Gerade der erste Brief ist in mancher Hinsicht noch kryptisch und lässt sich hinsichtlich seines Absenders und einzelner Zusammenhänge nicht eindeutig einordnen. Dennoch wird bereits deutlich, dass die Vorbereitungen für die Ausreise nach Palästina weit fortgeschritten sind. Dazu gehören insbesondere die Auflösung des bisherigen Haushalts, der Verkauf von Hausrat sowie die Beschaffung von Waren und finanziellen Mitteln für das geplante Leben bzw. Geschäft bei Ludwig Klein.
Seine besondere Bedeutung liegt darin, dass er bereits für das Frühjahr 1933 konkrete und weitgehend umgesetzte Pläne zur Ausreise aus Deutschland erkennen lässt. Die bereits feststehenden Reisedaten und die parallel betriebene Auflösung des Haushalts machen deutlich, dass es sich nicht mehr nur um Überlegungen oder Zukunftspläne handelte, sondern um konkrete Vorbereitungen für den Neuanfang bei Ludwig Klein in Palästina
 |
| Sammlung Shelly Feder |
Hier meine Interpretation dieses -wie oben bereits nageführten "kryptischen" - Briefes, nennen wir es eine Arbeitshypothese:
Hugo Tischler kann kaum derjenige sein, der mit diesem Brief seine eigene Auswanderung ankündigt. Wenn aus den späteren Quellen feststeht, dass Hugo in Deutschland bleiben und später ermordet werden wird, muss seine Rolle anders verstanden werden.
Die erwähnte Friedel könnte Friedel Klein sein. Ein späterer Briefwechsel, in dem Friedel Klein von einem Ort in Palästina aus eigener Anschauung berichtet, wäre hierfür ein zusätzliches Indiz.
Gleichzeitig sind die Aussagen über die Wohnungsauflösung und die konkrete Abreise eindeutig. Es geht nicht lediglich um einen Besuch oder eine vorübergehende Reise. Der Haushalt wird aufgelöst, Geld und Waren werden vorbereitet, ein Auto wird mitgenommen und konkrete Reisedaten werden genannt.Daraus ergibt sich eine interessante Möglichkeit: Dr. Reinhold Lippmann könnte derjenige sein, der aus Deutschland auswandert, während er Familienangehörige bzw. Bekannte – möglicherweise die Familie Tischler und Friedel Klein – auf dieser Reise nach Palästina mitnimmt. Für diese Personen kann die Fahrt eine „Reise“ sein, während sie für Lippmann den Charakter einer dauerhaften Auswanderung besitzt.Die folgenden Briefe sind in dieser Hinsicht wesentlich eindeutiger und ermöglichen es, die Ereignisse und die beteiligten Personen Schritt für Schritt genauer nachzuzeichnen. Aber hier zunächst der link auf den Originalbrief und die Übertragung.
Hier geht´s zum original Brief vom 21.6.1933
24.3.1936 Haslau
Nun folgt zunächst eine Lücke von fast 3 Jahren, bevor der eigentliche und häufig zusammenhängende Briefwechsel einsetzt.
Valerie Stingl schreibt an ihren Bruder in Tel-Aviv und hat keine schönen Nachrichten für ihn.
Valerie bestätigt den Erhalt von Ludwigs vorherigen Brief und bedankt sich für seine Geburtstagswünsche. Sie hätte ihn und seine Familie gerne im April in Palästina besucht, kann dies aber wegen ihres Mannes zunächst nicht verwirklichen. Sie hofft, den Besuch später nachholen zu können.
Besonders ausführlich schildert Valerie die Situation der Familie in Deutschland. Sie ist erleichtert, dass ihre Angehörigen bislang vergleichsweise wenig unter den politischen Verhältnissen zu leiden haben, sieht aber die zunehmende Unsicherheit und Sorge um ihre Zukunft.
"Ein Glück ist, dass lieber Max sich nicht naturalisieren ließ und dadurch seinen tschechoslowakischen Pass hat, mit dem er jederzeit herüber fahren kann. Ebenso die Kinder. Siddy fährt zweimal in der Woche nach Eger um Englisch- und Turnstunden zu nehmen. Auch Betti kommt manchmal zu Ida. So haben sie doch etwas Abwechslung. Es wurden schon vielen deutschen Juden die Pässe abgenommen daher traut sich liebe Frieda nicht, nach Eger zu fahren. Sie will doch ihren Pass nicht verlieren."
