BEITRÄGE ZUR VOLKSKUNDE
Ein Kränzlein
dem ehr- und tugendsamen Jüngling …
Aufzeichnungen zum Kötztinger Pfingstkränzlein
Von Kreisheimatpfleger Karl B. Krämer, Kötzting
Den Höhepunkt und Abschluss des Kötztinger Pfingstrittes (1) bildet die Überreichung des Kränzleins an den Pfingstbräutigam (2). Das Kränzlein ist eine mit der Tradition des Kötztinger Pfingstfestes verbundene öffentliche Auszeichnung der Stadt Bad Kötzting, die jährlich am Pfingstmontag nach der Rückkehr der Reiterprozession dem „auserwählten“ Bürgersohn durch den Geistlichen Offiziator von Pferd zu Pferd überreicht wird, damit das Bindeglied zwischen dem religiösen Teil des Pfingstfestes mit dem herkömmlichen Pfingstritt und dem weltlichen Teil der Kötztinger Pfingstfestfeierlichkeiten mit der zweitägigen Pfingsthochzeit (3). Seit alters her wird das Kränzlein vom Geistlichen Offiziator bei der Reiterprozession mitgeführt (siehe 5). Ursprünglich am Allerheiligsten befestigt, seit 1869 an dem, an dessen Stelle getretenen Feldkreuz vor der Brust des Geistlichen hängend.
Einschub:
Seit dem Jahr 2004 ist das Pfingstkranzl wieder am Allerheiligsten befestigt. Dies geschah durch ein Dekret des damaligen Regensburger Bischofs
Gerhard Ludwig Müller zur Wiedereinführung des Pfingstrittes als Eucharistische Prozession.
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Dem Aufruf des Pfingstbräutigams und der Überreichung des Kränzleins geht eine Ansprache des Geistlichen Offiziators voraus. Es ist üblich, dass sich unmittelbar nach dem Festakt der Pfingstbräutigam und die beiden Brautführer festlich umkleiden und mit bebänderten Degen ausgestattet werden. Beim Rückritt in den Pfarrhof wird das Kränzchen zunächst an der Degenspitze, dann bei den Burschen- und Brautzügen am linken Oberarm getragen.
Einschub
Dieses "Umkleiden" ist gleichzeitig auch ein als sichtbares Zeichen des Übergangs vom kirchlichen zum weltlichen Brauchtum.
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| Aus Brigitte Ertls Buch "Kötztings Bürgerstolz" |
Ursprünglich aus Silber-, wurde das Kränzlein später aus Golddraht gefertigt, eine zierliche Filigranarbeit, mit bunten Steinen durchmengt. Riederer gibt als Fertiger den Kötztinger Goldschmied Heinrich Leßzkeur und die Blumenmacherin Anna Lommer aus Regen an. Letztere betont in ihrer Zuschrift an den Magistrat Kötzting 1875, dass es nun zum 50. Male sei, dass sie das Kränzlein für den Pfingstbräutigam mache. Die jährlichen Angebotsschreiben der Lommer, die später nach Regensburg übersiedelte, sind in den Akten des Kötztinger Stadtarchivs bis zum Jahre 1882 zu verfolgen. Bis zur Errichtung der St. Josefspflege in Kötzting wurden Kränzchen und Bräutigamsstrauß (4) von den Armen Schulschwestern in München hergestellt, seit 1895 von den Mallersdorfer Schwestern ,im 1894 gegründeten St. Josefsheim in Kötzting. Unter den Fertigern des Kränzchens im St. Josefsheim ist an dieser Stelle die Ehrwürdige Schwester Blasiana zu nennen. Nach einem Bericht in der „Kötztinger Zeitung“ hat sie im Jahre 1953 zum 30. Male das Kränzchen und den Bräutigamsstrauß angefertigt.
Einschub bzw. Ergänzung
Von 2007-2024 wurde das Kranzl im Kloster Seligenthal in Landshut angefertigt, seit dem Jahr 2025 von der Klosterarbeiten-Expertin Renate Müller aus Reisbach.
