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Freitag, 16. Oktober 2026

Wenn das Recht versagt ...... oder versagt wird Teil 2

 

 Der Briefwechsel von 1936 und 1937

Die Vorstellung dieser Briefsammlung besteht aus zwei miteinander verbundenen, aber eigenständigen Beiträgen.
Im ersten – dem hier vorliegenden – Beitrag wird der Inhalt der einzelnen Briefe in knapper Form zusammengefasst. Besonders aussagekräftige oder wichtige Passagen werden als Zitate wiedergegeben. Soweit es zum Verständnis erforderlich ist, werden außerdem der politische, zeitgeschichtliche oder familiäre Kontext erläutert und entsprechende Zusammenhänge kommentiert.
Am Ende jeder einzelnen Erläuterung besteht die Möglichkeit, den vollständigen Brief über einen Link im Original sowie zusätzlich in einer vollständigen Übertragung aufzurufen und zu lesen.
Diese vollständigen Briefe bilden den zweiten, parallel angelegten Beitrag der Dokumentation.

Hier die beiden vorgelagerten Beiträge:
die Einleitung zu diesem ganz besonderen Fund
Überraschung beim Netzwerktreffen "Jüdisches Leben in der Oberpfalz"

Frau Alice Kirschner, geb. Klein in Tirschenreuth
Foto aus der Datenbank von Yad-Vashem in Jerusalem, abgegeben von ihrer Tochter Susanne Kirschner



21.6.1933 Erfurth

Es gibt einen "Ausreißer" in dieser Sammlung von Schriftstücken und der stammt bereits aus dem Frühsommer 1933 und ist nicht ganz leicht zu interpretieren.
Er stammt von Hugo Tischler, einem Schwager von Ludwig Klein - allerdings auf einem Briefpapier eines Zahnarztes Dr. Lippmann, bei welchem es sich vermutlich um den "Reinhold" handelt, der am Schluss des Briefes handschriftlich seine Grüße übermittelt. -  und in seinem Brief kündigt Hugo Tischler eine Reise nach Palästina an.

Gerade der erste Brief ist in mancher Hinsicht noch kryptisch und lässt sich hinsichtlich seines Absenders und einzelner Zusammenhänge nicht eindeutig einordnen. Dennoch wird bereits deutlich, dass die Vorbereitungen für die Ausreise nach Palästina weit fortgeschritten sind. Dazu gehören insbesondere die Auflösung des bisherigen Haushalts, der Verkauf von Hausrat sowie die Beschaffung von Waren und finanziellen Mitteln für das geplante Leben bzw. Geschäft bei Ludwig Klein.

Seine besondere Bedeutung liegt darin, dass er bereits für das Frühjahr 1933 konkrete und weitgehend umgesetzte Pläne zur Ausreise aus Deutschland erkennen lässt. Die bereits feststehenden Reisedaten und die parallel betriebene Auflösung des Haushalts machen deutlich, dass es sich nicht mehr nur um Überlegungen oder Zukunftspläne handelte, sondern um konkrete Vorbereitungen für den Neuanfang bei Ludwig Klein in Palästina

Sammlung Shelly Feder

Hier meine Interpretation dieses -wie oben bereits nageführten "kryptischen" - Briefes, nennen wir es eine Arbeitshypothese:

  • Hugo Tischler kann kaum derjenige sein, der mit diesem Brief seine eigene Auswanderung ankündigt. Wenn aus den späteren Quellen feststeht, dass Hugo in Deutschland bleiben und später ermordet werden wird, muss seine Rolle anders verstanden werden.
  • Die erwähnte Friedel könnte Friedel Klein sein. Ein späterer Briefwechsel, in dem Friedel Klein von einem Ort in Palästina aus eigener Anschauung berichtet, wäre hierfür ein zusätzliches Indiz.  
  • Gleichzeitig sind die Aussagen über die Wohnungsauflösung und die konkrete Abreise eindeutig. Es geht nicht lediglich um einen Besuch oder eine vorübergehende Reise. Der Haushalt wird aufgelöst, Geld und Waren werden vorbereitet, ein Auto wird mitgenommen und konkrete Reisedaten werden genannt.
  • Daraus ergibt sich eine interessante Möglichkeit: Dr. Reinhold Lippmann könnte derjenige sein, der aus Deutschland auswandert, während er Familienangehörige bzw. Bekannte – möglicherweise die Familie Tischler und Friedel Klein – auf dieser Reise nach Palästina mitnimmt. Für diese Personen kann die Fahrt eine „Reise“ sein, während sie für Lippmann den Charakter einer dauerhaften Auswanderung besitzt.
  • Die folgenden Briefe sind in dieser Hinsicht wesentlich eindeutiger und ermöglichen es, die Ereignisse und die beteiligten Personen Schritt für Schritt genauer nachzuzeichnen. Aber hier zunächst der link auf den Originalbrief und die Übertragung.

    Hier geht´s zum original Brief vom 21.6.1933

     



    24.3.1936 Haslau

    Nun folgt zunächst eine Lücke von fast 3 Jahren, bevor der eigentliche und häufig zusammenhängende Briefwechsel einsetzt.
    Valerie Stingl schreibt an ihren Bruder in Tel-Aviv und hat keine schönen Nachrichten für ihn.

    Valerie bestätigt den Erhalt von Ludwigs vorherigen Brief und bedankt sich für seine Geburtstagswünsche. Sie hätte ihn und seine Familie gerne im April in Palästina besucht, kann dies aber wegen ihres Mannes zunächst nicht verwirklichen. Sie hofft, den Besuch später nachholen zu können.

    Besonders ausführlich schildert Valerie die Situation der Familie in Deutschland. Sie ist erleichtert, dass ihre Angehörigen bislang vergleichsweise wenig unter den politischen Verhältnissen zu leiden haben, sieht aber die zunehmende Unsicherheit und Sorge um ihre Zukunft.  

    "Ein Glück ist, dass lieber Max sich nicht naturalisieren ließ und dadurch seinen tschechoslowakischen Pass hat, mit dem er jederzeit herüber fahren kann. Ebenso die Kinder. Siddy fährt zweimal in der Woche nach Eger um Englisch- und Turnstunden zu nehmen. Auch Betti kommt manchmal zu Ida. So haben sie doch etwas Abwechslung. Es wurden schon vielen deutschen Juden die Pässe abgenommen daher traut sich liebe Frieda nicht, nach Eger zu fahren. Sie will doch ihren Pass nicht verlieren."

    Kurz zur Einordnung der Personen: Siddy und Betty sind die Kinder ihrer schwer kranken Schwester Paulina und deren Mann Max Pick, von dem ja in dem Brief auch die Rede ist.


    Valerie berichtet kurz über die Familie und deren Alltag. Sie bedauert, dass Max nicht mehr ins Gasthaus geht, um seine Freunde nicht durch mögliche Auseinandersetzungen mit „fremden Radikalen“ in Schwierigkeiten zu bringen. Stattdessen soll er gelegentlich nach Eger fahren, wo er weiterhin gern gesehen ist.

    Sammlung Shelly Feder

    Hier der link zum geht´s zum Originalbrief vom 24.3.1936


    27.6.1936  Tirschenreuth


    Frieda Klein und Alice Kirschner, die aus Kötzting angereist ist, um bei der Pflege der todkranken Schwester Paula Pick zu helfen, berichten nach Tel-Aviv und sind gleichzeitig in Sorge wegen der Berichte über Spannungen in Palästina.

    Frieda berichtet ausführlich über den sich dramatisch verschlechternden Gesundheitszustand ihrer Schwester Paula. Eine Wunde ist inzwischen so groß, dass der behandelnde Arzt keine Aussicht auf Heilung mehr sieht. Eine jüdische Krankenschwester aus Nürnberg musste kurzfristig abberufen werden; Frieda hofft nun auf eine erfahrenere Pflegerin. Die Familie versucht, Paula trotz ihrer schweren Erkrankung die bestmögliche Pflege und möglichst viele Besuche ihrer Angehörigen zu ermöglichen.

    Besonders bedrückt Frieda die Situation in Palästina. Interessant ist in diesem Zusammenhang Friedas Bemerkung zu Fritz' Bericht über dessen Ausflug in Palästina. Sie schreibt, dass sie „die meisten Orte kannte“, weil sie selbst dort gewesen war. Dies stärkt die Vermutung, dass es sich bei der im Brief vom 21. Juni 1933 erwähnten „Friedel“, die gemeinsam mit Reinhold und weiteren Angehörigen die Reise nach Jaffa antreten sollte, tatsächlich um Frieda Klein gehandelt haben könnte. Gleichzeitig verfolgt sie die zunehmenden Unruhen mit großer Sorge. Eine Zeitungsmeldung über die Bewaffnung von 60.000 Beduinen beunruhigt sie besonders:

    „Die Sache scheint ernster zu werden, als von allen Seiten vermutet wurde.“

    Sie macht sich große Sorgen um Ludwig und seine Familie und rät davon ab, die Kinder während der Ferien in eine Kwuzah zu schicken. Angesichts der unsicheren Lage erscheine es ihr sicherer, sie in Tel Aviv zu behalten.

    Der Brief zeigt damit neben der persönlichen Sorge um die schwerkranke Paula sehr deutlich, wie aufmerksam und besorgt die Familie in Deutschland die politischen und gewaltsamen Entwicklungen in Palästina verfolgt.

    Sammlung Shelly Feder Brief von Frieda Klein und Alice Kirschners handschriftlicher Zusatz

    Handschriftlicher Zusatz von Alice: Auch Alice berichtet von der Belastung durch die Arbeit im Haus und teilt Friedas Sorge über die Nachrichten aus Palästina.

    Auf der Rückseite handschriftlich von Max Pick.
     
     
    In dem Brief ist die Rede von einem geplanten Aufenthalt in einer Kwuzah für den jungen Fritz Klein.
    Es scheint dies die Vorbereitung auf bzw. der Vorläufer der Kibbutzbewegung gewesen zu sein.
    Im Internet findet sich diese Zusammenfassung zu Beginn einer ganzen Abhandlung über das neue Leben im Erez Israel:
    "Kwuzah (hebräisch קבוצה, „Gruppe“) bezeichnete eine kleine jüdische Kollektiv- bzw. Gemeinschaftssiedlung, vor allem mit landwirtschaftlicher Ausrichtung. Die Bewohner lebten und arbeiteten gemeinschaftlich und teilten in der ursprünglichen Form weitgehend Besitz und Einkommen. Die Kwuzah gilt als Vorläufer bzw. frühe Form des späteren Kibbuz. In den 1920er und 1930er Jahren wurde zwischen kleineren Kwuzot und größeren Kibbuzim unterschieden, wobei die Grenzen zunehmend verschwammen."
    Quelle: Quelle: Hope-Simpson Report, 1930; Jewish Virtual Library, „Kibbutz Movement“.

    Hier der link zum Originalbrief vom 27.6.1936


    11.7.1936 Kötzting 

    In direktem Zusammenhang steht der Brief Alices an ihren Bruder, die von derselben Leidensgeschichte ihrer Schwester Paula schreibt, nachdem sie wieder in Kötzting angelangt ist. 


    Alice Kirschner, geb. Klein
     


    Alice berichtet von ihrem dreiwöchigen Aufenthalt in Tirschenreuth, wodurch sich Paula und die übrige Familie etwas erholen konnten. Durch ihre Mithilfe im Haushalt konnte sie Frieda und Siddy entlasten.
    In Tirschenreuth lebten damals noch zwei Schwestern. Die todkranke Schwester Paula - verheiratet mit dem Inhaber des elterlichen Geschäfts Max Pick - und deren ledige Schwester Frieda.  Das Ehepaar Pick hatte zwei Töchter  Siddy und Betty. 
    Die im Brief erwähnte schwerkranke Paula (Klein, verh. Pick) verstarb nur wenige Wochen nach diesem Brief, am 13.8.1936 in Tirschenreuth, mit gerade mal 47 Jahren.
    Die zweite Schwester, Frieda, wurde nun die Betreuerin der beiden Mädchen. Siddy konnte später ebenfalls nach Palästina entkommen, Betty wurde im Juni 1942 von Berlin aus nach Osteuropa deportiert, wo sie in Majdanek umkam.

     


    Große Sorge bereitet ihr die Erkrankung ihres Sohnes Alfred, der plötzlich operiert werden musste und beschwert sich über die Behandlungskosten, die dabei entstanden sind.. Gleichzeitig denkt sie mit großer Trauer an die schwerkranke Paula:

    „Es ist so schmerzlich, wenn sie einem ansieht mit ihren schönen Augen und man weiß, sie werden sich bald für immer schließen.“

    Auch die Nachrichten aus Palästina beschäftigen Alice sehr. Sie sorgt sich nicht nur um die Sicherheit von Ludwig und seiner Familie, sondern vor allem darum, dass die dort geleistete Arbeit und die aufgebauten wirtschaftlichen Existenzen durch die Unruhen und den Streik zunichtegemacht werden könnten:

    „… dass die viele Arbeit, Mühe und Hoffnungen stündlich zunichte gemacht werden ist so bedrückend.“

    Sie fragt besorgt, ob der Streik ein Ende nehmen und die Familie wirtschaftlich durchhalten könne. Abschließend berichtet sie noch kurz über ihre Kinder und die ruhige Geschäftslage in Kötzting.

    "Susi schwimmt schon gut. Sie wird ein richtiges Sportmädel. Nur ihre Nasen machen mir Sorgen. Ich fürchte sie werden so durch die Nase sprechen wie Julius. Ich habe sie schon oft untersuchen lassen. Es ist keine Wucherung da, nur Alfred hat hinterm Trommelfell eine starke Wucherung.

    Weitere Kleinigkeiten aus dem Brief sind es wert, genauer hinzuschauen:
    Alice spricht vom 2. Tag Schawuot, als Alfred krank geworden war.

    Am 2. Sch´wuo?tag

    Ich konnte das Wort nicht nur nicht genau entziffern sondern hatte auch überhaupt keine Ahnung, was sich dahinter verbergen könnte. Bei allen den vielen Beleidigungen und Unverschämtheiten, die man so in Facebook täglich lesen kann, gibt es dort doch Räume, in denen freundlich und hilfreich miteinander umgegangen wird und solche Bereiche sind zum Beispiel die verschiedenen Familienforschungsgruppen.
    In der Gruppe "Tracing the Tribe", einer FB -Gruppe für jüdische Genealogie hochgeladen, bekam ich bereits nach wenigen Minuten die Lösung präsentiert: es ist der Schawuot-Feiertag und zusätzlich bekam ich noch den Hinweis, dass dies im Jahre 1936 der Donnerstag, der 28. Mai, gewesen sei.
    In Wikipedia findet sich dazu die folgende Erklärung: 

    Die Festtage, die im Judentum als hebräisch ימים טובים jamim towim, deutsch ‚gute Tage‘ 
    ‚Festtage‘ bezeichnet werden, sind halachisch (laut jüdischem Religionsgesetz) so definiert:

    Die sechs Tage, an denen die Tora Arbeitsverbot gebietet, sind der erste und der 

    siebte Tag des Pessachfestes, der erste und der achte Tag des Laubhüttenfestes 

    (Sukkot), das Wochenfest (Schawuot) sowie der erste Tag des siebten Monats 

    (Rosch ha-Schana). Diese Tage werden als Feiertage (Jamim towim) bezeichnet.[1]

    Schawuot ist also einer der Festtage, an denen die Tora ein Arbeitsverbot gebietet.

