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Dienstag, 14. Juli 2026

Das Ende des Zweiten Weltkrieges und eine seiner Folgen

Ein Zeitungsbericht und seine Hintergründe

Einschub

Am 13.7.2026 kam es auf der Baustelle an der Kötztinger Westumgehung – beim Neubau des Fernradweges – zu einem unplanmäßigen Baustopp. Der Bagger war auf Munition gestoßen, die sich später als eine – durchaus noch scharfe – Artilleriegranate herausstellte.

Foto Christian Kopf: hier kam sie zum Vorschein....

Foto Christian Kopf: eine Artilleriegranate

Selbst der Stofffetzen, der die Granate umgab war noch zu entziffern:




Foto Christian Kopf:


Foto Christian Kopf: der Sprengstoff der zerbrochenen Granate

Beide Kötztinger Zeitungen wandten sich noch an diesem Vormittag an mich mit der Frage, wie ich diesen Fund denn einordnen würde.
Meine Meinung geht eindeutig in Richtung der 11. Deutschen Panzerdivision, von der wir wissen, dass große Teile davon mitsamt ihrer militärischen Ausrüstung Anfang Mai 1945 in Gehstorf und Umgebung gelandet waren – und zwar voll munitioniert.

Col. Reed Museum Vilseck: The Ghosts of Patton`s Third Army: Ankunft der Soldaten in Gehstorf

Diese sehr großen Mengen an Munition wurden erst später eingesammelt und zentral – schlampig und offensichtlich in Eile – vernichtet.
Es gibt die mir kolportierte Aussage eines Bauern, der die – ähnlich wie bei einem Holzstoß – aufgeschichtete Menge an Panzerfäusten folgendermaßen beschrieb: Er hätte noch nie eine so große „Schoa(r)“ (= Holzstoß) gesehen, wie eben diese aufgetürmten Panzerfäuste.
Wenn man darüber hinaus noch berücksichtigt, dass manchmal auch versucht wurde, das eine oder andere an Ausrüstung – zum Beispiel Gewehre, Werkzeug und eben vielleicht auch Munition – zu verstecken, so bleibt für mich trotzdem die Herkunft des Materials eindeutig: die Deutsche Wehrmacht und hier die 11. PD.

Einschub Ende


Ab hier nun wieder der Originalblogbeitrag vom Januar 2022 über einen Zeitungsbericht aus dem Jahre 1953, der sich mit der Munitionsentsorgung 8 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg befasste:

Auch 8 Jahre nach Kriegsende waren die Folgen des Zweiten Weltkrieges noch lange nicht ausgestanden.
 Ende April 1945 hatte die Kriegsfront auch den oberen Bayerischen Wald überrollt und zwei Wochen danach war der Krieg zu Ende.

Kurz zuvor kam es noch zu einer außergewöhnlichen und - für Kötzting segensreichen - Kapitulation der 11. deutschen Panzerdivision, der die amerikanische 2nd Cavalry den Großraum Kötzting als Sammlungsraum zugewiesen hatte. 
Die sich ergebenden deutschen Truppen waren nun wesentlich zahlreicher als es die Amerikaner angenommen hatten und so lagerten in und um Kötzting nicht nur die 11.000 Angehörigen der 11. PD sondern auch eine Unmenge an Fahrzeugen. Manche dieser Fahrzeuge konnten ganz oder teilweise einer zivilen Nutzung zugeführt werden, einige der - neueren - Panzer wurden von den Amerikanern abtransportiert, die große Masse an Militärgerät jedoch blieb auf den Wiesen rund herum um Kötzting noch jahrelang liegen und wurde langsam ausgeschlachtet.

Die moderneren Panzer der Deutschen, die die Amerikaner noch benutzen/untersuchen wollten, wurden am Bahnhof Kötzting verladen.
Foto aus: Anna Rosmus: Valhalla Finale

Bild Josef Barth sen. Auf dieser Wiese grasen in der Gegenwart die Rappen der Brauerei Lindner.


DIA-Repro 2028 ein Panoramabild Kötzting, am rechten Bildrand sieht man noch die 
Fahrzeugreste der 11. PD, die auf der Wiese abgestellt jahrelang ausgeschlachtet wurden.



Ganz anders aber wurde mit der Munition verfahren. Die 11. PD war ja schließlich im Moment der Kapitulation noch kampfbereit und - mit Ausnahme eines geringen Treibstoffvorrats - auch voll einsatzfähig, weshalb nach der Kapitulation nicht nur die Handwaffen - mit Ausnahme weniger Waffen für das Wachpersonal - sondern auch die Granaten und andere Munition eingesammelt und an anderer Stelle vergraben und vernichtet wurden.




Wo dieses "an anderer Stelle" lag, war mir bis zur Zeitungslektüre der 1953er Kötztinger Zeitung unbekannt.  Es war auf der "Holzwiese", einem einsam gelegenen Fleckchen Erde bei Roßberg. Dort wurde die Munition im Frühling/Sommer 1945 wohl gesammelt und - unsachgemäß und schlampig - vernichtet, was eine aufwändige Nachsorgeaktion im Sommer 1953 notwendig machte, die dann allein einen Rest von 30 Tonnen an scharfer Munition sichern konnte. Liest man den Bericht genauer, so steht zu vermuten, dass da noch vieles in den Wäldern um die Holzwiese herum im Boden verteilt liegen könnte und eine mehr oder weniger große Gefahr darstellt.


KÖZ vom Juli 1953

Blaibach. Über 800 8,8-Flakgranaten, 3 000 Schuß Zwei-Zentimeterkaliber, an die 600 Ausrüstungsstelle, El- und Stielhandgranaten, MG-Munition, Stahlhelme, Gasmasken und Maschinenwaffen, deutsche und tschechische, und was man sonst bei den Soldaten noch findet, Minen und Bajonette, haben die Männer des Sprengkommandos Süd (Bohr- und Sprenggesellschaft Röhl-München-Garching) in den letzten drei Wochen unter dem Roßberg aus der Erde geholt. Ohne viel Aufsehen davon zu machen, täglich 70 bis 80 Geschoße verschiedener Größe allein am vorgestrigen Tag sieben Tonnen an tödlichem Eisen und Stahl.