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Erste Erwähnung der Vergabe
Von der Überreichung eines Kränzleins ist erstmals in einem Bericht des Kötztinger Pfarrers P. Innocenz Mayr vom 6. 4. 1754 (5) die Rede. Zwar liegen aus dem 17. Jahrhundert Eintragungen in den Marktkammerrechnungen des Marktes Kötzting (6) vor, die eine Existenz der Reiterprozession (7) bestätigen, der weltliche Teil des Pfingstfestes findet jedoch vorerst keine Erwähnung. Pfarrer Mayr weiß nicht zu ergründen, warum beim Rückreiten einer der Bürgersöhne mit einem Kränzlein ausgezeichnet werde, das zuvor an dem hochheiligsten Gute gehangen. Pfarrer Mayr gibt lediglich an: wohl deshalb, damit die Bürgersöhne desto lieber das Allerheiligste begleiten. Diese ungenügende Erklärung ist zu verstehen, wenn man bedenkt, dass man sich zu dieser Zeit mit den eigentlichen Grundlagen dieses Volksrittes nicht befasst hat (Hubrich). Der vergleichenden Volkskunde gibt jedoch der weitere Hinweis Pfarrers Mayr: der mit dem Kränzchen ausgezeichnete Jüngling gehe samt seinesgleichen mit dem Kränzlein prangend im Markte herum, sammle Geld und tue sich im Wirtshaus mit Trinken und Tanzen bis in die späte Nacht wohlauf machen, einen wertvollen Aufschluss, der im Folgenden noch heranzuziehen ist. 1754 bis 1756 war die Vergabe eines Kränzleins durch das Bischöfliche Ordinariat untersagt. 1757 ist sie auf Grund eines Antrages der Kötztinger Bürgersöhne, unterstützt durch Kammereirat und Pfarrer, wieder gestattet worden.
Aus den Vorgängen von 1757 ist erstmals zu erfahren, dass die Überreichung des Kränzleins nach einer Ansprache des Pfarrers erfolgt. Ferner ist auch die Rede von der Erwählung einer Braut zum Tanze. Aus diesen Angaben wird einwandfrei klar, dass sich schon seit unvordenklichen Zeiten dem kirchlichen Teil — der Reiterprozession — ein weltlicher Teil, die „Pfingsthochzeit“, angeschlossen hat, zwischen denen das Bischöfliche Ordinariat, dem Zeitgeist der Reinigung des religiösen Lebens folgend, zunächst eine Grenze dadurch zieht, dass es zwar die Vergabe des Kränzleins wieder gestattet (1757), jedoch die Wahl einer Braut und das nächtliche, zur „Sündt“ anreizende oder gegen „gute Polizei“ laufende Tanzen untersagt.
1869 schließlich vertritt das Bischöfliche Ordinariat die Auffassung, dass die Überreichung des Kränzleins durch die Geistlichen, der das Allerheiligste trage, überhaupt zu unterbleiben habe. Diese Auffassung setzt sich jedoch nicht durch; es bleibt vielmehr bei der bisherigen Übung, dass das Kränzlein dem auserwählten Bürgerssohn durch den Geistlichen überreicht wird. Das Mitführen des Allerheiligsten ist jedoch nicht mehr gestattet.
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| Das Pfingstkranzl von 1884 von Franz Decker |
Einschub
Seit 2004 ist unser Pfingstritt wieder eine Eucharistische Prozession, das Allerheiligste wird wieder mitgeführt.
