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Freitag, 31. Januar 2020

Geschichte(n) - Wandern - Speisen

Die Historische Einkehr - eine Gemeinschaftsaktion vom Stadtarchiv Bad Kötzting und Stadtmarketing Kötzting e.V. geht nun ins 8. Jahr. Höchste Zeit also - trotz der bisher immer ausverkauften Veranstaltungen -  sich Gedanken zu machen, ob das Konzept denn noch trägt oder ob es nötig ist, ein paar Stellschrauben nachzujustieren. Und so haben wir es uns vorgestellt:




Im kommenden Frühjahr wird die Historische Einkehr zum ersten Mal den Bereich der Stadt Bad Kötzting (aber nur ganz knapp) verlassen und beim "Fischer Naz" in Pulling gastieren.
Unabhängig davon, trage ich mich schon seit langer Zeit mit der Idee, eine Art von kulturgeschichtlicher Wanderung, die ich vor vielen Jahren bei Karl Perfler in Südtirol genießen durfte, auf Kötztinger Verhältnisse und eben auf unsere kulinarischen und kulturellen Bedingungen anzubieten.
Kennzeichnend für Perflers Wanderungen war es - ohne dafür viele Höhenmeter überwinden zu müssen  - auf den Walwegen Südtirols zu wandern, während er, ähnlich, wie ich es bei der Historischen Einkehr zwischen den einzelnen Gänge mache, uns Teilnehmern die Geschichte der Gegend, der Häuser, der Mühlen u.s.w. erzählte. Nun ist natürlich Karl Perfler eigentlich so etwas wie ein Philosoph und ein Energiebündel sondergleichen, es ist also eigentlich schon etwas vermessen seine Idee auf den Bayerwald zu übertragen ABER, wie schon Monaco Franze gesagt hat: "Ein Bisserl was geht immer....."
Nun also ganz konkret, was soll, was kann werden:

Zur Vorbereitung auf die Einkehr in Pulling habe ich bei meiner Stoffsammlung bemerkt, dass, ähnlich wie letztes Frühjahr in Liebenstein beim Wirts Sepp, der "Rote Faden" meiner Vorträge auf den "Dörfern" eigentlich eine Wanderroute darstellt, die in diesem Falle in Kötzting beginnt und in Pulling endet. Damit ist nun ist die Wanderroute ganz von selbst:


Wir treffen uns am "Roten Steg"     (hier geschah 1699 ein blutiger Mordfall)

Roter Steg und Fußballstadion
 wechseln hinüber auf den Spatiliweg 
Der Spatiliweg (Photo Serwuschok Großumschlagsammlung)
 hören von der Entstehung der Magdalenenkapelle 
Magdalenenkapelle und Grotte Aufnahme von Mathias Heilmeier um 1900

die Magdalenenkapelle und die Kötztinger Naturfreunde, nun "Freunde der Natur" bei der Restaurierung
(Photo Serwuschok Großumschlagsammlung)



weiter gehts dann zum Waldschmidthaus,
dessen Entstehung mit der Hoffnung auf einen Eisenbahnanschluss fest verbunden ist.
REPRO Arbeitskreis Heimatforschung


dann sind wir schon in seiner Firma in Regenstein - nun in Besitz der Familie Wanninger

Steinbach


 Wir blicken auf hinüber auf die andere Seite des Weißen Regens:
dort war einmal ein RAD Lager für Mädchen
RAD-Lager am Gehsberg Photo Josef Bock

gleich daneben im Steinbachtal geht die Kötztinger Industriegeschichte weiter
Holzschleifanlage im Steinbachtal Photo Josef Bock


und dann taucht auch schon Harras auf,
in den Anfängen ein Eisenwerk des beginnenden 19. Jahrhunderts, später spezialisiert auf Pappen und Holz
Photo von Alexandra Hartinger Frühjahr 2019

Gleich hinter Harras liegt eine malerische Flußlandschaft mit meandierenden Flußarmen , Brücken und Wöhrden, eine Landschaft, die ihr Gepräge durch die Lärnbechermühle erhalten hat.
Bild von Josef Barth sen.
 Der Besitzer der Lärnbechermühle hat sich einen langen und intensiven Rechtsstreit mit Windorfer Xaver von Harras über die Brückenbenutzung geliefert.


