Ich möchte hier gleich vorausschicken, dass ich einige der persönlichen Dokumente, auf denen dieser Beitrag über Therese Pritzl beruht, von Alfred Silberbauer („Gwasch“) aus Rimbach erhalten habe. Er hat insbesondere die Hohenwarther Kirchenbücher intensiv ausgewertet, schon vor Jahren den genauen Geburtsort Michael Heigls ermittelt und mir darüber hinaus eine Fülle weiterer Unterlagen zur Verfügung gestellt. Dafür gebührt ihm mein herzlicher Dank.
Nach einem fulminanten Abend auf der Burgruine Runding mit der Band Woidbluad und ihrem Song von der "Roudn Res" hier noch ein kleiner link zum Lied als Einstieg in den Beitrag über die junge Frau.
Schon seit Langem beschäftigt mich die Frage, woher die Bezeichnung „roude Res“ eigentlich stammt – und vor allem, wann diese erstmals für Therese Pritzl verwendet wurde. Trotz intensiver Recherchen konnte ich in den zeitgenössischen Quellen keinerlei Hinweis darauf finden, dass die junge Mutter zu ihren Lebzeiten oder auch nur kurz danach unter diesem Beinamen bekannt gewesen wäre.
Deshalb neige ich inzwischen zu der Vermutung, dass dieser „Kampfname“ überhaupt nicht aus der Zeit Michael Heigls stammt. Vieles spricht vielmehr dafür, dass die Bezeichnung erst Anfang des 20. Jahrhunderts – aus welchem Anlass auch immer – aufgekommen ist. Der erste Hinweis auf diesen Namen, den ich kenne, stammt aus dem bekannten Räuber Heigl Lied "Der Heigl war kein böser Mann", das dem "Waldbua Franz Schwarz" zugeschrieben wird, bzw. ihn als den Entdecker dieser Moritat bezeichnet. Dieser war mit seinen Liedern und Gstanzln in den 20er und 30er Jahren in Kötzting und drum herum sehr erfolgreich und sicherlich in der Lage gewesen solch einen Namen auf diesem Wege in den Kötztinger Sprachgebrauch einzuführen und dann auch zu verankern.
Noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war es wohl durchaus noch ein Reflex, nicht auffindbare Gegenstände dem Räuber Heigl zuzuordnen, und sei es nur aus Spaß und Fopperei. Und so bleibt am Ende nur noch das Lied vom Heigl, der danach nur ein braver Mann gewesen sein soll.
Der Autor war mit hoher Wahrscheinlichkeit der "Waldbua" Franz Schwarz, der gleich bei Kriegsbeginn des Zweiten Weltkriegs in Holland einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen war.
Ein "Beitrag für unsere Feriengäste" in der Kötztinger Zeitung von KB Krämer aus dem Krämerarchiv. KB Krämer schreibt darin, das Franz Schwarz das Lied in einem Moritatenbüchlein in Grafenwiesen gefunden habe.
Arbeitskreis Heimatforschung: links Franz Schwarz, der Waldbua. Hier in der Kötztinger Metzstraße.
Fangen wir zunächst an mit der Suche nach ihrer Geburt:
Die beim Strafprozess im Juni 1854 als 22 bis 23 Jahre alte Angeklagte bezeichnete Inwohnerstochter Therese Pritzl aus Gotzendorf müsste demnach um das Jahr 1831 geboren worden sein. In den Geburtsmatrikeln von Hohenwarth lassen sich im fraglichen Zeitraum gleich 2 Geburten einer Therese Pritzl belegen. Bei einer Geburt heißt der Vater Michael P. und bei der anderen Josef. Wir kennen aus den Polizeiakten den Vornamen des Vaters - Josef - , daher können wir mit Sicherheit eine der beiden Mädchen ausschließen,
Sammlung Silberbauer: Geburtsmatrikel Hohenwarth
handschriftlicher Zusatz: "legitimata per subsequens matrimonium 26ten Februar 1840" also: "durch nachträgliche Verehelichung legitimiert".
Die Taufpatin war Walburga Achatz, eine Inwohnerstochter von Hudlach.
Durch diesen Hinweis auf die spätere Eheschließung der beiden, kann auch dieser Eintrag gefunden werden.
Sammlung Silberbauer:
Am 23. Februar 1840 heirateten der auf Hausnummer 30 in Gotzendorf wohnende Inwohner Joseph Pritzl, Sohn des Gotzendorfer Inwohners Michael Pritzl und dessen Ehefrau Anna Maria, geborene Spindl aus Unterzettling, sowie die Inwohnerstochter Theresia Herlich aus Arrach. Sie war die unehelich geborene Tochter der Anna Gotz aus Arrach und des Dienstknechts und Soldaten Stephan Herrlich aus Döschernitz.
Als Trauzeugen fungierten Andrä Geiger aus Gotzendorf und Benedikt Armansberger.
Das Haus mit der Hausnummer 30 in Gotzendorf ist der sogenannte "Bergpritzl" und als solcher auch bereits im Jahre 1830 in der ältesten Karte eingetragen.
Detail aus Bayernatlas historisch
Oben links ist übrigens das Laumerhäusl zu erkennen, das bekannte, bis heute erhaltene kleine Haus direkt an der Straße. Dort wohnte nachweislich auch Josef Pritzl, der wegen seiner nachgewiesenen Verwicklungen in Heigls Machenschaften immer wieder auf behördlichen Druck aus dem Haus verwiesen wurde. Das Laumerhäusl (Hausnummer 29½) war ein sogenanntes Inhaus, das zum Bauernhof mit der Hausnummer 29 mitten in Gotzendorf gehörte.
Schaut man in den Grundsteuerkataster so findet sich dort als Besitzer des Hauses ein Josef Geiger. Der Bauer - eher Söldner, da das Anwesen eher von kleinerer Natur war - Josef Geiger hatte also die Pritzlfamilie als Inwohner bei sich auf dem Hof.
StA Landshut Grundsteuerkataster 8-14-1 Gotzendorf mit Reitenstein und Arndorf
Die Familie Pritzl hatte mehrere Kinder: 1. Therese, geboren am 11.12.1831 2. Katharina, geboren am 27.2.1834 (die Mutter wird als Ehrlich, nicht Herrlich bezeichnet) 3. Barbara, geboren am 11.4.1838 (die Mutter wird als Ehrlich, nicht Herrlich bezeichnet) 4. Franz, geboren 6.2.1841 5. Franzisca, geboren am 18.1.1843 6. Josef, geboren am 16.3.1845 7. Anna, geboren am 5.1.1847 und 8. Andreas, geboren am 23.12.1849
Schon im Sommer 1843 – die Resl ist damals gerade einmal zwölf Jahre alt – hält sich Michael Heigl, zu dieser Zeit ein 27-jähriger junger Mann, nachweislich zusammen mit seiner damaligen Freundin Anna Maria Gruber beim „Bergpritzl“ auf. Beide können sich einer drohenden Verhaftung nur durch eine schnelle Flucht entziehen. Daraus lässt sich zumindest schließen, dass die junge Resl den großen und kräftigen Michael bereits seit einigen Jahren gekannt haben dürfte. Ob sie ihn damals heimlich bewunderte, wird sich zwar kaum jemals beweisen lassen, erscheint aber durchaus nicht ausgeschlossen.
Foto Pongratz: der "Bergpritzl"
Wie lange diese „Annäherungsphase“ gedauert hat, wissen wir nicht. Spätestens ab dem Jahr 1847 scheint es jedoch zwischen den beiden „gefunkt“ zu haben. Denn nachweislich beginnt in diesem Jahr die Beziehung zwischen Michael Heigl und der jungen Pritzl-Tochter, wie die polizeilichen Akten eindeutig belegen:
15.3.1847 Brigadier Haas: Heigl ist oft im Laumerhaus, dessen Besitzer Josef Pritzl heißt. 20.4.1847 Im Protokoll des Landrichters Carl von Paur unter Punkt 4:Das Laumerhäusl zu Gotzendorf, Eigentum das Gemeindevorstehers von dort ist von den gegenwärtigen Bewohnern Resch und Pritzl, als bekannte Diensthehler, der beiden gemeinen Verbrecher augenblicklich zu räumen und in dasselbe Inhaus sind künftig nur Inleute von gutem Leumund mit landgerichtischer Bewilligung einzunehmen.
Foto Pongratz: das "Laumerhäusl"
April 1847: Fund von Gegenständen (Laumerhaus in Gotzendorf) aus dem Raub bei den Schäfferischen Eheleuten in Amesberg, bei Resch Alois >>>> die Vernehmung bestätigte dieses. 1.5.1847: Josef Resch, lediger Inwohnerssohn im Laumerhaus, wird verhaftet 6.5.1847: Eine gewisse Theres Pritzl Inwohnerstochter des schon erwähnten Josef Pritzl wird beschuldigt, mit Heigl öfters zusammenzukommen Mai 1847: Anzeige, dass die Inwohnerseheleute Resch und Pritzl dem Befehle, das Laumerhaus zu verlassen, nicht gefolgt seien >>>> wurden mit Zwang aus dem Hause entfernt. Mai 1847:Die Verhaftung des Josef Pritzl aus dem Laumerhaus und des Georg Pongratz von Kager wird beschlossen. 6.6.1847: Nach Gendarmerieberichten soll die Inwohnerstochter Theres Pritzl von Gotzendorf mit Heigl in Verbindung stehen: Hausdurchsuchung angeordnet: man fand: Seidenzeug, und Geld. >>> verhaftet und vernommen, sie gestand ein Liebesverhältnis mit Michael Heigl und den Empfang dieser Gegenstände durch ihn, insbesondere ein Herzl von Filigran. Wurde sofort verhaftet und die ganze Familie unter Polizeiaufsicht gestellt. 19.6.1847:Auszug aus dem Protokoll des Carl von Paur: Lt. Aktenlage Inwohner Joseph Pritzl von Laumerhäusl bei Gotzendorf war wohl der Hehler und Unterschlupfgeber des Heigl und mehrere Gegenstände und Geld, die der Tochter Theres Pritzl im Himmelreich abgenommen worden waren, hatte ihr, nach ihrem Geständnis, Michael Heigl zur Aufbewahrung übergeben und stammten von dem Raube bei Pirka.
Bereits
seit Monatsanfang war die ganze Familie Pritzl in Gotzendorf unter
Polizeiaufsicht gestellt worden, und nun diese peinliche Situation: "13/14 Juli 1847 Anzeige der Gemeinde Gotzendorf, dass Theres Pritzl aus dem elterlichen Hause sich entfernt habe."
Nach der Therese Pritzl wurde nun ebenfalls gefahndet und wenige Tage vorher waren bereits bei der Anna Maria Gruber von Reitenstein "verschiedene Effekten" gefunden worden. A.M. Gruber wurde nun verhaftet und vernommen, doch nach einigen Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt. MH hielt wohl zu der Zeit noch Kontakt zu beiden Frauen; auf seine Flucht nahm er aber wohl nur die junge Therese Pritzl mit; A.M. Gruber hatte ja auch noch Kinder zu versorgen.
Mit dieser Nachricht, dass Therese Pritzl von Zuhause verschwunden sei, enden zunächst die Nachrichten im Gendarmerie-Report im Juli des Jahres 1847. Es kehrt Ruhe ein im Landgericht Kötzting , bis zum
nächsten - vermuteten - Auftauchen Heigls im Sommer des drauffolgenden
Jahres.
