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Donnerstag, 30. Juli 2026

Kötzting im Jahre 1926 eine Jahresschronik

 1926


Die Kötztinger Suppenanstalt
Das Kraftwerk am Höllensteinsee wird eröffnet
Der - vergebliche - Kampf um die Zellertalbahn beginnt   
Das Pfingstfest des Jahres 1926
Das Gauturnfest im Juni   
Die - politische - Sonnwendfeier des Kötztinger Heimat= und Königsbundes  
das neue Schützenheim  
Der große Heimattag mit Volksfest im August
Der Weiß-Blaue Tag und der Leserbriefstreit mit Cham  


Das Jahr 1926 hatte für Kötzting und seine Bürger sehr viel zu bieten. (Das Pfingstfest von 1926 wurde ja bereits separat behandelt). Ein Blick in die damaligen Ausgaben des Kötztinger Anzeigers zeigt eine Marktgemeinde voller Leben, neuer Ideen und großer Feierlichkeiten.
Die folgenden Berichte stammen sämtlich aus dem Kötztinger Anzeiger, der seit 1899 dreimal wöchentlich erschien und damals die einzige Zeitung Kötztings war. Bis auf wenige Fehljahrgänge haben sich die Ausgaben heute nahezu vollständig in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten. Neben kleinen Neuerungen und alltäglichen Nachrichten sorgten im Sommer  1926 gleich zwei weiter große und überregional beachtete Veranstaltungen dafür, dass in Kötzting außergewöhnlich viel Betrieb herrschte:
Da war zum ersten das große Gauturnfest im Juni und im August der große Heimattag verbunden mit einem Volksfest und sogar einem Kinderfestzug.
Diese Ereignisse zeigen eindrucksvoll, wie lebendig das gesellschaftliche Leben in Kötzting vor genau 100 Jahren gewesen ist – zwischen Heimatverbundenheit, religiöser Tradition und bayerischem Selbstbewusstsein.

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken. Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken. 






Die Suppenanstalt



 Warme Suppe gegen Hunger und Kälte
die Kötztinger Suppenanstalt von 1925/26

Foto Josef Bock - Kinderfestzug in den 60ern mit dem Alten Rathaus im Hintergrund


Wenn heute über Schulverpflegung oder Ganztagsbetreuung diskutiert wird, gerät leicht in Vergessenheit, unter welchen Bedingungen viele Kinder noch vor einhundert Jahren aufwuchsen. Ein Bericht aus dem Januar 1926 gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensverhältnisse zahlreicher Familien im Kötztinger Land und zeigt zugleich ein bemerkenswertes Beispiel bürgerschaftlicher Solidarität.
Bereits am 6. Dezember 1925 hatte die Gemeinde Kötzting im Rathaus eine Suppenanstalt eingerichtet. Dort wurden täglich mittags etwa 80 Kinder kostenlos mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Auf den Tisch kam eine kräftige Fleischsuppe, in die Grieß, Reis oder ähnliche Zutaten eingekocht wurden. Auch besser situierte Einwohner konnten Suppe erhalten, mussten dafür allerdings ein geringes Entgelt bezahlen. Finanziert wurde die Einrichtung überwiegend durch freiwillige Spenden. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehr als 500 Mark zusammen – ein beachtlicher Betrag in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Lage vieler Menschen alles andere als einfach war. Zusätzlich unterstützte der Marktgemeinderat die Aktion mit einem erheblichen Geldbetrag.

Wie groß der Bedarf tatsächlich war, zeigte sich bereits in den ersten Tagen. Während der ersten Woche konnte jeder kostenlos Suppe erhalten, woraufhin täglich zwischen 200 und 250 Personen zur Ausgabe erschienen. Um die vorhandenen Mittel nicht zu rasch aufzubrauchen, wurde die unentgeltliche Verpflegung deshalb schon bald auf die wirklich bedürftigen Kinder beschränkt. Besonders betroffen waren die Schulkinder aus den umliegenden Dörfern und Einöden. Allein aus Arndorf nahmen 42 Kinder an der Speisung teil, aus Haus weitere 22. Viele von ihnen hatten einen langen Schulweg. Bis zu zwei Stunden mussten sie täglich zu Fuß zurücklegen – morgens hin und nachmittags wieder zurück. Im Winter bedeutete dies oft einen Marsch durch Schnee und Kälte.
Der Bericht schildert die Verhältnisse eindringlich: Viele Kinder verließen bereits gegen sechs Uhr morgens ihr Elternhaus und kehrten erst gegen vier Uhr nachmittags zurück. In dieser Zeit bekamen sie häufig nichts Warmes zu essen. Ein Stück Brot oder einige Kartoffeln mussten als Mittagessen genügen. In manchen Familien warteten nach der Rückkehr lediglich kalte Kartoffeln oder erkaltete Rüben auf die Kinder.
Umso größer war die Bedeutung einer warmen Mahlzeit in der Mitte des Tages. Nach knapp einem Monat Betrieb konnten bereits erste Erfolge festgestellt werden. Der Leiter der Volksschule, Hauptlehrer Möcklein, berichtete von einem außergewöhnlich guten Schulbesuch – selbst während der strengsten Kälteperiode. Nach seiner Beobachtung waren die Kinder im Nachmittagsunterricht deutlich aufmerksamer und beteiligten sich sogar am Vormittag eifriger, weil sie sich bereits auf die warme Suppe freuten.
Der Zeitungsbericht endet mit einer Beobachtung, die vielleicht mehr aussagt als alle Zahlen. Wer die leuchtenden Gesichter der Kinder gesehen habe, wenn die dampfenden Suppenteller hereingetragen wurden, der könne die Bedeutung dieser Einrichtung erst richtig verstehen.

Heute erinnert die Kötztinger Suppenanstalt daran, wie entbehrungsreich das Leben vieler Familien noch in den 1920er Jahren war. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass Notzeiten oft Kräfte der Solidarität freisetzen. Die Unterstützung durch Bürger, Beamte und Gemeinde machte es möglich, hunderten Kindern wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu geben – ein kleines Stück Fürsorge, das für viele von ihnen einen spürbaren Unterschied machte.

Im Oktober 1926 entschied der Marktgemeinderat die Einrichtung erneut anzubieten und forderte die die Kötztinger Bevölkerung auf, diese finanziell zu unterstützen.

Mit dem Kötztinger Männergsangs- und Orchesterverein und einer Vielzahl von Solistinnen und Theaterspielern war es vor 100 Jahren möglich, aus eigener Kraft mehrmals im Jahr große Produktionen anzubieten.


Von dieser Aufführung gibt es sogar einen eher humoristischen im Kötztinger Anzeiger, der hier im Original dokumentiert, wie und worüber sich  unsere Vorfahren so amüsieren konnten:

Einschub:

Aus heutiger Sicht wirkt die Glosse stellenweise erstaunlich respektlos, ja sogar verletzend. Der Verfasser macht sich nicht nur über die Bühnenhandlung lustig, sondern auch über Personen im Zuschauerraum. Besonders auffällig ist die Schilderung der „dicken älteren Frau“ hinter ihm, die später sogar zur „fetten Nachbarin“ wird, deren „Fettbauch“ beim Lachen „schwapple“. Eine solche Beschreibung würde heute kaum noch veröffentlicht werden, ohne Kritik hervorzurufen. Sie verletzt moderne Vorstellungen von Höflichkeit, Privatsphäre und Respekt gegenüber dem Äußeren anderer Menschen.

Man sollte den Text allerdings nicht vorschnell mit heutigen Maßstäben verurteilen. Er stammt aus einer Zeit, in der Zeitungen oft wesentlich persönlicher, bissiger und direkter formulierten als heute. Gerade in lokalen Blättern fanden sich regelmäßig satirische Glossen, die von Überzeichnungen, Spott und bewusst groben Bildern lebten. Der Verfasser schreibt nicht als objektiver Theaterkritiker, sondern als humorvoller Beobachter des Geschehens im Saal. Seine Nachbarin wird dabei zu einer literarischen Figur, deren Lachen die ausgelassene Stimmung des Abends symbolisieren soll.

Dennoch offenbart der Text auch gesellschaftliche Vorstellungen der 1920er Jahre. Frauen werden fast ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt: Die Schauspielerinnen sind „rotbackig“, „frisch“ und „zum Anbeißen“, während die Zuschauerin wegen ihrer Körperfülle verspottet wird. Männer erscheinen dagegen als handelnde Personen, Schauspieler oder Beobachter. Der Autor bewegt sich damit ganz selbstverständlich in den Geschlechterbildern seiner Zeit.

Bemerkenswert ist außerdem der selbstironische Ton. Der Verfasser macht sich nicht nur über andere lustig, sondern auch über sich selbst. Er gesteht offen ein, die jungen Darstellerinnen bewundert zu haben, und schildert scherzhaft die Kontrolle durch seine Ehefrau. Dadurch wird die Glosse weniger bösartig, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Ihr Ziel ist weniger die Herabsetzung einzelner Personen als die humorvolle Beschreibung eines vergnügten Theaterabends.

Für den Historiker ist der Text deshalb besonders interessant: Er erzählt nicht nur etwas über die Aufführung von „Mizzi und Muzzi“, sondern vor allem darüber, worüber man im Kötzting der 1920er Jahre lachte, welche Witze als gesellschaftlich akzeptabel galten und wie ungezwungen Journalisten damals über ihre Mitmenschen schreiben konnten. Gerade die heute befremdlichen Passagen machen den Quellenwert des Textes aus, weil sie einen unverstellten Blick auf Mentalitäten und Umgangsformen jener Zeit ermöglichen.

Einschub Ende


"Vermischte Nachrichten

Kötzting, 4. Jan. (Mizzi — Muzzi; eine große Schweinerei! So kam das Stück zur Aufführung, unter dem Zauberschleier der Töne eines sehr passend besetzten Orchesters mit Reinheit, Feinheit und sicherem Takt. Unsittlich wurde es gebrandmarkt, ich weiß nicht warum? Ja eine große Schweinerei wäre es beinahe entstanden. Die dicke ältere Frau hinter mir hat nämlich über den Xaverl furchtbar gelacht und auf einmal hat sie zu ihrer linken Freundin hinübergeredet: „Schaug— hi — da — da Xa — Xa — verl — — Pe — pi — i koos nim — ma — ma — ha — halt'n!“
In der Pause hab' ich dann unauffällig hinter meinen Stuhl hingeschaut — aber es war noch keine Schweinerei! Oder war das Stück deshalb eine Schweinerei, weil die Mizzi und die Muzi und die anderen Madeln so rotbackig und frisch ins Bühnenlicht geschaut, so sittsam den Reigen getanzt bei glöckerlhellem Gesang? Keine war unkeusch, aber alle zum Anbeißen!

Mein Freund hat es auch gesagt: „Du — schad, dass ma voheirat san!“ Meine Frau hat dies aufgeschnappt und das Verlangen meines Gesichtes überprüft.
Als der Kunstmaler Lug aber gleich darauf mit seiner molligen Schar zum Reigen einsetzte, war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Brettern und ich konnte meine Augen auch wieder ungehört auf die Weide treiben, zu den hüpfenden Geißlein: Mizzi — Muzzi — Susi — Vroni — Toni — Mali — Hanny — Cilli — Tilli — Zenzi — Leni mit ihrem überglücklichen Hüter Kunstmaler Lug.

Ein älteres, studiertes Beamtenherz ließ sich unter den Zuschauern sogar aus seinem versteinerten Ernste aufrütteln. Als die frohe Jugendschar durch seine Hornbrille Einzug hielt in Hirn und Brust, da stöhnte er leise für sich die auf der Schulbank gelernten Goethes-Worte: „Welch reicher Himmel, Stern an Stern, wer nennt die Namen?“
Wahrscheinlich hat der alte Schwerenöter noch manch andere unerlaubte Gedanken entfaltet. Und wenn es wirklich so gewesen wäre — noch bei diesem und jenem im weiten Saal — der Xaverl hat sie sicher alle auf harmlose Bahnen abgelenkt. Wenn du, lieber Leser, den Xaverl noch nicht kennst, dann schau dir ihn heute Mittwoch in der Abendvorstellung an — dann hat´s di! 
Dr. Fritz Brandenfeld — Dich möchte ich hier schon öffentlich fragen: „Hast du bei deiner gespielten Eifersucht nicht ein klein wenig eine echte gehabt?“ Der treffliche Spieler ist zwar verheiratet und wir Ehemänner wissen alle von uns, dass wir konsequente Weiberfeinde sind, aber es gibt auch manchmal Rückfälle in den Urzustand. Brandenfeld hat sicher bei seinem langen Junggesellentum manchmal an jener Krankheit gelitten, sonst hätte er diese sicher nicht so lebenswahr auf der Bühne in Pose gebracht.
Und dann die zwei kleinen Persönchen der Nebenrolle: Sieglinde Hupfauf (Sprechrolle), Hansi Hupfauf, ihr Sohn (Sprechrolle) habe ich meine Frau noch eben aus dem Zettel lesen hören, da rollten schon ohrenbetäubende Lachsalven durch den Saal. Darin ersoffen Schreie aus allen Richtungen des brüllenden Raumes: „Meintse Leit - meintse Leit — meintse Leit!“.
Meine fette Nachbarin brachte es fast nicht mehr heraus. Als ich ihren Fettbauch schwappeln sah vor Lachen, wurde es mir klar, dass sie mir die zwei Flöhe aufgesprengt hatte und ich habe ihr dies in der Freude des Ereignisses verziehen. Zu rasch fiel der schwere Bühnenvorhang vor der trefflich spielenden Schar.
Ja fröhliche Stunden währen immer zu kurz! Die uns aber die Freude gemacht, denen dankte es nicht der geringe Beitrag, eine Spende für den Kötztinger Kriegerverein, sondern der überfüllte, von Freude hallende Saal im Zeichen der Mizzi und Muzzi. 


Zwei Ankündigungen ließen die Kötztinger bereits im Februar aufhorchen:
Der Turnverein startete ins neue Jahr mit seinen Turnübungen in der neuen Halle und kündigte dabei das große Gauturnfest für den Juni an und im Reichstag in Berlin war die Entscheidung gefallen, den Ausbau der Eisenbahnstrecke Zwiesel-Bodenmais anzugehen, eine Nachricht, die im Anschluss für brisante aber hochinteressante "Entscheidungen" vor Ort sorgte und hier später in einer eigenen Rubrik  behandelt werden wird.

Ebenfalls im Februar 1926 wandte sich das katholische Pfarramt Kötzting an seine "Schäfchen", um diese vor den verderblichen Schriften der "Ernsten Bibelforscher" zu warnen. Auch dies ist eine Zeichen dafür, wie tendenziös damals bei manchen Zeitungsartikeln einer Zeitung berichtet wurde

Kötzting, 6. Febr. Gegenwärtig wird die Umgebung Kötztings von Agenten der adventistischen Sekte der „Ernsten Bibelforscher“ bearbeitet. Täglich ziehen sie aus, um ihre adventistischen Bibeln und andere Schriften dieser irregläubigen Sekte unter das katholische Volk zu werfen. 
Darum Katholiken obacht!
Das Kaufen, Lesen oder Aufbewahren irregläubiger Bücher und Schriften ist ja schwere Sünde und mit kirchlichen Strafen belegt. Wenn ein Arzt von irgend etwas sagt: „Das ist Gift!“ so glaubt du ihm und lässest die Hand von dem Gifte. Wenn deine Kirche dir sagt: „Irrgläubige Bücher und Schriften sind Gift für deine Seele“, so glaube auch das der unfehlbaren Kirche und lasse die Hand von dem Gifte!
Kommt darum in ein Haus ein Kolporteur mit Büchern oder Schriften religiösen Inhalts, dann schauet, ob die Bücher vorne, auf einem der ersten Blätter, eine bischöfliche Druckerlaubnis aufweisen. Haben sie eine solche nicht — adventistische Bücher sind meist in Hamburg gedruckt — dann weiset den Agenten die Türe und zwar energisch! Suchen sie diese Bücher gar als katholische Bücher euch aufzuschwätzen, dann zeiget diese Kolporteure sofort bei der Gendarmerie wegen Betrugsversuches an. Machet auch sogleich euren Seelsorger aufmerksam, wenn ein Agent mit solchen Schriften zu euch kommt.
Nur entschiedene Abwehr kann uns von dieser adventistischen Landplage befreien.


Weitere Raritäten vom Frühjahr 1926:

Ein Fräulein Zenzl Neuberger aus Reitenstein wollte sich vor ihrer Auswanderung nach Nordamerika von all ihren Freunden und Bekannten verabschieden:


Ein Ausdruck, den ich vorher noch nie gehört hatte: Kirmweiber.
Darunter versteht man offensichtlich Frauen, die mit großen Buckelkörben - Kirmen - in den Wald gingen und dort unerlaubt Zweige oder Blätter einsammelten.

