Ähnlich präzise wie die bereits vergangene Festwoche wurde nun auch das letzte Wochenende durchorganisiert:
Bereits im Mai desselben Jahres hatte der Heimatausschuss bereits die Weichen gestellt - der Kötztinger Trachtenverein war gerade erst ein Jahr alt geworden - und hatte die Eckpunkte der des Heimattages herausgearbeitet:
".
...Es handelt sich also um keine Prunkschau, nicht um theatralischen Firlefanz und für keinen Fall um eine Volksfestgaudi, sondern um eine würdige Heimatfeier. Die schönen Zeiten unserer Väter sollen an diesem Tag lebendig werden, auf dass sie unsere Herzen ergreifen damit wir wieder lernen in allen Dingen die Seele mitreden zu lassen.
Der Festzug wird darum vor allem als Trachtenzug durchgeführt. Bei Faschingsrummel und Komikervorstellungen hat man in den letzten Jahrzehnten unsere ehrsamen und wunderschönen Trachten verunglimpft. Gerade deswegen holen wir sie nun aus der Truhe und tragen das Kleid des Großvaters und der Großmutter mit freudigem Stolz. Um aber all das Schöne so zeigen zu können, dass jedem Zuschauer das Herz dabei aufgehen muss, ist die begeisterte Mithilfe jedes einzelnen im ganzen Bezirk nötig. ....

Zunächst war also der Fokus der Festbesucher auf den Heimattag gerichtet mit seinen Vorträgen im Graßl-Saal und dem großen Trachtenzug am Nachmittag, wie dem Bericht in der drauffolgenden Woche zu entnehmen ist:
"Kötzting, 24. Aug. (Volksfestschluß.)
Kötzting hat sein prangendes Festtagskleid abgelegt und sieht nun wieder im nüchternen Gewande des lärmenden, arbeitsdurchschlungenen Alltags — das Volksfest ist nach 11tägiger Dauer zu Ende. Geschäftsleute wie Schausteller dürften mit dem finanziellen Erfolge zufrieden sein, denn der Besuch ließ während der Veranstaltung nichts zu wünschen übrig, zumal in den beiden letzten Tagen schwoll der Besuch ins Ungeheure an.
Der Samstag brachte nach der Heimattagung im Graßl-Saale, der ein voller Erfolg beschieden war, die Wiederholung des Festzuges vom ersten Sonntag, dem jedoch Darstellungen deutscher Märchen und heimatlicher Sagen (dem Kinderfestzug entnommen), eine Bauernhochzeit in unverfälschten, prächtigen Kostümen, Kammerwagen und Brautkuh usw. (sämtliche Teilnehmer waren aus Neukirchen hl. Bl.) eine Bauernkindstaufe mit Gevatter und Gevatterin, eine Waldler-Trachtengruppe (aus Viechtach) und noch einige Teilnehmer in bewunderungswerten Kostümen angefügt waren.
Als gute Idee darf die Einstellung des Kötztinger Pfingstrittes mit Pfingstbraut, Brautführern und Bräutigamen bezeichnet werden. Neu eingefügt waren ferner ein Erntewagen mit einer Gruppe Schnitter und Schnitterinnen sowie ein hübscher Wagen der Firmen Roßberg und Traurig, Lam, der die erstaunlichen Leistungen derselben auf dem Gebiete der Holzspielwarenindustrie sehr gelungen vor Augen führte.
Nach dem Festzuge, der allgemein als einheitlich und farbenreich zusammengestellt angesprochen wurde, fand auf der Festwiese die Bauernhochzeit und verschiedene Volkstänze statt, deren Aufführung so recht das Leben und Treiben des heutigen Waldvolkes veranschaulichte und allseitigen Beifall fanden.
Hernach ergoss sich der Strom der Besucher in die Bierzelte und Weinbuden, sowie in die Ausstellungshalle und die Schaubuden um sich entweder mit einem guten Trunk zu erfrischen oder das Auge an sehenswerten Dingen zu ergötzen. Die Ankunft Seiner Königl. Hoheit Kronprinz Rupprecht v.
Bayern lockte natürlich die Mehrzahl der Wiesenbesucher in den Markt."
Damit war es nun Samstag Nachmittag geworden und die Politik übernahm das Ruder, eine ganze Seite war reserviert im Kötztinger Anzeiger für den Willkommensgruß in Form eines Hudigungsgedichtes an den Hohen Gast:
Herzlich Willkommen!
anlässlich des Besuches Seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern
Heil! Erbe der Krone, die Bayern betreut
Sei heute uns Waldlern recht herzlich willkommen,
Und darf unser Grüßen als heiligen Eid
Dass nimmer im Herzen der Waldler verglommen
Die Liebe zum Throne, zum Königsgeschlecht
Und dass auch wir kämpfen bis Recht wieder Recht!
Willkommen im Wald, auf gefährdeter Wart
Die treudeutsch gewesen und immer geblieben
Hier grüßen Dich Menschen, die kerniger Art
Mit goldener Treue noch Wittelsbach lieben
Die grünenden Berge, das Felsengestein
Sie mögen Symbole von Beiden Dir sein!
