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Freitag, 2. Oktober 2026

Wenn das Recht versagt ...... oder versagt wird Teil 1

Wenn das Recht versagt ...... oder versagt wird 

Eine Dokumentation über das Schicksal des jüdischen Familienverbandes  Klein - Kirschner

Die Einleitung





Bei meiner Recherche zum Schicksal der Kötztinger Bürgerstochter Susanne Kirschner erhielt ich vor Jahren Unterstützung von überraschender Seite. Daraus entwickelte sich ein persönlicher Kontakt, der schließlich sogar zu einem Treffen in Israel führte. Diese herzliche Verbindung zu Shelly Feder und ihrem Mann Eli besteht bis heute. 

Was damals noch niemand ahnen konnte, mündete schließlich in einen außergewöhnlichen Fund: Shellys Großvater hatte als Adressat von Briefen aus Kötzting und Tirschenreuth eine große Zahl von Briefen und Dokumenten gesammelt und über all die Jahre aufbewahrt. Diese Unterlagen eröffnen einen unmittelbaren und persönlichen Einblick in das Schicksal der Großfamilie Kirschner-Klein und ihrer Angehörigen.

Dabei ist mir wichtig festzuhalten, dass Shelly der Veröffentlichung dieser teilweise sehr persönlichen und privaten Briefe ausdrücklich zugestimmt hat. Auch bei der Bearbeitung und Zusammenstellung dieses Blogs habe ich sie in die einzelnen Schritte einbezogen, sie über die Entstehung informiert und ihre Zustimmung zu den jeweiligen Teilen eingeholt.

Ich konnte bereits in der Vergangenheit zahlreiche Dokumente und Aussagen über diese Familie aus Kötztinger Quellen und aus bayerischen Archiven zusammentragen. Sie hatten jedoch alle einen entscheidenden Mangel: Es waren durchweg Aussagen und Berichte über die Familie Kirschner. Authentische Nachrichten aus der Familie selbst fehlten bislang.

Mit dem nun erhaltenen Konvolut – es sind vor allem Briefe – lässt sich diese Lücke schließen. Zusammen mit den bereits digitalisierten Dokumenten aus den Spruchkammer- und anderen Nachkriegsverfahren entsteht dadurch ein unmittelbareres Bild vom Schicksal dieser Familie. Es ist eine schreckliche Mischung aus zerstörten Plänen, neuen Hoffnungen und immer wiederkehrenden Rückschlägen, die die Familie erleiden musste.

All diese deprimierenden Entwicklungen, von denen die Briefe berichten, sind eingebettet in die ganz alltäglichen Nachrichten aus dem Familienleben. Und darunter finden sich durchaus auch fröhliche und unbeschwerte Momente. Gerade dieser Gegensatz macht die Briefe zu einer besonders eindringlichen Quelle: Neben den großen Ereignissen und ihren Folgen begegnet uns darin immer wieder das ganz normale Leben der Menschen, die von ihnen betroffen waren.


Alice Kirschner, geborene Klein aus Tirschernreuth, die Mutter von
Susanne Kirschner, dieses Bild hatte Susanne (Shosh) wohl mit nach Palästina gerettet und 2005 dann in Yad Vashem abgegeben.
bei ihrer Aussage hinterlegt.

Woher stammt nun diese Briefe-Sammlung:

Um die Sammlung einordnen zu können, muss zunächst der familiäre Zusammenhang betrachtet werden. Denn die Briefe stammen nicht nur aus einer Familie. Sie verbinden die Familien Klein aus Tirschenreuth und Kirschner aus Kötzting miteinander und machen sichtbar, wie eng die Angehörigen trotz räumlicher Trennung miteinander verbunden blieben.

Die Verbindung der Familien Kirschner und Klein

Bevor wir uns den erhaltenen Briefen und ihrem Inhalt zuwenden, soll zunächst eine einfache Auflistung die familiären Zusammenhänge verdeutlichen. Sie dient vor allem dazu, den Adressaten und Sammler des vorliegenden Konvoluts innerhalb der Familie einordnen zu können.

Im weiteren Verlauf der Dokumentation werden die familiären Verbindungen noch wesentlich ausführlicher dargestellt werden. Dann wird es notwendig sein, den „Stammbaum“ um weitere Generationen und Familienzweige zu erweitern und so die jeweiligen verwandtschaftlichen Beziehungen genauer aufzuschlüsseln und zu erläutern.

Hier also zunächst die beiden wichtigsten Familienzweige und deren Zusammenhang.

Dr. Ludwig Eleizer Klein, mit seiner Frau Friedel und der
Enkelin Shelly, nun eine verheiratete Feder, die mir die Briefe ihres Großvaters überlassen hat

Zwei Familien – eine Verbindung

Zunächst begegnen uns hier zwei Familien, die ihren Ursprung in unterschiedlichen Orten haben: die Familie Klein aus Tirschenreuth und die Familie Kirschner aus Kötzting.

Die Verbindung zwischen beiden Familien entstand durch Alice Kirschner, der Ehefrau von Julius Kirschner. Sie war eine geborene Klein aus Tirschenreuth. Ihr Vater Adolf Klein betrieb dort ein Kolonialwarengeschäft.

Viele der folgenden Informationen über Tirschenreuth und die dort lebende jüdische Bevölkerung entstammen dem Buch Juden in der oberpfälzischen Kreisstadt Tirschenreuth (1872–1942) von Ingild Janda-Busl. Mit Frau Janda-Busl konnte ich in diesem Zusammenhang auch persönlich telefonieren. Dabei gab sie mir weitere Hinweise auf Fundstellen und Kontakte, die für die vorliegende Dokumentation von großer Bedeutung waren.

Insbesondere die Hinweise auf die Ausschreitungen während der Pogromnacht 1938 und das dazugehörige Nachkriegsverfahren sind neben den persönlichen Informationen über die letzten Tage der verbliebenen Familienmitglieder unabdingbar für das Gesamtbild. Erst aus dem Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Quellen wird erkennbar, was die beiden Familien schließlich zu erdulden hatten.

Hier das Bild des Kolonialwarenhauses Adolf Klein (Inhaber Max Pick), dem Schauplatz der Ausschreitungen im November 1938.

Tirschenreuth: „Unnaplatz mit Klettnersturm. Drittes Haus von links: Kolonialwarengeschäft Höflinger („Höflinger Wabl“), daneben das Geschäft Adolf Klein, Inh. Max Pick, Eckhaus: Schreinerei Gleißner, rechts davon (verdeckt) das Kommunbrauhaus. Foto Archiv Eberhard Polland, Tirschenreuth.“

Nun folgt ein Bild des Hauses Kirschner in der Kötztinger Marktstraße. Die Aufnahme stammt vom 1. April 1933, also gerade einmal zwei Monate nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. An diesem Tag fand in Kötzting - wie in anderen orten Großdeutschlands - die organisierte Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte statt.