KA vom März 1926

KA vom April 1926

Noch ein kleines Rätsel: der "Altregen"

Ich vermute mal - zwischen den Zeilen des folgenden Artikels gelesen - dass es sich dabei um einen Altarm des Weißen Regenflusses gehandelt hat, der offen als Schuttabladeplatz benutzt wurde.




Eine mir bis dahin unbekannte Kötztinger Schützen=Gesellschaft: die Zimmerstutzen=Schützen=Gesellschaft=Klosterschmiede lud für den Josefi Tag zu einem Sau=Schießen.





🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
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Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden.

 




Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

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Das Phantom der Zellertalbahn


Die Entscheidung für die Bahnlinie Bodenmais–Zwiesel entfachte im Zellertal große Erwartungen. Viele Einwohner waren überzeugt, dass nun auch der Bau einer „Zellertalbahn“ nur noch eine Frage der Zeit sei. Die Euphorie ging sogar so weit, dass sich die Zellertaler, angeführt vom Handwerksverein Arnbruck, vom Bezirk Viechtach lösen und dem Bezirk Kötzting anschließen wollten.
Der folgende politische und wirtschaftliche Schlagabtausch der Befürworter und Gegner endete zwar mit dem Bau der Strecke Blaibach–Viechtach, doch die Idee einer Zellertalbahn blieb lebendig. Noch Jahrzehnte später, bis weit in die 1950er Jahre, kämpften Kötztinger und Zellertaler für ihre Bahnverbindung.
Der konkrete zeitliche Anlass war jedoch die abschließenden Verhandlungen über eine  regelmäßigen Busverbindung Bodenmais - Kötzting. Der Markt Kötzting wollte diese Busverbindung organisieren - eine vorherige Buslinie Kötzting-Viechtach war eingestellt und eine Wiedereinführung 1925 abgelehnt worden - und kämpfte seit dem Jahre 1925 mit der Regensburger Oberpostdirektion um die Betriebserlaubnis.  Mit dem neuen Bahnprojekt im Hintergrund bekam nun auch diese Buslinie neuen Aufschub und wurde vor Ort von den Arnbruckern und den Kötztingern massiv angeschoben.

Nachvollziehbar ist dabei sicherlich die Argumentation der natürlichen Anbindung des Zellertals an den Raum Kötzting, wie in einem ersten Artikel im April 1926 anklingt.: " Der Grund zu obengenannten Verlangen besteht darin, dass erstens die nun kommende Autoverbindung es jeden einzelnen ermöglicht, auf leichte Weiße nach Kötzting zu kommen, während dieses nach Viechtach nicht möglich ist und besonders alte Personen nur mit großen Kosten (für Fuhrwerk) dahingelangen können und zweitens sind wir geographisch immer mit Kötzting verbunden, denn unsere Produkte wandern seit urdenklichen Zeiten nach dort. Liegt doch Kötzting  circa 200 Meter tiefer wie Arnbruck und trennen uns unüberwindliche Bergerücken  wie dieses bei Viechtach der Fall ist." 

Einschub:
Eine ähnliche Begründung mit der Topografie und der Verkehrsanbindung führt übrigens im Jahre 1976 zu einer Abänderung der 1972er kommunalen Gebietsreform und zur Entscheidung Wettzells, sich der Stadt Kötzting und damit dem LK Cham anzuschließen.

Einschub Ende


Ab August 1926 nahm die Diskussion jedoch deutlich an Schärfe zu. Einerseits hatte bereits eine Kommission die projektierte Bahnstrecke besichtigt, andererseits war die Oberpostdirektion Regensburg noch immer nicht bereit, eine Entscheidung über die geplante Kraftpostlinie zu treffen. Die Geduld der Befürworter ging zunehmend zu Ende, und entsprechend schriller wurden die Schlagzeilen und Wortmeldungen auf den Versammlungen.

Selbst bei der Berichterstattung über den Besuch der Kommission kann man zwischen den Zeilen bereits herauslesen, wie unterschiedlich die beiden in Frage stehenden Trassen gewichtet wurden:
Kötzting 2. August: " .... Von Bodenmais weg fuhren die Herren durch das Zellerthal nach Kötzting, um wenigstens flüchtig das Gelände zu besehen, das für eine allenfallsige Weiterführung der Bahn in Betracht käme. Von da weg begab sich die Kommission nach Viechtach, um die Strecke Viechtach-Blaibach zu besichtigen."


Auslöser der nun wachsenden Empörung war aber dann ein Schreiben der Oberpostdirektion vom 3. August 1926. Darin wurde die Verwirklichung des Busprojekts mit Hinweis auf die bereits weit fortgeschrittene Fremdenverkehrssaison für das laufende Jahr abgelehnt. Für die Verfechter einer besseren Verkehrsanbindung des Zellertals kam dies einer weiteren Verzögerungstaktik gleich – und die Auseinandersetzung gewann nun erst richtig an Fahrt, wie die folgenden Zeitungsüberschriften und -Ausschnitte belegen..

Wie die Hebung des Bayerischen Waldes in Wirklichkeit aussieht.

Seit Wochen und Monatenarbeitet der Gemeinderat Kötzting und unterzeichnete Vereinigung mit allen Mitteln daran, eine
Amtspostlinie Kötzting–Bodenmais
durch die Oberpostdirektion Regensburg zu bekommen. 

"So sieht also die nun schon zum Ekel oft gehörte "Hebung des Bayr. Waldes" in Wirklichkeit aus.
(
KA vom 7.8.1926)

 Und nun ging es plötzlich nicht mehr nur um das verzögerte Busprojekt, sondern gleich um die Eisenbahnanbindung von Bodenmais gleich weiter nach Kötzting:


"Kötzting, 11. Aug. (Das Zellertalbahn-Projekt.)

Auf Einladung des Handwerker- und Gewerbevereins Arnbruck fanden sich am letzten Sonntag in Arnbruck ca. Interessenten aus Zwiesel, Bodenmais, Drachselsried, Arnbruck und Kötzting zusammen. Kötzting war allein mit einigen 20 Herren vertreten, darunter fast vollzählig der Gemeinderat. Die äußerst interessant und angeregt verlaufene Besprechung konnte den Erfolg buchen, dass sämtliche Interessenten von Zwiesel bis Kötzting einmütig für das allein richtige Projekt Zwiesel—Bodenmais—Kötzting eintraten. Die nächste Versammlung findet in Drachselsried statt. Wir werden über die bedeutsame Tagung in der nächsten Samstagsnummer ausführlich berichten."

Der hier angekündigte Großbericht über die Arnbrucker Versammlung wurde vom "Zwieseler Tagblatt" übernommen und titelte spektakulär:


Eine ganze Zeitungsseite befasste sich mit dem Bericht, der teilweise sehr lebhaft geschrieben ist und uns dem hervorgeht, dass - natürlich - parallel zu den Kötztingern auch die Viechtacher hier Lobbyarbeit betrieben, und mit ihrem Bahnprojekt Viechtach-Gotteszell schon mal eine "Bein in der Tür" hatten.
Mit einer Rede über den "Wein des Zellertales" begann dann die Berichterstattung des lebhaften Treffens:
"......Nach der Begrüßung durch den Versammlungsleiter gab Herr Biller ein nettes Geschichtchen zum Besten, das schallende Heiterkeit auslöste und das sicherlich noch in ferneren Zeiten manches Zwerchfell zum Erschüttern bringen wird, das Gedichtchen nämlich von

„Wein des Zellertales“


und jenen Schlauen, die ihn gern schlürfen möchten, wenn es ihnen schließlich nicht auch ergehen würde wie weiland jenem Fuchs, der die Trauben wohl hangen sah, sie aber verschmähte, weil sie ihm zu sauer schienen. Herr Direktor Fischl von der Lokalbahnaktiengesellschaft Gotteszell-Viechtach war es, der am Sonntag vor acht Tagen in Drachselsried den gespannt lauschenden Bauern das Geheimnis offenbarte, das „Zellertal sei eigentlich ein ganz wertvolles Weinfaßl", das nur angezapft zu werden bräuchte; der Wein freilich, so fügte der Herr Direktor vorsorglich bei, müsste allerdings nach Viechtach fließen. Herr Direktor Fischl, dessen Organisationsgeschick durchaus nicht bestritten sein soll, hatte auch gleich ein niedliches Plänchen für die „Traubenlese“ mitgebracht und seinen Zuhörer einfach erklärt: „Was wollt Ihr denn, Ihr simplen Staatsbürger von Drachselsried, glaubt Ihr vielleicht, das Reich baut Euch eine Bahn durchs Zellertal? Das gibt es ja gar nicht und weil es das nicht gibt, 
Ihr Drachselsrieder, drum kommen wir Viechtacher Euch zu Hilfe, wir bauen von Gumpenried weg zu Euch herüber weiter und dann habt Ihr den langersehnten Bahnanschluss. 
So sprach der Herr Direktor Fischl. Das Echo aber, es blieb aus! Es musste ausbleiben, weil die Zellertaler schlau genug sind, um den Plan zu durchschauen. Drum hätte es gar nichts geschadet, wenn der Herr Direktor Fischl in der Arnbrucker Versammlung zugegen gewesen wäre und die Antwort gehört hätte, die ihm vom zweiten Bürgermeister von Drachselsried, Herrn Fritz, zuteil geworden ist. Mit einer Dialektik, die an Urwüchsigkeit ihresgleichen sucht, fertigte dieser Redner unter brausender Zustimmung die Anbiederungsversuche der Viechtacher in unzweideutiger Weise ab.
Nicht 5 Prozent der Drachselsrieder, so erklärte Herr Fritz überzeugend, sind für die Viechtacher Pläne zu haben. Drachselsried lehnt alle Kombinationen nach dieser Richtung hin mit Entschiedenheit und Entrüstung ab und wenn einmal das Weinfaß des Zellertales angezapft werden sollte, dann

wollen wir den Wein selbst saufen.

Man muss Zeuge des orkanartigen Beifalls gewesen sein, der durch diese frischen Worte ausgelöst worden ist, um ermessen zu können, wie sehr Herr Bürgermeister Fischl den Anwesenden aus der Seele gesprochen hat. Nur ein Narr konnte da noch der Meinung sein, dass die Viechtacher Bäume heute in Drachselsried oder im Zellertal überhaupt in den Himmel wachsen würden.  Herr Bürgermeister Fritz gebührt das hohe Verdienst, mit diesen kernigen Worten dem unbeugsamen Lebenswillen des Zellertales neuen Impuls eingeflößt zu haben. Im Zusammenhange mit den Viechtacher Plänen wurde auch an der

Tätigkeit des Landtagpräsidenten Königbauer

eine durchaus recht derbe Kritik geübt ......

Und eben in dieser Person - des Landtagspräsidenten Königbauer - lag die Crux, an der alle Anstrengungen der Kötztinger und des Zellertals abprallten. Das Sprichwort "Der Ober sticht den Unter" zeigt auch hier seine Wirksamkeit, als Monate später das Bahnprojekt der Zellertalbahn zugunsten der Bahnverbindung Blaibach-Viechtach eingestampft wurde. Die Brückenruine bei Pulling ist der noch "überlebende" beweis dieser alten Nebenstrecke.
Sogar den Kötztinger Schi-stra-Bus aus den 50er Jahren muss man als eine Art von Abfallprodukt dieser Entscheidung gegen den Bahnanschluss Kötzting-Bodenmais ansehen. .

Die Versammlung, von der in der Zwieseler Zeitung so groß berichtet wurde, fand am 8.August statt und bei aller Aufregung über die gefühlte - und sicherlich berechtigt gefühlte - Zurücksetzung des Zellertales gab es doch auch eine gute Nachricht und die kam nun vom Markt Kötzting, wie es ein launiger Berichterstatter im Kötztinger Anzeiger formulierte.
Dem Markt Kötzting war offensichtlich die Verzögerungstaktik der Oberpostdirketion auf die Nerven gegangen und hatte Tatsachen geschaffen. Hier der Bericht vom 12. August aus dem Kötztinger Anzeiger:
"Kötzting, 12. August. (Mit dem Auto durchs Zellertal.) Die Teilnehmer der Bahnversammlung in Arnbruck konnten eine freudige Überraschung erleben. Schon beim Betreten des Ortes war es aufgefallen, dass sich vor dem Hause des Arnbrucker Bürgermeisters die Schuljugend mit weiß-blauen Fähnchen zahlreich eingefunden hatte, um offenbar auf ein Ereignis zu warten. 
Bestärkt in dieser Meinung wurde man noch durch mehrere von den Buben herumgetragene Plakate des Inhalts: „Heil und Segen dem ersten modernen allgemeinen Verkehrsmittel des Zellertals“. Was mochte das wohl bedeuten? Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten, denn gar bald kam von Kötzting ein imposantes Personenauto (ungefähr dreißig Sitzplätze) angefahren, vollgepfropft mit Kötztingern, die der Arnbrucker Tagung anwohnen wollten.
Aus dem Munde der Kötztinger erfuhr man dann folgenden Sachverhalt: Nach längeren Verhandlungen hatten die maßgebenden Stellen die Errichtung einer Postautolinie Kötzting–Arnbruck–Bodenmais zugesagt. Trotz dieses festen Versprechens kam in letzter Stunde von oben der Bescheid, dass aus diesen und jenen Gründen das neue Verkehrsmittel heuer noch nicht in Verkehr gebracht werden könnte.
Nachdem aber die Zellertaler die letzten sind, die sich etwa verblüffen ließen, kaufte der Gemeinderat Kötzting noch am gleichen Tage, an dem der ablehnende Bescheid eintraf, telefonisch ein großes Personenauto der M. A. N. Mittels dieses Autos das Zellertal von Kötzting über Arnbruck nach Bodenmais ab Samstag den 14. August dem Verkehr erschlossen werden. Man kann sich die Freude der Arnbrucker vorstellen, als gestern zum ersten Male der neue Verkehrswagen den Ort passierte. Das jauchzende Hoch der frischen Waldlerbuben, mit dem sie die Kötztinger begrüßt und die zahlreichen anerkennenden Worte, die ihrer Initiative von allen Seiten gezollt wurden, mögen dem Gemeinderat Kötzting bewiesen haben, welch begeisterten Widerhall diese etwas dahingehende Beanwortung einer behördlichen Paragraphenreiterei gefunden hat. Möge das Unternehmen der Marktgemeinde Kötzting reiche Früchte tragen zum Segen des Zellertals!

Nun hatte also der Markt Kötzting seine eigene Busverbindung hinein ins Zellertal und dieser  - markteigene - Wagen wurde in der Kötztinger Hammermühle untergestellt und gewartet. 

 
DIA-Repro 1764: Omnibus der Marktgemeinde Kötzting um 1930 verkehrte von Kötzting nach Bodenmais, am Steuer Hubert Weinzierl, dahinter Georg Greß, der Fotograf Franz Pleier, auf dem Motorrad Max Kroher
 Max Kroher, der schneidige Motorradfahrer auf dem oberen Bild betrieb auf der Hammermühle eine eigene Werkstatt.

Ab Mitte August nun gab es also die neue - markteigene - Buslinie Kötzting-Bodenmais ..... und schon wenige Tage danach - am 18.8. -  kam es schon zum ersten Unfall, durch dessen Bericht wir eine sehr gute Vorstellung davon bekommen wie - schlecht - die Straßenverhältnisse im Zellertal damals gewesen waren. Übrigens hatte auch der Schi-Stra-Bus  - fast 30 Jahre später - mit eben diesen Verhältnissen zu kämpfen und verlor ebenso das eine oder andere Mal den Kampf mit den Unbilden der Elemente und des Gegenverkehrs.


"Aus dem Zellertal.
Gestern abends 6 Uhr erlitt der neue Kraftwagen der Autolinie Kötzting–Bodenmais einen kleinen Unfall, der sowohl für die Marktgemeinde Kötzting als auch für die Passanten noch gut abging, aber für den Bezirk Regen ein ernster Fingerzeig sein soll, mit welchen weiteren Unfällen auf dieser Strecke noch gerechnet werden muss.
Die Straßenstrecke Kötzting–Bodenmais innerhalb des Bezirkes Regen weist gegenüber den anderen Straßenstrecken gute Untergrundverhältnisse auf, nur ist sie durch die unsachmännische Behandlung derart heruntergekommen, dass sie heute einer Autofalle gleich kommt. Zahllose unnütze Querrinnen hemmen jeglichen Verkehr. Mit hohen Büschen verwachsene und verschlämmte Gräben drängen das Wasser in die Fahrbahn, verwachsene Schotterhaufen lagern an den engen Straßenteilen, die ein Ausweichen unmöglich machen, hohe Hügel von der Einschotterung herrührend, sind höchst gefährlich, erhöhte Bankette verhindern sowohl den Wasserablauf, als auch das Ausweichen.
Wiederholte schriftliche und telefonische Vorstellungen des Gemeinderates Bodenmais und der Marktgemeinde Kötzting um Abhilfe dieses Missstandes hat seitens des Bezirkes Regen kein Gehör gefunden.
Wir sind deshalb gezwungen diese Missstände öffentlich zu rügen und an dieser Stelle den Bezirksrat Regen dringend zu bitten, hier sofort Abhilfe zu schaffen, damit weitere Unglücksfälle vermieden werden.
Durch die Einführung der Kraftwagenlinie Kötzting — Bodenmais ist endlich die schon seit über einem halben Jahrhundert angestrebte Verbindung des oberen mit dem unteren Bayerischen Wald geschaffen und die ganze Bevölkerung des Zellertales ist der Marktgemeinde Kötzting zu Dank verpflichtet, dass sie mit hohen Kosten dieses moderne Verkehrsmittel geschaffen hat.
"

Natürlich ging der Kampf um die Zellertalbahn weiter, verlor jedoch mit der Bauzusage für die Verbindung Blaibach-Viechtach an Schärfe, weil diese Zellertalbahn fast dann eine Parallelverbindung gewesen wäre.
Die neu geplante Anschlusslösung über Gumpenried wird von Kötzting aus nicht ohne Häme betrachtet bzw. begleitet: (KA vom November 1926)

Ein Schüleraufsatz

von Kosmas Damian Schienenbieger aus Rumminnswaid beim Gumpenried.