KÖZ vom Juli 1953

Pioniere sprengten wie Stümper

Auch die aus der CSR herausmarschierenden Panzerverbände des Heeres hatten an jenem 8. Mai 1945 im Kötztinger Raum die Waffen gestreckt. Aus den Nachbargemeinden, dem Lamer Winkel und selbst von Cham her, war hier auf der idyllisch gelegenen, in den Roßbergwald gebetteten Holzwiese, die heute einem Schlachtfeld gleicht, tausendfach der Tod zusammengetragen worden. Die Blaibacher wissen von den letzten Kriegstagen und dem, was folgte, ein Lied zu singen: Detonation um Detonation brach vom Walde her über das Dorf. Fensterscheiben zerbrachen, Stubendecken krachten auf die Böden. Die deutschen Pioniere, die im Mai und Juni des Zusammenbruchsjahres letztmals am Werk waren, hatten entweder wenig Lust, mehr an der ganzen Arbeit oder sie waren elende Stümper. Ihre Munitionssprengungen — unter Aufsicht der Amerikaner — erfaßten nicht die Masse der zu vernichtenden Geschoße. Kilometerweit verseuchten sie Äcker, Wiesen Raine und Waldboden. Auf der Holzwiese blieb der riesige Sprengtrichter zurück und Munition, von der Gewalt der Detonationen in die Erde getrieben, todbringend wie ehedem.

Eldorado der Buntmetallfunde

Wiederholt versuchten in den folgenden Jahren Buntmetallsammler aus diesen Umständen einen Nutzen zu ziehen. Sie machten sich an die Schatzgräberarbeit mit einer Unbesonnenheit, die ihresgleichen sucht. Wenn die Alten schon nicht die Gefahren erkannten, wie sollte es die Jugend? Es kursieren zu viele Geschichten in den Dörfern um den Roßberg, um sie unterzubringen. Geschichten von kindlichem Leichtsinn, unerhörter Freibeutersucht und verderblichem Unverstand. Seit die Kunde eines tragischen Vorfalles die Gemüter erschütterte, gab es für die Verwaltungs- und Polizeistellen nur noch eins: Weg mit dem Zeug, so schnell als möglich.

Flakgranaten in drei Meter Tiefe

Das von der Landpolizei angeforderte Sprengkommando ist vor drei Wochen erschienen. Meter um Meter haben die unerschrockenen Männer den Sprengtrichter auf der Holzwiese umgewühlt. Bis zu drei Metern in die Tiefe sind sie gestoßen. Massenweise kam Munition zum Vorschein, verrostet und überzogen, sie häufte sich wie Stere von Holz an der Waldstraße. Nun ist ein Minensuchgerät eingesetzt, um den Umkreis gründlich abzutasten. Sich tiefer in die Wälder zu verlieren, hieße für das Sprengkommando, viel zu viel Zeit aufzuwenden.

Das würde mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen, um auch dort hundertprozentig zu leisten. Sie ist bisher überhaupt nicht. Wasserandrangs aus dem Bach erschwert. Immer wieder war die Pumpe anzusetzen, aufs neue mit den Schöpfern in die Tiefe zu gehen.

Hauptteil der Munition abtransportiert

Der Hauptteil der Fundmunition und Ausrüstung ist in den letzten Tagen nach Garching bei München abtransportiert, die unter allen Sicherheitsmaßnahmen, die man nur denken kann. Sind die Geschoße leicht, werden sie der Verschrottung zugeführt; leicht werden eines Tages neue Geräte daraus? Nächste Woche werden die Männer des Sprengkommandos ihre gefahrvolle Arbeit auf der Holzwiese abgeschlossen haben. Dann fahren sie nach Plattling. Dort liegt auch Munition. Jede Menge. Acht Jahre nach dem letzten Krieg.


Welche menschliche Tragödie der Krieg auch für unser Gebiet bedeutete, zeigen die nackten Daten: 3700 gefallenen und 800 weiteren vermissten Menschen kostete der Krieg das Leben und nicht zu vergessen auch das Elend der Millionen Geflüchteten und Vertriebenen.


Zum Volkstrauertag   (Artikel der Kötztinger Zeitung vom November 1955)

3700 Gefallene und 800 Vermisste im Kreis Kötzting

An den Gedächtnisstätten und in den Kirchen wird die Bevölkerung morgen der Opfer des Krieges gedenken

Kötzting. Zweimal innerhalb einer Generation hat der Tod eine furchtbare Ernte gehalten. Allein im zweiten Weltkrieg 1939/45 büßte das deutsche Volk 6,8 Millionen Menschen ein. Über 3 700 Männer aus dem Landkreis Kötzting fanden im zweiten Weltkrieg den Tod; die Suchdienstlisten des Bayerischen Roten Kreuzes registrieren noch immer aus den Kreisgebiet über 800 Vermisste. Auch die Friedhöfe des Landkreises Kötzting sind Zeugen des tragisch-gigantischen Geschehens: Über 86 Soldaten- und 41 Flüchtlingsgräber haben die Gemeinden im Auftrage des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge im Landkreis Kötzting errichtet.

204 Gräber und Vermisste in der Pfarrei Kötzting

Die Verluste der deutschen Wehrmacht an Gefallenen und Verstorbenen von 1914 bis 1918 einschließlich der nachträglichen Sterbefälle Beurkundungen bis zum 31. Dezember 1952 betrugen 1938 897, im zweiten Weltkrieg hatte die deutsche Wehrmacht 3 250 000 Tote zu beklagen. Die Zahl der Gefallenen aus dem Landkreis Kötzting wird mit 3 700 angegeben. Aus der Pfarrei Kötzting mit den Gemeinden Kötzting, Arndorf, Gehstorf, Haus, Kötzting und mit 1 700 angehörten im zweiten Weltkriege 133 Männer den Tod; 111 ehemalige Angehörige der deutschen Wehrmacht sind als vermisst gemeldet.

Neben Soldaten- Heimvertriebenengräber

Ungleich größer und durch die Zusammenhänge tragisch, sind die Verluste der Zivilbevölkerung der Ostprovinzen des Deutschen Reiches bei ihrer Vertreibung in den Jahren 1944 bis 1946. Diesen
 1 500 000 Verschollenen steht die auf mindestens 1 Million geschätzte Zahl der Deutschen aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, der CSR und Polen, die bei der Vertreibung umgekommen sind oder in die Sowjetunion verschleppt wurden, nicht nach. Die deutsche Zivilbevölkerung erreichte demnach mit über 3 Millionen Toten und Verschollenen fast die Zahl der Wehrmachtstoten. Der Grenzlandkreis Kötzting, bis 1945 von Kriegswirkungen nicht berührt, wurde zu einer der ersten Auffangstellen. Zahlreiche Soldatengräber und letzte Ruhestätten von Heimatvertriebenen erinnern an das furchtbare Geschehen. Neben 86 Gräbern ehemaliger deutscher Wehrmachtsangehöriger wurden im Landkreis Kötzting von den Gemeinden im Auftrage des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge die Gräber von über 40 Zivilpersonen betreut, die in den Wirrnissen der letzten Kriegstage oder auf dem Wege aus der Heimat ums Leben kamen.