Diese Aktion bei uns führte dazu, dass Julius Kirschner schriftlich alle seine Funktionen beim FC Kötzting niederlegte – einem Verein, dessen Entwicklung und Existenz er zuvor durch seine Energie wesentlich mitgeprägt hatte.


DIA-Repro 2067 Aktion "Kauft nicht bei Juden" vom 1. April 1933 vor dem Hause Kirschner, es war ein Samstag, während draußen auf der Straße bereits die Kirtastände für den Sonntag aufgebaut wurden.


 



Großfamilie Klein

Als die Familie Klein im Jahre 1897 das Tirschenreuther Heimatrecht erhielt, war der Vater der Familie, Adolf Klein, bereits verstorben. Seine Witwe Sophie Klein führte das Geschäft zunächst an seiner Stelle weiter, um ihre sieben Kinder ernähren zu können. Später übergab sie das Geschäft an ihren Schwiegersohn Max Pick.

  • Valerie Klein [1], später verheiratete Stingl. Sie heiratete Hugo Stingl [2]. Das Ehepaar lebte in Haslau in Böhmen, später während des Zweiten Weltkriegs in Prag.

  • Julius Klein, der unverheiratet blieb. Er war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und starb am 14. November 1924 in Tirschenreuth im Alter von 37 Jahren, 7 Monaten und 11 Tagen.

  • Pauline Klein [3], verheiratete Pick. Ihr Mann Max Pick [4] übernahm das Geschäft in Tirschenreuth. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Siddy [6] und Betty [7].

  • Friederike (Frieda) Klein [5], die unverheiratet blieb. Sie wurde später zur wichtigen Stütze der Familie und übernahm schließlich auch die Betreuung ihrer Nichten. Nach der Flucht von Siddy [6] nach Palästina blieb Betty [7] bei Frieda [5]. Beide wurden später Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und ermordet.

  • Ludwig Klein [8], der zunächst als Prokurist in Frankfurt an der Oder tätig war. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne. Mit seiner Familie emigrierte er noch vor der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina. Sein ältester Sohn Fritz wurde später der Vater von Shelly Feder; der zweite Sohn hieß Micha.

  • Juliana Aloisia Klein [9], später Alice Kirschner. Sie heiratete am 15. Januar 1927 in Tirschenreuth den Kötztinger Kaufmann Julius Kirschner [10], geboren am 12. April 1892 in Kötzting. Als Trauzeugen sind Max Pick [4] und Karl Grüner genannt. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Susanne [11] und Alfred [12].

  • Friedrich (Fritz) Klein, der gemeinsam mit seiner Mutter Sophie lebte. Er war im Ersten Weltkrieg als Infanterist eingesetzt und fiel im Juli 1916 an der Somme.





  • Großfamilie Kirschner



    Zur Familie Kirschner gehörten unter anderem:

    • Helene Kirschner [13], die schon 1932  in die USA emigrierte.
    • Albert Kirschner [14], verheiratet mit Renate; das Ehepaar hatte zwei Töchter und einen Sohn.
    • Amalia Kirschner [15], verheiratete Freiwirth.
    • Julius Kirschner [10], verheiratet mit Alice Klein [9], mit den Kindern Susanne [11] und Alfred [12].
    • Josefine Kirschner [13], die in die USA emigrierte.
    • Ida Kirschner [16], verheiratete Seiler. Sie überlebte und Hermann Seiler wurde nach dem Krieg zu einer wichtigen Kontaktperson hier vor Ort für die überlebenden Familienmitglieder.
    • Fanny Kirschner [13], die ebenfalls in die USA emigrierte.


    Staatsarchiv München pol.Dir. Nr. 14457
    Passfoto für Susanne Theresia Kirschner
    vom November 1939, nicht einmal 12 Jahre alt


    Ein dritter Familienverband taucht in dem Briefwechsel noch auf, wenn auch in einem eher geringeren Umfang.  Es handelt sich um die Geschwister von Ludwig Kleins Ehefrau, Friedl, einer geborenen Braun:
     




    Großfamilie Braun



    Willi Braun war ein Künstler und Maler. Einige seiner Gemälde haben sich erhalten, so auch das Bild, das er von Fritz Klein - dem Vater von Shelly Feder, der Familienforscherin, der wir die vielen Briefe verdanken - in Erfurt gemalt hat, als Fritz erst 12 Jahre alt gewesen war.

    Sammlung Shelly Feder: Fritz Klein im Alter von 12 Jahren gemalt in Erfurth von Willi Braun.


    Die in einem der Briefe erwähnte Gertrude - eine weitere Schwester - (1855-1944) hatte Hugo Tischler (1879-1943) geheiratet. Das Paar hatte 2 (oder sogar 3 ) Töchter. 
    Susi Tischler konnte Deutschland vor dem Beginn des Krieges verlassen, schaffte es nach Chicago und heiratete dort Hans Marx.
    Es gibt Hinweise, dass Steffi, die zweite Tochter der Tischlers, von einem Arzt oder Zahnarzt versteckt wurde, den Hugo Tischler gekannt hatte.
    Hugo und Gertrude Tischler wurden von den Nazis ermordet, von der Existenz eines dritten Kindes der beiden, das ebenfalls umgekommen sein soll, gibt es nur Gerüchte und keine Bestätigung.
    Fritz, ein weiterer Bruder aus der Familie Braun, schaffte es zusammen mit seinem Sohn nach Israel, wanderte aber später in die USA aus, genauer nach Chicago.
    Hermann (möglicherweise verheiratet mit einer Grete) und Martin waren weitere Geschwister der Friedl Klein.

    All diese Personen begegnen uns in der Briefsammlung in unterschiedlichen Rollen: als Verfasser oder Empfänger von Briefen, als erwähnte Familienmitglieder oder auch nur am Rand der überlieferten Nachrichten. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven machen den besonderen Wert der Sammlung aus

    Dr. Ludwig Klein – der Hoffnungsanker der Familie

    Dr. Ludwig Klein [8] war ein wichtiger Bezugspunkt für seine weitverzweigten Familienangehörigen. Er lebte bereits seit Anfang der 1930er Jahre mit seiner Frau Friedel, einer geborenen Braun, und seinen zwei Söhnen in Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina.
    Für die in Deutschland zurückgebliebenen Angehörigen wurde er zunehmend zu einer wichtigen Anlaufstelle. Von ihm erhoffte man sich Hilfe bei der Suche nach Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen und in Palästina ein neues Leben beginnen zu können.

