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Dienstag, 21. Juli 2026

Der Blaibacher Kirchenbau des Jahres 1771

Im Staatsarchiv Landshut hat sich ein umfangreicher Schriftverkehr erhalten, der den Kirchenbau in Blaibach zum Thema hat. Ausgerechnet in einer Zeit war dieser Neubau notwendig geworden, in der das Leben für unsere Vorfahren infolge schwerer Missernten und der daraus entstandenen Not in Bayern unglaublich hart geworden war.  (StA Landshut Kirchendeputation Straubing A 395)

Bild entnommen aus dem Beitrag Chronik der Pfarrei Blaibach Teil 1 von Pfarrer Ferdinand Köstler




Einschub
Wie unglaublich schwer diese Zeit damals für die Menschen in Bayern gewesen war, habe ich bereits vor Jahren im Zusammenhang mit einem anderen Kirchenneubau beschrieben. Die Parallelen dazu sind mir selbst eigentlich erst „live“ beim Lesen der Blaibacher Archivalien während unseres Lesestammtisches aufgefallen. Wer sich tiefer in diese Problematik einlesen möchte: Hier der Link zu meinem Beitrag über den Bau der Wallfahrtskirche Mariaort im damaligen Landgericht Kelheim, heute Landkreis Regensburg.
 Hier der link zum Beitrag: Bau der Wallfahrtkirche in Mariaort 1770-1775

Einschub Ende

Es standen sich dabei der Blaibacher Pfarrer Franz Ignatz Rabel (Pfarrer in Blaibach von 1769 bis 1788)  auf der einen und der Verwalter der Hofmark Blaibach, der Kötztinger Bürger Martin Dennerl, auf der anderen Seite gegenüber. Beide versuchten nun, die jeweils zuständigen Behörden auf ihre Seite zu ziehen und deren Unterstützung für ihre Position zu gewinnen.

Bild entnommen aus dem Beitrag Chronik der Pfarrei Blaibach Teil 1 von Pfarrer Ferdinand Köstler

Der Blaibacher Pfarrer Ferdinand Köstler – Pfarrer in Blaibach von 1951 bis 1983 – hat in einer umfangreichen Arbeit die Geschichte der Pfarrei Blaibach veröffentlicht. Diese steht auch auf der Homepage der Pfarrkirche St. Elisabeth zum Download zur Verfügung. Allerdings fehlt bei ihm ausgerechnet jener Zeitraum vollständig, um den es in meinem Beitrag geht.
Auch in der Zeittafel zur Geschichte der Pfarrei Blaibach heißt es auf der Homepage nur knapp:

1779

Franciscus Jos. Ignatius Rabel, 1769–1788 Pfarrer in Blaibach, scheint die Kirche gebaut oder zumindest umgebaut zu haben.

Dieses „scheint“ zeigt bereits, wie wenig über die damaligen Vorgänge bislang bekannt war. Mit dem umfangreichen Schriftverkehr, der sich im Staatsarchiv Landshut erhalten hat, können wir nun etwas Licht ins Dunkel bringen. Der Akt stammt aus dem Bestand der Straubinger Kirchenadministration. Diese Behörde prüfte die Kirchenrechnungen und hatte von staatlicher Seite auch die Ausgaben bei Baumaßnahmen im Blick. Natürlich war bei kirchlichen Bauvorhaben auch Regensburg mit eingebunden; die entscheidende Genehmigungshürde für solche Bauausgaben lag jedoch bei der Regierung.

Pfarrer Ignatz Rabel - hier mit seiner persönlichen Hand- und Unterschrift; das verschnörkelte "mp" am rechten unteren Rand bedeutet "manu propria = eigenhändig" - schrieb sich seinen Frust über die Hofmarksverwaltung vom Leibe und dadurch kennen wir den Zustand der Pfarrkirche aus dem Winter 1770/71 


Am 28. Dezember 1770 schrieb er, er fühle sich verpflichtet zu berichten, dass "alhiesige Pfarrgotteshaus Blaybach dem täglichen Einsturz exponiert seye; allermaßen sich das Hauptegg rechter Hand bey dessen Eingang eine völlige Öffnung hat, dergestalten, dass iedermann ohne Ville Ermiehung in dieses ohnehin mit Pfällen schon unterstützte Gotteshaus bei versperrten Thüren kommen mag, und der ganze Kirchengüpel (=Giebel) nahe um einen ganzen Werchschuech überblicht, hiermit selber in dem Gottesacker hinaus fallen miesse. Das Kirchengewölb selbsten auch wegen einer weichenten gemäuer sich völlig abgliebte (=abklüften) .,,,,
Seit Jahren schon wäre Kalk beigeschafft worden, und auch das nötige Bauholz läge bereits vor Ort. Nun bestünde die Gefahr, dass dieses „zu verfaulen beginne“, wenn nicht endlich mit dem Bau angefangen würde.

Rabel bat nun „Seine Churfürstliche Durchlaucht“, Einfluss auf die Herrschaft Runding zu nehmen. Diese sollte endlich die Kirchenrechnungen „ehebaldigst herstellen“ und vor allem die ausstehenden Zinsen aus den ausgegebenen Kapitalien eintreiben.
Hier schließt sich zum ersten Male der Kreis zu der eingangs geschilderten schwierigen wirtschaftlichen Lage in Bayern. In diesen Notzeiten war es offensichtlich alles andere als einfach, die fälligen Zinsen von den Schuldnern einzutreiben. Schlimmer noch, manche Auflagen von "oben" untersagten dieses sogar ausdrücklich. Gerade diese Einnahmen aber wurden nun dringend benötigt, um den notwendigen Kirchenbau überhaupt finanzieren zu können.