    Das nächste ist die Passage im Brief, die von einer schwierigen Situation und einem Streik in Palästina - damals ein britisches Protektorat - spricht und auch dazu gibt es einen Hintergrund:

    Ereignisse in Palästina 1936  (kopiert von Al Gemini)

    Das Jahr 1936 war ein entscheidendes und turbulentes Jahr im britischen Mandatsgebiet Palästina, geprägt vom Beginn des Arabischen Aufstands, einer großen Revolte der palästinensischen Araber gegen die britische Mandatsregierung und die wachsende jüdische Bevölkerung (die Yishuv).

    Hier sind die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1936:

    •    Beginn des Großen Arabischen Aufstands: Der Aufstand begann offiziell im April mit einer Reihe gewalttätiger Zwischenfälle und einem Aufruf arabischer Politiker zu einem landesweiten Generalstreik. Auslöser war die Ermordung zweier jüdischer Männer durch eine arabische Gruppe, woraufhin jüdische Bewaffnete zwei arabische Arbeiter töteten. Diese Ereignisse eskalierten zu weit verbreiteten Unruhen und Gewalttaten.

    •     Der Arabische Hohe Ausschuss: Als Reaktion auf die wachsenden Unruhen gründeten arabische politische Parteien im April 1936 den Arabischen Hohen Ausschuss (AHC) unter dem Vorsitz des Großmuftis von Jerusalem, Hajj Amin al-Husseini. Die Ziele des AHC waren die Beendigung der jüdischen Einwanderung, das Verbot des Verkaufs von Land an Juden und die Erlangung der nationalen Unabhängigkeit Palästinas. Sie organisierten und koordinierten den Generalstreik und andere Protestaktionen.

    •     Der Generalstreik: Im Mai wurde ein Generalstreik arabischer Arbeiter, Ladenbesitzer und Transportunternehmer ausgerufen, der bis Oktober andauerte. Er war ein wichtiger Bestandteil des Aufstands und sollte wirtschaftlichen und politischen Druck auf die britischen Behörden ausüben. Der Streik führte zwar zu erheblichen Störungen, wurde aber schließlich abgebrochen. Eskalation der Gewalt: Im Laufe des Jahres 1936 entwickelte sich der Aufstand von organisierten Protesten und Streiks zu einem bewaffneten Konflikt. Arabische Rebellen, oft angeführt von Bauern, griffen jüdische Siedlungen, britische Militär- und Polizeieinrichtungen sowie die Infrastruktur an. Die Briten reagierten mit harter Hand, unter anderem mit dem Einsatz von Streitkräften und Kollektivstrafen.

    •  Die Peel-Kommission: Angesichts der eskalierenden Gewalt setzte die britische Regierung eine königliche Untersuchungskommission unter der Leitung von Lord Peel ein, um die Ursachen der Unruhen zu untersuchen. Die Kommission traf im November 1936 in Palästina ein, um Aussagen sowohl arabischer als auch jüdischer Führer anzuhören. Ihre 1937 veröffentlichten Ergebnisse waren ein Meilenstein, da die Kommission zu dem Schluss kam, dass die widersprüchlichen nationalen Bestrebungen der beiden Gemeinschaften unvereinbar seien, und die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat empfahl.

     

    16.8.1936 Tirschenreuth

      Frieda - und Max Pick - berichten vom Tode der Schwester und Ehefrau

    Frieda teilt Ludwig den Tod ihrer Schwester Paula mit. Paula war am Donnerstag um 2.10 Uhr nachts nach langer schwerer Krankheit „sanft und ruhig, wie sie gelebt hatte“ verstorben. Frieda, Alice und Max waren bis zu ihrem letzten Augenblick bei ihr. Die Familie hatte in den vergangenen Monaten alles getan, um Paula zu pflegen und ihr die letzten Monate so angenehm wie möglich zu machen.
    Besonders eindringlich schildert Frieda die letzten Tage und Stunden, in denen sich Paulas Zustand zunächst noch einmal scheinbar besserte, bevor der Arzt schließlich am Abend mitteilte, dass sie die Nacht nicht mehr überleben werde. Die Familie erlebte diese letzten Stunden als besonders schmerzvoll.
    „Nun ist alles vorbei, Paula hat ihr armes, bescheidenes Dasein, dass ihr so viel Leid und so wenig Freude bescherte, ausgelebt und eine größere Lücke hinterlassen als ein gesunder Mensch.“
    Die Beisetzung fand bereits am folgenden Tag in Floß statt. Valerie war mit Ida und Pepe gekommen und brachte Rosa mit, die zunächst bei der Familie blieb. Frieda beschreibt die plötzliche Leere nach Paulas Tod und die Schwierigkeit, sich daran zu gewöhnen, dass die bisherige Pflege und Fürsorge nicht mehr nötig sind.
    Zum Schluss betont sie, wie sehr insbesondere Max unter Paulas letzten Stunden gelitten habe, zugleich aber Trost darin finde, dass er ihr durch seine Liebe und Anteilnahme ihre letzte Lebenszeit erleichtern konnte. Besonders bewegend ist Friedas Rückblick auf die letzten Monate:
    „… gerade die letzten Monate ihres Lebens zählen zu ihren schönsten, weil jeder bemüht war, ihr nur Liebes und Gutes zu erweisen.“
     

    Hier der link zum Originalbrief mit der Übertragung





    25.9.1936

    Friedl fährst zusammen mit Betty nach Kötzting und berichtet darüber nach Tel-Aviv.
    es ist eine sehr langes und ausführliches Schreiben.

    Frieda berichtet zunächst von ihrem Aufenthalt in Kötzting. Alice sei wegen ihrer schwierigen finanziellen Lage sehr nervös und verzweifelt. Besonders belastet sie ein neuer Steuerbescheid, durch den Julius aufgrund einer aus Friedas Sicht völlig falschen Berechnung mehr als 100 RM Einkommensteuer nachzahlen muss. Als Hauptursache der Verschuldung sieht Frieda das wenig rentable Rohprodukten-Geschäft und die damit verbundenen hohen Kosten.
    "Die Hauptschuld trug ja bis jetzt das Rohprodukten Geschäft, das viel zu viel Spesen verschlang. Die beiden Autos, das Personen und das Lastauto, das sie sich nur wegen der Rohprodukten anschafften, realisieren sie nicht und das hängt Ihnen heute noch nach, wie man bei uns zu sagen pflegt. Dann kann man noch die Konjunkturverluste hinzu, die gerade damals begannen, als Alice heiratete und das hält ein Anfänger nicht aus, wenn er wenig Betriebskapital hat."

    Sie versucht Alice Mut zu machen und unterstützt sie dabei, künftig durch eine bessere Buchführung den Überblick über die Geschäftslage zu behalten.
    Auf der Rückfahrt ließ Frieda Betti in Weiden erneut untersuchen. Der Nervenarzt Dr. Barth zeigte sich mit ihrem Zustand zufrieden und empfahl zusätzlich eine Untersuchung bei einem Spezialisten für Gehirnerkrankungen in Würzburg. Frieda will diesen Rat gemeinsam mit Betti noch im Herbst befolgen.

    Ausführlich schildert sie anschließend Paulas letzte Krankheitstage und ihren Tod. Die schweren Wunden, unter denen Paula lange gelitten hatte, waren zuletzt teilweise verheilt und auch ihre Schmerzen hatten nachgelassen. Ihr Tod sei schließlich vermutlich durch eine sogenannte Schluck-Lungenentzündung ausgelöst worden. Nach hohem Fieber und zunehmender Herzschwäche verschlechterte sich ihr Zustand innerhalb von zwei Tagen. Bis zuletzt war Paula offenbar weitgehend bei Bewusstsein. Frieda ist tief traurig darüber, dass ihre Schwester bereits im Alter von 47 Jahren sterben musste.
    Zum Schluss äußert sie ihre Sorge um Ludwig und seine schwierige wirtschaftliche Situation und berichtet noch von den verschickten Daunendecken sowie Max’ Fahrt nach Eger zu Jom Kippur.

    Hier ist erneut der link zum Originalbrief und die Übertragung


    19.10.1936


    die "Braun-Verwandtschaft", also die Seite von Ludwig Kleins Ehefrau Friedl, eine geborene Braun,  schreibt nach Tel-Aviv

    Trude (=Gertrude)  berichtet von einer zehntägigen Erholungsreise mit Hugo nach Godesberg, Bonn und Köln, die ihnen trotz der kurzen Dauer viele schöne Eindrücke gebracht habe. Vor alem die Schilderung 

    Mit Sorge fragt sie nach der inzwischen offenbar schwieriger gewordenen Situation der Familie in Palästina und insbesondere danach, ob sich eine Weiterführung des Geschäfts noch lohne. Auch Friedas geplanten Umzug in Palästina hinterfragt sie wegen der damit verbundenen Kosten und Arbeit.


    Sammlung Shelly

    Einen großen Teil des Briefes nimmt der Versand von Kleidung und anderen Geschenken nach Palästina ein. Trude erkundigt sich, ob Blusen und ein Rockanzug angekommen sind, und kündigt weitere Pakete mit Kleidung für Fritzl und Micha an. Auch zu den Geburtstagen der Kinder möchte sie etwas schicken.

    Aus Berlin berichtet sie von einer ruhigen Situation in Hugos Praxis. Gleichzeitig erwähnt sie, dass mehrere Familien aus seinem Patienten- und Bekanntenkreis inzwischen nach Palästina ausgewandert seien. Steffi (die 2. Tochter) arbeitet derzeit beim Provinzialverband; außerdem steht offenbar eine bevorstehende Prüfung an.

    In den persönlichen Zeilen an Fritzl und Micha erkundigt sich Trude nach ihrem Alltag, ihren Hobbys, Tieren und dem Fotografieren. Sie bemüht sich sichtbar, trotz der räumlichen Entfernung den Kontakt zu den Kindern aufrechtzuerhalten.

    Hier gehts erneut zum Originalbrief mit der Textübertragung



    29.1.1937  

    Hermann Braun schreibt an seinen Bruder Fritz, der bereits in Palästina ist und natürlich in Kontakt mit dem Ehepaar Klein ist.
    en, dass Frieda und Ludwig eine Erklärung für das deutsche Konsulat in Jaffa unterschreiben und schnellstmöglich an ihn zurücksenden. Das Gericht habe dafür eine Frist bis Ende Februar gesetzt. Außerdem berichtet er, dass er wegen Fritz’ eigener Angelegenheit mit Carl gesprochen habe. In Berlin sei bestätigt worden, dass Fritz ohne Bedenken nach Breslau kommen könne, da er Vertreter deutscher Fabriken sei.



    Da die Leipziger Messe am 28. Februar 1937 beginnt und dort zahlreiche Fabrikanten anwesend sein werden, empfiehlt Felix Fritz, seine Reise rechtzeitig vorzubereiten und möglichst pünktlich zur Messe nach Deutschland zu kommen. Er bittet um baldige Nachricht, wann Fritz erwartet werden könne.

    Ja – gerade im Zusammenhang mit diesem Brief ist das ein wichtiger Punkt, der für heutige Leser erklärt werden sollte. Allerdings würde ich nicht zu stark aus heutiger Sicht urteilen, sondern auf den zeitlichen Abstand und die damalige Wahrnehmung hinweisen.

    Für heutige Leser mag es zunächst befremdlich wirken, dass Fritz, nachdem er Deutschland verlassen hatte, wenige Jahre später offenbar plante, wieder geschäftlich nach Deutschland zu reisen. Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die weitere Entwicklung Europas und insbesondere die bevorstehende Katastrophe des Nationalsozialismus für die Familie zu diesem Zeitpunkt noch nicht in ihrer ganzen Dimension absehbar war. Der Brief zeigt vielmehr, dass geschäftliche Beziehungen nach Deutschland trotz der bereits bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ausgrenzung weiterhin eine praktische Rolle spielten. Fritz’ Bruder bemüht sich sogar ausdrücklich darum, seine Reise zur Leipziger Messe zu ermöglichen und versichert ihm, dass er als Vertreter deutscher Fabriken „ohne Bedenken“ nach Deutschland kommen könne.

    Gerade aus heutiger Perspektive erhält diese scheinbar selbstverständliche Korrespondenz eine bedrückende Bedeutung: Nur wenig später sollte eine Rückkehr nach Deutschland für viele der bereits ausgewanderten jüdischen Menschen nicht mehr selbstverständlich oder ungefährlich sein.


    Hier der link zum Digitalsat und der wortwörtlichen Übertragung 


    18.2.1937

     Max Pick, der Witwer der verstorbenen Paula Pick, geborene Klein, ist schwer an Diabetes erkrankt und ist auf Kur in Karlovy Vary, Karlsbad. Er schreibt eine sehr "gewöhnungsbedürftige" Handschrift, die mich an zwei/drei Stellen überforderte, was jedoch den Inhalt des Briefes nicht verfälschen wird.

    Sammlung Shelly

     Max berichtet aus Karlsbad, wo er sich wegen seiner Zuckerkrankheit einer gründlichen ärztlichen Behandlung unterzieht. Der Arzt habe ihm anfangs wenig Hoffnung gemacht, behandle ihn aber sehr sorgfältig, und Max befolge dessen Anweisungen genau. Die Lebenshaltungskosten seien niedrig, auch wenn noch Kosten für Ärzte und Untersuchungen hinzukämen. Er hofft außerdem auf die zugesagten Devisen.
    Seinen Aufenthalt in der Tschechoslowakei erlebt Max offenbar ausgesprochen positiv. Besonders hebt er hervor, dass man dort nicht als „Mensch zweiter Klasse“ behandelt werde – ein deutlicher Gegensatz zu den Verhältnissen im nationalsozialistischen Deutschland. An seine Angehörigen schreibt er deshalb: „Kinder, ihr sollt jeden Tag Gott danken, dass ihr dort seid, bei uns ist es mehr als ekelhaft.“
    Daneben berichtet er von einem Besuch seiner Prager Verwandten und einem Gespräch über die Möglichkeit, Fritz nach Prag zu geben. Näheres will er nach seiner Rückkehr mitteilen. Trotz des kalten und unfreundlichen Wetters gefällt ihm der Aufenthalt, nicht zuletzt wegen der vielen Cafés und der Möglichkeit, verschiedene Zeitungen zu lesen.

    Hier wieder der link auf den Original-Gesamtbrief mit der wortwörtlichen Transkription


    15.6.1937

    Brief von Willi Braun an Friedl und Ludwig vor seiner Auswanderung nach Uruguay

    In seinem Brief vom 15. Juni 1937 aus Breslau berichtet Willi Braun zunächst von seinem gut verheilten Bein und bedauert, dass er Frieda und Ludwig vor seiner Auswanderung nach Uruguay nicht mehr besuchen kann. Dennoch hofft er, dass sich die Familie „doch noch alle in wenigen Jahren sehen“ werde.