Kurz zur Einordnung der Personen: Siddy und Betty sind die Kinder ihrer schwer kranken Schwester Paulina und deren Mann Max Pick, von dem ja in dem Brief auch die Rede ist.
Valerie berichtet kurz über die Familie und deren Alltag. Sie bedauert, dass Max nicht mehr ins Gasthaus geht, um seine Freunde nicht durch mögliche Auseinandersetzungen mit „fremden Radikalen“ in Schwierigkeiten zu bringen. Stattdessen soll er gelegentlich nach Eger fahren, wo er weiterhin gern gesehen ist.
 |
| Sammlung Shelly Feder |
Hier der link zum geht´s zum Originalbrief vom 24.3.1936
27.6.1936 Tirschenreuth
Frieda Klein und Alice Kirschner, die aus Kötzting angereist ist, um bei der Pflege der todkranken Schwester Paula Pick zu helfen, berichten nach Tel-Aviv und sind gleichzeitig in Sorge wegen der Berichte über Spannungen in Palästina.
Frieda berichtet ausführlich über den sich dramatisch verschlechternden Gesundheitszustand ihrer Schwester Paula. Eine Wunde ist inzwischen so groß, dass der behandelnde Arzt keine Aussicht auf Heilung mehr sieht. Eine jüdische Krankenschwester aus Nürnberg musste kurzfristig abberufen werden; Frieda hofft nun auf eine erfahrenere Pflegerin. Die Familie versucht, Paula trotz ihrer schweren Erkrankung die bestmögliche Pflege und möglichst viele Besuche ihrer Angehörigen zu ermöglichen.
Besonders bedrückt Frieda die Situation in Palästina. Interessant ist in diesem Zusammenhang Friedas Bemerkung zu Fritz' Bericht über dessen Ausflug in Palästina. Sie schreibt, dass sie „die meisten Orte kannte“, weil sie selbst dort gewesen war. Dies stärkt die Vermutung, dass es sich bei der im Brief vom 21. Juni 1933 erwähnten „Friedel“, die gemeinsam mit Reinhold und weiteren Angehörigen die Reise nach Jaffa antreten sollte, tatsächlich um Frieda Klein gehandelt haben könnte. Gleichzeitig verfolgt sie die zunehmenden Unruhen mit großer Sorge. Eine Zeitungsmeldung über die Bewaffnung von 60.000 Beduinen beunruhigt sie besonders:
„Die Sache scheint ernster zu werden, als von allen Seiten vermutet wurde.“
Sie macht sich große Sorgen um Ludwig und seine Familie und rät davon ab, die Kinder während der Ferien in eine Kwuzah zu schicken. Angesichts der unsicheren Lage erscheine es ihr sicherer, sie in Tel Aviv zu behalten.
Der Brief zeigt damit neben der persönlichen Sorge um die schwerkranke Paula sehr deutlich, wie aufmerksam und besorgt die Familie in Deutschland die politischen und gewaltsamen Entwicklungen in Palästina verfolgt.
 |
| Sammlung Shelly Feder Brief von Frieda Klein und Alice Kirschners handschriftlicher Zusatz |
Handschriftlicher Zusatz von Alice: Auch Alice berichtet von der Belastung durch die Arbeit im Haus und teilt Friedas Sorge über die Nachrichten aus Palästina.
Auf der Rückseite handschriftlich von Max Pick.
In dem Brief ist die Rede von einem geplanten Aufenthalt in einer
Kwuzah für den jungen Fritz Klein.
Es scheint dies die Vorbereitung auf bzw. der Vorläufer der Kibbutzbewegung gewesen zu sein.
Im Internet findet sich diese Zusammenfassung zu Beginn einer ganzen Abhandlung über das neue Leben im Erez Israel:
"Kwuzah (hebräisch קבוצה, „Gruppe“) bezeichnete eine kleine jüdische Kollektiv- bzw. Gemeinschaftssiedlung, vor allem mit landwirtschaftlicher Ausrichtung. Die Bewohner lebten und arbeiteten gemeinschaftlich und teilten in der ursprünglichen Form weitgehend Besitz und Einkommen. Die Kwuzah gilt als Vorläufer bzw. frühe Form des späteren Kibbuz. In den 1920er und 1930er Jahren wurde zwischen kleineren Kwuzot und größeren Kibbuzim unterschieden, wobei die Grenzen zunehmend verschwammen."