Die Straubinger Kirchenadministration schrieb nun ihrerseits  - am 16.1.1771 - einen geharnischten Brief an das Herrschaftsgericht Runding. Darin griff sie sämtliche Forderungen des Blaibacher Pfarrers auf und forderte die Rundinger – bei Androhung einer Strafe von sechs Reichstalern – auf, binnen 14 Tagen Bericht zu erstatten.

Es hat den Anschein, als habe auch Pfarrer Rabel eine Abschrift des Befehlsschreibens an die Rundinger erhalten – oder zumindest kannte er dessen Inhalt und die darin gesetzten Fristen. Denn mit Datum vom 6. Februar legte er noch einmal nach und schilderte eindringlich die derzeitigen Probleme mit dem Gottesdienst in Blaibach angesichts der ruinösen Pfarrkirche. Bereits in seiner Einleitung machte er seinem Unmut Luft und schrieb, dass „wir schon seit 5 Jahren von bemelten Rundigischen Herrschaftsgericht anstadt einer Kirchenerbauung bei einer eitlen Vertröstung das Verbleiben“ hätten...
"Die Pfarrkinder aber in die gröste Betranknuss schon seint gesezt, da wir nit mehr in der Kirch wegen Höchst zu beförchtenden Sturtz, sondern schon mehrere Wochen die pfarrliche Gottesdienst in der Seelen Kappellen, die nit den halben Vierteltheil der Pfarkinder fasset, verrichten miessen, wo auf dem friedhof theils wegen der Kälte, theils wegen zu Zeiten anstossenten regenwetter der größte Theill von den Gottesdiensten abgehalten wird:"
Er fordere die "bäldigste Abtragung und gänzliche Einreissung des schon gleicham in den zügen liegenten und schir wankhendten Gotteshauses zu thun"

Würde das Gotteshaus noch länger in diesem Zustand stehen bleiben, so seien weitere Schäden unausweichlich:

  • Das unmittelbar daneben stehende Mesnerhaus und dessen Stadel seien gefährdet.
  • Die Dachziegel, die man beim Neubau noch verwenden könne, würden herabfallen und zerbrechen.
  • Auch der noch brauchbare Kirchturm würde durch die eindringende Feuchtigkeit Schaden nehmen.
  • Und gerade jetzt, in der Winterszeit, würden noch alle Pfarrkinder beim Bau mithelfen können. Später im Jahr, wenn die Feldarbeit anstünde, wäre dies nicht mehr der Fall.

Abschließend richtete der Pfarrer noch einmal die dringende Bitte an die Regierung, das Herrschaftsgericht Runding zu zwingen, „allzugleich“ mit dem Bau zu beginnen.

Und die Kirchenadministration legte tatsächlich noch einmal nach. Bereits am 8. Februar 1771 schickte sie einen weiteren, erneut strafbewehrten Auftrag nach Runding. Gleichzeitig informierte sie nun auch das Kötztinger Landgericht über die Angelegenheit. Sollte Runding weiterhin nicht reagieren und mit dem Kirchenbau beginnen, so erhielt das Landgericht den Auftrag, den Bau selbst in die Wege zu leiten – und sich die dafür aufgewendeten Gelder anschließend von den Rundingern zurückzuholen.

Nun endlich reagierte auch das „Baron Notthafftische Hofmarchs Gericht Playbach“ – und schrieb sich dabei einen gewissen Frust über Pfarrer Rabel und dessen Anwürfe von der Seele. Unterstützung für seine Position suchte das Hofmarksgericht in einem „Sachverständigengutachten“ von Handwerkern, die zuvor die Blaibacher Kirche begutachtet hatten. Und hinter diesem Hofmarksgericht Blaibach stand niemand anderes als der bereits eingangs erwähnte Administrator Martin Dennerl.



Nun also hören wir die andere Seite.

Zuerst äußert sich der Schreiber überrascht, dass so kurz nach dem ersten Schreiben gleich der zweite folgte mit dem "unvermutheten gdigsten Auftrag, das ungehindert eben iezt bei unß die stärkste Wüntters Käte, doch gleichwohl sub termino 8 Tägen in die abtragung dess Langhauss , umso mehr sezen lassen solle, als es im wüdrigen das Pflegghrt Közting auf meine Unkösten bewürken würde"

Dennerl schrieb zwar einleitend, dass er durchaus einiges an Pfarrer Räbel auszusetzen hätte, „Seine Churfürstliche Durchlaucht“ damit aber nicht behelligen wolle. Nun ja – im weiteren Verlauf seines Schreibens tat er dann ziemlich genau das Gegenteil und beschwerte sich massiv über den Blaibacher Pfarrer.

