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Montag, 20. April 2026

Ein alter "Beruf": der Ameisler

Aus dem Bücherbestand des so früh verstorbenen Kurt Kühlmeyer haben wir für das Bad Kötztinger Stadtarchiv einige weitere Bücher erhalten, darunter auch  die zwei Bände des Neuerner Lehrers und Volkskundlers Josef Blau: "Böhmerwälder Hausindustrie und Volkskunst" als Originalausgabe aus dem Jahre 1919. (Der Morsakverlag brachte diese beiden Bände in der Vergangenheit in mehreren Neuauflagen wieder heraus).
Beim Durchblättern der hochinteressanten Bücher stieß ich auf die Abhandlung über einen (seltsamen und schon lange ausgestorbenen) Beruf, der mich direkt an meine Kinderzeit denken ließ.
Mein Vater war zwar Kötztinger Bäckermeister in seinem Hauptberuf aber im Hintergrund drehte sich bei ihm vieles um Tierhaltung und Tierzüchtung. Vor allem ging es um Geflügel und dabei durchaus auch um essbare.....

Die Berufsbezeichnung, um die es in dem Buch ging, hieß: "der Ameisler" und das, was dieser "Ameisler" machte, konnte auch mein Vater.
Zunächst aber als Hinführung zu diesem Thema eine Beschreibung der Situation im Hause Pongratz in der Marktstraße mit der Wandlung von der Brieftaubenhaltung zum Minivogelpark mitten am Marktplatz.

 

Dieser große Stadel im Hinterhof des Anwesens Pongratz  wurde Anfang der 1960er Jahre abgerissen.


Im Hinterhof kann man das neue Flachdachgebäude erkennen. Am Marktplatz ist noch der alte
Kuhstallpflasterbuckel vorhanden, ein Belag, wie er heute noch an der St. Veitskirche vorkommt und 
man sieht, dass damals noch Gras und Klee wuchs auf dem Kötztinger Marktplatz.
Bild Hans Traurig 

Mit dem Abbruch des großen Stadels im Hof und dem Neubau des Nebengebäudes war nun auch Platz für einen "vernünftigen" Taubenschlag und die umfangreichen Volierenanlagen. 


KU SW 845. Brieftaubeneinsetzen im Hinterhof der Bäckerei Pongratz.
Mitte mit der Lederjacke Franz Wagerer


Ein Zufallsfund: beim Durchstöbern alter DIAs habe ich im Bild die "Taubereruhr" meines Vaters gefunden. Deutlich sichtbar ist der kreuzförmige Schlüssel, mit dem bei einem - einem Wettflug vorgelagertem - Treffen, die Uhren aller Teilnehmer geeicht, welche anschließend verplombt wurden.
Mit demselben "Schlüssel" wurde nach dem Eintreffen der Reisetaube und der Sicherstellung des Gummiringes dieser in einer Kapsel verschlossen. Diese Kapsel konnte in die Uhr gesteckt und dort versperrt werden. Eine Umdrehung mit dem Kreuzschlüssel und es wurde zusätzlich noch ein Papierstreifen als Protokoll und Beweis bedruckt. 

Hier der neue Bau im Hinterhof, noch mit einem großen Taubenschlag. Im Zimmer rechts außen
konnte der Einflug der Taube beobachtet und diese sofort von ihrem Gummiring befreit werden. Darunter waren bereits die ersten Volieren sichtbar, die alle im Hintergrund einen großen beheizbaren Innenraum besaßen.

Später kam dann - links als Anbau an die Volieren - noch ein weiterer Käfig für unsere Eichhörnchen hinzu, die nicht mehr innerhalb der Wohnung gehalten werden konnten.
Junge Eichhörnchen im elterlichen Wohnzimmer.

Die "ausquartierten Eichhörnchen" mit meiner Schwester


Der Reisetaubensport ist nicht nur spannend, sondern auch sehr zeitraubend, und so legte mein Vater - vermutlich mit etwas Druck von seiner besseren Hälfte -  seine Ämter bei den Tauberern nieder und stieg in die Vogelzucht ein. Anfänge dazu hatte es schon gleich mit dem Bau der Volieren gegeben. Hier konnte er den Zeitverbrauch seines Hobbies besser den Erfordernissen der Bäckerei anpassen.
Zuerst waren es nur die noch relativ einfach zu kultivierenden und fütternden Zebra- und Prachtfinken, die mit ihrem Gezwitscher den Hof füllten.
Dann aber kamen die Weichfresser hinzu, die chinesische Nachtigall, Schamadrossel, Pitas, Zwergwachteln, Rallen, Kardinalvögel und so weiter, für die er zusätzlich auch für beheizbare Innenräume zu sorgen hatte und eben Weichfutter, von Obstscheiben bis hin zu Lebendfutter.

