Die "Constellation" aus Thenried
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| Sammlung AKH Ordner Umland Rimbach - Thenried - Zenching |
Viele werden sich sicher noch daran erinnern, dass gleich rechts an der Ortseinfahrt von Thenried in den 1970er Jahren ein Schiffsrumpf entstand – Stück für Stück. Für mich als unwissenden Autofahrer sah es allerdings immer so aus, als würde sich an diesem Schiffsrumpf überhaupt nichts verändern. Jahr für Jahr stand das gewaltige Ding dort auf seinem hölzernen Gerüst und schien einfach nicht fertig werden zu wollen.
Ein Zufallsfund in unserer losen Bildersammlung – zumeist aus der Sammlung Serwuschok – brachte dann diese beiden Bilder zutage. Das erste zeigt den noch im Bau befindlichen Rumpf, das zweite die fertige Yacht. Und plötzlich war auch die Erinnerung an das schon lange vergessene Schiff wieder da – und meine Neugier sowieso.
Denn nun stellte sich natürlich die Frage: Wer hat dieses Schiff gebaut? Was hatte eine Yacht ausgerechnet in Thenried zu suchen? Und was wurde schließlich aus ihr?
Wie immer, wenn es um Themen aus dem Gemeindebereich von Rimbach geht, ist Gwasch Silberbauer eine zuverlässige und reichlich sprudelnde Quelle. So also auch dieses Mal. Durch seine Zeitungsausschnitte kann ich nun die außergewöhnliche Geschichte dieses "Motorseglers" nachzeichnen. Im Jahre 1978 schrieb ein Redakteur der Kötztinger Umschau mit dem Redaktionskürzel (ab) über dieses "Trockendock":
"Kötzting/Thenried. (ab) Ein wunderliches Ding steht am Ortseingang von Thenried, so mancher hat sich sicherlich schon gefragt, was ein im Entstehen begriffenes Schiff mitten im Bayerischen Wald soll! Wenn allerdings die Hintergründe bekannt sind, ist die private Baumaßnahme ganz verständlich. Ein Hesse, den die Bundeswehr nach Bayern verschleppt hat, es gefällt ihm hier dennoch ganz gut, hat den Entwurf für seinen Motorsegler selber gefertigt und erbaut nun sein Schiff auch in eigener Regie. Herbert Schönfelder, so heißt der Oberfeldwebel, wird bei seiner Arbeit vom „stillen Teilhaber“ und Kameraden Manfred Dietl nach Kräften unterstützt.
Herbert Schönfelder hatte bereits von Kind an Interesse an solchen „Fahrzeugen“ und nun verwirklicht er eben seinen Traum. Allerdings ist er der Meinung, dass bei der Umsetzung in die Realität die Jugendträume zerstört werden. Man muss sich nach dem Marktangebot richten und die einzelnen Arbeitsschritte sind doch ziemlich langwierig. Bereits seit vier Jahren laufen die Vorbereitungen. Zuerst musste er sich mit der Fachliteratur vertraut machen, viele Ausstellungen besuchen und einschlägige Erfahrungen am Meer sammeln. Dann konnte er erst den Entwurf und den Schnitt anfertigen. Seit Mai dieses Jahres wird nun an dem 19,5 Meter langen, 4,95 Meter breiten und 4,60 Meter hohen Zweimaster gearbeitet. Über das Eisengerüst wird eine aus Stahlbeton gefertigte Außenhaut gezogen werden. Die aus Ferro-Zement, so wird das verwendete Material genannt, bestehenden Außenwände werden nur 2,5 cm dick und nicht mit Hilfe einer Schalung angetragen, sondern gespachtelt.
Ein besonderer Umstand, der das Gefährt einmalig macht, ist der, dass dies das erste Schiff in Deutschland sein wird, das in Stahlbetonbauweise errichtet und mit einem mittellangen Kiel von 7,5 Meter ausgestattet wird.
Ist dann das ganze Projekt abgeschlossen, 1982, wenn die beiden Oberfeldwebel aus der Bundeswehr entlassen werden, soll es soweit sein so weist der Motorsegler eine Wasserverdrängung von 37 Tonnen und eine Segelfläche von 170 Quadratmetern auf. Er wird mit zwei Masten, einem 22 Meter hohem Hauptmast und einem 17,5 Meter hohen weiteren Mast und mit einem Dieselmotor von 120 PS ausgerüstet. Die beiden „Schiffbauer“ wollen ihr „Boot“ ganz allein vollenden, vor allem die Inneneinrichtung (10 Gästekabinen für die Unterbringung von Tauchern – sollen installiert werden), die Arbeiten am Mast und die Holzarbeiten sind hier zu nennen. Das benötigte Material wird von den einheimischen Firmen gekauft. Nur der Maschinenbau und ähnliche Details werden den Fachmann überlassen.