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Das Pfingstkränzlein, der alte Maien
Sieht man von der, von Mehler geschilderten Pfingstrittlegende (8) ab und sucht man eine Antwort auf die Frage der Herkunft, des Ursprungs der Auszeichnung eines auserwählten Burschen als „Pfingstbräutigam“ bei der verschiedenen Volkskunde, so eröffnet dies nähere Aufschlüsse. Ohne Zweifel verbirgt sich hinter dem Pfingstbräutigam der alte „Pfingstl“ (9), hinter der Pfingsthochzeit das alte Frühjahrsfest, das Mailehen, bei dem der Maigraf die Maibraut zum Tanze zusprochen bekam. Es sei an dieser Stelle Dr. Oskar Ritter von Zaborsky-Wahlstetten (1956) zitiert:
„Wann sich der altdeutsche Frühlingsbrauch des Maigrafen und der „Maibraut“, des „Maikönigs“ und der „Maikönigin“ als Pfingsthochzeit dem Ritt angegliedert hat, lässt sich nicht einmal mehr mutmaßen. Dass auch dieses Brauchtum bis in die vorchristliche Zeit zurückreicht, beweist der can. 38 der Synode von Worcester im Jahre 1240, in dem es heißt: „Das Volk dürfe nicht an den Feiern des Königs und der Königin festhalten“. Der von alters her in grünes Laub und dergleichen gekleidete und mitunter als Maigraf oder „Maiherr“ bezeichnete Pfingstbräutigam, mit einem grünen Kranze geschmückt und von Begleitern umgeben, …
In Bayern (1860) ist nachzulesen: „Anstatt des Pfingstl reitet vorne der Träger eines großen Kruzifixes und statt des bekränzten grünen Maien trägt in der Mitte des Zuges der Geistliche die Monstranz mit einem Kranz von Flitterblumen und Silberdraht.
Dr. Georg Schierghofer bezeichnet in seiner volkskundlichen Betrachtung „Pfingstritt“ (Sonderbeilage der Kötztinger Umschau 1930) die Überreichung des Kränzleins als Schmuckkult. (Kulturschmuck), den Maien oder das Tugendkränzlein des Pfingstls, eine der wichtigsten Grundformen, die im Kötztinger Pfingstritt mit dem Umritt (Reiterprozession) und dem Kultspiel (Pfingsthochzeit) zusammenfließen. Demnach bildet das Kränzlein, der Maien, als Segenszeichen der einstigen Pfingst- und Maygrafen, sogar eine Hauptrolle:
Es versinnbildlicht nun das Gute und Edle im Menschenleben, während es einstens das Symbol des ersehnten, geliebten Herrn Frühlings war, der den Jüngling mit der Jungfrau Erde vermählte, um den Menschen Segen und Fruchtbarkeit zu spenden …“
Wir haben also, wenn man sich dies und andere Argumente zu eigen machen will, mit der Kranzleinberückung einen vorchristlichen Schmuckkult vor uns, in der Pfingsthochzeit ein Kultspiel, Vorgänge, die nun bei der Betrachtung des Berichtes von Pfarrer Mayr 1754 und aus den Vorgängen von 1757 mit einem Male recht deutlich werden, obgleich sie an diesen Stellen weiter kaum angesprochen sind.
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| Pfingstkranzl von Theo Heigl |
Von der Erinnerungsgabe zum Sittenpreis
Ohne Zweifel aber hat man es beim Kötztinger Pfingstkränzlein auch mit einer Erinnerungsgabe zu tun. Das Kötztinger Pfingstrittlegende berichtet, dass "zu Anfang des 15. Jahrhunderts, 1412", Kötztinger Burschen den Pfarrherrn auf einem Versehgang nach Steinbühl das schützende Geleit gegeben hätten: „Wir dürfen annehmen, dass der Pfarrherr beim ‚gelobten‘ Danksagungsgang das Allerheiligste in feierlicher Weise mittrug, weshalb dann fromme Männer der Pfarrei sich in großer Zahl an dem Zuge beteiligten. Das Kränzlein aber, welches wie heute noch am Fronleichnamsfest, sich um den Behälter der Hostie schlang, mag wohl der Priester nach erfolgter Rückkehr dem bravesten Burschen zum Andenken gegeben haben. …