Quelle: Quelle: Hope-Simpson Report, 1930; Jewish Virtual Library, „Kibbutz Movement“.
Hier der link zum Originalbrief vom 27.6.1936
11.7.1936 Kötzting
In direktem Zusammenhang steht der Brief Alices an ihren Bruder, die von derselben Leidensgeschichte ihrer Schwester Paula schreibt, nachdem sie wieder in Kötzting angelangt ist.
 |
| Alice Kirschner, geb. Klein |
Alice berichtet von ihrem dreiwöchigen Aufenthalt in Tirschenreuth, wodurch sich Paula und die übrige Familie etwas erholen konnten. Durch ihre Mithilfe im Haushalt konnte sie
Frieda und Siddy entlasten.
In Tirschenreuth lebten damals noch zwei Schwestern. Die todkranke Schwester Paula - verheiratet mit dem Inhaber des elterlichen Geschäfts Max Pick - und deren ledige Schwester Frieda. Das Ehepaar Pick hatte zwei Töchter Siddy und Betty.
Die im Brief erwähnte schwerkranke Paula (Klein, verh. Pick) verstarb nur wenige Wochen nach diesem Brief, am 13.8.1936 in Tirschenreuth, mit gerade mal 47 Jahren.
Die zweite Schwester, Frieda, wurde nun die Betreuerin der beiden Mädchen. Siddy konnte später ebenfalls nach Palästina entkommen, Betty wurde im Juni 1942 von Berlin aus nach Osteuropa deportiert, wo sie in Majdanek umkam.

Große Sorge bereitet ihr die Erkrankung ihres Sohnes Alfred, der plötzlich operiert werden musste und beschwert sich über die Behandlungskosten, die dabei entstanden sind.. Gleichzeitig denkt sie mit großer Trauer an die schwerkranke Paula:
„Es ist so schmerzlich, wenn sie einem ansieht mit ihren schönen Augen und man weiß, sie werden sich bald für immer schließen.“
Auch die Nachrichten aus Palästina beschäftigen Alice sehr. Sie sorgt sich nicht nur um die Sicherheit von Ludwig und seiner Familie, sondern vor allem darum, dass die dort geleistete Arbeit und die aufgebauten wirtschaftlichen Existenzen durch die Unruhen und den Streik zunichtegemacht werden könnten:
„… dass die viele Arbeit, Mühe und Hoffnungen stündlich zunichte gemacht werden ist so bedrückend.“
Sie fragt besorgt, ob der Streik ein Ende nehmen und die Familie wirtschaftlich durchhalten könne. Abschließend berichtet sie noch kurz über ihre Kinder und die ruhige Geschäftslage in Kötzting.
"
Susi schwimmt schon gut. Sie wird ein richtiges Sportmädel. Nur ihre Nasen machen mir Sorgen. Ich fürchte sie werden so durch die Nase sprechen wie Julius. Ich habe sie schon oft untersuchen lassen. Es ist keine Wucherung da, nur Alfred hat hinterm Trommelfell eine starke Wucherung. Weitere Kleinigkeiten aus dem Brief sind es wert, genauer hinzuschauen:
Alice spricht vom 2. Tag Schawuot, als Alfred krank geworden war.
 |
| Am 2. Sch´wuo?tag |
Ich konnte das Wort nicht nur nicht genau entziffern sondern hatte auch überhaupt keine Ahnung, was sich dahinter verbergen könnte. Bei allen den vielen Beleidigungen und Unverschämtheiten, die man so in Facebook täglich lesen kann, gibt es dort doch Räume, in denen freundlich und hilfreich miteinander umgegangen wird und solche Bereiche sind zum Beispiel die verschiedenen Familienforschungsgruppen.
In der Gruppe "Tracing the Tribe", einer FB -Gruppe für jüdische Genealogie hochgeladen, bekam ich bereits nach wenigen Minuten die Lösung präsentiert: es ist der
Schawuot-Feiertag und zusätzlich bekam ich noch den Hinweis, dass dies im Jahre 1936 der Donnerstag, der 28. Mai, gewesen sei.