Überführungsaktion Holzkirchen

Unter Aufsicht des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge standen bisher im Landkreis Kötzting über 127 Soldaten- und Zivilistengräber. Nicht eingeschlossen sind die Gräber von Personen, die an den Folgen des Krieges, an Kriegsverletzungen, Elend und Leid zerschellten. In der Gemeinde Atzlern bei Mais liegen Blumen auf den 39 Gräbern von Soldaten der ehemaligen Wlassow-Armee. In Miltach wurden auf dem neuen Friedhof 17 ehemalige Wehrmachtsangehörige bestattet. Blaibach betreut 6 Soldaten- und 4 Zivilistengräber, die Stadt Kötzting 18 Soldaten- und 2 Zivilistengräber. Im großen Friedhof der Wallfahrt Neukirchen b. Hl. Blut haben 30 Zivilpersonen, Heimatvertriebene aus Schlesien u. dem Sudetenland, darunter zahlreiche Kinder, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Kriegsgräber befinden sich ferner in den Gemeinden Warzenried, Rittsteig und Lohberg. Ein Teil der gefallenen und verstorbenen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, die im Landkreis Kötzting bestattet worden waren, ist in der Zwischenzeit in den neuen Soldatenfriedhof in Niederbayern in Holzkirchen bei Vilshofen übergeführt worden. Die Aktion, die der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge durchführt, ist noch nicht abgeschlossen.

Gedenket ihrer in Ehren...

Der morgige Volkstrauertag, der auch in den Gemeinden des Landkreises Kötzting mit würdigen Feierstunden begangen wird, soll alle Opfer des totalen Krieges in ehrende Erinnerung zurückrufen. Bereits wenige Jahre nach Kriegsende sind in den Gemeinden Gedächtnisstätten entstanden oder wurden die Namen der Gefallenen und Vermissten des letzten Krieges durch Gedächtnistafeln ergänzt. Größere Gedächtnisbauten waren in den letzten zwei Jahren insbesondere in der Kreisstadt (Gefallenengedächtnisstätte), in Chamerau, Blaibach, Hohenwarth, Miltach u. a. Gemeinden zu verzeichnen. Erst vor wenigen Tagen wurde auch in der Landwirtschaftsschule in Kötzting eine Erinnerungstafel der Gefallenen und Vermissten der ehemaligen Landwirtschaftsschüler enthüllt. An all diesen Ehrenmalen wird sich zum Volkstrauertag 1955 die Bevölkerung versammeln, um derer zu gedenken, die ihr Leben im heiligen Glauben für Volk und Vaterland gaben.



🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.

Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden und zwar am Baierweg direkt am Fundort

 

Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

``` 🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen ```

 


Sonntag, 12. Juli 2026

Lesestammtisch

Einladung zum
 monatlichen Lesestammtisch
des Arbeitskreises Heimatforschung





Was wollen wir im Juli lesen? 

Wir gehen dieses Mal in die Pfarrei (und Hofmark) Blaibach und treffen einen alten Bekannten, den Kötztinger Bürger und gleichzeitig Hofmark Blaibachischen Administrator Martin Demmerl(e), der uns vor einigen Jahren mit seinem ausführlichen und außergewöhnlichen Briefwechsel half, die Corona-Lücke zu überbrücken.
In diesem Akt nun versucht er den notwendigen Neubau der Blaibacher Pfarrkirche zu befördern.
Hier ein Lesebeispiel aus dem Jahre 1790:



StA Landshut Kirchendeputation 

"Eur churfürstliche Durchlaucht geruhen nun aus vorbesagten gdist einzusehen, das der Herr Räbl mit Grund wider mich einige Beschwerden nit führen können, massen

1tens  Die gefahr dess Einsturz der Kürchen ohne Grund vorgeschrieben: und vorgegeben worden, wie solches mitkommendes Protokoll dess mehrern anzeiget.
2tens Sind alle Pauholz bereits auf der Zimmerstatt gleich neben der Kürchen eimngeführt, so, wie all schon über 200 Tragen Kalch, und ville Klasfter Rauchestein zu Plaibach in Vorrath ligen.




Alte Schrift? Ja.
Vorkenntnisse nötig? Nein.

📌 Man muss diese Texte nicht fließend lesen können, um dabei zu sein.
Viele hören einfach zu, lesen still mit – und ganz nebenbei lernt man, solche Quellen besser zu entziffern.
Wie immer ergeben sich außerdem zahlreiche Gespräche über andere historische und zeitgeschichtliche Themen.

🕯️ Termin:
📅 Dienstag, 14. Juli 2026
18.30 Uhr
📍 Kneippstüberl – Hotel zur Post

🗺️ Tipp zum Schluss:
Seit Herbst 2025 gibt es außerdem die interaktive Karte Kötztings.
Dort sind Beiträge zur Häuserchronik und viele weitere historische Themen direkt im Stadtplan verortet – jeder Marker führt per Klick zum passenden Blogbeitrag.
Die Karte funktioniert am PC ebenso wie auf dem Smartphone und kann sogar als kleine App gespeichert werden.

👉 Interaktive Karte Kötzting öffnen    🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen


Freitag, 10. Juli 2026

Kötztinger Häuserchronik - alte Hausnummer 115 beim Hastreiter

 Mit der sogenannten Uraufnahme und der beginnenden Landvermessung zählte Kötzting insgesamt 159 Anwesen. Die Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuzeichnen und möglichst genau zu dokumentieren, ist das Anliegen dieser Häuserchronik. Wer sich näher mit den frühen Entwicklungen unserer Heimatstadt beschäftigen möchte – von den ersten Urhöfen bis zur Erhebung Kötztings zum Landgerichtsort –, findet dazu ausführliche Informationen in einem einleitenden Blogbeitrag. 

Bei den nun folgenden zehn Anwesen ist allerdings eine Besonderheit zu beachten: Die Häuser mit den alten Hausnummern 113 bis 123 bestanden bereits lange vor dem großen Marktbrand von 1867, wurden nach der Katastrophe jedoch nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten errichtet. Mit der Neuordnung des unteren Marktes und dem Bau der unteren Marktstraße, des Pfeffergrabens sowie später der Holzapfelstraße entstand ein neuer Ortsteil, in den die bisherigen Hausnummern übertragen wurden.

Die Identifizierung dieser Anwesen ist deshalb heute nicht mehr über ihre frühere Lage möglich, sondern bei manchen der Häuser ausschließlich über die weitergeführten alten Hausnummern.

Alte Hausnummer 115

beim  Hastreiter

Vermessungsamt Cham Detail aus: 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_1831_Beilage_M2500_1_1-01

 

Aus einer Schuldverschreibung aus dem Vermögen der St.-Nikolauskapelle in Steinbühl aus dem Jahr 1738 taucht erstmals ein entscheidender Hinweis auf: Der gesuchte Hausbesitzer Martin Hofmann war von Beruf Schuster. Damit beginnt sich das bislang noch unscharfe Bild der Besitzgeschichte allmählich zu schärfen.
Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei diesem Martin Hofmann um den Schuster gleichen Namens aus Kötzting, der die Anna Maria Zissler heiratete. Über diese Verbindung lässt sich zugleich auch die familiäre Einordnung herstellen: Er war der Sohn des ebenfalls Martin Hofmann, der in den Quellen als „Wassermann“ bezeichnet wird, sowie der Barbara Prändtl. Damit rückt ein erstes, in sich stimmiges Familiengefüge in den Blick, das als Träger der frühen Besitzgeschichte des Hauses in Frage kommt.
Gerade die Häufung gleichnamiger Personen in dieser Zeit macht eine eindeutige Zuordnung jedoch schwierig. Umso wichtiger wird die Berufsbezeichnung, die hier als zentrales Unterscheidungsmerkmal dient und die einzelnen Linien voneinander trennt und überhaupt erst greifbar macht.
Der nächste Schritt führt daher noch eine Generation weiter zurück: War der Vater Martin Hofmann, der als „Wassermann“ beziehungsweise Fluderknecht erscheint, möglicherweise nicht nur als einfacher Dienstmann am Wasser tätig, sondern in den Quellen auch als Inwohner oder sogar bereits als Bürger beziehungsweise Häusler geführt? Eine solche Einordnung würde die Besitzgeschichte des Hauses um eine weitere Generation in die Vergangenheit verlängern und aber nur die genealogische Linie festigen.
Einen wohl entscheidenden Hinweis liefert dabei bereits ein Eintrag aus dem Jahr 1731, in dem ein „verbürgerter Fludermann“ Martin Hofmann im Zusammenhang mit einer Geldstrafe erwähnt wird.  

StadtA Kötzting MR von 1731 Seite 14
"Martin Hofmann verburgerter Fluderman der orthen, welcher in Schuldtsachen geclagt: der aber wegen seiner nienmalligen Bescheinung  nachts durch den Marckhtdiener, neben denen Viertlmeistern ausgehebt und in den Burgerlichen Arrest seiner bekandten Armueth willen bis zu ausmachung solcher Schuldtsach gethan und zugleich neben ernstlichem Verweis abepisst worden
1 Nacht und 1/2 Tag"