    Sammlung Shelly Feder: Brief von Willi Braun 


    Seine Auswanderung ist inzwischen konkret vorbereitet: Die Papiere sind fertig, am 28. Juli 1937 soll er mit dem Schiff Lipari nach Uruguay reisen. Dort möchte er möglichst wieder in seinem künstlerischen Beruf arbeiten. Gleichzeitig berichtet er von seiner zweiten Plastik und möchte Frieda und Ludwig später eine Aufnahme davon schicken.

    Ausführlicher geht Willi auf die schwierige Situation seines Bruders Fritz ein. Er versucht ihm Mut zu machen und warnt davor, die eigenen negativen Erfahrungen auf jede Auswanderung zu übertragen. Zugleich fordert er Fritz auf, selbst aktiv zu werden und sich mit seinen Brüdern auseinanderzusetzen.

    Daneben gibt der Brief einen interessanten, teilweise recht kritischen Einblick in die familiären Verhältnisse und enthält mit den Nachrichten über Steffl, Fritz und Micha auch einen persönlichen familiären Teil.


    Auch hier wieder der link auf den Originalbrief und die wörtliche Übertragung

     

    1.9.1937

    ca. 1.9. 1937: undatierter Brief von Alice an den Bruder in Tel-Aviv. Wir wissen, dass die Familie Alfred Kirschner, deren Besuch in Kötzting im Brief erwähnt ist, im Sommer 1937 nach Baden-Baden umgezogen waren und es ihnen im Sommer 1938 dort bereits sehr schlecht ergangen ist - Alice hätte sicherlich die Tochter Susanne nicht in ein "Krisengebiet" zum "Ferienmachen" mitgeschickt. Also kann es nur 1937 gewesen sein. Dann ist vom bevorstehenden jüdischen Neujahrsfest die Rede und dieses war im Jahre 1937 vom 5.-7. September. Damit stammt der Brief aus dem Zeitraum von Ende August bis Anfang September 1937.  

     Alfred Kirschner, der Bruder von Julius Kirschner, seine Frau Renate, die beiden Mädchen Margot und Ingeborg und der Sohn Manfred waren im Sommer von Würzburg nach Baden-Baden umgezogen, in der Hoffnung, in dem mondänen und weltläufigen Badeort den Beklemmungen und Verfolgungen weniger ausgesetzt zu sein, als in Würzburg. 
    Der Brief ist gerichtet an Friedl und ihren Bruder Ludwig Klein in Tel-Aviv

     


    Sammlung Shelly Feder
    Der Brief ist so angefüllt mit Sorgen und Emotionen, dass ich ihn, auch wegen der vielen Details für und aus Kötzting hier nicht zusammenfasse, sondern im Original belasse:


    "Meine Lieben! Heute muss ich mich mal zu einem Brief aufraffen. Roch- haschana steht vor der Türe, die Hoffnung auf ein besseres Jahr, aber die Hoffnung in mir ist so gering, die Bangigkeit vor der Zukunft viel größer. Ich wünsche euch von Herzen, dass es euch immer gut gehen möge, gesund und schaffensfroh des Tages Arbeit bewältigen möge. Vor einigen Tagen sandte der Rechtsanwalt Formulare zum Ausfüllen, die ich gestern mit einem Begleitschreiben zurück sandte. Ich habe ihm geschrieben, ob er meint, dass für mich Aussicht bestünde, das Vorzeigegeld zusammenzubringen. Meine Verhältnisse sind nämlich die: mit dem Verkauf des Warenlagers kann ich gut alle meine Schulden begleichen außer Verwandten Darlehen. Von dem Erlös des Hauses und sonstigem was ich nicht mitnehmen, wollte ich das Vorzeigegeld erschwingen. Ich hätte verschiedene Interessenten, die froh wären das Haus um diesen Betrag den wir uns gedacht haben, kaufen zu können, aber dieser Preis muss behördlich bewilligt werden. Der Rechtsanwalt schaut für uns eine Nummer zu bekommen, kümmert sich aber weiter nicht darum, ob wir überhaupt das Vorzeigegeld zusammen bekommen. Man spricht nämlich davon, dass für ein Eiltransfer ein viel höherer Betrag zu entrichten ist als bisher und stimmt dies, dann bringen auch die Tirschenreuther das vorzeige Geld nicht zusammen. deshalb fürchten wir, dass für uns wenig Aussicht besteht, nach Palästina zu kommen. Meine Schwägerinnen sind gestern nach Amerika abgereist. Sie wollen sich für Bürgschaften bemühen, da von Julius viele Verwandte dort leben. Der Ansturm nach Amerika ist so groß, dass mindestens ein bis zwei Jahre vergehen, bis wir drankommen. Ich fürchte sehr, wenn die Verwandten sich nicht sofort kümmern, dass Julius und ich Arbeit bekommen, wir diesen zur Last fallen. Darauf verzichte ich, dann können wir hier auch ausharren. Julius nimmt jede Arbeit an, wenn uns das Geschäft eines Tages nicht mehr ernähren sollte. Die Kinder hoffen wir in einer Familie unterzubringen und dann können wir nachkommen. Wenn wir dann ausreichenden Verdienst haben, können wir die Kinder wieder zu uns nehmen. Eine ganze Familie kann nicht mittellos in einem fremden Land eine Existenz aufbauen. Deshalb wäre mir die Siedlung in Palästina so willkommen gewesen, Julius und ich hätten uns vor der Arbeit nicht gefürchtet, aber wie das Vorzeigegeld zusammenbringen. Ich bin gespannt, was mir der Rechtsanwalt antwortet. Julius liegt zur Zeit im Krankenhaus an Gesichtsrose. Hoffentlich kann er bald als geheilt entlassen werden. Geschäftlich bin ich zufrieden, so dass wir eigentlich nicht daran denken, bräuchten zu verkaufen.



    "Geschäftlich bin ich zufrieden, so dass wir eigentlich nicht daran denken, bräuchten zu verkaufen.
    Wenn wir weiter mit Ware beliefert werden und sonst keine neuen Einschränkungen kommen, könnten wir durchkommen. Die Schulden haben mir mein Leben verbittert, ich möchte mir keine neue Existenz auf Schulden aufbauen, lieber gehe ich hier zu Grunde. Nun weißt du, was ich von der ganzen Auswanderei halte. Eine Siedlung, ja, wenn sie auch nichts abwirft, mein Dach über den Kopf habe ich und was ich sonst zum bescheidenen Leben brauche. Wenn mein Mann noch etwas hinzuverdienen kann, ist noch besser, aber diese Sache hängt davon ab, ob ich das Vorzeigegeld zusammenbringe. Susi ist zur Zeit in Baden-Baden zu Besuch. Ich hatte die ganze Gesellschaft Albert mit Frau und drei Kindern drei Wochen zu Gast. Die Frau jammert und weiß nicht warum. Alberts Gehalt geht weiter, haben eine schöne Villa mit allen Bequemlichkeit und wunderbaren Garten und braucht noch Sommerfrische. Susi haben sie bis zum Schulbeginn mitgenommen. ich kann sie überall beruhigt mitgeben. Sie ist ein feines, vernünftiges Kind, das ist Tante Fridas Werturteil. Mein Bub kommt in ihrer Achtung schlechter weg, aber das macht nichts. Er ist doch ein goldig, lieber Bub. Ich bin gespannt, wie die arme Frieda mit dem Verkauf von Haus und Geschäft fertig wird. Es ist keine Kleinigkeit für eine Frau. Du schreibst von einem bevorzugten Transfer, wahrscheinlich meinst du den beschleunigten. Du glaubst nicht, dass alle Eiltransfer bekommen. Wir hatten es uns schon so schön gedacht, wie wir uns alles einteilen wollten, aber ich wage nicht zu hoffen, dass unser Wunsch, alle beisammen zu sein, in Erfüllung geht. Ich bin ab Montag drei Wochen ohne Mädchen, weil meine Zugehfrau ans Kartoffelgraben geht. Nun könnte ich die schöne luftige Wohnung beziehen, aber da ich nicht weiß, ob ich hierbleiben kann, will ich nicht mehr umziehen. Getrocknete Schwammerl habe ich bestellt. Dieses Jahr gibt es viel. Wenn Julius gesund wäre, würden wir Sonntag durch die Wälder streifen. Mit Albert habe ich kürzlich gesucht. Wir eine reichliche Portion gefunden. Ich habe schon drei Wochen keinen Radio gehört. Haben die Unruhe nachgelassen? Dann wird das Geschäft auch wieder besser werden. Wie könnte das Land sich entwickelt haben, wenn diese furchtbaren Unruhen nicht wären. Hoffentlich brauchst du nicht mehr reisen. In Tel Aviv, besteht keine Gefahr? ist Fritz an der Hochschule in Jerusalem angenommen worden? Man hört doch auch dort von Überfällen. Kannst du ihn außer der Gefahrenzone unterbringen?
    Liebe Friedl, genau so habe ich es mir gedacht mit den Möbeln, ich riet ebenfalls, Frieda ab, den schweren Ledersessel mitzunehmen. Ich habe damals dein Schlafzimmer behalten und meines verkauft, aber diese Möbel werden zu schwer sein. Für Neuanschaffungen muss Exportabgaben, die sehr hoch sind, bezahlt werden. Darum hat es keinen Wert, die alten Möbel zu verkaufen und neue passend zu kaufen. Verbringt die Feiertage recht angenehm und seid herzlich geküsst von eurer Alice"
    Ich habe diesen Brief Brief vor allem, wegen der Angabe des jüdischen Neujahrsfestes auf das Jahr 1937 datiert. Im Jahre 1938 war das Neujahrsfest Ende September und damit bereits weit nach dem Schulbeginn. Eine der Kirschnerschwestern war bereits vor Jahren in die USA ausgewandert und konnte nun die beiden anderen nachholen. Alle drei hatten eine Grundschuld auf dem Hause liegen, deren Zinslast von Julius und Alice Kirschner beglichen werden musste.
    Beim Zwangsverkauf des Hauses Anfang November 1938 wurde diese Grundschuld einfach per Federstrich von der deutschen Seite für Null und Nichtig erklärt und das Haus an einen der NSDAP genehmen Nachfolger zu einem niedrigen Preis verkauft.



    Alice Kirschner spricht in ihrem Schreiben mehrmals einem "Vorzeigegeld", was muss man sich darunter vorstellen?

    Mit „Vorzeigegeld“ wurde das Kapital bezeichnet, das ein jüdischer Auswanderer nach Palästina nachweisen musste, um ein sogenanntes Kapitalisten-Zertifikat (Kategorie A/1) zu erhalten.
    Die britische Mandatsverwaltung verlangte dafür grundsätzlich 1.000 Palästina-Pfund (LP). Das Palästina-Pfund war an das britische Pfund Sterling gekoppelt. Es handelte sich also um eine sehr erhebliche Summe, nicht um eine Gebühr für das Visum. Der Auswanderer musste vielmehr nachweisen, dass ihm dieses Vermögen für den Aufbau einer Existenz in Palästina zur Verfügung stand. 

    Die Höhe änderte sich erheblich über die Jahre. Der nominale Betrag blieb 1.000 Palästina-Pfund, aber der dafür notwendige Reichsmarkbetrag veränderte sich aufgrund der Transferbedingungen erheblich.

    Eine wissenschaftliche Untersuchung nennt beispielsweise:

    Zeitraumerforderlicher Gegenwert für 1.000 LP
    bis 31. März 1936ca. 12.500–15.000 RM
    April 1936 – Februar 1937ca. 17.500 RM
    Februar 1937 – Mai 1938ca. 20.000 RM
    Mai – September 1938ca. 26.660 RM
    Oktober 1938 – September 1939ca. 40.000 RM
        

    Des weiteren erwähnt sie ihre Schwägerinnen, denen sie Geld schulden würden. Aus der Aufschlüsselung der Kirschnerfamilie  zu erkennen ist, sind drei ihrer Schwägerinnen mittlerweile in die USA ausgewandert. Die Älteste Helle noch 1933, die zwei Schwestern dann erst in diesem Jahr.
    Ida Kirschner, verheiratete Seiler, besuchte ihre Schwestern nach dem Kriege in New-York. Von diesem treffen gibt es ein Foto.








    Herbst 1937



    wohl ein bis zwei Wochen nach dem vorherigen Brief, da in dem Brief die Rede davon ist, dass Julius wieder gesund zurück ist, und die Familie die Weihnachtsvergünstigungen der Bahn nutzen möchte, um nach Tirschenreuth zu fahren. Daher die zeitliche Zuordnung zwischen den anderen beiden Briefen. 
    Dieser Brief drückt an vielen Stellen die Verzweiflung aus über all Schwierigkeiten und die ihnen verschlossenen Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen. Auch diesen Brief möchte ich in der ungekürzten Fassung hier belassen:


    Meine Lieben!

    Julius ist Gott sei Dank wieder gesund zurück. Leider werden keine Besuchervisen mehr ausgestellt und nun muss ich euch doch bitten, deinen Vorschlag, unsere Kinder anzufordern, in die Tat umzusetzen. Ich werde einen Antrag stellen. Am Palästina-Amt in München versicherte man mir, dass, wenn du die Kinder anforderst, unsere Kinder bevorzugt sein würden. Nun komme ich auf einen früheren Brief von dir zurück. Du schriebst damals, wenn Valerie die 1000 £ für uns oder Frieda bereitstellen würde. Wie wäre es, wenn die Amerikaner für uns das machen könnten. Ich habe eben an meine Schwägerin geschrieben, sie möchte sich mit unserer Base Lori besprechen, ob sie nicht mithilfe der verschiedenen Verwandten diesen Betrag zusammenbringen und das Vorzeigegeld beschaffen. Ich schrieb Ihnen, dass du lieber Ludwig, Ihnen schreiben wirst, nach welcher Zeit das Geld zurückerstattet werden könnte. du schriebst damals davon, ich habe es mir nicht gemerkt. Das wäre der einzigste Ausweg in absehbarer Zeit hier weg zu kommen. Ich bin so niedergeschlagen und verzweifelt. Kann uns wirklich niemand helfen? Sind wir ganz verlassen? Warum schafft das Ausland keinen Ausweg, uns irgendwo unterzubringen. Weihnachten wollen wir die verbilligte Reisegelegenheit ausnutzen und nach Tirschenreuth fahren. Wir möchten uns schon längst gerne aussprechen. Sie haben auch viel mitgemacht. Wie geht es euch? Wird es keine zu große Belastung für euch sein, unsere Kinder aufzunehmen und nicht nur finanziell, sondern auch die Arbeit, liebe Friedl. Susi ist sehr selbstständig und auch Alfred, aber doch zwei Personen mehr, das spürt man. Lieber Ludwig, wenn wir auf diese Weise nach Palästina können kämen, würdest du uns Arbeit beschaffen können, damit wir bescheiden leben können? so viele Fragen gehen durch meinen Kopf und mir ist gar nicht zum Schreiben. Die Adresse meiner Schwägerin ist Herrn Alfons Josten 100 – 02 39. Avenue Corona New York USA. Erkläre es ihm gut bitte, damit sie uns das Geld zur Verfügung stellen. Seid alle innig geküsst von eurer Alice
    Zusatz. Ich füge Rückporto bei damit ihr nicht unnötige Ausgaben durch mich habt. Julius fürchtet, dass seine Schwestern das Vorzeigegeld nicht zusammenbringen, dann wäre für uns auch dieser Ausweg versperrt. Müssen wir wirklich zu Grunde gehen? Und bei den Tirschenreuthern rührt sich auch nichts. Es ist gut, dass wir Sonntag heimkommen.. Die graue Wand, sie scheint verschlossen und verriegelt. Ich möchte aber durch meinen Vorschlag mit dem Vorzeigegeld die Tirschenreuther nicht benachteiligen, dass du dadurch dich für sie nicht so kümmern kannst. Wird es keine zu großen Vorleistungen wird es keine zu große Belastung für euch, wenn ihr unsere Kinder zu euch nehmt. Es ist ein großes Opfer. Dass ihr damit bringt.