Der Beo wurde zum kleinen Problem, weil er den familieninternen Pfiff, mit dem sich meine Eltern informierten, dass der jeweils andere im Hauptgebäude gebraucht würde, so oft gehört hatte, dass er ihn täuschend ähnlich nachmachen konnte und so munter vor sich hin pfeifend meine Eltern ärgerte. 

Der Beo imitierte sowohl die chinesische Nachtigall
wie auch den „Familienpfiff“ der Eltern

 

Chinesische Zwergwachteln mit ihrem halbwüchsigen Jungen. Direkt nach dem Schlüpfen haben diese eine Größe gerade mal wie eine Hummel.


Schamadrossel 


eine Ralle


Ein roter Kardinal


Die Prachtfinken


Diamanttäubchen


Ein Pitta


Dies sind einige der Vögel, von denen ich noch Bilder habe finden können.
Im ersten Stock wurden später die Taubenschläge rückgebaut und 6 oder 7 längliche Flugvolieren für die Papageienzucht (Nymphemsittiche) errichtet. Noch heute kann man an dem Rückgebäude im Innenhof diese Strukturen erkennen.
Papageien, Kanarienvögel und Wellensittiche wurden in großem Stil gezüchtet und auch verkauft.
Für manche seiner Lieblinge - eben die oben genannten Weichfresser -  war es sehr aufwändig, abwechslungsreiches Futter zu erhalten, aber da war mein Vater sehr erfindungsreich und hatte uns Kinder als seine Unterstützer.

Spezialfutter 1: Löwenzahnblüten für die Körnerfresser
Vor dem Abflug der "Flugschirme"  des Löwenzahnblütenstandes durchläuft der Blütenkopf mehrere Stationen.
Austrieb - Blüte - Schließen der Kronblätter - Samenerzeugung - Öffnung der Kronblätter - Abflug.
Der richtige Moment der Ernte ist der Zeitpunkt, wenn die Samen gebildet sind und die Spitzen der späteren Schirme bereits weiß über die geschlossenen Kronblätter hinausragen. Zu diesem Zeitpunkt müssen die Blütenköpfe geerntet werden. Danach werden die geschlossenen Kronblätter mit den Schirmen abgerissen und es verbleibt der Blütenboden mit den eingebetteten schwarzen Samenkörnern. 
Spezialfutter 2: Heuhüpfer und dann noch 
Spezialfutter 3: Ameiseneier 
Und damit sind wir endlich beim Thema: 
Gleich zuvor ein Hinweis: 
Nicht nur, dass die großen Roten Waldameisen bei uns in den 60er Jahren bereits streng geschützt  waren, es hätte diese Riesen-Ameisenhügel bei uns auch gar nicht in der ausreichenden Menge (mehr)  gegeben. 
Anders als in dem folgenden Artikel von Josef Blau beschrieben, sammelte mein Vater ausschließlich die Eier der viel kleineren aber dafür auch sehr weit verbreiteten und - vor allem auf sonnigen Hängen und Rainen sehr häufigen - kleinener schwarzen Wegameise.  

Der Ameisler - nach Josef Blau

Er hat seinen Arbeitsplatz im Walde. Von einem ebenen, unbgrasten und unbemoosten Flecke aus führen nach mehreren Seiten kleine, kurze und seichte Gräben, die jeder in ein wenig tiefes Grübchen endigen. Gräben und Grübchen sind mit grünem Reisig bedeckt. Der Ameisler ist nicht da. Er arbeitet eben an einem Haufen der roten Waldameise. Behende schaufelt der Mann das aufgedeckte Innere des Haufens mit den weißen Puppen und vielen Ameisen und den Massen Nadeln auf ein Tuch oder in einen aufgehaltenen Sack. Er fasst die Enden des Tuches zusammen (bindet den Sack zu) und eilt zu seinem Platze. Hier schüttet er den Inhalt ergreifen die Ameisenpuppen und trachten sie zu verbergen. Sie flüchten in die gedeckten Laufgräben und legen ihre glücklich geretteten Lasten in die finsteren Gruben; dann eilen sie zum wirren Haufen zurück und holen so lange Puppen herbei, bis nur mehr die Nadeln und das Volk der Arbeiterinnen in der Mitte zurückbleiben. 
Der Ameisler hat sich unterdessen in die Sonne gelegt oder neue Ameisen herbeigeholt. Er hat die Hände ganz rot und entzündet, was von der vielen Ameisensäure herrührt, mit der ihn die aufgeschreckten Tierchen, ihr bedrohtes Heim verteidigend, bespritzen.
Ist seine Arbeit zu Ende, so holt er die „Ameiseneier“ aus den Grüblein in ein eigenes Säckchen und begibt sich, zufrieden mit seiner Ausbeute, nachhause.
Die „Ameiseneier“ dienen als Futter für Singvögel. In früherer Zeit wurde die Ameislerei viel stärker betrieben als heute, wo nur noch hie und da ein Vogelliebhaber im Laufe des Sommers einmal an einem Sonntag-Nachmittag ameiselt. Vor dreißig Jahren kannte ich Leute, die mit Ameiseneiern zu den „Vögelnarren“ kamen und sie ihrer seitelweise verkauften. In der Nähe von Wien gab diese Beschäftigung um 1870 noch einigen Familien Erwerb.¹)