Einschub: Die Kinder Michael Heigls
Die "gesicherten" Kinder des Michael Heigl mit Anna Maria Gruber und Therese Pritzl: "Auszüge aus dem Taufregister (PfA Bad Kötzting, Mikrofiche)
MF 697/98:
Heigl Michael, illeg., geb. 16.11.1836 (Taufmatrikel S. 84)
Vater: Michael Heigl, Inwohnerssohn, Beckendorf (d. Z. in der Fronfeste zu Kötzting)
Mutter: Anna Maria Gruber, eine uneheliche Einwohnerstochter, Reitenstein
Heigl Christoph, illeg., geb. 3.5.1839 (S. 110)
Vater: Michael Heigl, Inwohnerssohn, d. Z. in Reitenstein
Mutter: Anna Maria Gruber, eine uneheliche Einwohnerstochter, wieder unehl.
Einwohnerstochter, von Reitenstein – 2. Mal
Heigl Theres, illeg., geb. 20.11.1840 (S. 130)
Vater: Michael Heigl, Inwohnerssohn, d. Z. in Reitenstein
Mutter: Anna Maria Gruber, eine uneheliche Einwohnerstochter, wieder unehl.
Einwohnerstochter (Abdeckerstochter), von Reitenstein – zum 3. Mal
Heigl Georg, illeg., geb. 15.1.1842 (S. 149)
Vater: Michael Heigl, Inwohnerssohn, d. Z. in Reitenstein
Mutter: Anna Maria Gruber, eine uneheliche Einwohnerstochter, wieder unehl.
Inwohners (Abdecker) Tochter – zum 4. Male
Therese Pritzl scheint jedoch schon Jahre zuvor Kinder auf die Welt gebracht zu haben, auch wenn sich dies in den Pfarrmatrikeln nur "in Klammern" nachweisen lässt. Im März 1849 wird in der Pfarrei Rimbach ein Findelkind getauft, bei dem eine Zusatz (Heigl?) schon mal den Verdacht in eine Richtung lenkt.
Sammlung Silberbauer: Pfarrmatrikel Rimbach
"Franziska * 17. März 1849
Dieses Kind ist Nachts 7 Uhr 13. März bei Franz Stoiber mit einer tiefen Wunde am Kopf heimlich gelegt worden in HUndzell
Der wirkliche Vater und die wirkliche Mutter fehlern
(Heigl?)
Gut ein Jahr später - am 18. April 1850 - ist in der Pfarrei Rimbach erneut eine Geburt eines Findelkindes vermerkt, und auch hier trägt der Pfarrer - oder ein nachträglicher Schreiber - bereits seine Vermutung, dass Michael Heigl der Vater sein müsste/könnte dem Eintrag hinzu.
Inwohnerstochter Gotzendorf 24.4.1850 Patin: Theres Schmatz, Inwohnerin von Gotzendorf wurde in der Nacht v. 23. und 24. April im Hause Nr. 27 zu Gotzendorf eingelegt und war etwa bis zur Taufe 5 bis 6 Tag alt.
Einschub Ende
Im Mai 1850 begann dann – nach zwei Jahren relativer Ruhe im Landgerichtsbezirk – erneut die Suche nach Michael Heigl und Therese Pritzl. Dieses Wiederauftauchen des Paares fügt sich zeitlich gut zu dem im März desselben Jahres dokumentierten Findelkind. Zwar lässt sich ein unmittelbarer Zusammenhang nicht belegen, doch spricht die Chronologie durchaus dafür, dass Therese Pritzl für ihre Niederkunft – und die spätere Aussetzung des Kindes – bewusst ihre heimatliche Umgebung aufsuchte.
Therese Pritzl taucht dann erst wieder im September 1851 in den Akten auf, als das Paar mit einer Gendarmenpatrouille zusammenstieß, die für Heigl mit einer Verwundung am Arm endete, so dass er sein Gewehr verlor, welches ihm aber seine Therese retten konnte. Im Protokoll des Zusammentreffens ist auch TP erwähnt:
Seitlich am Rande ist auch die Beteiligung der Therese
Pritzl erwähnt:
"Die Geliebte des Heigl entkam mit dessen Gewehr, das er, an den Armen verwundet, fallen ließ"
Trotz seiner Liaison mit Therese Pritzl scheint MH
seine frühere Freundin und die Mutter einiger seiner Kinder, Anna Maria Gruber,
nicht ganz aus den Augen lassen zu wollen, denn am 4. September 1852 stattete
er ihr einen besonderen Besuch ab, der nicht ohne Folgen geblieben war, sowohl
bei Frau Gruber als auch in seinem eigenen Strafregister.
7.9.1852 Körperverletzung zum Schaden der Anna Maria Gruber seiner
früheren Concubine am 7. September 1852 Unter Eid vernommen benennt sie als Thaeter den Michael Heigl, der ihr aus Rache
diese Mißhandlung zugefügt habe. Arbeitsunfähigkeit 16 Tage Beruht auf Vernehmung des Heigl. Es hat aber den Anschein, als ob MH seine Resl immer wieder auch bei ihren Eltern im Hause Bergpritzl abgeliefert hat, denn im 26. Oktober 1852 heißt es:
26. Oktbr 1852: Durch Gendarmerierapport v. 26. Okt
wurde der Häusler Pritzl v. Rosenau, der Bruder Wolfgang Heigl, der Häusler
Pritzl, beim Bergpritzl genannt, der Häusler Paul Pritzl, beim Pritzl Pauli
genannt, der Bierwirth Joseph Hastreiter zu Kötzting, Theres Pritzl led. v.
Gotzendorf, der Verbindung mit Heigl angeschuldigt. Aufgrund der daraufhin eingeleiteten Strafmaßnahmen und der Ausschreibung Therese Pritzls liegt die Vermutung nahe, dass sie sich – zu diesem Zeitpunkt bereits wieder hochschwanger – unmittelbar nach der Hausdurchsuchung und der damit verbundenen Gefahr einer Gefängnisstrafe wieder zu Michael Heigl begeben hat. Vieles spricht dafür, dass das Paar von da an nahezu ununterbrochen zusammenblieb – bis zu seinem bitteren Ende.
Am 12. Dezember 1852 ereignete sich in Pirka der verhängnisvolle Zusammenstoß zwischen Michael Heigl und dem Brigadier Sommer, den dieser nur schwer verletzt überlebte. Die anschließenden Ermittlungen brachten ans Licht, dass sich auch Therese Pritzl am Tatort befunden hatte. Für den Kötztinger Landrichter Carl von Paur war dies Anlass, die junge Frau künftig nicht mehr lediglich als Begleiterin Heigls zu betrachten. In seinem mehrere Punkte umfassenden Programm zur Verbesserung der Sicherheitslage im Landgerichtsbezirk widmete er ihr daher einen eigenen Abschnitt:
"2. Über die Theresa Pritzl von Gotzendorf: .... so
wurden alle ergriffenen Verfolgungsmaßregeln auch auf diese Person derselben in
der umfassendsten Weise ausgedehnt, wie eine hohe Kreisstelle aus dem Berichte
des zur Organisierung der Streifen dahier längere Zeit anwesenden
Gendarmerieleutnants Fürst von Deggendorf mittlerweile gnädigst entnommen haben
wird. Ihrer speziell in den bisherigen Berichten zu erwähnen, hielt man nicht
für nötig, da sie bisher für minder gefährlich gehalten wurde, und
sie erst bei der jüngsten stattgefundenen Verletzung des Brigadier
Sommer von Viechtach ihre Verwegenheit und hohe Gefährlichkeit an den Tag
gelegt hat.
Nachdem die Aussetzung des 6 Tage alten Säuglings am 11.1.1853 (errechneter Geburtstermin war dann der 5.1.1853) passierte, war Therese Pritzl bei der Schießerei in Pirka im Dachgeschoss des Bauernhauses wohl bereits im 9. Monat schwanger gewesen.
Aus den Akten ergibt sich ein interessantes Detail über die sechs Tage zwischen der Geburt des Kindes am 5. Januar 1853 und seiner Aussetzung am 11. Januar 1853. Die Kötztinger Gendarmen hatten sich wegen ihrer erfolglosen Jagd auf Michael Heigl den Spott der Bevölkerung gefallen lassen müssen. Als einige von ihnen daraufhin ihren Unmut in Übergriffen entluden, leitete die Behörde eine Untersuchung ein. Im Zuge dieser Ermittlungen wurde eine Zeugenaussage protokolliert, die überraschende Einblicke in die dramatischen Geschehnisse jener Januartage gewährt, kurz vor und nach der Entbindung .
"Generalia: 34 Jahre alt,
Schachtelmacher aus Ansdorf, welcher vereidigt wird.
Ich kam am fraglichen Sonntag 9ten Jänner nachts von
Neukirchen nach Hause nach Hohenwarth und erfuhr von meinem Weibe, daß sich die
Theres Pritzl bei ihren Eltern im Zuhaus beim Hauserbauern Pöschl in Gotzendorf
aufhalte und daß sie der Heigl dort abholen werde. Ich habe mich entschlossen
noch abends den 2 Gehstunden weiten Weg hierher zu nehmen, bekam dann auf meine
Anzeige vom Landgericht sogleich Gendarmen mit und ging mit diesen und mit dem
Marktdiener, im Ganzen 9 Mann, nach Gotzendorf; ich habe den Brigadier genau
instruiert, allein statt nach meiner Weisung beim Zuhäusl anzufangen, haben sie
zuerst beim Bauer Pöschl selbst visitiert und die ganze Sache war dann
fruchtlos. Nach den späteren Zugeständnissen meiner Schwiegermutter war Heigl
damals wirklich gekommen und mit der Pritzl entwichen, während die Gendarmerie
ungeschickter weis vorn beim Bauern umherwirtschaftete.
Ich muß noch beifügen, daß mir meine Schwiegermutter Theres Ruprecht,
Inwohnerin von Gotzendorf erzählte, daß die Pritzl mit dem Heigl schon an
Hl Dreikönigtage zu ihr kam und ins Häusel hinein wollte, um wiederzukommen,
weil ihre Geburtswehen schon begannen, daß sie aber die Pritzl nicht
hineingelassen hätte."
Therese Pritzl ist wieder Zuhause.
Ganz besonders interessant ist eine Meldung in dieser Polizeistatistik - undatiert, aber nach einem Eintrag vom 17.2. - noch unter "Februar" - eingeschrieben - über Therese Pritzl.
"Um diese Zeit wurde Theres Pritzl, Hüterstochter von Gotzendorf /:Gem. v.d.:/ der Verbindung mit Heigl dringend verdächtig, arretiert, vorgeführt. Wurde vernommen, detiniert, ihre Einweisung ins Arbeitshaus beschlossen, die aber nicht beschäftigt werden kann, da sie mittlerweile erkrankte. Akte bei der k. Regierung"
Therese Pritzl war also offensichtlich nach ihrer Niederkunft wieder nach Hause heimgegangen oder gebracht worden; das Baby hatte Michael Heigl dann beim Weidenhofbauer ausgesetzt.
Bei der damalig noch sehr schlechten (Nach-) Behandlung von Müttern nach der Geburt, die in ihrem Falle ja ihr Kind auch noch auf der Flucht zur Welt zu bringen hatte, war es kein Wunder, dass sie anschließend noch für lange Zeit als "arbeitsunfähig" krank eingestuft wurde.