    Mit den "Amerikanerinnen" sind hier erneut die drei Schwestern ihres Mannes gemeint, die bereits in die USA emigrieren konnten. 





    10.12.1937

    Alice Kirschner von Kötzting nach Tel-Aviv

    Der nächste erhaltene Brief aus der Hand von Alice Kirschner stammt vom Dezember 1937 und lässt uns einen Einblick in den Alltag der Familie Kirschner im Winter in Kötzting gewinnen.
    Es ist tröstlich zu lesen, dass es den Kindern trotz der zunehmenden Bedrückung durch die Nationalsozialisten offenbar noch möglich war, Kinder zu sein, Freunde zu haben und ein Instrument zu lernen. Die politische und gesellschaftliche Ausgrenzung hatte sich zwar von Jahr zu Jahr verstärkt und sollte im November 1938 ihren Kötztinger Höhepunkt erreichen: mit dem Zwangsverkauf des Hauses in der Marktstraße und der damit verbundenen Vertreibung der Familie aus Kötzting.
    Auch hier stecken wieder so viele Kleinigkeiten über Kötzting und das Leben der Familie im text, dass ich ihn hier ungekürzt anführe:

    Sammlung Shelly Feder

    Meine Lieben
    heute will ich mich auch mal zu einem ausführlichen Brief aufraffen. Ich freue mich unendlich, dass ihr meine Sendungen pünktlich bekommt. Habt ihr auch die Schwammerl erhalten? Ein mir nicht gut gesinnter Beamter wollte sie mir nicht als Mustersendung behandeln und als Paket rentiert es sich nicht, weil ich erstens nicht soviel hatte und 2. was würdet ihr mit einem Postkoli (=österreichisch für ein Postpaket) getrockneter Schwammerl anfangen. Eure letzten Briefe waren etwas zuversichtlicher. Recht herrlichen Dank für Eure guten Wünsche zu meinem Geburtstag.
    Geschäftlich geht es mit etwas besser. Durch die festen Preise sind weniger Warenverluste, höchstens bei Konfektion und dann habe ich mein Lager verkleinert und dadurch weniger Schulden.
    Wenn ich nur die Banken weg hätte.
    Julius hat mit den Rohprodukten -  Häuten - zu tun und ist viel mit dem Auto fort.
    Auf der Straße nach Viechtach in einer Kurve musste er einem Fuhrwerk ausweichen und dabei ist das Auto auf der vereisten Straße ins Rutschen gekommen und kopfüber in den Straßengraben, so dass der Wagen auf dem Kopf stand. Gott sei Dank ist nichts passiert, weder ihm noch dem Wagen. Julius ist noch nicht zurück. Zwei Burschen haben mir die Nachricht gebracht.
    So geht es halt. Julius wünscht sich den Sommer herbei und die Kinder Schnee und Eis.
    Alfred ist lustig und fidel. Zu Ostern kommt er in die Schule. Hoffentlich bekommt er einen guten Lehrer.
    Susi ist ebenso geneigt, hat immer eine Menge Freundinnen, ein Zeichen, dass sie anpassungsfähig ist. Beim Sport hat sie nicht soviel Schneid wie Alfred außer beim Schwimmen, wahrscheinlich auch nur solang sie Boden unter den Füßen hat. Zurzeit lernt sie Zitherspielen.
    Als ich Weihnachten daheim war, nahm ich die Zither mit, zu einem Klavier bringe ich es doch nie und man weiß ja nicht, ob Susi mehr Talent hat als ihre Basen. Also probiere ich es mit der Zither.
    Ein hiesiger Bürger und eifriger Markensammler bat Julius um Fritzls Adresse. Er will dir eine Sammlung schöner Trachtenmarken zur Ansicht schicken, von denen du behalten kannst was du willst und sollst ihm von dort Markten schicken. Er hat überall Beziehungen nur nicht nach Palästina.
    Ich habe ihm deine Adresse noch nicht gegeben, weil ich nicht weiß ob es dir angenehm ist. 
    Sammelst du Steine? Ich habe nämlich einen Stein mit einer Schicht Asbest. Hier kommt nämlich Asbest vor, aber die Schicht ist zu dünne, dass eine Ausbeutung lohnt. Ist es wieder wärmer geworden bei euch?
    Liebe Friedl, du machtest in einem deiner letzten Briefe Andeutungen, als wenn sich Eure Lage bessern würde und schriebst seither nichts mehr davon in deinen Briefen. Ist es geschäftlich oder hast du, lieber Ludwig, Aussicht auf eine Stellung? Meine Gedanken weilen immer bei euch, wenn ich auch nicht schreibe.
    Ich hatte schriftliche Arbeit. Die Inventur war ins Reine zu bringen. Nun bin ich mit den Büchern nach. Morgen kommt die Flickerei dran. Nächste Woche habe ich große Wäsche. So vergeht die Zeit mit Geschäft und Haushalt. Anbei eine Aufnahme. Leider gibt es in Kötzting zur Zeit keinen Schnee, nur auf den Bergen.
    Soeben ist Julius zurückgekommen. Das Auto ist etwas beschädigt, aber sonst ist noch alles gut abgelaufen. Seid alle herzlichst geküsst von Eurer Alice.


    Bei dem "Kötztinger Bürger", der bei Alice Kirschner vorgesprochen hat und ihr eine Sammlung an Briefmarken mit Trachtenmotiven nach Palästina im Austausch gegen dortige Briefmarken angeboten hatte, handelte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Conrad Krämer d.Ä, dem Ostmarkonkeln, der erstens für seine großen Briefmarkensammlungen weithin bekannt war und zweitens ja der wesentliche Impulsgeber dafür war, dass sich im Jahre 1927 der Kötztinger Trachtenvereins gegründet hatte.


    links: Conrad Krämer d.Ä. Trachtler und Sammler von Briefmarken und  Raritäten.












    Im nächsten Teil behandeln wir die Briefe aus dem Schicksalsjahr 1938

     

    ⭐ Chroniken  Dieser Beitrag ist zum Beispiel in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken und der Jahreszahl 1933-1943 zu finden.



    Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.

    Viel Freude beim Entdecken!

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    Briefe aus Kötztings Vergangenheit >>>> 1936 und 1937

     

     Briefe - und Dokumente - aus Kötztings Vergangenheit
    Dokumente des Hoffens und der Verzweiflung




    21.6.1933



    Gerade der erste Brief hat einen eher kryptischen Inhalt, den ich noch nicht eindeutig zuordnen kann, zeigt aber bereits die Bemühungen um eine Haushaltsauflösung, um Deutschland verlassen zu können und zu Ludwig Klein zu kommen.
    Absender: vermutlich Hugo Tischler, mit handschriftlichem Zusatz von Reinhold; geschrieben auf dem Briefpapier von Dr. Lippmann.

    Erfurt, den 21.Juni 1933




    Lieber Ludwig.
    Allmählich rückt doch die Zeit heran, dass wir uns an die Reise machen. Heute fahre ich zum letzten Einkauf nach Berlin und hoffe, in wenigen Tagen alles so beendet zu haben, dass wir mit einem guten, billigen Verkauf beginnen können. Es ist leider nicht möglich gewesen, die Ware schon weg zu schicken, da die meisten Kaufleute beziehungsweise Fabrikanten kaum etwas am Lager haben und alles anfertigen müssen. Ihr könnt sicher sein, dass ich mich sehr beeilt habe und selber nur einen Wunsch habe, drüben zu sein und die Ware drüben zu sehen.
    Über das Auto, dass ich mitbringe, macht euch keine Kopfschmerzen. Es ist, wie du ja weißt, ein Geschenk unseres Vaters, und ich glaube doch, dass es uns sehr gute Dienste leisten wird.

    Ich bin jetzt immer in so starker Spannung und habe so unendlich viele Wege, muss des Öfteren nach Magdeburg, dass ich nur schwer zu einem Briefe aufraffen kann. Deswegen aber freue ich mich doch über jeden Brief, den ich von euch bekomme.

    Das Geld habe ich euch, damit ihr ja keine Not zu leiden braucht, und das Geschäft nicht von vornherein ins schlechten Ruf kommt, telegraphisch überwiesen und glaube wohl, dass der Betrag bereits in euren Händen ist, wenn diese Zeilen geschrieben werden.
    Wir befinden uns, Friedel, sowie Micha und auch meine Lieben, alle bei bester Gesundheit und werden die Reise am 1. Juli antreten, um am 16. Juli in Neapel aufs Schiff zu gehen. Ihr könnt uns also, falls nichts unvorhergesehenes dazwischenkommt, am 20. Juli früh in Jaffa erwarten. 

    Hier ist alles ruhig, und die Menschen gehen ihren Geschäften nach. Das Leben ist nicht anders geworden, als ihr Deutschland verlassen habt. Unseren Bekannten geht es ebenfalls nicht anders, als es ihnen damals ging. Luck wartet immer noch auf Bescheid, er hofft bestimmt zugelassen zu werden. Herzbergs sind andauernd verreist. Harry hat sein Notariat wieder. Iderhoff  ist leider ausgeschlossen.

    Unsere Leni versorgt uns ausgezeichnet. Im Hause wird es immer leerer. Gestern haben wir das Schlafzimmer verkauft; für das Schlafzimmer und die Couch zusammen für 450 Reichsmark. Es ist kurz das, was ich euch schreiben möchte. Herzliche Grüße an dich, an meine liebe Frau und an die beiden Jungen. Recht baldiges Wiedersehen mit eurem Hugo.
    Handschriftliche Ergänzung.
    Herzliche Grüße, euer Reinhold.





    1936




    24.3.1936




    Valerie Stingl an den Bruder in Tel-Aviv 

    "Hugo Stingl, Haslau bei Asch bei Prag, Strickwarenfabrik.

    Meine Lieben!    Haslau, den 24. März 1936

    Bestätige den Empfang eures lieben Briefes vom 11. Januar, über den ich mich sehr freute, denn seltene Briefe sind wie seltene Gäste, ganz besonders geschätzt. Ich danke euch allen, besonders meinem lieben Micha herzlich für die lieben Geburtstagswünsche.
    Nun bist du an der Reihe, liebster Ludwig, als Geburtstagskind gefeiert zu werden, denn bis mein Schreiben euch erreicht, ist es an der Zeit.
    Ich wünsche dir mein lieber Ludwig, vor allem Gesundheit und dass sich deine Hoffnungen auf eine deinen Kenntnissen und deiner Neigung entsprechenden Stellung recht bald erfüllen.
    Wie gerne würde ich deinen Wunsch entsprechen und euch im April besuchen. Aber leider kann ich nicht allein über mich verfügen und mein gestrenger Gemahl erlaubt nicht, dass ich, wie er sagt, so lange vom Hause abwesend bin. Nun aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vielleicht gelingt es mir doch, sein Herz zu erweichen und euch in absehbarer Zeit wiederzusehen und eure schöne, neue Heimat kennen zu lernen. Die Zeitungsnotiz über den Haslauer Fabrikanten war für uns sehr interessant und haben wir inzwischen erfahren, dass sein palästinensischer Vertreter ihm von dem Artikel berichtet und erklärt hat, dass er kein Geschäft mehr für die Firma machen kann. Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass für die Schlechtigkeit die Revanche auf dem Fuß folgte. Das vergangene Jahr war für uns geschäftlich befriedigend und wären wir froh, wenn es sich heuer wieder so entwickeln würde.


    "Ich fahre jeden Sonntag nach Eger und habe große Freude an unserem kleinen Ruthchen. Es ist ein reizendes und gescheites, sehr lebhaftes Kind. Anbei vier Bilder, die wir diese Woche aufgenommen haben. Von Tirschenreuth kann ich euch berichten, dass es Ihnen soweit gut geht, nur das Befinden der lieben Paula lässt viel zu wünschen übrig. Das Leiden geht leider fortwährend weiter und es ist sehr traurig, einen Menschen dahinsiechen zu sehen, ohne helfen zu können.
    Man muss zufrieden sein, dass unsere Lieben in Deutschland bis jetzt wenig unter den politischen Verhältnissen leiden und wollen wir hoffen, dass es auch so bleibt, obwohl auch die Ungewissheit der Lage eine schwere Last ist und dem lieben Max Sorgen macht.
    Ein Glück ist, dass lieber Max sich nicht naturalisieren ließ und dadurch seinen tschechoslowakischen Pass hat, mit dem er jederzeit herüber fahren kann. Ebenso die Kinder. Siddy fährt zweimal in der Woche nach Eger um Englisch- und Turnstunden zu nehmen. Auch Betti kommt manchmal zu Ida. So haben sie doch etwas Abwechslung.
    Es wurden schon vielen deutschen Juden die Pässe abgenommen daher traut sich liebe Frieda nicht, nach Eger zu fahren. Sie will doch ihren Pass nicht verlieren.

    Lieber Ludwig, hast du denn das Geld, dass ich dir durch die Nationalbank überweisen ließ endlich ausbezahlt bekommen? Vergesse nicht, mir darüber zu schreiben. Eines tut mir leid, dass lieber Max nicht mehr ins Gasthaus geht, wo dies doch sein einziges Vergnügen war. Seine Bekannten und Skatbrüder und auch die Wirte seiner Stammlokale wollten es durchaus nicht zugeben, dass er weg bleibt. Aber Max sagt, es kommen manchmal fremde Radikale hin, die stänkern und will er seine Freunde nicht in Ungelegenheiten bringen. Wir sagten ihm, er soll öfters dafür nach Eger fahren, wo er Gesellschaft findet und immer gerne gesehen ist.
    Vielleicht kommen auch wieder bessere Zeiten für die deutschen Juden. Ich hoffe recht bald wieder von euch recht ausführliche gute Nachrichten zu erhalten. Über einige Fotos würde mich sehr freuen. Von Ida und Pepa soll ich euch vielmals grüßen, ebenso von Ernst(?). der zur Zeit zu Hause ist. Für heute seid herzlichst gegrüßt und geküsst auch vom lieben Hugo, besonders von eurer Valerie.
    Extra Grüße an lieben Fritz und lieben Micha.