Von Viechtach nach Bodenmais ist ein Broegt und wird eine Bahn. Eine fertige Bahn ist ein Broegt. Wenn's keine Bahn wird, fällt das Broegt kann aber nicht brechen. Das Broegt ist in der Geographie vom Bayer'schen Wald und ist diese schwer. Auf dem Broegt muß man mit dem Kopfe fahren und ist das auch schwer aber geht schneller.

Das Broegt wird mit Eisenbahnschienen gemacht und müssen gebogen sein. Alle. Aber für den Bahnhof grade. Am Bahnhof pfeift  der Zug. Der rauscht dann und fährt die Reiben ab. Alle. In der Reibe fahre ich gern. In der Reibe sieht man zur Lokomotive. Wie sich sie dreht und herum reibt. Auf der anderen Seite sehe ich es nicht. Ich gehe von einem Fenster ans andere. Deshalb. Wenn die Leute nicht schimpfen. Wenn die Leute schimpfen, bleibe ich sitzen. Da schlafe ich ein. Ich schlafe mich aus, bis man hinkommt. Wenn man wo hinkommt, steigen Leute aus. Bei einem Wirtshaus und stärken sich zum Weiterfahren und ist auch notwendig. Das Broegt eröffnet den oberen Wald. Denselben hüllt es ein,  durch viele Landschaften wo man hinkommt und ist deshalb knäuelig. Das Broegt ist nördlich und macht auch andere Himmelsrichtungen.  Alle . Es durchschneidet die Gegend und macht Einschnitte wie Soldaten im Schützengraben ist es schtradegisch wenn kein Krieg kommt. Deshalb bloß so. Und ein Schrtradege ist wenn einer eine solche Bahn macht. Solche Leute haben es im Kopf und finden überall hinaus. Das Broegt kommt um viele Berge und sieht man eine Gegend mit allen was sehr schön ist. Auch lehrreich.  Das Broegt zapft am Weinfaß. In Arnbruck ist's der ´Heidelbeersaft und wird abgefahren. Wenn man den Saft schüttelt, begärt er auf. In Viechtach hat man dann einen Wein. Der Wein wird ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Dann kann man ihn trinken. Die Schwammerl werden ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Dann sind sie trocken. Die Waldbevölkerung wird ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Diese ist zäh und ausdauernd. Das Stadtvolk wird ein Fahrprodukt von Viechtach. Dieses will bummeln und braun werden.  Bis sie kommen sind sie schon braun und aufgebrennt wo der Kopf am Fenster ist. Auch schwitzen sie. Die Sommerfrischler sind uns zu mitleidig und möchten manche von uns diese ausrotten durch den schlechten Verkehr. Und das Broegt soll helfen. Das Broegt ist von manchen und anderen Leuten. Es ist recht und ich freue mich sehr wie diese.

Immer wieder taucht im Jahresreigen das neue Kraftwerk am Höllenstein auf, das zu Besuchen einlädt und über dessen Leistungen mit mehrteiligen Folgen in der Zeitung berichtet wird.




 

Umland  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland zu finden.

Nicht alle Geschichten spielen innerhalb der Marktgrenzen Kötztings. Die Markergruppe Umland führt zu historischen Orten, Ereignissen und Erinnerungen aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden des Kötztinger Landes. Oft ergeben gerade diese Beiträge spannende Verbindungen zur Geschichte der Stadt.

 Viel Freude beim Entdecken!

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Das Gauturnfest in Kötzting

Angesichts der ansehnlichen Meldungen für das Gauturnfest, rief der Magistrat die Kötztinger auf, Quartiere zur Verfügung zu stellen.:
"Kötzting, 2. Juni. Am 12. und 13. Juni findet wie bekannt das Gauturnfest, an dem sich zirka 200 Mitturner beteiligen, in unserer schönen Markte statt. Da nun vom Gau die Vorschrift besteht, dass dem Preisturnen Freiquartiere mit Frühstück für eine Nacht unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden muss, hat natürlich der Turnverein die schwere Aufgabe, dieselben zu besorgen. Ganz Kötzting darf sich zur Ehre rechnen, den Turnern den Aufenthalt in unserem Markte möglichst gemütlich zu gestalten und hoffen wir, dass es sich jeder Haushalt zur Ehre schätzt, einen Turner beherbergen zu können. Die nächsten Tage werden Quartiermacher von Haus zu Haus gehen, um Quartiere zu sammeln. Möge dies von großem Erfolg gekrönt sein!"


Schon im Februar angekündigt und bei den Pfingstfeierlichkeiten beworben, kommt nun im Juni der große Tag des Kötztinger Turnvereins mit dem Gauturnfest verbunden mit der feierlichen Einweihung der neuen Turnhalle..

An Pfingsten - sicherlich 1926 - kann man die noch unverputzte Turnhalle im Hintergrund bei der Kranzlvergabe erkennen, wenige Wochen danach kam es zur offiziellen Eröffnung im Rahmen des "Donauwald Gauturnfestes."

DIA-Repro 3679 der Sportplatz - Bleichanger - vor der Jahnhalle gut zwei Wochen vor dem großen Turnfest..... leicht matschig, aber das Wetter besserte sich.
DIA-Repro 3455 Plakette anlässlich der Eröffnung der neuerbauten Turnhalle



Hier noch das Programm für das Festwochenende:



Zum 15. Turn-Fest
des Donau-Wald-Gaues in Kötzting
am 12. und 13. Juni 1926.

Eine schöne, erhebende Feier, in allen Teilen wohlgelungen, gut vorbereitet, nach klarem Richtlinien durchgeführt, aufgebaut auf den harten Mauern der einstlichen Turngemeinde, getragen von einer zahlreichen Zahl liebwerter Turngäste, umrahmt von der verhältnisvollen Teilnahme des ganzen Marktes, ein Fest, so ganz im Geiste der alten deutschen Turnerei, ernst und würdig und doch bewegt und lebendig, fröhlich und froh, das wird der bleibende Eindruck sein, den jeder mit nach Hause nahm, der das 15. Turnfest des Donau-Wald-Gaues in Kötzting miterlebte.

Dass dieses Fest mit der feierlichen Eröffnung der neuen Turnhalle in Kötzting verbunden werden konnte, erhöhte und verstärkte seinen örtlichen Widerhall



Hier nun ein Auszug aus dem Bericht über den Beginn des Gauturnfestes mit der Einweihung der neuen Jahnhalle:
Kötztinger Anzeiger vom Samstag, den 19.6.1926

...... Das Fest setzte ein mit der feierlichen Einholung der auswärtigen Turner, die am Bahnhof und an den Straßenmündungen mit klingendem Spiel empfangen und zu ihren Standquartieren geleitet wurden. Die Gäste waren sichtlich aufs angenehmste davon berührt, dass ihnen eröffnet werden konnte, dass für jeden derselben ein gutes Privatquartier bereit stehe, wo er für die Tage des Festes gastliche Aufnahme finde. Allgemein war die Anerkennung über dieses vorbildliche Verhalten der Markteinwohner, das die fröhliche Stimmung der fremden Turner so sehr erhöhte und vom ersten Augenblicke an jenes herzliche Einvernehmen schuf, durch das dieses Turnfest so viel Weite und Volkstümlichkeit gewann.
Mittlerweile hatte die neue Turnhalle die letzte Hand an ihr Festtagskleid gelegt und stand gewärtig, die zuströmenden Gäste und Freunde an ihrem Ehrentage würdig zu empfangen. Einfach und ohne Überladung, aber schmuck und gehaltvoll hatte sie sich herausgeputzt und jedem lachte das Herz im Leibe, der sie in ihrem bräutlichen Wesen vor sich prangen sah. Man erkannte sofort, dass hier feinsinnige Köpfe und kluge Hände vereint ein Werk geschaffen hatten, das Gestalt hatte und warmes Leben atmete.
Und in der Tat: Mit dieser schmucken Schöpfung hatte der Turnrat im Vereine mit Herrn Adlhoch und Frl. Obermeier und unterstützt von einem Stabe fleißiger Helfer und Helferinnen eine Leistung vollbracht, wie sie mit den gegebenen Mitteln nicht schöner zu vollbringen war.
Den eigentlichen Festakt eröffnete der 1. Vorstand des Turnvereins Kötzting, Herr Schlossermeister Joseph Liebl, mit einer Begrüßungsrede, in der er mit warmen Worten den Mitgliedern des Vereines, insbesondere aber den werten Gästen und Freunden desselben im Namen Kötztings ein herzliches „Gut Heil“ entgegenrief, der Gauleitung dankte, dass sie dem Turnverein Kötzting die Durchführung des Gauturnfestes anvertraut habe und mit der Versicherung schloss, dass der Verein alles daran setzen werde, sich dieser Ehre würdig zu erweisen und bei den bevorstehenden Wettkämpfen seinen Mann zu stellen.
Die Festrede selbst, die den Anlass und Inhalt der Feier darzulegen hatte, hielt ein berufener Meister des Wortes, Herr Bezirksamtmann Thoma, der 2. Vorstand des hiesigen Turnvereins.

DIA-Repro 386: 
386 Damenturnriege mit Vorturner Bezirksamtmann Ludwig Thoma zum Abschied März 1931
von oben links 1. Reihe 2.v.links Pagany Else, 2. Reihe Mitte Wühr Fanny, rechts Weingut, 3. Reihe Pagany Minna und Bergbauer Rosel, 4. Reihe Röhrl Linerl, Herre Rosel, Brunner Fanny, Praller Lina, Pagany Maria, ? 5. Reihe Pleier Gusti, Pagany Betty, Heigl ?, Herr Thoma, ?,?, 6. Reihe Hofmann 

Weiter mit der Berichterstattung der  Rede des Bezirksamtmannes Thoma:

Er umriss einleitend in kurzen treffenden Worten die Geschichte des Turnvereins Kötzting, seine Fluten und Ebben und führte des Näheren aus, dass der Turnverein Kötzting 1863 gegründet wurde von turnbegeisterten Kötztinger Bürgern und Bürgersöhnen, als da waren: Decker, Kollmeier, Lukas, Hofbauer, Rabl u. a. m., deren Bestrebungen durch den damaligen Bezirksamtmann v. Paur aufs regeste gefördert wurden.



DIA-Repro 3456 Reckturnen seitlich neben der  - äußerlich fast -  fertiggestellten Turnhalle, sicherlich Teil des Gauturnfestes.


DIA-Repro 1578 Gauturnfest und Turnhalleneröffnungsfeier Juni 1926
Hinweis, es ist möglich, dass das Foto nicht vom Juni, also vom Gauturnfest, sondern vom August und damit vom Volksfest stammt, da auch dort ein Schauturnen im Programm stand.

Nach der Einweihungsfeier der neuen Turnhalle kam es dann am Sonntag zu den Wettkämpfen:

"Ein strahlend schöner Sommertag, doppelt schön und vorher begrüßt nach wochenlangen Regenschauern, leuchtete am Sonntagmorgen über unsere Turner und Gäste hin, als sie, durch den Turnerweckruf aus den Herbergen geholt, der Turnhalle zueilten, um sich den Kampfrichtern zu stellen. Denn heute galt es, in ernstem, zähem, erwartungsspannendem Wettstreit sein Können zu erweisen und den schlichten, aber heißersehnten Siegeskranz zu erringen, der in der Ferne leuchtete, zu dem jedoch ein dornenvoller Weg voll harter Arbeit und Mühsal führte.
Dass halb Kötzting auf den Beinen war, damit es von dem ersten Schauspiel nichts versäume, war selbstverständlich.
Und in der Tat, niemand hatte zu bereuen, den Kämpfen beigewohnt zu haben, die nunmehr Zug um Zug einsetzen und die Turner wie die Zuschauer in gleicher Weise in Atem hielten.
"


Ein für heutige Verhältnisse unvorstellbarer Leserbriefwechsel mit persönlichen Beleidigungen entspannte sich im Nachgang des Turnerfestes.

Laut dem Programm des Turnerfestes, war ein Fußballmatch zwischen dem 1. FC Kötzting und dem 1. FC Zwiesel angesetzt und da gab es wohl ein Problem.

Der Torwart des FC Kötzting hatte seine Mannschaft in Stich gelassen - so die Sicht der Kritiker - bzw. konnte zum Spiel nicht antreten - so seine Verteidiger - , indem er ganz kurz vor Spielbeginn erklärte nicht spielen zu können oder zu wollen.
Nun wurde dieser Torwart Schmidl Ziel eines zornigen Leserbriefes des späteren "Stadtschreibers" Georg Rauscher. Dieser war der Berichterstatter des FC Kötzting und als solcher schrieb er sich seinen Zorn von der Seele mit Ausdrücken, die heute vermutlich justiziabel wären.
Hier ein Auszug aus dem Anfang seines längeren Leserbriefes im Kötztinger Anzeiger:

"Eingesandt

Dem Tormann ins Stammbuch.

„Man fühlt sich“ anscheinend schon als genügende Größe um dies in einem mehr als genügenden Maße von Laune zum Ausdruck zu bringen. Man kann diese Laune auch als Ungezogenheit identifizieren. Es gibt auch noch drastischere Bezeichnungen für diese Ausflüsse von Selbstherrlichkeit. Jedenfalls lässt eine derartige Eigenmächtigkeit, wie sie sich Herr Schmidl letzten Sonntag erlaubte, die Disziplin dieses Herrn in einem bezeichnenden Lichte erscheinen. Im letzten Momente kindisch zu bocken und die Pläne der Spielleitung über den Haufen zu werfen war bisher nur das Vorrecht einer verwöhnten grillenhaften Theaterdiva, der man solche Extravaganzien im Hinblick auf ihr wankelmütiges Geschlecht verzeihen konnte. Für einen Mann aber ziemt sich ein solch bubenhaftes Verhalten unter gar keinen Umständen. Oder fand es der „Preisgekrönte“ unter seiner Würde das Tor zu hüten?....
In diesem Stil ging es noch eine ganze Weile weiter

Kurz darauf erschien die "Gegendarstellung" des so heftig Gerügten mit Hinweis auf die bereits erfolgte Meldung beim Magistrat wegen eines Sühnetermins.





Nun kam die ganze Angelegenheit erst richtig ins rollen, weil Gg Rauscher nachhakte, sich genauer erkundigte und danach einen noch viel längeren Leserbrief im Kötztinger Anzeiger abdrucken lies.
Dabei blieb Gg Rauscher bei seinem süffisanten Schreibstil.
Auch hier erneut der Anfang seines "offenen Briefes" :

"Offener Brief


An
Herrn Georg Schmidl, hier

Es wäre zwar klüger, auf Ihre heutige flügellahme Erwiderung zu schweigen, aber da Sie selbst auf ein ordnungsgemäßes Darstellung Wert zu legen scheinen, gestatte ich mir, Ihre Ausführungen dahin zu berichtigen, dass Ihre Entschuldigungsgründe wohl geringe Bruchteile Wahrheit im sich bergen, zum größeren Teile jedoch auf – schwacher Grundlage beruhen. Es würde zu weit führen Ihre vorgebrachten Punkte aufzufrischen und sie zu widerlegen, ich greife nur ihre Abmeldung - die sie als Kronzeugnis anzubringen beliebten - heraus und werde ich so liebenswürdig sein, Ihrem Gedächtnis, das wohl noch  infolge der damaligen Uebermüdung nicht ganz intakt sein dürfte, etwas zu Hilfe zu kommen."

Georg Rauscher steigert sich von Satz zu Satz in seiner Erwiederungsschrift und endet mit

"Mit dieser Versicherung beehrt sich sie höflichst zu begrüßen
Kötzting, 26.6.26 
Gg Rauscher
Berichterstatter des 1. FC Kötzting

PS. Dass gerade Sie auf dieses Wettspiel großen Wert legten und dann als Erster Ihre Spieler als Tormann im Stiche ließen, sei nur nebenbei bemerkt. - Ihrem mir indirekt übermittelten Wunsche, diesen Brief unveröffentlicht zu lassen, kann ich aus Gründen strenger Konsequenz zu  meinem bedauern nicht entsprechen."

