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Montag, 27. August 2018

Was man so Alles finden kann...

auch wenn man nicht danach sucht....

Kellerfunde im Rathaus der Stadt Bad Kötzting

Lange schon fiel mir eine alte Pappschachtel auf, die einsam und alleine an einem Flureck - im städtischen Keller neben dem großen Aktenvernichter - ihr staubiges Dasein fristete und auf die Aktenvernichtung wartete. Kunterbunt steckten in ihr die verschiedensten, stark vergilbten und vor allem sehr stark zusammengerollten und gekrümmten, Pläne. Aber da nun eh ein städtische RAMMADAMMA im Keller angesagt ist, um für ein größeres Raumangebot für das Stadtarchiv zu sorgen, mußte nun auch für die - von wem auch immer- ausgesonderte Pappschachtel das letzte Stündlein schlagen. Auch wenn die große Masse der "Pläne" aus den verschiedensten Lageplänen des Kötztinger Umlandes bestand, die es digital und online seit Jahren in viel besserer Qualität im Internet gibt, so enthielt die "staubige Rollensammlung" doch ein paar Schmankerl, die ich hier in lockerer und nicht zusammehängender Folge vorstellen kann:

1. das "neue" Schulhaus in der Holzapfelstraße


Deckblatt des fragmentarischen Aktes über den Schulhausneubau in Kötzting
 Alle diese Pläne-Zeichnungen-Schnitte tragen die Unterschrift von Franz Heilmaier einem staatlichen "Architekten", vor allem den Besuchen seines Vaters bei ihm hier in Kötzting verdanken wir eine ganze Reihe hervorragender Aquarelle und auch Photos aus den Jahren 1899 bis 1904.


Fragment der Frontansicht des neuen Schulhauses

die Seitenansicht

 Viele liebevolle Details finden sich in den erhalten gebliebenen Fragmenten, links ein Beispiel der Fensterscharniere und rechts die Detailplanung einer Tür fürs Lehrerzimmer.










Ich, Jahrgang 53 und 1959 eingeschult, kann mich noch gut an sehr proper angefüllte Schulzimmer mit ungefähr 50 Kindern erinnern. Schaut man aber auf die Originalbaupläne, so sind die Schul"sääle" - schreibt man das eigentlich so?? -  eigentlich für jeweils 100 Schulkinder geplant gewesen.
Platz für 300 Kinder im Erdgeschoss und


Platz für 300 Kinder im ersten Stock
In dem, sicherlich impossanten, Schulgebäude konnten also gleichzeitig 600(!) Kinder beschult werden, alle Hochachtung vor der Leistung von Lehrern und Kindern.

Zum Abschluß noch der Plan für die Eingangstüre mit Werksplänen für die Kunststeingesimse.



derselbe Haupteingang bei der früheren Volksschule, hier bei einer Sammlung für das Winterhilfswerk im Dritten Reich, Mitte der dreissiger Jahre, Bild vermutlich vom früheren Hauptlehrer Josef Bock.

2. die Friedhofserweiterung von 1934/35

Detail der Antiquitätensammlung
Weininger Bild Arbeitskreis Heimatforschung
In den Jahren vor 1934 platzte der Kötztinger Friedhof aus allen Nähten und so entstand der Plan das Wohngebäude und die anschließende Wiese des Anwesens Hastreiter aufzukaufen und so das Friedhofsgrundstück zu arrondisieren und gleichzeitig kräftig zu vergrößern. Aus diesem Grunde war es nötig eine neue Friedhofsmauer zu errichten, die Mauer also, die seit dieser Zeit das Friedhofsgässchen seitlich begrenzt. Auch hier gibt es eine interessante Autorenschaft: Herr Weininger, ein Kötztinger "Baumeister" , der meines Wissens nach im Bereich der Holzapfelschule wohnte und gleichzeitig ein leidenschaftlicher Sammler von Antiquitäten war: (Lt Zeitungsartikel sollte aber in der Bahnhofstraße wohnen, vlt weiß jemand etwas Genaueres)





Detail der Antiquitätensammlung
Weininger Bild Arbeitskreis Heimatforschung













Detail der Antiquitätensammlung
Weininger Bild Arbeitskreis Heimatforschung










Kötztinger Umschau vom September 1962 für diese Reportage
wurden offensichtlich die Bilder geschossen,
die wir nun im Arbeitskreis verwalten





Es ist mir bekannt, dass Herrn Weininger auch einen Ofen aus dem Nachlaß vom Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, besaß.  Ob es sich allerdings um den hier Abgebildeten handelt, kann ich nicht beurteilen. Auch Herr Haymo Richter erzählte mir von einer Heiligenfigur, die er sich lecihtfertig von Herrn Weininger hatte abhandeln lassen.  Dieser Herr hatte wohl zu Lebzeiten ein sehr überzeugendes Wesen.
Liest man den Zeitungsartikel genau durch - letzter Absatz- dann spricht vieles dafür, dass genau der abgebildete "Zimmerofen" der des Maximilian Schmidt gewesen ist. Interessantes Detail am Rande:
Im Veranstaltungskalender unten rechts steht beim Reisetaubenverein, also bei "de Tauberer" , dass die Tauben für einen Flug nach Kitzingen bei uns "eingesetzt" wurden. Ich erinnere mich noch gut an dieses muntere Treiben der "Tauberer" bei uns in der Hofeinfahrt   ....wäre auch mal vielleicht einen Beitrag wert.

hier der "alte" Alte Friedhof, vor der Erweiterung in den dreissiger Jahren, das Friedhofsgässchen existierte noch nicht.

Detail der neuen Außenmauer mit dem neuen seitlichen Zugang (mittlererweile zugemauert)

Detail der durch die Erweiterung notwendigen neuen Innenmauer innerhalb des Friedhofes

die neue Raumaufteilung zu Anfang der dreissiger Jahre, das alte Leichenschauhaus orientierte sich mit seiner Lage an den "Alten" Grundstücksgrenzen, nun, mit der neuen Raumaufteilung steht es etwas "schepps" im Friedhof.

