zu vermessen und in einem Gesamtplan zu dokumentieren.

Haus für Haus - bzw. eben Keller für Keller - hatten die Beiden besucht, vermessen und in einem Manuskript genau bezeichnet.

StadtA Kötzting Kötztings/Archivalien digitalisiert/Altkötzting/ Keller 07-44
Hier der Keller unter dem Anwesen Achtler/Pfeffer, eine Kellerlandschaft, die wohl bald nur noch auf dem Papier existieren wird.
In dieser Form haben die beiden herren Schneider und Emberger ihre Forschungsergebnisse dann auf einen Kötztinger Lageplan übertragen.
Da der Plan aus technischen Gründen hier nur in relativ schlechter Qualität dargestellt wird, habe ich das Originalbild auf Google-Drive geladen. Wer dieses Bild in seinem ganzen Detailreichtum sehen und lesen will, kann sich die PDF unter dem folgenden Link herunterladen.

>>>>>>>>>>>link zum *pdf >>>>>>>>>>>>>

Aus mehreren Gründen ist für mich der von ihnen aufgefundene Gang in der heutigen Holzapfelstraße ein ganz besonderer Fund..


Detail mit dem unterirdischen Gang.

Besonders ist dies, weil ich auf diesen Gang bereits von mehreren Seiten angesprochen wurde und das immer mit der Bezeichnung "Fluchtgang", was ich aber aus zwei Gründen immer verneint habe.


1. Macht ein Fluchtgang parallel zur Marktbefestigung überhaupt keinen Sinn, ein solcher müsste im rechten Winkel zum Bollwerk angelegt werden, um eben eine Flucht hinaus aus Kötzting zu ermöglichen.
2. Ist mir bekannt, dass Wolfgang Samuel Luckner bei einer Übereinkunft mit dem Kötztinger Magistrat, sein Quellwasser (Quellgebiet bei Gradis) mit dem  Quellwasser des Marktes vereinigt hat, dafür aber bei einem Wasserstock am heutigen Alten Friedhof - bevor noch irgendwelche Verunreinigungen durch Brunnenanlagen geschehen konnten - einen Teil des nun gemeinsamen Wassers durch die heutige Holzapfelstraße - das Schulgasserl- das damals so genannte Lucknergasserl direkt in sein Anwesen (Hotel zur Post) hat leiten dürfen.

Blickt man auf den Plan des Bergbauingenieurs Schneider, so projektiert auch er genau diese Linie als theoretische Fortsetzung des von ihm aufgefundenen Ganges.
Auch wenn es in den Akten heißt, dass die - hölzerne - Wasserleitung außerhalb des Marktes teilweise offen neben der Straße gelegen hatte, so ist dies im Markt herinnen nicht anzunehmen.
Hinzu kommen noch ein paar Hinweise, die uns Herr Schneider in seinem Manuskript gibt.

"Die Stadt Kötzting wurde auf Zersatzgestein (zersetzte Granit) erbaut.
Einen ähnlichen Untergrund weisen viele Orte im bayerischen Wald und der Oberpfalz auf, und verfügen auch über ein derartiges Gänge- und Kammernsystem.
Schon zur Zeit der Erstbesiedelung benötigten die Bewohner eine "Versorgungsgrube" (kellerähnlicher Raum). Sie bemerkte bei den Grabarbeiten, wie leicht man das Zersatzgestein bearbeiten konnte. Das dabei anfallende Material verwendeten sie beim Wegebau und mit Lehm vermischt als Mörtel.

Schneider spricht in seinem eigenen Kommentar von Wasserleitungen, die in diesen Gängen verlegt worden waren, spricht von einem Fund im Gang vor dem Rathaus (es ist das bekannte mit dem "Schratzellochdeckel verschlossene Gangsystem) und von einer Verbindungsmuffe für Holzrohre und er führt eine Aussage an, dass "in der Torstraße ein niedriger Gang mit Holzrohren war". Das würde wieder genau der von mir beschriebenen Wasserleitung herein von Gradis und der Wasserabzweigung hinein in die heutige Holzapfelstraße passen. 