Was ist der  - möglicherweise - erklärende Hintergrund dieses Rückziehers von Seiten des Kötztinger Tormanns. Im Bericht über die einzelnen Sportarten findet sich der beschuldigte "Herr Schmidl" gleich zwei mal, einmal beim Dreikampf 2. Stufe und einmal im 4 mal 100 Meter Staffellauf.


Ausschnitt aus der Ergebnisliste des Gauturnfestes.

Möglicherweise ausgelöst durch diesen Streit - oder dies war nur noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte-, kam es dann im zweiten Halbjahr 1926 zur vollständigen Einstellung des Fußball-Spielbetriebs, der erst 1927 wieder nach der Wahl des neuen Vorstands - eben dieser Georg Rauscher - langsam wieder aufgenommen wurde. Anschließend ließ sich Julius Kirschner wieder in die Pflicht nehmen und führte den 1. FC Kötzting zu neuen Höhen und zu einem eigenen Fußballplatz. 

Ein weiterer Punkt, der sicherlich auch später zur zeitweisen Einstellung des Sommer- Spielbetriebs gesorgt haben könnte, war der Mangel an einer Sportstätte, da ja der Bleichanger für das große Heimatfest im August gebraucht wurde und sicherlich für einige Zeit vor und nachher unbespielbar war.
Beim nächsten Fußballmatch Ende Juni (Kötzting gegen Cham  1:1) jedenfalls lobt der Berichterstatter - sicherlich erneut Gg Rauschner - ausdrücklich den jungen Kötztinger Torwart Huber.



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Der Kötztinger Heimat= und Königsbund


 

Im Laufe des Jahres 1926 folgte in Kötzting eine Großveranstaltung der nächsten. Gleichzeitig wurde die politische Stimmung im Deutschen Reich zunehmend unruhiger. Der verlorene Weltkrieg lag erst acht Jahre zurück – den Zusatz „Erster“ erhielt er bekanntlich erst nach 1939, denn damals ahnte kaum jemand, dass noch ein zweiter, noch verheerenderer Weltkrieg folgen würde. 
Die junge Republik war innenpolitisch tief gespalten. Republikaner, Monarchisten und verschiedene nationale Gruppierungen rangen um die politische Zukunft Deutschlands. Hinzu kamen die ungelösten Fragen um das Ruhrgebiet, das Saargebiet und die deutschen Grenzregionen.
Auch im Bayerischen Wald wurden diese Spannungen spürbar. Immer wieder berichteten die Zeitungen über angebliche tschechische Einflussversuche im Grenzgebiet. Wandergruppen aus der Tschechoslowakei auf Osser oder Arber wurden teilweise mit großem Misstrauen beobachtet und ihre Ausflüge ausführlich kommentiert. Manche Berichte gingen sogar so weit, vor einer gewaltsamen Übernahme des Grenzgebietes zu warnen – Behauptungen, die aus heutiger Sicht eher als Ausdruck der damaligen politischen Ängste und nationalistischer Stimmungsmache denn als reale Gefahr zu bewerten sind.

Das folgende Zeitungsbeispiel zeigt eindrucksvoll, wie diese Stimmung im Jahr 1926 auch in der regionalen Presse ihren Niederschlag fand.

"Lam, 14. Juni. (Vom Grenzgebiet.) Es ist eigentlich schon oft gesagt worden – aber es kann nicht oft genug gesagt werden: Es ist unglaublich, wie sich die Tschechen um das Grenzgebiet bemühen. Es vergeht keine Woche, ohne dass nicht mehrere Schulen geschlossen auf den Osser kommen. Bis von Nordböhmen herunter führen die Lehrer ihre Klassen. Das Gipfelbuch könnte da unendlich viel erzählen! – Es scheint der deutsche Eisenbahnmichel hat in dieser Hinsicht noch die Zipfelhaube weit über den Augen.
Warum erhalten denn unsere bayerischen Schulen nicht die gleichen Fahrpreisermäßigungen wie die in Böhmen? Wie leicht könnten die Schulen von Cham, Straubing und Regensburg in das gefährdete Grenzgebiet gebracht werden? Hier müsste eine kleine Geschichtsstunde gehalten werden. Sicher würde sie den Schülern ein unvergessliches Erlebnis sein. Und sicherlich würde dadurch an nationaler und heimatlicher Erziehung mehr erreicht werden, als in einer langatmigen Darbietung im Schulsaal. Ein solcher Besuch hätte aber auch ohne Zweifel Einfluss auf die geheimen Gedanken der Tschechen. Sie müssten sehen, dass das Gegengewicht vorhanden ist. Und das währe not.
"
 
In diesem Kontext sehe ich auch die rührige Arbeit des Kötztinger Ablegers des bayerischen Heimat= und Königsbundes, der eigentlich erst in diesem Jahr sich so massiv in den Vordergrund drängt.

AKH Kötzting DIA-Repro 0351 Mitgliedkarte des Michl Röhrl

Im Juni lud die Ortsgruppe beim "Grillergang" - heute das griechische Restaurant beim Kollmaier am Bahnhof -  zum Treffen mit einer Vorstandswahl.
Der Wirt Wolfgang Pongratz im Bahnhofsrestaurant hatte den "Hausnamen" "Grillergang"

Leider weist das erhaltene Zeitungsexemplar ausgerechnet im Bericht über diese Versammlung eine Beschädigung auf. Ein Riss im Papier wurde vermutlich bereits vor 100 Jahren überklebt, wodurch mehrere Namen und einzelne Textstellen heute nicht mehr lesbar sind. Die überlieferten Angaben erlauben deshalb nur eine teilweise Rekonstruktion der damals gewählten Funktionäre.


KA vom 8.6.1926

Aus dem Bericht geht hervor, dass Herr Windisch zum stellvertretenden Ortsleiter, Schlossermeister Haas zum Kassier, Pfarrmessner Obermayer zum Schriftführer sowie Kooperator Bugl und Fräulein Anna Drunkenpolz zu Beisitzern gewählt wurden.
Aus der Einladung zu einer öffentlichen Versammlung geht hervor, dass der - unleserliche - 1. Ortsleiter der Tierarzt Kirschner gewesen ist.
Besonders bemerkenswert erscheint aus heutiger Sicht die Ankündigung eines „weiß-blauen Heimattages“, der im Rahmen des für den 21. und 22. August geplanten Volksfestes stattfinden sollte. Die Veranstaltung war offenbar von erheblicher Bedeutung, denn für diesen Termin hatte bereits "S. Königl. Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern" sein Erscheinen zugesagt. Dies zeigt, welchen Stellenwert die Organisatoren ihrem Fest beimaßen und welche Aufmerksamkeit man sich weit über die Grenzen Kötztings hinaus erhoffte.


Der Aufruf oben zeigt, dass die Niederlage des Ersten Weltkriegs im Jahr 1926 für viele Zeitgenossen noch keineswegs überwunden war. Zwischen den Zeilen wird der Wunsch nach einer Rückbesinnung auf die Verhältnisse der Vorkriegszeit deutlich, wie er in monarchistischen und nationalkonservativen Kreisen jener Jahre häufig anzutreffen war.



Zum 4. Juli lud dieser Königsbund zu einer großen Versammlung in den Graßl-Saal





In derselben Zeitungausgabe, die dieses Treffen ankündigte, ließ der Kötztinger Krieger- und Veteranenverein mitteilen, dass er seine zeitgleich geplante Versammlung verschieben wolle.




Vieles spricht dafür, dass es sich bei dem angekündigten ‚Grafen Arco‘ um Anton Graf von Arco auf Valley handelte, den Attentäter auf den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner.“ Eisner wurde am 21. Februar 1919 von Anton Graf von Arco auf Valley auf dem Weg zum Bayerischen Landtag durch zwei Schüsse ermordet. 
Arco wurde zunächst zum Tode verurteilt. Bereits einen Tag nach der Urteilsverkündung wandelte die Bayerische Regierung die Strafe jedoch in lebenslange Festungshaft um. Seine Haft verbüßte er in Landsberg am Lech, wo später auch Adolf Hitler einsaß. Die sogenannte Festungshaft war eine privilegierte Form des Strafvollzugs für politische Straftäter mit angeblich „ehrenhaften Motiven“. Die Häftlinge mussten keine Zwangsarbeit leisten, konnten Besuch empfangen und verfügten über vergleichsweise komfortable Haftbedingungen.
Dass es sich bei dem für Kötzting angekündigten Redner tatsächlich um Anton Graf von Arco auf Valley handelte, lässt sich aus der Ankündigung allein zwar nicht mit letzter Sicherheit beweisen. Es spricht jedoch vieles dafür. Der Vortrag sollte unter dem Titel „Republik oder Monarchie?“ stattfinden und wurde vom Bayerischen Heimat- und Königsbund veranstaltet. Zudem hieß es im späteren Zeitungsbericht ausdrücklich: „Anstelle des unliebsam verhinderten Grafen Arco ...“
Sollte tatsächlich Anton Graf von Arco auf Valley als Redner vorgesehen gewesen sein, so hätte die Ortsgruppe einen Mann eingeladen, der durch das Attentat auf Kurt Eisner bayernweit bekannt geworden war und bei dem Anschlag selbst schwer verletzt worden war.
Die Kötztinger hätten also möglicherweise einen verurteilten politischen Attentäter als Festredner eingeladen.
Und so war der Graßl-Saal  bis auf den letzten Platz gefüllt und die Schlagworte bzw. Zitate, die in der nächsten Zeitungsausgabe abgedruckt waren sprechen eine eindeutige Sprache:
Die Rede war vom "verhängnisvollen 7.11.1918 (erzwungene Abdankung König Ludwigs III). der Frage, ob Bayern  monarchisch oder republikanisch regiert werden solle. Aus einer ganzen Liste an Vorwürfen gegen das reich und die Behandlung Bayerns entstand angeblich dann das das Ziel dieses Bundes;  ein "freies und unabhängiges königliches Bayern in den Vereinigten Staaten von Großdeutschland. Es ist dies die Reaktion auf die sozialistische Revolution, republikanische Korruption und Missregierung  und auf die Vormachtstellung Preußens, die durch die Wilhelminische Ära das Unglück des verlorenen Krieges auf dem Gewissen hat."
Diese Kampfansage an die Republik sollte später dann im Besuch des Kronprinzen Rupprecht gipfeln und zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen der Kötztinger und den Chamer Zeitung führen, in der vor allem von Seiten der Kötztinger - meiner Meinung nach - alle Grenzen des politischen Anstands überschritten wurden.
Dieser Teil wird aber erst im Zusammenhang mit dem großen Volksfest und dem Heimattag bearbeitet.
Hier noch ein kleines Detail zum  - geplanten und dann doch abgesagten  - Vortrag des Grafen Arco:
Sein vermutlich geplanter feuriger Apell zugunsten der Monarchie und gegen die Republik im, wie berichtet - übervollen Graßlsaal steht im starken Kontrast zu den in der Woche zuvor veröffentlichten Ergebnissen der Volksabstimmung zur "Fürstenfrage" 
Eindrucksvoll zeigten 96 Prozent der abgegebenen Stimmen, dass sie auch für die Einziehung der Vermögenswerte der Fürsten stimmten, wie auch die Zahlen für Kötzting und den Bezirk zeigten:


ABER:  die Gesetzesvorlage schrieb ein Quorum von 50 Prozent der Abstimmungsberechtigten vor und dieses Quorum wurde nicht erreicht und so blieb eben alles beim Alten.
Und noch eine Neuigkeit bahnte sich an: Michl Miethaner lud zu einer Einstandfeier für seine neu errichtete Kegelbahn:


Und noch ein weitere Veranstaltung kündigte sich mit großen Versprechungen an .... die Kötztinger waren wohl etwas reserviert, wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann. Was allerdings "Zahnakrobaten" waren, würde mich schon interessieren....


"Kötzting, 13. Juli. (Varieté-Schau Globus in Kötzting.)

Die Varieté-Schau Globus gastiert vom 10.–16. Juli in Kötzting und liefert wahrhaft Unglaubliches. Damen und Herren treten in abwechslungsreichem Programm auf. Künstler auf Stühlen und Leitern, Zahnakrobaten halten die Zuschauer in höchster Spannung. Clowns sorgen in urkomischen Possen für den nötigen Humor. Theaterstücke und Pantomimen wahrhaft zum Tränenlachen. 
Nachdem die Eintrittspreise auf die Grenze des Möglichen gesetzt sind, ist jedermann in der Lage, sich diese erstklassigen Vorstellungen anzusehen. Es ist klar, dass diese Leute auch verdienen müssen und nicht von der Luft leben können, nachdem die Reisen schon mit großen Unkosten verbunden sind und das Leben so teuer ist. Leider sind die zahlenden Zuschauer in den ersten Vorstellungen sehr wenig gewesen. Hoffentlich tritt da in den nächsten Vorstellungen eine Besserung ein.
Wer ein wenig Nächstenliebe hat, der komme zu den Vorstellungen und er wird zufriedenstellend den Platz verlassen, denn diese Leute müssen sich durch ihre halsbrecherischen Vorführungen ihr Geld wirklich verdienen. Darum auf zur Varieté-Schau heute Abend auf dem Marktplatz. – Täglich neues Programm –




🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.

 

Umland  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland zu finden.



Nicht alle Geschichten spielen innerhalb der Marktgrenzen Kötztings. Die Markergruppe Umland führt zu historischen Orten, Ereignissen und Erinnerungen aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden des Kötztinger Landes. Oft ergeben gerade diese Beiträge spannende Verbindungen zur Geschichte der Stadt.

Viel Freude beim Entdecken!

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Das Schützenhaus wird gebaut und eingeweiht



Der Kötztinger Schützenverein - damals noch die Feuerschützengesellschaft - hatte sich verpflichtet, zum Kötztinger Heimattag einen Schießstand in der Nähe des Festplatzes zu erbauen.

 Lange Zeit sah es nicht danach aus, dass dieses Gebäude errichtet werden würde, da die Feuerschützengesellschaft nicht rechtzeitig aktiv geworden war.
"Kötzting, 16. Juni. (Volksfest 1926.)

Die eingesetzten Ausschüsse sind mit den Vorarbeiten für das Volksfest tätig. Vermisst wird aber die Tätigkeit der Feuerschützengesellschaft. Hier scheint nicht viel Interesse zu bestehen. Soviel aber bekannt, ist die Gemeinde bereit, einen Schießstand in der Nähe des Festplatzes zu errichten. Es liegt sonach in der Hand der Vorstandschaft der Schützengesellschaft auch das Übrige zur Erreichung dieses Zieles zu tun.
Soviel man hört, soll die Errichtung des Schießstandes an der Platzfrage scheitern. Man soll doch nicht annehmen dürfen, dass das Festschießen wegen ein paar Quadratmeter Grund zu scheitern kommt, denn kleine Hindernisse, falls solche bestehen sollten, dürften doch überbrückt werden können.
Den größten Teil der männlichen Festbesucher, welche doch größtenteils den Weltkrieg mitgemacht haben, dürfte es Freude bereiten wenn es auf dem Festplatz kracht. Auch ein Schützenzug ist eine Zierde für den Markt.
Außerdem sind die Schützen doch diejenigen Brüder, die Leben in das Fest bringen und Geld im Orte liegen lassen. Darum auf Ihr Schützenbrüder, trachtet im Benehmen mit der Gemeinde, dass das Gauschießen in Kötzting stattfinden kann.
Es ist höchste Zeit, weil das Programm fertiggestellt werden muss, um in den Druck gegeben zu werden."
Der Apell des Magistrats zeigte Wirkung, denn mit dem Datum des Juli 1926 wird ein Bauplan eingereicht.

Sammlung Auzinger

Sammlung Auzinger

Sammlung Auzinger Dieser Plan für den großen Schießstand trägt das Datum des 11.8.1926, also gerade mal 10 Tage vor dem Beginn des Volksfestes.

Im - äußerst umfangreichen - Zeitungsbericht über das Gaufestschießen ist davon die Rede, dass noch am Freitag vor dem Start die letzten Vorbereitungen an der neu errichteten Schießstätte durchgeführt wurden.

Weiter heißt es in dem Bericht:
"....Hochgeehrt fühlte sich die Feuerschützengesellschaft durch den Besuch Seiner Kgl. Hoheit
Kronprinz Rupprecht am Sonntagmittag. Der hohe Gast verweilte längere Zeit unter den Schützen und drückte sich ebenfalls anerkennend über die herrliche Schießstätte aus.
Donnernde Hochrufe aus Schützenkehlen ertönten, als Seine Kgl. Hoheit die Schießstätte verließ...."