    Sammlung Shelly Feder: Dr. Ludwig Klein 


    Seine Sammlung enthält zumeist Briefe, die unmittelbar an ihn gerichtet waren. Unter den erhaltenen Dokumenten finden sich daneben auch persönliche Unterlagen anderer Familienmitglieder. Wie diese in seinen Besitz gelangten, lässt sich nicht in allen Fällen eindeutig feststellen. Es erscheint jedoch naheliegend, dass ein Teil dieser Unterlagen erst nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Hände gelangte oder von Familienmitgliedern nach Palästina mitgebracht wurde, denen die Flucht dorthin gelungen war.
    Dr. Ludwig Klein [8] wurde damit für seine weitverzweigten Familienangehörigen zu einem Hoffnungsanker. Die Briefe zeigen, wie sehr sich die Angehörigen in Deutschland an ihn und seine Möglichkeiten klammerten: Sie baten um Auskünfte, hofften auf Visa und Einreisegenehmigungen, fragten nach finanzieller Unterstützung oder suchten nach Möglichkeiten, Angehörige aus Deutschland herauszubringen.
    Diese Flucht- und Auswanderungsbewegungen setzten bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ein. Denn die neue Herrschaft beschränkte sich nicht auf die Übernahme der Reichsregierung: Innerhalb weniger Monate wurden die demokratischen Strukturen des Staates auf allen Ebenen bis hinunter zu den Kommunen beseitigt und die nationalsozialistische Herrschaft durchgesetzt.
    Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass sich in der großen Briefesammlung noch weitere – für uns relevante – Briefe befinden. Im Moment sieht es jedoch so aus, als hätte ich alle nach dem Frühjahr 1933 geschriebenen Briefe erhalten.

    Die Ausgangssituation im März 1933

    Die Ausgangssituation für die Familien Klein-Kirschner-Pick-Stingl ist im März 1933 vor allem durch wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Druck – und damit durch zunehmende Unsicherheit – geprägt.

    Die Briefe machen jedoch deutlich, dass die Angehörigen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten, wohin diese Entwicklung führen würde. Sie versuchen zunächst, mit den Veränderungen zurechtzukommen, suchen nach Möglichkeiten und halten gleichzeitig an ihren bisherigen Lebensvorstellungen fest.

    Gerade deshalb ist es wichtig, die folgenden Briefe nicht nur rückblickend aus dem Wissen um die späteren Ereignisse zu lesen. Für die Menschen, die sie damals schrieben, war die Zukunft offen. Sie hofften, planten, warteten auf Nachrichten und versuchten, für sich und ihre Angehörigen Lösungen zu finden.


    Hier nun zuerst die Situation des Familienverbundes Klein-Kirschner-Pick-Stingl

    Die verbindende Stelle für all die Familienmitglieder war das Kaufhaus Klein in Tirschenreuth, das von Max und Pauline Pick [4 und 5] betrieben wurde. Pauline Pick [4] war bereits schwer an Tuberkulose erkrankt, weshalb nicht nur ihre Schwester Frieda Klein [8] ihre große Entlastung war, sondern auch Alice Kirschner [10] regelmäßig aus Kötzting anreiste, um ihren Schwestern beizustehen.

    Mit den ersten Briefen vom Frühjahr 1933 - durchgehend erst am 1936 - beginnt eine Briefsammlung, die uns über mehrere Jahre hinweg begleitet – von den ersten Nachrichten aus einer Zeit zunehmender Unsicherheit bis zu den immer verzweifelteren Versuchen, Angehörige zu retten und Deutschland zu verlassen.


    Der Wandel der Briefe – ein Zeitpfeil durch zehn Jahre

    Schon ein erster Blick auf die erhaltene Korrespondenz zeigt eine Entwicklung, die sich fast wie ein Zeitpfeil durch die Sammlung zieht. Nicht nur die Inhalte der Briefe verändern sich – auch die Möglichkeit, überhaupt noch miteinander in Verbindung zu bleiben, wird Schritt für Schritt eingeschränkt.

    1933 – Das Leben geht weiter

    Die ersten erhaltenen Schreiben sind noch persönliche Briefe, wie sie innerhalb einer Familie selbstverständlich waren. Es wird über den Alltag, die Familie, Bekannte und gemeinsame Angelegenheiten geschrieben. Die politischen Veränderungen sind bereits spürbar, aber sie bestimmen die Briefe noch nicht vollständig.

    1936 – 1937 Zwischen Alltag und wachsender Unsicherheit

    Die Briefe sind ausführlich und berichten weiterhin über Familie, Krankheiten, das Geschäft und persönliche Angelegenheiten. Gleichzeitig nimmt die Unsicherheit zu. Immer häufiger geht es darum, was die Zukunft bringen könnte und welche Möglichkeiten der Familie noch bleiben.

    1938 – Die Hoffnung bekommt einen anderen Charakter

    Mit den Ereignissen des Jahres 1938 verändert sich die Situation grundlegend. Die Frage, ob man Deutschland verlassen kann, wird für immer mehr Familienmitglieder zu einer existenziellen Frage. Aus persönlichen Nachrichten werden zunehmend Nachrichten über Papiere, Bescheinigungen, Geld, Verwandte im Ausland und mögliche Fluchtwege.

    1939 – Ein Wettlauf gegen die Zeit

    Nun finden sich immer häufiger Anträge, Zahlen, Fristen und konkrete Auswanderungspläne. Es wird gerechnet, organisiert, nachgefragt und gewartet. Hinter jeder dieser Zahlen und jeder Frist steht jedoch ein Mensch, dessen Zukunft davon abhängt, ob ein Dokument rechtzeitig eintrifft oder eine Einreisegenehmigung erteilt wird.

    Die Briefe zeigen dabei, wie sich die Möglichkeiten Schritt für Schritt verengen. Was zunächst noch als Auswanderung geplant werden konnte, wird zunehmend zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

    1940 – Die Flucht wird zur Rettungsfrage

    Die Nachrichten werden bedrückender. Fluchtwege scheitern, Möglichkeiten schließen sich und die Familie versucht weiterhin, einzelne Angehörige in Sicherheit zu bringen.

    Der Tod von Julius auf seiner Flucht nach Palästina macht dabei auf erschütternde Weise deutlich, dass selbst der Weg, der als Rettung gedacht war, lebensgefährlich geworden ist.