Unterthännigst gehorsamster
Joh: Martin Dennerle
Administrator mp

 

Die Kirche sei keineswegs erst seit fünf oder sechs Jahren ruinös. Bereits bei seiner eigenen Amtseinführung – „tempore immissionis“ – habe er das Gotteshaus in diesem schlechten Zustand vorgefunden. Wegen des allgemeinen Geldmangels sei es jedoch nicht möglich gewesen, die Schäden zu beheben. Immerhin habe er es in Zusammenarbeit mit dem vorherigen Pfarrer so weit gebracht, dass Kostenvoranschläge und Baupläne – in den Akten als „Risse“ bezeichnet – eingeholt worden seien. Man habe Kalk angeschafft, Bauholz geschlagen und dieses bereits vor Ort gebracht.
Vom Straubinger Stadtmaurermeister habe man sogar ein Modell anfertigen lassen, das sich, wie Dennerl ausdrücklich bemerkte, „noch zur Stund im Pfarrhof Playbach sich befinde“.
Die beim Ordinariat eingereichten „Rüss und Überschläg“, also die Baupläne und Kostenvoranschläge, seien dort „in der Hauptsach ratifiziert“ worden.
Da aber die Mutterkirche in Blaibach selbst nicht über die notwendigen Mittel verfügte, hatte man daran gedacht, „das von der Filial Weissen Regen ein Beitrag beschehen könnte, weill die Muetterkürchen in Ansehun WeissenRegen grosse Ausgaben“. Für die Betreuung von Weißenregen müsse die Pfarrei mehrere Priester „halten“ und darüber hinaus mehrere Zimmer für diese erbauen.
Überdies habe Weißenregen bereits 1000 Gulden zum Turmbau der Kötztinger Pfarrkirche beitragen müssen – und dies, obwohl „das Kötzting mit Weissenregen die geringste Connexion habe, oder iemals gehabt hat.“
Das Ordinariat forderte danach die Kirchenrechnungen von Weissenregen an und wies gleichzeitig an, dass die zukünftigen "Divina", also die Gottesdienste, in der "vorhandenen zimlich grossen und mit neuen Verschlägen erweitterten Seellen Kapellen gehalten werden" sollten.

Dies alles sei Pfarrer Räbel natürlich bekannt gewesen, denn bereits vor einem halben Jahr habe Dennerl ihm die „Rüss, Überschläg und consistorial befehle“ vorgelegt. Gleichzeitig habe er den Herrn Pfarrer ermahnt, den „Weissenregener Vermögensbestand vom churfürstlichen Pfleggericht Kötzting“ abzufordern und nach Regensburg einzusenden.
Ob Pfarrer Räbel dies tatsächlich getan habe, sei ihm unbekannt.
Was Dennerl aber ganz genau wisse: Pfarrer Räbel habe ihm gegenüber kein einziges Wort über die ganze Angelegenheit verloren und ihm auch nicht einen Buchstaben darüber geschrieben. Dies, so Dennerl, hätte dem Pfarrer wohl besser angestanden als dieses „unwahrhafte und verleibdische Vorschreiben“.

Dennerl war sich sicher, dass Pfarrer Räbel nicht von alleine auf diesen „unausführlichen und schädlichen Gedanken“ gekommen sei, die Kirche ausgerechnet in diesen strengen Wintermonaten abzureißen. Dazu sei es wohl erst gekommen, „wann nicht ein erst kurz auf Blaybach gekommener Kaplan ihne und gleichsam schon allen Pauern im Dorf versichert hätte, das er gleich aus Straubing (= Kirchenadministration) noch in diesem Wünnter eine Neue Kürchen beyhollen wollte.“

Den Vorwürfen des Pfarrers hielt Dennerl nun Punkt für Punkt entgegen:

  1. Die Gefahr eines Einsturzes der Kirche sei bei Weitem nicht so groß, wie von Räbel behauptet. Zum Beweis verwies Dennerl auf das seinem Schreiben beigelegte Protokoll der Begutachtung.
  2. Die Bauhölzer lägen bereits auf der „Zimmerstatt“; 200 Tragen Kalk und viele Klafter „Rauchestein“ seien in Blaibach auf Vorrat vorhanden.
  3. Er könne den Pfarrer gar nicht schon seit fünf Jahren mit leeren Versprechungen hinhalten, schließlich sei Räbel selbst erst „im zweiten Jahr auf der Pfarr“.
  4. Auch könne sich kein Pfarrkind über die Abhaltung der Gottesdienste in der Seelenkapelle beschweren. Diese sei neu eingedeckt und ihre Nutzung vom Ordinariat selbst angeordnet worden. Außerdem sei „die filial Weissenregen nur eine halbe Stund von Playbach entfernt, in welche alle Feuerdäg wenigst 3 heilige Messen gelesen werden, und wohin ohnedas das mehriste Volck abzulaufen pflegt.“
  5. Ist die Kälte bei uns im Wald eben so häftig, das man sich kaum in einem Zimmer retten kann, minde rjemand im Stadn seye, auf dem dach, oder Mauer zu stehen...

Abschließend verwies Dennerl auch auf das derzeit äußerst schwierige wirtschaftliche Umfeld. Und „so harth auch immer eben gegenwärtig die Zeit zum zahlen“ sei, werde er auf höheren Befehl hin trotzdem versuchen, die ausstehenden Zinsen beizutreiben. Bei all diesen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und den bereits von der Herrschaft erbrachten Vorleistungen für den Kirchenbau konnte sich Dennerl dann eine weitere, ziemlich deftige Spitze gegen Pfarrer Räbel nicht verkneifen. „Nebenbey“, so berichtete er, habe „Herr Pfarrer schon mehr als vor 300 fl Pier dem Preuhaus abgetrunckhen“.