    27.6.1936




      Frieda Klein schreibt an ihren Bruder Dr. Ludwig Klein in Tel-Aviv

    Tirschenreuth, den 27.6.1936.

    Meine Lieben!
    Mit dem Beantworten der Briefe geht es mir wie euch. Man freut sich so sehr, wenn man einen so lieben, ausführlichen Brief bekommt und möchte sich am liebsten sofort hinsetzen und gleich einen ebenso ausführlichen Bericht senden, aber es kommt immer wieder eine dringende Arbeit dazwischen, wodurch der gute Vorsatz nicht zur Ausführung kommt. Heute endlich drängen keine geschäftlichen Arbeiten, in der Küche ist seit 14 Tagen Alice zu meiner Vertretung da, weil auch sie geschäftlich gut abkommen konnte und sie vor allen Dingen bei Paula sein wollte. Ich will auch hier gleich mit meiner Beantwortung eurer Fragen beginnen, so schwer es auch ist, denn Paulas Leiden hat sich derart verschlimmert, dass keine Hoffnung besteht, sie am Leben erhalten zu können. Bis vor acht Tagen wurde sie wegen der Wunde jeden zweiten Tag gebadet, das hat sie aber dann so angestrengt, dass der Arzt die Bäder nicht mehr verordnete. Dadurch erholte sich Paula wieder etwas, so dass wir wieder neue Hoffnung schöpfen, aber Doktor Göbel fürchtet, dass es nur eine scheinbare Besserung ist, weil die Wunde zu groß geworden ist, um normal heilen zu können und auch der Puls sehr unregelmäßig ist. Seit 14 Tagen haben wir eine Krankenpflegerin vom jüdischen Schwesternheim in Nürnberg, die aber vom Schwesternheim wieder abgerufen wurde und morgen abreisen wird. Angeblich wird sie in Nürnberg dringend gebraucht, wir vermuten aber, dass die Schwester, die leider noch sehr jung ist, ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist. Man hat uns eine andere Schwester empfohlen, aber ich bin sehr verbittert, dass man einer Schwerkranken, nicht gleich die richtige Pflegerin schickt, obwohl wir ausdrücklich betonten, dass es sich um einen schweren Fall handelt. Mit einer christlichen Schwester wären wir vielleicht besser dran gewesen. Schon der Gedanke, dass wir Paula nicht mehr lange bei uns haben werden, stellt große Anforderungen an unsere Nerven, es ist immer wieder erschütternd, Paula so still und geduldig in ihrem Lehnstuhl sitzen zu sehen, von der Hoffnung beseelt, bald wieder gesund zu werden. Ihre Ähnlichkeit mit unserer lieben Mutter tritt jetzt mehr hervor, die großen Augen, mit denen sie uns immer anschaut und die stillen, friedlichen Züge. Sie genießt natürlich die denkbar beste Pflege, nur den Wechsel der Krankenschwester hätte ich ihr gerne erspart. Aber vielleicht ist es gut für Sie und uns, dass wir jetzt eine ältere bekommen, die mehr Erfahrung hat und uns die Gewissheit gibt, alles für Paula getan zu haben, was in unseren Kräften steht, nur dann werden wir das Schlimmste ertragen können, was uns noch bevorsteht. Valerie war Pfingsten hier und vergangenen Sonntag und kommt morgen mit Ida, Pepe und der kleinen Ruth per Auto wieder auf einige Stunden. Paula freut sich immer sehr mit ihren Schwestern, wir sorgen schon dafür, dass sie die Besuche nicht so anstrengen. Jetzt im Sommer steht uns ja das ganze Haus zur Verfügung, da brauchen nicht alle im Krankenzimmer sein. Alice ist mir eine gute Hilfe, sie arbeitet den ganzen Tag und leistet bei Paula Gesellschaft. Nun will ich nur wünschen, dass die Krankenschwester, die morgen kommt, erfahrener ist und Paula bessere Dienste leisten kann. Mit Fritzl Brief freute ich mich ganz besonders, seine Schilderungen und Eindrücke, die er auf dem Ausflug ins Land gewann, waren für mich von besonderem Interesse, weil ich die meisten Orte kannte, nur Sebastia besichtigen wir damals nicht. Mich wundert nur, dass trotz der Unruhe der Ausflug noch gemacht werden konnte, heute wäre es sicher nicht mehr möglich. Ich lese leider schon seit einigen Wochen keine Rundschau mehr, da ich durch Paulas Erkrankung meine Gedanken nicht mehr auf das Gelesene konzentrieren kann. Heute Morgen stand im Berliner Tagblatt, dass 60.000 Beduinen bewaffnet wurden, um die Araber in ihren Forderungen unterstützen zu können, die Sache scheint ernster zu werden, als von allen Seiten vermutet wurde. Ich mache mir große Sorgen um euch, an Zahl sind ja die Araber in der Übermacht, es wäre nicht auszudenken, wenn diese Menschenmassen das Land überschwemmten. Aber England muss ja auch dieser Lage gewachsen sein, es darf es nicht soweit kommen lassen. Ihr wolltet die Kinder während der Ferien in eine Kwuzah senden, durch die Gefahr drohende Lage ist es doch am besten, sie bleiben bei euch in Tel Aviv, wo bis jetzt noch am wenigsten passiert ist. Ich will die anderen auch noch dran schreiben lassen und für heute schließen. Lebt wohl meine Lieben alle, schreibt uns bald und wieder so ausführlich wie im letzten Brief und seid alle innig gegrüßt und geküsst von eurer Frieda

    Handschriftlicher Zusatz:
    Meine lieben!
    Leider komme ich sehr wenig zum schreiben daheim, da es ohne Mädeln in unserem unpraktisch gebauten Hause viel Arbeit gibt. Frieda möchte den Brief noch wegbringen. Hoffentlich sind die Nachrichten in den Zeitungen nicht richtig, sonst käme man aus den Sorgen nicht heraus. Seit inzwischen innigst geküsst von eurer Alice.

    Auf der Rückseite handschriftlich von Max.
    Meine Lieben!
    Hoffe euch alle gesund und munter trotz der harten Zeiten. Recht viele Grüße und Küsse euch allen Max

     


    11.7.1936



     Alice Kirschner an Ludwig Klein 
     


    Julius Kirschner, Kötzting
    Postscheckkonto Nürnberg 12415 Telefon 67
    Den 11./7./1936
    Meine Lieben
    Ich danke Euch herzlichst für Eure lb. Zeilen, die mir nach Treuth (=Tirschenreuth) nachgeschickt wurden. Ich war 3 1/2 Wochen dort.  In dieser Zeit haben sich nicht nur die Kranke, sondern auch die andern sichtlich erholt. Es ist aber bei Gott nicht mein Verdienst, aber dadurch, dass ich gekocht habe, brauchten Siddi und Frieda sich nicht abhetzen. Frieda wurde ruhiger und das wirkte beruhigend auf Betty. Da Gretl ab 1.7. die Firma verlassen hat, ist Frieda nicht mehr so abkömmlich im Geschäft und ein Geschäftshaushalt ist halt leider mit einem privaten nicht zu vergleichen. Ich habe aufregende Wochen hinter mit. Am 2. Shawuottag bekam Alfred plötzlich Leibschmerzen und erbrach und am nächsten Tag musste ich ihn operieren lassen, keine Kleinigkeit hier in diesem Dorf, wo eine Operation selten vorkommt, aber es war zu spät irgend wohin zu fahren. Der Arzt machte seine Sache gut und die Schwestern 


    im Krankenhaus rührend besorgt. Ich war Tag und Nacht bei meinem Buben und ich brauch nur an die Nacht vor der folgenden aufregenden Operation zu denken, dann weicht jedes mal das schwindliche Gefühl, das mich ergreift, wenn ich an die Höhe der Dr. Rechnung denke. Ich bin durch meine Operation an Zahlen gewöhnt, aber dass ein Landarzt noch besser rechnen kann. Ich weiß, was du sagen willst, lb. Ludwig, und ich bin auch dankbar, dass mir mein Bub wieder geschenkt wurde, aber es ist mal so, es muss immer was daher kommen, dass man nicht aufatmen kann. Nun muss ich schauen, dass Alfred wieder zu Fleisch kommt. Er sieht nicht gut aus und isst nicht schön. Ich muss auch wieder an Paula denken. Es ist so schmerzlich, wenn sie einem ansieht mit ihren schönen Augen und man weiß, sie werden sich bald für immer schließen. Und dann die Meldungen aus Palästina. Nicht nur die Gefahr in der wir euch oft wähnten, auch die Überzeugung, dass die viele Arbeit, Mühe und Hoffnungen stündlich zunichte gemacht werden ist so bedrückend. Was soll nun werden? Wird denn der Streik kein Ende nehmen, soll die ganze Wirtschaft zu Grunde gehen, werdet ihr durchhalten können, das sind die Sorgen, die uns ständig peinigen und unsere Willenskraft aufreiben. Die Hauptsache, dass die Kinder davon nichts ausgehen(?). Wir haben hier einen ganz verregneten Sommer. Hoffentlich bessert es sich bald, denn die Ferien haben begonnen und meine Kinder brauchen dringend Sonne. Susi schwimmt schon gut. Sie wird ein richtiges Sportmädel. Nur ihre Nasen machen mir Sorgen. Ich fürchte sie werden so durch die Nase sprechen wie Julius. Ich habe sie schon oft untersuchen lassen. Es ist keine Wucherung da, nur Alfred hat hinterm Trommelfell eine starke Wucherung. 
    Im Geschäft ist es ruhig. An den Rohprodukten bleibt nicht viel. Die Schesen(?) sind zu groß. Ihr braucht mir nicht extra zu schreiben. Frieda schickt mir gewissenhaft Eure Schreiben, aber lasst dorthin öfter hören. Ihr wisst in welcher Unruhe wir sind und nun lebt wohl, bleibt gesund, meine Innigstgeliebten und seid innigst geküsst von eurer Alice

     



    16.8.1936





      Frieda - und Max Pick - berichten vom Tode der Schwester und Ehefrau



    handschriftliche Zusatz von Max.
    Recht herzliche Grüße und Küsse, euer Max 


     Tirschenreuth, den 16. August.
    Meine Lieben! Gestern traf euer liebes Schreiben ein, das ich heute nicht so froh beantworten kann, wie sonst. Unsere gute Paula ist nicht mehr bei uns. Donnerstag morgen um 2. 10 (10 Minuten nach 2 Uhr in der Nacht) entschlief sie, sanft und ruhig wie sie gelebt hatte, war auch ihr Tod. Max, Alice und ich blieben bei ihr bis zum letzten Augenblick, die Kinder schickten wir abends wie immer zu Bett, obwohl wir wussten, dass wir die letzte Nacht bei Paula sein werden. Schon Sonntagabend stellte sich höheres Fieber ein und wir bemerkten dann beim Verbinden, morgens und abends wurde die Paula immer verbunden, dass eine neue kleine Wunde entstanden war. Wir ängstig uns aber nicht, weil das öfter vorkam und die kleinen Wunden manchmal bald wieder heilten. Am nächsten Morgen hatte jedoch Paula schon 40.2 Temperatur in der Achselhöhle, wir riefen sofort den Arzt, der jedoch den Zustand nicht ganz hoffnungslos hinstellte und es nicht für unbedingt nötig hielt, Alice und Valerie zu benachrichtigen. Trotzdem rief ich beide gleich telefonisch an, und während Alice Mittag abreiste und dadurch um 5:00 Uhr Nachmittag schon hier sein konnte, glaubte Valerie, es sei nicht so schlimm. Sie rief wohl abends wieder an, aber Max ist am Telefon schlecht zu verstehen, er soll gesagt haben, es geht Paula wieder besser. Mittag gab der Arzt eine Kampferspritze, als aber Alice kam, hatte sich Paula wieder erholt. Abends bekam sie wieder eine Spritze, wodurch die Nacht ruhig verlief. Die Schwester wachte bei ihr und wir gingen zu Bett. Ich konnte natürlich nur wenig schlafen und um 3:00 Uhr hatte Alice keine Ruhe mehr und sah nach Paula. sie war sehr matt, er holte sich aber zusehends und als ich mich um 1/2 4 ebenfalls zu ihr setzte, war sie so frisch, dass sie mit uns plauderte, als ob ihr nichts fehle. Nach 2 Stunden wurde sie müde, und ich ließ sie dann wieder alleine. Als der Arzt Vormittag kam, war er selbst erstaunt über das gute Aussehen und gab die Hoffnung nicht auf, dass die künstliche Anregung des Herzens zur natürlichen Weiterbelebung führen werde. 
    Die Besserung hielt bis Mittag an, nachdem aber Paula einen kleinen Tellersuppe zu sich genommen hatte, er brach sie und wurde dann sehr matt. Der Arzt gab Nachmittag noch eine Spritze und am Abend sagte er uns, dass Paula die Nacht nicht mehr überleben wird. Das Schlimmste war für uns, dass Paula bald die Kraft verlor, zu sprechen, sie stammelte immer etwas, wir konnten sie aber nicht verstehen. Wenn auch Paula keine Schmerzen mehr hatte, man merkte es an ihren friedlichen Zügen, so waren für uns die letzten Stunden die qualvollsten, die wir seit Mutters Tod durchgemacht hatten. Nun ist alles vorbei, Paula hat ihr armes, bescheidenes Dasein, dass ihr so viel Leid und so wenig Freude bescherte, ausgelebt und eine größere Lücke hinterlassen als ein gesunder Mensch. Besonders Siddy und ich waren in den letzten Wochen so viel mit ihr beschäftigt, dass man sich an die plötzliche Ruhe und Arbeitslosigkeit nicht gleich gewöhnen kann. Max hatte seinen Platz bei Tisch immer neben Paulas Lehnstuhl, dem großen Lederstuhl aus dem guten Zimmer, den wir für Paula so um arbeiten ließen, dass Paula bequem darin sitzen konnte. Er war ja auch groß und breit genug und Paula konnte es keinen Morgen erwarten, aus dem Bett und in ihren bequemen Lehnstuhl zu kommen. Nur die letzten zwei Tage hatte die Paula kein Verlangen mehr danach und blieb lieber im Bett. Nun ist das Zimmer leer, Paula braucht uns nicht mehr. Die Überführung nach Floss, fand Freitagmorgen, die Bestattung nachmittags statt. Die Behörden erlaubten die frühere Beisetzung, weil wir die Tote sonst bis Sonntag hätten liegen lassen müssen. Valerie brachte uns Rosa mit, sie kam im Auto mit Pepe und Ida und hat uns Rosa gleich dagelassen. So bin ich mit einem Male, zu plötzlich, um mich gleich in die neue Lage hinein finden zu können, von allen Obliegenheiten entbunden worden. Die schwersten Tage für uns alle sind hinter uns, die Gäste wieder abgereist, und es bleiben uns nur die traurigen Erinnerungen. Die Kinder sind sehr gefasst, auch Max, der unglaublich unter den letzten Stunden litt, beginnt sich zu beruhigen. Er hat den schönen Trost, Paulas Leidenszeit durch seine Liebe und Teilnahme erleichtert zu haben und gerade die letzten Monate ihres Lebens zählen zu ihren schönsten, weil jeder bemüht war, ihr nur Liebes und Gutes zu erweisen. warum sind wir Menschen so geartet, dass wir nur in der Stunde der Not, Geduld und Kraft aufbringen, um seinen Liebsten alles zu gewähren, was man vermag? Vielleicht hätte ich dir nicht so ausführlich schreiben sollen, lieber Ludwig, aber man kann so Schweres ja auch nicht mit wenigen Worten mitteilen, du solltest wissen, wie Paulas letzte Stunden waren, nachdem du nicht zugegen sein konntest. In Europa wäre es möglich gewesen, noch rechtzeitig zu kommen und Paula noch lebend anzutreffen. „Wir müssen uns jetzt öfter schreiben“ bemerkte du in deinem gestrigen Brief und das wollen wir uns beherzigen. Lebt wohl meine Lieben alle, seid innig geküsst von eurer Frieda







    25.9.1936



      Frieda an Ludwig nach einem Besuch in Kötzting 

     


    handschriftliche Zusatz: die alten Marken sind von Alice, kann sie Fritz gebrauchen?.