    1941 – Die Verbindung bricht ab

    1941 gibt es schließlich keine normale Postverbindung mehr zwischen Deutschland und dem britischen Mandatsgebiet Palästina.

    Wer seinen Angehörigen in Palästina noch eine Nachricht zukommen lassen will, kann dies nicht mehr auf dem bisherigen Weg tun. Die Verbindung läuft nun nur noch über das Internationale Rote Kreuz.

    Damit verändert sich auch der Charakter der erhaltenen Nachrichten. Aus dem persönlichen Briefwechsel ist eine stark eingeschränkte Kommunikation geworden – vermittelt über eine Institution und abhängig von einem Weg, der selbst nicht mehr selbstverständlich funktioniert.

    Hier die für mich erschütternde Kurznachricht  von Alice Kirschner an ihre Tochter Susanne, die alleine in Tel-Aviv ihren Geburtstag feiern kann/soll.
    Die Mutter und ihr Bruder Alfred "hausen" zusammen mit der Tante Frieda Klein und der Cousine Betti Pick in einer Berliner Laubenkolonie, von wo aus dann nur noch ihre Namen auf einer Transportliste in ein Vernichtungslager erscheinen.

    Die Unterschrift "Mama" ist das letzte Lebenszeichen, das Susanne Kirschner von ihrer Mutter erhalten wird.

    1942 – Schweigen

    Für das Jahr 1942 ist aus diesem Briefwechsel nichts erhalten.

    Ob tatsächlich keine Nachrichten mehr geschrieben wurden oder ob nichts davon erhalten geblieben ist, lässt sich aus der Sammlung allein nicht beantworten.

    Aber auch dieses Schweigen gehört zur Geschichte der Familie.

    1943 – Selbst das Telegramm kommt nicht mehr an

    1943 wird noch einmal versucht, eine Nachricht von Tel Aviv nach Deutschland zu übermitteln. Ein Telegramm wird abgeschickt.

    Doch auch diese letzte Verbindung scheitert: Das Telegramm wird zurückgeschickt.

    Damit findet die über Jahre hinweg dokumentierte Kommunikation ihr erschütterndes Ende.

    Die Kommunikation selbst wird zum Spiegel der politischen Entwicklung.

    Aus langen persönlichen Briefen werden Berichte über zunehmende Bedrohung und Fluchtpläne. Aus Briefen werden Anträge, Zahlen und Fristen. Schließlich bleibt nur noch eine über das Internationale Rote Kreuz vermittelte Möglichkeit der Kommunikation – und am Ende erreicht selbst ein Telegramm aus Tel Aviv seinen Empfänger nicht mehr.

    So lässt sich anhand dieser Sammlung nicht nur verfolgen, was mit den Menschen geschah, sondern auch, wie ihnen Schritt für Schritt die Möglichkeit genommen wurde, miteinander in Verbindung zu bleiben.

    Aus der Rückschau auf diese unmenschliche Tragödie, die unsere Mitbürger zu erdulden hatten entstand auch der Titel dieser Dokumentation, die belegt was passiert, wenn das „Recht versagt, oder [von den Machthabern] versagt wird.

    Wehret den Anfängen!


    Wenn die Briefe selber freigeschaltet worden sind, geht´s hier dann weiter zum ersten Zeitabschnitt, die Jahre (1933) 1936 und 1937. 


     

    ⭐ Chroniken  Dieser Beitrag ist zum Beispiel in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken und der Jahreszahl 1933-1943 zu finden.



    Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.

    Viel Freude beim Entdecken!

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    Mittwoch, 30. September 2026

    Kötzting auf dem Weg zum Kneippkurort

    KU vom 11.8.1976 der "Gasthof zur Post" als das zentrale Vorhaben für die Entwicklung Kötztings zum Kneippkurort
    Mit diesem Foto und der Vorstellung der weiteren Planungen von Kötztinger Seite titelte die Kötztinger Umschau aber auch mit einer ganz anderen Schlagzeile und mahnte zur Eile. 




    Das war die Überschrift der Kötztinger Umschau im August 1976. Im abschließenden Bericht wurde noch einmal der steinige Weg aufgezeigt, den Kötzting auf dem Weg zum Kneippkurort bereits gegangen war – und der Stadt noch bevorstand. Frau Renate Serwuschok, Chefredakteurin der Umschau und zugleich im Vorstand des Kötztinger Kneippvereins, versuchte dabei, den Verantwortlichen Beine zu machen:


    "Kötzting (na). Drei Jahre sind vergangen, seit die Idee geboren wurde, den staatlich anerkannten Erholungsort Kötzting in seiner Bedeutung für den Tourismus aufzuwerten und die kurze Fremdenverkehrssaison spürbar zu verlängern. Stadtrat Michael Serwuschok hatte seinerzeit den Vorschlag unterbreitet und darum gebeten, alle Möglichkeiten zu prüfen mit dem Ziel, die Lücke zwischen Prien am Chiemsee und Bad Berneck im Fichtelgebirge mit dem „Kneippkurort Kötzting“ eines Tages zu schließen. Der Kneippverein wurde gegründet, Kontakt mit führenden Kneippplanern in den verschiedenen Grenzorten aufgenommen. Informationsfahrten durchgeführt. Das Stadtparlament gab grünes Licht für eine Reihe von Maßnahmen, die zur Erteilung der Auflagen notwendig sind. Mitten in diese Anstrengungen platzt nun die Meldung, dass jetzt auch Viechtach das Prädikat „Kneippkurort“ anstrebt und darum bemüht ist, in enger Zusammenarbeit mit dem dortigen Kneippverein alle notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

    Viele Einzelschritte, die Kötzting bereits erreicht hat listet Frau Serwuschok nun auf:

    - Im „Untergrund“ des modernen Hallenbades floriert bereits eine Kneippstation.
    - Die Messungen für die Klimaanalyse sind nach zwei Jahren abgeschlossen. Das Ergebnis kann jeden Tag eintreffen.
    - Die erste öffentliche Wassertretstelle wurde am Dampfbach gebaut, eine zweite für den Trimm-pfad bei Gradis vorgesehen.
    - Schwierigkeiten zeichnen sich aber dort ab, wo die private Hand gefordert ist. So wird zur Anerkennung der Nachweis von mindestens drei Häusern mit zusammen 100 Betten vorgeschrieben, für die eine hauseigene Kneippanlage zur Verfügung stehen muss.
    Das scheint in Kötzting die Klippe, an der möglicherweise alle Hoffnungen zerschellen können.

    Dann aber ging alles doch ganz schnell: Herr Kühn (kue) berichtete ganzseitig über die Kötztinger Sensation, der Schaffung eines Zweckverbandes aus dem Bezirk der Oberpfalz, dem Landkreis Cham und der Stadt Kötzting.