 3. der Entwurf für die neue Landfahne von 1971

Rückseite des Fahnenentwurfs von Herrn Heisig 1971
hier dann die tatsächliche Ausführung


Entwurf für die Vorderseite Heisig 1971
auch hier wieder das Original, so wie es alljährlich an Pfingsten mitgetragen wird.

genaue Beschreibung des neuen Fahnenblattes von Herrn Heisig




Was sagt uns das: es rentiert sich offensichtlich im Rathaus immer von Zeit zu Zeit aufzuräumen, mal schauen, was in den restlichen Kellerräumen noch an Kleinigkeiten schlummert, von denen ich heute noch nichts weiß



Donnerstag, 23. August 2018

Die Kötztinger Friedhöfe Teil I

Mitten in unserer Kirchenburg, Kötztings erster Friedhof

St. Veitskirche am Marktplatz
Unser früherer Stadtpfarrer Heitzer entwickelte vor Jahren einmal eine Theorie, in welcher er meinte, die St. Veitskirche am oberen Markt könnte Kötztings Urkirche gewesen sein. Da es höchstwahrscheinlich ist, dass zwei der Kötztinger Urhöfe im oberen Markt gelegen waren (der Voglhof und der Ecklshof), könnte es tatsächlich so gewesen sein, ABER, bei keiner der vielen - auch tiefgründigen - Sanierungsarbeiten rund um die Veitskirche und am oberen Marktplatz sind zu irgendeinem Zeitpunkt auch nur kleinste Spuren eines frühen Friedhofs aufgetaucht. Solch ein (eingefriedeter) Hof rund herum um eine Kirche/Kapelle wäre aber der entscheidende Hinweis, dass diese Kirche das erste religiöse Zentrum des frühen Kötztings gewesen war. Den einzigen Fund von menschlichen Überresten kenne ich nur von unseren eigenen Umbaumaßnahmen in der Metzstraße, anlässlich der Tieferlegung und Umbauung einer früheren Wohnung in den jetzigen Laden des Schildermalers Rio. Bei diesem Fund spricht aber alles dafür, dass es sich dabei um ein Opfer der "schwedischen" Brandschatzung im November 1633 während des Dreißigjährigen Krieges gehandelt hatte, der räumliche Abstand zur Veitskirche, als möglicher Urkirche, ist einfach zu groß

Sanierungsarbeiten am Sockel und Fundament der St. Veitskirche im Rahmen der Marktplatzsanierungen in den 80ern
sogenanntes Pestkreuz am früheren Dirnberger Haus, Bild von Bepp Fischer
Eine weitere Theorie für einen frühen Friedhof habe ich vom unvergessenen Friseur, Pongratz Max,dem "Bader" Max mit seinem Friseurladen im Fischerpeter-Anwesen, am Lindnerstammtisch erfahren. Über Stunden versuchte er mich vor Jahren zu überzeugen, dass hinter dem Dirnberger Haus in der Rathausgasse früher ein (Pest)friedhof gelegen habe. Sein einziges Argument war das alte Pestkreuz, welches eben am alten Dirnbergerhaus außen angebracht gewesen war. Er war keinem einzigen Argument zugänglich, dass wir sehr genau räumlich und zeitlich, wissen, wo in Kötzting der Pestfriedhof angelegt worden war. Er war sich sicher, hinter dem Dirnbergerhaus und sonst nirgends. Manche Stammtischsitzungen beim Lindner können auch anstrengend sein.....









In diesem Ausschnitt aus der Uraufnahme Kötztings zu Anfang des
19. Jahrhunderts ist der Bereich rund um die Pfarrkirche noch
als Friedhof markiert. Das alte Pflegerschloss teilen sich zu der
Zeit der Pfarrer mit seinem Pfarrhof und das königliche Rentamt
also das damalige Finanzamt, später zog dort das Forstamt ein, bis Mitte
der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts die Kirche  - unter Pfarrer Josef
Augustin - endgültig den ganzen Komplex übernahm.
Somit sind wir bei dem Friedhof, der in Kötzting bis zum Ausgang des 16. Jahrhundert Kötztings einziger und danach bis knapp herein ins 20. Jahrhundert einer der beiden Beerdigungsstätten gewesen war, der Innenbereich der Kirchenburg links und rechts der Pfarrkirche.
Leider haben wir von diesem Raum, als er noch ein Friedhof gewesen war, nur ganz wenig Bildmaterial. Eigentlich sind es nur zwei Bilder, die ich kenne, auf dem echte Gräber bzw Grabstellen zu erkennen sind. Mit "unechten" Gräbern meine ich symbolische Grablegen im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg bzw. Erinnerungsstelen, die an verstorbene Vereinsmitglieder erinnern sollen.
rechts im Bild das Grabmonument der Brauersfamilie Schrank (Hotel zur Post), links daneben zwei unbekannte Gräber.
Nach der Auflistung später im Blog KÖNNTE es sich um die Grablege der Geistlichkeit handeln, die damals jedenfalls
nachweislich auf dieser Siete des Friedhofes gelegen war.
Unsere historische Kirchenburg war in der Vergangenheit ein "Zwitterwesen", dort wo heutzutage das katholische Pfarramt, die Wohnung des Stadtpfarrers und die anderen kirchlichen Räume sich befinden, wohnte und arbeitete bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts der Landrichter mit all seinen Abteilungen und Mitarbeitern. Auch das Militär, also die Soldaten, die Waffen, die Munition (siehe der Pulverturm vulgo der Hungerturm) befanden sich in der äußeren Umbauung. Der Pfarrer selbst wohnte bis dahin in seinem Pfarrhaus (später das Priorat), welches heutzutage unser Rathaus ist. Im Inneren der Kirchenburg hatte der Pfarrer damals aber auch nur in der Kirche selbst und auf dem Friedhof seine Entscheidungsfreiheit.

Zu diesem (rechtlichen) Inneren der Kirchenburg gehörte eindeutig nicht der Zugang über die Brücke bis hin zum Eingangstor der Pfarrkirche. Dieses kleine aber wichtige rechtliche Detail benutzte der Landrichter, um in manchen Fällen Kötztinger Bürger verhaften zu lassen, deren er auf andere Weise nicht habhaft werden konnte. (Der Markt Kötzting war rechtlich selbstständig, der Bürgermeister -Kammerer - war, anders als heute, auch Richter und "Polizeichef" für und über seine Bürger). Der Landrichter durfte innerhalb der Grenzen des Marktes Kötzting mit seinem Dienstpersonal keine Verhaftungen vornehmen lassen, außer eben auf der Brücke über den Burggraben.
meines Wissens das einzige Bild, das uns den Zustand des "alten" Friedhofs rund um die Pfarrkirche zeigt.

Nun haben wir also den engräumigen Friedhof rund um die Kirche für eine einzelne Pfarrei, welche aber um einiges größer war, als sie es heutzutage ist. In den frühen Pfarrmatrikeln finden sich daher auch - später umgepfarrte - Orte wie Thenried, Meinzing, Haibühl, Hohenwarth, Hudlach, Grafenwiesen und all die vielen Orte ganz weit hinein in das Zellertal. In dem Gerichtsakt ist die Rede, dass die Pfarrei - ohne die Jugend - 1600 Kommunikanten umfassen würde.
Man muss sich dabei aber vor Augen halten, dass in diesem Rundgebäude auch die Pflegersfamilie mitwohnte, und es wäre auch heutzutage nicht unbedingt nach jedermanns Geschmack, dass Leichen der gesamten Pfarrei praktisch unter dem persönlichen Wohnzimmer und vor den Fenstern der eigenen Wohnung antransportiert und vergraben werden. Auf den möglichen Zustand der Leichen unter den damaligen vortechnischen Bedingungen und der damit einhergehenden Geruchsbelästigung der Schlossbewohner möchte ich nicht näher eingehen, aber wir wissen, dass mit Einsetzen der Pest in unserem Gebiet im ausgehenden 16. Jahrhundert dieser Zustand offensichtlich untragbar geworden war. Der Landrichter - angeschoben von seinem Ehegespons - drang an oberster Stelle auf die Errichtung eines neuen Friedhofes außerhalb des Marktgedings für die Pesttoten.