Am Ende seines Schreibens erklärte Dennerl, dass er wegen seiner zahlreichen Reisen in administrativen Angelegenheiten nicht in der Lage sei, die geforderten Rechnungsbücher innerhalb der gesetzten Frist fertigzustellen, und bat deshalb um eine Fristverlängerung.

Einschub

Weiter berichtete Dennerl von den aktuellen Problemen bei der Eintreibung der Zinsen:

„Die alt ausständige Interesse (= Zinsen) stecken unter dem bekannten creditweesen, die nach der gdisten geheimnen Rathsresolution dermalen nicht bezahlt werden können und dörfen....“

Und genau hier findet sich für mich die Parallele zu den Schilderungen beim Bau der Wallfahrtskirche Mariaort, auf die ich bereits eingangs verwiesen habe. Auch dort waren die wirtschaftliche Not und die Probleme des damaligen Kreditwesens ein entscheidender Hintergrund für die Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Kirchenbaus.

Einschub Ende


Dem Schreiben Dennerls war auch ein Protokoll der „Bausachverständigen“ beigelegt. Erstellt worden war es vom Rhaindorfer Zimmermeister Joseph Peinkofer und dem ebenfalls aus Rhaindorf stammenden Maurergesellen Michael Preu.
Beide „Bausachverständigen“ kamen zu dem Ergebnis, dass – sofern das Dach gut unterhalten werde – das „Gewölb weith noch über ein Jahr ganz sicher halten wurde“. Allerdings machten sie gleich eine bemerkenswerte Einschränkung: Es dürfe im Sommer kein starkes Donnerwetter auftreten, „deren Knall und Stöß auch die allerbeste Gebäude manchmal erschüttert“.
Das Loch in der Giebelmauer könne geschlossen werden. Auch habe es den Anschein, als würde sich derzeit kein weiterer Stein aus dem Mauerwerk lösen. Ähnlich verhalte es sich mit den Dachziegeln – allerdings wiederum unter der Voraussetzung, dass kein „Sturmwünd, welcher auch der besten Tachungen nit zu verschonnen pflegt“, auftreten würde.

Beim Kirchturm sei lediglich der Mörtel abgefallen, was man während des Winters ohnehin nicht ausbessern könne.
Überhaupt sei die strenge Winterszeit für einen Baubeginn denkbar ungeeignet. Arbeiter seien kaum zu bekommen, und deren gespitzte Werkzeuge würden „wegen des wie Stahl und Eisen gefrorenen Gemäuers große unnüz und Unverantwortliche, muetwillige Unkösten“ verursachen.
Vier Personen würden jetzt im Winter für dieselbe Arbeit benötigt, die im warmen Frühjahr von einer einzigen Person erledigt werden könne.

Von einer Gefahr für das daneben stehende Schulhaus und den „heylligen Stadel“ könne ebenfalls keine Rede sein.

Auch Räbel erfuhr von Dennerls Schreiben und dem Gutachten der beiden „Bausachverständigen“. Gegenüber der Regierung äußerte er die Vermutung, der Bericht der Hofmarksherrschaft sei „aus keiner anderen Absicht, als damit die Sach auf die lange Pankch hinaus protraktiert werden möge“, verfasst worden, und bat erneut darum, den Druck auf Runding zu erhöhen.

Daraufhin reagierte die Kirchenadministration und drohte dem „Baron Nothafftischen Hofmarksgericht Blaibach“ in ihrem Schreiben vom 20. Februar 1771 erneut mit dem Durchgriff durch das Landgericht Kötzting. Sollte nicht unverzüglich mit den Arbeiten begonnen werden, werde das Kötztinger Landgericht den Bau in die Wege leiten. Eine Abschrift dieses Schreibens erhielt auch Pfarrer Räbel.

Das Kötztinger Pfleggericht – damals unter Pflegskommissar von Francken – war über diese Entwicklung nun überhaupt nicht glücklich. Wohl nicht ganz zu Unrecht befürchtete man dort, auf den zunächst vorgestreckten Baukosten sitzen zu bleiben. Das Pfleggericht hätte mit dem Kirchenbau in Vorleistung treten müssen und wäre anschließend darauf angewiesen gewesen, sich das Geld von der Herrschaft Runding zurückzuholen – möglicherweise erst nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen. Und selbst dann war keineswegs sicher, ob die gesamten Auslagen tatsächlich wieder hereinkommen würden.
Gleichzeitig befürchtete er, von den Arbeitern bedrängt zu werden, deren Lohn auszubezahlen

Unterthänigst gehorsamster
Franz Xav: von Francken mp
Pflegscommissar

Die Regierung notierte abschließend auf dem Umschlag des Aktes noch einmal den Inhalt der Schreiben, die nach Kötzting und Runding sowie an Pfarrer Räbel gegangen waren.

Das Kötztinger Pfleggericht wurde darüber informiert, dass das Hofmarksgericht Blaibach ungeachtet seines Berichtes weiterhin aufgefordert blieb, binnen 14 Tagen mit der Abtragung des Langhauses zu beginnen. Schließlich hätten die Pfarrkinder angeboten, die notwendigen Arbeiten kostenlos zu leisten. Die Taglöhne der Maurer und Zimmerleute würde Pfarrer Räbel einstweilen vorschießen und später zur Verrechnung bringen.