     


    Im Rahmen der oben angesprochenen Klimaanalyse wurde auch eine erste Karte erstellt, um die räumlichen Eckpunkte für den künftigen Kneippkurort Kötzting herauszuarbeiten.
    Der heutige Großparkplatz war zu diesem Zeitpunkt – 1976 – noch lange nicht auf dem planerischen Reißbrett. Das zeigt sich schon daran, dass im Plan von 1976 die frühere Landwirtschaftsschule noch als „Kurmittelhaus“ ausgewiesen ist.

    KU vom 21.10.1976

    Und bereits Anfang November desselben Jahres machte der Bezirk Druck, um das Projekt voranzutreiben. Am Mittwoch, dem 10. November, lud die Stadt deshalb zu einer Informationsveranstaltung ins Hotel „Zur Post“ ein. Dabei ging es zum einen darum, die in Kötzting kursierenden Falschinformationen zu berichtigen, zum anderen aber auch darum, für das Projekt zu werben und private Geldgeber zum Einstieg zu bewegen. Sie sollten mit ihrem finanziellen Beitrag dabei helfen, den Anteil aufzubringen, den die Kötztinger selbst zu leisten hatten.


    "Der Weg in die Öffentlichkeit

    Kötzting (na). In einer öffentlichen Versammlung am heutigen Mittwoch um 20 Uhr im Hotel „Zur Post“ werden die Initiatoren des Projektes „Kurhotel“ über das Vorhaben und die finanzielle Beteiligung informieren. Den Bau und Betrieb dieses Hauses soll eine Kommanditgesellschaft (GmbH u. Co KG) tragen. Die privaten Anteilzeichner sollen bevorzugt aus dem regionalen Einzugsgebiet gewählt werden. Das Konzept ist wirtschaftlich und rechtlich mit der Regierung abgesprochen. Die Anteilzeichner werden nicht nur Teilhaber am Wirtschaftsunternehmen, ihre Rechte werden zusätzlich noch grundbuchmäßig gesichert. In der heutigen Versammlung erhalten die Interessenten auf alle Fragen erschöpfende Auskunft."

    Keine 10 Tage vergingen und die Zeitung konnte berichten:



    Kötzting (kue). „Es wird“, so Bezirksrat Gerald Berger, „es wird was. Das sind nicht mehr Sprüche.“ Bürgermeister Karl Seldl freute sich mit: „Wir sind heute ein ganzes Stück weitergekommen.“ Und Architekt Carl Schnabel verkündete: „Im nächsten Jahr wird gebaut.“ Die drei waren frohen Mutes von einer Besprechung bei der Regierung der Oberpfalz in Regensburg heimgekehrt. Sie hatten allen Grund dazu: Die Zweifel an dem Umbau des Hotels „Zur Post“ in ein „Kurhotel“ sind ausgeräumt, die öffentliche Hand wird mit herhalten und die medizinischen Einrichtungen finanzieren. Da diese Anlage nicht mehr Bestandteil des geplanten „Kurhotels“ ist und daher von der Gesamtbevölkerung sowohl allen Gästen beansprucht werden kann, rückt die Baumaßnahme „Kurmittelhaus“ an die zweite Stelle. Die ehemalige Landwirtschaftsschule wird erst dann für Kneippsche Zwecke hergenommen, wenn der Betrieb im ersten Projekt den Erwartungen entsprechend angelaufen ist.

    Und so ging es Schritt für Schritt weiter mit Abbruch - Richtfest - Einweihung 

    Bestandsplan AB Carl Schnabel 1976


    Der Abriss: 
    Foto Siegi Wild
    Foto Siegi Wild

    Foto Siegi Wild



    Die ersten Neubauten mit der Richtfestfeier:


    Richtfest 

    Richtfest

    Und am Schluss noch ein Foto des neuen Innenhofes, rechtzeitig zur 900 Jahr-Feier fertiggestellt.


    Foto Siegi Wild

    1995 war es dann soweit:
    KÖZ vom 15.12.1995 


    Auf einem Bild, das Jahre später anlässlich der Einweihung eines ersten Teils im Kurpark ging, haben wir auch Albert Gilch, als Pfarrer Kneipp im Hintergrund, neben Frau Renate Serwuschok und Dr. Stefan Dittrich ein weiterer Motor hinter der Kötztinger Kneippbewegung.

    Eröffnung Kurpark am 29. Mai 1992

    Minister August Lang - Albert Gilch - Bezirkstagspräsident Bradl



    🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
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    ⭐ Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei auf dem Haus des Gastes zu finden, dem sichtbaren Zeichen des Aufbruchs.


    Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

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    Montag, 28. September 2026

    Historische Einkehr - Rund herum um den Dampfbach

     

    Historische Einkehr am 17. Oktober

    Am 17. Oktober geht’s weiter mit unserer Historischen Einkehr.

    Wir treffen uns um 17.00 Uhr vor der Kötztinger Jahnhalle zur Einstimmung und gehen anschließend gemeinsam zum „Truck Stop“. Dort erwartet uns ein gemütlicher Abend mit einem Drei-Gänge-Menü sowie vielen Bildern, Geschichten und Erinnerungen rund um unseren Dampfbach.

    Unsere historische Reise beginnt bei der Hauser Mühle und führt uns bis zum Baumweiher der Kötztinger Marktmühle. Dazwischen liegen viele Geschichten, Erinnerungen und Geschichte – von den früheren Fluren und Anlagen entlang des Baches bis zu den Orten, die heute ganz anders aussehen.

    Ein Abend für alle, die Kötzting ein Stück besser kennenlernen – und sich vielleicht auch an das eine oder andere selbst noch erinnern können.

    Beginnend mit einer etwas „schrägen“ Überlieferung des Hauser Gemeindevorstehers Brunner Michael aus dem Jahr 1839, wie denn der Name Dampfbach entstanden sei, geht die Reise über die Hauser Mühle und verschiedene Flurnamen in diesem Bereich bis zum heutigen Dampfbachsee und zur Siedlung in der Schattenau.

    DIA-Repro 0896 der "Costa-Bader" in der Schattenau


    Auf der linken Seite lassen sich Kötztings Schrebergartenkolonie, Bierkeller, Sandgruben und schließlich unser Schulberg nachweisen. Rechts finden wir den früheren Rabl-Stadel – und ansonsten einfach nur eine nasse Wiese.