    Tirschenreuth, den 25. September 1936.

    Meine Lieben, vor wenigen Tagen kam ich von Kötzting zurück, wo ich mit Betti die Feiertage verbrachte, und fand deinen lieben, ausführlichen Brief, lieber Ludwig, vor. Heute am Vorabend des Jom Kippur kann ich ihn schon beantworten, weil ich schön Zeit dazu habe. In Kötzting traf ich alle wohl und gesund an, nur Alice ist sehr nervös. Ihre misslichen, finanziellen Verhältnisse machen ihr viel zu schaffen und verbittert ihr ganzes Leben. Dass sie auch gar nicht aus ihren Schulden herauskommt! Die Kinder sind gesund, wenn auch die Sprache immer noch sehr zu wünschen übrig lässt. Beide reden so durch die Nase und obwohl sie sehr geweckte und kluge Kinder sind, stört die Sprache zu sehr. Man sollte nicht weit voneinander entfernt sein, es gibt doch vieles, was man mündlich besser besprechen kann. So erhielt Julius vor einiger Zeit einen Einkommensbescheid, der das Einkommen kurzerhand nach dem Umsatz berechnete und 10 % vom Umsatz als steuerbares Einkommen festsetzte. Früher brauchten sie überhaupt kein Einkommen bezahlen, aber der neue Beamte, den sie jetzt am Finanzamt haben, änderte das. Julius ging wohl hin und erhob mündlich Einspruch, verstand es aber doch nicht, den Beamten richtig klarzumachen, dass bei einer so trostlosen Bilanz, bei einer solchen Verschuldung nach Abzug der Werbungskosten von einem steuerbaren Einkommen nicht mehr die Rede sein kann. Nun müssen Sie über 100 DM Einkommensteuer, nachzahlen, ganz ungerechter Weise und, da die Frist des Einspruchs abgelaufen ist, kann man darin nichts mehr ändern. Der Beamte sagte wohl damals zum Julius, er müsse halt die Bücher prüfen, um festzustellen, ob sein Einspruch stichhaltig ist und da sie immer nur eine sehr primitive Buchführung hatten, gab sich Julius mit dem Steuerbescheid zufrieden, statt der Buch Prüfung zuzustimmen. Alice scheute sich immer, mir die Bilanz zu senden, weil sie mir ihre misslichen Verhältnisse nicht zeigen wollte. Ich konnte mir ja immer an den Fingern abzählen, wie es um sie stand, wenn sie nur mühsam den Verpflichtungen den Lieferanten gegenüber nachkommen konnten, wie groß musste da die Verschuldung sein, da ich doch von all den Darlehen wusste, die sie von den Geschwistern und von Julius Schwester in Amerika hatte. Die Hauptschuld trug ja bis jetzt das Rohprodukten Geschäft, das viel zu viel Spesen verschlang. Die beiden Autos, das Personen und das Lastauto, das sie sich nur wegen der Rohprodukten anschafften, realisieren sie nicht und das hängt Ihnen heute noch nach, wie man bei uns zu sagen pflegt. Dann kann man noch die Konjunkturverluste hinzu, die gerade damals begannen, als Alice heiratete und das hält ein Anfänger nicht aus, wenn er wenig Betriebskapital hat. Jedenfalls kamen wir bei meinem dort sein, auf die Steuern zu sprechen, und als ich die Bilanz sah, wusste ich gleich, dass sie ganz zu Unrecht zu Einkommensteuer veranlagt waren, und selbst wenn sich die Schulden um 600 DM verringert hatten. Alicia regte sich nun sehr darüber auf, dass sie der ganzen Sache nicht besser nachgegangen war. Dann war sie in ganz verzweifelter Stimmung, weil sie fürchtet, dass sie nie aus der Verschuldung herauskommen wird. Es wird sich aber doch eine Besserung erzielen lassen, wenn Julius und Alice ihr Augenmerk mehr auf den Spesenapparat richten und alles, was dazugehört, ein Geschäft richtig zu führen, besser berücksichtigen. Sie hat sich jetzt ein neues Geschäftsbuch angelegt, ähnlich meinem Kassenbuch, dass ihr die nötige Übersicht über alle Vorgänge gibt und das auch dem Finanzamt gegenüber beweiskräftig ist. Für die Zukunft wird sie also vor ungerechten Steuerzahlungen bewahrt bleiben, aber sie kann halt auch diese letzte Nachzahlung nicht verschmerzen. Leider kann ich jetzt, da wir keinen kranken mehr im Hause haben, eher abkommen als bisher und so will ich anfangs November nochmals nach Kötzting fahren, weil da zwei Feiertage sind, Allerheiligen und Allerseelen. Dann kommt der Winter und da ist es mir in Kötzting zu wenig warm, denn ich friere zu leicht und dort lassen sich die Zimmer nicht so behaglich heizen wie bei uns. Ich habe Alice schon dieses Mal sehr ins Gewissen geredet, dass sie sich mehr zusammen nehmen müsse. es hat doch keinen Zweck, sich die schlechte Lage gar so in den Kopf zu setzen, damit macht sie es nicht besser. Auch gestern schrieb ich ihr wieder ganz energisch und ich hoffe, wenn ich in sechs Wochen wieder bei ihr bin, dass sie dann ruhiger geworden ist. Julius hat da keinen leichten Stand mit ihr, ein nervöser Mensch ist überhaupt schlecht zu vertragen. Auf dem Rückweg hielt ich mich in Weiden auf, um den dortigen Nervenarzt wegen Betti zu konsultieren. Er war mit ihr zufrieden, die "Reflexe", wie er sich ausdrückte, sei ruhiger geworden. Um dies festzustellen, klopfte er mit einem kleinen Hammer den Fuß und den Arm entlang. Er erzählte mir auch von einem sehr tüchtigen Spezialisten für Hirnkrankheiten, der sich vor einem Jahr in Würzburg niedergelassen hätte und der einzige Deutschlands in seinem Fach wäre.. 

    Er hätte seine letzte Ausbildung in Amerika bei einem Gehirnspezialisten genommen, dem tüchtigsten, den wir zur Zeit überhaupt haben, so dass sogar Geheimrat Bumke aus München, ihm, dem Würzburger, viele seiner Patienten zuschickt. Dieser Professor Tönnies macht genaue Röntgenaufnahmen, und es wäre vielleicht in Betracht zu ziehen, ihn mal zu konsultieren. Bei Betti handelt es sich nicht um eine Geschwulst, sondern um Narben am Gehirn, meinte Doktor Barth und wenn auch nicht anzunehmen sei, dass es besser bei Betti wird, so könnte man doch auch noch diesen Spezialisten zur Rate ziehen. Max war sofort einverstanden, als ich es ihm erzählte und so werde ich vielleicht im Herbst noch mit Betti nach Würzburg fahren. Dann haben wir alles getan, was in unserer Kraft stand und es ist in solchen Fällen immer ein Trost, wenn auch ein schwacher. Doktor Barth fragte mich auch nach Paulas letzten Stunden. Er hörte davon und kannte sie gut, weil wir ihn einige Male holen ließen, wenn wir glaubten, dass es nötig sei. Auch als das letzte Stadium ihres Leidens anbrach, als am Gesäß eine anfangs kleine Wunde entstand, verständigten wir ihn. Er stellte damals schon fest, dass das Leiden fortgeschritten war, dass die Haut nicht mehr ernährt werden konnte und dadurch ab starb. Die Wunde wurde dann immer größer, breitete sich über das halbe Gesäß aus und ging unterhalb des Steißbeins, aber nur an dieser Stelle, ganz in die Tiefe, so dass dort ein großes Loch entstand. Schmerzen hat die Paula vom ersten Tag an keine an dieser Wunde, sondern nur an den Füßen, weil sich diese immer so hinauf krampften. Man konnte auch dagegen nichts tun, als schmerzstillende Medikamente geben. Gerade in den letzten Wochen fingen dann die Wunden zu heilen an, so dass vorerst eine Lebensgefahr nicht bestand. Sogar die tiefe Wunde heilte immer mehr, die andere, die sich nur an der Oberfläche ausgebildet hatte, wurde immer kleiner und die Fersen, die ebenfalls tiefe Wunden hatten, waren schon ganz zu geheilt. Auch das Verkrampfen der Füße ließ vollkommen nach, weshalb auch diese Schmerzen behoben waren. Die hohe Temperatur, die ich zwei Tage vor ihrem Tod feststellte, rührte weniger von einer richtigen Lungenentzündung als von einer so genannten Schluck-Lungenentzündung. Ein typisches Merkmal von Paulas Leiden ist das häufige Verschlucken, und das, erklärte mir Doktor Göbel, führt oft den Tod dabei. Es muss nicht beim Essen sein, sogar am Speichel verschlucken sich solche Patienten, und bei Paula konnte man oft wahrnehmen, dass sie sich bei ganz langsamen Trinken verschluckte. gerade am Tag vorher, als sie das hohe Fieber bekam, verschluckt sich Paula ganz besonders stark, als ihr die Schwester nach dem Mittagessen den Kaffee gab. Ob bei dieser Gelegenheit etwas in die Lunge eingetreten ist oder ob sich Paula später noch mal verschluckte, das lässt sich natürlich nicht feststellen. Als ich am Dienstagmorgen Paula gerade das Thermometer in die Axel gesteckt hatte, er braucht sie plötzlich weißen Schleim, die Schwester war gerade hinausgegangen, und ehe ich mich noch besann, wie ich den ihr den Schleim von den Lippen entfernen konnte, hatte sie ihn schon hinunter geschluckt. dabei fiel das Thermometer aus der Achsel, und ich sah, dass es nach so kurze Zeit schon auf 40 gestiegen war. Paula war ganz verfallen im Gesicht nach dem Erbrechen und erst die Einspritzungen brachten sie wieder zu sich, so dass sie Alice, als sie am späten Nachmittag kam, verhältnismäßig frisch antraf. Valerie hat nicht unsere Art, lieber Ludwig, sie hätte schon Mittag da sein können, wenn sie wie Alice, sich gleich in den Zug gesetzt hätte. Ich glaube es dir gerne, dass du ihr die Freude des Wiedersehens gemacht hättest, wenn es in deiner Macht gelegen wäre und du hättest ihr eine große Freude damit bereitet. Dienstag Mittag trat dann zum ersten Mal eine Herzschwäche ein, von der sich aber Paula wieder erholte. Die zweite erfolgte Mittwochmittag im Begleitung von Schüttelfrost und bald darauf wurde es Paula schwer, zu sprechen. Sie brachte immer mühsam die einzelnen Worte heraus, es kam dann nur noch ein unverständliches Lallen, aber sie war bei vollem Bewusstsein. Von 6:00 Uhr abends an lag sie mit geschlossenen Augen da, vielleicht war sie von da ab ohne Bewusstsein, genau lässt sich das nicht feststellen. Das ist alles, was ich dir von den letzten Stunden unserer armen Schwester berichten kann und eine tiefe Traurigkeit bemächtigt sich immer meiner, wenn ich an ihre letzten Monate denke und daran, dass sie nur 47 Jahre alt wurde. Man war sich das nicht bewusst, dass es plötzlich zu Ende gehen wird und dass eines Tages Paula nicht mehr bei uns sein wird. Dass du so oft noch Haifa fahren musst, beunruhigt mich sehr, auch, dass du nach den Feiertagen eine längere Geschäftsreise antreten willst. Wie wird die Sache mit der Medidente ändern? Schweres genug hast du dort mitgemacht, es wäre nur zu wünschen, dass du es endlich, endlich mal besser treffen würdest und die Existenzsorgen aufhört. Die Daunendecken gingen gestern an euch ab, sie sind sehr schön geworden, dieses Mal ist der Stoff bedeutend strapazierfähiger, so dass ihr mehr Freude daran haben werdet. Max fuhr heute nach Eger, um Jom Kippur in die Synagoge gehen zu können. Man hat jetzt bei Ida ein gutes Absteige Quartier. Schreibe uns nur bald wieder wie es euch allen meine Lieben geht, seid alle innig begrüßt und geküsst von uns allen besonders von eurer Frieda.