Willkommen in Kötzting, in unserem Kreis
Wo einst Deine Ahnen schon gerne genossen
Gastfreundschaft der Bürger, auch Du edles Reis
Geliebtem Geschlechte und Stamme entsprossen
Fühl' wohl Dich als Vater in kindlicher Schar,
Nimm schlichteste Worte als Huldigung dar.
Ein Waldler

Hier der Großbericht über den Weiß-blauen Tag in Kötzting:
Samstag der 21.8.1926
"Kötzting, 24. Aug. (Weißblauer Tag.)
Als Glanzpunkt des Kötztinger Volksfestes darf der vom Bayr.-Heimat und Königsbund Ortsgruppe Kötzting am Samstag und Sonntag veranstaltete „Weiß-blaue Tag“ angesehen werden. Am Samstag fand der feierliche Empfang Sr. Kgl. Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern, der gegen halb 7 Uhr hier eintraf, durch die Vereine, Behörden und Schulkinder statt.
Brausende Hochrufe erschollen aus den Kehlen der Menge, als der geliebte Thronfolger dem Auto entstieg. Vor dem Rathaus begrüßte ihn das Töchterchen des Herrn Ortsleiters Tierarzt Kirschner mit einem sinnigen Prolog und überreichte ihm einen prachtvollen Blumenstrauß, wofür Seine Kgl. Hoheit mit warmen Worten und einem kräftigen Händedruck dankte. Nach Begrüßung einiger Herren wurde der Thronfolger in den Rathaussaal geleitet, in dem die Vorstellung der Vereinsmitglieder erfolgte. An diese schloss sich die Begrüßung der hiesigen und auswärtigen Vereine und Ortsgruppen an, wobei sich Sr. Hoheit in herzlichster Weise mit den einzelnen Vorständen unterhielt.
Nach Schluss der Besichtigung wurde der hohe Gast in sein Quartier geleitet, das von Herrn Elektrizitätswerksbesitzer Staudinger in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt worden war. Abends 8 Uhr zog durch den prächtig illuminierten Markt ein Fackelzug, den sich Seine Hoheit vom Rathaussaale aus besah. Danach unternahm der Thronfolger noch einen Rundgang durch den Markt und begab sich dann in den Graßl-Saal, in dem ihm zu Ehren ein Festabend anberaumt war.
Bald nach 9 Uhr erklang der erste Marsch "in Treue fest" durch den herrlich geschmückten Saal, von dem Orchester-Verein Kötzting meisterhaft vorgetragen, dem sich in rascher Folge ein zweiter anschloss. Als dritte Nummer des Programms erfolgte die Begrüßungsansprache des Bezirksleiters des Bayer. Heimat- und Königsbundes, Herrn Tierarzt Kirschner, der Sr. Kgl. Hoheit für dessen Erscheinen in kurzen aber freudedurchklungenen Worten den Dank aussprach.
Der zweite Redner, Herr Kreisleiter Sigl-Landshut brachte in seiner Ansprache seine Freude darüber zum Ausdruck, dass der verehrte Thronfolger sowohl den Kreis Niederbayern mit seinem hohen Besuche beehrt und hieß ihn im Namen aller Niederbayern herzlich in Kötzting willkommen.
Der darauf folgende Schäfflertanz, von Kindern der Josefspflege ausgeführt, bereitete dem lieben Ehrengaste ersichtliche Freude. Landesleiter Baron von Aretin überreichte in seiner hinreißenden Festrede die Grüße des Landes und brachte zum Schluss ein kräftiges Hoch auf Kronprinz Rupprecht aus, das brausenden Widerhall fand.
Nach einem Lied „Im Feld des Morgens früh“ vom Männerchor des Gesangvereins Kötzting, stimmungsvoll zu Gehör gebracht, zeigten die Zöglinge des Turnvereins Kötzting ihr straff geschultes Können. Daran schlossen sich ein weiteres passendes Männerchorlied und der klangreiche Marsch "Hoch Heidecksburg" an. Ein tiefergreifendes Gedicht, verfasst und vorgetragen von Frau von Fürstenfeld, war „Deutsch-Böhmens Gruß an Bayern“, das die herzlichen Grüße unserer Brüder im Nachbarlande an das stammverwandte Bayernvolk übermittelte, die Leiden und Bedrückungen durch die tschechische Machthaber in zu Herzen gehender Form klagte und zum Schluss in die flehentliche Bitte ausklang, Bayern und vor allem Kronprinz Rupprecht möge sich des bedrängten Brudervolkes annehmen. Lebhafte und mitfühlende Beifallrufe lohnten die Künstlerin für ihre glutvollen Vortrag.
Die lebenden Bilder „Auszug zum Kampf“ und „Heimkehr der Krieger“ wussten auf jeden Feldzugsteilnehmer nachhaltigen Eindruck ausüben und erwähnenswert sei noch überliefert, dass seine kgl Hoheit von der Ortsgruppe Gotteszell des Heimat= und Königsbundes ein wertvolles Brasiltabakglas mit einer Widmung in Goldschrift überreicht wurde, was allgemeine Heiterkeit erregte. Der feurig intonierte Marsch „Feuert los“, der in der Folge einige Male wiederholt werden musste, machte dem Abendprogramm mäßig ein Ende.