Hier endet nun der schriftlich ausgetragene Streit zwischen dem Blaibacher Pfarrer und dem Hofmarksverwalter. Im Ergebnis dürfte das Kirchenschiff wohl kurz darauf abgetragen und anschließend neu erbaut worden sein. Weitere Einzelheiten über den eigentlichen Bau ließen sich sicherlich aus den Blaibacher Kirchenrechnungen erschließen – ebenso das weitere Prozedere bis hin zur späteren Einweihung der Kirche.

Der Akt selbst macht jedoch einen Sprung und endet mit einem Schreiben aus dem Jahre 1790. Damals wandte sich Max Cajetan von Nothafft, Freiherr von Weißenstein, erneut an die Regierung, um über neuerliche Bauschäden und deren Behebung zu berichten.

Unterschrift des Barons Cajetan Nothafft 1790

Einleitend berichtete Freiherr Cajetan von Nothafft, dass nach dem damaligen Abbruch „die Erbauung dises Pfarrghotteshauses ohnehin nothwendig geworden“ sei. Man habe deshalb „alles angewendet, dass selbe zur größten Ehre Gottes wieder in vollkommenden Stande hergestellt“ wurde.
1788, so berichtete er weiter, sei schließlich auch der Turm vollständig fertiggestellt worden. Für diese beiden großen Bauvorhaben habe man „fast alle Kapitalien verwendet“, sodass die Pfarrkirche nun kaum mehr in der Lage sei, ihre jährlichen Abgaben zu bestreiten.

Und doch standen bereits die nächsten Baumaßnahmen an:

Bild entnommen aus dem Beitrag Chronik der Pfarrei Blaibach Teil 1 von Pfarrer Ferdinand Köstler
der Pfarrhof in Blaibach



„Und doch soll sie schon wieder einige Baufähle im Pfarrhof /worüber die Kirche das onus fabricae hat und deren mehrere Jahre wegen bemelten Kirchen und Thurmbau nichts konnte gerichtet werden:/ übernehmen“.
Seit mehreren Jahren schon würde es in die Zimmer des Pfarrers und seiner Kapläne hereinregnen.
Eine allgemeine Sammlung wollte man trotzdem noch nicht veranstalten. Stattdessen bat von Nothafft darum, die Kirchenadministration möge genehmigen, aus dem Kapitalstock der Wallfahrtskirche Weißenregen 200 Gulden für die notwendigen Reparaturen zu verwenden.

Seine Begründung war ebenso kurz wie eindeutig:

„Denn es ist die Schuldigkeit, das die Filiale ihrer Mutterkirche beispringe“!

Die Regierung in Straubing verwies den Freiherrn von Nothafft allerdings an den „Geistlichen Rath“ in München – eine weitere Regierungsbehörde – verbunden mit dem dezenten Hinweis, dass er sich mit seinem Anliegen eigentlich gleich dorthin hätte wenden sollen.


So endet der Akt , aber auf jeden fall wissen wir, dass sich der Blaibacher Pfarrer hatte durchsetzen können.


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Mittwoch, 11. März 2020

Kötzting im Griff der Grippe ..... im Jahre 1762

Gibt es solche Zufälle überhaupt.....kann es ihn geben?


Am 24. März hätten wir beim Lesestammtisch einen besonderen Briefwechsel gelesen. Dieses war keine besondere Absicht, denn den Briefwechsel aus der Mitte des 18. Jahrhunderts habe ich bereits im Herbst 2019 im Staatsarchiv in Landshut gefunden. In diesen Briefen sind Details einer epidemischen Erkältungskrankheit beschrieben, die fatale Ähnlichkeit mit der derzeitigen Krise haben.
Dieser Zusammenhang war weder erkennbar - ich habe den Briefwechsel nicht im Voraus gelesen - und schon gar nicht beabsichtigt. Es ist einfach eine seltsame Fügung, dass wir nun  im Jahre 2020 - mitten im Lockdown - von einer Grippewelle des Jahres 1762 in Kötzting lesen können.

Also, los geht's:

Ein Archivfund im Herbst des Jahres 2019 im Staatsarchiv Landshut, der zuerst einmal ein ganz unscheinbares Bündel an Privatbriefen war, entpuppte sich bei der Bearbeitung im Rahmen des Kötztinger Lesestammtisches als ein, mit vielen Details gespicktes, Lebensbild unseres Raums im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts.
StALandshut Hofmarken: Nr. 4037
Unterschrift : Johann Martin Demerle
Gerichtspfleger
Der Schreiber ist Martin Dennerl,  Gerichtspfleger auf Runding und Blaibach und verheiratet mit der Tochter des Kötztinger Lehrers Daller.
Martin Dennerl pflegte einen sehr menschlichen und sehr engen, schriftlichen Umgang mit seinem Hofmarksherren, dem Herrn Baron Cajetan von Nothafft, welchen sich der Herr Baron offensichtlich gerne gefallen ließ.
Mit diesen Briefen erfahren wir viele, viele Kleinigkeiten - natürlich zuerst vom täglichen Geschäftsgang der Hofmarksverwaltung aber dann auch Dinge aus der Umgebung und, vor Allem bei Krankheiten, von den verzweifelten Versuchen diese abzuwehren. Im Mai 1762 ist offensichtlich ganz Ostbayern von einer "Catärh" genannten epidemischen Krankheit befallen, denen viele unserer Vorfahren zum Opfer fielen.
 