Immerhin geht den Kötztinger Pfingstfestakten aus dem Jahre 1782 hervor, dass die sogenannte Kränzleinausteilung durch einen Priester „nach einer kurzen auf Tugend und Guten Lebens Wandel abzielenden Anrede“ einem ledigen Burschen, „der sich am löblichsten aufgeführt“ zukomme, „zu unvergesslichen Angedenken des ehemals dem Seelsorger geleisteten Beistands und hierwegen erhaltener Belohnung …"
In Anlehnung an Mehler stellt Hubrich in seinem Freilichtspiel zum Kötztinger Pfingstritt „Pfingstritt“ uraufgeführt 1949, den Ursprung des Kränzleins als Dank- und Erinnerungsgabe dar, die der Geistliche dem tapferen der Kötztinger Jüngmänner, die einen Überfall beim nächtlichen Versehgang mit Erfolg abwehren, überreicht. Dass in diesem Freilichtspiel der „ausgezeichnete Bursch“, zugleich der „Pfingstl“ ist, erscheint nicht von ungefähr, im wesentlichen gilt das Kränzlein jedoch bereits im 19. Jahrhundert als ein Sittenpreis, mit dem seit unvordenklichen Zeiten ein Bürgerssohn bedacht werde, der sich während des ganzen Jahres am ehrbarsten und löblichsten aufgeführt habe (1757). Zugleich ist auch davon die Rede, dass das Kränzlein „zu vergelt und ferneren Auferbauung“ einem Bürgerssohn verehrt werde (Vergleiche 5).
Gleichzeitig wird auf den Brauch hingewiesen, dass der ausgezeichnete Bürgersohn mit seinem Kränzlein im Markt umherging, Geld sammelte und sich später im Wirtshaus mit Trinken und Tanzen bis tief in die Nacht hinein wohlauf machte.
Damit tritt neben den religiösen Sinn der Auszeichnung ein deutlich weltlicher Charakter. In späteren Zeiten, im Bürgersohn-Gedanken des 19. Jahrhunderts, gewann dieser weltliche Charakter noch an Gewicht, während der ursprüngliche Erinnerungs- und Segensgedanke in den Hintergrund trat.
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| Aus Brigitte Ertls Buch "Kötztings Bürgerstolz" : Pfingstkranzlausstellung |
Bezeichnungen
Das Kränzlein wird im Volksmund allgemein als „Kranzl“ bezeichnet. Es erscheinen jedoch noch mehrere Bezeichnungen: „Tugendkränzlein“, „Tugendkranz“, „Pfingstkränzlein“, „Ehrenkränzlein“ und anderes mehr.
1754: Cränzlein
1757: Ehren-Cranzl
1820: Kränzlein, „an den würdigsten der Jünglinge“ – Erteilung eines Kranzes an den sittlichsten Jüngling – Kränzlein; „Schönstes Beispiel der Tugend“;
1900: Mehler S. 11: „goldenen Kranz der Tugend, auf dass der damit Bezeichnete auch ferner als guter Diener, eifriger Christ und treuer Diener des Vaterlandes seine Pflicht erfülle …“
1903: Sittenpreis
1912: Über den Sinn des Kränzchens: Geistlicher Offiziator Kooperator Schmidt, bei der Festansprache zum 500. Pfingstritt: „Pfingstreiter! Ihr sehet unter euch heute Reiter, welche ein goldenes Kränzlein tragen, jugendliche; diese erhielten es erst in jüngster Zeit, aber auch ältere, die in Ehren ergraut. Für alle ist es ein Ehrenkränzchen für eine in Unbescholtenheit verbrachte Jugendzeit. Das war die Auffassung unserer Väter. Eine Jugend, die unentweiht, ist würdig mit einem goldenen Kränzchen vor aller Welt geehrt zu werden. Das ist auch unsere Auffassung. Ehre und Lob verdient eine Jugend, die in sittlicher Reinheit verbracht wird. Auch heuer soll wieder ein Jüngling mit diesem Ehrenkränzchen geschmückt werden ...“