Einschub
Dem aufgefundenen Plan war auch ein Zeitungsartikel von Alois Dachs beigelegt, in dem  - bei der Befragung durch den damaligen Reporter der Kötztinger Umschau Alois Dach - Herr Schneider die Idee entwickelte, der/die Fluchtgänge hätten alle ein Ziel: die Kirchenburg, so bin ich ganz anderer Meinung, muss allerdings Herrn Schneider zugestehen, dass er 1992 noch nichts von der Lucknerschen Wasserleitung wissen konnte, die ich selber erst in den Nullerjahren im Zusammenhang mit meiner Lucknerbiografie herausgefunden habe.
Auch wenn Herr Schneider und ich zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.... er folgert ein Fluchtsystem hinunter zur Kirchenburg. Die aufgefundenen Gänge von manch einem Haus zum nächsten könnten auch daher stammen, dass sich die damaligen Kellergräber sehr gerne und sehr leicht über die oberirdischen Grundstücksgrenzen hinweggesetzt hatten und gerne auch in Richtung zum Nachbarn oder noch besser unter die Kötztinger Marktstraße ihre Kellerausschachtungen vortrieben.
Z.B. die früheren Keller bei Texttil Schödlbauer oder im Untergrund der "Alten Metzgerei", um nur zwei zu nennen.
Einschub Ende

Das "unterirdische Kötzting" birgt viele Geheimnisse

Von zweien, die auszogen, sie zu erforschen/Neue Mauern unterbrachen längst alte Fluchtgänge

Walter Schneider, pensionierter Bergbauingenieur aus Zwiesel, konnte gemeinsam mit seinem Helfer Franz Emberger aus Kötzting die Kellerstollen und Fluchtgänge in Kötztings „Unterwelt“ relativ genau vermessen  


Bei der Prüfung der Gänge untersuchte der Fachmann mit dem Hammer auch das Material, aus dem die alten Fluchtwege herausgeschlagen wurden (rechts).

Kötzting (al). Zur Erforschung des unterirdischen Kötztinger Gangsystems machte sich der pensionierte Bergbau-Ingenieur Walter Schneider aus Zwiesel vor zwei Wochen auf den Weg nach Kötzting. Nachdem er sich bei der Stadt sowie bei den Architekturbüros Schnabel und Serwuschok mit entsprechendem Planmaterial und Informationen eingedeckt hatte, durchsuchte und vermaß er gemeinsam mit dem Kötztinger Rentner Franz Emberger – der ihm zum unentbehrlichen Helfer wurde – die noch erhaltenen Keller und Fluchtröhren, die offenbar alle einen gemeinsamen Zielpunkt hatten: die Kötztinger Kirchenburg.

Eine wichtige Erkenntnis hatte Walter Schneider schon im Frühjahr bei einer Kurzvisite im Kötztinger „Schrazelloch“ in der Herrenstraße gewonnen: Der Untergrund der Pfingstrittstadt besteht aus sogenanntem Zersatzgestein, aus sich zersetzendem Granit. Schon in den ersten Besiedlungsphasen, als die Menschen einfache Blockhäuser bauten, hoben sie als „Versorgungsgrube“ bereits kellerartige Räume aus und erkannten dabei, wie leicht das relativ mürbe, aber dennoch tragfähige Gestein zu bearbeiten war. So entstanden unter den ältesten Straßenzügen von Kötzting nicht nur große Kellerräume, die auf bis zu drei Ebenen – aber ganz selten übereinander – angeordnet sind und teilweise ein enormes Fassungsvermögen aufweisen, sondern auch weitverzweigte Fluchtgänge.
Mit zurechtgeschlagenen Gneisbrocken wurden die geschlagenen Gewölbe zunächst stabilisiert, später auch mit Ziegeln kunstvoll ausgemauert, wobei das wichtigste „Zubehör“ stets die Luftschächte waren, die ein trockenes Klima sicherstellten. Allein die gemauerte, in Windungen verlaufende Konstruktion dieser Lüftungsschächte wäre schon eine Untersuchung wert, meinte der ehemalige Bergwerksingenieur. Aus statischen Gründen überschneiden sich die auf bis zu drei Ebenen angeordneten Keller unter den alten Kötztinger Bürgerhäusern nur sehr selten, zum Teil gehen die Räume aber weit über den Grundriss der jeweiligen Gebäude hinaus.

Auf besonders interessante Zusammenhänge stießen Walter Schneider und Franz Emberger im riesigen Eiskeller des heutigen „Monokel“ in der Holzapfelstraße. Die „kirchenartige“ Halle ist kunstvoll gemauert und verfügt über mehrere Nebenräume, die zumindest dort, wo die Belüftung über Schächte nicht zugemauert wurde, trocken und staubfrei sind. Von einem Nebenkeller aus konnte Walter Schneider einen Fluchtgang rund 70 Meter die Holzapfelstraße abwärts verfolgen, bis Schlamm aus einem gebrochenen Kanalrohr das Weiterkommen unmöglich machte. Das seinem Richtungsgefühl ging der Ingenieur davon aus,  dass der Fluchtgang zur Gasse zwischen Parkhaus und ehemaliger Metzgerei Barth hin orientiert ist.

