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Montag, 3. August 2026

24 Stunden im Leben einer kleinen Kreisstadt

 Kötzting aus den Augen der Zugverbindungen


Im Februar 1959 stand Kötzting noch ganz im Takt der Eisenbahn. Unter der Überschrift „Vierundzwanzig Stunden ziehen über die kleine Stadt…“ schilderte ein Reporter der Kötztinger Zeitung den Alltag in der Kreisstadt von den frühen Morgenstunden bis tief in die Nacht. Fast stündlich notierte er, wer ankam und wer aufbrach, wann die Straßen voller Leben waren und wann wieder Ruhe einkehrte. So entstand eine Momentaufnahme des Kötztings der späten fünfziger Jahre – einer Kleinstadt, in der das Leben noch nach Fahrplänen, Kirchenglocken und festen Gewohnheiten verlief.


Vierundzwanzig Stunden ziehen über die kleine Stadt . . .

Alltag in Kötzting — Alles zur „gewohnten“ Stunde — Die Zeit in der Landstadt beherrscht noch die „Planmäßigkeit“

Kötzting. Der Tagesablauf in einer Kleinstadt vollzieht sich in einem fast gleichmäßigen Rhythmus. Nur kurz sind die Stunden der vollkommenen nächtlichen Ruhe; auch eine Landstadt steht früh auf und geht spät schlafen. „Wenn der Frühzug um 3.57 Uhr in Richtung Miltach den Kötztinger Bahnhof verlässt, stehen nicht wenige Menschen bereits im „neuen“ Tag.“

StadtA Kötzting Serwuschok237


4.05: Über die Marktstraße schwankt der letzte „Gestrige“. Noch liegt Kötzting im tiefen Schlaf. Bald aber kommt Leben in die Straßen. Montags trifft in Kötzting um 4.26 aus Richtung Miltach der erste Frühzug ein.

5.17: Auf dem Kötztinger Bahnhof wird es lebendig, die ersten Fahrgäste streben mit schnellen Schritten zum Fahrkartenschalter. In Miltach und Cham warten die Anschlusszüge in Richtung Straubing, Nürnberg, Regensburg und Passau.

6.46: Der Frühzug aus Lam trifft ein, Fahrgäste steigen in den T 2903 um, der um 6.49 Kötzting in Richtung Miltach verlässt. Personenkraftwagen verlassen Kötzting in Richtung Blaibach — Miltach.



7.00: Der neue Tag ist „angebrochen“. Noch ist es dunkel, aber in den Kötztinger Straßen herrscht bereits reges Leben. Fast alle Fenster erhellen sich.

7.36: Aus Richtung Miltach — Blaibach trifft der T 2904 ein; Schüler der Kreisberufsschule, der landwirtschaftlichen Berufsschule, der Landwirtschaftsschule, Behördenangestellte, Reisende und Arbeiter entsteigen dem Zug. Der Massenzustrom im morgendlichen Kötzting verliert sich hinter dem Stadtgarten in die Kötztinger Straßen. Der Kraftfahrzeugverkehr verstärkt sich.

Stadt Serwuschok204

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8 Uhr: Die übrigen Kötztinger Geschäftshäuser öffnen sich, für die Verkäuferinnen beginnt wieder ein anstrengender Tag. Die Angestellten eilen in die Büros. Auf dem Bahnhofparkplatz haben sich die Linienomnibusse aus Lam — Neukirchen und Furth im Wald sowie aus dem Zellertal gesammelt.

9 Uhr: Die Glocken der Stadtpfarrkirche, die um 6 Uhr den Tag einläuteten und zu den Frühgottesdiensten riefen, erklingen über einem offenen Grab.



10 Uhr: In der Herrenstraße parken 8 Personenkraftwagen. Im Hofe des Landratsamtes sind 4 Kraftfahrzeuge abgestellt. Am Oberen Markt versammeln sich die „Stempler“ zu dichten Trauben. Geschäftig gehen die Hausfrauen dem Einkauf nach.

10.45: Der grüne Omnibus der Lokalbahn Lam — Kötzting verlässt die Kreisstadt in Richtung Eschlkam — Neukirchen hl. Blut. Der Omnibusparkplatz in der Bahnhofstraße wird wieder leer.

11.30: Die ersten Arbeitertrupps eilen zum Mittagessen.

12 Uhr: Die Glocken läuten das Mittagsgebet. Aus den Ämtern quillt der Strom der Beamten und Angestellten.

13 Uhr: Die „Eiserer“ am Weißen Regen nehmen wieder ihre Arbeit auf, Eisstockschützen marschieren, den Eisstock unter den Arm geklemmt, zu den „Partien“. Die Februersonne lockt mittägliche Spaziergänger.

KÖZ vom Februar 1959

Einschub
Zur selben Zeit berichtete die Kötztinger Zeitung vom "Spieltrieb" der damaligen Kinder, es den Erwachsenen "Eisern" nachzumachen....... eher eine Horrorvorstellung für heutige Eltern und Großeltern ......