Der Aufwand für diesen Segler ist etwa vergleichbar mit dem eines Hausbaus. Aber die Strapazen sollen sich auch lohnen, denn hier wird die Grundlage für ein Sporttauchunternehmen geschaffen. Herbert Schönfelder, lässt sich noch während seiner Dienstzeit zum staatlich geprüften Tauchsportlehrer ausbilden und kann dann eine Taucherschule gründen. Da dies im Bayerischen Wald ein bisschen kompliziert werden dürfte, wird der fertige Zweimaster mit einem Tieflader nach Deggendorf gebracht und dort „gewässert“. Er fährt dann selber bzw. von einem Schlepper gezogen, auf der Donau dem sonnigen Süden entgegen. Die heutigen Oberfeldwebel, deren Familien, Frau und Kinder auch fleißig mitbauen, werden sich dann in Griechenland oder Jugoslawien niederlassen. Dort werden sie dann bestimmt dieses Problem mit dem schlechten Wetter nicht mehr haben, das die Bauarbeiten, die ja unter freiem Himmel erledigt werden müssen, beträchtlich verzögert hat. Es bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Sommer viel Sonnenschein mit sich bringt, damit die Arbeiten leichter und schneller ausgeführt werden können.
Die Bauzeit dauerte dann doch noch "etwas" länger als ursprünglich angedacht. Am 11.6.1988 berichtete Frau Renate Serwuschok in der Kötztinger Umschau über den - Stapellauf kann man es ja wohl noch nicht nennen - aufwändigen Transport des Schiffsrumpfes von der Werft in Thenried an die Donau bei Straubing.
DIE 38 TONNEN SCHWERE BETON-JACHT „CONSTELLATION“ ist gestern am frühen Morgen in Sossau bei Straubing ausgelaufen. Vor seiner Jungfernfahrt musste das 19,5 Meter lange, fünf Meter breite und 4,70 Meter hohe Ungetüm aus Beton allerdings mit Hilfe eines Lasterkrans auf einen Tieflader verfrachtet werden und eine drei- bis vierstündige Nachtfahrt mit Polizeibegleitung überstehen. Viel Geduld mussten am Donnerstagabend und -abend die vielen Schaulustigen aufbringen, bis die Stahlseile des Krans für den Hebeakt exakt schön und die Jacht auf den Tieflader gehievt werden konnte. Zeitaufwendig gestaltete sich auch die Befestigung der „Constellation“ auf dem Tieflader. Von einer Polizei-Eskorte begleitet, wurde das in elf Jahren von Herbert Schönfelder nahezu im Alleingang konzipierte und erbaute Schiff über Lederdorn, Blaibach und Miltach auf der Staatsstraße nach Sossau gebracht, wo es gestern auslief. Die Donau abwärts steuern die Schönfelders zusammen mit dem Ehepaar Sitzmann zunächst das Mittelmeer an und werden an Bord ihres Schiffes eine Tauchschule gründen. – Unsere Aufnahme zeigt die Beton-Jacht, die per Kran auf den Tieflader gehievt wird.
Im Jahre 2015 blickte die Zeitung noch einmal zurück auf den "Paradiesvogel" von der grünen Wiese bei Thenried:
Die „Constellation“
Das Thenrieder Betonschiff schippert immer noch im Roten Meer
Thenried. (ev) Die Kiellegung eines seetüchtigen Bootes an der Kötztinger Straße in Thenried kam 1977 einer kleinen Sensation nahe. War schon der Standort der „Werft“ im Bayerischen Wald mehr als ungewöhnlich, sorgte die Bauweise für zusätzliches Erstaunen. Der Rumpf des Segelschiffes bestand nämlich nicht aus Holz oder Stahl sondern aus Beton.
Der Aufbau des Unterteiles geschah folgendermaßen: Auf ein starkes Edelstahlgerippe kam ein Geflecht aus feinem Maschendraht. Darauf wurde dann eine dünne Schicht Spezialbeton gespachtelt. Insgesamt sind so vier Lagen aufgebracht worden, bis es eine Wandstärke von etwa 40 Millimeter ergab.
Die Freizeit von elf Jahren investierte der Erbauer Herbert Schönfelder in die Fertigstellung des 19,50 Meter langen und fünf Meter breiten Objekts. Am 15. Mai 1988 hatte die Bevölkerung die Gelegenheit, bei einem „Tag der offenen Tür“ die Jacht mit dem Namen „Constellation“ zu besichtigen. Noch im gleichen Jahr war es dann so weit. Im Beisein vieler Schaulustiger wurde das 38 Tonnen schwere Stück mit einem Autokran auf einen Tieflader gehoben und mit Polizeibegleitung nach Sossau (bei Straubing) gebracht. Über die Donau ging es dann zu Wasser weiter in Richtung Mittelmeer. Seit mehr als 26 Jahren betreibt nun der ehemalige Zeitsoldat Herbert Schönfelder im Roten Meer eine Tauchschule. Die „Constellation“ hat sich in dieser Zeit bewährt und steht immer noch im Dienst.
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| Foto Serwuschok Die Besichtigung der fertiggestellten Yacht, vor dem Abtransport an die Donau |
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⭐ Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland und dort genau bei südlichen Ortseinfahrt Thenrieds zu finden.
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