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Freitag, 28. August 2026

Erinnerungen an Altkötzting Nr. 69: vom Schweinemarkt zum Viktualienmarkt

  In der Bildersammlung des Stadtarchivs haben sich zahlreiche Momentaufnahmen erhalten, die einen „Blick zurück“ auf das Alltags- und Gesellschaftsleben früherer Jahrzehnte erlauben: auf Handel und Gewerbe ebenso wie auf Feste, Bälle und gesellige Abende, bei denen besonders der Fasching mit seinen Burschenbällen und Abschieden eine prägende Rolle spielte. Neben diesen unbeschwerten Szenen verweisen die Aufnahmen aber auch auf Herausforderungen, die das Leben in Kötzting lange begleiteten, allen voran die immer wiederkehrenden Hochwasser in den Auwiesen, die eine Nutzung dieses Bereichs über Jahrzehnte hinweg erschwerten. Erst die Hochwasserfreilegung schuf die Voraussetzungen für eine grundlegende Umgestaltung – und damit für die Entstehung des heutigen Kurparks - des größten Parks übrigens in der ganzen Oberpfalz.. Die folgenden Bilder führen zurück in ein Kötzting vor rund 50 Jahren und erinnern an das "Stadtbild" jener Zeit.

Im August 1978 endete die Zeit der Kötztinger Viehmärkte mit den letzten, nur noch spärlichen Resten eines Schweinemarktes. Gleichzeitig fruchteten die Bemühungen um die Einrichtung eines Viktualienmarktes: Im Pausenhof der Holzapfelschule entstand der erste Verkaufsstand.
In der Kötztinger Umschau wurde diese Entwicklung begleitet:

KU vom 8. Juli 1978
"Ferkel das einzige Handelsobjekt - Trotzdem noch etwas Tradition  - Samstag erster Viktualienmarkt"
Serwuschok U164 
Da "Schousta Sepp" am Marktplatz in Kötzting am 8.7.1978 als potentieller Käufer

Die Umschau berichtete auch über die "Entwicklung" des Kötztinger Marktgeschehens.

"Kötzting (kxa). Die Tradition der „Märkte“ in Kötzting lebt wieder auf. Die „Standmärkte“ konnten sich bis in unsere Tage erhalten, während die „Viehmärkte“ im Verhältnis zu früheren Zeiten zusehends an Bedeutung verloren haben. Um so erfreulicher ist die Tatsache, dass nach einem Beschluss des Stadtrates vom 11. April dieses Jahres die Einführung eines „Viktualienmarktes“ beschlossen und vom Landratsamt Cham am 6. Juli 1978 genehmigt wurde.

In diesem Zusammenhang einen Blick zurück: Der Markt Kötzting war vor fast 130 Jahren schon Mittelpunkt des Wirtschaftslebens in weitem Umkreis. Dies geht aus einer „Bekanntmachung“ des Magistrats vom 9. April 1850 hervor:

„Im Markt Kötzting werden alljährlich mit höchster Bewilligung der k. Kreis-Regierung sieben Jahrmärkte, und zwar der erste am letzten Sonntag im Monat Jänner, der zweite am fünften Sonntag in der Fastenzeit, der dritte am Christi-Himmelfahrts-Tag, der vierte am ersten Sonntag im August, der fünfte am Sonntag nach Maria Geburt, der sechste am letzten Sonntag im Oktober und der siebte am dritten Sonntag im Dezember, respektive am zweiten Advents-Sonntag abgehalten, und ist mit jedem Tag vorher die Abhaltung eines Viehmarktes verbunden.

Der Plötz´sche Viehanhänger vor dem Wirtshaus Miethaner am oberen Markt.


Indem man die Landwirte und sonstigen Vieh-Besitzer der diesseitigen Waldgegend hiervon geeignet in Kenntnis setzt, werden dieselben bei der vorteilhaften Lage des Marktes Kötzting diese Gelegenheit benützen, zur Belebung des Verkehrs im allgemeinen ihre zum Verkauf an den abzuhaltenden Viehmärkten behufs der Veräußerung wie anderwärts auch im Markte Kötzting zu lassen. Kötzting, den 9. April 1850, gez. Schrank und Graßl.“

Aus welchen Überlegungen auch immer, verlegte der Magistrat von Kötzting nach seiner „Bekanntmachung“ vom 10. März 1893 die vor dem bewilligten Viehmärkte auf den Montag der nach der Bekanntmachung von 1850 benannten Jahrmarkt-Sonntage. Die kgl. Regierung von Niederbayern, Kammer des Innern, erkannte damals schon: „Der günstigen Lage des Marktes Kötzting als Mittelpunkt eines großen Bezirkes mit bedeutendem Viehhandel kommt noch der Umsatz zugute, dass die Lokalbahn Cham–Kötzting einen Anschluß an die Hauptbahn ermöglicht.“