    Das neue Kötzting ensteht

    Foto Josef Bock: der Rabl-Stadel im Hintergrund


    Weiter geht es zur Jahnhalle auf dem Bleichanger mit ihrer interessanten Geschichte. Doch der Bleichanger allein könnte mit seiner Geschichte schon einen ganzen Abend füllen.

     

    DIA-Repro 439 Kranzlübergabe auf dem Bleichanger als ein Höhepunkt im Jahresreigen in Kötzting

    "Camp" von Angehörigen der 11. PD auf dem Jahnplatz zum als Deutschland auf dem Boden lag.


    Dann geht es auch schon in Richtung Jahnstraße und Ambergerinsel, verbunden mit zahlreichen Veranstaltungen und Aufmärschen.

    SABOR V, der Star der Kötztinger Messe auf der Ambergerinsel Pfingsten 1962


    An der früheren Mündung des Dampfbaches in den Weißen Regen befand sich der Baumweiher der Marktmühle – ein Materialreservoir und zugleich ein Abenteuerspielplatz für die Kötztinger Kinder.

     

    Als der Dampfbach und der Weiße Regen eins geworden sind: Hochwasser im Jahre 1954

    Den Abschluss bildet das „traurige“ Schicksal des Dampfbaches bei der Hochwasserfreilegung. Zusammen mit dem Ausbau des Schulsportplatzes wurde der Bach in eine Röhre gezwungen, sodass er seine letzten Meter heute unterirdisch fließen muss.


    Serwuschok332 die letzten traurigen Reste des Dampfbaches - ein Opfer der Hochwasserfreilegung

    Also, das ist die "Marschroute" für den 17. Oktober im Truck Stop, vielleicht sehen wir uns dort bei einem vergnüglichen Abend.


    🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
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    ⭐ Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei beim "Truck Stop" zu finden.

     

    Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

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    Freitag, 25. September 2026

    Der Schuldienst in Steinbühl und Grafenwiesen

    Die Schule in Steinbühl

    Beim Lesestammtisch im September 2026 beschäftigten wir uns mit einem Akt, der mit einem Schriftwechsel bzw. einer Petition des Steinbühler Lehrers um eine Gehaltsaufbesserung beginnt.
    Zusammen mit den Schreiben aus den beiden anderen Teilen erhalten wir einen bemerkenswerten Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse eines ländlichen Lehrers im frühen und mittleren 19. Jahrhundert.   
    Um seine prekäre wirtschaftliche Situation, die er in Steinbühl zu ertragen hatte,  zu verdeutlichen, führte der Steinbühler Lehrer sogar die Dienst- und Einkommensverhältnisse seines Grafenwiesener Kollegen an. Auch dieser war keineswegs auf Rosen gebettet, konnte aber immerhin auf mehrere unterschiedliche Einkommensquellen zurückgreifen – eine Möglichkeit, die dem Steinbühler Lehrer offenbar nicht in gleicher Weise offenstand.

    Der im Staatsarchiv Landshut überlieferte Akt aus dem Bestand des Bezirksamtes bzw. Landkreises Kötzting (Rep. 164/8 Nr. 141) mit dem Betreff „Schulsachen“ umfasst einen bemerkenswert langen Zeitraum: Er reicht von der ersten Eingabe des Steinbühler Lehrers Alois Hofbauer aus dem Jahr 1815 bis zu detaillierten Einwohner-Namenslisten aus dem Jahr 1868. Diese Listen erfassen neben Steinbühl auch die zum Schulsprengel gehörenden Nachbargemeinden.
    Ein zusätzliches Detail mach diesen Akt so besonders. Der Akt enthält einen Plan der damaligen Steinbühler Schule gegenüber der Kirche. Allein die genauere Betrachtung des Planes zeigt bereits, wie grundlegend sich die damaligen Schulverhältnisse von den heutigen unterschieden.
    Der Plan stammt aus dem Jahre 1828 und gehört bereits zum zweiten teil des Aktes, weshalb hier nur auf die Grundstruktur des Planes kurz eingegangen werden soll.



    Vor der Steinbühler Kirche befand sich damals noch, mitten auf dem Dorfplatz ein Backofen und gegenüber befand sich das Schulhaus.


    Die innere Struktur des Schulhauses:
    v.l. Brunnen - Stadel - Nebenzimmer und Stall - Hausflur - Wohnzimmer und Schulzimmer

    Selbst gut 100 Jahre später war es in der Steinbühler Schule noch so richtig eng im Klassenzimmer. Wie eng es in der ersten Schule Steinbühles war, mag man sich gar nicht vorzustellen.



    So sah es vermutlich in vielen "ZWERGSCHULEN" aus.
    Foto Josef Bock, Steinbühler Schule 1951. Originalfoto bearbeitet.


    Doch nun zunächst zur Petition des Lehrers Alois Hofbauer, mit der der nachfolgende Schriftverkehr seinen Anfang nimmt.
    Alois Hofbauer wendet sich an das königliche Landgericht Kötzting und führt an, dass er bereits seit 23 Jahren diesen „Schullehrer = und Meßners=Dienst bei der Filial Steinbichl ... bedienen“ würde.
    Weiter führt er aus, dass die Einkünfte aus diesem Dienstverhältnis so gering seien, dass er mit seiner Familie – er schreibt, er sei mit acht Kindern „belastet“ – selbst bei größter Einschränkung Mangel leiden müsse.
    Hofbauer beruft sich dabei auf eine landesherrliche Verordnung, nach der der Lebensunterhalt eines Lehrers eigentlich ausreichend gesichert sein sollte. Darüber hinaus verweist er auf die „Gemeindeweidenschaftsgründe“: Bei deren Aufteilung müsse, so seine Argumentation, stets ein gleich großer Anteil auch der Schule zugewiesen werden.
    Und dann teilt er gegen die Bauern der Gegend aus:
    "Leider dass der unzeitige Eigendünkel und Eigensinn der meisten Landbewohner von der allgemeinen anerkannten Wohltat der Landeskultur keinen Antheil nimmt und absichtlich die Theilung der Gemeindeweyden unterlässt um nur auch der Schule den gebührenden Theil vorenthalten zu können.
    Beweise von dieser Denkungsart geben die Dorffsgemeinden Höfing, Bonried, Kislau und die Einöde Buchberg"

    Auf der Rückseite der Eingabe findet sich der Vermerk, dass für den 3. August von Seiten des Landgerichts eine Kommission zur „gütlichen Behandlung“ der Angelegenheit einberufen wurde. Gleichzeitig wird festgestellt, dass eine Einöde wie das angesprochene Buchberg keine Gemeindegüter besitze, die aufgeteilt werden könnten bzw. sollten.