Bevor jedoch der überfüllte Saal sich leerte, ergriff Se. Königl. Hoheit das Wort und dankte schlicht und herzlich für alles, was ihm Kötzting geboten. Damit war der erste Tag beschlossen.
Sonntag der 22.8.1926
Der Sonntag, weiß-blau genannt, entwickelte sich jedoch zu „weiß-grau“, denn St. Petrus hatte es sich in einem Bosheitsanfalle nicht versagen können, im Strömen regnen zu lassen. Dessen ungeachtet war die Beteiligung an den vorgesehenen Feierlichkeiten eine ungeheure. Von allen Seiten wälzten sich
die Besucher und Teilnehmer zu Fuß, zu Rad und per Auto heran, Züge und Kraftwagen warfen unzählige Menschenmassen nach Kötzting, sodass unser Markt einem kribbelnden Ameisenhaufen glich.
Um 10 Uhr erfolgte die Aufstellung zum Festzug in der Bahnhofstraße und Kronprinz Rupprecht ließ es sich trotz des unablässig strömenden Regens nicht verdrießen, die einzelnen Vereine der Reihe nach in der den Wittelsbachern eigenen Leutseligkeit zu begrüßen. Und während dieser Zeit stand das
Publikum, dichtgedrängt in geduldiger Erwartung und harrte des Festzuges, der sich nach 11 Uhr
in Bewegung setzte.
Eine schier unübersehbare Reihe von Ortsgruppen des Bayer. Heimat und Königsbundes mit ihren schmucken Standarten, Kriegervereinen, Feuerwehren und anderweitigen Vereinen zog durch den Markt und zur Feststraße, wo Se. Kgl. Hoheit die Parade abnahm. Hierauf erfolgte vor dem neuen Kriegerdenkmal durch Herrn Ortsleiter Kirschner die Kranzniederlegung zum Gedenken der im Weltkriege Gefallenen. In dem anschließenden Gottesdienst nahm H. H. Pfarrer Dirscherl die Bannerweihe der hiesigen Ortsgruppe vor, wobei er zündende Worte von der Liebe zu Vaterland und Thron an die Versammelten richtete.
Die Bänderverteilung wurde im Graßl-Saale vorgenommen. An dem im Hotel zur Post eingenommenen
Festmahle nahm auch Kronprinz Rupprecht teil. Bei dieser Gelegenheit drückte Herr Kirschner dem liebwerten Gaste den Dank Kötztings für sein gütiges Erscheinen aus und überreichte ihm
ein von Aquarellmaler Neukirchner künstlerisch ausgeführtes Gedenkblatt von Kötzting.
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Der bayerische Kronprinz Rupprecht
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Am alten Kriegerdenkmal legte Se. Hoheit noch einen Lorbeerkranz nieder. Da der für Nachmittag
angesetzte Festzug unterbleiben musste, stattete Kronprinz Rupprecht der Heimatschau usw.
seinen Besuch ab und verließ nachmittags 4 Uhr unseren Markt.
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DIA-Repro 1577 Hoher Besuch beim Gauturnfest. Der Herr mit dem Zylinder in der Mitte sollte der damalige Bezirksamtmann und der 2. Vorsitzende des Kötztinger Turnvereins Thoma gewesen sein. Der vornehme Herr mit Hut - zentral in der Mitte - war der damalige Kronprinz Rupprecht
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Der 22. August 1926 wird ein Ehren-Markstein in der Geschichte Kötztings bleiben, mehr noch aber in den Herzen unserer Waldbevölkerung, die in diesen Tagen bewies, dass es der 7. November 1918 nicht vermochte, den Königsgedanken aus ihrer Brust zu reißen.
Möge es ein gutes Omen für die Zukunftsgestaltung unseres Staatswesens sein, dass uns die Dynastie Wittelsbach erhalten bleibe!
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| Sammlung Auzinger: Kronprinz Rupprecht vor dem Kötztinger Schützenheim, wohl kurz vor seiner Abfahrt |
Die Zeitung beschrieb aber auch noch abschließend den Zustand des Festplatzes - viele aus meiner Generation werden sich noch gut an manche schlammigen Volksfestbesuche erinnern, bevor die Hochwasserfreilegung dem einen Riegel vorgeschoben hatte-:
"Da am Sonntag der nachmittägliche Festzug wegen schlechter Witterung ausfallen musste, strömte eben alles dem Bleichanger zu, der infolge des unentwegten Regens und des Menschentrampels zu einer grundlosen Pfütze verwandelt wurde. Das hatte zur Folge, dass man Zuflucht in den
Bierbuden suchte, um dort bei einer Maß süffigen Stoffes und bei Musikklängen die Unbill des
Wetters zu vergessen. Gegen Abends fanden die Preisverteilungen der Feuerstutzen-Schützen
und der Zimmerstutzen-Schützen statt, die sehr schöne und wertvolle Gaben zur Ausschüttung
brachte. Das großartige Brillantfeuerwerk, auf das man mit Spannung wartete, ist zum Leid-
weisen aller Harrenden ausgefallen, St. Peter muss auch dieses Vergehen verantworten. Nur
die meisten verstanden es, sich durch eine Maß Bier und komische Darbietungen zu trösten.