 Mit diesem obigen "Martin Hofmann" haben wir zwar mit ziemlicher Sicherheit den Vater "unseres" Martin Hofmann, aber nicht den Vorbesitzer, weil es beim nächsten Besitzwechsel (erneut ein Martin Hofmann an einen Martin Hofmann) heißt, dass das Haus im Jahre 1737 neu erbaut worden.

Hofmann Martin und Zissler Anna Maria

Am 6.11.1731 heiratete - wie  Eingangs bereits erwähnt - der Schuster Martin Hofmann Anna Maria Zissler aus Kötzting und wenige Jahre später - die Verbriefung war am 28.3.1838 -  liehen sie sich Geld aus dem Kirchenvermögen der Kapelle in Steinbühl.



StA Landshut Markt Kötzting Briefprotokoll von 1738 Seite 65

"Schuldt Bekandtnus pr 35 fl:
Martin Hofmann verburgerter SchuM: alhir und Anna Maria dessen Eheweib auf Anweisung und Beistandslaistung Hans Georg Billich auch Burgers alda, Bekhennen hiermit in craft diss briefs, das von dem lobwürdt St: Nicolai filial Gottshaus Stainbühel aus dem Zechschrein .... 35 Gulden.
Die Zechpröbste der Kirche Steinbühl waren damals übrigens die beiden Traidersdorfer Bauern Georg Paur und Hans Georg Mühlbauer.
Das Ehepaar widerlegt diese Kreditsumme mit "deren inhabentem Burgershäusl"

 Im Jahr 1774, bei der nächsten Besitzübergabe, heiß es wortwörtlich über das übergeben Haus es sei das "1737 auf Marktsgründen neuerpaute Leerhäusl im Pfeffergraben, negst am Schlossgarten und Michael Haertls Häusern entlegen."
Im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts kam es in diesem Bereich zu einem umfassenden Neubau der gesamten Häuserreihe (alte Hausnummern 113–115). Betrachtet man dazu die historische Karte im Vergleich mit der bis heute weitgehend unveränderten Topografie Kötztings, wird deutlich, wie ungewöhnlich diese bauliche Situation war. 
Die neuen Häuser wurden nicht entlang einer bestehenden Straßenlinie errichtet, sondern regelrecht in den Hang hineingesetzt. Dadurch entstand eine besondere städtebauliche Konstellation: Links und rechts der Häuserreihe verliefen zwei Wege beziehungsweise Landstraßen, die die Häuserreihe  gleichsam einfassten. Die innere dieser beiden Wegführungen wurde dann - anders als heutzutage - als „Pfeffergraben“ bezeichnet.
Im Jahre 1744 steht der Schuster vor dem Landrichter - Beleidigungen in Handwerkssachen durfte der Kötztinger Kammerer nicht mehr urteilen - und wurde zu einer vergleichsweise milden Strafe verurteilt.

StA Landshut Rentkastenamt Straubing Pfleggerichtsrechnung von 1744 Seite 5
"Michael Mayr burgerlicher Schuechmacher zu Közting wurde von Martin Hofman auch burgerlicher Schuechmacher derorthen ein Redo Hundts(fott) iniuriert, diese Schmächung aber hinach under ihnen beeden obrigkeitlich verglichen - iedoch von Ambtsweegen der Hofmann multiert per 2 Schilling Pfennige oder 17 xr 1 H:"

Im Jahre 1757 standen Vater und Sohn -zwar  bei getrennten Verhandlungen und der Vater als Ankläger und der Sohn als Beklagter -  vor dem Magistrat als Gerichtsinstanz, die beiden Protokolle der Verhandlungen stehen jedoch direkt untereinander.

StadtA Kötzting MR von 1757
Margaretha Löckherin burgerin doiss ohrts als welche Martin Hofmann burgerlichen Schuechmacher alda in offener Gerichtsstuben vorgeworffen, er seye kein bräfer Mann, hat yber dem mit dem Hofmann derentwillen getroffenen Vergleich, das Sye von demme nichts als liebs und duettes, sothann all ehrliches zu sagen wissen, unter ernstlichen Verweiß und der zugleich ex officio aufgehebten injuri das solche dem Hofmann an seinen Ehren unprejudicierlich sein sollen, pro poena abtragen müessen 1 Schilling Pfennige id est 8 xr 4 H:

Martin Hofmann und Hanns Georg Pachmayr burgerliche Schuechmachers Söhn von hier, umb ersterer dem Sebastian Löckher....

SchneiderJung von Hochenwarth ain Kopfstuckh gegeben, der andere aber ainen flegl intituliert, haben derentwillen in Richterliche bues zuerstatt gehäbt, was Ihnnen disfahls, in anbetracht transigniert worden, und der Löckher keine Satisfaction vor das Kopfstuckh verlangt, mit Verweiß und dem Auftrag ins zukunft in bässerer Verstädnnuss und einträchtigkeit zu leben, obrigleitlich Dictiret worden, Nemblich 3 Schilling Pfennige als Hofmann 2 und Pachmayr 1 importieren: 25 xr 5 H:"


Aus dem Jahre 1761 hat sich eine ganz besondere Gerichtsverhandlung erhalten- heutzutage würde man wohl von einer versuchten Verführung einer Minderjährigen sprechen:

StadtA Kötzting MR von 1761 Seite 38

"Martin Hofmann Burger und Schuechmacher alda hat wider Franz Härtl leedigen Bürger und Leineweber gesöllen derorthen von darumben die Clag vorgestellt, daß er sich schon ain: und andermahl zur sondern Ärgernuss understanden, da sich selber beym pir befündet, dess Clägers tochter uf offener gassen ufzufangen, und zum Pier zu flauckhen, welches ere als Vatter, und sorgetrager über seine Tochter nit geschechen, und passieren lassen khönne. als andurch nicht als liederliche Handl entstehen. Und obzwar der beclagte solches nit widersprechen khönnen: sondern sich nur dahin excussieren wollen, daß er sye von darumben in das Würtshaus mit gewalt hinein genommen weillen sye wider ihm in ain: und anderen orth geschändet, umb mit ihr die Sache auszumachen, So hat man nichts destoweniger Ihme Härtl solches geschärfftens verwisen, und die khonfftige unterlassung, auch eine bessere Aufführung zu pflegen aufgetragen, zur STraff aber seiner bekhanten unvermögenheit halber 1/2 Tag lang in burgerlichen Arrest geschafft id est
1 Persohn 1/2 Tag in burgerlichem Arrest."

 
Aus dem Jahre 1765 findet sich ein Verhörsprotokoll im Münchner Hauptstaatsarchiv, in dem es um die Kötztinger Schuhmacherszunft geht und die jungen Schustermeister gegen die alten sich zur Wehr setzen.

bayr. HStA München GLfasc. Nr. 1819 

Vergleich