Weiter heißt es in dieser „Bekanntmachung“, die vom 1. Magistratsvorsitzenden Oesterer signiert wurde: „Den Marktbesuchern und Käufern ist die beste Auswahl geboten. Zu recht zahlreichen Besuch der Viehmärkte wird hiermit eingeladen.“ Nach einer Verfügung des Bezirksamtes Kötzting vom 27. August 1927 über den „Verkehr mit Vieh und Fleisch“ wurde dem Viehmarkt auch ein Schweinemarkt angeschlossen, der an jeden zweiten Freitag eines Monats und zwar von sieben bis zwölf Uhr stattfand.

 

Kötztinger Anzeiger vom 20.2.1931. 250 Stück Großvieh wurden angetrieben.

 „Annodazumal“ wurde auch auf die strengen ortspolizeilichen Vorschriften „zum Vollzug der Viehmarktordnung“ vom 2. Juli 1927 aufmerksam gemacht, wonach das Vieh höchstens in drei Koppeln aufgetrieben werden darf. Der Paragraph zwei besagte, dass das Wort „Viehtransporteur“ durch das deutsche Wort „Viehtreiber“ zu ersetzen sei.

Interessant ist auch das „Amtsdeutsch“ von damals hinsichtlich der Gebührenordnung: „Die Gefährdung der Viehmarktgebührenordnung durch Zuwiderhandlung gegen vorstehende ortspolizeiliche Vorschrift wird mit Geldstrafe bis zu 150 RM, die rechtswidrige Entziehung oder Verkürzung dieser Gebühren, sofern dieselben den Betrag von 4,50 RM nicht übersteigen, mit Geldstrafe von 150 RM, bei höheren Beträgen bis zum zehnfachen, im Rückfall bis zum 20fachen Betrag des entzogenen Gefälles, keinesfalls aber mit einer geringeren Geldstrafe als 1 RM bestraft.“

KU vom November 1948

„In der guten alten Zeit“, so jedenfalls erinnerte sich noch ein älterer Viehhändler an die Erzählungen seiner Vorfahren, „war an den Markttagen in Kötzting noch was los“. Die Bauern kamen in Scharen. Die „Handelsschaften“ spielten sich auf dem oberen Markt ab. Der Auftrieb der Rindviecher, Zuchtsauen und Ferkeln und vor allem der Rösser war groß und auswahlreich. Die Bauern trieben ihr Vieh bis vom Zellertal, vom Lamer Winkel, vom Hinterland des Hohen Bogens und zeitweise auch von „Drüben“ (Böhmen) zum Markt, die Sauen und Ferkel wurden mit dem Schubkarren oder Handwagerl transportiert. In unserer heutigen motorisierten Welt wäre das unvorstellbar.

KU ein Bild des monatlichen Schweinemarktes aus besseren Zeiten. August 1963
Die Viehhändlerin links mit dem Schweinchen auf dem Arm könnte/sollte Frau Plötz gewesen sein.

Mit einem Handschlag wurden die Geschäfte besiegelt, und für die Bauern bedeutete damals der Marktbesuch gewissermaßen ein Festtag. Die Handelsleute brachten Leben in den Markt und nahmen nicht nur Neuigkeiten, sondern auch „Mitbringsel“ mit nach Hause.

Ganz anders ist die Marktsituation in unseren Tagen. Der Besuch des gestrigen Ferkelmarktes vor der Veitskirche hatte alles andere, nur nicht das bewegte Bild früherer Zeiten. Ein ortsansässiger Viehhändler wartete seit sechs Uhr in seinem Pkw auf Kundschaft. Im Anhänger seines Autos aalten sich ganz friedlich sieben Ferkel. Kein Grunzen war zu hören, keine Anzeichen für einen „Saumarkt“ zu entdecken. Erst gegen sieben Uhr visitierte ein Bauer aus dem Umland die Viehhändlerin, dann kam noch ein Landwirtsehepaar aus der Stadt dazu. Es gab nicht viel Auswahl zum „Ausspielen“, was den Preis betrifft. Die Interessenten kauften kurzentschlossen das Stück für 110 Mark. „Das wird alleweil schlechter“, sagte der Viehhändler etwas verdrossen und meinte auch, „dass wird mit dem Saubilligsein heit an nimmer stimmt“. Vor einem Jahr kamen noch Händler aus der Oberpfalz und vom Gäuboden mit einem Angebot von etwa 200 Ferkeln. Heute fahren die meisten Bauern mit ihrem Pkw nach Straubing zu den großen Märkten oder sie lassen sich mit Nachwuchstieren vom „Schweinering“ versorgen. Die meisten Abnehmer sind inzwischen Privatleute, die zum Eigenverbrauch noch „saufüttern“. „Manchmal steh i da von sechse bis achte und na foahr i halt wieder heim, ohne a Stückl verkauft zu ham“, gesteht der Händler. Er beklagt, dass die Holländer den Ferkelmarkt bestimmen und wöchentlich bis zu zweitausend Tiere ausführen. „Do ist für uns nix mehr drin“, resigniert der Mann. „Früher war halt mehr los auf die Viehmarkt.“


