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Mittwoch, 5. August 2026

Sitzweilerinnerungen des Kötztinger Trachtenvereins

In einem besonderen Zufallsfund im Krämerarchiv (KB Krämer K 74) stieß ich auf eine Beschreibung der „winterlichen Unterhaltung“, an die sich der Kötztinger Trachtenverein bis heute erinnert. Leider sind die zugehörigen Fotos des Zeitungsbeitrags von der Kötztinger Umschau nur in schlechter Qualität überliefert. Dennoch lässt sich – insbesondere im Zusammenhang mit dem Begleittext – gut erkennen, welche Szenen auf den Aufnahmen festgehalten wurden. 


Frau Renate Serwuschok berichtet in ihrem Beitrag über diese "Heimspiele":

"Kötzting. Wie anders war es doch, als man jung und alt in bester Harmonie beieinander fand. In den Wintermonaten in der großen Stube eines Bauernhauses beim milden Licht der Petroleumlampe, als die Ahnl wunderliche Geschichten zu erzählen wusste, während die Spinnräder summten und im alten Kachelofen die Bratäpfel schmorten. Wie anders und schöner war es damals, als die jungen Burschen zur Sitzweil kamen, verstohlen mit den Mädchen ihrer Wahl herzinnige Blicke tauschten und ansonsten sehr vernünftige Gespräche mit dem Altbauern führten. Die Zeiten sind endgültig vorbei. Heute trifft man sich beim Nachbarn, unaufgefordert oder eingeladen, um die neueste Fernsehsendung anzuschauen, aber längst schon nicht mehr, um etwa eine gemeinsame Radiosendung zu hören. Auch diese Epoche gehört schon der Vergangenheit an.

Eine alte Bäuerin, die uns mit Tränen in den Augen klagte, wie einsam und verlassen sie sei und wie weh es ihr tut, wenn sie daran denkt, dass ihre Großmutter im Kreise einer fröhlichen Jugend alt werden durfte, brachte uns auf den Gedanken, einen „Hoagarten“ zu rekonstruieren, um vor allen Dingen die seinerzeit so beliebten, heute aber leider vergessenen Heimspiele aufzuspüren.

Am Abend in ein Bauernhaus zu gehen, wäre zwecklos gewesen, weil es die „Roggastubn“, wie der Hoagarten noch genannt wird, nicht mehr gibt. Wir nahmen daher mit dem Vorstand des Kötztinger Heimat- und Volkstrachtenerhaltungsvereins „D'Waldlerbuam“, Poidl Sperl, Rücksprache und baten ihn, uns ein paar dieser alten Spiele zu zeigen. Zusammen mit seinem Jüngsten und den Trachtenkameraden Emberger und Milczewsky ließ er den unterhaltsamen Teil der Sitzweil lebendig werden. Wir konnten uns dabei gut die Bauernstube vorstellen, in der die Weibsleute gesponnen oder Federn geschlissen, gestrickt oder geflickt haben, während die Männerleut Tabak gerieben, Besen gebunden, Holzschuhe und Späne gemacht oder sich als Kirmzäuner betätigt haben. Nach getaner Arbeit wurden die Spinnräder und „Hoanzlbänke“ beiseite geräumt und Platz geschaffen für Spiel und Tanz.

Die Heimspiele sind der spielerische Ausdruck urwüchsiger Kraft. Wehleidig und empfindlich darf man dabei nicht sein, sonst bekommt einem der herzhafte Tuscher, beispielsweise beim Stiefelwichsen, bestimmt nicht gut. 

Stiefelwichsen 

Wer die Unterhaltungsabende für unsere Feriengäste in der Kreisstadt miterlebt hat, wird sich an dieses Spiel sicher noch erinnern können. Es geht hier um das Blankmachen von Stiefeln, die ihren Glanz durch das gegenseitige tüchtige Abziehen an der Ledernen des Partners erhalten sollen.


Das „Eichkatzlfanga“ erfordert dagegen außerordentliche Schnelligkeit und Geschicklichkeit. Der Mann in der Mitte hält einen Reisigbesen, an dessen Stiel er mit beiden Händen so rasch auf- und niederrutscht, wie es das Eichkätzchen am Baumstamm tut, um dann ganz unverhofft links oder rechts abzuspringen. Auch das menschliche Eichkatzl riskiert urplötzlich derartige Absprünge, und zwar mit den Händen auf die Knie der Nebenmänner, die darauf warten, die Hand mit dem Kochlöffel zu erwischen und ordentlich Tatzen zu verabreichen, die unter Umständen sakrisch schmerzen können, wenn das Eichkatzl zu langsam ist.


Ebenso schnell muss man auch beim „Backofa-Einrenna“ sein. Ein Stuhl ersetzt den Backofen, ein Besen den Brotschieber. Der Hintermann fragt seinen Vordermann, ob das Broat schon fertig sei. Dieser antwortet mit einem ärgerlichen „Nein“, worauf der „hungrige Kunde“ dem „Bäckermeister“ droht, ihm den Backofen einzurennen, den Besenstiel nimmt, den der Bäcker zwischen den Beinen hat und nun lustig darauf losstößt. Der Bäcker muss jeden Stoß so abfangen, dass er links oder rechts vom Stuhl vorbeifährt. Gelingt es dem Angreifer, mit dem Besen den Stuhl wegzuschieben, hat er das Spiel gewonnen.

Backofa-Einrenna

„Jakob wo bist du“ ist ein Spiel, das der bekannten „blinden Kuh“ ähnelt. Den beiden „Raufbolden“ werden die Augen verbunden. Sie haben Riemen und Stricke als Waffen, wie man sie zur Züchtigung böser Buben benützt, und müssen nun versuchen, durch Verstellen der Stimmen das Gegenüber zu foppen und dessen Schläge in eine verkehrte Richtung zu locken, um auf diese Weise selber nichts abzubekommen.


 Beim „Gäns verkaufen“ geht es reichlich nass zu, kein Wunder, denn Gänse brauchen ja das Wasser. Der Hanslbauer kommt zum Gansbauer und will einen Zuchtganserer kaufen. Auf der Erde hocken die Burschen. Auf einen von ihnen fällt die Wahl. Ehe der Gansbauer ausführlich die Qualitäten seinen Zuchtganserers gebührend zur Sprache gebracht hat, sieht sich das Opfer schon von kräftigen Fäusten gepackt und im Handumdrehen in eine mit Wasser gefüllte Schüssel fallen gelassen. Bei der Lerne¹ schadet das ungewollte Bad meist nicht viel, dafür hat aber die Bäuerin das Vergnügen, den „Saustall“ wieder in Ordnung zu bringen.


Die Reihe der Spiele, wie man sie früher überall im Bayerischen Wald gespielt hat, ließe sich noch beliebig fortsetzen. Sie bringen die Zuschauer zum Lachen und bereiten den Beteiligten einen Mordsspaß. Als der Kötztinger Trachtenverein nach dem zweiten Krieg wiedergegründet worden ist, hat man bei einer Veranstaltung in der Turnhalle eine stilechte Rogga-Stubn auf der Bühne eingerichtet und eine echte Sitzweil aufgeführt.
Der Beifall war groß, noch größer war aber der Applaus, als unsere Trachtler vor dem letzten Kriege in Hamburg ein solches Gastspiel gaben. Sie wurden dort fast so gefeiert, wie die heutigen Stars von Film und Bühne.

Wäre es nicht nett, wenn man sich wieder einmal entschließen könnte, unserer Generation zu zeigen, wie es früher einmal war bei uns dahoam?




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