In Wikipedia findet sich dazu die folgende Erklärung:
Die Festtage, die im Judentum als hebräisch ימים טובים jamim towim, deutsch ‚gute Tage‘ ‚Festtage‘ bezeichnet werden, sind halachisch (laut jüdischem Religionsgesetz) so definiert:
Die sechs Tage, an denen die Tora Arbeitsverbot gebietet, sind der erste und der
siebte Tag des Pessachfestes, der erste und der achte Tag des Laubhüttenfestes
(Sukkot), das Wochenfest (Schawuot) sowie der erste Tag des siebten Monats
(Rosch ha-Schana). Diese Tage werden als Feiertage (Jamim towim) bezeichnet.[1]
Schawuot ist also einer der Festtage, an denen die Tora ein Arbeitsverbot gebietet.
Das nächste ist die Passage im Brief, die von einer schwierigen Situation und einem Streik in Palästina - damals ein britisches Protektorat - spricht und auch dazu gibt es einen Hintergrund:
Das Jahr 1936 war ein entscheidendes und turbulentes Jahr im britischen Mandatsgebiet Palästina, geprägt vom Beginn des Arabischen Aufstands, einer großen Revolte der palästinensischen Araber gegen die britische Mandatsregierung und die wachsende jüdische Bevölkerung (die Yishuv).
Hier sind die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1936:
- Beginn des Großen Arabischen Aufstands: Der Aufstand begann offiziell im April mit einer Reihe gewalttätiger Zwischenfälle und einem Aufruf arabischer Politiker zu einem landesweiten Generalstreik. Auslöser war die Ermordung zweier jüdischer Männer durch eine arabische Gruppe, woraufhin jüdische Bewaffnete zwei arabische Arbeiter töteten. Diese Ereignisse eskalierten zu weit verbreiteten Unruhen und Gewalttaten.
- Der Arabische Hohe Ausschuss: Als Reaktion auf die wachsenden Unruhen gründeten arabische politische Parteien im April 1936 den Arabischen Hohen Ausschuss (AHC) unter dem Vorsitz des Großmuftis von Jerusalem, Hajj Amin al-Husseini. Die Ziele des AHC waren die Beendigung der jüdischen Einwanderung, das Verbot des Verkaufs von Land an Juden und die Erlangung der nationalen Unabhängigkeit Palästinas. Sie organisierten und koordinierten den Generalstreik und andere Protestaktionen.
- Der Generalstreik: Im Mai wurde ein Generalstreik arabischer Arbeiter, Ladenbesitzer und Transportunternehmer ausgerufen, der bis Oktober andauerte. Er war ein wichtiger Bestandteil des Aufstands und sollte wirtschaftlichen und politischen Druck auf die britischen Behörden ausüben. Der Streik führte zwar zu erheblichen Störungen, wurde aber schließlich abgebrochen. Eskalation der Gewalt: Im Laufe des Jahres 1936 entwickelte sich der Aufstand von organisierten Protesten und Streiks zu einem bewaffneten Konflikt. Arabische Rebellen, oft angeführt von Bauern, griffen jüdische Siedlungen, britische Militär- und Polizeieinrichtungen sowie die Infrastruktur an. Die Briten reagierten mit harter Hand, unter anderem mit dem Einsatz von Streitkräften und Kollektivstrafen.
- Die Peel-Kommission: Angesichts der eskalierenden Gewalt setzte die britische Regierung eine königliche Untersuchungskommission unter der Leitung von Lord Peel ein, um die Ursachen der Unruhen zu untersuchen. Die Kommission traf im November 1936 in Palästina ein, um Aussagen sowohl arabischer als auch jüdischer Führer anzuhören. Ihre 1937 veröffentlichten Ergebnisse waren ein Meilenstein, da die Kommission zu dem Schluss kam, dass die widersprüchlichen nationalen Bestrebungen der beiden Gemeinschaften unvereinbar seien, und die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat empfahl.