Statsarchiv Landshut Regierung Straubing A 4135
..... dies einem fürstlichen Pfleger welcher in fürstlichem Schloß hausen muess und demselben die verstorbenen Leichnam strackh vor seinem Zymmer darynnen er wohnen thuet für und zur begrebnus tragen werden, hoch beschwerlich genueg sein und fallen wurde.......
Der Kötztinger Pfleger Cornelius Meder, in Personalunion auch Kastenamts- und Vogtrichter im Landgericht, also auch für die Einnahmen an Steuern und Naturalien und für die rechtliche Herrschaft der Untertanen im Landgericht Kötzting zuständig, welche das Kloster Rott als Grundherren hatten, fand bei seinem Amtsantritt bereits einen Pestfriedhof oberhalb und außerhalb des Marktes vor. Gleichzeitig, wir schreiben das Jahr 1611, wurde eine Kompagnie Soldaten, das Viechtacher Fändl, nach Kötzting verlegt und deren Unterbringung hätte er gerne innerhalb des Schlosses organisiert. Was wäre dazu besser geeignet gewesen als der Friedhof rund um die Pfarrkirche?


Nun hatte er da aber die Rechnung ohne die Kötztinger Bürger gemacht. Zu Pestzeiten haben die sich ja den in ihren Augen "Ausweichfriedhof" eingehen lassen, aber in normalen Zeiten bestanden die Pfarrangehörigen auf ihren angestammten Beerdigungsplatz rund um die Kirche.


Nun gingen Schreiben und Schreiben hin und her und diese Briefe schildern uns im Detail, wie es um die Kötztinger Begräbniskultur um 1600 bestellt war. 1583 jedenfalls ist das belegte Datum für die Anlage des Kötztinger oberen Friedhofes, umfriedet mit eichenen Palisaden, geschlagen in den fürstlichen Wäldern auf dem Rossberg bei Chamerau und errichtet vom damaligen Pfleger Romanus von und zu Hochholtigen. Dies war aber nun schon 28 Jahre her, die Pest lange abgeklungen und die Kötztinger wollten sich nur unter den Bedingungen der "schlechten Luft und des Landtssterbens", also einer Epidemie, bereit auf den unteren Friedhof zu verzichten. Allenfalls gestehen die Kötztinger zu,  dass Pfarrangehörige, welche nicht im Markte wohnten dort beerdigt werden sollten. Nur zu diesem Zwecke sei der obere Friedhof eingerichtet worden.
Dies umso mehr, als der "obere" Friedhof offensichtlich nie richtig eingeweiht worden war.

die Kötztinger Bürger schrieben, dass .....vor unnß bei ihr Fürstlicher Herr Bischoff zue Regenspurg, niemals umb die Consecration angehalten worden, und selbiger nur durch Herrn Pfarrer zu Chamerau, dazumalen Dechantsverwalter per aquam benedictam begossen worden........
Nur der damalige Dekanatsverwalter, der Chamerauer Pfarrer, hatte die Erde mit Weihwasser begossen, es wäre also keine "richtige" geheiligte Erde.
Der Landrichter Meder jedoch wollte nicht nachgeben und ließ, sogar ausgehobene Grabstellen wieder zuschütten, um weitere Beerdigungen  zu verhindern und um den Innenraum der Kirchenburg für seine Soldaten zu sichern. Wieder gingen die Kötztinger gerichtlich dagegen vor und berichteten, dass eben diese Soldaten, bei dem Versuch, die Holzpalisaden (Staketa) der Marktbefestigung zu erneuern bzw. zu erweitern, quer durch den oberen Friedhof gegraben hatten und dieser nun den Hunden und Schweinen frei zur Verfügung stehen würde, die Hälfte des Friedhofes wäre weggenommen und der "verbleibende kleinnste Thaill des Freithoffs was wässrig, also daß die verstorbenen Leuth maistens im Wasser liegen und begraben werden muessen."
Weiters vermuteten sie, dass der, dann verbleibende, Restfriedhof rund um die Kirche nur denen von Adel vorbehalten bleiben sollte, und beharrten auf ihren alten herkömmlichen Rechten. Noch nie hätten die Kötztinger Pfarrangehörigen beim Pfleger wegen einer Beerdigung nachfragen müssen und beriefen sich bei der Straubinger Obrigkeit grundsätzlich auf die Unabhängigkeit der Pfarrei in religiösen Dingen und auf ein fürstliches Mandat von 1598, welches den "Missbrauch und die Unsauberkeit an gewichten Orthen und Stetten" unter strenge Strafe stellte.
Dies war nun das gewichtigste Argument, welches die Waagschale auf die Seite der Kötztinger  Bürger und gegen den Pfleger senkte, der Friedhof blieb und der Pfleger durfte sich nicht mehr einmischen - außer in Zeiten der "schlechten Luft", einem umschreibenden Begriff für epidemische Krankheiten wie die Pest.



Nun hatten die Kötztinger Bürger also wieder alle Rechte in ihrem alten angestammten Friedhof rund um die Kirche und, da wenige Jahre später im 30jährigen Krieg die Bevölkerung der Pfarrei sehr stark dezimiert wurde, ( im Status Animarum, der Seelenbeschreibung im ersten Kirchenbuch Kötztings von 1636 zählt man nur noch weniger als 300 Seelen, nun aber mit Kindern, Mägden und Knechten) reichte der Platz im Friedhof sicherlich viele Jahrzehnte, bis dann im 18. Jahrhundert wieder die vorherige Bevölkerungsgröße erreicht worden war. Ab nun wurde es wieder eng rund um die Kirche, aber ein Ausweichplatz am oberen Friedhof war ja immer gegeben und dieser wurde auch nicht mehr als der "Pestfriedhof" angesehen. Die erste Seelenkapelle dort oben wurde von der damaligen Kötztinger Unternehmerfamilie Nr. 1, den Besitzern des heutigen Hotels zur Post, damals Krieger, durch Legat in ihrem Testament vermacht.
Im 18. und 19. Jahrhundert jedenfalls galt weiterhin der "alte" Friedhof als der Hauptfriedhof für die Kötztinger Bürger, aber die alten Probleme blieben, Kötzting wuchs, Hygiene und Volksgesundheit wurden durch die Einführung eines Amtsarztes ein großes Thema und irgendwann kam das Thema: "wir wollen den Friedhof für Beerdigungen schließen"  wieder auf die Agenda.
Und wiederum kam der Anstoß vom Pfleger und Landrichter.
1835 gings los, der Kötztinger Landgerichtsphysikus (Arzt) Dr. Müller - dieser Herr tauchte bereits in vielen zumeist humoristischen Beiträgen auf, er führte mit Stolz ob seiner Gedichte und Kurzgeschichten den literarischen Kampfnamen "Saumüller" - präsentierte am 31. Oktober das Gutachten der Ortsbegehung, welche er zusammen mit dem Kötztinger Pfarrherrn Plöd, dem Bürgermeister Magg und den Gemeindevorstehern von Arndorf, Grafenwiesen und Gehstorf vorgenommen hatte.
Der Pfarrer stellte zuerst einmal fest, dass die Pfarrei Kötzting, mit Ausnahme der Expositur in Hohenwarth und der Filialkirche in Steinbühl, welche aber beide eigene Friedhöfe hätten, folgende Gemeinden umfassen würden: der Markt Kötzting, Arndorf, Gehstorf, Grafenwiesen und Teile der Gemeinde Voggendorf mit einer Gesamtseelenzahl von 2980 Menschen.