Michael Heigl und Therese Pritzl werden gefasst
Am
17.Juni 1853 ist es vorbei mit der großen Freiheit, Michael Heigl und Therese
Pritzl werden bei einem heimlichen Flussübergang gesehen und dann beginnt die
letzte große Jagd auf den Heigl.
Mit dem folgenden Telegramm - es wird rest am 19.6. weitergeleitet - wird München über den Aufgriff informiert. Es
dauerte also ganze zwei Tage, bis die Nachricht von der Verhaftung Heigls von
Kötzting bis an die höchste Stelle in München gelangt war.
Tele. Dep. dz Landshut den 19/6 7 Uhr 30 M vorm.
München den 19/6 7 Uhr 40 M
Hpt. Frays beehrt sich mitzutheilen
daß Heigel in Ktz arret. wurde
Note ad acta
/: wurde die telegr. Dep. mittelst Remisse
dem k. St, Mst. d. I. vorgelegt :/
Brigadier Suffas Bericht ist in dieser Hinsicht sehr
nüchtern und so berichtet er ganz knapp aus der Station Hohenwarth:
17.6.1853 Gendarmeriebrigade Kötzting in Hohenwarth an
das kgl Corps Commando
Kötzting den 17ten Juni 1853 Die Arretierung des flüchtigen Verbrechers Michl Heigl und dessen Zuhälterin
Theres Pritzl von Gotzendorf betreffend:
Der Unterzeichnete meldet gehorsamst das
derselbe unterm heutigen früh beim Anbruch des Tages mittels Beiziehung der
Bewohner der Umgegend eine große Streife auf den Kaitersberg vornahm, wobei er
den flüchtigen Verbrecher Michl Heigl von Beckendorf, und dessen Zuhälterin
Theres Pritzl von Gotzendorf, beide Landgerichts Kötzting, in der Nähe von
Hudlach in der Kaitersberger Waldung arretiert und dem kgl Landgerichte
Kötzting nach kräftiger Gegenwehr mit einem Doppelstutzen einer Pistoln nebst
mehreren Schussapparaten eingeliefert worden.
Bevor es nun in dieser Dokumentation mit dem
Schwurgerichtsprozess in Straubing weitergehen kann, stellt sich für mich
abschließend die Frage: wo bei diesem ganzen Aufgriff ist eigentlich die
Therese Pritzl abgeblieben?
Nur noch kurz zur Rückschau:
Die beiden wurden an Mitternacht gesehen, wie sie den Regen
überquerten, in Hohenwarth angezeigt und danach begann die große
Einkesselungsjagd, und bei all den Schilderungen - von der ersten Sichtung am
Grat des Kaitersberg, seiner Flucht und dem endgültigen Zusammenstoß ist immer
nur von Michael Heigl die Rede.
Erst bei der Ablieferung der Gefangenen - nachmittags um 3 Uhr nach der einen
und Ende Vormittag nach der anderen Version - ist Therese Pritzl wieder
erwähnt.
Zwischen dem Überschreiten des Regens und dem Aufgriff um 7.30 morgens ist
genügend Zeit, so dass Michl Heigl u.U. seine Freundin bei den Eltern in
Gotzendorf vorbeigebracht haben könnte, bevor er dann alleine auf den
Kaitersberggipfel zusteuerte.
Die Frage wäre halt, ob sie ihrem Michl, als Mühlbauer verletzt und außer
Gefecht gesetzt am Boden lag, im Kampfe gegen den Hund und den Bauern Vogl
nicht zur Seite gestanden hätte, wäre sie vor Ort gewesen.
Im nächsten Teil geht es um alles, was mit dem Prozess
zusammenhängt
Im Rahmen der Prozessberichterstattung findet sich auch ein umfangreicher Beitrag eines Rechtsanwaltes Steinles, der in der "Allgemeinen Schwurgerichtszeitung" auch die Vorgeschichte des Falles beleuchtet und dieser nennt auch Details über die Gefangennahme der Therese Pritzl:
"Nach der - bekannten - Schilderung der Gefangennahme Heigls, berichtet Steinle - anders als der Kötztinger Gendarm Suffa in seinem Bericht - auch von er Gefangennahme der Therese Pritzls:
"Auch seine Zuhälterin Therese Pritzl, die jedoch ohne Jemand zu treffen, eine Pistole auf ihre Verfolger abgefeuert hatte, wurde mit ihm gefangen. Die Gefangenen wurden in die Fronfeste nach Straubing gebracht, um dort vor das niederbayerische Schwurgericht gestellt zu werden."
Diese Darstellung des Ablaufes ist definitiv falsch, denn die Fronfeste Straubing war damals hoffnungslos überfüllt und deren Leitung weigerte sich kategorisch, MH überstellt zu bekommen, was Carl von Paur in Kötzting in der Folge sicherlich viele schlaflose Nächte bereitetet hatte.
Und von Steinle haben wir auch eine Personenbeschreibung der Therese Pritzl:
Von dieser bis hin zu den Eigenschaften, die man der "Rout´n Res" mittlerweile angedichtet hat, ist jedenfalls ein sehr, sehr weiter Weg.
Staatsanwalt Steinle in seinem Prozessbericht
Therese Pritzl, 22 bis 23 Jahre alt und seit ihrem 15. Jahr die Geliebte des Heigl, ist von kleinem gedrungenen Wuchs und voller Büste, hat dunkle feurige Augen, braune Haare und ein angenehmes Äußere. Sie kannte keinen anderen Willen als den ihres Geliebten, dem sie mit aufopfernder Zärtlichkeit ergeben ist. .....
Auch in der, den Prozess begleitenden, Landshuter Zeitung steht eine kleine Beschreibung der TP:
Hier die Einschätzung der Landshuter Zeitung zum Auftreten der Therese Pritzl.
Beilage zu Nro. 145 der Landshuter Zeitung
Die Verteidigung der Therese Pritzl:
Landshuter Zeitung
""Es sey wohl richtig, dass die Pritzl mit der größten Liebe an Heigl hing, dass sie zärtlich für ihn sorgte, als er bei seiner Habhaftmachung verschiedene Verletzungen erhalten hatte, allein daraus folge noch nicht, dass sie, gleich ihm, wenn er ja solche Absicht hatte, den Tod der Gendarmen gewollt hätte. Auch Heigl wollte nur schrecken, und deshalb können die Pritzl nur als Begünstigerin zum Verbrechen der Körperverletzung II. Grades betrachtet werden."
Therese Pritzl wurde in diesem ersten Prozess zunächst 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Bei der Überprüfung dieses Prozesses nach einer Nichtigkeitsklage wurde die Strafe verkürzt. Therese Pritzls wurde nun zu "siebenmonatlicher in einer Strafanstalt zu erstehenden Gefängnsistrafe" verurteilt und selbst dies Strafe versuchten ihre Verteidiger noch zu reduzieren und noch ihre Zeit in der Untersuchungshaft auf diese Frist angerechnet zu bekommen.
Wie auch immer, wir können davon ausgehen, dass Therese Pritzl sicherlich sehr schnell wieder in ihrem gewohnten Umfeld zuhause in Gotzendorf angekommen ist.
Maximilian Schmidt, genannt Waldtschmidt, schreibt in seinem Roman(!) Brigitta oder der Räuber vom Kaitersberg über Therese Pritzl: "Therese P. befindet sich, nachdem sie einige Monate Strafarbeitsbaus erstanden, wieder in ihrer Heimat Hohenwarth und hat sich mit ihren zwei noch lebenden Kindern einen guten, das üble Andenken Heigls mildernden Ruf erworben."
Am Ende dieses Berichtes über Therese Pritzl nun noch ein Blick nach vorne:
Die oben bereits als Findelkind angeführte und am 24.4.1850 getaufte Carolina Pritzl (formal war der Vater unbekannt) heiratete am 26.7.1894 den Witwer Josef Resch. Carolina Pritzl wohnte/lebte damals als Inwohnerin im Haus Nummer 27 (früher Gasthof Reimer) in Gotzendorf und die Resch besaßen in Gotzendorf die Häuser mit den Nummern 23 und 24. Ob es aus dieser Ehe Nachklommen gibt, ist nicht bekannt, allerdings hatte der Ehemann Nachkommen aus dessen erster Ehe.
🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken. Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.
⭐ Räuber Heigl Die weiteren Beiträge über Michael Heigl und die grafische Auflistung seiner "Tatorte" kann man in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Räuber Heigl finden.
Dieses Mal suchen wir einen Ort aus dem Altlandkreis Kötzting. Mal schauen, wer diesen Ort anhand der Luftbildaufnahme erkennt.
Wo sind wir?
Suchbild 9
Ein Haus mit einer ganz tollen Fassade mittendrin in Kötzting. Dieses Haus gibt es schon lange nicht mehr aber vielleicht erinnert sich noch jemand daran: Frage also: wo befinden wir uns bei dieser Aufnahme?
Foto Josef Bock
Lösung:
Es ist das Haus vom Hofmann Naze in der Holzapfelstraße, einem Lohnfuhrunternehmer. Heute stehen an dessen Stelle zwei Häuser.
DIA-Repro 1987
Suchbild 8
Heute geht es um eine Baustelle - mitten drin in Kötzting - vermutlich ist es zu einfach, aber trotzdem:
Wo ist diese Baustelle und was war da vorher? Ich habe das Bild am oberen Rand stark beschnitten, sonst wäre es viel zu einfach gewesen
Lösung:
Ich hatte gedacht die Aufgabe wäre zu einfach.....
Es ist die Großbaustelle Penner mit dem Teilabbruch eines Nebengebäudes der Marktmühle.
Suchbild 7
🌉 Bleiben wir bei den Kötztinger Brücken:
Diese Brücke ist heute längst verschwunden – und doch dürfte sich mancher noch an dieses etwas eigenwillige Konstrukt erinnern. Der obere Teil des Fotos bleibt diesmal bewusst verborgen, denn sonst wäre die Auflösung wohl allzu schnell gefunden gewesen. 😉
Wer erkennt, wo sich diese Brücke einst befand – und warum sie später einfach nicht mehr gebraucht wurde?
Lösung:
Es war die Zufahrt zur "Ambergerinsel", also eine kleine Behelfsbrücke über den Dampfbach. Im Hintergrund der mittlerweile verschwundene Kötztinger Ortsteil: "im Anger"
Suchbild 6
Wo in Bad Kötzting liegt diese Brücke? Den oberen Bildrand habe ich abgeschnitten, sonst wäre die Lösung viel zu einfach gewesen.
Lösung: im entfernten oberen Teil des Bildes würde man das Restaurant "Route" erkennen. Die Brücke überquert also den Gruberbach zwischen den beiden "Kreiskehren".
Suchbild 5
Eine malerische Hütte auf einer beliebten Sonntagswanderstrecke in Kötzting mit vielen Erinnerungen. Wo stand diese Hütte?
Die Lösung:
Natürlich auf dem Ludwigsberg - Kötztings traditionelles Sonntagsausflugsziel
Suchbild 4
Hinter dieser Suchaufgabe steckt nun tatsächlich auch für mich der Wunsch nach einer Lösung, denn ich kenne das abgebildete Haus nicht. Es stammt aus einem Artikel vom Januar 1976, als die Umschau mehrere Objekte in der Stadt abbildete, die nicht gerade "vorzeigbar" erschienen für die zukünftige Entwicklung der Stadt. Im Falle des Suchbildes hieß es, dass regelmäßige Einbrüche und unrechtmäßige Übernachtungen in diesem (Neben?-) Gebäude stattgefunden hätten und die Zustände daher untragbar seien.