    Unterthänigst gehorsamster
    Aloys Hofbauer Schullehrer
    und Meßner in Steinbühl
    Um sich ein besseres Bild von der Situation machen zu können, wurden hier zum Vergleich die Zahlen und daten der Schule in Grafenwiesen herangezogen:
    Der dortige Lehrer Johann Hofbauer listet seine Einkünfte auf, die auch vom lokalen Schulinspektor, dem Kötztinger Kooperator Wolfgang Neumayr überprüft und bestätigt wurden.


    Fassion
    Ueber die Diensterträgniß des Johann Hofbauer Schullehrern zu Grafenwiesen im Jahre 1814/15 als

    a: Ich beziehe weder von dem allgemeinen Schulfond oder aus einer königlichen Kassa eine Besoldung
    b: Ich erhalte auch von keinem Lokal=Schulfonds etwas, weil keiner vorhanden ist.
    c: Und auch von keiner Gemeinde oder Stiftung beziehe ich etwas
    d: Ich erhalte auch von keiner Sammlung etwas, weder von Naturalien oder in Geld
    e: Ich besitze auch keine Gründe welche zur Schule gehören
    f: Ich erhalte von der Schulgemeinde Grafenwiesen 4 Klaffter Holz aber nicht in Natura sondern vor       die Klaffter 4 fl zusammen 16 Gulden
    g: Das Schulgeld der Kinder beträgt 20 Gulden
    h: Als einsweiliger Unteraufschläger beym Bräuhaus Grafenwiesen 17 Gulden
    i: Und als Lotto Collecteur zu Kötzting und Grafenwiesen im Durchschnitt jährlich 50 Gulden"

    Unter einem Unteraufschläger ist hier eine Art von Abgabenaufseher zu verstehen.

    Was anschließend folgt ist eine interessante Aufstellung aller Bewohner der Schulkinder Grafenwiesens mit der Angabe über den "Stand" der Eltern, der Frage , ob sie das Schulgeld bezahlen können und eine kurze Bemerkung über die finanziellen Verhältnisse.
    Unter Stand war hier die damalige Unterscheidung zu verstehen, ob die Eltern Grundbesitz hatten. Dann waren sie in Grafenwiesen eben sogenannte Häusler oder Söldner. War dies nicht der Fall, so wurden sie als sogenannte Inwohner aufgeführt.
    Hier der Beginn der Liste, die 74 Schulkinder umfasst einschließlich der Kinder aus Fessmannsdorf und Schönbuchen.
    Die wenigsten Eltern waren in der Lage, das Schulgeld aufzubringen und daher erhielt die überwiegende Anzahl der Eltern in der letzten Rubrik den Zusatz "arm"

    Der Kötztinger Pfarrer Krepper fügte handschriftlich am Fuße der Auflistung hinzu:



      "Daß die Armueth reiflich erwogen worden sey, und die als arm voranstehenden Kinder wirklich arm und deren Eltern unfähig seynd das Schulgeld zu bezahlten bezeugt
    das königliche Pfarramt Kötzting den 22. April 1815 Krepper Pfarrer mp
    (manu propria = eigenhändig)
    .

    Nun macht der Akt einen Sprung ins Jahr 1828. Diesmal geht es um die Aufteilung von Gemeindegründen. Der Steinbühler Schullehrer heißt inzwischen Kopp; zugleich erfahren wir ganz beiläufig auch den Namen seines Vorgängers: Es war ein Lehrer namens Kampfl.

    Zu diesem Teil des Schulaktes gehört auch der bereits oben gezeigte Bauplan. Im Zusammenhang mit dem Schriftverkehr um die Besoldung des Lehrers Kopp wird nun ersichtlich, dass die Eingabe Hofbauers offenbar Erfolg gehabt hatte. Rund um das Schulhaus und die Kirche sind auf dem Plan Grundstücksflächen grün eingezeichnet, die dem Steinbühler Lehrer bzw. der Schule zugeordnet worden waren.
    Damit wird aus der mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Forderung Hofbauers nach einer besseren wirtschaftlichen Ausstattung des Lehrers ein auf dem Plan konkret nachvollziehbares Ergebnis.


     

    Der auf dem Plan zunächst etwas zusammenhanglos links unten eingezeichnete „Bergantheil“ gehörte zur Gemeinde Gutendorf, die zum Schulsprengel Steinbühl gehörte. Das Grundstück lag etwa eine Dreiviertelstunde von Steinbühl entfernt und war nach Einschätzung der damaligen Verwaltung „zur Kultur ungeeignet“. Über seinen Zustand erfahren wir aus dem Akt bemerkenswerte Einzelheiten. Nach den noch „vorhandenen Spuren“ war der Berganteil nur spärlich mit Birkenholz bewachsen. Dieses war „theils von seinen früheren Vorgängern abgetrieben, theils bis auf die kleinsten Stämme weggestohlen“ worden, da in der wenig bemittelten Bevölkerung dieser Gegend stets Holzmangel geherrscht habe. Inzwischen sei der Schulanteil „eine nackte Fläche, weil das häufige Behüten desselben keine Pflanze mehr empor kommen lässt.“

    Lehrer Kopp hatte offenbar vorgeschlagen, diesen wenig ertragreichen und zudem weit entfernten Grundstücksanteil gegen näher bei der Schule gelegene Flächen zu tauschen. Seine entsprechende Eingabe wird im Akt allerdings nur inhaltlich wiedergegeben. Die Mitglieder der Gemeindeverwaltung Traidersdorf stimmten diesem – allerdings nicht ganz einfachen – Verfahren zu.

    Der weit entfernte Berganteil durfte daraufhin abgegeben werden. Kopp erhielt dafür die Nutzung entsprechender Grundstücksflächen, die unmittelbar an die bereits von ihm bewirtschafteten Flächen angrenzten. Eigentümer dieser Grundstücke war der Bauer Freymuth, der jedoch nicht bereit war, sie zu verkaufen. Kopp erhielt deshalb lediglich das Nutzungsrecht.

    Gleichzeitig erfahren wir aus dem Akt, was mit dem sogenannten Freymuthschen „Krummacker“ geschehen sollte: Entsprechend den damaligen Vorgaben sollte auch diese Fläche in einen Obstgarten umgewandelt werden.
    Diese gute Lösung scheitert aber zunächst an der Nachbargemeinde. Die Traidersdorfer schrieben in ihrem Protokoll:

    "Nun wollen die Gemeindeverwaltungsmitglieder der Gemeinde Niederndorf aus Privatinteresse oder anderen unbekannten Gründen und um der guten Sache noch mehr aber dem Wirken der Gemeinde Traidersdorf eigensinnig und schadenfroh, wie von jeher, Hindernisse in den Weg zu legen, ihre Einstimmung hierzu nicht geben"
    Abschließend bat die Gemeinde Traidersdorf das Landgericht Kötzting, in "Bälde" dem Grundstückstausch zuzustimmen.
    Die Gemeinde Niederndorf, von Seiten des Landgerichts um Aufklärung für seine Ablehnung aufgefordert, erklärt nun den Sachverhalt.