Das Wort "Grippe" war damals eher weniger geläufig, wie es ja auch unsere Eltern noch weniger nutzten, diese hatten einfach einen "Katarrh" - siehe auch Gerhard Polit in seinem Sketch "die Garage" bzw. "der Standort Deutschland"

Die Grippeepidemie im Raum Kötzting:



Cajetan von Nothafft
Bild aus der Homepage der Nothafft

Cajetan Nothafft, begütert u.a. mit den Hofmarken in Niederhatzkofen, Blaibach und Runding, lag wohl zuerst schwer darnieder im niederbayerischen Niederhatzkofen und wurde dort von seinem Gerichtspfleger Dennerl und dem Kötztinger Bader Dr. Halser besucht, behandelt und war wohl dann auf dem Wege der Besserung, welchen Dennerle mit "begleitenden Maßnahmen" aus der Ferne unterstützen wollte.

Wieder zurück in Blaibach und Runding schrieb Dennerl am 17.5.1762 an seinen sich erholenden Chef:

Vor allen wintsche und bitte mit all den Meinigen zu Gott, daß Eur hochfreyherrliche Gnaden sich von der aufgehaltenen schweren Carthär in bälde Vollkommen erhollen und auf ville Jahr von disen und anderen krankheiten zufallen befreut bleiben möge.

Und dann beschreibt Dennerl seine Erlebnisse der Reise und seiner Ankunft:

Der Dr. Halser und ich seint zwar Gott lob am Samstagabents glückhlich nacher Haus kommen. Was wür aber von Hätzkofen bis Straubing für Ungemach im Staub erlitten, ist nit zu beschreiben, doch kann es einigermassen der Kutscher gesagt haben. (heißt wohl, bei der Rückfahrt habe diese Kalamitäten der Kutscher wohl selber seinem Herrn bereits erzählen können)

Auf der ganzen Straße herein und wo wir nur hingekommen regiert der Carthär sehr starkt und ist bei manchen recht gefährlich selbst in meinem Haus ist vast alles krankh und mein Schwiegervater zu Kezting ligt auch im Carthär. Der Herr Beneficat von Playbach ligt beständig in einem sehr heftigen Stöckh Carthär, und fast der ganze Pfarrhof zu Playbach......

 
...Während deme das zu Häzkofen gewesen, ist die allhiesige Schmiedin auch gestorben, ob sye schon bei meiner Abreise gesund ware, und vorgestrig Samstag abends waren alhir 3 provisonen ( =Versehgänge ) gestert in der Frühe aber 2 auf Lederdorn.

Böllerschießen gegen den Katarrh:


.. Sonsten passiert dermallen nichts sonderheitlich die Litanei bei dem Heiligen Johann von Nepomuk auf der Prucken werden wür die ganze Oktav alle Tag halten und iedesmal hierbei schiessen, umb Eur Gnaden völlige Gesundheit wieder zuerhalten.

 Die Krankheit weitet sich aus - vor allem bei älteren Menschen:

 Runding und Blaibach 22.5.1762:

Beschreibung der Seuche im Kötztinger Raum
Entlichen will es layder alhir et refier mit dennen Krankheiten dermassen überhand nemmen, das wür allhier erst seith 8 bis 10 tägen fast teglich 2 und 3 Provisones haben, aber auch fast teglich 1 wo nit gar 2 leichen haben, zwar meistens leuth von Jahren und leibsgebrechlichkeiten, nur seint in der Hofmark Lichtenegg 2 junge Söldner gestorben, welche es mit dem Cartar angegriffen, und sich hierzu in wenig tägen das seuthenstechen geschlagen hat.  







Der Kötztinger Lehrer Daller liegt im Sterben: 

Selbst mein Schwiegervater zu Közting ist an deme, das er wird in wenigen Tägen vor Gott erscheinen miessen. Abgewichenen Mittwoch hat man ihm alle Heiligkeiten gereicht und gestert wurde alle Abends von Herrn P. Prior die general absolution ertheilt. Sein Zustand ist halt auch ein Stuck Cärthär und der wenige Auswurf, so geht, ist gaznz roth, deswegen mir eben der Herr Dr. Halser gesagt hat, das kein Hofnung eines Aufkommens mehr vorhanden.
Ich bin also yber diese laydige zufahl, aus mehreren Ursachen recht consterniert und erwarte alle Minuten die Nachricht von den wirklich erfolgten Todfall....


Die Lehrersgattin macht ihrem Mann das Sterben nicht gerade leichter:

....welcher meinen Schwigervatter noch immer zu früh sein will, ob ihm schon die Schwiegermutter beständig von denen himmlischen Freuden , so auf ihn warten, beständig was vorsagt und sonderbar zuspricht, dass er sich umb die böse Welt nicht mehr scheuen oder längers in selber zubleiben verlangen sollte, so den kranckhen Mann villen Verdruss macht, weill er gar gerne noch lenger leben mechte.
Seinem Herrn Baron, der wohl anreisen wolle, gibt er den dringenden Rat:
Nur bitte ich Eur Gnaden umb Gottes willen, sich nicht zu fruehe in den Lufft und Staub zu wagen, damit nit wider übl ärger gemacht wird.
H: Beneficiat von Blaibach ist würklich pethliegerig und Herr Frischeisen kan nit mehr Mess lesen. 

N.B. in abgewichener nacht ist die alte Carl Schneiderin alhir gestorben und die Garttner Miedl liegt auf den Preth (ist wohl das Totenbrett)

Um die Situation auch noch zu verschlimmern, steht auch noch eine Missernte an:


Noch etwas macht Probleme, der Getreidepreis: es wird sich wohl eine Hungersnoth ereignen, weil das 2 jährig zerfressene Schäffl Korn tatsächlich 8 Gulden kostet.