Sammlung Auzinger: Kronprinz Rupprecht vor dem Kötztinger Schützenheim

Weiter wird über das Schützenheim berichtet:
".... Zwölf Jahre sind vergangen, seit der letzte Schuss auf der alten Kollmaier-Schießstätte gefallen ist. Die Feuerschützengesellschaft Kötzting war mangels einer Schießstätte zur Passivität verurteilt. Nun hat sie wieder ein Schützenheim, eine Schießstätte, um die sie viele auswärtige Schützen beneidet haben. Es ist bei Verdienst des 1. Schützenmeister Herrn Karl Obermayer und seines treuen Mitarbeiters Franz Heigl jun. Ihnen sei hiermit für ihre unermüdliche Tätigkeit Dank und Anerkennung
ausgesprochen.

Die Kötztinger Schützen haben nun wieder eine Schießstätte, mögen sie die Gelegenheit benützen und sich fleißig üben Schützenheil!...."
Das Schützenheim war also zunächst von der Kötztinger privilegierten Feuerschützengesellschaft gebaut worden. Parallel dazu führten auch die "Zimmerbüchsler der 1. Zimmerstutzenschützen=Gesellschaft" ihr Volksfestschießen ab.

Einschub  Zitat aus einem Manuskript über die Geschichte der Zimmerstutzengesellschaft
1932 wurde die bis dahin eigenständige kgl. priv. Feuerschützengesellschaft Kötzting wegen der hohen Schuldenlast aufgelöst. Das Erbe fiel zunächst an den Markt Kötzting, der es später im Jahre 1959 offiziell mit einem Erbbaurechtsvertrag an die 1. Zimmerstutzen-Schützen-Gesellschaft weitergab: Die Schützenhalle am Bleichanger. Seit dieser Zeit wurde die Schützenhalle immer wieder saniert und bis zum heutigen Stand ausgebaut.
Einschub Ende 


Sammlung Auzinger - Schießstand


DIA-Repro 7440 Feuerwehrführer Kurs des Bezirks Kötzting vom 23. - 25.4.1928
sitzend 1. Reihe: 
Heigl Franz, 3. Krämer Julius, 5. Januel Leopold, 8. Obermeier Karl 11. Thoma Bezirksamtmann, ;
12. Weingut Franz, 15. Lemberger Hans Lam, 16. Geiger Posthalter Lam, 22. Stücker Hans.
stehend 2, Reihe:
4, Eiberger Reitenstein, 7, Hafensteiner Beckendorf, 8, Brandl Sepp Thenried, 11. Baumann Josef Eschlkan, 
3, Reihe unbekannt
4. Reihe 1. Mühlbauer Mich Gehstorf.
5, Hastreiter Großaigen,
 
U33- das Schützenheim 



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Das gesellschaftliche Leben prägte Bad Kötzting über Generationen hinweg. Vereine, Feste, Feiern, Theateraufführungen, Turnveranstaltungen und viele weitere Ereignisse hinterließen ihre Spuren in der Stadtgeschichte.




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Das Kötztinger Volksfest

 


Das Volksfest im Jahre 1926 sprengte jeden Rahmen, den man in Kötzting von solchen festen gewohnt war und kann erst wieder mit den Volksfesten in der Mitte der 50er Jahre verglichen werden, als sich rund herum um die Festwiese auch ein großes Rahmenprogramm entwickelte.
Allerdings wussten unsere Kötztinger Vorfahren nicht, dass es mehr als 2 Jahrzehnte dauern würde, bis es zum ersten Male wieder ein - wenn auch viel kleineres und kürzeres - Volksfest in Kötzting geben sollte.



Nicht nur das oben gezeigte Plakat warb einst für das Fest – darüber hinaus ließ man sogar einen eigenen Werbeprospekt drucken. Mit seinen vielen Einzelheiten zum Programm und den zahlreichen besonderen Anzeigen ist er weit mehr als nur eine Ankündigung: Er ist ein Stück gelebter Zeitgeschichte. Deshalb möchte ich ihn hier vollständig vorstellen – als eine kleine Zeitreise in die Zwischenkriegszeit in Kötzting.

StadtA Kötzting 320/926

Es scheinen hier viele Bier- und Festzelte aufgestellt worden zu sein.....






 





Bezirksfest Kötzting!


Kötztinger Heimatwoche vom 14. bis 22. August. Die Vorbereitungen für das Fest werden mit regstem Eifer betrieben. Vor allem wurde die Festfolge beschlossen. Die Heimatausstellung ist während der ganzen Volksfestdauer geöffnet. Sie umfasst die Abschnitte:
heimatliche Natur, das tägliche Leben im Waldler- und Bürgerhaus, die Entwicklung des gewerblichen und industriellen Lebens, die Heimat in der künstlerischen Darstellung, die Heimatgeschichte, das Bergwandern und die heimatliche Literatur.
Besondere Betonung erfahren die weltlichen und religiösen Volksgebräuche.
Außer einer Reihe von Einzelgegenständen wurden bereits ganze Sammlungen gewonnen, so die Mineraliensammlung von Herrn Forstmeister Hubrich, dann eine prächtige Schmetterlingssammlung mit Darstellungen der Entwicklung der Schmetterlinge und eine große Zahl von Ölgemälden und Aquarellen über unsere Heimatlandschaft.
Am 21. August findet von 1 bis 3 Uhr im Graßlsaal die Heimattagung statt, zu der der Männergesangverein Kötzting seine Mitwirkung zugesagt hat. Nach dem Begrüßungsgedicht, vorgetragen von einem Mädchen in alter Tracht, spricht Studienrat Hubrich über die Entstehung des Waldgebirges; darauf folgt ein Bericht über Kötztings Geschichte von einem auswärtigen Historiker von Ruf und schließlich der Vortrag eines Böhmerwäldler Schriftstellers.

Punkt 3 Uhr setzt sich der Festzug in Bewegung. Als Hauptgruppen sind dafür in Aussicht genommen und teilweise auch schon gewonnen:
Feld- und Waldwirtschaft mit Holzgewerbe und Holzindustrie,
die Waldlerheimarbeit
die Waldfrüchteverwertung
die Steinbearbeitung und Glasmacherkunst
Jagd und Fischerei;
Wasserkraft in alter und neuer Zeit,

Als zweites Thema kommen die Oster- und Pfingstgebräuche zur Darstellung mit einer
Pfingstreiterehrengruppe. Außerdem wird ein bäuerlicher Hochzeitszug die Beschauer erfreuen.
Bei allen Gruppen ist der heimatliche Charakter betont, darum ist auch der Waldlertracht und der früheren bürgerlichen Tracht die Vorherrschaft im Festzug eingeräumt.
Auf dem Festplatz, der mit einer geräumigen Tribüne versehen wird, kommt das Volksleben in seinen mannigfachen Gebräuchen zur Darstellung. Es sei nur erwähnt, das Pfingstuschen, das Maibaumsteigen, die Bauernhochzeit und die alten Waldlertänze.
Den Beschluss des Heimattages wird das Abbrennen von zahlreichen Höhenfeuern bilden.

Am Ende des langen Werbeartikels wendet sich der Magistrat an seine Kötztinger Bürger:

"Der Heimatausschuss richtet an alle Bewohner des Bezirkes die Bitte, allen alten, volkskundlich bedeutsamen Hausrat, jedes Trachtenstück, jedes schöne alte Bild, alte Urkunden, schöne Gläser, sogar Firmtaler und Wachsstöcke, kurz, all das, was sich aus einer schöneren und originelleren Zeit erhalten hat, mündlich oder schriftlich möglich sofort dem Herrn Bankdirektor Würz bekannt zu geben. Besonders dankbar wäre der Ausschuss, wenn sich von jedem Ort eine geeignete Persönlichkeit als Werber- und Sammler melden wollte."


In einer Marktgemeinderatsitzung im Sommer finden sich einige Beschlüsse, die den Erfolg des Volksfestes garantieren sollten:

"Punkt 13: Zur vorläufigen Deckung für das Volksfest wird ein Darlehen von 5000 M bei der Wasserleitungskasse, rückzahlbar nach dem Volksfest aufgenommen.
Punkt 14: Zur Errichtung des Feuerschützenstandes neben dem Festplatz wird ein Zuschuss bewilligt, wenn der Schützenstand so rechtzeitig fertig wird, dass während des Volksfestes ein Festschießen veranstaltet werden kann.
Punkt 15: Zur Veranstaltung eines Zimmerstutzenfestschießens während des Volksfestes wird ein Zuschuss bewilligt."


Mitte Juli werden dann die "Kirtastände" für den Volksfestplatz öffentlich versteigert:


Ähnlich wie heutzutage die "Pfingstbeilage", versuchte auch der Kötztinger Anzeiger eine Sonderausgabe herauszubringen und bat um Anzeigen und Beiträge







Und dann war der große Tag gekommen, das Volksfest konnte beginnen:

 

 
Das Lagerhaus gegenüber dem Gasthaus Decker war der "Gruber" in der Metzstraße

Das Programm der ersten Woche:
 












Zwei große Umzüge sind geplant, der Festzug am Sonntag und der Kinderfestzug am Dienstag, hier die "Zug=ordnung"




Obwohl das Programmheft bereits gedruckt war, gelang es dem Festausschuss in letzter Minute, noch eine zusätzliche Attraktion auf die Beine zu stellen. Am Festdonnerstag sollte erstmals ein großer Korso mit Fahrrädern, Motorrädern und Automobilen durch den Markt ziehen – für Kötzting damals eine echte Neuheit.

"Radfahrerblumenkorso


"Nur mehr einige Stunden trennen uns vor Beginn des frohen Tun und Treibens draußen auf der Festwiese, den Bleichanger. Für alle, Groß und Klein, Jung und Alt bietet die Festordnung Dinge, woran sich Herz und Auge erfreut. Möge uns Kötztingern „Petrus“ hold sein.
Der Festausschuss macht nun noch in letzter Stunde die Bevölkerung von nah und fern auf eine Glanznummer aufmerksam, die verschiedener Umstände halber nicht in der Festordnung enthalten ist, die aber Dank der Arbeiten des betreffenden Festkomitees als sicher bestehend gelten kann.

Am Donnerstag, den 19. August nachmittags 3 Uhr bewegt sich durch die Straßen unseres Marktes ein Festzug zu Rad und — was für Kötzting neu ist, — zu Motorrad und Auto. An alle Radfahrer(innen) von Kötzting ergeht an dieser Stelle aus nochmals die freundliche Einladung durch zahlreiche Beteiligung der Festtag verschönern zu helfen. Besonders an die Kraftrad- und Kraftwageneigentümer von nah und fern ergeht nochmals der dringende Appell, das an Sie ergangene Einladungsschreiben zur Beteiligung nicht achtlos beiseite zu legen, damit die Korsofahrt die Erwartungen übertrifft und der Donnerstag nicht den übrigen Festtagen nachsteht. Männlein und Weiblein aus allen Himmelsgegenden dankt den Bemühungen des Festausschusses indem Ihr als Festbummler Euch diesen Genuss nicht entgehen lasst.
Aufstellung erfolgt Donnerstag nachm. Zweieinhalb Uhr in der unteren Bahnhofstraße. Beginn des Korsos Punkt 3 Uhr. Weitere Auskünfte erteilen die Herren: Schreinermeister Pongratz, Dentist Rudolf Michl, u. Carl Gschaider."


Wenig ist bisher über die Festwiese bekannt und noch weniger über mögliche Schausteller, aber aus einem Vorbericht erfahren wir dann doch noch einige Details darüber, was die Besucher des Volksfestes erwartet:

"Bezirks-Tierschau Kötzting


Für die auszustellenden Tiere stehen am Donnerstag, den 19. August 1926 zu den Frühzügen sowohl in Lam wie in Furth i. W. Wagen bereit.

— Wer die Wahl, hat die Qual! Dieses Sprichwort lässt sich auch auf die Besucher der Festwiese trefflich anwenden, zumal in der Frage der „Stoff“-Beschaffung.
Gar mancher Bierkenner, der mit dürstender Kehle die Reihen der Zelte abschreitet, wird sich wohl nicht so rasch zur Wahl einer Bude entschließen können. In jedem Zelt winkt ein guter Tropfen edlen Gerstensaftes, aus jeder Küche brodelt und strömt es mit appetitlichen Düften, in der Post-Bierhalle locken die Klänge der Landauer-Bauernkapelle, beim Graßl konzertiert Kötztings Musik, im Thomasbräuzelt ertönen schneidige Weisen der kostümierten Kapelle Kammen und endlich im urgemütlichen Röhrlbau gastiert der weltbekannte Komiker Toni Mauser mit seinen Getreuen, die mit humoristischen und musikalischen Vorträgen die Sorgen des Alltags verscheuchen.

Was die Schaustellungen anbetrifft, so ist daran kein Mangel. Karussel, Schiffschaukel, Rutschbahn, Berg- und Talbahn .... alles ist erstklassig vertreten, so dass Jung und Alt auf seine Rechnung kommt. Besonders sei das Raubtier-Variete Rupperty erwähnt, das ebenfalls auf dem Festplatz sein Lager aufgeschlagen hat. Eine reichhaltige Schau von exotischen Tieren fast jeder Gattung ist dort in den Vorstellungen, die ein großes Programm versprechen, zu sehen und sollte daher niemand versäumen, die Schau zu besuchen. Näheres ist dem heutigen Inserat zu entnehmen.

Was in den Kräften der Menschen gestanden hat, ist geschehen. Möge nun St. Peter ein Einsehen haben und uns ein gnädiges, sonnenstrahlendes Wetter bescheren, auf dass eine wirkliche Festesfreude herrsche!"


Aus dem Zeitungsbericht über das erste Volksfestwochenende erfahren wir auch einige interessante Details über die Festwiese auf dem Bleichanger selbst. Zuvor noch ein bemerkenswertes Detail zum Festzug: Als besonders originell wurde der Wagen der Brauerei Schmid beschrieben, der den Bierkönig Gambrinus auf einem riesigen Bierfass darstellte. Dieses Motiv kennen wir von zahlreichen Fotos des nächsten Kötztinger Volksfesteinzugs wieder – allerdings erst 23 Jahre später im Jahr 1949.

Die Beschreibung der Festwiese: 


"....Höchst originell und einzigartig war der Wagen der Brauerei Schmid, Gambrinus auf einem riesigen Bierfaß darstellend, von einer Schar Schäffler in ihrer schmucken Tracht begleitet. Interesse erweckte auch die Kapelle Kammern, die in ihrer historisch getreuen Uniform der alten Bürgermiliz sich am Zuge beteiligte.
Draußen vor der Eingangspforte, die in gefälliger Obeliskenform und mit Grün geschmückt von unserem Baukünstler M. Herre entworfen und ausgeführt, drängte sich die Menge Kopf an Kopf um Einlass zu den vielerlei Herrlichkeiten zu erlangen, die hinter den Torgittern lockten. Und wem es endlich gelungen, seinen Fuß über die Schwelle zu setzen, der staunte ob der Fülle von Schaustellungen und Buden, die sich seinen Augen bot.

Neben einigen reizenden Verkaufsständen sticht, alles weithin überragend, die Rutschbahn, einladend zu fröhlicher Fahrt aus luftiger Höhe. Gleich oberhalb, über der Straße steht das Bierzelt der Brauerei Schmid, aus der die schneidigen Klänge der Landauer Bauernkapelle ertönen und das stets belebt, von Neugierigen umlagert wird. Daran schließt sich, mit einem Verkaufsstand dazwischen, Ruppert's berühmte Raubtier-Menagerie, das durch seine erstklassigen und gediegenen Leistungen stets ein vollbesetztes Haus aufweisen kann. Nicht weit davon winkt die gemütliche Festdiele M. Röhrls, wo man bei prima Weinen, Weißbier und delikaten Bissen sich Toni Mausers urkomische Vorträge anhören kann oder die musikalischen Feinheiten eines einschmeichelnden Streich-Orchesters genießt.
Das Bierzelt der Thomas-Brauerei Münchens bildet den Schluss zur Linken und wenn man die Ausstellung in der Turnhalle, die überaus wertvolle Dinge in sich birgt und ein Kapitel für sich bildet, übergehen will, gelangt man nach rechts zum Klein-Karussell, wo sich die Jüngsten auf Pferdchen und anderem Getier tummeln mögen. Nachdem man noch eine Schiffschaukel passiert, führt einen der Weg in die Weinstube Liebl, die wirklich gemütlich und volkstümlich, zu längerem Bleiben gerne einlädt. Nebenan verführt die Musikkapelle Kötzting, die in altgewohnter Präzision im Bierzelt Franz Graßl konzertiert, zur Einkehr, zumal der verschänkte Stoff des Trinkens gewiss wert ist.