Doch nun hat es den Anschein, als ob die alte Markttradition wieder aufleben würde. Nach einer Verlautbarung der Stadtverwaltung wird bereits am kommenden Samstag, 15. Juli, von 7 bis 12 Uhr in der Holzapfelsstraße vor dem neuen Parkplatz ein Viktualienmarkt gehalten, der den Hausfrauen die Möglichkeit geben soll, Gemüse, Obst, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Blumen frisch von Feld und Garten am Stand zu kaufen. Mit dieser Einrichtung dürfte sich eine echte Verbraucherlücke schließen.

Am Samstag der drauffolgenden Woche war es dann soweit, der neu genehmigte Kötztinger  Viktualienmarkt nahm seinen Anfang und Frau Serwuschok berichtete:

KU vom 14.7.1978

Der erste und einzige Verkaufsstand beim neuen Kötztinger Viktualienmarkt des Riedersfurther Gärtners. KU vom 14.8.1978


Kötzting (na). Der erste Viktualienmarkt fand an einem Stand statt. Die Bemühungen der Stadt, Interessenten zu finden, die Obst, Gemüse und Blumen feilhalten, haben auf Anhieb wenig Erfolg gebracht. Die Wiederbelebung dieser Tradition, die noch Anfang der 50er Jahre ihre Verkaufsstände beim Alten Rathaus und vor den Häusern, in denen jetzt die beiden Apotheken etabliert sind, aufgeschlagen hatte, scheint zögernder anzulaufen als ursprünglich angenommen.

Mit einem gewissen Neid blicken die Kötztinger schon seit langem zum Beispiel hinüber nach Viechtach, wo der Wochenmarkt dem Verbraucher eine gern genützte Einkaufsquelle bietet. Der Initiative eines einheimischen Gartenbaubetriebes ist es zuzuschreiben, dass die Stadtverwaltung bei der zuständigen Aufsichtsbehörde die Genehmigung für die wöchentliche Abhaltung eines Viktualienmarktes eingeholt hat. Sie hat sich noch ein übriges und machte alle Geschäfte zu ortsansässigen Gärtnereien auf diese Möglichkeit aufmerksam.



Trotzdem sah sich der Riedersfurther mit seinem Stand allein auf weiter Flur, als er am vergangenen Samstag zum Markt brachte, was für diesen Zweck in seinem Betrieb gewachsen war. Die Hausfrauen griffen gerne zu. Schon kurz nach 10 Uhr waren gerade noch drei Stängel Blumen, ein Krautkopf und ein paar Stauden Salat zu haben und auch das ging noch reißend weg. Für nächsten Samstag hat sich ein zweiter Händler verbindlich angesagt.

Einheimische Geschäftsleute, auch solche, die früher den Markt geschickt haben, wollen zusätzlich keinen Stand aufschlagen. Sie bleiben lieber in ihren Verkaufsräumen. Die Stadt rechnet aber damit, daß vielleicht Bauern und Landwirte aus der Umgebung die Möglichkeit nutzen könnten, auf dem Viktualienmarkt ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Interessenten sollten sich im Neuen Rathaus melden.

Übrigens wird der Markt künftig – also auch schon nächsten Samstag, nicht vor der Holzapfelschule gehalten, sondern vor dem provisorischen Parkplatz in der Holzapfelstraße auf der Fläche neben dem Anwesen Barth, die sonst auch für Parkzwecke zur Verfügung steht, am Markttag aber für die Verkaufsstände reserviert bleibt. 

Die Produktpalette würde ich als "übersichtlich" bezeichnen, trotzdem war der Start offensichtlich ein Erfolg und alle Seiten zufrieden.


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
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Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei im Bereich des Marktplatzes zu finden

 

Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

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