 Dann natürlich der  Blaibacher See, dessen Entstehung,mit  Namensstreit und der Umweltproblematik, ausgehend von der Papierfabrik in Teisnach

(Photo Serwuschok Großumschlagsammlung)

Am anderen Ufer erkennt man die Pullinger Mühle




und am Ende dann die Familie Höcherl und deren Fischrechte auf dem Regen

Pulling

 Und dann ist auch noch der Eisenbahnbau Cham- Kötzting
Aquarell von Mathias Heilmeier entstanden um 1900


 Beim "Fischer Naz" werden wir uns dann mit einem Drei-Gänge-Menue verwöhnen lassen. Zwischen den einzelnen Gängen kann ich dann meinen Geschichten während der Wanderung die dazugehörigen Bildern nachliefern.
Wie man sieht, steckt in den Häusern auf dem Weg nach Pulling eine Menge an geschichte und Geschichten und was man sich erwandert, kann man sich auch besser merken.




Die Rückfahrt könnte/würde dann mit den Fahrern ermöglicht, die vorher ihre Fahrzeuge nach Pulling umgesetzt haben. Dies ist ohne Probleme angesichts der Teilnehmerzahl dann vor Ort lösbar.

Dies wäre also dann ein Einstieg in eine "Historische Wanderung", die dann immer im Frühjahr - wegen der längeren Nachmittags- und Abendstunden - in dieser Form stattfinden kann/soll.


Wie könnte dies dann noch ausgebaut werden? 

  1.  mit anderen Wanderstrecken


geschichtliche Wanderung Zellertal :  über Ludwigsberg - Galgenberg - Dachsenbühl - Weißenholz - Stockmühle - Kaitersbacher Mühle - Leckern (Töpferei Zaborsky)
optional Picknick beim Reimwirt
Grub - Gruber Mühle - Strohhof - Schlossbereich - letztes Gefecht der US-Armee -
Menue z.B. beim Fechter : mit Bildmaterial zwischen den einzelnen Gängen des Menues

geschichtliche Wanderung Regental: wir fahren mit der Bahn bis nach Watzlsteg  am Bahnhof Watzlsteg (egal ob mit der Bahn von Kötzting oder Lam) dann Watzlhof (früher in Besitz des Marktes Kötzting)  - Engelmühle - Zittenhof - Fessmannsdorf - Sperlhammer
optional Picknick im Gut Sperlhammer
weiter gehts zur Wiesmühle - Sagmühle - Hammermühle
Menue z.B. im Spielekasino mit Bildmaterial zwischen den einzelnen Gängen des Menues

geschichtliche Wanderung Haidstein: Treffpunkt Urtlbachplatz (historisch Kroith) - Gehstorf - Gasdorf - Ried - Haidstein -
Menue z.B. im Hotel Bayerwald in Liebenstein mit Bildmaterial zwischen den einzelnen Gängen des Menues
- Bachmeierholz - Zeltendorf -

       2. Zusatzmodule



Musikanten erwarten uns an besonderen Orten.
Picknick mit ausgesuchten lokalen Lebensmitteln: Bier - Käse - Gselchtes - Gemüse aus lokaler Erzeugung und an Orten, zu denen man normalerweise keinen einfachen Zutritt hat..

Donnerstag, 30. Januar 2020

Ein Rätsel für Autokenner

 Ich habe heute Bilder von Ostern 1975 digitalisiert und bin über das Bild eines Autos gekommen, das ich nicht einordnen kann.
Nur aus reiner Neugier: was ist/War das für ein Fahrzeug, das an Ostern 1975 auf dem Weg zum Arber hängengeblieben ist:
Offensichtlich Vorderradantrieb und die Fahrertüren öffnen sich nach vorne.
Das Markenzeichen vorne sieht fast wie das von AUDI aus, aber das glaube ich nicht, die Audis der 70er Jahre glaube ich zu kennen.



was ist das für ein Auto?