Hans Georg Löckher, Benedict Lanzinger, Martin Lanzinger und Joseph Mair sammentliche vier junge Schuechmachermaister alhier zu Kötzting, haben die Vorgeher ersagten Handtwerks, benanntlich Heinrich Straubinger, Martin Hofman, Hans Georg Pachmayr und Hans Georg Silberpaur weegen deren Abänderung dan zuelassung der Handtwechs Sportln anheut klagen wollen. 
Es haben sich aber die Theille dahin verstanden und verglichen, daß sammentlich die alten Maister buiis konfftig unders Jahr die handwerchs Sportln annoch alleinig ziehen: undanwerben bis ufm jahrtag ao 1766 als vorgeher bleiben: die junge Maister entgegen von ersagt neuen jahr an die fahlente SPortln gleichfahls zuziehen haben sollen: mit dem weittern Anhang, das wan auch die junge Zurmaister (?) würckhlich zur Laad.....

Laadmaister Stehle gelangen, diese jedannach die Stab bei dennen gewohnlichen Processionen tragen muessen. Womit die Theill zufrieden und um die obrigkeitliche Ratification gehorsam bitten

Ratification
Das Vergleich würdet obrigkeitlich ratificirt dabei aber dennen theillen auferladen, das jeder die treffenden Unkosten ex propriis ohin ohne entgelt der Ladt tragen und bezallen solle
Churfürstliches Landgericht Kötzting 

Hofman Martin und Katharina Hofman


Am 13.10.1774 übergaben der Bürger und Schuhmacher Martin Hofmann und seine Frau Maria das "1737 auf Marktsgründen neuerpaute Leeräusl im Pfeffergraben negst am Schlossgarten und Michael Härtls Häusern entlegen, mitsamt dem kleinen Gärtl " um 200 Gulden an den Sohn Martin Hofman, noch als Schuhknecht bezeichnet.
Gut zwei Monate später heiratete Martin Hofmann die Kötztinger Schneiderstochter Katharina Hofmann
Sein Vater überlebt diese Besitzübergabe nur um wenige Jahre und verstirbt am 17.11.1777.

Ähnlich wie bei den Nachbaranwesen ist die Fundlage auch bei diesem Haus äußerst dürftig und lässt sich die weitere Abfolge der Besitzverhältnisse nur mit großen "Sprüngen" - wenn auch lückenlos - belegen.
Hier die Kirchentrachtliste des Klosters Rott aus dem Hauptstaatsarchiv:

HStA München Landshuter Abgabe KL Rott B5 1777-1800
Hier ist in der Tabelle die tatsächliche Abfolge der Anwesen abgebildet:
Leonhard Haas 111
112 fehlt, weil der heutige Schmidtbräukeller zum damaligen Anwesen 98 gehört
113 Josef Drückl Schneider
114 Michael Härtl Weber
115 Martin Hofmann Schuhmacher
116 Franz Mittermayr  Schlossgärtner

Im Jahre 1790 findet sich seine Grundgiltzahlung  - zur Erinnerung, sein Vater durfte das Haus auf 1737 ja Grund und Boden des Marktes errichten und muss daher jedes Jahr diese Abgabe zahlen - an den Markt über 33 Kreuzer 
1791 lassen die beiden eine Grundschuld eintragen, nachdem sie sich 100 Gulden aus dem Vermögen der Pfarrkirche Kötzting leihen konnten.
Am 3.2.1804 stirbt der Schuster Martin Hofman im Alter von 74 Jahren an Stickkatarrh und Abzehrung und zwei Jahre später übergibt die Witwe das Haus an den Sohn.


Hofmann Josef und Neumayr Barbara


Im Briefprotokollband des Marktes Kötzting ist mit Datum des 18.9.1806 vermerkt, dass die verwitwete Schuhmacherin Katharina Hofman das Haus auf dem Pfeffergraben an den Sohn Josef Hofman übergibt und gut zwei Jahre später - am 13.11.1808 -  heiratet der junge Schuhmacher die aus Reckendorf stammende Barbara Neumayer, deren Vater Johann Neumayr aus Reckendorf und die Mutter Bauer Katharina aus der Pfarrei Moosbach gewesen war. und ihm 400 Gulden an Mitgift in einem Heiratsvertrag vom 23.10.1808 zusagt. Der Kaufpreis für das Haus hatte nun bereits 1100 Gulden betragen.
Josef Hofman war gerade noch rechtzeitig Hausbesitzer und damit Wähler für die 1806er "Kommunalwahl" geworden und so kennen wir nicht nur sein Wahlverhalten sondern es hat sich auch  seine Handschrift durch seinen Wahlzettel erhalten.
Hier zunächst die Übertragung seiner - freien - Wahl auf die Ergebnistabelle
StA Landshut LGäO Kötzting Nr. 793 Magistratswahlen von 1806 Wahlzettel und Bürgerliste
Hsnr. 95 
Jos Hofmann  
Bürgermeister: Wenz. Bauer
Räte: Windorfer - Fr. P: Piendl - Krist: Obermair - Joh. Gulder
Ausschuss: Math. Pfeffer - Lor. Müllbauer - Jos. Decker - Georg Viertl



Er selber schrieb:
Kammerer
Wenzel Pauer SchneiderMeister

Rathsfreund
Herr Georg Windorfer Baader
Herr Franz Biendl Schuhmachermeister
Christian Obermayr Zimmermeister
Johann GUlder Hutmachermeister

Außschus
Mathias Pfeffer Schneidermeister
Lorenz Mühlbauer Webermeister
Josef Döker Gastgeb dahier
Georg Viertl Lebzelter
Hauß Nr. 95
Joseph Hofman Schuemacher

Im Jahre 1811 wurde das Kötztinger Häuser- und Rustikalsteuerkataster zusammengestellt und dadurch erfahren wir ein wenig von dem Haus:

StA Landshut Rentamt Kötzting Rep 300 B 27

"HsNr. CIX (also 109, die endgültige Nr 115 wird erst 1841 vergeben)
Jos. Hofmann
a) das gezimmerte Haus mit einer kleinen Stallung, Schupfe und
b) Wurzgartl
Nutzantheil an den noch unvertheilten Gemeindegründen
Gemeindeantheil am Galgenberg ao 1803 zu Acker cultiviert
Noch einen erkauften Gemeindsantheil am Galgenberg ao 1803 ebenfalls zu Acker cultiviert


Josef Müller


Im Jahre 1830 endete die Zeit der "Hofmänner" auf dem Anwesen.

StA Landshut Rentamt Kötzting Rep 300 B 28
"Dem 26. März 1830 hat Joseph Müller l. Bürgerssohn von Kötzting, durch GantKauf das Joseph Hofmannische Bürgers Häußel mit Gärtl und 2 Gemeinde Theilen zu Kötzting um 8700 fl an sich gebracht - sonst ohne mehrer Änderung Register fol 97"

Bereits am 10.4.1834 wurde ein Weiterverkauf von Josef Müller an Michal Hastreiter im Umschreibeheft eingetragen .....  aber offensichtlich postwendend rückwärts abgewickelt.

StA Landshut Rentamt Kötzting Rep 300 B 28
Die Gründe für diesen ersten Rückzieher sind unbekannt, aber am 15.12.1838 kommt es dann doch zu einem Kaufvertrag zwischen den beiden wobei der Kaufpreis gleich geblieben ist.

StA Landshut Rentamt Kötzting Rep 300 B 28
"Den 15. Dezember 1838 verkauft Joseph Müller in Kötzting an Michael Hastreiter von da das ludeigene Wohnhaus mit Nebengebäude und Wurzgärtl, dann den Nutzantheil an unvertheilten Gemeindegründen um 400 fl ohne sonstige Aenderung."