Ein hervorragend erhaltenes Kellersystem fanden die „Untergrundforscher“ auch in dem ehemaligen Fechter-Anwesen in der Holzapfelstraße vor, wo neben ausgemauerten Kellern ein aus dem zersetzten Granit herausgehauenes Gewölbe auch die verschiedenen Gesteinsarten und Schichten sichtbar machte. Nach Ansicht von Walter Schneider, der auch in der Markt-, Metz- und Schirnstraße zahlreiche große Hauskeller untersuchte und dabei auf Einstiege zu den früheren Fluchtgängen stieß, muss in früherer Zeit ein Gangsystem existiert haben, das die Holzapfel- und Marktstraße mit der Herrenstraße verband, von wo aus Gänge unterirdisch in die Kirchenburg führten, die gut verteidigt werden konnte.

Die auf mehreren Ebenen angelegten Keller dienten früher der Bier- und Eislagerung, wobei das Eis jeweils auf der tiefsten Sohle untergebracht war, wie entsprechende Füllschächte und Einrichtungen belegen. Mit Sicherheit seien früher auch Handwerkszeug und Haushaltsgegenstände in den Keller gelagert worden, um bei Überfällen oder Bränden jeweils das Nötigste wieder parat zu haben, meinte Schneider.

Massive Angeln in den steinernen Türstöcken deuten darauf hin, dass sich die Bürger in die tiefen Keller flüchten konnten, wo sie hinter eisernen beschlagenen Türen vor Angriffen sicher waren. Mit dem Zollstock bestimmten Walter Schneider und Franz Emberger, die beide kostenlos diese Untersuchungen durchführten, die Maße der Keller und Fluchtgänge. Schneider zeichnete dabei auch die jeweiligen Verlaufsrichtungen ein. Mit Hilfe von Feuerwehr-Handlampen war eine relativ gute Orientierung möglich, wobei auch die meisten Bürger und Mitarbeiter der Stadt mit Erklärungen behilflich waren.


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.

Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden und zwar in der Holzapfelstraße direkt vor dem Monokel-Eiskeller

 

Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

``` 🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen ```

 












Montag, 14. Oktober 2024

In Kötztings Untergrund

Manchmal braucht es einen Zufall, der einem die Nase auf einen Fund stößt, der eigentlich direkt vor Augen liegen sollte. Durch den Umbau des Rathauses - aus Platzgründen - gezwungen, temporär  Raum und Platz im Keller zu schaffen, kam vor Monaten Ordner zutage, der bereits einmal hier vorgestellt wurde. 

Worum gings bei diesem Fund? 

Im Jahre 1991 machte in Kötzting Walter Schneider, ein pensionierter Diplombergingenieur aus Zwiesel, (Arbeits-)Urlaub und benutzte diese Urlaubszeit, um seinem Hobby und Beruf gleichzeitig zu frönen, in die Tiefe zu steigen.
Das Ergebnis seiner Recherche in Kötztings Untergrund füllte 5 Schulhefte und war mir bisher nur in S/W Bürokopien bekannt.

Nun beim Auf-/Ausräumen kamen wir über seine Originalzeichnungen und - im ersten Heft - auch seine Erläuterungen über Kötztings Untergrund und die Entstehungsgeschichte der vielen Kötztinger Keller. 

Und siehe da, unter diesen Plänen befand sich auch eine Bestandsaufnahme der beiden Häuser am Marktplatz, die zum Anwesen meines Vaters gehörten, und darinnen war ein verschütteter Felsengang eingezeichnet.
Nun war ich zwar in meiner Kindheit so gut wie nie im Keller des Nachbarhauses, auch weil die Kellerräume den einzelnen Mietern als Lagerräume zur Verfügung gestanden hatten und abgeschlossen waren.
Heutzutage, als niemand mehr solche eher feuchten Kellerräume als Lagerplatz nutzen möchte, liegen halt zufällige Hinterlassenschaften früherer Mieter herum welche mir den Blick auf diesen möglichen Gang versperrt hatten und der mir doch tatsächlich unbekannt war.

Foto Pongratz

Hier der Plan über die Kellerlandschaft unter dem Hause Marktstraße 30.



Tatsächlich gibt es diesen Gang, der vielleicht zwei Meter weit zu sehen ist und offensichtlich in die Tiefe führt. Der Boden dieses Ganges ist mit Erde verfüllt. Der Gang selber scheint in den gewachsenen Felsen getrieben worden zu sein und harrt nun einer weiteren Erforschung.

Passend dazu ein Bericht aus der Mittelbayerischen über eine Kellerfreilegung in Waldmünchen.



Hier nun die weiteren Bilder von diesem "Gang"








Der Gang scheint abwärts zu führen in einen Bereich des Hauses, der ansonsten nicht unterkellert ist




Was mir jedoch hier dann doch - als Laien in dieser Hinsicht - auffällt ist die Tatsache, dass der abzweigende Gang einen gut bearbeiteten Überlegerstein erhalten hat, der selber dann mit Mauerziegeln gestützt wird.'
Mal schauen, ob daraus noch einmal etwas Interessantes werden kann.




Freitag, 7. Juni 2024

Kötzting unterirdisch

Die Kötztinger Kellerlandschaften

In unserem Rathaus stehen noch in diesem Jahr größere Umbaumaßnahmen an und für die dabei betroffenen Büroarbeitsplätze und deren Akten muss nun im Haus Platz geschaffen werden. Dies ist  - ebenso wie in einem Privathaushalt -  eine gute Gelegenheit um auszuräumen, auszumisten und natürlich auch zu archivieren. Im Jargon der Archive spricht man natürlich nicht vom "Ausmisten", dort ist man vornehmer und spricht davon, Akten zu "kassieren", kommt aber auf dasselbe raus: ab mit manchen Akten in die Datenschutzboxen zur Vernichtung. Und genauso wie beim Hausputz auch kommt die eine oder andere Überraschung zutage, wie auch bei uns im Rathauskeller.

Im Jahre 1991 machte in Kötzting Walter Schneider, ein pensionierter Diplombergingenieur aus Zwiesel, (Arbeits-)Urlaub und benutzte diese Urlaubszeit, um seinem Hobby und Beruf gleichzeitig zu frönen, in die Tiefe zu steigen.
Das Ergebnis seiner Recherche in Kötztings Untergrund füllte 5 Schulhefte und war mir bisher nur in S/W Bürokopien bekannt.
Nun beim Auf-/Ausräumen kamen wir über seine Originalzeichnungen und - im ersten Heft - auch seine Erläuterungen über Kötztings Untergrund und die Entstehungsgeschichte der vielen Kötztinger Keller.

Hier nun einige Beispiele seiner gezeichneten Pläne. Das Aufmaß der Keller hatte er übrigens zusammen mit dem dem damaligen Stadtrat Franz Emberger durchgeführt.

Schattenaustr. 5  ist der " Leboid"




  
Die Originalhefte des Walter Schneider, Diplombergbauingenieur aus Zwiesel


Die nächste Kellerlandschaft steckt unterm "Dimpfl"



Viel wird nicht mehr vorhanden sein, von den Kellergewölben unter dem Hotel zur Post nach den großen Umbaumaßnahmen.


Weiter geht´s zur Hausnummer Marktstraße 30, ein Keller, den ich glaubte, sehr gut zu kennen...... jedoch zeichnet Herr Schneider hier einen Gang ein, der mir vollkommen unbekannt ist, da muss ich demnächst einmal genauer hinschauen.....




Der folgende Keller steckt unter der Marktstraße 24 - Schuhhaus Mühlbauer/Liebl, gleich unterhalb dem Gasthaus Pfeffer. 



Wir bleiben in der Marktstraße, dies ist nun mein Haus, die ehemalige Bäckerei Pongratz, mit seiner großen Kelleranlage. Der Keller Nummer III ist genau so groß wie der darüber liegende "Horsetown Club"..