Spielte doch die Musik zum letzten Male da draußen auf dem Anger, wer weiß, ob man
das nächste Volksfest noch erlebt! In Befolgung dieses Grundsatzes dürfte wohl mancher
tapfer im Aushalten gewesen sein! Was den Erfolg des Volksfestes betrifft, darf man schlecht-
hin behaupten: Kötzting hat in jeder Beziehung gut abgeschnitten, sei es nun in künstlerischer
oder pekuniärer Beziehung und Besucher und Zuseher sind gewiss auf ihre Rechnung gekommen."
In dem abschließenden Resümee steckte eine ganze Menge an Weitsicht:
Ganze 26 Jahre sollte es dauern, bis in Kötzting wieder ein Volksfest veranstaltet werden konnte und auch dies zunächst nicht in dem Riesenumfange wie im Jahre 1926. Das Volksfest des Jahres 1949 war auf das Pfingstwochenende beschränkt und erst im Jahre 1950 - nach langen und stritten Debatten - wurde unser Volksfest auf die beiden Wochenenden ausgedehnt.
Diese öffentliche Huldigung des Kronprinzen, seine konsequente Anrede als „Königliche Hoheit“ – obwohl die Monarchie in Bayern bereits im November 1918 abgeschafft worden war – und die ausführliche Berichterstattung in den Zeitungen der Region blieben nicht unwidersprochen. Nicht überall war die Bevölkerung dem Haus Wittelsbach so eng verbunden wie in Kötzting. Schon bald entwickelte sich in den Zeitungsspalten ein regelrechter Krieg der Leserbriefe. Die Gegner des Königshauses sparten dabei nicht mit scharfer Kritik an den monarchistischen Kundgebungen in Kötzting.
Die Kötztinger Gegenreaktionen fielen dabei teilweise derart scharf und herabsetzend aus, dass sich in einzelnen Formulierungen bereits jene Geisteshaltungen andeuten, die in den folgenden Jahren zunehmend an Einfluss gewinnen sollten.
Der Weiß-Blaue Tag und sein Nachspiel
Ich möchte vorab an dieser Stelle deutlich darauf hinweisen, dass ich die folgende Auseinandersetzung zwischen zwei stark polarisierten politischen Lagern aus dokumentarischen Gründen im Wortlaut wiedergebe. Für mich ist es von historischem Interesse zu beobachten, wie Sprachmuster, Feindbilder und Schmähbegriffe bereits in den 1920er Jahren Teil der politischen Streitkultur waren. Zahlreiche Formulierungen würden heute als antisemitisch, rassistisch oder volksverhetzend eingeordnet und wären in dieser Form im öffentlichen Diskurs nicht mehr akzeptabel.
Bereits beim Lesen der folgenden Texte fallen mehrere Elemente auf, die heute klar eingeordnet werden müssen:
- offene antisemitische Angriffe („Jude Eisner“, Anspielungen auf die angebliche Nicht-Muttersprache des Verfassers),
- ethnische Herabsetzungen („Zigeuner sollten wir werden“),
- Gewaltfantasien („die Faust ... auf den satten Fettwanst des Schreibers“),
- völkische Begriffe wie „Volkskörper“, „kerndeutsch“ oder „germanisch“,
- die Gegenüberstellung von „deutsch“ und „anderem“ Denken,
- sowie eine deutliche Nähe zu nationalistischen Strömungen der späten Weimarer Republik.

Vom Chamer Stadtarchivar Timo Bullemer erhielt ich die folgenden Zeitungsausschnitte aus den Chamer Zeitungen.
Bereits im Vorfeld des Kötztinger Heimattages war im Chamer Tagblatt für die Veranstaltung geworben worden. Dort findet sich auch eine interessante Einzelheit zum Ablauf der Ankunft des Kronprinzen:
„Die Abfahrt Sr. Kgl. Hoheit per Auto in Zandt wird in Kötzting durch zwei Böllerschüsse bekannt gegeben. Das Eintreffen in Kötzting wird durch drei Böllerschüsse angezeigt.“
In den folgenden Tagen berichtete das Chamer Tagblatt fortlaufend über das Kötztinger Treffen. Dabei blieb die Zeitung bei einer Darstellung des Geschehens, die vor allem die allgemeine Freude der Kötztinger über den Besuch des Kronprinzen hervorhob. Im Wesentlichen handelte es sich wohl um stark gekürzte Beiträge, wie sie auch im Kötztinger Anzeiger hätten erscheinen können. Möglicherweise war die Zeitung auch mit einem eigenen Berichterstatter vor Ort in Kötzting gewesen.
Einen völlig anderen Ton schlug dagegen die Chamer Heimatzeitung an. Während andere Zeitungen den Besuch des Kronprinzen als Höhepunkt des Heimattages feierten, bezeichnete sie die Veranstaltung bereits im Vorfeld als „Rummel besonderer Art“ und rief die Leser indirekt dazu auf, ihr fernzubleiben:
Hier der "Werbebeitrag" der Chamer Heimatzeitung.....