Samstag, 25. Januar 2020

Die Kötztinger Friedhöfe Teil II

Der "alte" Friedhof von Kötzting

Der Ausgangspunkt für diesen Blog war eine Mischung aus : möchte ich machen - sollte ich machen und muss ich machen.
Da meine eigenen und die Großeltern meiner Frau dort beerdigt sind, möchte ich selber gerne an diesen besonderen Platz erinnern. Einige Phototermine dort im vorletzten Jahr im Zusammenhang sowohl mit einem Bericht der Süddeutschen als auch mit der Mittelbayerischen Zeitung zeigte mir wieder einmal welch einen ganz besonderen Reiz unser "alter Friedhof ausstrahlt, trotz des Straßenlärms, der seit dem Einsturz der Friedhofsmauer von der Kreuzung her eindringt. Gleichzeitig sind auch bereits die Gefahren sichtbar, die diesem geschichtsträchtigen Ort drohen, weshalb ich das Gefühl hatte, ich sollte mal aus der Sicht der Kötztinger dessen Geschichte darstellen. Drittens ist es auch Teil unserer Schilderaktion, durch Stadtarchiv, Stadtmarketing und Waldverein, weshalb ich nun halt auch einen weiteren Beitrag liefern "muss".
Dieses "muss", bei der Schilderaktion hatte aber zur Folge, dass ich zuerst - im letzten Jahr - über den "ganz alten" Friedhof rund um die Pfarrkirche schreiben musste, um das Pferd nicht von hinten aufzuzäumen.

Fangen wir mal an mit dem ersten Plan, den wir von diesem Friedhof haben und von dort aus dann zuerst zur Entstehungszeit zurückzugehen und anschließend dann die Entwicklung dieses "gefriedeten" Hofes aufzuzeigen.
Ein Friedhof hatte und hat zwingend eine Umfriedung zu haben, einen Zaun oder Mauer also, der die Ruhe der Toten garantierte.
Ausschnitt aus dem Plan der Uraufnahme Kötztings
zu Anfang des 19. Jahrhunderts, entnommen
aus dem Buch Kötzting 1185-1985
Der Friedhof auf diesem Plan aus dem beginnenden 19. Jahrhundert bestand nur aus der heutigen untersten Eingangsebene, nicht einmal bis zu der Stelle, an der bis vor wenigen Jahren das "neue" Leichenschauhaus gestanden hatte.
Das Anwesen mit der Nummer 3 auf dem Plan ist der Amberger Hof. Nr. 2 ist die ehemalige Bäckerei Liebl und die Nummer 1 war die Kötztinger "Schmiede am oberen Tor", heutzutage die Schmiede Kuglmeier. das Gebäude unterhalb der Schmiede  - mit "X" gekennzeichnet - war das sogenannte Chamauer Tor, eines von mehreren Markttoren - genauer gesagt, das letzte, welches abgerissen worden war, die anderen verschwanden schon Jahrhunderte früher.

Nach dem Marktbrand von 1867 wurden die Häuser Nr. 1 und 159 zugunsten einer neuen Straßenführung geopfert (rote Pfeile). Haus Nummer 159 verschwand ersatzlos und die Familie Kuglmeier (Hnr 1) erbaute ihre neue Schmiede neu und zwar außerhalb des Standortes des Markttors. Beim Bau des Sporthauses Wanninger, im Mai 1994, reichte die Baugrube bis an die Garage der Familie Kuglmeier heran, wo man die alten Fundamente des früheren Markttores noch finden konnte.
Die, zu Anfang des 20. Jahrhunderts so benannte, Holzapfelstraße war noch eine schwer zu befahrene Hohlgasse, außerhalb des Marktes. Die Gehringstraße gab es noch gar nicht sondern nur eine kleine Gasse mitten quer hindurch durch die Hinterhöfe die einzelnen Marktlehen der rechten Marktstraßenseite, die Bollburggasse. Die kleine Gasse neben der Sonnenapotheke gibt eine ungefähre Vorstellung vom Verlauf dieser schmalen Gasse, auch wenn die eigentliche Bollburggasse erst zwei Häuser weiter oben ihren Anfang hatte.
So ist also der Zustand, wie wir ihn aus einem ersten Plan des Friedhofes kennen, unten in der Pfarrkirche ein Bestand an Familiengräbern von Kötztinger Familien, die auf ihr altes Familienrecht pochten und heroben, außerhalb der Marktbefestigung, fanden dann alle übrigen, neu hinzugekommenen Bürgersfamilien bzw. eben dann Verstorbene aus dem weiten Umkreis der umfangreichen Pfarrei Kötztings ihre Begräbnisstätte.