... der eine Friedhof befindet sich bei der Pfarrkirche und besteht in zwey Abtheilungen, rechts und linkerseits der Kirche. Linker Seite bestehen nur Familiengrabstätten seit unvordenklicher Zeit welche ihr Dasein wahrscheinlich unter einem onerösen Titel suquiriert wurden. Derselbe ist sehr steiniget, so daß manches Grab schon mittels Ausschießens (darauf muss man kommen, Ausheben eines Grabes mit Schwarzpulver !!)gemacht werden mußte.
In der anderen Abteilung sind solche Familien begraben, welche es ausdrücklich verlangten, mußten aber hirfür ein gewisses Quantum an Geld zur Stiftungsverwaltung der Pfarrkirche entrichten. Derselbe ist sehr überfüllt, so daß die Grabdenkmäler ganz aneinander stossen. Es wäre zu wünschen, wenn mit den neuen Leichenbestattungen in den zweiten friedhof in so lange geschehen, bis man die in vorgenannten Kirchhofe eingesenkten Särge wieder ausheben könnte. Der alte Friedhof solle also nur zeitweise geschlossen werden, bis die Gräber neu belegt werden könnten.
Es folgt nun eine genauere Beschreibung der Lage und der Bodenverhältnisse und auch hier wird ausdrücklich noch einmal erwähnt, dass, um die vorgeschriebene Tiefe von 6 Schuh zu erreichen, auf der rechten Seite häufig zum Mittel der Sprengung (Ausschießen) gegriffen wurde. Linksseitig soll der Boden sandig und tiefgründig gewesen sein. Die durchschnittlichen jährlichen Beerdigungen der letzten zehn Jahre betrugen 85 Personen. Es folgt eine genauer Berechnung mit durchschnittlicher Belegezeit, zu erwartenden Beerdigungen auch bei einer einmaligen epidemischen Krankheit und der Bezug zur Friedhofsgröße: Resultat: der Raum reicht aus.
Trotzdem kommt im Januar 1836 der Beschluss der Regierung: auf die Dauer von 10 Jahren wird der "untere Friedhof" wegen "Überfüllung und Ungeeignetheit des Bodens" geschlossen.
Der Magistrat fragt zuerst einmal nach, ob dies erstens auch für die rechte Abteilung gilt, auf der die Bürgersfamilien ja seit unvordenklichen Zeiten ihre Familiengräber besitzen und stellt fest, dass von Überfüllung keine Rede sein könne, auch der Boden wäre in Ordnung. Der obere Friedhof wäre, müsste er alleine für alle Pfarrangehörigen dienen, viel zu klein.
Nun gehts ans Eingemachte,
Magistrat und Kirchenverwaltung möchten zuerst einmal die einzelnen Familien festhalten, welche ihre Gräber im unteren Friedhofe besitzen. Zusammen mit seinen beiden Totengräbern Hastreiter und Schreiner erstellte der Gemeindeschreiber Schwarz die Liste anhand der Grabdenkmäler:
Auf der Sakristeiseite:

Messner Arendt von Kötzting
Müller Gmach von der Engelmühle
Schullehrer Schweikl
Schneider Lanzl
Wagner Brebeck
Bauer Pongratz von Matheshof
Brauer Schrank von hier
die Geistlichkeit von hier
die übrigen Honoratioren des Marktes Kötzting
Seiler Holmeier
Kaminfeger Diermeier
Heinrich Leßzkier Gold- und Silberarbeiter
Marktschreiber Schwarz
Messner Mang
Müller Aubeck
Lederer Witwe Katharina Stoiber
Häuslerswitwe Katharina Parzinger

Interessant bei der Liste ist, dass die Honoratioren nicht namentlich aufgeführt sind, man kennt sich wohl gut untereinander.


Auf der anderen Seite, zur St. Anna Kapelle hin, ist die Liste wesentlich länger, hier natürlich auch viele bekannte Kötztinger Namen wie: Windorfer, Auzinger, Robel, Reinhold oder der ehemalige Wiesmüller Rabenbauer, ein Gegenspieler Samuel Luckners.  Auf einem der, wie oben angedeutet, ganz seltenen Bilder des alten Friedhofes, ist eines, das wir von der Familie Staudinger erhalten haben. Bei dem Staudinger Grab dürfte es sich um dieses Rabenbauergrab gehandelt haben, ebenso wie es sich beim Schrankgrab auf der anderen Seite wohl um die Lucknersche Grablege handelte. (siehe: Eine unbekannte Tote.)