Hier nun anschließend die Erläuterungen des Bergbauingeniers.










Samstag, 25. Februar 2023

Kötztinger Untergrund

Ein überraschender Fund inmitten des Marktes.

Wieder einmal gibt es hier eine schöne Bildfolge aus dem Bestand der Zeitungsredaktion der Kötztinger Umschau, der Dank des Einsatzes von Frau Serwuschok vom Verlag nach Kötzting zurückgeschickt und von ihr gesammelt, später dann dem Arbeitskreis Heimatforschung übereignet wurde und nun im Stadtarchiv Kötzting verwahrt ist.

Da wir zusätzlich auch eine fast vollständige Sammlung von Zeitungsausgaben aus den Nachkriegsjahren in unserem Bestand haben, können viele der Bilder dann auch einzelnen Zeitungsartikeln zugeordnet werden.
Die Chefin selber, Frau Renate Serwuschok, eilte an den Ort des Fundes und fotografierte den Bauarbeiter, als der Bagger überraschender weise ins Leere gegriffen hatte., denn  an dieser Stelle hatte keiner mit einem Keller gerechnet.
Dieses besondere Foto als Suchbild herzunehmen erschien mir dann doch als etwas unfair. Wo also lag dieser Keller, mit dem niemand gerechnet hatte?

Hinterher weiß man natürlich immer alles besser, denn es ist mehr als nur verständlich, dass an dem Fundort sich ein Keller hat befinden müssen.

Repro 3431 Hausansicht nach 1904 (Kötzting hatte erst zu dieser Zeit eine Stromleitung bekommen

Dieses Haus am Marktplatzeck mit gleich zwei Hausnamen, Schwarzanderl und Gams, wurde Anfang der 70er Jahre abgerissen und an dessen Stelle ein modernes Wohn- und Geschäftshaus errichtet.

Am Gebäudeeck kann man übrigens am Wirtshausausleger die "Gams" erkennen, die dem Haus auch seinen Namen gegeben hat. Der ältere Name "Schwarzanderl" kommt von einem früheren Besitzer namens "Andreas Schwarz", was mit sich brachte, das der letzte Besitzer Wolfgang Kolbeck, Gams, für viele auch der "Schwarzanderl Gang" gewesen war und der Stadel hinter dem alten Feuerwehrhaus - nun ein Parkplatz - war für uns Obermarktler der Schwarzanderlstadel.


Auf dem obigen Bild kann man besser als auf der historischen Hausaufnahme die Verlängerung der Metzstraße weiter zur rückwärtigen Gehringstraße erkennen.
Blickt man auf den Lageplan des Liquidationsprotokolls von 1831, so kann man leicht sehen, dass es nicht nur diese Straße noch nicht gegeben hat, sondern, dass an dieser Stelle ein Anwesen gestanden hatte. Ein Anwesen, das genauso wie die benachbarten Marktlehen längsgestreckt durchging bis weit über die heutige Gehringstraße hinaus.






Was war geschehen?
Nicht einmal 1 Woche vor dem Pfingstritt 1867 war in einem Rückgebäude des heutigen Gasthauses Dreger ein Brand ausgebrochen, der sich in beide Richtungen entwickelte und hinauf bis zur damaligen Friedhofkapelle und hinunter bis zur heutigen Kreuzung Marktstraße/Bahnhofstraße alle Anwesen in Schutt und Asche gelegt hatte. 
Um solche verheerenden Auswirkungen zukünftig zu verhindern, wurde die Anlage der Kötztinger Straßen abgeändert und im Marktstraßenverlauf zwei Brandschneisen angelegt, die heutigen Schirn- und Metztstraße zwischen der Marktstraße und der Gehringstraße, die danach zunächst erst bis zum heutigen "Kerscherbeck" und dann nach 1900 auch bis hinauf zum Torplatz verlängert wurde.

Hier kann man die beiden neu angelegten "Brandschneisen" in der Kötztinger Häuserreihe sehr gut erkennen.

Wie alle anderen Kötztinger Marktlehner hatte auch der Besitzer des Hauses mit der alten Hausnummer 136 das Kötztinger Brau- und Schankrecht 

Grundbuchauszug für das Haus mit der alten Hausnummer 136

Hausnummer 136 "Beym Graßl, Anton Graßl"
Das Haus mit realer Bäckergerechtigkeit, dann ein Marktlehen, bestehend in dem Marktlehen und Kommunbraurecht.

Das Haus wird beschrieben mit: Wohnhaus, Backofen mit Keller, Küche, Stallungen und Stadl, alles aneinander, Hofraum, dann über dem Gassl eine Holzschupfe.

Im Mieterkataster von 1842 finden sich dann sogar drei Kelleranlagen.



Zwei Keller befanden sich unter dem vorderen Hauptgebäude und ein weiterer weiter hinten im Bereich des Backofens.




In den alten Dokumenten kann man für dieses Haus eine uralte Tradition sowohl als Bäckerei als auch als Gaststätte belegen und als solche mussten in dem Haus die Bierfässer des im Kommunbrauhaus gebrauten Biers selber eingelagert werden, wozu unter all den alten Kötztinger Gasthäusern umfangreiche - sogenannte - Sommerkeller existierten, in die im Winter auf dem Regenfluss Eisblöcke geschnitten wurden und über die Lüftungsöffnungen der Keller hinuntergeschüttet wurden, zur Kühlung der zu leicht verderblichen Ware.
Und genau auf diesen Keller, angeblich sogar mit einer Verbindung zum Nachbarhaus stieß der Bagger und so kamen nach mehr als 100 Jahren wieder alte Mauern für kurze Zeit ans Tageslicht.

Foto Traurig: das Anwesen Kolbeck in der Metzstraße


Kötztinger Umschau vom 3.7.1974