Michael Hastreiter und Wendl Kreszenz


Die Erklärung für den obigen "Rückzieher" könnte in dem Protokoll beim Kötztinger Vermittlungsamt zu erkennen sein, wo es im Jahre 1834 heißt (ohne weitere Angabe eines Datums)
StadtA Kötzting AA VIII/12
"Auf Klagen des Joseph Müller Schuhmacher v. Kötzting gegen Michl Hastreiter Häusler v. da wegen schuldiger Zahlung des Hauskaufschillings ist der Sühneversuch fruchtlos geblieben."
Da Hastreiter Michael am 19.5.1834 die Warzenrieder Bauerstochter Kreszenz Wendl geheiratet hatte, kam vielleicht für den jungen Häusler etwas zu viel auf einmal an Zahlungen zusammen, denn auch in den beiden Folgejahren steht Michael Hastreiter mehrmals in den Verhandlungsprotokollen des Vermittlungsamtes und immer geht es dabei um ausstehende Zahlungen.
Vermutlich war er erst 1838 wieder so "flüssig", dass er den Hauskauf stemmen konnte.

StA Landshut Grundsteuerkataster Nr. 5039

Auszug aus dem Grundsteuerkataster von 1840
Hausnummer 115 in Kötzting beym Hastreiter Michael Hastreiter

Ein Haus
(dies ist wichtig und unterscheidet sich in Kötzting von einem Marktlehenj oder einer Sölde)
Gebäude:
Wohnhaus, Stall und Stadl unter einem Dache
Gärten:
Wurz und Baumgarten, der Hausgarten
Wurzgärtl beim Haus


Im Jahr drauf wurde der Mieterkataster zusammengestellt und dieser gibt uns eine etwas genauere Vorstellung des Gebäudes,  seiner inneren Struktur und seiner Bewohner:
StA Landshut
1. Michael Hastreiter Oekonom /: Hauseigenthümer
1. Hauptgebäude
I: 1 Wohnzimmer, 1 Kammer, 1 Stallung und Futterboden, Bodenantheil unterm Dach
Unterschrift Michael Hastreiter

2. Alois Auzinger Inwohner /: Miether
I 1 Wohnzimmer mit Bodenantheil unterm Dach 
Unterschrift Auzinger

3. Anna Maria Hartl, Witwe /Mietherin
II 1 Wohnzimmer unterm Dach Handzeichen "X" der A.M. Hartl

Ebenso wie seine beiden Nachbarn musste auch Michl Hastreiter im Juni 1867 durch den Kötztinger Marktbrand einen Totalverlust seines Hauses hinnehmen.
In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni brach in der Marktstraße - im Anwesen, in dem bis vor Jahren der Gasthof Dreger gewesen war - in einem rückwärtigen Gebäude aus Nachlässigkeit ein Bran aus, der sich blitzartig bis hinauf zum heutigen alten Friedhof und hinunter bis zur heutigen Kreuzung Bahnhofstraße/Holzapfelstraße ausbreitete und alles dazwischen in Schutt und Asche legte. Viele weitere Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden ebenfalls beschädigt. Das vollständig aus Holz errichtete Haus der Familie Hastreiter  wurde bis auf den Grund verbrannt.
StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570 der Marktbrand in Kötzting

Hier zunächst die Bestandsaufnahme des Brandschadens:




 10. Hausnummer 115 Hastreiter Michael, Bürger
Die Beschreibung der Gebäude vor dem Brande vide Protokoll sub Nro XXXVI
Befund:
ad 1) von diesem Gebäude bestehen im Souterrain einzelne wertlose Bruchsteine und Mauerreste, alles übrige ist total vernichtet, Schaden total
ad 2) Dieses Gebäude ist bis auf den Grund niedergebrannt. Schaden total
ad 3) Desgleichen der Stadel in der oberen Bollburggasse
/Dieser Stadel ist erst jüngst vom Gg Hastreiter, nun Math Müller erkauft worden, aber im Grundbuche noch nicht umgeschrieben wegen hypotheamtlichen Anständen
 
Die versicherte Schadenssumme betrug 400 Gulden

 
Nun also weiter zur Zustandsbeschreibung vor dem Brande: 


XXXVI
Hastreiter Michael, Häusler und Korbzäuner

1. Das 1 stöckige Wohnhaus am Pfeffergaben von Holz erbaut u. mit Legschindelbedachung versehen gewesen.
2. der angebaute einstöckige Stadel hatte eine Bretterumfassung und ein Legschindeldach
3. der einstöckige Stadel in der oberen Bollburggasse gelegen, ganz aus Holz erbaut u. mit Legschindeldach versehen gewesen.
Unterschrift Michael Hastreiter

Auf dem folgenden Ausschnitt kann man das verheerende Ausmaß des Brandes im Bereich des heutigen Pfeffergrabens erkennen.

Und so radikal wurde nach dem Brand der Straßenzuschnitt in diesem Bereich verändert. Da mit ganz wenigen Ausnahmen die Häuser in diesem Bereich alle aus Holz gebaut gewesen waren, konnte dies auch sehr relativ einfach vom "Reißbrett" aus in die Wirklichkeit übertragen werden.

StadtA Kötzting AA V 84 1867 Plan nach dem Marktbrand Straßennamen

Die heutige Holzapfelstraße wurde nun als Schulhaus-Straße umbenannt, der damalige Pfeffergraben verschwand komplett, er wurde ersetzt durch das schmale Schulhausgasserl. Der heutige Pfeffergraben hieß Pfeffergrabengasserl und die heutige untere Marktstraße war damals die Chamer Straße.


Fink Josef 

Im Umschreibeheft des Grundsteuerkatasters steht der Kauf des Hauses unterm 12.12.1870 an einen Josef Fink.



Gleich bei Besitzantritt stellte Josef Fink einen Bauantrag für die Errichtung einer "Holzremise" an der Stelle an der später das Schlachthaus der Familien Krämer/Barth entstehen wird und heute das Wohnhaus des Michael Irlbeck steht.

StadtA Kötzting AA XI/116






Durch die neue Wegeführung zusammen mit den neu errichteten Häusern ergaben sich dann aber auch Probleme in den hängigen Gelände, weil sich damit auch alte Wegerechte und Wasserabflussmöglichkeiten verändert hatten.

Im Jahre 1872, also nach dem Neuzuschnitt der Kötztinger Straßen v.a. in dem Bereich des Pfeffergraben und der heutigen Holzapfelstraße  kommt es zu einem Nachbarschaftsstreit  wegen all dieser Problemfelder

Hier zur Erläuterung des Streits die jeweiligen Hausbesitzer zu der Zeit
Probst auf der 113(b)
Dimpfl auf 114
Fink auf 115


20. Dezember 1872: Erscheint der Flößer Josef Fink und erklärt: Wegen der Fahrt von meinem Hause hinter dem meines Nachbarn Dimpfl weg, welche mir letzterer verwehrt verlange ich Augenschein durch eine magistratische Commission, um sodann eventuell Klage stellen zu können.