Die Regierung gibt aber nicht auf, 1845 jedenfalls kommt der nächste Versuch über die "Absperrung des unteren Friedhofes". Neben einer neuen Beurteilung der Umstände wird verlangt, dass der ganze Vorgang einen eigenen Akt zur Berichterstattung bekommt. Diesmal ist der Landrichter, der die Untersuchung leitet,  kein Geringerer als Carl von Paur, der Erbauer unseres Ludwigsturmes.
Wieder sträubt sich der Magistrat und wieder werden die beiden Friedhöfe verglichen: der untere mit 57 Dezimal ist geringfügig größer als der (damals noch viel kleiner als heutzutage gestaltete) obere Friedhof mit 50 Dezimal. In den letzten 10 Jahren wurde durchschnittlich nur jede 6. Beerdigung  im dem unteren Friedhof durchgeführt. Man schlägt grundsätzlich vor, dass die vorhandenen Grablegen bis zum jeweiligen Aussterben der einzelnen Familien Bestand haben sollten. Im Laufe der Zeit würde damit wieder viel neuer Raum gewonnen, weil der obere Friedhof für die große Pfarrei alleine viel zu klein sei. Ein zusätzliches Argument der Kötztinger war, dass auch die Gräber der Beamtenfamilien sich dort befänden.
Staatsarchiv Landshut BZA/LRA Kötzting Nr. 3303
Schließung des alten Friedhofes betreffend:
Unterschriftenliste inkl. Carl von Paur und Dr. Müller
Dies kontert Carl von Paur sofort, indem er alle seine untergebenen Beamten - auch er selber unterschreibt - für sich und deren Familien unterschreiben lässt, dass sie zukünftig - im Falle des Todes - auf die Beerdigung im unteren Friedhof verzichten würden.
Der nunmehrige Pfarrherr Henneberger sieht kein ernsthaftes Mittel gegen eine drohende Schließung und möchte durch ein Protestschreiben zumindest erwirken, dass der Friedhof nicht irgendwelchen profanen Zwecken zugeführt wird, sondern der Kirche als Eigentum und zu kulturellen Zwecken , z.B. einer Kirchenerweiterung, erhalten bliebe.
der anwesende Bürgermeister und Handelsmann Michl Schrank erklärt, dass er
für sich und seine Familie, welche gegenwärtig nur aus seiner Ehefrau besteht,
auf die Erdbegräbnis im heruntern Gottesacker bestehe, Unterzeichnet: Michl Schrank
Derselbe Versuch der Freiwilligkeit, der Carl v Paur bei seinen Untergebenen glückte, lief aber bei den Kötztinger Bürgersfamilien ins Leere. Reihenweise geben die Kötztinger Bürger zu Protokoll , dass sie auf ihr angestammtes Recht, im Kirchhofe beerdigt zu werden,  sowohl für sich als auch für ihre Familienangehörigen bestehen und bestätigen dies mit ihrer Unterschrift.
ABER, einige gehen auch Kompromisse ein, indem sie entweder tatsächlich ihr Recht aufgeben bzw. insofern einschränken, dass es nur noch für sie selber, aber nicht mehr für ihre Kinder gelten solle.
Alle diese Widersprüche bzw. Einverständniserklärungen mussten persönlich beim Landrichter protokolliert und unterschrieben werden.
Nimmt man einen Überblick über das gesamte Protokoll, so verzichtet die überwiegende Mehrheit auf ihre angestammten Grablegen über die eigene Generation hinaus. Nur wenige bestehen grundsätzlich auf das Herkommen.

1846 nun entscheidet die Regierung in Abstimmung mit dem bischöflichen Ordinariat die "successive Absperrung" des Friedhofes und beauftragt das Landgericht, dies zu organisieren und vom jeweiligen Pfarrer regelmäßig Nachricht einzufordern, wenn einzelne Personen ihr Begräbnis im untern Friedhof einfordern würden.
Dies geschieht auch regelmäßig, so berichtet Pfarrer Franz Xaver Henneberger  im Januar 1850, dass im abgelaufenen Jahr 1849 zwei Personen, die Bäckerswitwe Caecilia Haselsteiner und eine Totgeburt des Bürgermeisters Michael Schrank im untern Friedhof beerdigt worden waren. In diesen Schreiben finden sich aber auch Details, die einem heutzutage eher gruselig vorkommen sind:
in seiner Liste für 1852 schreibt Pfarrer Henneberger u.a.:
daß auch außereheliche Kinder daselbst beerdigt wurden, so ist das eine der Katharina Kollmaier, Wiesmüllerstochter, nun verheirathete Mühlbauer, Bäckerin von hier, in Abwesenheit des Unterzeichneten (eben er, Pfarrer Henneberger) gegen seinen Willen und ohne sein Wissen dahin zur Erde bestattet worden .....
Auch Albert v. Sperl, der Besitzer von Sperlhammer, verzichtet mit Unterschrift auf die Familiengrablege, obwohl sein Schwiegervater, der Herrschaftsrichter v. Garreis aus Winklaern, im Kirchhof beerdigt sei.
1857 muss sich Dr. Müller mit der Frage nach den beiden Familienverbänden Kollmeier, Christoph und Balthasar (der Wiesmüller und der Gerber) befassen und klären in wieweit auch deren Kinder noch berechtigt seien. Solange diese also noch im väterlichen Hause wohnten bliebe auch ihnen das Recht erhalten.
1859 nun möchte der Bezirksarzt und mit ihm das Landgericht langsam zu einem Ende kommen mit dem unteren Friedhof, und stellt immer mehr die Nachteile des unteren und die Vorteile des oberen Friedhofes heraus.
Eng, von Gebäuden umgeben ---- weiträumig liegt außerhalb des Ortes
Bei Epidemien die Leichen durch den Ort ---- ohne den Ort durchqueren zu müssen
Der Boden verhindert eher die Verwesung ------ der Boden erleichtert die Verwesung

Ausnahmen über Ausnahmen:

Trotz dieser negativen Einstellung von Seiten der Behörde kam es aber immer wieder zu Beerdigungen im unteren Friedhof auch wenn der Pfarrer sich jedesmal im Einzelnen erklären musste.
1870 war es dann der Brauer Ignatz Schrank - 1871 Mitglieder der Windorferfamilie und der Apotheker Bartl Jakob. Da die Apotheke damals im Gebäude der späteren Schmidtbank untergebracht war, wurde er fast vor seiner Haustüre beerdigt.
Für 1877 liegt ein umfangreicher Schriftwechsel im Akt, in dem die Familie Holzapfel um die Beerdigung eines Familienmitgliedes bittet, und wieder wurde die Erlaubnis von Seiten des Magistrats erteilt, was der Bezirksammann Dandl, der Nachfolger Carl von Paurs, nur nüchtern zur Kenntnis nehmen kann..
Aber es werden immer weniger Belegungen, in manchen Jahren dann auch schon mal niemand mehr.
Ganz am Ende des Aktes kommt es dann zum "Showdown", als die Familienmitglieder der Kollmeier, die Jahre zuvor bereits sich das Recht zusichern ließen, dann wirklich beerdigt werden sollten.
Balthasar Kollmeier wurde 1895 noch im alten Friedhof begraben und Karl Kollmaier wollte sich dieses Recht ebenfalls zusichern lassen: im Jahre 1903 spitzte sich die Sache dann zu:
Kötzting den 28.Februar 1903
Die Unterzeichneten bestätigen die Eröffnung der Verfügung des kgl Bezirksamtes Kötzting vom 25. Februar Nro 62 "Absperrung des Friedhofes zunächst der Pfarrkirche in Kötzting betr." nach welcher - falls wieder eine Leiche unbefugter Weise im alten Friedhofe beerdigt werden sollte - deren Exhumierung und Beisetzung im neuen Friedhofe auf Kosten der Beteiligten von Amtswegen angeordnet würde.
Der Unterzeichnete verzichtet nicht auf ob genannte Grabstätte, da für die Kollmaierischen diese Grabstätte im alten Friedhof für Zeit und Ewigkeit gekauft ist.
Karl Kollmaier

Christoph Kollmaier und dessen Ehefrau verweigern die Unterschrift

Staatsarchiv Landshut BZA/LRA Kötzting Nr. 3303 Plan um 1900 um den damals "alten" Friedhof neu zu belegen, hier sind
noch "Rest"gräber markiert.