Mein eigener Tip: Das Rückgebäude vom Fischer Peteranwesen (das war wohl ein Irrtum...)
Wo war das in Kötzting?
Lösung Suchbild 4:
Es ist der ehemalige "Lembergerkeller" in der Holzapfelstraße und das rechts angeschnittene Hauseck mit der Hausnummer 13 gehört zum ehemaligen Monokel.
Suchbild 3
Wo kommt das Auto auf diesem Bild her und zu welchem Anwesen gehörte das Gebäude auf der rechten Bilderseite?
Lösung:
Diese Suchaufgabe wurde sehr schnell und von sehr vielen richtig beantwortet: es ist die Einbiegung von der Müllerstraße rechts hin zur heutigen (Fußgänger-) Oberbergerbrücke, die damals noch - wenn auch nur eingeschränkt - befahrbar war.
Suchbild 2
vermutlich zu einfach, aber vielleicht kann ich mich auch täuschen: Wo in Kötzting stand denn diese Außenterrasse?
Btw: die Bank gibt es heute noch, allerdings nicht an dieser Stelle.
Lösung:
Viele haben es gleich erkannt, das ist die ehemalige Steinterrasse vor dem Gasthaus Dreger in der Marktstraße, die der großen Marktstraßensanierung in den Jahren 1983/1984 weichen musste, um die Straße fußgängerfreundlicher zu machen. Die halbhohe Stützmauer dieses Freisitzes war übrigens jahrzehntelang der "Kirtasitzplatz" eines schwerbehinderten Akkordeonspielers, der sich hier mit Musik seinen Lebensunterhalt zu verdienen versuchte und mich in meinen Kinder - und Jugendjahren begleitete.
Suchbild 1
Am Rand des Stadtgebiets von Bad Kötzting, fast ein wenig verborgen, liegt dieser stille, idyllische See.
Kennen Sie seinen Namen – und wissen Sie, wo er zu finden ist?
Lösung: Es ist der Steinbachsee rund herum um das Jahr 1960. Foto Kretschmer
Foto Kretschmer: aus diesem See wurde, den starken Höhenunterschied ausnutzend, eine Druckwasserleitung heruntergeführt zum heutigen Hotel Steinbachtal.
🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten und Meldungen aus und über Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken. Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.
🔎 Wer diesen Beitrag dort wiederfinden möchte, muss ein wenig suchen: Er verbirgt sich in der Markergruppe Suchaufgaben.
Mit der sogenannten Uraufnahme und der beginnenden Landvermessung zählte Kötzting insgesamt 159 Anwesen. Die Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuzeichnen und möglichst genau zu dokumentieren, ist das Anliegen dieser Häuserchronik. Wer sich näher mit den frühen Entwicklungen unserer Heimatstadt beschäftigen möchte – von den ersten Urhöfen bis zur Erhebung Kötztings zum Landgerichtsort –, findet dazu ausführliche Informationen in einem einleitenden Blogbeitrag.
Eine grafische Übersicht über die bereits veröffentlichten Hauschroniken gibt auch die neue interaktive Karte.
Bei den nun folgenden zehn Anwesen ist allerdings eine Besonderheit zu beachten: Die Häuser mit den alten Hausnummern 113 bis 123 bestanden bereits lange vor dem großen Marktbrand von 1867, wurden nach der Katastrophe jedoch nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten errichtet. Mit der Neuordnung des unteren Marktes und dem Bau der unteren Marktstraße, des Pfeffergrabens sowie später der Holzapfelstraße entstand ein neuer Ortsteil, in den die bisherigen Hausnummern übertragen wurden.
Die Identifizierung dieser Anwesen ist deshalb bei diesen Anwesen nicht mehr nur über ihre frühere Lage möglich, sondern ausschließlich über die identisch weitergeführten alten Hausnummern. Es hat aber den Anschein, als ob nur dieses Haus beim Neuzuschnitt des Pfeffergrabens annähernd auf seinem alten Bauplatz wieder errichtet worden ist.
Alte Hausnummer 117
beim Obermayer
Foto Pongratz: das Haus mit dem Erinnerungsschild für Herrn Obermayer
Detail aus Vermessungsamt Cham: 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_1831_Beilage_M2500_1_1-01
Mit dem Nachweis eines "Schneider am Graben", Georg Obermayr, beginnt die Suche für die Chronik dieses Hauses. Wichtig ist hier, dass der frühere Name Pfeffergraben - oder verkürzt Graben - für den bergaufführenden Weg zwischen Hausnummer 117 auf der einen und en Häusern 113-115 auf der anderen Seite ge/benutzt wurde.
bayr. HStA München KL Rott Kirchentrachtliste R4
1. Gleichzeitig lässt sich ein Schneider "JOHANN" Obermayr zur selben Zeit in den Kötztinger Sterbematrikeln als Vater belegen und auch dieser hat bei manchen Einträgen den Zusatz: Schneider am Graben. Nun ist gleichzeitig die Namenskombination "Johann Georg" sehr, sehr häufig und wird von manchen Schreibern auch gerne als Johann oder als Georg abgekürzt.
2. Die Kötztinger Geburtsmatrikel weisen das erste Kind eines Schneiderehepaares Johann O und Anna Ottilia unterm 12.5.1727 nach.
3. Am 27.2.1730 verstirbt eine Ottilia Obermayr, Ehefrau des Schneiders Johann Obermayr.
4. Und dies ist das erste "Auftauchen des Namens Obermayer in Kötzting: bei der Suche nach dem Heiratseintrag findet sich unterm 12.8.1726:
Der Schneider aus Vorderbuchberg - Sohn des Georg und seiner Ehefrau Maria - Johann Obermayr heiratete Anna Ottilia Löchel, die Tochter des Kötztinger Schneiders Johann Löchel und dessen Ehefrau Maria Anna Hofmann.
Und mit dieser "Einheirat" öffent sich für uns eine ganz neue Möglichkeit weiter zurück in die Vergangenheit zu stoßen, weiter, als es sonst die einem "Haus" die Möglichkeit gibt.
Unser erster Schneider Löchl ist ein
Löchl Hans und Veronika
und dieser taucht im Jahre 1652 in den Kötztinger Kirchenrechnungen auf, als er 8 Kreuzer für ein "Sitzl" bezahlt, also für einen mit seinem Namen be/gezeichneten Platz in der Kirchenbank. Nachdem diese Namenskombination eher selten ist, so sollte die Hochzeit eines Johann Löchls aus Haus mit einer Veronika Schrader aus Weißenregen im Jahre 1654 die unseres gesuchten Schneiderehepaares gewesen sein.
PfA Kötzting Matrikelband 1 Seite 185 Matrimonium contravit publice Joannes Löchl Oswalti Löchl et ux. filius legitimus zu Haus cum Veronica Schrader Georgius Schrader et uxoris filia legizima des Weisenregen Testes Andreas Billich
Im Jahre 1678 erhielt er 35 Kreuzer für die "verferttigung zwaier Nachtwachroeckh". Im Jahre 1685 steht er in den Akten, weil er für den "schreibunkundigen Adam Türrigl" unterschrieben hatte.
Am 12.8.1686 verstribt der Schneider Hans Löchl und am 1.12.1700 seine Witwe Veronika.
Löchl Johann und Maria Anna Hofmann
Der Schneider Johann Löchel - Sohn des Georg und der Veronika - heiratete am 18.5.1693 die Kötztinger Bürgerstochter Maria Anna Hofmann.
StA Landshut Rentkastenamt Straubing Pfleggerichtsrechnung von 1698
"Umb willen ich Hans Geörg Löchl burger und Schneider alhir zu Khözting, angemaßt, ain gesambtes Handwerch der Schneider daselbsten, das sye ihme zum Handwerch nit angesagt, vor die burgerliche Obrigkheit zu clagen, besagtes Handwerch auch aldorth antwortt gegeben, mithin also beede clag chur fürstliches Pfleggericht als die Schuz und Recht nattierliche Handwerchsobrigkeit zu umbgehen, hat mann dem Löchl armutehtshalber wie hernach folio 23 zu sehen .2. stund lang im AMbtshaus das gesambte Handwerch aber per 2 Pfund Pfennige abgebisst trüfft 2 fl 14 xr 1 H:" HG Löchl hat also das "Handwerk der Kötztinger Schneider" vor dem Magistrat verklagt und dieses ist auf die Klage dadurch eingegangen, dass sie auf die Klage mit einer Antwort reagiert haben. Handwerkssachen darf aber der Magistrat gar nicht verhandeln, weshalb nun beide Parteien bestraft wurden. Alles muss seine Ordnung haben im Rechnungsband des Jahres 1698, daher findet sich in der Rubrik "Gefängnisstrafen" der entsprechende Gegeneintrag für den Schneidermeister Löchl.
Der Eintrag für die kurze Gefängnisstrafe von 2 Stunden.
Hans Löchl verstirbt am 28.3.1705 und seine Witwe steht mit einem besonderen Eintrag in den Kötztinger Marktrechnungen: "Der Hansen Löchelschen Wittib ist uf Ihr beschechen diemiettiges
anlangen und bitten die 2. Jahr hero schuldtig verbliebne gemaine marckhtssteuer und anndere anlagen 10/7/29 getroffen in ansehung Ihrer armuth und habent vill clain noch unerzogen Kinder von Cammerer und Rhats weegen nachgelassen wordten." Wir befinden uns zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges und viele Kötztinger Bürger kommen mit ihren Zahlungen und Gebühren ins Hintertreffen. Auch in den Jahren 1706 und 1707 erhält die "Witwe Löchl im Graben" einen Nachlass.
Als sie sich als Erbin ihres vderstorbenen Vaters von einem Grundstück trennt, das in dem Akt als "das alt Wießflöckhl zu negst dem Planckhengartten so ain aigenstuckh" bezeichnet wird, erhält sie vom Käuferehepaar Anna Margaretha Prunner und deren Mann dem Riemer Adam Prunner 50 Gulden.
Im Akt steht dann auch noch eine richtiger Familienbogen der Familie Hofmann: (zur Erinnerung, die Witwe Löchl war eine geborene Hofmann) Die Kinder des Hans Hofmann, "gewester des Rats" Maria Anna Löchlin wittib Katharina Barbara noch ledig Maria Rosina Wurmbin bürger und Leineweberin Hans Jacob Burger und Schneider in Wien Rosina Clara und Hans Adam beide noch ledig, doch vogtbaren Stands
1714 steht sie erneut in den Rechnungsbüchern wegen eines Steuernachlasses und im Jahre 1723 quittiert sie auch im Namen ihrer Geschwister am Bäcker Albrecht Fuhrmann, der das väterliche Haus gekauft und nun endgültig abbezahlt hatte.
Obermaier Johann und Löchel Anna Otilia
Am 15.7.1726 übergibt die verwitwete Schneiderin Anna Löchl das "das Häusl uf dem sogenannten Graben" und die "freie Herberg in der Flezkammer und nebst dem Pödl uf der andern Cammer" ausgenommen an die Tochter Anna Otilia um 80 Gulden.