"Kötzting. (Ein Rummel) besonderer Art wird am kommenden Sonntag hier inszeniert unter dem Namen weißblauer Heimattag. Herr Rupprecht von Wittelsbach wird persönlich erscheinen, um für seine Ziele Reklame zu machen. Weil es wo anders gar nicht vorwärts gehen will, hat man sich der Waldler erinnert. Wer aber ein richtiger Waldler und Republikaner ist, der erinnert sich daran, wie gerade der Bayerische Wald unter der monarchistischen Regierung stiefmütterlich behandelt wurde und bleibt dem Rummel fern."
Leider hat sich die betreffende Ausgabe der Chamer Heimatzeitung nicht erhalten. Wir kennen daher deren eigentlichen Bericht über den Weiß-Blauen Tag nicht, sondern lediglich die Reaktion auf den zuvor erschienenen – und nach Tonfall und Inhalt wohl als Schmähartikel zu bezeichnenden – Beitrag .
Auf Seite 1 im Kötztinger Anzeiger vom 28. August steht eine Art von Gegendarstellung für den in der Chamer Heimatzeitung erschienenen Artikel über die Tage in Kötzting:
"Königreich Kötzting!
Kötzting, 27. August.
Unter diesem Titel veröffentlicht ein bekannter Herr in der „Chamer Heimat-Zeitung“ eine Schmähschrift gemeinster Art über den weiß-blauen Tag in Kötzting.
Der Artikel sei hier mit entsprechender Berichtigung teilweise wiederholt und beurteilt.
Der vom Bayr. Heimat- und Königsbund, Ortsgruppe Kötzting, angelegte weiß-blaue Tag zum würdigen Abschluss unseres Festes war gekommen. Der Himmel, der während des ganzen Volksfestes blau und klar über Kötzting geleuchtet, hat sein blaues Kleid für diesen Nachmittag abgelegt, nicht aus Gründen, die dieser Herr meint, um das Fest zu verschleiern, nein, weil er sagen wollte: „Bayern, heute will ich euch prüfen, ob ihr Eure Tradition und Geschichte noch kennt und ehrt, nachdem ihr den Heimattag so schön gefeiert. Und die Prüfungen wurden bestanden, offensichtlich zum Leidwesen dieses Wohlbekannten.
Dies bewies der zweite Tag, an dem ein wilder Regensturm an ca. 110 Fahnen und vielen eisernen Bannern zerrte. Sie standen und harrten allen Wettern zum Trotz, bis der ehrengraue Repräsentant des alten Königreiches kam.
Und alle hatten sich gefunden, von rechts und von links und mit ihnen die Neutralen. Und unter diesen Fahnen zogen viele Sozialisten, die die Not geboren, Häusler, Steinhauer und Holzmacher usw. Sie gaben im alten Tritt und Schritt dem gestürzten Herrscher das Ehrengeleit, nicht etwa um der Republik abzuschwören, sondern um die neue Staatsform mit der alten verbunden zu zeigen, um zu beweisen, dass wir aus einer Wurzel geboren sind, trotz neuer Gestaltung, um zu beweisen, dass Bayern noch die Geschichte seiner Könige kennt, von der es ein Jude Eisner gewaltsam trennen wollte.
Zigeuner sollten wir werden, denen der Name der Mutter fremd. Und wenn es der Ahne und Urahne anders gemacht haben als wir heute — du, Schmähschreiber, kannst uns Bayern deshalb die Erinnerung und Treue zu unserer Landesgeschichte nicht nehmen. In das Werden unseres Volkskörpers gehört Wittelsbach für alle Zeiten und als treue Bayerische Republikaner schneiden wir einem Fremdling zuliebe nicht Fleisch aus unserm Leibe, den Jahrhunderte zur edlen Form schmiedet. Wir sind Republikaner und achten Landshut und München, solange dort Bayern führen, die es nicht nötig haben, das alte Königreich unter die Tarnkappe zu zwingen, wie es die johlenden Geister von 1918 wollten.
Die Riesenmenge, die unter strömendem Regen hinter Fahnen durch den Markt zur Kirche zog, gab Zeugnis, dass geschichtliche Vergangenheit unserem Volk die Seelennahrung eingeimpft. Und wenn dabei die Polizei in Helm und Tressen die Ordnung stützte, so besteht keinerlei Grund, dass sie gerade „dieser“ als republikanisch-königlich-bayerisch verhöhnt sie - sie sollte eben republikanisch-jüdisch-bayerisch sein, wie sie seit 1918 so fest erwünscht.
Und unsere deutschen Kinder standen Spalier in bunten Märchen- und Heimattrachten, aber nicht in „Maskerade“, wie sie dieser gemeine Bengel bezeichnet. Märchen und Sage sind ein Urboden unserer Geschichte und ein heiliges Stück unserer Kindheit, das Großmutter und Großvater auch von der ärmsten Ofenbank der Jugend vererbten.
In weiterer Folge sollten Einzelpersonen getroffen werden.
So besonders „Der König vom Zellertal“ Herr Schmiedmeister Fischer. Ich wünschte nur die Faust dieses noch kerndeutsch denkenden Mannes auf den satten Fettwanst des Schreibers. Die Begegnung dieser beiden Dinge könnte sicher den Gegensatz zwischen germanisch und „anderem“ Denken am raschesten zu einem Ausgleich bringen.