S.o. auf der Seite der St. Anna Kapelle
das letzte der "alten" Gräber, das Grab der Familie Decker
 Karl Kollmaier gibt sich aber mit dieser seiner Erklärungsabgabe nicht zufrieden sondern reicht eine Beschwerde bei der Kammer des Inneren bei der Regierung von Niederbayern ein.
Im April 1903 weit die Regierung die Beschwerde ab und verweist auf die Regelung aus dem Jahre 1857, dass eben nur die Vatergeneration in den Friedhof dürfe.
So weit so gut und eigentlich eindeutig. Es ist aber dieselbe Kollmaierfamilie, die sich in Prozessen gegen den Zusammenschluss der Bahnstrecken in Kötzting mit Zähnen und Klauen gewehrt hatte und die den Bischof Senestrey erfolgreich verklagt hatte.....Aufgeben war keine Option.
Es kommt noch einmal zu einer Einigung zumindest mit der Marktgemeinde und mit der Kirche -, zu mindestens in einem Vertragsentwurf von 1932, Karl Kollmaier und seine Frau dürften danach bei ihrem Ableben im alten Friedhof beerdigt werden, wenn, er (Karl Kollmaier der jüngere) das jetzige Passauer/Kollmaier Grabmal entfernt und auch alle anderen sich auf den Namen Kollmeier beziehenden dazu. Dann würde ihm ein neuer Grabplatz zugewiesen werden. Die Ausführung des Grabsteines müsse aber vorher zur Genehmigung bei der Kirchenverwaltung vorgelegt werden. Diese Vereinbarung solle sich auf alle Beerdigungen im Hause Kollmaier erstrecken, solange die männliche Abstammung der Kollmaier existierte.  Das Bezirksamt lehnte diesen Vertragentwurf entschieden ab.

Aber wie gesagt Aufgeben ist für die Familie Kollmaier zuerst einmal keine Option:
Karl Kollmaier der jüngere schreibt 1934 an das Bezirksamt:
Unterzeichneter bittet das Bezirksamt Kötzting um die Genehmigung der Überführung meines verstorbenen Vaters Karl Kollmaier in unser Erbbegräbnis im alten Friedhof, wo unsere Vorfahren nachweisbar seit Ende des 15. Jahrhunderts sämtliche dort begraben liegen, darunter große Wohltäter unseres Gotteshauses. Ich bitte das Bezirksamt mir das Erbbegräbnis zur Verfügung zu stellen und werde mich verpflichten ein künstlerisches Denkmal mit schöner Anlage zu schaffen, das zur Verschönerung des Friedhofes beiträgt.
L. U. Karl Kollmaier 

Seine Bitte wurde komplett abgelehnt, zugestanden wurde höchstens, nach der Vereinbarung von 1857, dass der Vater und wenn gewünscht auch die Mutter dort noch beerdigt werden dürften, danach sei Schluss.
  









In der Liste der Beerdigungen sind handschriftlich noch die letzten Personen aufgeführt, denen es noch erlaubt worden war, im unteren Friedhof beerdigt zu werden.

Nachtrag 1: die beiden Kollmaierbrüder, entsprechend der Vereinbarung von 1857









Nachtrag 2:
Nocheinmal Kollmaier
dann Schrank Franziska und
Windorfer Fanny alle noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts.







Nun befindet sich im Umgriff der Kirche nur noch das "Priestergrab". Auch Frau Oberin, Kötztings Ehrenbürgerin,  ist dort begraben und das müsste dann bis jetzt die letzte Beerdigung in diesem Friedhof gewesen sein.

 

 










Wird fortgesetzt mit dem "oberen Friedhof", nun der sogenannte "alte Friedhof", welchen endgültig zuschließen in den 70er Jahren eine ähnlich langwierige, schwierige und umstrittene Handlung war, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Mittwoch, 15. August 2018

Glossar



Glossar



hier sollen im Laufe der Zeit Begriffe erklärt werden, die in den einzelnen Artikeln benutzt werden und die für das Verständniss der Bedingungen in früherer Zeit wichtig bzw. notwendig sind. Diese Liste wird im Laufe der Zeit immer fortgesetzt

Plan der alten Turnhalle in Kötzting um 1930






Alleinehüten
Das sogenannte Alleinehüten der eigenen Tiere war von Staats wegen für alle Bewohner des Landes Bayern unter strenge Strafe gestellt und dieses Vergehen wurde auch regelmäßig geahndet und bestraft. Da die Amtspersonen, dem Brauch der Zeit entsprechend, von den Gerichtsstrafen und Gebühren einen persönlichen Anteil erhielten, wurden die Feldfluren auch sehr intensiv beobachtet. 

Alte und Neue Hausnummern in Kötzting

Kötztinger Zeitung vom Juni 1950





Amtsgefängnis

Zitat aus dem Buch Kötzting 1085-1985 Seite 148 Beitrag von Wolfgang Kerscher:
Schon 1817-1820 war ein Gefängnis als "Fronfeste" auf einem ehemaligen Klostergrundstück in der damaligen von-Schacky-Str, heute Krankenhausstraße erbaut worden. Es enthielt neben Wohnungen 10 Zellen im 1. Obergeschoß mit immerhin 7 - 15 qm Fläche. Zum 1.1.1949 wurde das Gefängnis geschlossen und an Justizbedienstete vermietet. Seit Frühjahr 1961 dient das umgebaute Gebäude dem Staatlichen Gesundheitsamt. 
Eine kleine Korrektur: ich meine, dass die Fronfeste als Ersatzbau für das alte Amtshaus auf dem Gelände des ehemaligen Widtums erbaut worden ist, das sollte damit aber ein Grundstück der Pfarrei Kötztings gewesen sein. das Widtum in Kötzting war der bauernhof des Kötztinger Pfarrers. Der Widtumbauer war kein Bürger Kötztings und das Widtum lag auch ausserhalb der Marktbefestigung.
Näheres zum Vorläuferbau der Fronfeste, dem sogenannten Amtshaus, siehe Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham Band 19 von 2002

Birkenberg
ein Fom des Niederwaldes, meistens dem Hochwald (=Schwarzwald) vorgelagert. Diente zumeiste als Waldweide und Fläche um daraus das EInstreu für das Vieh im Stall einzubringen. Durch regelmäßigen Schnitt hinunter auf den Stock einem idR 6-7 jährigen Turmus wurde diese Fläche als Lichtwald dauerhaft erhalten.

Braurecht:
nur die (männlichen) Besitzer der Kötztinger Marktlehen hatten lt. Freiheitsbrief das uneingeschränkte Recht zu Brauen und auszuschenken. Die Söldner hatten diese Recht nur eingeschränkt, das heißt sie durften nur das brauen lassen, was sie zum eigenen Verzehr benötigten. Die Häusler durften gar nicht brauen lassen.

CSU in Kötzting

Christlich soziale Union, wohl im Spätherbst 1945 in Kötzting gegründet, da noch im Dezember 1945 die Wahllisten eingereicht worden waren. Nannte sich damals noch Christlich Soziale Vereinigung. Ein genauen Gründungsdatum ist nicht bekannt. Nach der von den Besatzungsmächten initiierten Kommunalwahl kam es dann zum Parteizusammenschluss auf Landesebene.