    Da nur Matzelsdorf, Gutendorf und Niederndorf zum Schulsprengel Steinbühl gehörten, wurden auch die Bewohner dieser Orte zur Versammlung geladen. Dort herrschte Einigkeit darüber, dass das Grundstück wegen seiner Lage, seiner geringen Bodengüte und vor allem wegen seiner ungünstigen Entfernung von der Schule für den Lehrer wenig geeignet sei. Gegen den vorgesehenen Tausch wurden daher keine Einwendungen erhoben.

    Lediglich die beiden Gutendorfer Bauern Wolfgang und Franz Graßl sprachen sich gegen den Tausch aus, da sie sich dadurch benachteiligt sahen. Der Grund dafür lag in der ursprünglichen Aufteilung dieses Gemeindegrundes: Während die übrigen Bauern jeweils einen ganzen Anteil erhalten hatten, besaßen Wolfgang und Franz Graßl jeweils nur einen halben Anteil.  
    Beide wollten nun diesen "freigewordenen" Berganteil für sich erhalten und waren auch bereits, einen Aufpreis für diesen Erwerb zu bezahlen.
    Nach der Unterschrift unter dieser Erklärung der Niederdorfer Versammlung wollten die Befürworter der ganzen Angelegenheit aber die Sache nicht ruhen lassen und ließen zusätzlich notieren - und bestätigten dieses danach auch mit ihrer Unterschrift:
    "Daß alle übrigen Gemeindeglieder ohne Rücksicht auf die Privatvortheile der irrigen Ansichten und unstichhaltigen Einwendungen der beiden Graßl, welche nicht mehr als einen Bergantheil erhalten konnten, weil ihre beiden Güter bei der Vertheilung des Berges noch in einem vereiniget waren, dem Tausche ihre ungezwuingene EInwilligung ertheilen, bestättigen durch eigenhändige Unterschriften...."

    Als nächsten Schritt lud nun das LG Kötzting die beiden Bauern Graßl im April 1829 zu sich ins Amt.
    Auch wenn die beiden "Graßl" ihre Einwände beim Landgericht vortrugen, und in ihrer Sache vermutlich scheiterten, so verweigerte das LG Kötzting dennoch seine Zustimmung, weil der Abgabe einer mit 15 Tagwerk doch respektablen Fläche gegen die freiwillige Nutzungsüberlassung einer geeigneteren Fläche dennoch einen Nachteil für den Besitz der Schule darstellte, der von der Schulaufsicht so nicht genehmigt werden kann. 
    Diese Entscheidung will Traidersdorf nicht hinnehmen und führt nochmal ins Feld, dass der "Bergtheil ein Oedgrund ist mit Steinen und Felsen übersäht." Sachkundige Landwirte würden ein Tagwerk höchstens auf 3 bis 4 Gulden schätzen.  Noch dazu liege dieser Grund am "Kaidersberg auf einer steilen Anhöhe", was es einem Steinbühler Lehrer - ohne Zugvieh - unmöglich mache, auch nur die "Kultur dieses Platzes zu versuchen"


    Und nun kommt es erneut zu einem Sprung im Akt. Dieses Mal ins Jahr 1854 und der damalige Landrichter in Kötzting war unser bekannter Carl von Paur.
    Der Schullehrer von Steinbühl heißt nun Gradl und das Thema ist erneut eine Abteilung eines Gemeidegrundes im Niederndorfer Ortsteil Matzelsdorf, hier ein Ödberg genannt.
    Der früher geplante Tausch war ja nicht zustande gekommen und nun versucht sich die Schule Traidersdorf von dem - für die Schule - unnützen Grundstück zu trennen, es zu verkaufen und mit dem Erlös ein Grundstück in Steinbühl zu erwerben, das es dem jeweiligen Lehrer leichter ermöglichen würde, daraus Nutzen zu ziehen. 

    Den Akt schließt dann eine umfangreiche Liste der "steuerbaren" Besitzer der Gemeinde Traidersdorf ab. Inwohner, die in der Regel eine noch größere Anzahl ausmachen,  sind in dieser Liste nicht aufgeführt.
    Anders als in der obigen Grafenwiesener Liste, sind hier auch zahlreiche Ganz- und Halbbauernhöfe aufgeführt. Das Zellertal war also eine viel üppigere Bauerngegend, als das Areal rund um Grafenwiesen, mit nur Häuslern und höchstens Söldnern.


    Zum Schulsprengel Steinbühl  gehörten damals: Wölkersdorf - Bärndorf - Himmelreich - Traidersdorf - Höfing - Bonried - Kieslau - Buchberg - Matzelsdorf - Gutendorf - Streit - Auhof - Wurz und Weidenhof 

    Dieses Mal stimmte auch die Versammlung, zu der Gemeinde Niederndorf ins dortige Wirtshaus  geladen hatte einstimmig zu und so sollte dann dem dem Verkauf des Matzelsdorfer Waldanteils und einem anschließenden Ankauf eines Grundstücks in Steinbühl eigentlich nichts mehr im Wege stehen.
    Eigentlich, denn die Widersacher des Projekts aus Traidersdorf und Niederndorf waren gar nicht zur Versammlung erschienen und hatten dann im Nachgang auch ihre Unterschrift für bzw. unter das Versammlungsprotokoll verweigert. 


    Auf der linken Seite des Versammlungsprotokolls war extra Platz für die "Unterschriften der Nichtzustimmenden Gemeindeglieder" vorgesehen, aber die Gegner waren lieber zuhause geblieben, mehr noch, sie schrieben ihre abweichende Meinung in einem separaten Brief an das Landgericht und so verging wieder ein Jahr, bis endlich am 16.9.1858 der ganze Vorgang abgeschlossen werden konnte.
    Der Matzelsdorfer Waldanteil der Steinbühler Schule ging um 400 fl an 4 Matzelsdorfer Bauern und die Schule konnte für um 136 Gulden das "sogenannte Meßnerackerl des Bauern Georg Maimer von Höfing, welches zunächst an der Düngerstätte und den Stadel gegen Süden am Schul- und Meßnerhause zu Steinbühl liegt und einen Flächeninhalt von 0 Tgw 34 Dez hält" erwerben. 


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