Kötztings Bürger kämpfen um den Erhalt ihres Friedhofes

(ringsrum um die Pfarrkirche)


Staatsarchiv Landshut Regierung Straubing A 4132
Wie sind nun die Anfänge dieses Friedhofes. In dem Falle kennen den genauen Grund für die Friedhofsanlage und auch das ungefähre Baujahr:
Das zentrale Dokument, das uns darüber Auskunft gibt stammt aus dem Jahre 1611und trägt die Überschrift:
Akt
Magistrat des Markts zu Kötzting
contra dasiges gericht wegen der
Sepultur im churfürstl. Schloß oder
Sepultur acker so anderen
de anno
1611

Die Diskussion im Jahre 1611 ähnelt den Debatten, die es in Kötzting ab den 70er Jahren gab, als der neue Friedhof an der Hausinger Straße gebaut worden war und es zusätzlich einen Beschluss gab, einen Stichtag einzuführen, ab dem auf dem "alten Friedhof" nicht mehr beerdigt werden durfte. Im wesentlichen gleichen die derzeitigen Ängste und Wünsche, was denn aus unserem alten Friedhofsgelände denn nun werden solle, den Beschwerden und Diskussionen im Jahre 1611.
Die Kötztinger Bürger beschwerten sich bei der Regierung in Straubing, dass der Kötztinger Landrichter versuchen würde, Beerdigungen im unteren Friedhof schlichtweg zu verhindern und nicht davon zurückschrecken würde, bereits ausgehobene Gräber wieder zuschütten zu lassen.


Der Magistrat - unterstützt durch die Mehrheit seiner Kötztinger Marktsbürger - will weiterhin jede Beschränkung des unteren Friedhofes verhindern und führt dabei als Gründe auch den Zustand und die Entstehungs- und Verwüstungsgeschichte unseres alten Friedhofes an.
  1. Der größte Teil des Palisadenzaunes (übrigens aus eichenen Pfosten aus den gerichtischen Wäldern am Rossberg), der Magistrat spricht von "Stockhata" wäre entfernt worden. (damit wäre die Umfriedung nicht mehr gewährleistet)
  2. Dieser, damals neue und außerhalb der Marktbefestigung gelegene, Friedhof war nur zu "Sterbsleuffen" angelegt worden, also wegen einer grassierenden Seuche, zumeist als Pest bezeichnet. Es war aber vermutlich aber eine andere Infektionskrankheit. 
  3. Hätte man den oberen Friedhof als Dauerlösung anlegen wollen, dann hätte man auch eine ganz andere Umfriedung durchgeführt. 
  4. Wegen dieses "Ausweichfriedhofes" war auch niemals beim Bichof in Regensburg um eine "Consecration" nachgefragt worden, sondern die Weihe geschah durch den pfarrer von Chamerau, damals noch Verwalter der Dechanei, ganz einfach "per aquam benedictam", also durch Weihwasser.
  5. Die Anlage, als  erfolgte durch Romanus von und zu Hoholting wegen der grassierenden Seuche.
  6. Trotzdem wurde zu allen Zeiten - außer bei Sterbsleuffen - weiterhin im alten unteren Friedhof beerdigt.
Der Streit eskalierte, als der Landrichter ein Grab für eine verstorbene Kötztinger Bürgerin, Frau Zadler, welches bereits ausgehoben worden war, wieder zuschütten lies und die Beerdigung bei nder Pfarrkirche somit verhinderte.  Die Kötztinger Bürger wollten nicht >oben< beerdigt werden, sondern zu Zeiten der "gesunden Lufft" weiterhin im Kirchhof begraben werden..
Wir haben hier also den Gegensatz von : "gesunder Lufft" einerseits und "Sterbsleuffe" auf der anderen.
Die Bürger bestanden darauf, dass der Pfarrer und nicht der Pfleger zu entscheiden hätte, wer wo beerdigt werden würde.
Dies alles wäre nicht der Grund bei der Regierung sich zu beschweren, nun aber hätte der Herr Pfleger das "Viechtacher Fändl", Soldaten also, nach Kötzting transferiert und den Friedhof bei der Pfarrkirche als Aufenthaltsort der Soldaten bestimmen wollen. Dem gegenüber aber stünde die vom Herzog 1598 herausgegebende Order (hier Libel genannt), welches den Missbrauch von geweihten Orten unter große Strafe stelle.
Der Pfleger könne mit den Rüstungen auf den Gängen ringsherum am Schloss hantieren wie er wolle, den Friedhof aber müsse er - zumindest zu guter Luftzeiten - unangetastet lassen. Punkt.