 Freiheitsbrief
Im Marktrechtsprivileg Kaiser Ludwig des Bayern vom 11. November 1344 heißt es unter anderem: Von erst wan der Markt getheilt ist von dreu Höfen zu 36 Burglehen und in 12 Sölden, wollen wür, wer der Lehen eines mer oder minder inn hat, der soll arbeiten all die Arbeit, die den Markt angehört mit Fludern, Fleischwerken, mit Pachen, mit Schenken, mit Gastung und mit anderer Arbeit und Handwerken. [1]
 Weiter heißt es dann:
So ist ein Hof getheilt in 20 Theil in dem Markt, und derselben Theill einen oder mer soll kein Man nit haben, er habe dan ein Burglehen.


ganzer Bauer

die Bauernhöfe in den Dörfern wurden nach einem sogenannten Huffuß versteuert. Es gab somit einen - auich im Sprachgebrauch und innerhalb von Dokumenten - ganzen, halben und Viertelbauern. Der ganze Bauer (1/1) und der halbe Bauer (1/2) wurde umganssprachlich auch normal als Bauern un deren Kinder als Bauernsöhne und Bauerntöchter angesprochen. Mit dem Viertelbauern begann der Bereich der Söldner, 1/4 und 1/8 Höfe und auch Söldnerssohn, Söldnerstochter.
Nach den Söldnern kamen in der Steuereinteilung dann die Häusler (1/16 und 1/32)
Im Markt Kötzting entsprach die Einteilung Marktlehner - Söldner - Häusler.
Nur der Hoffuß war für die Höhe der (staatlichen) Steuer ausschlaggebend, es war egal, ob der Besitzer gut oder schlecht wirtschaftete.
Anders war dies beim Zehent, hier wurde der steuerliche Anteil an der Höhe der Ernte gemessen.


Gschwandhof

der Gschwandhof in Kötzting lag ausserhalb der Marktbefestigung und zählt zu einem der vier Kötztinger Urhöfen. Der Gschwandhof war ein Marktlehen und hatte im Zellertal selbst zwei Afterlehen, Bauernhöfe also, die dem Besitzer des Gschwandhofes abgabenpflichtig waren.
In früheren Zeiten oft in Händen von adeligen Besitzern, wurde es um 1700 vom Stiefgroßvater Luckners zum Gesamtkomplex der Familienfolge  Billich - Krieger -  Luckner - Poschinger - Schrank, nun Haus des Gastes hinzugekauft. Er blieb bis zum Ende des 19. Jahrhundert im Familienbesitz und wurde danach Krankenhaus und Josephsheim und ist nun Heimat der ersten Klinik für traditionelle chinesische Medizin in Kötzting, kurz TCM.


Besitzer auf dem Gschwandhof in Kötzting


Der Gschwandhof war einer der vier Urhöfe Kötztings. Bei der Aufteilung des Gschwandhofes bei der Marktgründung entstanden aus dem Besitz des Gutshofes all die Marktlehen, die aufwärts gesehen an der linken Marktstrassenseite standen[1]. Die dem Hof verbliebenen Gründe wurden dann 1505 weitestgehend abgetrennt. Heute beherbergt das Gebäude die sogenannte TCM- Klinik, die Klinik für traditionelle chinesische Medizin




1462                 Gschwandhof  1/2 oed Lehen und 2 Thaile        KL Rott 111      
1505                 Wirt Jakob Bürger  verkauft an den Staat           BL 94                                    
1505                 Zöhelen Jakob als Lehen vom Landesherrn[2]
1584                 Yettinger Hans                                                            KL Rott 110
1630                 Rosenhammer  Mathias                                              KL Rott R1
1638                 Rosenhammer Mathias Erben                                       KL Rott R1
1647                 Sinzl Hans Georg                                                         Reg SR A 4211
1661                 Perr Hans                                                                    KR Kötzting 1661
1650                 Poxhorn Georg, Bürger                                    KL Rott B1
1650                 Prantl Ander Hammerschmied Stifter
1667                 Dengscherz Georg                                                       KL Rott R2
1706                 Dengscherz Hans                                                        BP Kötzting 3
1706                 Hofmann Martin
1710                 Krieger Hans                                                               BP Kötzting 5
1711                 Raab Jakob Stifter                                                      Rechnungen K
1737                 Schall Johann Stifter                                                    Rechnungen K
1737                 Luckner Samuel                                                           BP Kötzting 13
1738                 Widtmann Hans Adam ehem Marktmüller Stifter BP Kötzting 13
1750                 Rössler Kaspar, Stiftwirt                                              BP Kötzting 16
1750                 Kollmeier Michael Stifter
1784                 Wöhrl Ander Stifter
1811                 Schrank Johann Georg           
1828                 Schrank Ignaz


[1] BayHStA Landshuter Abgabe 1982 KL Rott B2  von 1654 Seite 58 : Georg Poxhorn hat den Gschwandhof, von welchem der dritte Thaill deß Marckhts genommen worden, ligt die Behausung Stadl und Stallungen negst dem Churfüstl: Schloß und Zehentstädeln.
[2] BayHStA Ausw. Staaten Böhmen Lit. 94  die zum Gschwandhof gehörenden Grundstücke wurden abgetrennt und der Kirche Kötzting als Besitz zugeschlagen, so zum Beispiel die großen Wiesen in der oberen Au, im Genskragen und in der Angerwiese. Beim Gschwandhof verblieben nur das „Haws, hoffstat und ein stadel mit sambt ainem Lehen, das in die drew velld drey äcker hat, die gelegen sein im Marktfeld, auch ainen Krautgarten bey dem Weg gen Grueb und ain Wissfleckel“ .
 





 Häusler, siehe Freiheitsbrief, siehe ganzer Bauer
Die (Leer)Häusler im Markt Kötzting  hatten weder Brau- noch Schankrecht, und nur wenn einer dieser Bewohner eine Handwerksgerechtigkeit besaß, so durfte er seinen Beruf in diesem Haus ausüben. Sogar die Viehhaltung war bei den Häuslern stark eingeschränkt, teilweise ausdrücklich verboten. Dies hatte seinen Grund vor allem in den sehr stark begrenzten Weideflächen, die den Kötztingern zu Verfügung standen. Da es ja die Eigenheit deines Hausanwesens war, eben keinen Grund und Boden zu besitzen, hätte ja ein Häusler sein Tierfutter nur illegal besorgen können, unter die Gemeindeherde auszutreiben war ihm ebenfalls untersagt.
Auf den Dörfern war ein Häusler ebenfalls eine steuerliche Größe.
Hier begann der Häusler bei einem Hoffuß von 1/16 bis 1/32. Auf vielen Dörfern war es Häuslern allerdings erlaubt - anders als im Markt Kötzting, wo die Marktlehner ein Vorkaufsrecht hatten und es auch ausübten - ein frei verkaufbares Grundstücke zu erwerben.