     


    19.10.1936





    die "Braun-Verwandtschaft", also die Seite von Ludwig Kleins Ehefrau Friedl, eine geborene Braun,  schreibt nach Tel-Aviv

    Berlin, den 19. Oktober 1936.
    Meine Lieben.
    Euren Brief erhielten wir am ersten Tag nach Rückkehr von unserer zehntägigen Erholungsreise. Wir waren ein Tag in Godesberg, wo Patienten von Hugo, Cohnen´s, das ist das frühere Fräulein Wittner, Ludwig wird sich wohl erinnern, sie verkehrte wohl auch bei dem alten Herrn (der Name ist mir entfallen) in Karlsforst sich im Januar zur Ruhe gesetzt haben. Die hatten uns Quartier in einer sehr netten jüdischen Familie in einem sehr schönen und gepflegten Einfamilienhaus besorgt. Und so haben wir von G. (Godesberg) aus jeden Tag etwas unternommen. Mal eine Rheinfahrt oder nach Bonn, in Köln waren wir zweimal; einmal hatten wir uns die Stadt angesehen, das andere Mal waren wir auch bei einem Patienten (man sollte glauben, Hugo hat eine Riesenpraxis), der in dieser Spielzeit am Kölner Theater ist und der uns eingeladen hatte, auch im Theater waren wir und haben ihn im "Don Juan und Faust“ von Grabbe gesehen. Es war sehr schön, gesehen haben wir viel Schönes. Nur wie gesagt, 14 Tage ist nicht lange. Nun hat sich bei euch inzwischen wieder Manches ereignet und nicht viel Gutes, ich hoffe, dass nach genauer Übersicht sich manches günstiger gestaltet, als du lieber Ludwig annimmst. Wird es nicht günstig sein, das Geschäft zu halten? Hoffentlich hören wir im nächsten Brief von euch schon etwas Bestimmteres über euch. Liebe Frieda, sag mal, muss der Umzug sein, hier in Deutschland hat man ein Sprichwort, einmal umgezogen ist halb abgebrannt! Besser werden die Möbel doch nicht vom Umzug, dann kostet es doch auch und Arbeit macht es auch bei euren vielen Büchern. Kann man dort nicht auch so seine Wohnung pflegen, wie die (es fehlt ein Wort) Türen Fenster braucht man doch nicht alle zwei Jahre zu streichen. Ich schreibe alles durcheinander, ich muss dabei Türen aufmachen. Dann liegt Wäsche zum Waschen in der Wanne, aber seit ein paar Tagen hatte ich immer etwas vor, dass mich davon abhält, zu schreiben. Nun möchte ich doch noch wissen, ob du schon im Besitz der zwei Blusen und und der Polobluse für Micha bist. Dann schickte ich dir einen schwarzen Rockanzug, hoffentlich passt er dir, ich schickte ihn als Muster ohne Wert und eingeschrieben. Ist er auch angekommen? Mittwoch geht ein Paket von Hugo, ein Doktor Bernhard Leeb (fehlt ein Wort) auf das Schiff und hat für Fritzl und für Micha Knickerbocker mit. Ich wünschte, die Fähre bringt euch die Sachen bald, wenn es so lange dauern würde wie mit den Blusen könnten die Jungen die Hosen inzwischen (fehlt ein Wort)
    wachsen. Ich habe ihm eure Privatadresse und die Adresse vom Geschäft mit gegeben, 


     Ich habe ihm eure Privatadresse und die Adresse vom Geschäft mit gegeben, denn ihr könnt doch inzwischen umgezogen sein. Gucks hat morgen Geburtstag und Fritz hatte am 3. Oktober. Dran gedacht habe ich, aber ich hab keine Adresse, aber ich möchte doch nicht das Gucks eine schlechte Meinung von seiner Tante kriegt und so schicke ich ihm ein Polohemd an eure Adresse morgen oder übermorgen ab. Bei uns in der Praxis ist es recht ruhig. Hugo braucht sich nicht anzustrengen. in den letzten Wochen sind drei Familien – Patienten von Hugo, Schwarzenbergs, Senatspräsident, Doktor Katzer und Doktor Chloe – nach Palästina. Steffi arbeitet augenblicklich praktisch beim Provinzialverband und kommt immer sehr spät nach Hause. Nun ist auch noch das Büro der Universität vom Urlaub zurück und die Gebühren sind auch bezahlt, nun kann wohl die Prüfung steigen. Also will ich aufhören zu schreiben, denn ich will an die Kinder noch ein paar Zeilen richten. Schreibt mir nur welche von den Sachen ankommen, dann will ich gerne weiter schicken und alles Gute im neuen Jahr. Herzliche Grüße und Küsse Trude, 
    Lieber Fritzl es freut die Tante und den Onkel, dass wir dir mit den Buch eine Freude gemacht haben, hinein. Gesehen haben wir nicht, sondern haben es gleich von der Buchhandlung schicken lassen. Da ging es doch rascher. Sicherlich hast du recht viel verdient aber eine Waage hättest du auch von uns bekommen können. Onkel Hugo hat mal eine von einem Patienten geerbt und ich habe in den Gewichtskästchen nachgesehen, da gibt es Gewichtsplättchen von zehn 30,50, 100, 200, 500 mg. Die Waage hat die Tante auf dem Bücherschrank stehen und sie ist hier zu weiter nichts nutze als dass sie ab und zu abgestaubt werden muss. Wenn das nicht mit der Optikerin so kompliziert wäre. Ich kann mir denken, was ihr für Kram alle beide habt und jetzt gibt es doch nicht so viel Platz wie in Erfurt. Und gibt es auch Tiere bei euch. Schildkröten etc. in der Wohnung. Hier hat man jetzt sehr viel Wellensittiche, hat doch immer viel Freude an Tieren. Werden die Hosen passen? Sie sind 2 cm länger gemacht worden? Wie ist es mit fotografieren? macht ihr gar keine Bilder mehr – ich habe nur ganz am Anfang eurer Umsiedlung Bilder von euch.
    Lieber Micha, ich denke schon daran, was gut schmeckt. Die Tante Trude geht jetzt sehr selten in die Stadt. Am Nachmittag muss sie sich dann immer einen kleinen Jungen zum Tür aufmachen bestellen. Aber ich werde mein möglichstes tun, dass mich meine Neffen in guten Andenken behalten.
    Euch allen viele Grüße


    1937







    29.1.1937



     Hermann Braun an seinen Schwager in Tel-Aviv




    Felix Braun, Breslau, Schwertstraße 6

    Breslau, den 29. Januar 1937

    Lieber Fritz!
    Ich sende dir in der Anlage einen Entwurf für Frieda, welchen sie sowie auch Ludwig von dem deutschen Konsulat in Jaffa, bald unterschrieben an mich zurücksenden soll. Dass Gericht hat bis zur Einbringung dieser Ergänzungserklärung eine Frist bis Ende Februar festgesetzt, und bitte ich dich Frieda zu ersuchen, dass die Angelegenheit sofort erledigt wird.
    Bezüglich deiner Angelegenheit habe ich gestern noch mal mit Carl gesprochen und hat er sich in Berlin erkundigt, dass du ohne Bedenken nach hier kommen kannst, da du ja Vertreter für deutsche Fabriken bist. Da doch die Leipziger Messe, wie ich dir bereits schrieb, am 28. Februar beginnt, und sämtliche Fabrikanten zur Messe kommen, so halte ich es in diesem Falle für das Beste, wenn du dir alles beizeiten besorgst, damit du auch pünktlich zur Messe hier eintriffst.
    Schreibe also bitte recht bald, wann man dich erwarten kann.

    Mit den besten Grüßen an alle.
    Dein Bruder Hermann










    18.2.1937



     Max Pick, der Witwer der verstorbenen Paula Pick, geborene Klein, ist schwer an Diabetes erkrankt und ist auf Kur in Karlovy Vary, Karlsbad. Er schreibt eine sehr "gewöhnungsbedürftige" Handschrift, die mich an zwei/drei Stellen überforderte, was jedoch den Inhalt des Briefes nicht verfälschen wird.



    Karlsbad, den 18.2.1937. Meine Lieben! Habt jedenfalls Karte und Brief von mir erhalten. Noch einige Tage, dann bin ich ja zu Hause. Da einerteils und (nicht leserlich)  stark mich davor. Kinder, ihr sollt jeden Tag Gott danken, dass ihr dort seid, bei uns ist es mehr als ekelhaft, nichts als Prügel zwischen die Füße – wollte ich könnte ganz dableiben – Da ist man doch nicht Mensch zweiter Klasse. Meinen Zucker habe nahezu ganz angebracht, war ein schlimmer Fall da zu sehr vernachlässigt, anfangs machte mir der Arzt wenig Hoffnung, aber er ist ungemein gründlich, ja sogar pedantisch und folge ich auch ganz genau seinen Anforderungen. Das Leben selbst ist ja nicht teuer. Da komme so einen Tag mit circa acht Mark aus – allerdings kommen dann noch die Ärztehonorare, weiß ich noch nicht, Blutuntersuchungen und sonst noch. Sonst lebt man da billiger
     

    als zum Beispiel in München. Habt ihr noch im Sinn, euren Fritz nach Prag zu geben? Näheres erfahrt ihr bald. Meine Prager Verwandten haben mich diese Tage besucht, und da sprachen wir darüber, auch die liebe Frieda war dabei anwesend. Ich denke nun genug geschrieben zu haben, denn die liebe Frieda schreibt euch ja noch mehr und noch ausführlicher. Hoffentlich bekomme noch diese Tage meine schon längst zugesagten Devisen, das würde mir den Aufenthalt noch mehr verbilligen. Aber kalt nass und unfreundlich ist das Wetter, Hauptsache ist, dass es genug Cafés da gibt und man alle möglichen und unmöglichen Zeitungen lesen kann. Deutsche Zeitschriften, auch einige Reichsdeutsche, dann ist beste Langweile gesorgt. Schreibt nur bester Gruß Max





    15.6.1937




    Brief von Willi Braun an Friedl und Ludwig vor seiner Auswanderung nach Uruguay

    Breslau, den 15. Juni 1937

    Liebe Frieda und lieber Ludwig, erst heute komme ich dazu, euren lieben Brief zu beantworten. Ich hoffe aber, dass wir uns trotz der langen Schreibpause von nun an regelmäßig schreiben werden. Mein Bein ist gut geheilt, man sieht am Knochen nichts, nur kann ich es vorläufig noch nicht ganz abbiegen wie das andere und bei starken Beanspruchungen spüre ich es noch ein wenig. Wir hoffen euch alle gesund, gerne hätte ich mir das Land angesehen, bevor ich nach Uruguay auswandere. Aber diese Absicht ist zeitlich und was die Kosten betreffen leider nicht möglich. Natürlich ebenso gerne hätte ich euch alle gesehen, aber ich glaube, dass wir uns doch noch alle in wenigen Jahren sehen werden. Ich werde (jetzt ist es ein 4:30 Uhr früh) dann versuchen wenigstens von Steffl euch ein Bild bei zu legen. Von Fritz und Micha hätte ich gerne auch eine Aufnahme sehen wollen, es freut mich sehr zu hören, dass sie so tüchtige Jungen sind, die euch gewiss viel Freude machen. Steffl ist ein richtiger kleiner Frechdachsgeworden, der vorläufig es am schönsten findet, im Hof unten (Mittagspausen etc. sind im unliebsame Unterbrechungen) zu spielen und sich so schwarz wie ein Neger zu machen. Jetzt im Sommer geht es ja, da kann man ihn leicht unter die Wasserleitung stellen.

    meine Papiere etc. sind fertig und auch der Zeitpunkt meiner Reise ist bestimmt. Am 28. Juli geht das Schiff „Lipari“. Ich hoffe dort in meinem Beruf tätig sein zu können, Reklame, Gebrauch Grafik, Film, Außenreklame, Zeichen lehren, Portraits etc. Etwas wird doch zu machen sein. Im übrigen arbeite ich jetzt an meiner zweiten Plastik, die sehr gut geworden beziehungsweise werden, Ich sende davon gelegentlich eine Aufnahme. Ich habe keine Angst um mich. Auch Fritz soll keine haben den erstens ist nicht jede Auswanderung verbunden mit Missgeschick etc. Er soll nicht in den Fehler verfallen, seine Sache zu verallgemeinern. Fritz beklagt sich, das Recht hat er dazu, aber er müsste es wissen, dass er sich vor unserer lieben Schwägerin Grete doch etwas zurückhalten sollte, die zerredet sich nämlich den Mund. Wenn ich könnte, würde ich euch gerne helfen, ihm und euch über die Schwierigkeiten hinweg zu bringen, aber wenn ich es einmal könnte, habt ihr es hoffentlich nicht mehr nötig. Hermann, ich muss es leider sagen, ist ein großer Pamuffel, der fast ganz unter dem Pantoffel von Grete steht, wenn sie sagt, eine Sache ist gut, ist sie gut, u.s.w. Mit Martin steht es noch am besten, seine Frau ist ein kleines Gänschen, alle stehen sie unter dem Einfluss von Grete. Hugo und Trude sind sehr lieb und nett. Ida werdet, da ihr mit ihnen ja brieflich in Kontakt steht, alles wissen.
    Für den ersten Brief nach so langer Zeit erst mal genug. Ich hoffe, dass ihr wieder bald mal schreiben werdet. Meine herzlichsten Grüße. Erstmals wieder sind zehn Tage vorbeigegangen, ohne ohne dass ich das Schreiben abschickte: Fritz soll sich den Koffer packen, ein Billett kaufen und hierher kommen und den Stier bei den Hörnern packen, d.h. sich mit seinen Brüdern auseinandersetzen. Für heut nichts mehr, als das Versprechen, euch von nun an mehr zu schreiben. Herzlichst W. (=Willi Braun, Friedl Kleins Bruder)

    Einschub über die im Brief erwähnten Personen und deren Schicksal - von Frau Shelly Feder:
    Willi Braun war ein Künstler und Maler. Einige seiner Gemälde haben sich erhalten, so auch das Bild, das er von Fritz Klein - dem Vater von Shelly Feder, der Familienforscherin, der wir die vielen Briefe verdanken - in Erfurt gemalt hat, als Fritz erst 10 Jahre alt gewesen war.
    Die Im Brief erwähnte Gertrude - eine weitere Schwester - (1855-1944) hatte Hugo Tischler (1879-1943) geheiratet. Das Paar hatte 2 (oder sogar 3 ) Töchter. 
    Susi Tischler konnte Deutschland vor dem Beginn des Krieges verlassen, schaffte es nach Chicago und heiratete dort Hans Marx.
    Es gibt Hinweise, dass Steffi, die zweite Tochter der Tischlers, von einem Arzt oder Zahnarzt versteckt wurde, den Hugo Tischler gekannt hatte.
    Hugo und Gertrude Tischler wurden von den Nazis ermordet, von der Existenz eines dritten Kindes der beiden, das ebenfalls umgekommen sein soll, gibt es nur Gerüchte und keine Bestätigung.
    Fritz, ein weiterer Bruder aus der Familie Braun, schaffte es zusammen mit seinem Sohn nach Israel, wanderte aber später in die USA aus, genauer nach Chicago.
    Hermann (möglicherweise verheiratet mit einer Grete) und Martin waren weitere Geschwister der Friedl Klein.
    Sammlung Shelly Feder: Fritz Klein im Alter von 12 Jahren gemalt in Erfurth von Willi Braun.


    Sammlung Shelly Feder: Szene im Hafen von Willi Braun.




    1.9.1937




    ca. 1.9. 1937: undatierter Brief  von Alice an den Bruder in Tel-Aviv.