Weiter schreiben die Bürger, dass der Friedhof vor 28 Jahren - also 1583 - als hier die "paestis leider sehr hoch regierte" der damalige Pfleger Romanus von Hoholtigen darüber beschwert hatte, dass die verstorbenen Personen bei ihm durchs Schloss getragen worden sind. Aus diesem Grunde wurde "ein neuer Sepultur ausser Markhts aufgericht". ... auf kein anders als die Sterbsleuff und Auswendige des Markts, so in die Pfarr gehörig.
Diese Einlassung sagt also bereits, dass nicht nur "Pest"tote, sondern auch andere Pfarrangehörige - eben von den umliegenden Ortschaften - im oberen Friedhof beerdigt werden sollten, nur eben nicht die Kötztinger Bürger.
Nun aber kämen die Verwüstungen durch das "Viechtacher Fändl" hinzu: ...und anietzt mit Aufwerffung des Schanzgrabens daselb solchermassen nit allein verwüst worden, dass er ein erschröckliches wesen anzehören zugescheigen zesehen ist, sondern dardurch gar engfengig worden, auch die Pfarrmenig groß, und der Communicanten ausser dero Jugend bej Sechzehnhundert hat, und der noch uberbleibende kleinste Thaill des Freithofs was wässerig, also das die verstorbenen Leuth maistens im Wasser ligen und begraben werden miessen, und zu einer solchen Pfarrmenig der gemelt Freithof vil zu enng und clain were.
Cornelius Meder der Pfleger, über den sich die Kötztinger beschwert hatten, ist inzwischen verstorben und sein Nachfolger im Amt des seiner "Durchlaucht in Bayern Rat, Oberhauptmann, Pfleger, Castner und Vogtrichter" in Kötzting musste nun - 1612 -  der Regierung in Straubing, die in Sachen "geweihter Orte" sehr strenge Maßstäbe setzen musste, stellvertretend Antwort geben:
  1. "Es wäre nit ohne, dass durch den von ihrer Durchlaucht vor diesem alhier geordneten Capitan Martin ein ziemblichre Thaill grundts hinweggnomben und die Sepultur dadurch geschmälert worden. ( im unteren Friedhof um die Kirche)
  2. Mit etwas Mühe können man aber den Schaden wieder beheben.
  3. Würde man den unteren Friedhof wieder vollkommenf freigeben, würde dies einem fürstl Pfleger, welcher im fürstl Schloß hausen muess und  demselben die verstorbenen leichnamb stracks vor seinem Zymer darzue er wohnen thue für und zur begrebnus tragen werden, hoch beschwerlich geneueg sein und fallen wurde."
  4. Seintemallen aber obverstandenermassen der gedachte Gottesackher vor dem markht durch die aufgeworffene Stocada oder Schanzgraben zimblich starckh geschmällert und zerrissen das derselb unverwart anyetzt gleich offen stehen thuet und dermassen verwiesstet worden, dass cum venia (mit Verlaub) Hundt und Schwein darauf um gehen mögen. Selbicher auch vor der zeit allein der Sterbsleuff halber fürgenommen worden. 
Der Pflegsnachfolger bestätigt also im Wesentlichen die Beschwerdepunkte der Kötztinger.
Wie haben wir uns also den Kötztinger "Ausweichfriedhof" vor dem 30jährigen Krieg vorzustellen?
Eine provisorische Begräbnisstätte, die zuerst einmal - 1583- mit einem Zaunlattenzaun umgeben war um die Toten der Seuchenzüge aufzunehmen. Durch militärische "Tiefbauarbeiten" - in Form eines Wallgrabens und eines Dammes mit Palisaden -  quer durch den Friedhof gleicht dieser mehr einem Truppenübungsplatz und von einer Umfriedung - auch um Tiere abzuhalten - kann nicht mehr gesprochen werden.
Es war also alles andere als eine würdige Begräbnisstätte und so war es kein Wunder, dass die Kötztinger Bürger dafür auf die Barrikaden gingen.