Einschub Ende

14 Uhr: Die Mittagspause ist beendet. Es herrscht wieder reges Leben in den Straßen als am Vormittag. An den Fahrschulen warten die Fahrschüler auf die nächste „Tour“. Die Landzusteller der Bundespost kommen zurück. Die Postzustellung, für die der T 2904 um 7.36 den Nachschub brachte, ist abgeschlossen.

14.26: Der Personenzug T 2912 verlässt Kötzting in Richtung Lam.

14.40: Personenzug T 2923 verlässt Kötzting in Richtung Cham. Bereits um 14.21 treffen wieder die Fahrschüler der Chamer Oberschulen in Kötzting ein.

15.01: Eine Fahrzeuggruppe des Bundesgrenzschutzes fährt auf der Staatsstraße 2140 in Richtung Blaibach durch Kötzting. Der Krankentransportwagen des BRK-Kreisverbandes Kötzting kommt von der zweiten Transportfahrt des Tages zurück.

16 Uhr: Der Nachmittag in der Kreisstadt Kötzting zeigt sich wesentlich ruhiger als der Vormittag. Junge Frauen fahren in der schon wärmenden Sonne mit den Kinderwagen aus. Ein schwerer Langholztransportkraftwagen dröhnt durch die Bahnhofstraße.

17 Uhr: Die Linienomnibusse, die zwischen 14 und 15 Uhr Kötzting auf der „Nachmittagstrecke“ angefahren haben, verlassen die Kreisstadt. Die nächsten Omnibusse in die gleiche Richtung fahren erst wieder nach etwa 22 Stunden. Noch einmal beleben sich die Straßen. Der „Feierabend“ und „Geschäftsschlussverkehr“ macht sich bemerkbar.

19 Uhr: In den Straßen Kötztings ist es wieder ruhiger. Vor den Gasthäusern stehen die Kraftfahrzeuge der Reisenden.

20 Uhr: Der Obere Markt belebt sich. Zentrum ist das Kötztinger Kino mit seiner Leuchtschrift. Mopeds surren und Motorräder knattern. In den Gastwirtschaften beginnt das Kartenspiel.



20.48: Der letzte Personenzug verlässt Kötzting in Richtung Lam. Der weiß-graue Volkswagen des Unfalltrupps der Landpolizeiinspektion befindet sich auf einer Streifenfahrt.

22.55: Am Kötztinger Bahnhof schnaubt der Nachtzug an; er bringt die letzten Gäste und die späten Reisenden zu ihren Angehörigen zurück. Dann erlöschen auch am Kötztinger Bahnhof die Lichter. Unter den Neonleuchten sind um Mitternacht die Kötztinger Straßen wie leergefegt. Knapp sechs Stunden nur dauert die „vollkommene“ Ruhe der kleinen Landstadt, die nur hin und wieder frohgemute Sänger unterbrechen. Ohne große Ereignisse im friedlichen Tagesablauf ist wieder ein Tag einer Landstadt zu Ende.

Ein zweiter Beitrag befasste sich im selben Jahr mit der Situation im und am Kötztinger Bahnhof und übermittelt uns genauere Zahlen über den Betriebsablauf vor mehr als 70 Jahren.

216 000 Reisende jährlich über den Bahnhof Kötzting

Fahrkartenturm wäre 54 Meter hoch - Organisation bis ins Kleinste - Sicherheit und Dienst am Kunden

KÖZ vom Februar 1959: Kötzting. Bahnhöfe sind Ausgangs- und Endpunkte des schienengebundenen Personen- und Güterverkehrs. Der Betrieb des Bahnhofes in Kötzting ist von 18 ankommenden und 18 abgehenden Zügen gekennzeichnet. Mehr als 600 Reisende passieren täglich in Kötzting die Bahnhofssperre.


"Die Aufgaben und Funktionen eines Bahnhofes sind vielfältig und umfangreich. Den Laien, der sich einmal mit dem Wesen des Bahnbetriebes beschäftigt, mag in erster Linie die großartig geplante, ineinandergreifende Organisation des Bahnbetriebes bestechen, bei dem fast wie in einer bis ins Kleinste rationalisierten Fabrik gearbeitet wird, bei dem das Prinzip der Arbeit am laufenden Band auf die Bedürfnisse des reibungslos ablaufenden Bahnverkehrs umgesetzt ist. Hinter den abfahrenden und ankommenden Zügen steht eine straffe und wohlausgedachte Betriebsorganisation, bei der ein Rädchen ins andere greift. Die Grundsätze der Betriebssicherheit und der Pünktlichkeit stehen an erster Stelle. Auch beim Bahnhof in Kötzting, bei dem es sich gegenüber den Knotenpunkten der Bundesbahn nur um einen Kleinbahnhof handelt, teilt sich der Bahndienst in zwei Gruppen, in die Gruppe Verkehr, die die Aufgaben der Güterabfertigung und den Personenverkehr betreut, und in die Gruppe Betrieb, die den Ablauf des Zugverkehrs regelt. Daher sind die beiden Gruppen auch zwei verschiedenen Bundesbahnämtern unterstellt, und zwar dem Bundesbahn-Verkehrsamt Regensburg und dem Bundesbahn-Betriebsamt Schwandorf. Die Organisation des Bahnbetriebes beginnt bereits mit dem Personalstand. Die Zahl der Beamten, Angestellten u. Arbeiter ist keineswegs willkürlich über den Daumen gepeilt, sie entspricht vielmehr einer bis in die Zehntelminuten genau errechneten Zeittabelle, die alle am Bahnhof anfallenden Arbeiten erfasst.