1917: „Pfingstkränzchen als Ehrenkranz für dreijährigen Kampf um deutsche Farbe und Sitte und deutschen Glauben…“ KÖA 2. 6. 1917
1930: „Pfingstkränzchen“ (KÖZ 11. 6. 1930)
1940: Filigrankränzchen (KÖZ)
1943: Pfingstkränzchen (KÖZ 12./13. 6. 43)
1953: 1953: Geistlicher Offiziator Wagner bei der Festansprache an den Pfingstbräutigam: „Und so muss es euch allen und denen, die mit euch verbunden sind, eine Ehre sein, wenn am heutigen Pfingstmontag nach altem Pfingstbrauch einer aus eurer Mitte besonders geehrt und ausgezeichnet wird: Das Ehrenkränzlein, das er nun hinnehmen darf, soll euch Wahrzeichen sein, stets aufrecht zu wandeln wie die Väter … Für die Auszeichnung mit dem Tugendkränzlein wurde im Jahre 1953 ausersehen der Bürgers- und Landwirtsohn Otto Gerstl.“
1968: Geistlicher Offiziator, Kaplan Martin; Festansprache: „Zur Erinnerung an 1412 wird auch heuer wieder ein jünger Mann aus Eurer Mitte mit dem Ehrenkränzchen ausgezeichnet. Dieses Kränzchen sei für ihn und die gesamte Stadt eine Anerkennung aber auch eine echte Verpflichtung zu Heimattreue und Gläubigkeit. Zum 556. Ritt fordere ich den Herbert Amberger, Sohn des Marktmüller Karl Amberger auf, das Pfingstkränzlein zu empfangen. Er reite vor“.
Anmerkung:
Der aktuelle "Aufruf an den Pfingstbräutigam lautet:
"Der Pfingstbräutigam des Jahres ….. heißt ……………………. !
Er reite vor !
………… – nimm das Tugendkränzchen in Empfang, es sei für dich eine Anerkennung, zugleich aber auch eine Verpflichtung zum christlichen Glauben und zur Heimattreue !
Ausformungsversuche im 19. Jahrhundert
1827 ist es auf Anregung des Ortspfarrers in Söllhuben, Landkreis Rosenheim, zu einem Sittenfest gekommen, wobei von einem Ausschuss der „tugendreichste Jüngling“ und die „tugendreichste Jungfrau“ gewählt und in einer kirchlichen Feier mit der von König Ludwig I. gestifteten Medaille ausgezeichnet wurden.
Mit der Sittenfeststiftung vom 22. August 1828 folgt der Markt Viechtach mit seinem ersten Sittenfest am 1. Mai 1829 (10). Diese Sittenfeste sind typisch für die Ludwigszeit.
Unter diesen Einflüssen ist auch die Absicht des Kötztinger Landrichters Freiherr von Schatte (1824–1833) zu verstehen, der, um die sittliche Bildung der Jugend zu heben, dem Magistrat Kötzting unterm 9. Juni 1829 seine Vorschläge unterbreitet.
Schatte meint: Der seit Jahrhunderten im Markte Kötzting bestehende Pfingstritt am Pfingstmontag und die Art der Begehung habe einerseits Einfluss auf die sittliche Bildung, andererseits auf die „Veredelung der Pferdezucht“. Mit Rücksicht auf bereits vorliegende Ausführungsbestimmungen wäre es wünschenswert, dass die Auszeichnung nicht allein einen Jüngling treffen möchte, sondern auch zwei Feiertagsschülerinnen ausgezeichnet werden sollten, welche sich durch fleißigen Besuch der Werk- und Feiertagsschule sowie durch ein sittlich gutes Benehmen ausgezeichnet hätten, sollten ausgewählt und der Pfingstbraut als „Kranzljungfrauen“ beigegeben und schließlich mit einem passenden Geschenk bedacht werden.
Der fürsorgliche Landrichter dachte dabei an Spinnräder, die damals die Spindel ablösten. Als Ersatzeintrag wünschte von Schatte, dass der Pfingstbraut eine Ehrenmutter bestimmt werde und zwar wäre eine Mutter auszuwählen, welche für die religiöse, sittlich gute und geistige Ausbildung ihrer Töchter so gesorgt hätte, dass sie ihrer Erziehung vollkommen entsprächen.