Der Magistrat Kötzting ist in rücksichtslosester Form von dem Herrn bedacht und fast verrät dieser hier in der unlogischen Wortfolge, dass ihm die deutsche Sprache nicht Muttersprache, sondern nur Hilfssprache ist.
Sicher sind die gesamten Mitglieder des Magistrates über das intim-privatpersönliche des Artikelschreibers so weit klar, dass sie von dessen Anrempelungen wenig oder keine Notiz nehmen. Mögen sie ihm als Sühne für seine Unverschämtheit jene Ohrfeige in Anrechnung bringen, die dieser stark Liebesbedürftige kürzlich von einer gut deutschdenkenden Stallmagd empfangen.
Zum Schlusse des Artikels verfällt dessen Verfasser in eine gewisse Sentimentalität und er stellt Betrachtungen über die Gedanken eines „alten Mannes, eines königlichen Menschen“ an. Hier wollen wir halten; denn höher geht's nimmer!
Das Unglück, in das wir stürzen, könnte kommen, aber nicht heraufbeschworen von einem Heimat- und Königsbund, sondern von dem gesamten betrogenen Volk, das endlich das typische Gesicht hinter einer ewig veränderlichen Larve erkennt."
S.
Bemerkenswert ist, wie schnell die Auseinandersetzung dabei die Ebene einer lokalen Zeitungsfehde verlässt. Neben der Verteidigung des Kronprinzen finden sich bereits zahlreiche Motive, die in den folgenden Jahren die politische Sprache der radikalen Rechten prägen sollten: völkische Vorstellungen von „Volkskörper“ und „Kerndeutschtum“, antisemitische Anspielungen sowie die Einteilung der Gesellschaft in „deutsche“ und „fremde“ Elemente.
Damit hätte die Auseinandersetzung eigentlich beendet sein können. Doch weit gefehlt. Den gesamten September hindurch herrschte zwar Waffenruhe an der publizistischen Front, dann erschien in Cham jedoch ein Artikel – offensichtlich aus der Feder eines Kötztingers –, der die Abnahme der Parade durch den Kronprinzen aus einem ganz anderen Blickwinkel schilderte, als dies zuvor der Heimatbund im Kötztinger Anzeiger getan hatte:
Chamer Heimatzeitung vom 2. Oktober 1926:Habt Mitleid mit den Simpeln!
Wie haben doch gleich die Gratulanten den Herrn Otto von Tegernsee anlässlich seines fünfzigjährigen Erdenwallens tituliert? Als einen „aufrechten“ Mann.
Wie muss nach monarchistischen Begriffen in Bayern ein „aufrechter Mann“ beschaffen sein. Folgende Druckschrift, die uns ein Freund unseres Blattes aus Kötzting übersendet, mag es uns lehren:
„Zugordnung anlässlich der Anwesenheit S. Kgl. Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern.“
Aufstellung zum Empfang S. K. Hoheit am 21. August um dreiviertel 5 Uhr nachmittags am Rathause.
Rechter Flügel in der Höhe zwischen Sperl und Drunkenpolz, Front nach Süden,
Offiziere, Ärzte und Beamte, Ehrenmitglieder sowie Altveteranen drei Schritte links von der Musik, Obmannsbanner mit Begleitung, Kriegervereinsvorstand, Vereinsfahne mit zwei Begleitern,
rechter Flügel des Kriegervereins, die mit Auszeichnungen im 1. Glied, der Größe nach rangiert, anschließend die übrigen Vereine, Jugend, wenn anwesend am Rathaus, Front nach Norden.
Wenn das Auto S. K. H. beim Hause Kiefl ankommt, wird „Stillgestanden“ kommandiert, beim Herannahen Sr. K. H. wird auf das Kommando „Achtung!“ ein dreimaliges „Hoch“ ausgebracht unter gleichzeitigem Abnehmen der Kopfbedeckung, ohne Schwenken derselben.
Gleichzeitig werden die Fahnen mit der Spitze einmal gegen den Boden gesenkt und dann wieder in die Höhe und an die rechte Schulter gebracht. Beim Abschreiten der Front findet ein Begleiten S. K. H. nur auf Befehl statt.
Der Vorstand des ersten Vereins kommandiert „Stillgestanden“ (falls nicht schon abgenommen, „Hut ab“), „Augen rechts“ oder „Augen links“. S. K. H. ist anzusehen und ihm mit den Augen bis zum dritten Manne zu folgen, alsdann den Kopf von selbst wieder gerade aus. Sobald S. K. H. vorbei ist, „Hut auf!“, „Rührt euch!“. Alles Sprechen ist verboten.
Eigenmächtiges Austreten darf nicht stattfinden.
Der Vorstand oder Zugführer nimmt etwa zehn Schritte vorher für seine Person die Kopfbedeckung ab. Ihm folgende Kameraden haben beim 1. Point auf Kommando des Zugführers die Hüte abzunehmen und rechts zu sehen und die Arme festzuhalten. Nach dem Parademarsch wird direkt in die Kirche marschiert. Halb 2 Uhr im Hotel „zur Post“ Festessen.
Kommandierender ist in allen Fällen Herr Dietrich, 1. Vorsitzender des Veteranen- und Kriegerbundesvereins Kötzting.