  Innerer Rat
der Innere Rat im Magistrat Kötzting bestand aus 4 Mitgliedern. Die inneren Räte 
stellten abwechselnd den Amtskammerer.
  
Inwohner
Schlechter gestellt als die Bürger  waren die sogenannten Inwohner, die am besten als Mieter zu verstehen sind. Zu diesen Inwohnern waren auch die  Alteigentümer der Anwesen nach der Übergabe zu rechnen. Der sogenannte Leibtümer, vorher möglicherweise ein stolzer Kötztinger Marktlehner, verlor also alle seine Bürgerrechte im Moment der Übergabe an den Übernehmer oder Käufer und fand sich am unteren Ende der Sozialleiter wieder.
Auch die Be3amten des Pfleggerichtes waren in Bezug auf den Markt Kötzting, so sie nicht zufällig auch ein Anwesen besaßen, nur Inwohner und hatten kein Bürgerrecht, auch der Pfarrer übrigens nicht.

Italiener in Kötzting

bedingt durch den sogenannten "Schwedeneinfall" 1633 beginnen viele Kötztinger Archivalien erst nach dieser Zäsur. Aber auch in den wenigen Akten, die wir aus anderen Archiven aus der Zeit vor diesem verheerenden Stadtbrandt haben, tauchen bereits Hinweise auf italienische Mitbürger auf,  also nicht Mitbewohner sondern volle Bürger mit Hausbesitz und Bürgerrecht. So kennen wir aus dem Ende des 16. Jahrhundert einen Maurermeister, der in den Rechnungsbänden des Pfleggerichtes wahlweise als "welscher Mauerer" bzw. "Maister Christian" benannt wird.
Ende des 17. Jahrhunderts erhält ein italienischer Kramhändler mit Namen Türanck das Kötztinger Bürgerrecht, ein Zweig dieser Familie ist auch in Neukirchen beim hl. Blut ansässig. Eine langjährige Tradition italienischer Kaufleute finden wir auf dem heutigen Anwesen Voithenleithner.  Ganzini und Fabrici sind die überlieferten Namen dieser italienischen Familien.
Eine Erinnerung an Johann Baptist Fabrici  ist die Marienstatue, die heutzutage vor der St. Anna Kapelle in der Kirchenburg steht.


Kammerer
Was in anderen Märkten und Städten der Bürgermeister war, wurde in Kötzting "Kammerer"
genannt. Die vier inneren Räte vergaben untereindnder wechselnd  im Halbjahresturnus das Amt des "amtierenden Kammerers" und das des "Vicekammerers". Anders als heutzutage war ein Kammerer bzw. Bürgermeister allerdings nicht nur Chef einer Verwaltung sondern auch, um mit heutigen Worten zu sprechen, Polizeichef, Bauleiter, Richter und Steuereinnehmer.

Leikauf
Sogenanntes Drangeld, Aufgeld auf den eigentlichen Kaufpreis eines Objektes, oder beim Viehkauf. Erst die Bezahlung des Drangeldes machte einen Verkauf rechtsgültig. Sehr häufig wurde der Leikauf dann anschließend bei einer Einkehr verzehrt, wobei der Käufer die Zeche zu bezahlen hatte.

Marktlehner siehe Freiheitsbrief
 Im Freiheitsbrief wird die Aufteilung des Marktes bei seiner Entstehung dokumentiert.  Aus dieser Anfangszeit stammt also die Aufteilung in 36 Marktlehen, 10 (an anderer Stelle 12) Sölden und 20 Teilen.  Die Marktlehner waren gewissermaßen die Oberschicht in Kötzting. Ausgestattet mit allen Rechten, die das Marktprivileg erlaubte, einschließlich des uneingeschränkten Brau- und Schankrechtes. Das heißt in Kötzting hatten Besitzer von 36 Marktlehen, und nur  diese, die Erlaubnis im Kommunbrauhaus brauen zu lassen, ein Wirtshaus zu betreiben und sie nutzen dies auch weidlich. Über 700 Jahre lang stand der Begriff Marktlehner für eine privilegierte Bürgerschicht in Kötzting. Ursprünglich hatten wohl auch nur die Marktlehner das Recht der freien Handwerksausübung. Um hier keinen Wildwuchs aufkommen zu lassen und um ein einträgliches Miteinander im Markt zu ermöglichen, ist es wohl dann im Verlauf der Jahrhunderte zu Einschränkungen der Handwerksausübung gekommen, so dass eine genau festgelegt Anzahl z. B. der Bäcker und Metzger niemanden zu sehr belastete.
Die Marktlehner (und Söldner) konnten Grundstücksverkäufe an Inwohner und Häusler verhindern oder einen bereits erfolgten, auch bereits verbrieften, Verkauf nachträglich zu ihren Gunsten rückgängig machen. Sie hatten ein Einstands- bzw. Vorkaufsrecht und übten dieses auch regelmäßig aus.
Nachdem die persönliche wirtschaftliche Stellung auch den Sitz im Magistrat und in den Ausschüssen beeinflusste, waren  die Marktlehner dort  sehr stark überrepräsentiert.




reverendo, manchmal auch s.v.
mit Verlaub, dieser Ausdruck wird in Schriftsätzen benutzt wenn von unanständigen oder stinkenden Dingen die Rede ist, also wenn es um Tiere, Schmutz, Kot, Unterwäsche oder um Nacktheit geht


Söldner, allgemein siehe Marktlehner und ganzer Bauer
Die Söldner im Markt Kötzting dagegen hatten das Braurecht der Marktlehner nur eingeschränkt, das heißt, Söldner durften nur festgelegte Mengen brauen (1 Sud pro Jahr), das Schankrecht besaßen die Söldner überhaupt nicht.
Die Hofgröße war in der Regel auch kleiner als bei den Marktlehnern
Für Söldner auf den Dörfern siehe: ganzer Bauer


Stadtbrand von 1867

in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni ca gegen 23.oo Uhr brach in einem Hintergebäude des brauenden Bürgers Amberger (heutzutage die Gastwirtschaft Dreger) Feuer aus. In kürzester Zeit fraß sich das Feuer über zahlreiche Feuerbrücken bis hinauf zum Torplatz und bis hinunter zu dem Bereich der heutigen unteren Marktstraße, dort wo jetzt die Firma Oexler ist. Allerdings hat es damals diese Straße nicht gegeben. In diesem Ortsteil stand unter anderem die Wuhn und das Bürgerspital, beide wurden ein Opfer der Flammen. Als Lehre aus dem erneuten verheerenden Brand wurden beim Wiederaufbau Brandschneisen gelassen, d.h. mehrere Anwesen wurden nicht wieder aufgebaut und der Straßenverlauf wurde an manchen Stellen geändert.


[1] KÖTZTING 1085-1985 Herausgegeben von der Stadt Kötzting anlässlich der 900-Jahr Feier S.29