    "Meine Lieben! Heute muss ich mich mal zu einem Brief aufraffen. Roch- haschana steht vor der Türe, die Hoffnung auf ein besseres Jahr, aber die Hoffnung in mir ist so gering, die Bangigkeit vor der Zukunft viel größer. Ich wünsche euch von Herzen, dass es euch immer gut gehen möge, gesund und schaffensfroh des Tages Arbeit bewältigen möge. Vor einigen Tagen sandte der Rechtsanwalt Formulare zum Ausfüllen, die ich gestern mit einem Begleitschreiben zurück sandte. Ich habe ihm geschrieben, ob er meint, dass für mich Aussicht bestünde, das Vorzeigegeld zusammenzubringen. Meine Verhältnisse sind nämlich die: mit dem Verkauf des Warenlagers kann ich gut alle meine Schulden begleichen außer Verwandten Darlehen. Von dem Erlös des Hauses und sonstigem was ich nicht mitnehmen, wollte ich das Vorzeigegeld erschwingen. Ich hätte verschiedene Interessenten, die froh wären das Haus um diesen Betrag den wir uns gedacht haben, kaufen zu können, aber dieser Preis muss behördlich bewilligt werden. Der Rechtsanwalt schaut für uns eine Nummer zu bekommen, kümmert sich aber weiter nicht darum, ob wir überhaupt das Vorzeigegeld zusammen bekommen. Man spricht nämlich davon, dass für ein Eiltransfer ein viel höherer Betrag zu entrichten ist als bisher und stimmt dies, dann bringen auch die Tirschenreuther das vorzeige Geld nicht zusammen. deshalb fürchten wir, dass für uns wenig Aussicht besteht, nach Palästina zu kommen. Meine Schwägerinnen sind gestern nach Amerika abgereist. Sie wollen sich für Bürgschaften bemühen, da von Julius viele Verwandte dort leben. Der Ansturm nach Amerika ist so groß, dass mindestens ein bis zwei Jahre vergehen, bis wir drankommen. Ich fürchte sehr, wenn die Verwandten sich nicht sofort kümmern, dass Julius und ich Arbeit bekommen, wir diesen zur Last fallen. Darauf verzichte ich, dann können wir hier auch ausharren. Julius nimmt jede Arbeit an, wenn uns das Geschäft eines Tages nicht mehr ernähren sollte. Die Kinder hoffen wir in einer Familie unterzubringen und dann können wir nachkommen. Wenn wir dann ausreichenden Verdienst haben, können wir die Kinder wieder zu uns nehmen. Eine ganze Familie kann nicht mittellos in einem fremden Land eine Existenz aufbauen. Deshalb wäre mir die Siedlung in Palästina so willkommen gewesen, Julius und ich hätten uns vor der Arbeit nicht gefürchtet, aber wie das Vorzeigegeld zusammenbringen. Ich bin gespannt, was mir der Rechtsanwalt antwortet. Julius liegt zur Zeit im Krankenhaus an Gesichtsrose. Hoffentlich kann er bald als geheilt entlassen werden. Geschäftlich bin ich zufrieden, so dass wir eigentlich nicht daran denken, bräuchten zu verkaufen.


    "Geschäftlich bin ich zufrieden, so dass wir eigentlich nicht daran denken, bräuchten zu verkaufen.
    Wenn wir weiter mit Ware beliefert werden und sonst keine neuen Einschränkungen kommen, könnten wir durchkommen. Die Schulden haben mir mein Leben verbittert, ich möchte mir keine neue Existenz auf Schulden aufbauen, lieber gehe ich hier zu Grunde. Nun weißt du, was ich von der ganzen Auswanderei halte. Eine Siedlung, ja, wenn sie auch nichts abwirft, mein Dach über den Kopf habe ich und was ich sonst zum bescheidenen Leben brauche. Wenn mein Mann noch etwas hinzuverdienen kann, ist noch besser, aber diese Sache hängt davon ab, ob ich das Vorzeigegeld zusammenbringe. Susi ist zur Zeit in Baden-Baden zu Besuch. Ich hatte die ganze Gesellschaft Albert mit Frau und drei Kindern drei Wochen zu Gast. Die Frau jammert und weiß nicht warum. Alberts Gehalt geht weiter, haben eine schöne Villa mit allen Bequemlichkeit und wunderbaren Garten und braucht noch Sommerfrische. Susi haben sie bis zum Schulbeginn mitgenommen. ich kann sie überall beruhigt mitgeben. Sie ist ein feines, vernünftiges Kind, das ist Tante Fridas Werturteil. Mein Bub kommt in ihrer Achtung schlechter weg, aber das macht nichts. Er ist doch ein goldig, lieber Bub. Ich bin gespannt, wie die arme Frieda mit dem Verkauf von Haus und Geschäft fertig wird. Es ist keine Kleinigkeit für eine Frau. Du schreibst von einem bevorzugten Transfer, wahrscheinlich meinst du den beschleunigten. Du glaubst nicht, dass alle Eiltransfer bekommen. Wir hatten es uns schon so schön gedacht, wie wir uns alles einteilen wollten, aber ich wage nicht zu hoffen, dass unser Wunsch, alle beisammen zu sein, in Erfüllung geht. Ich bin ab Montag drei Wochen ohne Mädchen, weil meine Zugehfrau ans Kartoffelgraben geht. Nun könnte ich die schöne luftige Wohnung beziehen, aber da ich nicht weiß, ob ich hierbleiben kann, will ich nicht mehr umziehen. Getrocknete Schwammerl habe ich bestellt. Dieses Jahr gibt es viel. Wenn Julius gesund wäre, würden wir Sonntag durch die Wälder streifen. Mit Albert habe ich kürzlich gesucht. Wir eine reichliche Portion gefunden. Ich habe schon drei Wochen keinen Radio gehört. Haben die Unruhe nachgelassen? Dann wird das Geschäft auch wieder besser werden. Wie könnte das Land sich entwickelt haben, wenn diese furchtbaren Unruhen nicht wären. Hoffentlich brauchst du nicht mehr reisen. In Tel Aviv, besteht keine Gefahr? ist Fritz an der Hochschule in Jerusalem angenommen worden? Man hört doch auch dort von Überfällen. Kannst du ihn außer der Gefahrenzone unterbringen?
    Liebe Friedl, genau so habe ich es mir gedacht mit den Möbeln, ich riet ebenfalls, Frieda ab, den schweren Ledersessel mitzunehmen. Ich habe damals dein Schlafzimmer behalten und meines verkauft, aber diese Möbel werden zu schwer sein. Für Neuanschaffungen muss Exportabgaben, die sehr hoch sind, bezahlt werden. Darum hat es keinen Wert, die alten Möbel zu verkaufen und neue passend zu kaufen. Verbringt die Feiertage recht angenehm und seid herzlich geküsst von eurer Alice"


    Hier die Familie Alfred Kirschners, die in Kötzting zu Besuch weilte und nun Susi Kirschner bis zum Ende der Ferien mit nach Baden-Banden nahm.



    Albert Kirschner
    "© Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden"
    Renate Kirschner, nee Goldschmidt
    "© Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden"

    Margot Kirschner
    © Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden
    Manfred Kirschner
    "© Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden"




    Ingeborg Kirschner
    "© Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden"

    Von diesen fünf Menschen konnte nur Manfred - 1942 im Alter von 14 Jahren - mithilfe einer Kinderorganisation gerettet werden. Die anderen vier Familienmitglieder wurden am 17. August 1942 nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet.




    Herbst 1937



    wohl ein bis zwei Wochen nach dem vorherigen Brief, da in dem Brief die Rede davon ist, dass Julius wieder gesund zurück ist, und die Familie die Weihnachtsvergünstigungen der Bahn nutzen möchte, um nach Tirschenreuth zu fahren. Daher die zeitliche Zuordnung zwischen den anderen beiden Briefen. 
    Dieser Brief drückt an vielen Stellen die Verzweiflung aus über all Schwierigkeiten und die ihnen verschlossenen Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen.


    Meine Lieben!

    Julius ist Gott sei Dank wieder gesund zurück. Leider werden keine Besuchervisen mehr ausgestellt und nun muss ich euch doch bitten, deinen Vorschlag, unsere Kinder anzufordern, in die Tat umzusetzen. Ich werde einen Antrag stellen. Am Palästina-Amt in München versicherte man mir, dass, wenn du die Kinder anforderst, unsere Kinder bevorzugt sein würden. Nun komme ich auf einen früheren Brief von dir zurück. Du schriebst damals, wenn Valerie die 1000 £ für uns oder Frieda bereitstellen würde. Wie wäre es, wenn die Amerikaner für uns das machen könnten. Ich habe eben an meine Schwägerin geschrieben, sie möchte sich mit unserer Base Lori besprechen, ob sie nicht mithilfe der verschiedenen Verwandten diesen Betrag zusammenbringen und das Vorzeigegeld beschaffen. Ich schrieb Ihnen, dass du lieber Ludwig, Ihnen schreiben wirst, nach welcher Zeit das Geld zurückerstattet werden könnte. du schriebst damals davon, ich habe es mir nicht gemerkt. Das wäre der einzigste Ausweg in absehbarer Zeit hier weg zu kommen. Ich bin so niedergeschlagen und verzweifelt. Kann uns wirklich niemand helfen? Sind wir ganz verlassen? Warum schafft das Ausland keinen Ausweg, uns irgendwo unterzubringen. Weihnachten wollen wir die verbilligte Reisegelegenheit ausnutzen und nach Tirschenreuth fahren. Wir möchten uns schon längst gerne aussprechen. Sie haben auch viel mitgemacht. Wie geht es euch? Wird es keine zu große Belastung für euch sein, unsere Kinder aufzunehmen und nicht nur finanziell, sondern auch die Arbeit, liebe Friedl. Susi ist sehr selbstständig und auch Alfred, aber doch zwei Personen mehr, das spürt man. Lieber Ludwig, wenn wir auf diese Weise nach Palästina können kämen, würdest du uns Arbeit beschaffen können, damit wir bescheiden leben können? so viele Fragen gehen durch meinen Kopf und mir ist gar nicht zum Schreiben. Die Adresse meiner Schwägerin ist Herrn Alfons Josten 100 – 02 39. Avenue Corona New York USA. Erkläre es ihm gut bitte, damit sie uns das Geld zur Verfügung stellen. Seid alle innig geküsst von eurer Alice
    Zusatz. Ich füge Rückporto bei damit ihr nicht unnötige Ausgaben durch mich habt. Julius fürchtet, dass seine Schwestern das Vorzeigegeld nicht zusammenbringen, dann wäre für uns auch dieser Ausweg versperrt. Müssen wir wirklich zu Grunde gehen? Und bei den Tirschenreuthern rührt sich auch nichts. Es ist gut, dass wir Sonntag heimkommen.. Die graue Wand, sie scheint verschlossen und verriegelt. Ich möchte aber durch meinen Vorschlag mit dem Vorzeigegeld die Tirschenreuther nicht benachteiligen, dass du dadurch dich für sie nicht so kümmern kannst. Wird es keine zu großen Vorleistungen wird es keine zu große Belastung für euch, wenn ihr unsere Kinder zu euch nehmt. Es ist ein großes Opfer. Dass ihr damit bringt.





    10.12.1937



    Alice von Kötzting nach Tel-Aviv
    Der nächste Brief aus der Hand von Alice Kirschner, der sich erhalten hat, stammt vom Dezember 1937 und lässt uns hineinblicken in den Alltag der Familie Kirschner im Winter in Kötzting:
    Es ist tröstlich, daraus zu entnehmen, dass bei aller Bedrückung, die von Seiten der NSDAP sich von Jahr zu Jahr aufgebaut hatte,  - und ihren Kötztinger Höhepunkt im November 1938 mit dem Zwangsverkauf des Hauses in der Marktstraße und der damit erzwungenen Vertreibung -hinaus aus Kötzting hatte - es den Kindern offensichtlich noch möglich gewesen war, Kinder zu sein, Freunde zu haben und ein Instrument zu lernen.


    Meine Lieben
    heute will ich mich auch mal zu einem ausführlichen Brief aufraffen. Ich freue mich unendlich, dass ihr meine Sendungen pünktlich bekommt. Habt ihr auch die Schwammerl erhalten? Ein mir nicht gut gesinnter Beamter wollte sie mir nicht als Mustersendung behandeln und als Paket rentiert es sich nicht, weil ich erstens nicht soviel hatte und 2. was würdet ihr mit einem Postkoli (=österreichisch für ein Postpaket) getrockneter Schwammerl anfangen. Eure letzten Briefe waren etwas zuversichtlicher. Recht herrlichen Dank für Eure guten Wünsche zu meinem Geburtstag. Geschäftlich geht es mit etwas besser. Durch die festen Preise sind weniger Warenverluste, höchstens bei Konfektion und dann habe ich mein Lager verkleinert und dadurch weniger Schulden. Wenn ich nur die Banken weg hätte. Julius hat mit den Rohprodukten -  Häuten - zu tun und ist viel mit dem Auto fort. Auf der Straße nach Viechtach in einer Kurve musste er einem Fuhrwerk ausweichen und dabei ist das Auto auf der vereisten Straße ins Rutschen gekommen und kopfüber in den Straßengraben, so dass der Wagen auf dem Kopf stand. Gott sei Dank ist nichts passiert, weder ihm noch dem Wagen. Julius ist noch nicht zurück. Zwei Burschen haben mir die Nachricht gebracht. So geht es halt. Julius wünscht sich den Sommer herbei und die Kinder Schnee und Eis. Alfred ist lustig und fidel. Zu Ostern kommt er in die Schule. Hoffentlich bekommt er einen guten Lehrer. Susi ist ebenso geneigt


    "hat immer eine Menge Freundinnen, ein Zeichen, dass sie anpassungsfähig ist. Beim Sport hat sie nicht soviel Schneid wie Alfred außer beim Schwimmen, wahrscheinlich auch nur solang sie Boden unter den Füßen hat. Zurzeit lernt sie Zitherspielen. Als ich Weihnachten daheim war, nahm ich die Zither mit, zu einem Klavier bringe ich es doch nie und man weiß ja nicht, ob Susi mehr Talent hat als ihre Basen. Also probiere ich es mit der Zither. Ein hiesiger Bürger und eifriger Markensammler bat Julius um Fritzls Adresse. Er will dir eine Sammlung schöner Trachtenmarken zur Ansicht schicken, von denen du behalten kannst was du willst und sollst ihm von dort Markten schicken. Er hat überall Beziehungen nur nicht nach Palästina. Ich habe ihm deine Adresse noch nicht gegeben, weil ich nicht weiß ob es dir angenehm ist.  Sammelst du Steine? Ich habe nämlich einen Stein mit einer Schicht Asbest. Hier kommt nämlich Asbest vor, aber die Schicht ist zu dünne, dass eine Ausbeutung lohnt. Ist es wieder wärmer geworden bei euch? Liebe Friedl, du machtest in einem deiner letzten Briefe Andeutungen, als wenn sich Eure Lage bessern würde und schriebst seither nichts mehr davon in deinen Briefen. Ist es geschäftlich oder hast du, lieber Ludwig, Aussicht auf eine Stellung? Meine Gedanken weilen immer bei euch, wenn ich auch nicht schreibe. Ich hatte schriftliche Arbeit. Die Inventur war ins Reine zu bringen. Nun bin ich mit den Büchern nach. Morgen kommt die Flickerei dran. Nächste Woche habe ich große Wäsche. So vergeht die Zeit mit Geschäft und Haushalt. Anbei eine Aufnahme. Leider gibt es in Kötzting zur Zeit keinen Schnee, nur auf den Bergen. Soeben ist Julius zurückgekommen. Das Auto ist etwas beschädigt, aber sonst ist noch alles gut abgelaufen. Seid alle herzlichst geküsst von Eurer Alice.