Und damit sind wir bei dem Dokument angekommen, von dem aus die "rückwärtige" Suche nach den Hausbesitzern begonnen hatte und dessen Vorname falsch geschrieben gewesen war. Es gab zwar zu der Zeit auch einen Bürger namens Georg Obermayr, aber dieser war ein Zimmermeister und wohnte/arbeitete damals in der heutigen Jahnstraße und nicht "am Graben".
bayr. HStA München KL Rott Kirchentrachtliste R4
1727 kommt das erste Kind zur Welt (Joseph Pankratz), 1728 verstirbt das Kind noch vor der Taufe. Johann Joseph wird am 6.2.1729 geboren (+ 9.3.1729) und ein weiterer Joseph am 4.2.1730, dessen Geburt die junge Mutter nur um 3 Wochen überlebt.. Sie verstirbt am 27.2.1730.
Nun heiratet der Witwer erneut.
Obermaier Johann und Anna Margaretha Pachmayr
Seine zweite Frau ist die Tochter des Kötztinger Ratsbürgers Johann Georg Pachmayr und die Hochzeit findet am 29.8.1730 statt also, wie es sich gehörte folgte eine halbjährige Trauerzeit.Nach dem Tod des Schneiders Johann Obermayr am 14. Juni 1741 geriet seine Witwe zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Die Belastungen des Österreichischen Erbfolgekriegs und die hohen Kontributionszahlungen führten dazu, dass sich Rückstände anhäuften, die sie schließlich vom Markt in ein Darlehen umwandeln ließ.
Joseph, der Sohn des Schneiderehepaars und selbst Schneidergeselle, fiel zur gleichen Zeit als unternehmungslustiger junger Mann auf und musste dafür eine Geldstrafe an den Markt Kötzting bezahlen. Die Liste der gemeinsam Angeklagten vermittelt dabei einen aufschlussreichen Einblick in die damalige Kötztinger Jugend:
StadtA Kötzting Marktrechnung von 1757
"Joseph Mayr Schuechmachers Sohn, Martin Hofmann ingleichen, Georg Pachmayr Burgerlichen Schreiner gesöll, Jacob und Gottlieb Rääbl burgerliche Metzgers Söhn, Joseph Obermayr burgerlicher Schneidergesöhl, Joseph Haager burgerlicher Bildhauers Sohn und Wilhelmb Finkh burgerlicher Insass alhier, haben sich understandten, bei Jcob Frenud respect: Beständnen unf der Finckhischen Behausung bis nach 12 Uhr mitternachts hinein zu zöchen; Dahero ist der Ursach willen ain ieder umb 2 sammentlich aber nebst ernstlichem Verweis: und auftrag die Polizey fürohin in bessere obacht zu nemmen umb 16 ß Pfenninge: in die abwandlung gefallen, treffen 2 fl 17 xr 1 He."
Seine Mutter, genauer gesagt seine Stiefmutter Margaretha, lässt sich in den Marktrechnungen des Jahres 1757 nachweisen. Dort erhielt sie einen „Macherlohn für 2 Nachtwachterröckh, da die alten zerrissen“ in Höhe von knapp zweieinhalb Gulden.
Weitere sieben Jahre musste der junge Schneidergeselle Joseph Obermayr warten, ehe ihm seine Stiefmutter am 30. August 1764 einen "Revers" ausstellen lässt, mit dem sie eine spätere Übergabe des Hauses und der "Schneidersgerechtigkeit" verspricht. Vermutlich geschah dies deshalb als Vorgriff auf eine spätere Übergabe, weil aus der zweiten Ehe des Johann Obermayr noch minderjährige Kinder zu versorgen waren. Mit dieser Übertragung der "Schneidersgerechtigkeit" schuf sie die Voraussetzung für seine Aufnahme in das Schneiderhandwerk. Diese Aufnahme als gleichberechtigter Schneidermeister war jedoch keineswegs ein Selbstläufer. Mit Datum vom 9. April 1767 hat sich ein Verhörsprotokoll des Kötztinger Magistrats erhalten, das später Bestandteil eines Verfahrens vor einer höheren Stelle in München wurde. Es zeigt eindrucksvoll, wie erbittert die einzelnen Handwerker damals darum kämpften, sich unliebsame Konkurrenz vom Leib zu halten bzw. junge Meister kurz zu halten..
Bayr. HStA München GL Fasc. 1819-22-4 Handwerkssachen Schneiderhandwerk Streit um eine Meisterstelle Joseph Obermeier 1767_0002
"Vergleich Ehe und bevor die beclagte Schneidermaister Exception abgegeben, haben sich die Thaill auf vielfältiges Zuesprechen ad remendam verxum dahin guettliochen Verglichen, das gedacht beclagte dem klagenten Lechel auf dem Nächstkommenten Jahrtag, vor einen Nachgeher eligiren, und einstehen wollen, dahingegen der Joseph Obermair schuldig und gehalten sein solle, das JUngmaisteramte zwai Jahr, jedoch solchergestalten zu errichten, das er gleich seinem anderen Mitmaistern dem gleichen Genuss von denen Handwercheinkonfften oder Sporteln zuziehen haben solle, nach Verschlkuss deren 2 Jahren aber muss sofern sich kein anderer Jungmaister bei diesen Hnadwerch anbegeben wurde, diese Jungmaisterstehle, der Lechel neben Ziehung obigenm Genus wiederumben antretten und Versehen, das er folglich die jüngsten 2 Meister diese Stehle solange alternative zu versehen haben, bis gleichwohllen ein neuer Jungmaister zum Handwerk kommt.....
Erst am 19. April 1767 - nur wenige Tage nach dem erzielten obigen Vergleich - heiratete der Schneider Joseph Obermayer die Halbbauerstochter Katharina Plötz aus Zeltendorf und am 29.4.1767 wird die Übergabe des Anwesens dann protokolliert.
Joseph Obermayer und Katharina Plötz
Aus dem Übergabevertrag erfahren wir auch Näheres über die anderen Geschwister. Übergeben wird das "Haus ufm Pfeffergraben , von ihrem Ehemann Johann Obermayr seel. erhalten , neben einem Garten" 200 Gulden betrug der Kaufpreis und davon erhielten auch seine Geschwister einen kleinen Anteil: Schwester Anna Maria ledig in München zu Diensten 30 fl Barbara Affra im Schloss in Diensten 30 Bruder Hans Georg Obermayr Sertarius bey den Franziskanern in München 30 fl er selber erhält 30 fl zu seinem Erbteil
8 fl waren zur zur Marktkasse schuldig und der verbleibende Rest ging an die "Übergeberin" 2 Jahre nach der Heirat kommt es zu einem Heiratsvertrag wegen der 150 Gulden Mitgift der Ehefrau, für die der Ehemann das Haus am Pfeffergraben als Gegengewicht ihr sicherstellt.
Karl Peter Obermaier
Mit dem Schneiderehepaar Josef und Katharina Obermaier sind wir bei den Eltern eines der bekanntesten Kötztinger angelangt: des Priesters und Pädagogen Karl Peter Obermaier.
Einen umfassenden Überblick über Leben und Wirken Karl Peter Obermaiers bietet der Aufsatz von Dr. Konrad Baumgartner in den Beiträgen zur Geschichte im Landkreis Cham, Band 2 aus dem Jahr 1985.
Hier der Anfang des Beitrags mit dem Bezug zu seiner Kötztinger Herkunft und den ersten Jahren
Konrad Baumgartner
Karl Peter Obermaier, Pestalozzischüler
und Schulorganisator
ein gebürtiger Kötztinger
Wer war Karl Peter Obermaier?
Unter den etwa 8000 Persönlichkeiten aus 15 Jahrhunderten, die der bekannte, nun emeritierte Professor für Bayerische Landesgeschichte an der Universität München, Dr. Karl Bosl, in sein Lexikon der „Bayerischen Biographie" (Regensburg 1983) aufgenommen hat, finden wir auch den aus Kötzting stammenden Schulorganisator Karl Peter Obermaier. Bosl notiert stichwortartig zu dessen Leben und Werk:
„Obermaier, Karl Peter, Schulorganisator,
*7.9.1773 Kötzting, – 4.2.1850 Passau.
Vater: Schneidermeister und Musiker,
Theologiestudium in Passau. Eintritt in das regulierte Chorherrenstift St. Nikola, 1797 Priesterweihe. Nach der Säkularisation 1803 Reise zu Pestalozzi nach Burgdorf, danach Berufung als Rektor der deutschen Schulen in Passau. Ab 1804 Aufbau von Schulen nach den Ideen Pestalozzis. Ab 1809 Lokalschulkommissär, 1813–1828 Distriktsschulinspektor, 1829–1832 Scholarch, April 1832 Kreisscholarch. Wiederaufbau oder Neueinrichtung sämtlicher Passauer Volksschulen. Begründer des städtischen Gewerbeschulwesens. Besondere Verdienste um die geistige und soziale Hebung des Lehrerberufs" (S. 555).
Herkunft – Studienzeit – erste Lehrertätigkeit
Schon aus diesen wenigen Daten ersehen wir: hier begegnet uns ein bedeutender bayerischer Priester und Schulmann der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gehen wir den Spuren seines Lebens und Wirkens im einzelnen nach.
Karl Peter Obermaier
Im Taufbuch der Pfarrei Kötzting lesen wir unterm 7. September 1773 als Eintrag, daß an diesem Tag der eheliche Sohn Petrus von Joseph Obermayr, „einem Bürger und Schneider dieses Ortes", und dessen Ehefrau Katharina, einer geborenen Plez (Plötz) aus Zeltendorf, getauft wurde; Pate war der Bierbrauer Peter Löcker aus Grafenwiesen. Peter Obermayr (später unterschreibt er selbst meist mit „Obermaier") hat also wohl nach seinem Taufpaten den Vornamen erhalten; der Tag der Geburt dürfte entweder mit dem Tauftag identisch sein oder einen, höchstens zwei Tage zuvor liegen (denn getauft wurde wegen der hohen Kindersterblichkeit damals immer „quam primum", also möglichst bald). Die Kötztinger Lokaltradition weiß noch davon, dass das Elternhaus von Peter Obermaier jenes Häuschen im Pfeffergraben gewesen ist, das in einer Juninacht des Jahres 1867 beim großen Marktbrand ein Raub der Flammen wurde; heute steht dort das Anwesen Hackl.
PfA Kötzting Matrikeal Band 4 Seite 93 Taufeintrag des Peter Obermaier
Schon in jungen Jahren kam Peter nach Passau aufs Gymnasium. Die dortigen Schülerbewertungen aus den Jahren 1787 bis 1791 zeugen von der großen Begabung des jungen Gymnasiasten, der in sich den Wunsch trug, Priester zu werden. Doch schon bald brach in ihm zugleich die Vorliebe zum Lehrerberuf auf. So finden wir ihn nach dem Abitur im Kloster Vornbach am Inn als Lehrer. Nach seiner zweijährigen Tätigkeit dort bescheinigte ihm der Abt des Klosters: „Obermaier hat das demselben anvertraute Schulwesen durch volle zwei Jahre mit außerordentlichem Fleiß und großer Geschicklichkeit geleitet. Schon das erste Jahr hat sich die schulbesuchende Jugend um mehr als zwei Drittel vermehrt (- es gab ja noch nicht die allgemeine Schulpflicht, d.Vf.-), er hat auch als Weltlicher durch eine gar honett gepflogene Aufführung nicht nur dem Kloster, sondern auch allen umliegenden Gemeinden die vollkommenste Zufriedenheit geleistet." Dieses Gutachten gibt schon die Ausgangslage an: Obermaier gilt von früh an als hervorragender Pädagoge; das Zeugnis sollte ihn später als Stipendiaten bei Johann Heinrich Pestalozzi in der Schweiz empfehlen und als vertrauenswürdigen Mann für die Reorganisation des allgemeinen Schulwesens in Passau.