Kirschner, Ortsleiter.“
Auf Kommando ein dreimaliges Hoch — so sieht der Wille des Volkes nach der Monarchie aus. Republikaner! Wir fordern Euch auf: Habt Mitleid mit den Simpeln!!
Gegen die Dummheit kämpfen bekanntlich selbst Götter vergeblich.
Die Waffenruhe an der publizistischen Front war damit beendet. Der Fehdehandschuh lag erneut im Ring, und die Erwiderung aus Kötzting folgte prompt:
Gleich zwei Erwiderungen auf die Vorwürfe aus Cham erschienen im Kötztinger Anzeiger – eine als redaktioneller Artikel, die andere als Leserbrief. Besonders bemerkenswert ist der erste Beitrag, denn in ihm wird nach meiner Kenntnis erstmals im Zusammenhang mit dieser Auseinandersetzung die Dolchstoßlegende ins Feld geführt.
Kötztinger Anzeiger 5.Oktober 1926
Ein Feigling
der das helle Tageslicht scheute, hat in einem anonymen von der „Chamer Heimatzeitung“ verbreiteten „Eingesandt“ aus Ärger über unseren wohlgelungenen weiß-blauen Tag in Kötzting als ein moderner Don Quixote die verrostete Waffe der Verleumdung, Herabsetzung und rowdymäßigen Gemeinheit ergriffen, um unsere königstreuen, ordnungsliebenden Anhänger auf dem Lande von dem Heimat- und Königsbunde abwendig zu machen und in der durch revolutionäre Umtriebe geschaffenen, traurigen, trostlosen, zerrütteten Lage weiter zum Ruin und zum Verfall des heimatlichen Volkstums wirken zu können.
Wir haben fürwahr nicht nötig, unseren allverehrten Kronprinzen Rupprecht in seiner Handlungsweise als Oberbefehlshaber der bayerischen Armee hier zu verteidigen. Jeder bayerische Feldsoldat weiß es genau, mit welcher hingebender Anhänglichkeit an seine ihm unterstellte bayer. Krieger der hohe Herr jederzeit für sie eingetreten ist, ja wie er selbst sich mannhaft für sie einsetzte und sich als Schlachtopfer darbot, als jeder zehnte Mann auf preußisches Oberkommando hin hat erschossen werden sollen.
Das ist wahres Heldentum, das dem feigen Anonymus, der wohl den Strapazen des Krieges ferne stand und seinerseits Opfer zum Wohle und zur Rettung des Vaterlandes brachte, der vielleicht zu jenen zählte, die an dem gegen die Armee geführten Dolchstoß von hinten bei dem Munitionsstreik, sei es direkt oder indirekt beteiligt waren, die Schamröte ins Gesicht treiben und ihn veranlassen sollte, einmal sich über die wahre Sachlage über die Zermürbung der deutschen Armee und über den dadurch erfolgten Zusammenbruch aufklären zu lassen.
Aber es gibt Leute, die der Wahrheit geflissentlich widerstreben und jeder Belehrung unzugänglich sind. Das sind keine Patrioten, keine Anhänger an Heimat und Vaterland, sondern heimatlose, fremdstämmige, unsaubere Elemente, die aus der Hetze ein Geschäft machen und sich bei diesem Geschäfte durch große materielle Vorteile zum Schaden des Volkes zu bereichern suchen. Mit solchen Leuten kann das treue bayerische in seiner großen Mehrheit monarchisch gesinnte Volk, das seinen obersten Herrn, dem rechtmäßigen Inhaber der bayerischen Königskrone um so enger sich anschließt und ihm ergeben sich zeigt, je frecher, gemeiner, unflätiger und hinterlistiger ein verkommenes Raufboldentum aus dem Hinterhalte seine giftigen Pfeile abschießt, keine Gemeinschaft haben, es wird ihren Sirenenrufen jederzeit die Antwort entgegensetzen:
Apage! Der bayerische Kronprinz ist nur auf das Wohl des bayerischen Volkes bedacht. Zu Gunsten der Krieger hat er an sie auch seine Generalspension überwiesen; als man die Auslieferung von Heerführern verlangte stellte er sich im Interesse aller Bayern zur Verfügung. Aber es wäre ein Verdienst gewesen, wenn er sich allein, ohne jeden Schuss, der die rohen, vaterlandslosen Revolutionäre und Wüstlinge hingestellt hätte, um sich misshandeln zu lassen.
Nur die Revolutionäre sind schuld an unserem Unheil, kein bayerischer Fürst.
Otto von Tegernsee
Eingesandt. (5. Oktober 1926)
Für unter dieser Rubrik Veröffentlichtes übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.
Eine simple Betrachtung.
„Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus!“ Beinahe wäre am 1. September l. Js. in Kötzting so ein großes Ereignis eingetreten. Es sollte nämlich ein Bewohner von Kötzting, der schon 30 Jahre seines Lebens in sehnsüchtiger Ruhe das Pflaster von Kötzting abgetreten hat, plötzlich zu einem Arbeitstier werden, aber — und jetzt kommt der Schatten von dem den schon gesprochen wurde — es war wieder nichts mit der Arbeit des berufenen Herrn. Denn es war nicht mehr möglich, für eine republikanische Heimatzeitung einen Redakteur aus dem Königreich Kötzting aufzustellen.