Augenschein Protokoll: Der vorgenommene Augenschein ergab folgendes. Hinter dem Hause des Fink und Dimpfl zieht sich gegen das Anwesen des Probst zu ein schmaler, ferner an die Straße angrenzenden Platz hin, welcher jeder der genannten Anwesen als Ab- bzw. Zufahrt dient.
Dimpfl hat auf seinen Platz einen Düngerhaufen aufgelegt, welche die Ab- und Zufahrt zu Fink hindert. Die Frage, ob diese Düngelagerung gestattet werden kann, soll im Vergleichswege gelöst werden und soll deshalb  ein Sühneversuch anberaumt werden. 

16. Jänner 1873: Erscheint Herr Anton Dimpfl, Hutmacher dahier und erklärt: zwischen meinem und dem Hause des Probst läuft das Wasser von oben herab durch und über meinen Grund der abhängige Lage gemäß auf jenen des Probst. Letzterer vermacht nun den Abfluss des Wassers, so dass Letzteres auf meinem Grund stehen bleiben muss. Aber nicht genug damit, wirft er einen förmlichen Wall auf, unterminiert meinen Zaun,  schlägt Pfeiler u dgl ein , kurz geriert sich, als ob ich gerade mit mir tun müsste lassen was er wollte.
Ich bitte nun dringend um Augenscheinnahme, da ich , wenn heute Regenwetter eintritt, vom Wasser geradezu überschwemmt werde. Ich bemerke hierbei, dass das Ganze lediglich nur aus Bosheit drüben geschieht,  weil ich mit seinem Schwager Fink wegen einer Fahrt in Differenzen bin. Es kam trotz großer Bemühungen kein Vergleich zustande. 

2. Juni 1874: Erscheint Binder Probst und erklärt: Beim Vergleiche am 20. Januar 1873 wurde bestimmt, dass Dimpfl einen Kanal zum Abfluss seines Wassers herstellen lassen muss. Dieses ist bis jetzt noch nicht geschehen und ich habe immer das Wasser im Hofe, auch läuft dasselbe in den Brunnen. Ich ersuche nun, den Dimpfl nochmal aufzufordern, ob er den Kanal herstellen will oder nicht. Außerdem bin ich gezwungen die Sache weiter zu verfolgen. -

9. Juni 1874: Herr Dimpfl erklärt: Nach dem schriftlich am 20. 1. 73 vor dem Vermittlungsamte abgeschlossenen Vergleiche habe ich lediglich mein Hauswasser abzuleiten, was auch geschehen ist. Ich habe eine Rinne anbringen lassen, nun läuft das Wasser neben meinem Hause vorüber rückwärts in den Straßengraben.
Dagegen kommt vom Schulhause her bei starken Regen viel Wasser, weil die Schulgemeinde den Kanal noch nicht hergestellt hat, wie dieses im Protokoll vom 20. 1. 73 bestimmt ist. Dieses Wasser läuft natürlich hin wo es will und kann ich nicht dafür, wenn  dieses Wasser zum Probst läuft, er muss Klage gegen den Magistrat als Schulverwaltung einreichen.  


Im Jahre 1877 war dieser Hausverkauf  von Hastreiter auf Fink immer noch nicht ganz abgeschlossen, weil Michael Hastreiter besonderen Rahmenbedingungen durchsetzen wollte, die gegen die Regeln der Marktgemeinde verstießen.
In den Akten (StadtA Kötzting 912/106)  heißt es dazu: "Hastreiter Anwesen wurde an Flößer Fink verkauft, jedoch ohne Gemeinderecht, dies wollte sich Hastreiter jun vorbehalten. Durch mehrere Gutachten wurde dies abgelehnt, es ist so nicht machbar."

Wenig ist von der Flößerfamilie Fink bekannt, im Jahre 1907 wurde die verwitwete Mutter und die Kinder durch einen Erbvertrag in den Besitz des Hauses gestellt, bevor dann mit Krämer Philipp ein Metzgermeister das weitere Schicksal des Hauses bestimmte.

Philipp Krämer und Karolina Hausherr

 
Repro 1641 Geschäftskarte Krämer
 
Die Geschichte der Familien Krämer/Barth kann in der Dokumentation der Häuserchronik nachgelesen werden, hier bleiben wir zunächst beim Schlachthaus der Metzgerei und dem Wohngebäude in der heutigen Holzapfelstraße

Aus dem Jahre 1924 kennen wir einen Bauantrag:

StA Landshut Rep 162-8 Sch. 25 Nr. 3620 Krämer Philipp Halle mit Remise Hanr 115 1924



Wie eingangs dieses Kapitels bereits geschrieben, ist die Geschichte dieses Gebäudes mit dem Haus in der Müllerstraße verbunden und bereits beschrieben.
Hier nur noch eine alte Ansicht des Gebäudes zusammen mit dem alten Schulhaus, das Ende der 70er Jahre abgerissen wurde und einem Parkhaus weichen musste.


Hier noch ein paar Bilder, die mit diesem Haus in der Holzapfelstraße zu tun haben.
Schorsch und Sepp Barth wurden von ihrem Opa - Josef Barth - auf der Straße und vor dem Haus abgebildet, als sein ältester Enkel, Schorsch, seinen ersten Schultag hatte UND, um keinen Streit zwischen den Buben aufkommen zu lassen, bekam auch der jüngere. Sepp, eine Schultüte, wenn auch eine kleinere. Sepp Barth konnte sich auf Nachfrage noch gut an die Situation erinnern und war sich sicher, dass seine Schultüte lila gewesen war.
Foto Josef Barth: der erste Schultag für Barth Schorsch und auch Sepp durfte einen Schulranzen tragen

Foto Josef Barth: so sehen glückliche Kinder aus. Unser Kurdirektor Josef Barth mit der "Reserve"Schultüte  vor dem Hause der Großeltern

Und noch eine Straßenansicht des Gebäudes, seitlich im Hintergrund, während des Maibaumtransportes, der vom Kötztinger Trachten- und dem Burschenverein durchgeführt wurde.







KUSW798 

Diese Ansicht ist in doppelter Hinsicht bereits Geschichte:
Aus dem alten Schulhaus wurde Kötztings erstes Parkhaus und ist zur Zeit - 2026 - erneut eine Baustelle; es entsteht ein neues Parkdeck mit integrierter Stadtbibliothek.
Das alte Wohn- und Schlachthaus der Familien Krämer-Barth wurde ebenfalls abgerissen und an dessen Stelle steht nun das Wohnhaus des Michl Irlbeck.

Kurz vor dem Abriss des Hauses hat Frau Christa  Rabl-Dachs das Gebäude noch mal von allen Seiten abgebildet:

Foto Rabl-Dachs

Foto Rabl-Dachs
Foto Rabl-Dachs
Foto Rabl-Dachs

Foto Rabl-Dachs



Foto Pongratz: aus alt mach neu .... das Anwesen Michael Irlbeck im Juli 2026 mit der Parhausbaustelle am linken Bildrand




🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
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Viel Freude beim Entdecken!

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