Der Antrag des Landrichters findet beim Kötztinger Magistrat jedoch kein Gehör. Schatte resigniert. Er versäumt zwar nicht, den Magistrat auf den Sittenpreis von Viechtach zu verweisen, der ihm offenbar als eine anzustrebende Form der Ausformung des weltlichen Teiles des Pfingstfestes zu einem Sittenfest vorschwebt und verbindet damit seinen Wunsch: „Möge der Genius der Cultur in Baiern seinen milden Blick auf diese Gegend werfen und der Zeit möglich werden, was die Gegenwart versagt …“ (23. 11. 1829).
Zusammenfassung
Mit der Überreichung eines Kränzleins am Pfingstmontag an einen der Kötztinger Bürgersöhne handelt es sich um eine überlieferte Tradition. Mag die Volkskunde den Ursprung dieses Festes im vorchristlichen Frühjahrsbrauch zu erkennen versuchen, für seine eigentliche Würdigung erscheint mir jedoch mehr als aus den Vorgängen von 1782 ergebender Hinweis, dass der ledige Bürgersohn, „der sich am Löblichsten aufgeführt, ein Ehrenkränzl, glaublicher (weise) zum Zeichen, und zum unvergesslichen Angedenken des ehemals dem Selsorger geleisteten Baystandes und hierwegen erhaltenen Belohnung zugedacht“ erhalte, weil schriftlich überliefert von wichtiger Bedeutung.
Ohne Zweifel hat man es beim Kötztinger Pfingstkränzlein mit einem Andenken- und einem Sittenfest zugleich zu tun, wenn auch im Verlaufe des 19. Jahrhunderts das Sittenfest in den Vordergrund gedrückt worden ist. 1820/21 war schließlich dem Kötztinger Pfingstfest (12) ein zeitgemäßer moralisierender kirchlicher Aspekt hinzugefügt worden. Pfarrer Denner (12) sah; wie festzustellen ist, in der „Austheillung des Kränzchens an die würdigen Jünglinge …“ einen wertvollen Beitrag zur Hebung der sittlichen Bildung.
Demnach fand eine gewisse Akzentverschiebung statt; der Brauch wurde im Sinne der Zeit umgedeutet, der u. a. auch die Sittenfeste in Söllhuben und Viechtach entstehen ließ, die allerdings im Gegensatz zu dem durch Jahrhunderte überlieferten Andenken- und Sittenfest in Kötzting nicht von Dauer waren. Doch auch in Kötzting hat die Ehrung des auserwählten Bürgersohnes als „Pfingstbräutigam“ und die Auszeichnung mit dem Kränzlein in jüngerer Zeit wiederum den Charakter als „Sittenfest“ verloren.
Diese Einbuße ist allein schon durch die von Jahr zu Jahr sich komplizierende Ermittlung eines die Ehrung überhaupt annehmenden Bürgersohnes bedingt. Den Sinn der Kränzchenüberreichung in unserer Zeit scheint mir Martin, der Geistliche Offiziator 1968, am überzeugendsten dargelegt zu haben: Das Kränzchen, eine Erinnerung an das legendäre Jahr 1412, Anerkennung und zugleich Verpflichtung zu Heimat- und Glaubenstreue.
„Anmerkungen“
(1) Literatur: Mehler: Der Pfingstritt von Kötzting nach Steinbühl (1901), Eugen Hubrich: Der Pfingstritt von Kötzting nach Steinbühl (1959), Karl B. Krämer: Der Pfingstritt zu Kötzting (1965), Der Bayerwald 1931, Der Bayerwald, Sonderheft 1964. Riederer: Aufzeichnungen über den Kötztinger Pfingstritt (1912), Dr. Georg Schierghofer: Altbayerns Umritte und Leonhardifahrten (1913), Sonderbeilagen der Kötztinger Umschau, Sonderbeilagen der Kötztinger Zeitung (ab 1955) usw.