Schaller berichtet aus dem Gebiete der Herrschaft Merklīn bei Staab 1789:
„Einige der hiesigen Leute wissen auch auf eine sehr leichte Art eine große Menge Ameiseneyer zu sammeln, die sie bis Prag und Wien abliefern.“



Natürlich gibt es Weich- und Lebendfutter zu kaufen bzw. zu züchten, auch bei uns stand im sogenannten  "warmen Zimmer" über der Backstube ein Zuchtkasten für Mehlwürmer, aber diese waren viel zu nährstoff- und nicht abwechslungsreich genug. 
Vaters  "Viechtacher Tour zur Mittagszeit" - also die Belieferung unserer Wiederverkaufskunden im Bereich des Landkreises Viechtach. -  führten ihn zu vielen "Brotweibern" - genauer in der Einzahl: "Broutweij" genannt- , die zumeist auf einzeln stehenden Bauernhöfen lebten und die Brotlaibe verkauften, um sich ein Zubrot zu verdienen.  Zu diesen Bauernhöfen führten häufig nur Feldwege, deren Wegeränder und Raine im Hochsommer von den Hügeln der normalen Wegameise geradezu übersäht waren. 
Ein gut schließender Blecheimer war immer im Auto und nun musste man nur schnell sein. 
Zu Mittagszeiten transportieren die Ameisen nämlich ihren gesamten Puppenbestand hinauf in den oberirdischen Teil des Ameisenbaus - und bringen diese nachts wieder in die Tiefe und Wärme des Baues zurück. Mittags im Hochsommer waren also diese kleinen Ameisenhügel im Inneren gefüllt mit einer Unmenge von Ameisen"eiern" und natürlich auch mit vielen Ameisen.
Schritt eins: Deckel des Eimers auf und den ganzen Hügel - händisch - schnell mitsamt der Erde, den Eiern (eigentlich sind es Ameisenpuppen) und den Ameisen in den Eimer schieben und den Deckel wieder GUT schließen.
Schritt zwei: bei uns im Hof lag in einer sonnigen Ecke ein alter Schubladen mit einer Glasabdeckung, die an einer Ecke abgeschattet war.  In diesen alten Schubladen mitten in der prallen Sonne wurde nun der gesammelte Inhalt geschüttet.
Die Ameisen lieben zwar Wärme, aber dort unter der Glasscheibe ist es halt nicht warm, sondern heiß, viel zu heiß für das Gelege, weshalb die Ameisen sofort beginnen, ihre Puppen aus der Erde/Puppen  Mischung  herauszupulen und diese in der abgeschatteten Ecke in Sicherheit zu bringen.
Diese abgeschattete Ecke ist aber in Wirklichkeit ein kleiner Schuber, der nach kurzer Zeit ALLE Ameiseneier des Eimers schön sortiert enthält. Nun kann dieser kleine Schuber entnommen werden und man erhält
Schritt drei: ein kleines Päckchen Ameiseneier bereit zum Einfrieren als Winterfutter für die Weichfresser. 

Zur Ergänzung hier noch zwei Bilder von Überbleibseln aus dem Haushalt Pongratz:


Foto Pongratz: Das ist einer der Versandtkörbe für die Brieftauben

Foto Pongratz: Dieser "Wohnzimmerschrank" stand in unserem "Kombi-Kinder-Tiere-Spielezimmer im Erdgeschoss, in dem dann wahlweise die Kanarienvögel/Zeisige/Stieglitze/Gimpel zwitscherten. Zusätzlich wohnten dort auch noch - solange sie klein waren - die zwei Eichhörnchen, ein einsamer Gockel - genannt Hansi -, der als Küken halb erfroren auf einem Misthaufen in Wettzell entdeckt und gerettet wurde, und ein/zwei Goldhamster in ihren Käfigen.


🗺️ Ein Tipp zum Schluss:
Auch dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte Kötztings eingetragen.
Dort werden Beitrag um Beitrag aus der Häuserchronik und die vielen anderen  historischen Themen dieses Geschichtsblogs direkt im Stadtplan verortet – jeder Marker führt per Klick zum passenden Blogbeitrag.
Die Karte funktioniert am PC ebenso wie auf dem Smartphone und kann sogar als kleine App gespeichert werden.

 Reserve weiß Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden.









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