Eine Schießbude versucht Zielsichere zum Glücksschuss, daneben winkt die Berg- und Talbahn zu rasender Fahrt. In der nächsten Schaustellung produziert sich die „Eiserne Dame“ mit unverwüstlichen Muskeln, ein Schnellphotomann knipst jeden und jede für nur 50 Pfg., wer Glück hat, holt sich aus dem nachfolgenden Stande durch Ringewerfen eine Flasche Wein oder irgendeinen Gegenstand. Zuguterletzt mag man sich noch an den urwüchsigen Späßen des Kasperl ergötzen, der nahe der Eingangspforte sein ulkiges Lager aufgeschlagen hat. In der Mitte steht der Glückshafen und besonders Glückliche tragen schöne Treffer davon.

Dazwischen hinein verstreut Verkaufsstände mannigfacher Art, die den Bedürfnissen in Süßigkeiten, Ess- und Rauchwaren aller Wiesenbesucher gerecht zu werden vermögen. In der Ambergerwiese stehen eine landw. Maschinenschau von M. Vogl sowie schöne Arbeiten der Schmiedemeister Stöberl und Hofmann, sämtliche Aussteller von hier. Ferner haben noch ausgestellt Baumaterialiengeschäft M. Herre, Kötzting und Sägewerk Greil, Großmühle. Die Budenstadt kann sich sehen lassen!"

Alleine  4 Bierhallen werden auf dem Festplatz errichtet, die von Michl Röhrl, Franz Graßl und der Familie Schmidt, also dem Hotel zur Post und noch die Wagnerhalle. 

4 Bierzelte - 4 Musikkapellen - 4 Biersorten




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Der neugeschaffene Radfahrkorso:


Aus dem Zeitung erfahren wir einige Details von dieser Neuerung:
"... Der gestrige Donnerstag schien wenig günstig und verheißungsvoll für den angelegten Blumen-Korso zu werden, denn am Vormittag regnete es in Strömen. Aber St. Peter wollte kein Spielverderber sein und so ließ er lachenden Sonnenschein auf die Erde fallen, als nachmittags 3 Uhr der Radfahr-Korso sich in Bewegung setzte.

An der Spitze Herr Sattlermeister Mühlbauer mit dem Veloziped, dem Vorläufer des heutigen Fahrrades, nach der flott spielenden Musikkapelle Landau die Kötztinger Radfahrer-Standarte und in einem langen farbenfrohen Zuge die Radfahrerinnen und Fahrer mit ihren blumen- und bändergeschmückten Vehikeln.
Foto Pongratz: die Standarte des Kötztinger Fahrradvereins

Foto Pongratz: die Standarte des Kötztinger Fahrradvereins
 
Als zweite Gruppe folgten Krafträder, die ebenfalls sinnig geschmückt, Leben in den Zug brachten. Als höchst originell konnte die Kostümierung zweier Kraftfahrer als Affen aufgefasst werden, die durch ihr Erscheinen und ihr „natürliches“ Benehmen allgemeine Heiterkeit erregten.

Den Schluss bildeten die Kraftwagen und es war nur zu bedauern, dass ihrer nicht mehrere gewesen. Vornehm und elegant ein Wagen wie der andere und es fiel schwer, nur einen den schönsten zu nennen.

Erheblicher Dank gebührt daher den Herren, die die Mühe des Arrangements übernommen, ebenso wie Aller hervorhebend gedacht sei, die durch ihre Teilnahme zum Gelingen beigetragen"


Die Ausstellung in der Jahnhalle:


Hier ist für mich besonders bemerkenswert, weil der Kötztinger Künstler August Philipp Henneberger hier mit einem Frühwerk herausgehoben wird:

"... Aus der Fülle des Gebotenen seien nur herausgegriffen die höchst interessante Gesteinssammlung unseres verehrten Herrn Forstmeisters a. D. Hubrich, die sehr geschmackvoll und vornehm aufgemachte Ausstellung der Konservenfabrik Kötzting, sowie neben anderen Bildern einheimischer Künstler wie Stoiber= Kötzting, Hamsa=Landshut das Kolossal=Gemälde des hl. Sebastian, das ein junger Kötztinger, Herr Gustl Henneberger ausgestellt hat.

Als Prunkstück darf die einzigartige Sammlung des Herrn Konrad Krämer gelten, die ihresgleichen sucht. Münzen, Briefmarken, Urkunden, Notgeld, Waffen, Uhren, Porzellan, kurz alles, was eines Sammlers Herz erfreuen kann, ist dort in den seltensten Arten vertreten. Prominente Persönlichkeiten haben deshalb nur rühmend darüber geurteilt und ihre Anerkennung ist auch in vollem Maße verdient. Versäume daher niemand den Besuch."


Der Kinderfestzug erfreute sich offenbar großer Beliebtheit. Auf vielfachen Wunsch hin erhielten die Kötztinger Kinder sogar ein zweites Mal die Gelegenheit, festlich geschmückt durch den Markt zu ziehen. Der Festausschuss setzte den Kinderfestzug daher für Sonntag, den 22. August 1926, erneut auf das Programm.
 












Und dann kam das zweite Wochenende und mit ihm dann der Heimattag und nach ihm der sogenannte "weiß-blaue" Tag.

 




Der Heimattag  



An diesem Wochenende standen gleich zwei Veranstaltungen im Mittelpunkt. Zunächst veranstaltete der Bayerische Waldverein seinen Heimattag mit Vorträgen, Musikdarbietungen und einem großen Trachtenfestzug. Mit der Ankunft Kronprinz Rupprechts und dem Auftritt des Heimat- und Königsbundes verlagerte sich der Schwerpunkt jedoch auf die Politik. Dieses weiß-blaue Großereignis sollte später noch ein bemerkenswertes Nachspiel in den Kötztinger und Chamer Zeitungsspalten haben – doch davon wird noch zu berichten sein.
Zuerst freuten sich die Kötztinger einfach über ein weiteres Festwochenende:

 








Ähnlich präzise wie die bereits vergangene Festwoche wurde nun auch das letzte Wochenende durchorganisiert:
Bereits im Mai desselben Jahres hatte der Heimatausschuss bereits die Weichen gestellt - der Kötztinger Trachtenverein war gerade erst ein Jahr alt geworden - und hatte die Eckpunkte der des Heimattages herausgearbeitet:
"....Es handelt sich also um keine Prunkschau, nicht um theatralischen Firlefanz und für keinen Fall um eine Volksfestgaudi, sondern um eine würdige Heimatfeier. Die schönen Zeiten unserer Väter sollen an diesem Tag lebendig werden, auf dass sie unsere Herzen ergreifen damit wir wieder lernen in allen Dingen die Seele mitreden zu lassen.
Der Festzug wird darum vor allem als Trachtenzug durchgeführt. Bei Faschingsrummel und Komikervorstellungen hat man in den letzten Jahrzehnten unsere ehrsamen und wunderschönen Trachten verunglimpft. Gerade deswegen holen wir sie nun aus der Truhe und tragen das Kleid des Großvaters und der Großmutter mit freudigem Stolz. Um aber all das Schöne so zeigen zu können, dass jedem Zuschauer das Herz dabei aufgehen muss, ist die begeisterte Mithilfe jedes einzelnen im ganzen Bezirk nötig. ....



Zunächst war also der Fokus der Festbesucher auf den Heimattag gerichtet mit seinen Vorträgen im Graßl-Saal und dem großen Trachtenzug am Nachmittag, wie dem Bericht in der drauffolgenden Woche zu entnehmen ist:

"Kötzting, 24. Aug. (Volksfestschluß.)

Kötzting hat sein prangendes Festtagskleid abgelegt und sieht nun wieder im nüchternen Gewande des lärmenden, arbeitsdurchschlungenen Alltags — das Volksfest ist nach 11tägiger Dauer zu Ende. Geschäftsleute wie Schausteller dürften mit dem finanziellen Erfolge zufrieden sein, denn der Besuch ließ während der Veranstaltung nichts zu wünschen übrig, zumal in den beiden letzten Tagen schwoll der Besuch ins Ungeheure an. 
Der Samstag brachte nach der Heimattagung im Graßl-Saale, der ein voller Erfolg beschieden war, die Wiederholung des Festzuges vom ersten Sonntag, dem jedoch Darstellungen deutscher Märchen und heimatlicher Sagen (dem Kinderfestzug entnommen), eine Bauernhochzeit in unverfälschten, prächtigen Kostümen, Kammerwagen und Brautkuh usw. (sämtliche Teilnehmer waren aus Neukirchen hl. Bl.) eine Bauernkindstaufe mit Gevatter und Gevatterin, eine Waldler-Trachtengruppe (aus Viechtach) und noch einige Teilnehmer in bewunderungswerten Kostümen angefügt waren.
Als gute Idee darf die Einstellung des Kötztinger Pfingstrittes mit Pfingstbraut, Brautführern und Bräutigamen bezeichnet werden. Neu eingefügt waren ferner ein Erntewagen mit einer Gruppe Schnitter und Schnitterinnen sowie ein hübscher Wagen der Firmen Roßberg und Traurig, Lam, der die erstaunlichen Leistungen derselben auf dem Gebiete der Holzspielwarenindustrie sehr gelungen vor Augen führte.
Nach dem Festzuge, der allgemein als einheitlich und farbenreich zusammengestellt angesprochen wurde, fand auf der Festwiese die Bauernhochzeit und verschiedene Volkstänze statt, deren Aufführung so recht das Leben und Treiben des heutigen Waldvolkes veranschaulichte und allseitigen Beifall fanden.
Hernach ergoss sich der Strom der Besucher in die Bierzelte und Weinbuden, sowie in die Ausstellungshalle und die Schaubuden um sich entweder mit einem guten Trunk zu erfrischen oder das Auge an sehenswerten Dingen zu ergötzen. Die Ankunft Seiner Königl. Hoheit Kronprinz Rupprecht v.
Bayern lockte natürlich die Mehrzahl der Wiesenbesucher in den Markt."


Damit war es nun Samstag Nachmittag geworden  und die Politik übernahm das Ruder, eine ganze Seite war reserviert im Kötztinger Anzeiger für den Willkommensgruß in Form eines Hudigungsgedichtes an den Hohen Gast:

 

Herzlich Willkommen!

anlässlich des Besuches Seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern


Heil! Erbe der Krone, die Bayern betreut
Sei heute uns Waldlern recht herzlich willkommen,
Und darf unser Grüßen als heiligen Eid
Dass nimmer im Herzen der Waldler verglommen
Die Liebe zum Throne, zum Königsgeschlecht
Und dass auch wir kämpfen bis Recht wieder Recht!


Willkommen im Wald, auf gefährdeter Wart
Die treudeutsch gewesen und immer geblieben
Hier grüßen Dich Menschen, die kerniger Art
Mit goldener Treue noch Wittelsbach lieben
Die grünenden Berge, das Felsengestein
Sie mögen Symbole von Beiden Dir sein!


Willkommen in Kötzting, in unserem Kreis
Wo einst Deine Ahnen schon gerne genossen
Gastfreundschaft der Bürger, auch Du edles Reis
Geliebtem Geschlechte und Stamme entsprossen
Fühl' wohl Dich als Vater in kindlicher Schar,
Nimm schlichteste Worte als Huldigung dar.

                                                                                                        Ein Waldler 




Hier der Großbericht über den Weiß-blauen Tag in Kötzting:

Samstag der 21.8.1926


"Kötzting, 24. Aug. (Weißblauer Tag.)

Als Glanzpunkt des Kötztinger Volksfestes darf der vom Bayr.-Heimat und Königsbund Ortsgruppe Kötzting am Samstag und Sonntag veranstaltete „Weiß-blaue Tag“ angesehen werden. Am Samstag fand der feierliche Empfang Sr. Kgl. Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern, der gegen halb 7 Uhr hier eintraf, durch die Vereine, Behörden und Schulkinder statt.
Brausende Hochrufe erschollen aus den Kehlen der Menge, als der geliebte Thronfolger dem Auto entstieg. Vor dem Rathaus begrüßte ihn das Töchterchen des Herrn Ortsleiters Tierarzt Kirschner mit einem sinnigen Prolog und überreichte ihm einen prachtvollen Blumenstrauß, wofür Seine Kgl. Hoheit mit warmen Worten und einem kräftigen Händedruck dankte. Nach Begrüßung einiger Herren wurde der Thronfolger in den Rathaussaal geleitet, in dem die Vorstellung der Vereinsmitglieder erfolgte. An diese schloss sich die Begrüßung der hiesigen und auswärtigen Vereine und Ortsgruppen an, wobei sich Sr. Hoheit in herzlichster Weise mit den einzelnen Vorständen unterhielt.

Nach Schluss der Besichtigung wurde der hohe Gast in sein Quartier geleitet, das von Herrn Elektrizitätswerksbesitzer Staudinger in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt worden war. Abends 8 Uhr zog durch den prächtig illuminierten Markt ein Fackelzug, den sich Seine Hoheit vom Rathaussaale aus besah. Danach unternahm der Thronfolger noch einen Rundgang durch den Markt und begab sich dann in den Graßl-Saal, in dem ihm zu Ehren ein Festabend anberaumt war.

Bald nach 9 Uhr erklang der erste Marsch "in Treue fest" durch den herrlich geschmückten Saal, von dem Orchester-Verein Kötzting meisterhaft vorgetragen, dem sich in rascher Folge ein zweiter anschloss. Als dritte Nummer des Programms erfolgte die Begrüßungsansprache des Bezirksleiters des Bayer. Heimat- und Königsbundes, Herrn Tierarzt Kirschner, der Sr. Kgl. Hoheit für dessen Erscheinen in kurzen aber freudedurchklungenen Worten den Dank aussprach.
Der zweite Redner, Herr Kreisleiter Sigl-Landshut brachte in seiner Ansprache seine Freude darüber zum Ausdruck, dass der verehrte Thronfolger sowohl den Kreis Niederbayern mit seinem hohen Besuche beehrt und hieß ihn im Namen aller Niederbayern herzlich in Kötzting willkommen.

Der darauf folgende Schäfflertanz, von Kindern der Josefspflege ausgeführt, bereitete dem lieben Ehrengaste ersichtliche Freude. Landesleiter Baron von Aretin überreichte in seiner hinreißenden Festrede die Grüße des Landes und brachte zum Schluss ein kräftiges Hoch auf Kronprinz Rupprecht aus, das brausenden Widerhall fand.

Nach einem Lied „Im Feld des Morgens früh“ vom Männerchor des Gesangvereins Kötzting, stimmungsvoll zu Gehör gebracht, zeigten die Zöglinge des Turnvereins Kötzting ihr straff geschultes  Können. Daran schlossen sich ein weiteres passendes Männerchorlied und der klangreiche Marsch "Hoch Heidecksburg" an. Ein tiefergreifendes Gedicht, verfasst und vorgetragen von Frau von Fürstenfeld, war „Deutsch-Böhmens Gruß an Bayern“, das die herzlichen Grüße unserer Brüder im Nachbarlande an das stammverwandte Bayernvolk übermittelte, die Leiden und Bedrückungen durch die tschechische Machthaber in zu Herzen gehender Form klagte und zum Schluss in die flehentliche Bitte ausklang, Bayern und vor allem Kronprinz Rupprecht möge sich des bedrängten Brudervolkes annehmen. Lebhafte und mitfühlende  Beifallrufe lohnten die Künstlerin für ihre glutvollen Vortrag.
Die lebenden Bilder „Auszug zum Kampf“ und „Heimkehr der Krieger“ wussten auf jeden Feldzugsteilnehmer nachhaltigen Eindruck ausüben und erwähnenswert sei noch überliefert, dass seine kgl Hoheit von der Ortsgruppe Gotteszell des Heimat= und Königsbundes ein wertvolles Brasiltabakglas mit einer Widmung in Goldschrift überreicht wurde, was allgemeine Heiterkeit erregte. Der feurig intonierte Marsch „Feuert los“, der in der Folge einige Male wiederholt werden musste, machte dem Abendprogramm mäßig ein Ende.
Bevor jedoch der überfüllte Saal sich leerte, ergriff Se. Königl. Hoheit das Wort und dankte schlicht und herzlich für alles, was ihm Kötzting geboten. Damit war der erste Tag beschlossen.