Doch zunächst zog es den jungen Mann in den geistlichen Stand: er trat in das regulierte Chorherrenstift St. Nikola ein, legte am 18. Oktober 1796 die feierlichen Gelübde ab und wurde am 26. November 1797 zum Priester geweiht. Aber das kaum begonnene klösterliche Leben sollte bald ein jähes Ende finden. Am 21. März 1803 wurde das Kloster St. Nikola, seit über 700 Jahren bestehend, aufgelöst. Ab 1. April erhielt jeder der 17 Geistlichen des Klosters eine provisorische Alimentation bis zur definitiven Anweisung von Pensionen. Inzwischen erlebte das Kloster einen Raubzug, der jeglicher Beschreibung spottet. Die Chorherren wurden nicht im Kloster belassen (außer Obermaier, der anscheinend noch längere Zeit verbleiben durfte); schon anfangs September 1803 hatten sie Mietwohnungen in der Stadt zu beziehen. Mit dem Notwendigsten an Kleidung und Gebrauchsgegenständen versehen, mussten sie das Stift verlassen......
Die weiteren Stationen waren seine pädagogische Fortbildung und seine beruflichen Erfolge als - Pestalozzi-Schüler - Neuorganisator des Passauer Schulwesens - Wegbereiter des Berufsschulwesens - Lokalschulkommissär - Förderer der Lehrerbildung - Distriktsschulinspektor - Lokal und Kreisscholarch
Der Beitrag Dr. Baumgartners schildert auch seine letzten Lebensjahre und die Feier zum 50 jährigen Priesterjubiläum, das er in Kötzting feiern konnte.
Die letzten Lebensjahre
Ein strahlender Tag in Obermaiers Leben leuchtet uns aus dem Dunkel um seine letzten Lebensjahre auf: der 13. September 1847, an dem er sein Goldenes Priesterjubiläum in seiner Heimat Kötzting feierte. Worte der Besinnung und des Dankes kleidete der pensionierte Landrichter Strelin in folgendes Gedicht:
Heil Dir! Ein seltenes Los ist Dir gefallen,
Wie wenigen es noch beschieden war;
Noch wirktest Du in gottgeweihten Hallen
Und heute selbst am männlichen Altar,
Da Deine Hand das erste Opfer weihte
Der ganzen Heimat, jung und alt zur Freude.
Ein halb Jahrhundert ist seither entschwunden,
Noch zeigt Dein Wirken schöne Früchte viel.
Du hast nicht bloß der Kirche Dich verbunden,
Auch Jugendbildung war Dein hohes Ziel.
Bewußt, die Blüte wohlerzogener Jugend
Entfalte später sich als Bürgertugend.
So nützt Dein Wirken noch in spätern Zeiten,
Wenn Du vielleicht schon abgeschieden bist,
Und Dank wird dann hinüber Dich begleiten,
Wo hoher Lohn für Dich bereitet ist.
Dein Selbstgefühl sagt Dir zu Deinem Frieden
Du hast nicht umsonst gelebt hienieden.
Gott segne diesen Tag, in schönster Klarheit
Strahlt seine Sonne auf ein Erntefeld,
Dein Priestertum der Liebe und der Wahrheit,
Das so viel Jahre, so viel Ernten zählt.
Noch lange mög Dein Haupt die Lieb umkränzen,
Stets heller mög des Lebens Licht Dir glänzen.
Widmung Karl Peter Obermaiers anlässlich seines Besuchs in Kötzting für sein 50 jähriges Priesterjubiläum
Obermaiers Lebensabend ging schnell zu Ende. Zuletzt war er Kommorant bei St. Paul in Passau. Bald erblindeten seine Augen und am 4. Februar 1850 schloss er sie für immer. Zwei Tage später fand unter großer Beteiligung der Passauer Bevölkerung die Beerdigung statt.
Sein Grab ist uns nicht erhalten geblieben, doch die Passauer Schulen geben bis in unsere Tage ein Zeugnis seines Wirkens. Ein halbes Jahrhundert lang leitete er in führender Position das Volksschulwesen, er ist die zentrale Figur auf diesem Bereich in Passau seit den Tagen der Säkularisation, ja in der ganzen Geschichte des Passauer Volksschulwesens bis heute.
Ihm, dem Meister der Organisation und Planung, verdanken sämtliche Passauer Volksschulen ihren Wiederaufbau oder die Neueinrichtung. Mit manchen seiner Pläne eilte er den Anordnungen der Regierung weit voraus, er war ein Mann der weitschauenden Initiative, der die Nöte seiner Zeit erkannte und sie zu beseitigen sich mühte.
Zielbewusst ging er seinen Weg, inspiriert von seinem großen Lehrer Pestalozzi und als Priester erfüllt von selbstloser Liebe für die Sache der Jugend im Geiste des Christentums. Das pädagogische Erbe dieses Mannes, das er als Distriktsschulinspektor und Kreisscholarch weitergab, trug seine Zinsen im gesamten niederbayerischen Raum, ja darüber hinaus. Er war der erste Pädagoge in Bayern, der persönlich an Ort und Stelle das Werk Pestalozzis studierte und einen offiziellen Bericht erstellte. Wilhelm Leidl, der bekannte Passauer Stadtschulrat, schreibt über diesen ersten „Stadtschulrat“: „...durch ihn ist der Einfluss Pestalozzis auf das Passauer Schulwesen hergestellt. Sein Einfluss wirkt noch fort in unsern Schulen.“
Literarische Dokumente von Obermaiers Ansichten finden wir nur spärlich; vielleicht war er dafür zu bescheiden oder zu sehr mit Arbeit überlastet. An seinen Fähigkeiten ist deshalb nicht zu zweifeln.
Zwei Schulen tragen seinen Namen. Erbe und Auftrag
Den Vorschlag, den Josef Eigenmooser – er war einer der ersten Erforscher von Leben und Werk Karl Peter Obermaiers – schon 1917 gemacht hat, dieser bedeutende Schulmann sollte von der Stadt Passau wegen seiner großen Verdienste in irgendeiner Form geehrt werden, ist inzwischen verwirklicht: seit 1966 trägt die Staatliche Berufsschule Passau den Namen „Karl-Peter-Obermaier-Berufsschule I“. In der Aula hängt lebensgroß sein Bild und eine kurze Erläuterung macht allen deutlich, wer dieser Mann war, dem diese Schule ihren Namen verdankt.
Nun schickt sich die Heimatstadt des Pestalozzischülers und Schulorganisators Karl Peter Obermaier an, ihre Hauptschule nach diesem ihrem großen Mitbürger zu benennen. Sie ehrt damit einen bedeutenden Pädagogen, der aus Kötzting hervorgegangen ist. Möge sich im Alltag dieser „Karl-Peter-Obermaier-Schule“ das Wort ihres Namensgebers erfüllen, das er einst geschrieben hat:
„Aus allen Schulen soll eine Jugend hervorgehen, die den Willen Gottes und die göttlichen Veranstaltungen zum Heil der Menschen wohl kennt, mit Ehrfurcht dagegen erfüllt und demgemäß zu leben entschlossen ist“ (K.P. Obermaier, 1829). Auszug aus BGLC Band 2, siehe oben
Aus dem zeitlichen Vorfeld der Namensvergabe an die Kötztinger Hauptschule hat sich im Stadtarchiv ein interessanter Schriftwechsel mit dem Verfasser der Obermaier-Biografie, Dr. Konrad Baumgartner aus Lappersdorf, erhalten.
Doch nun zurück zu seinen Eltern, dem Schneiderehepaar Obermaier. Nach seinem Heiratsvertrag mit der Ehefrau findet sich eine Schuldverschreibung über 22 Gulden, die er der Kötztinger Pfarrkirche ausstellen lässt. In der Aufstellung der Kirchentrachtzahlungen steht der Schneider Joseph Obermayr in der Tabelle von 1777 bis 1800 durchgehend.
HStA München KL Rott B5 1777-1800
Der Bürger Josef Obermeier verstirbt mit gerade mal 53 Jahren am 20.8.1798, seine Witwe Katharina - Schneidersleibthümerin genannt - stirbt mit 62 Jahren an Entkräftung am 18.1.1811.
Obermaier Joseph und Mühlbauer Anna
Am 24. November 1800 heiratete der Sohn Joseph Obermaier die Tochter des Kötztinger Spitalhausmeisters, Anna Mühlbauer. Im Ehevertrag wurde festgelegt, dass sie ein Heiratsgut von 150 Gulden in die Ehe einbrachte.
In der Verbriefung der Hausübergabe des Hauses am Pfeffergraben – der Kaufpreis betrug 500 Gulden – findet sich auch eine Aufstellung der übrigen Kinder der übergebenden Witwe. Sie vermittelt einen interessanten Einblick in die damaligen Familienverhältnisse:
Kinder:
Katharina, 32 Jahre, in Wien in Diensten
Maria Anna, 30 Jahre, zu Hause
Hochwürden Herr Karl Obermayr, Canonicus regularius im löblichen Stift und Kloster St. Nikola bei Passau
Joseph, 25 Jahre
Theresia, 22 Jahre
Anna Maria, 19 Jahre
Das Kötztinger Bürgerrecht kostete Joseph Obermayr inzwischen 10 Gulden. Hinzu kamen noch 1 Gulden Bürgersteuer sowie 2 Gulden als Beitrag zur Anschaffung einer Handspritze für die Feuerwehr. Mir ist bis heute nicht klar, weshalb sich die Wahlunterlagen der Kötztinger Magistratswahl des Jahres 1806 vollständig im Staatsarchiv erhalten haben, denn dem Bündel der Wahlscheine liegt keinerlei weiterer Schriftwechsel bei. Für uns stellen sie jedoch eine beeindruckende Quelle dar: Sie enthalten ein Verzeichnis der damaligen Kötztinger – besitzenden und männlichen – Bürger mit ihren eigenhändigen handschriftlichen EIntragungen sowie den jeweiligen Wahlergebnissen.
StA Landshut LGäO Kötzting Nr. 793 Magistratswahlen von 1806 Wahlzettel und Bürgerliste
Hier der persönlich handschriftlich ausgefüllte Wahlschein des Schneiders Josef Obermaier
Sein Wunsch war es gewesen,
Georg Windorfer zum Kammerer, die Herren Christian Obermaier, Gernhuber, Georg Viertl und Ludwig Mühlbauer als Magistratsräte und die Herren Heinrich Leßzkier, Josef Schedlbauer, Andreas Fischer und Johann Lommer für den Bürgerausschuss zu wählen.
In der Kötztinger Bürgerliste der Gewerbetreibenden, lässt sich auch Josef Obermaier als einer von 4 Kötztinger Schneidermeistern belegen.