Die Ursache, dass obengenanntes großes Ereignis nicht eintrat, war der im Monat August in Kötzting abgehaltene weiß-blaue Tag. Der kolossale Erfolg, die ungeheuren Menschenmengen — es nahmen am Festzuge trotz des schlechten Wetters 121 Vereine mit 107 Fahnen teil — haben selbstverständlich den Neid und die Wut unserer Gegner erweckt; sie machten ihrem Ärger in ihren Zeitungen in teils mehr, teils minder geschmackvollen Ausführungen Luft und sogar noch jetzt ist die „Chamer Heimatzeitung“ so liebenswürdig, die Erinnerungen an diese schönen Tage wieder aufzufrischen; nämlich durch einen Artikel vom 2. Oktober 1926 mit der Überschrift: „Habt Mitleid mit den Simpeln!“
Der erste Satz dieses niedlichen Geschreibsels lautet: „Wir haben doch gleich die Gratulanten des Herrn Otto von Tegernsee anlässlich seines 50jährigen Erdendaseins tituliert?“ Nach mehrmaliger Lektüre dieses Satzes musste ich mir allerdings sagen, dass die Ueberschrift des Artikels gar nicht so schlecht gewählt ist. Dass ich als „Simpel“ den Sinn obiger Zeilen nicht ergründen kann, ist mir vollständig klar; bewundern jedoch muss ich die Intelligenz der Redaktion der „Chamer Heimatzeitung“ und ihrer Anhänger, für die es doch ganz selbstverständlich ist, dass sie wissen, was diese Zeilen bedeuten sollen. Vielleicht erfüllt die Redaktion der Chamer Heimatzeitung die Bitte vieler „Simpel“ um nähere Aufklärung über diesen Satz.
Oder sollte dieser Artikel, ebenso wie jener der Chamer Heimatztg. vom 25. August 1926 nur in der auswärtigen Auflage erschienen sein und in der Chamer Auflage nicht? Oder betrachtet die Chamer Heimatzeitung nur die ländlichen Leser für so dumm, dass sie sich getraut, ihnen einen solchen Unsinn vorzusetzen?
Seit dem nun wie es wolle, fraglicher Artikel befasst sich mit Zugordnung anlässlich der Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern, die anlässlich des weiß-blauen Tages in Kötzting herausgegeben wurde. Da, wie bereits erwähnt, 121 Vereine an der Feier teilnahmen, wurde obenerwähnte Zugordnung herausgegeben, um jedem Vereine und jedem Teilnehmer seinen Platz anzuweisen, um die Feier einheitlich zu gestalten, mit einem Wort, um die Ordnung und Disziplin, wie wir sie von unserer früheren monarchistischen Dienstzeit her gewöhnt waren, wieder aufleben zu lassen.
Dass es den Republikanern auffallen muss, wenn in der jetzigen Zeit wieder einmal etwas mit Ordnung und Disziplin durchgeführt wird, ist ja weiter nicht zu verwundern; denn in der Zeit der Republik haben wir die Ordnung gründlich verlernt und ich kann ganz gut verstehen, dass diese Leute auf uns, die wir die Ordnung lieben und wieder herstellen wollen, mitleidig herabsehen und uns „Simpel“ heißen, denn ohne Ordnung kommt man wesentlich weiter, das haben uns die letzten 8 Jahre recht deutlich gelehrt.
Und nun noch einige Worte über Ihre Freunde aus Kötzting, liebe Redaktion der „Chamer Heimatzeitung“. Wir kennen diese Herren recht gut und neiden ihnen diese Freundschaft nicht. „Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist!“ Einer Ihrer Freunde, der sich in Kötzting durch den Artikel „Königreich Kötzting“ einen sehr guten Namen geschaffen hat, der in seiner blinden Wut nicht einmal vor den Kindern Halt machte, hat sich nicht entblödet, anlässlich einer Feierordnung in Kötzting in den Reihen des Kriegervereins, dessen Mitglieder nach Ihrem Artikel doch auch zu den „Simpeln“ gehören, mitzumarschieren, ohne Mitglied des Kriegervereins zu sein. Eine echt jüdische Frechheit!!
Oder sollte es nur Dummheit dieses Herrn gewesen sein, dann trifft das Sprichwort, mit dem der fragliche Artikel in der „Chamer Heimatzeitung“ beendet wird, „Gegen die Dummheit kämpfen bekanntlich selbst Götter vergebens“, wirklich im vollsten Maße zu.
So endete eine Auseinandersetzung, die weit mehr über die politischen Befindlichkeiten ihrer Zeit verrät als über den eigentlichen Anlass. Während Monarchisten und Republikaner noch um die Deutung des Heimattages stritten, hatte der Gast, um den sich alles drehte, längst seine eigenen Eindrücke gewonnen. Sein veröffentlichtes Dankschreiben an die Kötztinger Bevölkerung möge daher den Schlusspunkt unter dieses bemerkenswerte Nachspiel setzen.
Zum Abschluss dieses Kötztinger großen Heimattages hier noch die Dankadresse an die Kötztinger vom Ortsleiter des Heimatbundes des Tierarztes Kirschner.
"Vermischte Nachrichten.