3 Tage später, am 25.Mai 1762 stirbt dann der Kötztinger Lehrer Johann Martin Daller mit 45 Jahren.
Sterbematrikel Pfarrei Kötzting Band 18 von Mai 1762. Die erste Zeile betrifft den Kötztinger Schullehrer und Chorregenten Joannes Martinus Daller. Der letzte Eintrag ist der Kötztinger Färbermeister Johann Balthasar Schöllinger, bei dem ausdrücklich vermerkt ist, dass er an einem Katarrh verstorben ist.
Interessant ist, dass die Pfarrmatrikel aus genau dieser Zeit eher weniger Einträge aufweisen, als zu anderen Zeiten. Dies verwundert zunächst, angesichts der berichteten, laufend anfallenden, Todesfälle, ja sogar auffallend, dass die Matrikel Lücken von einigen Wochen, vollkommen ohne jeglichen Eintrag, aufweisen. Die Priester waren wohl damals hoffnungslos überfordert damit, den Pflichten der Versehgänge und folgend den Beerdigungen nachzukommen, Nachträglich zu protokollieren war vermutlich schwierig bis unmöglich, wenn man sich keine Notizen gemacht hatte.

Wenns denn hilft:

Prozessionen zum Haidstein und Seriengottesdienste zur Genesung des Herrn Nothafft:

 
4.6.1762:

Wie letzhin bereits underthenig überschrieben, seint die auf den Haidstein bestimmte 3 heyligen Messen vorgestert, gestert und heint durch Herrn Beneficiaten vpon Playbach gelesen worden, weill solche der hiesige Herr Pfarrer wegen beständigr Leichten  (=Beerdigungen) und Seelenmessen nit lesen können. Ich habe alle 3 selbst gehört und hierunter den heyl. Rosenkranz nebst der Lauretanischen Litaney selbst vorgebetet. Den ersten waren 39, den anderten 70 und heint 99 Kinder beyderley Geschlechts gegenwartig, welchen iedes mahl und zwar iede 3 xr (Kreuzer) anbehendigt. Hiesige Kinder seint von dort aus Prozessionaliter auf den Haidstein alle 3 Täg gangen und sowoll hierauf als herab in der schönsten und auferbaulichsten Ordnung haben selbe lauth den heiligen Rosenkranz abgebetet, vor und nach der heiligen Mess haben die kleinen Mädeln beyr Mutter Gottes ein Frauen gesang abgesungen und aufn solche Arth  hoffe zu Gott, dass das gebet der Unschuldigen erhört worden sein werde und sich Eur Gnaden von der aufgehebten Unbässlichkeit vollkommen erholt haben werde.
Vielle personen haben yber die Ordnung und den Eifer der kleinen Kinder große Zähren (Tränen) vergossen und auch diese werden durch die Wolken gedrungen und Eur Gnaden genesung befordert haben


Beerdigung des Schwiegervaters in Kötzting:

Für meinen Schwigervater seel: wird am Erchtag der  7. et 30. gst(Gottesdienst??) gehalten. Meine Schwigermutter ist untröstlich und ich habe mit ihr sehr vill zuthun, weill Sye bereits zimblich kindisch.....

Ein perfekter Sturm.....


zuerst die Grippe - dann der Spätfrost - dann die Hitze - und am Ende noch ein Riesengewitter

Eine mögliche Missernte deutet sich schon früh an:

Sonsten ist es in alhiesiger gegend ein wahres Ellent, massen die Reiff (Spätfrost), so wür ainige täg nacheinander gehabt, meister Orten alles, alles Korn dermassen verbrennt, dass ein Pauer so sonst 30 Schäffl zuhoffen gehabt, ainzt nit 4 oder 5 Schäffl bekommen wird und so ist es in Ansehung der Fütterei, massen durch die allzu große Hüze alles ausbrennt und das Viech vast crepieren sollte.
Mit dem alten wurmbigen Korn bin bereits ferttig und hiermit habe ich für Eur Gnaden richtige 600 fl. gewonnen, das Neue Korn, so etwan 150 Schäffl auftragen mechte, behalte auf, weill nit vorsiche, wie groß das Elend bei uns noch werden mechte....
Denen Underthannen habe am Speissgetraid 600 fl geborgt und ieden das Schäffl gegen frembten umb 1 fl wohlfeiler abgetan.
(die eigenen Untertanen mussten also sweniger bezahlen, als fremde Aufkäufer) womit nit unrecht getan zuhaben glaube.

 Das Unwetter:


Wenig Täg nach Eur hochfreyherrlich Gnaden von hier genommenen Abreyse, hat Gott der allerhöchste hiesigen Ort (Runding) und ganz insbesondere disorthige Gegend mit seiner Strafruethen abermallen, und gleichsamb bis zum gänzlichen Umbsturz gezichtiget, massen Erchtag den 20ten abends umb 3 Uhr alhier ein erstaunliches Wetter ausgebrochen, welches bis 8 Uhr nachts unter einem fast nie erlebten Blaz Regen dergestalten angedauert, dass man auf dem Schwell des Wassers von hiesigem Pfleghaus in der größten Geschwindigkeit mit einem Floß gar fieglich durch das ganze Dorf bis zum Zigelstadel und auf der andern Seithen bis Langwitz und Niederrunding hätte fahren können, wodurch nit nur alle bereits zwybrachte Äcker gwaltig abgerissen, und aus manchen insonderheit der Cammerer Zell beim Rosen Garten über 100 Fuhren des bestenn grundts weckh gefihrt, sondern nebenbei die meisten Flaxflur, Wißmathen und Kornveldter mit Erdten in einen vesten Weg gleich überschwemmet - vielen Underthannen aber das schon geschnittene Korn vom Veld weg geführt und also gänzlich verderbt worde. 
Selbst ins hiesige herrschaftliche Preuhause hat der Gewalt der Güss dermassen eintrungen, dass die mit Essig angefüllten 6 und 4 eimerige Vaß gestürzet und des Preumeisters Küsten und Kästen mit allen Habseligkeiten yber den Haufen geworfen worden. 