(2) Der Pfingstbräutigam ist der vom Stadtrat vorgeschlagene, vom katholischen Stadtpfarramt ausgewählte ledige Bürgersohn, der am Pfingstmontag mit dem Kränzlein ausgezeichnet wird. Er hat das Recht und die Pflicht, sich eine Bürgertochter zur „Pfingstbraut“ zu wählen und die „Pfingsthochzeit“ anzusetzen.
(3) Die Pfingsthochzeit ist eine gesellschaftliche Tanzveranstaltung am Abend des Pfingstmontags und des Pfingstdienstags. Hochzeitsbräuche sind nicht überliefert. Der Pfingsthochzeit geht jeweils der Burschen- und Brautzug durch die Straßen der Stadt Bad Kötzting voraus.
(4) Bräutigamsstrauß, wird am linken Oberarm über dem Kränzlein getragen. Volkskundliche Bezeichnung: Favor (Favorit), früher ein Geschenk der Braut an den Bräutigam, gehört heute wie das Kränzlein zur „Grundausstattung“ des Schmuckes für den Pfingstbräutigam durch die Stadt Kötzting.
(5) Der Bericht des Pfarrers Innocenz Mayr vom 6. 4. 1754 an das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg gibt an: „Es soll diese Prozession wie ich von einem alten, glaubwürdigen Mann vernommen, ein Pfarrer verlobt haben, aus Ursache weilen er unterwegs, da in selbiger Gegend ein lauterer Waldung gewesen, denen Räubern entgangen. Warum aber in dem Zurückweg ein Bürgersohn ein Kränzlein, so an dem Hochw. guet hanget, mitgeteilt wird, kann ich dessen kein gründliche Ursache erfragen; vielleicht von darum, damit sie lieber das Hochw. guet begleiten. Abends geht dieser Jüngling samt andern seinesgleichen mit seinem Kränzlein prangend, im Markt herum, sammelt Geld und tut sich hernach in dem Wirtshaus mit Trinken und Tanzen oftmals bis in die späte Nacht hinein wohlauf machen … Es wird auch an diesem Tag wie auch an Antlaßpfintzag (Fronleichnam) auf Erlaubnis der weltlichen Obrigkeit in anderen Wirtshäusern gedanzet …“
(6) Der älteste Beleg über den Pfingstritt als Reiterprozession findet sich in der Marktkammerrechnung von 1670.
(Anmerkung: dies ist nicht mehr der neueste Stand der "Pfingstforschung", da ältere Marktrechnungen gefunden wurden.)
(7) In der Marktkammerrechnung 1693 werden die wesentlichen Bestandteile der Reiterprozession erwähnt (Vier Evangelien).
(8) Pfingstrittlegende bei Mehler 1901, stützt sich auf Mayr 1754 (5).
(9) Der Pfingstlbrauch ist nur noch in wenigen Gegenden des Bayerischen Waldes bekannt. U. a. Bischofsmais und Chammünster. In Kötzting wird der Pfingstl am Pfingstsonntag vom Heimat- und Volksbrauchtumsverein in einer szenischen Vorführung vorgestellt.
Anmerkung:
In Bad Kötzting wird am Pfingstsamstag und Pfingstsonntag Abends durch die Festspielgemeinschaft Kötzting das „Pfingstlspiel“ als Straßentheater aufgeführt.
(10) Sittenfest in Viechtach, Der Bayerwald.
(11) Der Kötztinger Pfingstritt war um 1800 unter das „allgemeine Verbot der Wallfahrten“ gefallen, er wurde anlässlich einer Viehseuche 1820 wieder eingeführt.
(12) Pfarrer Danner ist auch der Stifter eines Sittenpreises (1834).
Abkürzungen: KÖA Kötztinger Anzeiger. KÖZ Kötztinger Zeitung.
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| Aus Brigitte Ertls Buch "Kötztings Bürgerstolz" Pfingstkranzl von Karl-Heinz Krämer |
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