16.8.1936 Tirschenreuth
Frieda - und Max Pick - berichten vom Tode der Schwester und Ehefrau
Frieda teilt Ludwig den Tod ihrer Schwester Paula mit. Paula war am Donnerstag um 2.10 Uhr nachts nach langer schwerer Krankheit „sanft und ruhig, wie sie gelebt hatte“ verstorben. Frieda, Alice und Max waren bis zu ihrem letzten Augenblick bei ihr. Die Familie hatte in den vergangenen Monaten alles getan, um Paula zu pflegen und ihr die letzten Monate so angenehm wie möglich zu machen.
Besonders eindringlich schildert Frieda die letzten Tage und Stunden, in denen sich Paulas Zustand zunächst noch einmal scheinbar besserte, bevor der Arzt schließlich am Abend mitteilte, dass sie die Nacht nicht mehr überleben werde. Die Familie erlebte diese letzten Stunden als besonders schmerzvoll.
„Nun ist alles vorbei, Paula hat ihr armes, bescheidenes Dasein, dass ihr so viel Leid und so wenig Freude bescherte, ausgelebt und eine größere Lücke hinterlassen als ein gesunder Mensch.“
Die Beisetzung fand bereits am folgenden Tag in Floß statt. Valerie war mit Ida und Pepe gekommen und brachte Rosa mit, die zunächst bei der Familie blieb. Frieda beschreibt die plötzliche Leere nach Paulas Tod und die Schwierigkeit, sich daran zu gewöhnen, dass die bisherige Pflege und Fürsorge nicht mehr nötig sind.
Zum Schluss betont sie, wie sehr insbesondere Max unter Paulas letzten Stunden gelitten habe, zugleich aber Trost darin finde, dass er ihr durch seine Liebe und Anteilnahme ihre letzte Lebenszeit erleichtern konnte. Besonders bewegend ist Friedas Rückblick auf die letzten Monate:
„… gerade die letzten Monate ihres Lebens zählen zu ihren schönsten, weil jeder bemüht war, ihr nur Liebes und Gutes zu erweisen.“
Hier der link zum Originalbrief mit der Übertragung
25.9.1936
Friedl fährst zusammen mit Betty nach Kötzting und berichtet darüber nach Tel-Aviv.
es ist eine sehr langes und ausführliches Schreiben.
Hier ist erneut der link zum Originalbrief und die Übertragung
19.10.1936
die
"Braun-Verwandtschaft", also die Seite von Ludwig Kleins Ehefrau Friedl, eine geborene Braun, schreibt nach Tel-Aviv
Trude (=Gertrude) berichtet von einer zehntägigen Erholungsreise mit Hugo nach Godesberg, Bonn und Köln, die ihnen trotz der kurzen Dauer viele schöne Eindrücke gebracht habe. Vor alem die Schilderung
Mit Sorge fragt sie nach der inzwischen offenbar schwieriger gewordenen Situation der Familie in Palästina und insbesondere danach, ob sich eine Weiterführung des Geschäfts noch lohne. Auch Friedas geplanten Umzug in Palästina hinterfragt sie wegen der damit verbundenen Kosten und Arbeit.
 |
| Sammlung Shelly |
Einen großen Teil des Briefes nimmt der Versand von Kleidung und anderen Geschenken nach Palästina ein. Trude erkundigt sich, ob Blusen und ein Rockanzug angekommen sind, und kündigt weitere Pakete mit Kleidung für Fritzl und Micha an. Auch zu den Geburtstagen der Kinder möchte sie etwas schicken.
Aus Berlin berichtet sie von einer ruhigen Situation in Hugos Praxis. Gleichzeitig erwähnt sie, dass mehrere Familien aus seinem Patienten- und Bekanntenkreis inzwischen nach Palästina ausgewandert seien. Steffi (die 2. Tochter) arbeitet derzeit beim Provinzialverband; außerdem steht offenbar eine bevorstehende Prüfung an.
In den persönlichen Zeilen an Fritzl und Micha erkundigt sich Trude nach ihrem Alltag, ihren Hobbys, Tieren und dem Fotografieren. Sie bemüht sich sichtbar, trotz der räumlichen Entfernung den Kontakt zu den Kindern aufrechtzuerhalten.