Sonntag der 22.8.1926

Der Sonntag, weiß-blau genannt, entwickelte sich jedoch zu „weiß-grau“, denn St. Petrus hatte es sich in einem Bosheitsanfalle nicht versagen können, im Strömen regnen zu lassen. Dessen ungeachtet war die Beteiligung an den vorgesehenen Feierlichkeiten eine ungeheure. Von allen Seiten wälzten sich
die Besucher und Teilnehmer zu Fuß, zu Rad und per Auto heran, Züge und Kraftwagen warfen unzählige Menschenmassen nach Kötzting, sodass unser Markt einem kribbelnden Ameisenhaufen glich.
Um 10 Uhr erfolgte die Aufstellung zum Festzug in der Bahnhofstraße und Kronprinz Rupprecht ließ es sich trotz des unablässig strömenden Regens nicht verdrießen, die einzelnen Vereine der Reihe nach in der den Wittelsbachern eigenen Leutseligkeit zu begrüßen. Und während dieser Zeit stand das
Publikum, dichtgedrängt in geduldiger Erwartung und harrte des Festzuges, der sich nach 11 Uhr
in Bewegung setzte.
Eine schier unübersehbare Reihe von Ortsgruppen des Bayer. Heimat und Königsbundes mit ihren schmucken Standarten, Kriegervereinen, Feuerwehren und anderweitigen Vereinen zog durch den Markt und zur Feststraße, wo Se. Kgl. Hoheit die Parade abnahm. Hierauf erfolgte vor dem neuen Kriegerdenkmal durch Herrn Ortsleiter Kirschner die Kranzniederlegung zum Gedenken der im Weltkriege Gefallenen. In dem anschließenden Gottesdienst nahm H. H. Pfarrer Dirscherl die Bannerweihe der hiesigen Ortsgruppe vor, wobei er zündende Worte von der Liebe zu Vaterland und Thron an die Versammelten richtete.
Die Bänderverteilung wurde im Graßl-Saale vorgenommen. An dem im Hotel zur Post eingenommenen
Festmahle nahm auch Kronprinz Rupprecht teil. Bei dieser Gelegenheit drückte Herr Kirschner dem liebwerten Gaste den Dank Kötztings für sein gütiges Erscheinen aus und überreichte ihm
ein von Aquarellmaler Neukirchner künstlerisch ausgeführtes Gedenkblatt von Kötzting.
Der bayerische Kronprinz Rupprecht 

Am alten Kriegerdenkmal legte Se. Hoheit noch einen Lorbeerkranz nieder. Da der für Nachmittag
angesetzte Festzug unterbleiben musste, stattete Kronprinz Rupprecht der Heimatschau usw.
seinen Besuch ab und verließ nachmittags 4 Uhr unseren Markt.
DIA-Repro 1577 Hoher Besuch beim Gauturnfest. Der Herr mit dem Zylinder in der Mitte sollte der damalige Bezirksamtmann und der 2. Vorsitzende des Kötztinger Turnvereins Thoma gewesen sein.
Der vornehme Herr mit Hut - zentral in der Mitte - war der damalige Kronprinz Rupprecht 
Der 22. August 1926 wird ein Ehren-Markstein in der Geschichte Kötztings bleiben, mehr noch aber in den Herzen unserer Waldbevölkerung, die in diesen Tagen bewies, dass es der 7. November 1918 nicht vermochte, den Königsgedanken aus ihrer Brust zu reißen.

Möge es ein gutes Omen für die Zukunftsgestaltung unseres Staatswesens sein, dass uns die Dynastie Wittelsbach erhalten bleibe!
Sammlung Auzinger: Kronprinz Rupprecht vor dem Kötztinger Schützenheim, wohl kurz vor seiner Abfahrt

Die Zeitung beschrieb aber auch noch abschließend den Zustand des Festplatzes - viele aus meiner Generation werden sich noch gut an manche schlammigen Volksfestbesuche erinnern, bevor die Hochwasserfreilegung dem einen Riegel vorgeschoben hatte-:   

"Da am Sonntag der nachmittägliche Festzug wegen schlechter Witterung ausfallen musste, strömte eben alles dem Bleichanger zu, der infolge des unentwegten Regens und des Menschentrampels zu einer grundlosen Pfütze verwandelt wurde. Das hatte zur Folge, dass man Zuflucht in den
Bierbuden suchte, um dort bei einer Maß süffigen Stoffes und bei Musikklängen die Unbill des
Wetters zu vergessen. Gegen Abends fanden die Preisverteilungen der Feuerstutzen-Schützen
und der Zimmerstutzen-Schützen statt, die sehr schöne und wertvolle Gaben zur Ausschüttung
brachte. Das großartige Brillantfeuerwerk, auf das man mit Spannung wartete, ist zum Leid-
weisen aller Harrenden ausgefallen, St. Peter muss auch dieses Vergehen verantworten. Nur
die meisten verstanden es, sich durch eine Maß Bier und komische Darbietungen zu trösten.
Spielte doch die Musik zum letzten Male da draußen auf dem Anger, wer weiß, ob man
das nächste Volksfest noch erlebt! In Befolgung dieses Grundsatzes dürfte wohl mancher
tapfer im Aushalten gewesen sein! Was den Erfolg des Volksfestes betrifft, darf man schlecht-
hin behaupten: Kötzting hat in jeder Beziehung gut abgeschnitten, sei es nun in künstlerischer
oder pekuniärer Beziehung und Besucher und Zuseher sind gewiss auf ihre Rechnung gekommen."


In dem abschließenden Resümee  steckte eine ganze Menge an Weitsicht:
Ganze 26 Jahre sollte es dauern, bis in Kötzting wieder ein Volksfest veranstaltet werden konnte und auch dies zunächst nicht in dem Riesenumfange wie im Jahre 1926. Das Volksfest des Jahres 1949 war auf das Pfingstwochenende beschränkt und erst im Jahre 1950 - nach langen und stritten Debatten - wurde unser Volksfest auf die beiden Wochenenden ausgedehnt.



Diese öffentliche Huldigung des Kronprinzen, seine konsequente Anrede als „Königliche Hoheit“ – obwohl die Monarchie in Bayern bereits im November 1918 abgeschafft worden war – und die ausführliche Berichterstattung in den Zeitungen der Region blieben nicht unwidersprochen. Nicht überall war die Bevölkerung dem Haus Wittelsbach so eng verbunden wie in Kötzting. Schon bald entwickelte sich in den Zeitungsspalten ein regelrechter Krieg der Leserbriefe. Die Gegner des Königshauses sparten dabei nicht mit scharfer Kritik an den monarchistischen Kundgebungen in Kötzting.
Die Kötztinger Gegenreaktionen fielen dabei teilweise derart scharf und herabsetzend aus, dass sich in einzelnen Formulierungen bereits jene Geisteshaltungen andeuten, die in den folgenden Jahren zunehmend an Einfluss gewinnen sollten.






Der Weiß-Blaue Tag und sein Nachspiel


Ich möchte vorab an dieser Stelle deutlich darauf hinweisen, dass ich die folgende Auseinandersetzung zwischen zwei stark polarisierten politischen Lagern aus dokumentarischen Gründen im Wortlaut wiedergebe. Für mich ist es von historischem Interesse zu beobachten, wie Sprachmuster, Feindbilder und Schmähbegriffe bereits in den 1920er Jahren Teil der politischen Streitkultur waren. Zahlreiche Formulierungen würden heute als antisemitisch, rassistisch oder volksverhetzend eingeordnet und wären in dieser Form im öffentlichen Diskurs nicht mehr akzeptabel.

Bereits beim Lesen der folgenden Texte fallen mehrere Elemente auf, die heute klar eingeordnet werden müssen:

  • offene antisemitische Angriffe („Jude Eisner“, Anspielungen auf die angebliche Nicht-Muttersprache des Verfassers),
  • ethnische Herabsetzungen („Zigeuner sollten wir werden“),
  • Gewaltfantasien („die Faust ... auf den satten Fettwanst des Schreibers“),
  • völkische Begriffe wie „Volkskörper“, „kerndeutsch“ oder „germanisch“,
  • die Gegenüberstellung von „deutsch“ und „anderem“ Denken,
  • sowie eine deutliche Nähe zu nationalistischen Strömungen der späten Weimarer Republik.


Vom Chamer Stadtarchivar Timo Bullemer erhielt ich die folgenden Zeitungsausschnitte aus den Chamer Zeitungen. 
Bereits im Vorfeld des Kötztinger Heimattages war im Chamer Tagblatt für die Veranstaltung geworben worden. Dort findet sich auch eine interessante Einzelheit zum Ablauf der Ankunft des Kronprinzen:
„Die Abfahrt Sr. Kgl. Hoheit per Auto in Zandt wird in Kötzting durch zwei Böllerschüsse bekannt gegeben. Das Eintreffen in Kötzting wird durch drei Böllerschüsse angezeigt.“
In den folgenden Tagen berichtete das Chamer Tagblatt fortlaufend über das Kötztinger Treffen. Dabei blieb die Zeitung bei einer Darstellung des Geschehens, die vor allem die allgemeine Freude der Kötztinger über den Besuch des Kronprinzen hervorhob. Im Wesentlichen handelte es sich wohl um stark gekürzte Beiträge, wie sie auch im Kötztinger Anzeiger hätten erscheinen können. Möglicherweise war die Zeitung auch mit einem eigenen Berichterstatter vor Ort in Kötzting gewesen.

Einen völlig anderen Ton schlug dagegen die Chamer Heimatzeitung an. Während andere Zeitungen den Besuch des Kronprinzen als Höhepunkt des Heimattages feierten, bezeichnete sie die Veranstaltung bereits im Vorfeld als „Rummel besonderer Art“ und rief die Leser indirekt dazu auf, ihr fernzubleiben:


Hier der "Werbebeitrag" der Chamer Heimatzeitung.....

"Kötzting. (Ein Rummel) besonderer Art wird am kommenden Sonntag hier inszeniert unter dem Namen weißblauer Heimattag. Herr Rupprecht von Wittelsbach wird persönlich erscheinen, um für seine Ziele Reklame zu machen. Weil es wo anders gar nicht vorwärts gehen will, hat man sich der Waldler erinnert. Wer aber ein richtiger Waldler und Republikaner ist, der erinnert sich daran, wie gerade der Bayerische Wald unter der monarchistischen Regierung stiefmütterlich behandelt wurde und bleibt dem Rummel fern."

Leider hat sich die betreffende Ausgabe der Chamer Heimatzeitung nicht erhalten. Wir kennen daher deren eigentlichen Bericht über den Weiß-Blauen Tag nicht, sondern lediglich die Reaktion auf den zuvor erschienenen – und nach Tonfall und Inhalt wohl als Schmähartikel zu bezeichnenden – Beitrag .

Auf Seite 1 im Kötztinger Anzeiger vom 28. August steht eine Art von Gegendarstellung für den in der Chamer Heimatzeitung erschienenen Artikel über die Tage in Kötzting:


"Königreich Kötzting!


Kötzting, 27. August.

Unter diesem Titel veröffentlicht ein bekannter Herr in der „Chamer Heimat-Zeitung“ eine Schmähschrift gemeinster Art über den weiß-blauen Tag in Kötzting. 
Der Artikel sei hier mit entsprechender Berichtigung teilweise wiederholt und beurteilt.

Der vom Bayr. Heimat- und Königsbund, Ortsgruppe Kötzting, angelegte weiß-blaue Tag zum würdigen Abschluss unseres Festes war gekommen. Der Himmel, der während des ganzen Volksfestes blau und klar über Kötzting geleuchtet, hat sein blaues Kleid für diesen Nachmittag abgelegt, nicht aus Gründen, die dieser Herr meint, um das Fest zu verschleiern, nein, weil er sagen wollte: „Bayern, heute will ich euch prüfen, ob ihr Eure Tradition und Geschichte noch kennt und ehrt, nachdem ihr den Heimattag so schön gefeiert. Und die Prüfungen wurden bestanden, offensichtlich zum Leidwesen dieses Wohlbekannten. 
Dies bewies der zweite Tag, an dem ein wilder Regensturm an ca. 110 Fahnen und vielen eisernen Bannern zerrte. Sie standen und harrten allen Wettern zum Trotz, bis der ehrengraue Repräsentant des alten Königreiches kam. 
Und alle hatten sich gefunden, von rechts und von links und mit ihnen die Neutralen. Und unter diesen Fahnen zogen viele Sozialisten, die die Not geboren, Häusler, Steinhauer und Holzmacher usw. Sie gaben im alten Tritt und Schritt dem gestürzten Herrscher das Ehrengeleit, nicht etwa um der Republik abzuschwören, sondern um die neue Staatsform mit der alten verbunden zu zeigen, um zu beweisen, dass wir aus einer Wurzel geboren sind, trotz neuer Gestaltung, um zu beweisen, dass Bayern noch die Geschichte seiner Könige kennt, von der es ein Jude Eisner gewaltsam trennen wollte.
Zigeuner sollten wir werden, denen der Name der Mutter fremd. Und wenn es der Ahne und Urahne anders gemacht haben als wir heute — du, Schmähschreiber, kannst uns Bayern deshalb die Erinnerung und Treue zu unserer Landesgeschichte nicht nehmen. In das Werden unseres Volkskörpers gehört Wittelsbach für alle Zeiten und als treue Bayerische Republikaner schneiden wir einem Fremdling zuliebe nicht Fleisch aus unserm Leibe, den Jahrhunderte zur edlen Form schmiedet. Wir sind Republikaner und achten Landshut und München, solange dort Bayern führen, die es nicht nötig haben, das alte Königreich unter die Tarnkappe zu zwingen, wie es die johlenden Geister von 1918 wollten.
Die Riesenmenge, die unter strömendem Regen hinter Fahnen durch den Markt zur Kirche zog, gab Zeugnis, dass geschichtliche Vergangenheit unserem Volk die Seelennahrung eingeimpft. Und wenn dabei die Polizei in Helm und Tressen die Ordnung stützte, so besteht keinerlei Grund, dass sie gerade „dieser“ als republikanisch-königlich-bayerisch verhöhnt sie  - sie sollte eben republikanisch-jüdisch-bayerisch sein, wie sie seit 1918 so fest erwünscht.
Und unsere deutschen Kinder standen Spalier in bunten Märchen- und Heimattrachten, aber nicht in „Maskerade“, wie sie dieser gemeine Bengel bezeichnet. Märchen und Sage sind ein Urboden unserer Geschichte und ein heiliges Stück unserer Kindheit, das Großmutter und Großvater auch von der ärmsten Ofenbank der Jugend vererbten.

In weiterer Folge sollten Einzelpersonen getroffen werden.

So besonders „Der König vom Zellertal“ Herr Schmiedmeister Fischer. Ich wünschte nur die Faust dieses noch kerndeutsch denkenden Mannes auf den satten Fettwanst des Schreibers. Die Begegnung dieser beiden Dinge könnte sicher den Gegensatz zwischen germanisch und „anderem“ Denken am raschesten zu einem Ausgleich bringen.
Der Magistrat Kötzting ist in rücksichtslosester Form von dem Herrn bedacht und fast verrät dieser hier in der unlogischen Wortfolge, dass ihm die deutsche Sprache nicht Muttersprache, sondern nur Hilfssprache ist.
Sicher sind die gesamten Mitglieder des Magistrates über das intim-privatpersönliche des Artikelschreibers so weit klar, dass sie von dessen Anrempelungen wenig oder keine Notiz nehmen. Mögen sie ihm als Sühne für seine Unverschämtheit jene Ohrfeige in Anrechnung bringen, die dieser stark Liebesbedürftige kürzlich von einer gut deutschdenkenden Stallmagd empfangen.

Zum Schlusse des Artikels verfällt dessen Verfasser in eine gewisse Sentimentalität und er stellt Betrachtungen über die Gedanken eines „alten Mannes, eines königlichen Menschen“ an. Hier wollen wir halten; denn höher geht's nimmer!

Das Unglück, in das wir stürzen, könnte kommen, aber nicht heraufbeschworen von einem Heimat- und Königsbund, sondern von dem gesamten betrogenen Volk, das endlich das typische Gesicht hinter einer ewig veränderlichen Larve erkennt."

S.

Bemerkenswert ist, wie schnell die Auseinandersetzung dabei die Ebene einer lokalen Zeitungsfehde verlässt. Neben der Verteidigung des Kronprinzen finden sich bereits zahlreiche Motive, die in den folgenden Jahren die politische Sprache der radikalen Rechten prägen sollten: völkische Vorstellungen von „Volkskörper“ und „Kerndeutschtum“, antisemitische Anspielungen sowie die Einteilung der Gesellschaft in „deutsche“ und „fremde“ Elemente.
Damit hätte die Auseinandersetzung eigentlich beendet sein können. Doch weit gefehlt. Den gesamten September hindurch herrschte zwar Waffenruhe an der publizistischen Front, dann erschien in Cham jedoch ein Artikel – offensichtlich aus der Feder eines Kötztingers –, der die Abnahme der Parade durch den Kronprinzen aus einem ganz anderen Blickwinkel schilderte, als dies zuvor der Heimatbund im Kötztinger Anzeiger  getan hatte:


Chamer Heimatzeitung vom 2. Oktober 1926:

Habt Mitleid mit den Simpeln!


Wie haben doch gleich die Gratulanten den Herrn Otto von Tegernsee anlässlich seines fünfzigjährigen Erdenwallens tituliert? Als einen „aufrechten“ Mann.
Wie muss nach monarchistischen Begriffen in Bayern ein „aufrechter Mann“ beschaffen sein. Folgende Druckschrift, die uns ein Freund unseres Blattes aus Kötzting übersendet, mag es uns lehren:

„Zugordnung anlässlich der Anwesenheit  S. Kgl. Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern.“

Aufstellung zum Empfang S. K. Hoheit am 21. August um dreiviertel 5 Uhr nachmittags am Rathause.