Der Dienst am Bahnhof in Kötzting beginnt bereits in den frühen Morgenstunden, wenn die Bürger der Kreisstadt noch im tiefen Schlafe liegen. Der erste Personenzug mit dem Anschluss in Richtung Straubing und München verlässt Kötzting vier Stunden und eine Minute nach Mitternacht. Schon eine halbe Stunde früher beginnt die Vorbereitungszeit. Wenn die letzten Passagiere den Nachtzug um 22.53 Uhr in Kötzting verlassen, geht erst eine halbe Stunde später der Dienst im Kötztinger Bahnhof zu Ende und verlöschen die Lichter, die wenige Stunden später schon wieder zum Frühzug leuchten.

Es gibt Menschen, deren Hobby es ist, sich wenigstens einmal am Tage den Bahnbetrieb anzusehen. Er erscheint wie ein ewiges, aufregend spannendes Spiel mit Dampf, Qualm und dröhnenden Waggons, schrillen Pfeifensignalen und bunten Lichtern.

KÖZ vom Februar 1959: Eisenbahnromantik an der "Houdabruck" im Winter mit der "Osser" Dampflok. 

Kötzting. Der Vormittagszug ist unterwegs und poltert über die Regenbrücke. Wie Wattebäuschen entsteigt der Dampf der Lokomotive. Zu keiner Zeit zeigt sich die alte Romantik der Dampflokomotiven so sehr wie gerade im Winter, wenn der Abdampf in dicken Wolken kondensiert, die in der Gegensonne aufleuchten.

Theoretisch kämen in Kötzting bei täglich 36 Zügen auf jede Stunde eineinhalb fahrplanmäßige Züge, praktisch aber bedeutet der Fahrplan des Kötztinger Bahnhofes, dass alle anderthalb Stunden zwei Züge Kötzting in Richtung nach dem Westen und Osten verlassen: nach dem Westen bis Miltach, Cham und Neufahrn mit den Anschlüssen nach Süd- und Norddeutschland, nach dem Osten bis Lam, dem Endpunkt der 17 km langen Bahn der Lokalbahn AG. Lam — Kötzting. Täglich kommen in Kötzting etwa 300 Reisende an. Die abfahrenden Reisenden werden mit der gleichen Zahl angegeben, das sind insgesamt etwa 216 000 Reisende, die im Laufe eines Jahres am Bahnhof in Kötzting betreut werden. An den Festtagen, wie etwa in der Pfingstfestwoche, erreicht der Personenverkehr absolute Höhepunkte.

Wie aus einem Gespräch mit Bahnhofsvorsteher, Bundesbahnsekretär Rich. Schmidt, zu erfahren ist, werden am Bahnhof in Kötzting monatlich etwa 2 300 Fahrkarten verkauft. Das sind im Jahr rund 25 200 Fahrkarten. Würde man sie aufeinanderstellen, ergäben sie einen über 54 Meter hohen Turm. Der Versand und Empfang verzeichnet am Bahnhof in Kötzting monatlich 15 200 kg Expressgut. Die Zahl der monatlich ankommenden Wagenladungen kann mit 60, der abgehenden Wagenladungen mit 100 registriert werden. Diese wenigen Zahlen geben ein aufschlussreiches Bild vom Arbeitspensum der verhältnismäßig kleinen Gruppe von Personal, sie zeigen aber auch die Verantwortung, die auf den Schultern der Männer im blauen Eisenbahnrock lastet.


U25-9 Bahnhof Kötzting041 Hier noch die alte Güterhalle für den Schwertransport.
Den Weitertransport ab Güterbahnhof erledigte zum Beispiel der "Bahnspediteur Franz Graßl"

Archiv Richter: die Kötztinger Güterhalle


Der Bahnhof in Kötzting verfügt über vier Gleise mit zwei Bahnsteigen, die Länge der Bahnanlage von Signal zu Signal beträgt über 850 Meter. Der Bahnhof entstand 1892 mit dem Bahnbau aus Richtung Cham — Miltach. Schalter-, Warte- und Diensträume wurden im vergangenen Jahr neu gestaltet. Im Rahmen des verstärkten Einsatzes von Motorfahrzeugen erfolgte auch die Erweiterung und der Umbau der Maschinenhalle. Bahnhöfe sind auch Stationen menschlicher Schicksale. Sie könnten viel erzählen von Freude und Leid, Abschied und Wiedersehen, von Verzweiflung und Hoffnung. Sie sind auch der Ausgangs- und Endpunkt vieler menschlicher Schicksale.


Foto Erwin Vogl Miltach

 


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
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Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei im Bereich des Bahnhofes zu finden.

 

Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

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