Hier gehts erneut zum Originalbrief mit der Textübertragung
29.1.1937
Hermann Braun schreibt an seinen Bruder Fritz, der bereits in Palästina ist und natürlich in Kontakt mit dem Ehepaar Klein ist.
en, dass Frieda und Ludwig eine Erklärung für das deutsche Konsulat in Jaffa unterschreiben und schnellstmöglich an ihn zurücksenden. Das Gericht habe dafür eine Frist bis Ende Februar gesetzt. Außerdem berichtet er, dass er wegen Fritz’ eigener Angelegenheit mit Carl gesprochen habe. In Berlin sei bestätigt worden, dass Fritz ohne Bedenken nach Breslau kommen könne, da er Vertreter deutscher Fabriken sei.
Da die Leipziger Messe am 28. Februar 1937 beginnt und dort zahlreiche Fabrikanten anwesend sein werden, empfiehlt Felix Fritz, seine Reise rechtzeitig vorzubereiten und möglichst pünktlich zur Messe nach Deutschland zu kommen. Er bittet um baldige Nachricht, wann Fritz erwartet werden könne.
Ja – gerade im Zusammenhang mit diesem Brief ist das ein wichtiger Punkt, der für heutige Leser erklärt werden sollte. Allerdings würde ich nicht zu stark aus heutiger Sicht urteilen, sondern auf den zeitlichen Abstand und die damalige Wahrnehmung hinweisen.
Für heutige Leser mag es zunächst befremdlich wirken, dass Fritz, nachdem er Deutschland verlassen hatte, wenige Jahre später offenbar plante, wieder geschäftlich nach Deutschland zu reisen. Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die weitere Entwicklung Europas und insbesondere die bevorstehende Katastrophe des Nationalsozialismus für die Familie zu diesem Zeitpunkt noch nicht in ihrer ganzen Dimension absehbar war. Der Brief zeigt vielmehr, dass geschäftliche Beziehungen nach Deutschland trotz der bereits bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ausgrenzung weiterhin eine praktische Rolle spielten. Fritz’ Bruder bemüht sich sogar ausdrücklich darum, seine Reise zur Leipziger Messe zu ermöglichen und versichert ihm, dass er als Vertreter deutscher Fabriken „ohne Bedenken“ nach Deutschland kommen könne.
Gerade aus heutiger Perspektive erhält diese scheinbar selbstverständliche Korrespondenz eine bedrückende Bedeutung: Nur wenig später sollte eine Rückkehr nach Deutschland für viele der bereits ausgewanderten jüdischen Menschen nicht mehr selbstverständlich oder ungefährlich sein.
Hier der link zum Digitalsat und der wortwörtlichen Übertragung
18.2.1937
Max Pick, der Witwer der verstorbenen Paula Pick, geborene Klein, ist schwer an Diabetes erkrankt und ist auf Kur in Karlovy Vary, Karlsbad. Er schreibt eine sehr "gewöhnungsbedürftige" Handschrift, die mich an zwei/drei Stellen überforderte, was jedoch den Inhalt des Briefes nicht verfälschen wird.
 |
| Sammlung Shelly |
Max berichtet aus Karlsbad, wo er sich wegen seiner Zuckerkrankheit einer gründlichen ärztlichen Behandlung unterzieht. Der Arzt habe ihm anfangs wenig Hoffnung gemacht, behandle ihn aber sehr sorgfältig, und Max befolge dessen Anweisungen genau. Die Lebenshaltungskosten seien niedrig, auch wenn noch Kosten für Ärzte und Untersuchungen hinzukämen. Er hofft außerdem auf die zugesagten Devisen.
Seinen Aufenthalt in der Tschechoslowakei erlebt Max offenbar ausgesprochen positiv. Besonders hebt er hervor, dass man dort nicht als „Mensch zweiter Klasse“ behandelt werde – ein deutlicher Gegensatz zu den Verhältnissen im nationalsozialistischen Deutschland. An seine Angehörigen schreibt er deshalb: „Kinder, ihr sollt jeden Tag Gott danken, dass ihr dort seid, bei uns ist es mehr als ekelhaft.“
Daneben berichtet er von einem Besuch seiner Prager Verwandten und einem Gespräch über die Möglichkeit, Fritz nach Prag zu geben. Näheres will er nach seiner Rückkehr mitteilen. Trotz des kalten und unfreundlichen Wetters gefällt ihm der Aufenthalt, nicht zuletzt wegen der vielen Cafés und der Möglichkeit, verschiedene Zeitungen zu lesen.