Rechter Flügel in der Höhe zwischen Sperl und Drunkenpolz, Front nach Süden,
Offiziere, Ärzte und Beamte, Ehrenmitglieder sowie Altveteranen drei Schritte links von der Musik, Obmannsbanner mit Begleitung, Kriegervereinsvorstand, Vereinsfahne mit zwei Begleitern,
rechter Flügel des Kriegervereins, die mit Auszeichnungen im 1. Glied, der Größe nach rangiert, anschließend die übrigen Vereine, Jugend, wenn anwesend am Rathaus, Front nach Norden.

Wenn das Auto S. K. H. beim Hause Kiefl ankommt, wird „Stillgestanden“ kommandiert, beim Herannahen Sr. K. H. wird auf das Kommando „Achtung!“ ein dreimaliges „Hoch“ ausgebracht unter gleichzeitigem Abnehmen der Kopfbedeckung, ohne Schwenken derselben.
Gleichzeitig werden die Fahnen mit der Spitze einmal gegen den Boden gesenkt und dann wieder in die Höhe und an die rechte Schulter gebracht. Beim Abschreiten der Front findet ein Begleiten S. K. H. nur auf Befehl statt.

Der Vorstand des ersten Vereins kommandiert „Stillgestanden“ (falls nicht schon abgenommen, „Hut ab“), „Augen rechts“ oder „Augen links“. S. K. H. ist anzusehen und ihm mit den Augen bis zum dritten Manne zu folgen, alsdann den Kopf von selbst wieder gerade aus. Sobald S. K. H. vorbei ist, „Hut auf!“, „Rührt euch!“. Alles Sprechen ist verboten.
Eigenmächtiges Austreten darf nicht stattfinden.
Der Vorstand oder Zugführer nimmt etwa zehn Schritte vorher für seine Person die Kopfbedeckung ab. Ihm folgende Kameraden haben beim 1. Point auf Kommando des Zugführers die Hüte abzunehmen und rechts zu sehen und die Arme festzuhalten. Nach dem Parademarsch wird direkt in die Kirche marschiert. Halb 2 Uhr im Hotel „zur Post“ Festessen. 
Kommandierender ist in allen Fällen Herr Dietrich, 1. Vorsitzender des Veteranen- und Kriegerbundesvereins Kötzting.

Kirschner, Ortsleiter.“

Auf Kommando ein dreimaliges Hoch — so sieht der Wille des Volkes nach der Monarchie aus. Republikaner! Wir fordern Euch auf: Habt Mitleid mit den Simpeln!! 
Gegen die Dummheit kämpfen bekanntlich selbst Götter vergeblich.


Die Waffenruhe an der publizistischen Front war damit beendet. Der Fehdehandschuh lag erneut im Ring, und die Erwiderung aus Kötzting folgte prompt:

Gleich zwei Erwiderungen auf die Vorwürfe aus Cham erschienen im Kötztinger Anzeiger – eine als redaktioneller Artikel, die andere als Leserbrief. Besonders bemerkenswert ist der erste Beitrag, denn in ihm wird nach meiner Kenntnis erstmals im Zusammenhang mit dieser Auseinandersetzung die Dolchstoßlegende ins Feld geführt.

Kötztinger Anzeiger 5.Oktober 1926

Ein Feigling

der das helle Tageslicht scheute, hat in einem anonymen von der „Chamer Heimatzeitung“ verbreiteten „Eingesandt“ aus Ärger über unseren wohlgelungenen weiß-blauen Tag in Kötzting als ein moderner Don Quixote die verrostete Waffe der Verleumdung, Herabsetzung und rowdymäßigen Gemeinheit ergriffen, um unsere königstreuen, ordnungsliebenden Anhänger auf dem Lande von dem Heimat- und Königsbunde abwendig zu machen und in der durch revolutionäre Umtriebe geschaffenen, traurigen, trostlosen, zerrütteten Lage weiter zum Ruin und zum Verfall des heimatlichen Volkstums wirken zu können.
Wir haben fürwahr nicht nötig, unseren allverehrten Kronprinzen Rupprecht in seiner Handlungsweise als Oberbefehlshaber der bayerischen Armee hier zu verteidigen. Jeder bayerische Feldsoldat weiß es genau, mit welcher hingebender Anhänglichkeit an seine ihm unterstellte bayer. Krieger der hohe Herr jederzeit für sie eingetreten ist, ja wie er selbst sich mannhaft für sie einsetzte und sich als Schlachtopfer darbot, als jeder zehnte Mann auf preußisches Oberkommando hin hat erschossen werden sollen.
Das ist wahres Heldentum, das dem feigen Anonymus, der wohl den Strapazen des Krieges ferne stand und seinerseits Opfer zum Wohle und zur Rettung des Vaterlandes brachte, der vielleicht zu jenen zählte, die an dem gegen die Armee geführten Dolchstoß von hinten bei dem Munitionsstreik, sei es direkt oder indirekt beteiligt waren, die Schamröte ins Gesicht treiben und ihn veranlassen sollte, einmal sich über die wahre Sachlage über die Zermürbung der deutschen Armee und über den dadurch erfolgten Zusammenbruch aufklären zu lassen.
Aber es gibt Leute, die der Wahrheit geflissentlich widerstreben und jeder Belehrung unzugänglich sind. Das sind keine Patrioten, keine Anhänger an Heimat und Vaterland, sondern heimatlose, fremdstämmige, unsaubere Elemente, die aus der Hetze ein Geschäft machen und sich bei diesem Geschäfte durch große materielle Vorteile zum Schaden des Volkes zu bereichern suchen. Mit solchen Leuten kann das treue bayerische in seiner großen Mehrheit monarchisch gesinnte Volk, das seinen obersten Herrn, dem rechtmäßigen Inhaber der bayerischen Königskrone um so enger sich anschließt und ihm ergeben sich zeigt, je frecher, gemeiner, unflätiger und hinterlistiger ein verkommenes Raufboldentum  aus dem Hinterhalte seine giftigen Pfeile abschießt, keine Gemeinschaft haben, es wird ihren Sirenenrufen jederzeit die Antwort entgegensetzen:
Apage! Der bayerische Kronprinz ist nur auf das Wohl des bayerischen Volkes bedacht. Zu Gunsten der Krieger hat er an sie auch seine Generalspension überwiesen; als man die Auslieferung von Heerführern verlangte stellte er sich im Interesse aller Bayern zur Verfügung. Aber es wäre ein Verdienst gewesen, wenn er sich allein, ohne jeden Schuss, der die rohen, vaterlandslosen Revolutionäre und Wüstlinge hingestellt hätte, um sich misshandeln zu lassen.
Nur die Revolutionäre sind schuld an unserem Unheil, kein bayerischer Fürst.

Otto von Tegernsee



Eingesandt. (5. Oktober 1926)

Für unter dieser Rubrik Veröffentlichtes übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.

Eine simple Betrachtung.

„Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus!“ Beinahe wäre am 1. September l. Js. in Kötzting so ein großes Ereignis eingetreten. Es sollte nämlich ein Bewohner von Kötzting, der schon 30 Jahre seines Lebens in sehnsüchtiger Ruhe das Pflaster von Kötzting abgetreten hat, plötzlich zu einem Arbeitstier werden, aber — und jetzt kommt der Schatten von dem den schon gesprochen wurde — es war wieder nichts mit der Arbeit des berufenen Herrn. Denn es war nicht mehr möglich, für eine republikanische Heimatzeitung einen Redakteur aus dem Königreich Kötzting aufzustellen.

Die Ursache, dass obengenanntes großes Ereignis nicht eintrat, war der im Monat August in Kötzting abgehaltene weiß-blaue Tag. Der kolossale Erfolg, die ungeheuren Menschenmengen — es nahmen am Festzuge trotz des schlechten Wetters 121 Vereine mit 107 Fahnen teil — haben selbstverständlich den Neid und die Wut unserer Gegner erweckt; sie machten ihrem Ärger in ihren Zeitungen in teils mehr, teils minder geschmackvollen Ausführungen Luft und sogar noch jetzt ist die „Chamer Heimatzeitung“ so liebenswürdig, die Erinnerungen an diese schönen Tage wieder aufzufrischen; nämlich durch einen Artikel vom 2. Oktober 1926 mit der Überschrift: „Habt Mitleid mit den Simpeln!“
Der erste Satz dieses niedlichen Geschreibsels lautet: „Wir haben doch gleich die Gratulanten des Herrn Otto von Tegernsee anlässlich seines 50jährigen Erdendaseins tituliert?“ Nach mehrmaliger Lektüre dieses Satzes musste ich mir allerdings sagen, dass die Ueberschrift des Artikels gar nicht so schlecht gewählt ist. Dass ich als „Simpel“ den Sinn obiger Zeilen nicht ergründen kann, ist mir vollständig klar; bewundern jedoch muss ich die Intelligenz der Redaktion der „Chamer Heimatzeitung“ und ihrer Anhänger, für die es doch ganz selbstverständlich ist, dass sie wissen, was diese Zeilen bedeuten sollen. Vielleicht erfüllt die Redaktion der Chamer Heimatzeitung die Bitte vieler „Simpel“ um nähere Aufklärung über diesen Satz.
Oder sollte dieser Artikel, ebenso wie jener der Chamer Heimatztg. vom 25. August 1926 nur in der auswärtigen Auflage erschienen sein und in der Chamer Auflage nicht? Oder betrachtet die Chamer Heimatzeitung nur die ländlichen Leser für so dumm, dass sie sich getraut, ihnen einen solchen Unsinn vorzusetzen?
Seit dem nun wie es wolle, fraglicher Artikel befasst sich mit Zugordnung anlässlich der Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Rupprecht von Bayern, die anlässlich des weiß-blauen Tages in Kötzting herausgegeben wurde. Da, wie bereits erwähnt, 121 Vereine an der Feier teilnahmen, wurde obenerwähnte Zugordnung herausgegeben, um jedem Vereine und jedem Teilnehmer seinen Platz anzuweisen, um die Feier einheitlich zu gestalten, mit einem Wort, um die Ordnung und Disziplin, wie wir sie von unserer früheren monarchistischen Dienstzeit her gewöhnt waren, wieder aufleben zu lassen.
Dass es den Republikanern auffallen muss, wenn in der jetzigen Zeit wieder einmal etwas mit Ordnung und Disziplin durchgeführt wird, ist ja weiter nicht zu verwundern; denn in der Zeit der Republik haben wir die Ordnung gründlich verlernt und ich kann ganz gut verstehen, dass diese Leute auf uns, die wir die Ordnung lieben und wieder herstellen wollen, mitleidig herabsehen und uns „Simpel“ heißen, denn ohne Ordnung kommt man wesentlich weiter, das haben uns die letzten 8 Jahre recht deutlich gelehrt.
Und nun noch einige Worte über Ihre Freunde aus Kötzting, liebe Redaktion der „Chamer Heimatzeitung“. Wir kennen diese Herren recht gut und neiden ihnen diese Freundschaft nicht. „Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist!“ Einer Ihrer Freunde, der sich in Kötzting durch den Artikel „Königreich Kötzting“ einen sehr guten Namen geschaffen hat, der in seiner blinden Wut nicht einmal vor den Kindern Halt machte, hat sich nicht entblödet, anlässlich einer Feierordnung in Kötzting in den Reihen des Kriegervereins, dessen Mitglieder nach Ihrem Artikel doch auch zu den „Simpeln“ gehören, mitzumarschieren, ohne Mitglied des Kriegervereins zu sein. Eine echt jüdische Frechheit!!

Oder sollte es nur Dummheit dieses Herrn gewesen sein, dann trifft das Sprichwort, mit dem der fragliche Artikel in der „Chamer Heimatzeitung“ beendet wird, „Gegen die Dummheit kämpfen bekanntlich selbst Götter vergebens“, wirklich im vollsten Maße zu.

So endete eine Auseinandersetzung, die weit mehr über die politischen Befindlichkeiten ihrer Zeit verrät als über den eigentlichen Anlass. Während Monarchisten und Republikaner noch um die Deutung des Heimattages stritten, hatte der Gast, um den sich alles drehte, längst seine eigenen Eindrücke gewonnen. Sein veröffentlichtes Dankschreiben an die Kötztinger Bevölkerung möge daher den Schlusspunkt unter dieses bemerkenswerte Nachspiel setzen.

Zum Abschluss dieses Kötztinger großen Heimattages hier noch die Dankadresse an die Kötztinger vom Ortsleiter des Heimatbundes des Tierarztes Kirschner.

"Vermischte Nachrichten.

Kötzting, 25. Aug. Se. Kgl. Hoheit Kronprinz Rupprecht hat mich beauftragt, nochmals Allen am weißblauen Heimattag beteiligten Personen Seinen herzlichsten Dank auszusprechen, insbesondere den einzelnen Vereinen, die es sich trotz der Ungunst der Witterung nicht nehmen ließen an der Feier teil zu nehmen. Die Ortsgruppe Kötzting dankt allen, die sich in so selbstlosester Weise in den Dienst des weißblauen Tages gestellt haben, auf das Herzlichste.
Insbesondere danken wir dem Krieger- und Veteranenverein, dem Männer-Gesang- und  Orchesterverein, dem Turnverein und den Zöglingen der St. Josefspflege, die durch ihre opferfreudige Mitwirkung an dem Zustandekommen unseres herrlichen Festabends den Hauptanteil trugen.
Herrn 2. Bürgermeister Michl Staudinger danken wir für die so selbstlose Bereitstellung des Quartiers für S. Kgl. Hoheit.
Der Fahnenmutter Frau Bürgermeister Schödlbauer, sowie den Ehrenjungfrauen unseren besten Dank für die liebenswürdige Mitwirkung und Ueberreichung der herrlichen Fahnenbänder.
Herrn Vogl, Lederfabrik, Arrach und Herrn Söffing, Konservenfabrik Kötzting unseren herzlichsten Dank für die liebenswürdige Bereitstellung der Autos.
Zu ganz besonderem Danke sind wir Herrn Dietrich, Vorstand des Veteranen- und Kriegervereins Kötzting, verpflichtet, der in unermüdlicher Arbeit den Festzug auf das Glänzendste organisiert hat.
Den militärischen Doppelposten, sowie der Hartschierehrenwache unseren besten Dank für ihre anstrengende Tätigkeit.



1926 – Ein Jahr zwischen Aufbruch und Vergangenheit

Rückblickend erscheint das Jahr 1926 wie unter einem Brennglas. Kaum ein anderes Jahr der Zwischenkriegszeit hat in Kötzting so viele Entwicklungen gleichzeitig sichtbar gemacht.

Da war zunächst der technische Fortschritt. Am Höllenstein entstand eines der bedeutendsten Kraftwerksprojekte des Bayerischen Waldes. Die Diskussion um die Zellertalbahn und die neue Kraftpostlinie zeigte, wie sehr die Menschen auf bessere Verkehrsverbindungen hofften und wie eng die Zukunft des Bayerischen Waldes mit modernen Verkehrsmitteln verknüpft wurde. Als die Behörden zögerten, schuf der Markt Kötzting kurzerhand Tatsachen und nahm eine eigene Buslinie ins Zellertal in Betrieb.

Gleichzeitig erlebte das Vereinsleben einen bemerkenswerten Aufschwung. Mit der Einweihung der neuen Jahnhalle erhielt der Turnverein ein sichtbares Zeichen seiner Stärke. Das Volksfest zog Besucher aus nah und fern an, die Feuerschützen errichteten ihr neues Schützenheim und zahlreiche Vereine prägten das gesellschaftliche Leben der Marktgemeinde.

Doch 1926 war nicht nur ein Jahr des Fortschritts. Es war auch ein Jahr, in dem die politischen Spannungen der Nachkriegszeit offen zutage traten. Der Besuch Kronprinz Rupprechts und der Weiß-Blaue Tag machten sichtbar, dass die Ereignisse von 1918 keineswegs vergessen waren. Monarchisten und Republikaner stritten nicht nur über die Zukunft Bayerns, sondern auch über die Deutung der Vergangenheit. Die heftigen Auseinandersetzungen in den Zeitungen zeigen, wie tief die Gräben selbst acht Jahre nach dem Ende der Monarchie noch waren.

Gerade deshalb ist das Jahr 1926 heute so interessant. Zwischen Kraftwerk und Pferdefuhrwerk, zwischen Autobus und Bahnprojekten, zwischen Turnhalle und Volksfest, zwischen Heimatpflege und politischer Polarisierung begegnen wir einer Gesellschaft im Wandel. Vieles, was später für Jahrzehnte das Gesicht Kötztings prägen sollte, lässt sich hier bereits erkennen.

So bleibt 1926 nicht nur als Jahr großer Feste und bedeutender Bauvorhaben in Erinnerung, sondern auch als ein Jahr, in dem sich Hoffnungen, Konflikte und Zukunftsvorstellungen einer ganzen Generation besonders deutlich widerspiegeln.

 


Chroniken  Diese Jahreschronik ist zum Beispiel in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken und der Jahreszahl 1926 zu finden.



Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.

Viel Freude beim Entdecken!

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