Im Jahre 1811 wurde für Kötzting das Häuser- und Rustikalsteuerkataster erstellt und daraus erfahren wir zum ersten Male Genaueres über das Anwesen:
StA Landshut Rentamt Kötzting B27 Hausnummer CXI (wurde später auf 117 abgeändert) Joseph Obermaier: Das gezimmerte Haus mit einem Stallerl und kleinen Gartl.
Am 6.7.1834 übergab Joseph Obermaier das Anwesen an seinen Sohn Paul um 600 Gulden
Obermaier Paul und Dauer Maria Walburga
Zwei Wochen nach der Hausübergabe heiratete Paul Obermaier due Aschauer Glasmacherstochter Maria Walburga Dauer.
Das Kötztinger Bürgerrecht kostet nun bereits fast 14 Gulden, die Paul Obermayer noch im selben Jahr an die Marktkasse abzuführen hatte.
Im selben Jahr noch kam es zu einer Verhandlung vor dem Kötztinger Vermittlungsamt. Im dortigen Protokoll steht kurz und bündig: (AA VIII/12) "Paul Obermeier b. Schneidermeister u Musikant v K gegen Carl Diermeier Kaminfegerssohn wegen Beschimpfung "schlechter Kerl" bei Gelegenheit des Schmidtjahrtags, kein Vergleich"
Im selben Jahr kam es vor diesem „Amt“ zu einer weiteren Verhandlung, dieses Mal jedoch mit einem positiven Ergebnis. "Auf Klage des Zunftvorstehers des Schneider Gewerks-Vereins i K Josef Pfeffer und Paul Obermeier gegen den Schneider Wolfgang Rieger v K wegen einer Haftung des Letzteren aus der Rechnung des Vereins im Betrag von 11 fl 48 kr , welche Rieger längst erfolgt haben sollte. Rieger erklärt, dass es wohl nicht soviel sei, er aber bereit ist allmählig den Betrag einzuzahlen, man erklärt sich einverstanden."
Und noch eine Verhandlung beim Vermittlungsamt. Durch diesen Eintrag erfahren wir, dass PO ein Geigenspieler gewesen war. "Paul Obermeier v K gegen Franz Lippert v K wegen Vorpassen(?) und ì
Beschädigung seiner Violine: Kein Vergleich."
Im Jahre 1840 entstand der Kötztinger Grundkataster:
StA Landshut Grundsteuerkataster Nr. 5039
"Hausnummer 117 in Kötzting beim Obermayer: Paul Obermayer Das Haus mit realer Schneidergerechtigkeit Gebäude: Wohnhaus, Stall und Schupfe unter einem Dach am Pfeffergraben
Garten: Gras, Baum und Wurzgarten, die Hausgarten."
Im Jahr darauf wurde eine Mieterkataster erstellt, aus dem wir Genaueres über die innere Struktur des Hauses erfahren und dessen einzelne Bewohner.
STA Landshut Grundsteuerkataster Nr. 5045
"1. Paul Obermaier, Schneider /:Hauseigenthümer:/ unter der Erde: 1 Keller I. 1 Wohnzimmer, 1 Kammer, Boden und 1 Streuschlag und Stall
Unterschrift Obermayer
2. Joseph Obermaier, Austrägler, /:Miether:/ I. 1 Wohnzimmer und 1 Kammer dann den Hausboden unterm Dach
Unterschrift Joseph Obermayr
Nebengebäude:
3. Paul Obermaier 1 Backofen
Unterschrift Obermayer"
In den Jahren 1856 bis 1861 kommt es in Kötzting zu einer Entwicklung im Schul- und Mesnerwesen. Es wird eine 2. Schulstelle eingerichtet und die Aufstellung eines 2. Schulgehilfen bei der Schule zu Kötzting durchgesetzt. Gleichzeitig setzt sich der Vorschlag durch, die Kantor- und Mesnerstelle aufzutrennen. Der Ehemalige Schulprovisor Schwarz Karl August wird zum 2. Lehrer ernannt. Er behält aber die Mesnerdienste bei und Obermayer Paul wird ihn dann als Hilfsmesner bei den Kirchendiensten ergänzen.
"Der Brand 1867 nach Kooperator Riederer im Kötztinger Anzeiger im Jahre 1912
Vor 45 Jahren, die Nacht vom 3. auf 4. Juni, Montag auf Dienstag, war für unsern Markt eine Schreckensnacht. Die Einwohnerschaft hatte sich eben zur Ruhe begeben und lag im tiefsten Schlaf. Nur auf dem Kollmaier-Keller unten weilte noch eine Hochzeits-Gesellschaft; Bräutigam war der Stockmüller Hermann (Vater der † Frau Kiesl.) Heimkehrende Festgäste bemerkten zuerst – es war gegen ½12 Uhr – die aufsteigende Feuersäule und machten Lärm: es brennt beim Voglbäck (jetzt Hahn). Allein bis die Gefahr nur gemeldet wurde, hatte das gefräßige Element schon um sich gegriffen und bis die Schläfer alle geweckt wurden, stand schon die ganze Häuserreihe links der Marktstraße hinauf in Flammen, so daß viele froh sein durften, nur das nackte Leben zu retten. Zwar waren die vornehmeren Bürgerhäuser schon gemauert, trugen jedoch vorwiegend Legschindeldächer; zahlreiche kleinere Häuschen waren aber noch aus purem Holz gezimmert. Dazu kamen noch die aufgespeicherten Holzvorräte. Genug ganze Reihen von hölzernen Hintergebäuden, zwischen denen nur ein ganz finsterer Steig vom Drunkenpolz zum Friedhof hinanführte, die sog. „Bollburg“ (d. i. Bollwerk, denn sie standen auf den Grundmauern der einstigen Marktbefestigung); lauter Nahrung für das gefräßige Feuer. So gewaltig war die Feuersbrunst, dass in Vilshofen und in Regensburg Leute auf den Brücken stehen blieben und ihre Vermutungen anstellten.
Vom Entstehungsplatze aus griff das Feuer mit Windeseile um sich, nach oben und nach unten, auch wieder Dächer überspringend. Die Oberen wußten nicht, daß es unten, die Unteren nicht, daß es oben brenne. Wasserleitung und Hydranten kannte man noch nicht; das Feuerlöschwesen war nur wenig entwickelt. Die Löscharbeiten konnten also nichts bedeuten, ratlos und hilflos stand man der verheerenden Feuersbrunst gegenüber. Es hatte auch jeder mit sich selber zu tun, um nur geschwind die Kinder und das Vieh herauszuholen; denn auch die rechte Marktseite war schon bedroht und ihre Bewohner mit dem Ausräumen beschäftigt.
In Ermangelung von Telegraph und Telephon jagten Feuerreiter (z. B. Gerstl) nach Viechtach, Cham und Furth; diese Feuerwehren rückten freilich erst gegen 4 Uhr an, als schon der halbe Markt vernichtet war; sie hatten aber noch genug zu tun, um ein weiteres Umsichgreifen zu verhindern. Unterdessen hatte die Löschmaschine Blaibach ihr Bravourstück schon geleistet und im Verein mit der Kötztinger die Herren-Straße gerettet. "
Neben der Auflistung der Brandleider übermittelt uns Peter Riederer auch die Situation in Kötzting nach dem Brand:
"So lag nun halb Kötzting in Schutt und Asche. Trümmer rauchten noch, da und dort loderten wieder Flammen auf, geschwärzte Mauern und Kamine ragten in die Lüfte ein schauerhafter Anblick; und 8 Tage darauf war an St. Veit die Feldmesse zum Pfingstritt. Händeringend starrten die Männer auf die Brandstätten, jammernd die Frauen. Das Vieh lief brüllend auf den Wiesen herum. Zum Glück war nicht ein einziges Menschenleben zu beklagen. Aber ohne Obdach, ohne Bett, ohne Kleidung, ohne Brot waren viele. Da war's nun rührend zu sehen, wie die verschont Gebliebenen ihren obdachlosen Mitbürgern Unterkunft und Herberge anboten; selbst im Pfarrhof war Einquartierung. Dennoch mussten Familien wochenlang in Städeln kochen, wohnen und schlafen. Der Bräu von Blaibach brachte zuerst eine Fuhre Brot und weinend nahmen die Familienväter die Laibe in Empfang. Auch sonst kam Hilfe von überall her: ganze Wägen voll Lebensmittel, Getreide, Wäsche, Kleidung etc. kamen aus den Nachbarorten den ganzen Sommer hindurch und gelangten in der Landgerichts-Remise (jetzt Amtsgericht) täglich von 10–11 Uhr zur Verteilung. Es wurde ein Hilfskomitee gebildet, bestehend aus den Herren: Pfarrer Lehner, Notar Wittmann, Bürgermeister Haas, Süß, Österer, Lukas, Kraus.
Rasch ging es an den Wiederaufbau des Marktes. Versichert waren die meisten wohl, aber unzureichend. Dafür trug eine Landessammlung soviel ein, dass auf jeden Brandleider 500 Gulden entfielen. Die Bauern fuhren Bäume herbei und bis zum Winter waren viele Wohnungen zur Notdurft wieder hergerichtet; andere wurden erst im nächsten Jahre fertiggestellt. Schöner ist der Markt ja geworden, aber die vom Unglück Heimgesuchten können uns Jüngeren erzählen, was sie durchgemacht haben. Auch die Marktgemeinde selber musste finanzielle Opfer bringen, an deren Folgen wir jetzt noch zu leiden haben. Feuerwehr und Wasserleitung tun es nicht allein; aber durch den Schutz des Himmels möge unser Markt vor solchem Brand-Unglück bewahrt bleiben!"
Im folgenden Plan über die Brandleider ist gut zu erkennen, dass sich das - heute außerhalb der Straßenflucht sich befindende - Haus sich schön an den Straßenverlauf anschmiegte.
Detail aus StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570: der Marktbrand in Kötzting
Bereits am Folgetag versuchte sich der damalige Bezirksamtmann Carl von Paur durch ein tabellarisches Protokoll ein Bild von der katastrophalen Lage und den Bauschäden in Kötzting zu machen..
Zuerst jedoch wurde versucht eine Beschreibung "pro ante" des jeweiligen Brandleiders zu erstellen:
StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570
" Cont. den 19. Juni 1867 vormittags 8 Uhr
XXXIII Obermaier Paul Schneider, das einstöckige Wohnhaus im Pfeffergraben von Holz erbaut und mit Legschindelbedachung versehen gewesen. Das Resultat der Besichtigung u. Brandschadenserhebung vod Tabelle I Nr. 12 Unterschrift Paul Obermayer"
StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570
"12 Obermaier Paul - Schneider Das einstöckige Wohnhaus am Pfeffergraben von Holz erbaut und mit Legschindeln gedeckt gewesen: Befund: Von dem Gebäude stehen nur noch einzelne Ziegelmauerreste von schlechter Qualität, alles Brennbare ist vom Feuer total verzehrt. Schaden total. Die Ausmaße des Hauses waren: 43 x 36 Fuß in der Grundfläche und 27 Schuh Höhe.
Wie bei anderen Häusern in Kötzting auch, waren auch Mieter der entsprechenden Häuser unter den geschädigten, hier die Schwester Katharina Obermaier.
StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570
"Obermaier Kath., Schneiderstochter Mobilien - Wäsche und Kleider - Flachs - 1 Bibliothek - 1 Halskette und silberner Rosenkranz"
Nachdem dies im Markt Kötzting nun bereits der zweite Marktbrand - der erste war im Jahre 1717 - gewesen war, der seinen Ausgang in der Mitte der Marktstraße und, mit seinen verheerenden Auswirkungen fast gleichartig, vom Friedhof bis in den unteren Markt reichte, schritt man von der Planungsseite zu einem vorbeugenden Brandschutz und bildete durch die neu anzulegenden Straßen regelrechte Brandschneisen. So wurde die Verlängerung der Metz- und der Schirnstraße hinüber zur - heutigen - Gehringstraße erst im Nachgang dieses Brandes durchgesetzt, was aber auch den Verlust von zwei Marktlehen bedeutete, die auf dem Platz dieser neuen Verbindungstraßen gestanden hatten. In gleicher Weise wurde die Torstraße leicht gedreht - Verlust ein Haus gegenüber dem vorherigen Zustand - und auch die heutige untere Marktstraße erhielt erst durch die neuen Planungen ihre heutige Gestalt, zumindest was die Verkehrswege anging.
StadtA Kötzting AA V 84 1867 Plan nach dem Marktbrand Straßennamen
Während alle Neubauten Häuser in dieser Streusiedlung der heutigen unteren Marktstraße sich mit ihren Häuserfronten dem jeweiligen Straßenverlauf anzupassen hatten, wurde dieses Haus wieder in einem Winkel zur Straße hin errichtet, so wie sich das Hintergebäude heute noch präsentiert.
Foto Pongratz Juli 2026
Paul Obermayer verkaufte seinen Grasgarten (Plannummer 249) an seinen Nachbarn Köppl
Vermessungsamt Cham Detail aus 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_Beilage_M2500_1_1-01
StA Landshut Grundsteuerkataster Nr. 5041 Umschreibeheft
"Angemeldet am 19. Juli 1860 Obermaier Paul HsNro 117 von Kötzting verkauft an Köppl Georg Schneidermeister von da aus Lit. D
Nachtehende Grundstücke PlNr. 249 Gras und Baumgarten der Glasergarten mit Backofen
0,06 Dezimal
freieigen
Um die Summe von 300 fl Laut Unterschrift
Paul Obermayr Köppl Georg"
Im Jahre 1869 erhielt der Sohn Michael Obermeier das Kötztinger Bürgerrecht, das nun bereits mit 28 Gulden zu Buche schlug.
Obermaier Michael und Kollmaier Mathilda
Am 6.2.1869 heiratete der Sohn Michael die Tochter des Kötztinger Bürgers Balthasar Kollmaier.
Durch die Übergabe des Mesneramtes von Obermaier Paul (Hilfsmesner) auf den Sohn Michael - nun als hauptamtlicher Mesner verlagert sich auch der Schwerpunkt des Familienlebens weg vom kleinen Haus im Pfeffergraben und hin zum Mesnerhaus gleich neben der Kirche.
Im Grundsteuerkataster kann man diese "Abnabelung" gut nachvollziehen.
Die neuen Besitzer sind in der Reihenfolge: Obermaier Paul Obermaier Michael und Mathilde Schulgemeinde Miethaner Alois und Theres
Im Umschreibeheft des Katasters stehen dann auch noch die Jahreszahlen des Wechsels.
Michael Obermayer, 1869 bereits als Kötztinger Mesner bezeichnet und Sohn des oben erwähnten Hilfsmesners Paul Obermayer, heiratete am 6.2.1869 die Kötztinger Marktlehnerstochter Mathilda Kollmaier. Das Paar hatte aber vermutlich zunächst nicht gleich im Mesnerhaus gewohnt. Aus dem Jahre 1874 kennen wir eine amtliche Beschwerde des Meßners Obermayer über die Kötztinger Lehrer: Sie würden zu wenig Schule halten. Durch den freien Donnerstag kämen manchmal nur 8 bis 10 Wochenstunden zusammen. Die Mädchen lernen im Handarbeitsunterricht nicht mal mehr Socken stricken. Alle kämen ungeordnet zum Schulgottesdienst und die Kinder tobten durch den Ort. Der Meßner Michael Obermaier beschwert sich massiv gegen diese Zustände. (StA 212/2) Als der Kötztinger Pfarrmesner Michael Obermayer am 2.7.1904 in seinem Haus - alte Hausnummer 97 - in Kötzting verstarb, war sein Sohn, Karl Obermayer - Mesner-Karl -, auch bereits Pfarrmesner.
Sowohl Michael Obermaier als auch seine Frau Mathilde versterben im Mesnerhaus in der Herrenstraße.
Das Haus im Pfeffergraben wird im Jahre 1873 an die Schulgemeinde verkauft. Diese "Behörde" benutzt das Haus als Lehrerinnenhaus.
Im Stadtarchiv gibt es einen Akt über die Zustände in diesem Haus: (StadtA 213/7) "Beklagt werden "unhaltbare bauliche Zustände und ewiger Streit zwischen den 3 Lehrkräften. Die Marktgemeinde rührt keinen Finger, um die Mängel zu beheben. Wiederholt erfolgt eine Inspektion durch Sachverständige. Dann kommt die Entscheidung: das Gebäude wird an die Viehhändlerseheleute Alois und Theresia Miethaner um 8350 Mark verkauft.
Miethaner Alois und Therese Silberbauer
Nur weniges wissen wir über dieses Viehhändlerehepaar. Aber einige Bilder haben wir von beiden in unserer Sammlung. Beide kinderlos geblieben haben dann ein Mädchen aus der Silberbauer-Verwandtschaft der Ehefrau an KIndes Statt angenommen, die kleine Maria Silberbauer aus Rimbach. Erst im Jahre 1930 wurde Maria Silberbauer dann - mittlerweile eine volljährige Frau - auch rechtlich adoptiert und trug seither den Namen Maria Miethaner. Zum Zeitpunkt der Adoption bewohnten die Miethaners noch das Haus im Pfeffergraben. Maria Miethaner erhielt später das Haus in der Holzapfelstraße (alte Hausnummer 114). In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg spielten sich dort Vorfälle ab, die noch heute betroffen machen. Die entsprechenden Akten wurden unserem Archiv aus privater Hand überlassen. Sie unterliegen jedoch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes noch für längere Zeit einer Sperrfrist.
Die Familie Miethaner hat jedenfalls ihre Wurzeln in der Pfarrei Mosbach, wo auch Alois geboren wurde.
PfA Moosbach Geburt des "Alois Miedaner", Sohn des Joseph und der Katharina
DIA-Repro 160 . 4 Kinder Foto Pleier, 4 Miethanerbuben Hans, Michl, Alois und Xaver ?
DIA-Repro 708 Hochzeit Resl und Alois Miethaner Braut in schwarz Foto Pleier
DIA-Repro 157 . Kommunionkind Foto Pleier/ Maria Silberbauer/Miethaner
DIA-Repro 153 . Damenportrait 1927 Maria Miethaner Holzapfelstraße /Pfeffergraben
Hackl Johann Baptist und Kreszenz Greil
Johann Baptist Hackl - geboren am 24.5.1895 in Buchberg - heiratete Kreszenz Greil aus Grub und beide erwarben - um das Jahr 1937 herum, weil der Sohn Franz bereits 1938 in diesem Haus geboren wurde. - das Haus im Pfeffergraben.
DIA-Repro 1931 Familie Hackl Buchberg bei Wettzell, Hausname Hurm. 4.v .rechts stehend Johann B. Hackl, später Kötzting, Pfeffergraben
DIA-Repro 1932 Haus der Familie Hackl in Buchberg bei Wettzell, abgerissen
DIA-Repro 1929 Hans Hackl beim Entrinden
Und dann gleich noch den Sohn und Nachfolger bei der gleichen Arbeit: Franz Hackl an der Entrindungsmaschine.
DIA-Repro 1930 Franz Hackl beim Entrinden
DIA-Repro 1933 Johann Baptist Hackl Holzhändler in Kötzting Pfeffergraben anlässlich seines 70. Geburtstages
DIA-Repro 1934 Hackl Franz und Cousin aus Grub, vor dem Haus im Pfeffergraben
Hackl Franz und Maria Huber
Im Jahre 1969 verunglückte Johann Baptist Hackl tödlich und sein Sohn Franz heiratete die Kötztingerin Maria Huber und übernahm das Haus im Pfeffergraben.
DIA-Repro 1124
Foto Pongratz
Foto Pongratz
Franz Hackl ein Kötztinger Original
Viele Fotos haben wir in unserer Bildersammlung, die den jetzigen Hausbesitzer Franz Hackl selber in den unterschiedlichsten Situationen zeigen und noch viel mehr solcher Bilder haben wir durch ihn in unsere Sammlung aufnehmen können. Bei allen Funden, die Franz Hackl im Laufe seiner Arbeiten bei verschiedenen Um- und Auszügen gemacht hat, dachte er auch immer an unsere Sammlung und fragte nach, ob wir denn das eine oder andere Fundstück bereits hätten.
Hier eine kleine Bildersammlung über Franz Hackl:
Als Tänzer beim Burschenball 1971:
U24-49-11-1-1971 Burschenball Franz und Maria Hackl
DIA-Repro 1937 Burschenfasching: Franz Hackl 2. von links. 3. von rechts der "Gams oder Schwarzanderl Gang", Wolfgang Kolbeck
Archiv KB Krämer: eine Burschenkneipe - eher nicht 1962, sonst wäre der Lindner Heinz ja erst 12 Jahre alt gewesen.... - beim Spitzi.
KÖZ von 1967
Viele Jahre lang fungierte Franz Hackl als Mesner beim Pfingstritt:
Foto Kretschmer: Pfingsten Hackl Franz - Ertl Markus - Schwarz Sepp 1. Evangelium
Foto Kretschmer Pfingsten 1990
Foto Rabl-Dachs Pfingstmontag 2014 Kardinal Gerhard Ludwig Müller und sein Pfingstrittmesner Hackl Franz
Als Mitglied des Kötztinger Spielmannszuges
KU SW Negative\Ordner Personen\Hackl Franz
undatierte Bildersammlung Stadt Bad Kötzting Negativordner U 100 Bewirtung Hackl Franz Höcherl Karl
Foto Pongratz Bewirtung im Hause Staudinger 1991
Franz Hackl war nicht nur als Mitglied in der Kirchenverwaltung, als Feldgeschworener, Trommler beim Spielmannszug, aktives Mitglied beim Burschenverein und zuverlässiger "Birkerllieferant" an Pfingsten und Fronleichnam bekannt, sondern er war vor allem ein Holzhändler und daher zusammen mit seinem UNIMOG ein Kötztinger Markenzeichen geworden.
Vor einigen Jahren konnte er mir beim Abschälen von Rundholz daher leicht mit seinem Maschinenpark aushelfen:
Zum Abschluss dieser Bilderfolge nun noch ein paar Aufnahmen speziell zu diesem Thema vom Kötztinger Berufsfotografen Erich Stauber, der Franz Hackl sogar ein Fotobuch gewidmet hat. Hier ein paar Bilder aus diesem großformatigen Buch:
Hackl Franz und sein Unimog
Alle Rechte an diesem Bild: Erich Stauber: "der Franz als Maschinist"
Alle Rechte an diesem Bild: Erich Stauber: "Der Franz und sein Wald"
Alle Rechte an diesem Bild: Erich Stauber: "Der Franz und seine Werkstatt"
Alle Rechte an diesem Bild: Erich Stauber: "da Franz an seinem 81. Geburtstag"