Hier wieder der link auf den Original-Gesamtbrief mit der wortwörtlichen Transkription
15.6.1937
Brief von Willi Braun an Friedl und Ludwig vor seiner Auswanderung nach Uruguay
In seinem Brief vom 15. Juni 1937 aus Breslau berichtet Willi Braun zunächst von seinem gut verheilten Bein und bedauert, dass er Frieda und Ludwig vor seiner Auswanderung nach Uruguay nicht mehr besuchen kann. Dennoch hofft er, dass sich die Familie „doch noch alle in wenigen Jahren sehen“ werde.
 |
| Sammlung Shelly Feder: Brief von Willi Braun |
Seine Auswanderung ist inzwischen konkret vorbereitet: Die Papiere sind fertig, am 28. Juli 1937 soll er mit dem Schiff Lipari nach Uruguay reisen. Dort möchte er möglichst wieder in seinem künstlerischen Beruf arbeiten. Gleichzeitig berichtet er von seiner zweiten Plastik und möchte Frieda und Ludwig später eine Aufnahme davon schicken.
Ausführlicher geht Willi auf die schwierige Situation seines Bruders Fritz ein. Er versucht ihm Mut zu machen und warnt davor, die eigenen negativen Erfahrungen auf jede Auswanderung zu übertragen. Zugleich fordert er Fritz auf, selbst aktiv zu werden und sich mit seinen Brüdern auseinanderzusetzen.
Daneben gibt der Brief einen interessanten, teilweise recht kritischen Einblick in die familiären Verhältnisse und enthält mit den Nachrichten über Steffl, Fritz und Micha auch einen persönlichen familiären Teil.
Auch hier wieder der link auf den Originalbrief und die wörtliche Übertragung
1.9.1937
ca. 1.9. 1937: undatierter Brief von Alice an den Bruder in Tel-Aviv. Wir wissen, dass die Familie Alfred Kirschner, deren Besuch in Kötzting im Brief erwähnt ist, im Sommer 1937 nach Baden-Baden umgezogen waren und es ihnen im Sommer 1938 dort bereits sehr schlecht ergangen ist - Alice hätte sicherlich die Tochter
Susanne nicht in ein "Krisengebiet" zum "Ferienmachen" mitgeschickt. Also kann es nur 1937 gewesen sein. Dann ist vom bevorstehenden jüdischen Neujahrsfest die Rede und dieses war im Jahre 1937 vom
5.-7. September. Damit stammt der Brief aus dem Zeitraum von Ende August bis Anfang September 1937.
Alfred Kirschner, der Bruder von Julius Kirschner, seine Frau Renate, die beiden Mädchen Margot und Ingeborg und der Sohn Manfred waren im Sommer von Würzburg nach Baden-Baden
umgezogen, in der Hoffnung, in dem mondänen und weltläufigen Badeort den Beklemmungen und Verfolgungen weniger ausgesetzt zu sein, als in Würzburg.
Der Brief ist gerichtet an Friedl und ihren
Bruder Ludwig Klein in Tel-Aviv
 |
| Sammlung Shelly Feder |
Der Brief ist so angefüllt mit Sorgen und Emotionen, dass ich ihn, auch wegen der vielen Details für und aus Kötzting hier nicht zusammenfasse, sondern im Original belasse:Ich habe diesen Brief Brief vor allem, wegen der Angabe des jüdischen Neujahrsfestes auf das Jahr 1937 datiert. Im Jahre 1938 war das Neujahrsfest Ende September und damit bereits weit nach dem Schulbeginn. Eine der Kirschnerschwestern war bereits vor Jahren in die USA ausgewandert und konnte nun die beiden anderen nachholen. Alle drei hatten eine Grundschuld auf dem Hause liegen, deren Zinslast von Julius und Alice Kirschner beglichen werden musste.
Beim Zwangsverkauf des Hauses Anfang November 1938 wurde diese Grundschuld einfach per Federstrich von der deutschen Seite für Null und Nichtig erklärt und das Haus an einen der NSDAP genehmen Nachfolger zu einem niedrigen Preis verkauft.