Aber es geht noch schlimmer:



 Dieses ist aber noch ein Schatten von einnen Unheill, so dieses Wetter im Kötztinger Berg zu Wimbach, uffm Gschaidt, Vöckhlhof, Hafenberg, Sackenried und bis über Arnbruck und Viechtach angerichtet, allermassen all dieser Orthen zwischen 3 bis 4 Uhr auf einen Augenblicklick Steine, wie die größten Wällische Nuss, Hennen Ayr und etwelche wie Mannsfaust gefallen und andurch der ganze Wintter und Sommerbau, mit denen Flax und Krauttveldern totaliter zerfezt und in Poden geschlagen, nebstbei meherister Orthen kein ganze Fensterscheiben und eben so wenig eine ganze Lag Schindl unbeschädigt gelassen worde. Das Elend ist unaussprechlich und das arme Volk gleichsamb bis zur Verzweiflung gebracht, wie dann die Mehristen nit mehr umb verschonung der Veldtfrüchten, sondern lediglich umb Erhaltung des Lebens aus ihren Hütten gegen Himmel geschriehen.....
Was wird also wohl für ein Noth bei den armen Pauersleuthen entstehen......

Aber auch diese Krise haben unsere Vorfahren überstanden wie vieles andere auch zuvor und danach.


Zum Beispiel 10 Jahre später, 1772, gab es eine noch viel schlimmere Hungersnot, und erneut kennen wir vom Rundinger Pfleger Dennerl Details von dieser Katastrophe:

Hungersnot von 1772



Aus dieser Notzeit kennen wir eine Stellungnahme der Herrschaft Runding, also gleich aus der Nachbarschaft, bei dem der Rundinger Gerichtspfleger Johann Martin Demmerle auf Anfrage aus München einige Einzelfälle und Vorkommnisse meldete[1] um anzuzeigen, wie schlimm die Hungersnot in Ostbayern wütete.
Im Mai 1772 waren alle alten Wintervorräte aufgebraucht, die neue Ernte noch weit entfernt und es häuften sich auch in der Herrschaft Runding Fälle, dass Menschen hungern mussten, ja verhungerten. So berichtet der Nothafftische Verwalter von einer verheirateten Häuslerin aus Runding, Barbara Fischer, die im Alter von 32 Jahren ganz plötzlich verstorben war, ohne krank gewesen zu sein. Allerdings, so schreibt er, „war ihr hunger- und nothvolles Leben um so sicherer bekannt, als sie täglich bei ihm und auch im Dorf und auf der Gasse jedermänniglich auf dennen Knien umb weniges Brod gebetten. Vorigen Sonntag habe sie in seinem Haus aus einer Schüssel das blaue Sauermilch Wasser, das für die Hunde aufbehalten war, und von diesen nicht aufgegriffen worden, zu sich genommen und bis auf den letzten Tropfen verzehrt“.
Da zur der Zeit wieder einmal die Angst vor einer epidemischen Krankheit herrschte, die in Böhmen bereits „wütete“ wollte der Pfleger sicher gehen und ließ den Kötztinger Arzt Halser kommen, der Demmerles Diagnose bestätigte, „die arme Tröpfin hätte lediglich aus Abgang menschlicher Nahrung und bedürftiger Lebensmittel ihre Lebenstäge vor der Zeit beschließsen miessen, sie sei also schlicht verhungert. Der Magen der armen Frau war so stark zusammengeschrumpft, dass man in selben nicht einmal mit einem Finger gelangen können. Solche Todesfälle würden sich bald häufen, schrieb der Verwalter, die wahre Brotnot würde jeden Begriff übersteigen, und die Leuthe würden in den Dörfern nur noch als Schatten herumb schwankentes ausgehungertes Volk erscheinen, und in viellen Dörfern gäbe es keinen Brocken Brot mehr und würden nur noch die Hunde haben. Brennnesseln, verdorbene Krautstingl und in blossem Wasser gesottene Petersilie“, so sähe derzeit die elende Kost der Bürger aus.
Nachdem landauf landab die Bäcker wegen Getreidemangels zu backen aufgehört hatten und das wenige Getreide viel zu teuer geworden war, sah er keinen Ausweg mehr.
Der Pfleger baten den Kurfürsten, das im Kötztinger Magazin (Zehentstadel) lagernde Getreide schnell und zügig verteilen zu lassen, später seie niemandem mehr geholfen, „jetzt können sich die armen Menschen mit der Gabe dann solang durchschlagen, bis von der Erdten andere essbare Gewächse hevorgeschoben würden“.


[1] HstA GL Fasc. 1624/4 vom 7. Mai 1772