 Ganz Kötzting ist ein großer Friedhof


Aber bald war das nicht mehr wichtig. Am 30.11.1633 geschah die Katastrophe, ein Kötztinger Bürger - Khieninger mit Namen - erschoss den Parlamentär der "Schweden" auf seinem Pferd, worauf diese den Markt umstellten, an mehreren Stellen Feuer legten und mit Gewalt verhinderten, dass die Kötztinger Bewohner sich aus dem brennenden Markt heraus retten konnten und viele davon jämmerlich im Ort verbrannten.
Die Kötztinger Taufmatrikel (Band 1) beginnen mit einem Status Animarum, also einer Seelenbeschreibung. Im Markt Kötzting - inklusive Knechte, Mägde und Kinder - leben 1639 weniger als 300 Personen. Nimmt man die damals bereits belegbaren, ungefähr 135-150, Anwesen als Maßstab, sollten in Kötzting mit Kindern, Personal und Inwohnern sicherlich , mehr als 1000 Bewohner gelebt haben. Die Überlebenden hatten sicherlich für mehrere Generationen genügend Platz auf dem Friedhof, wie man auch an den weiteren Einträgen in den Pfarrmatrikeln erkennen kann. Erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts ist in den Einträgen - Geburten, Hochzeiten und Sterbefälle - ein Niveau erreicht, welches sich nur noch mit normalen Schwankungen um einen gleichbleibenden Mittelwert verändert.

Der Obere Friedhof

Im 18. Jahrhundert nun enden die Zeiten, in denen die Kötztinger alteingesessenen Bürger auf die Begräbnisstätte vor dem Markttor herabgesehen haben.
In den Regensburger Pfarrakten findet sich ein Schreiben des Kötztinger Pfarreers Müllpacher aus dem Jahre 1716 in dem er dem Ordinariat den Bau einer Seelenkapelle mit "Ossuarium und Todtenkammer" meldet und berichtet, dass auf dessen Altar zum Trost der armen Seelen "etliche hl. Messen" gelesen werden würden. Hans Krieger und seine Frau Agners, eine geborene Billich und die Großmutter des späteren Kötztinger Kammerers Wolfgang Samuel Luckner, waren wohl die angesehensten Bürger Kötztings welche sich besonders um diesen "oberen Freidhof" kümmerten.  Am 1.8.1724 stifteten sie für ihr ewiges Seelenheil (BZA Regensburg Pfarrakten Kötzting Nr. 8) die Hammerwiese und die Marktmühlwiese. Wörtlich heißt es  in dem Stiftungsbrief:
Stadtarchiv Bad Kötzting AA IX-3 Anbau eines
Leichenschauhauses an die Friedhofskapelle
"es sollen die verstandtenen 12 H.H. Messen durch allhiesigen Herrn Pfarrherren in dem von uns erpauthen obern Seelhaus und zwar monnatlich iedesmahl an dem von wohlgedachten Herren Pfarrer resolviert und bereiths ausgesteckhten Tag gelesen werden".
Die Familie Krieger hatte also eine Kapelle auf dem Friedhof gestiftet und dort sollten dann auf ewige Zeiten monatliche Messen gelesen werden, deren Bezahlung durch die beiden Wiesengrundstücke für alle Zeiten gesichert sein sollte.

Aus späteren Jahren - Anfang 19. Jhdt - kennen wir einen Bauplan für einen Anbau eines Leichenschauhauses, in diesem Plan kann man auch diese Seelenkapelle erkennen. 
Der Hintergrund für diese Neuerung ist der gesetzliche Auftrag einen Leichenschauzwang einzuführen und die private Aufbewahrung der Toten zuhause zu verbieten. Diese, ich nenns mal, Aussegnungshalle stand an der südlichen Ecke des Friedhofes.
Es ist dieselbe Zeit, als Hans Krieger sein Testament macht und sich mit der Seelenkapelle auch ein Denkmal setzt, als die ersten Häuser längs der nördlichen Friedhofsmauer - heutzutage Kupferschmiedgasse und damit ebenfalls außerhalb der Marktbefestigung - errichtet werden.
Ebenfalls 1724 leiht sich der Kötztinger Glaser Ander Steidl Geld zur Neuerbauung "seines Häusl in der Sandgrube beim obern Freidhof"

Der "untere" Friedhof wird geschlossen

 
Beide Friedhöfe stehen nun in Kötzting gleichberechtigt nebeneinander und in dem Maße, wie die Zahl der Pfarreiangehörigen steigt, wird es auch nötig, den Friedhof zu erweitern. Dies um so mehr, als die Regierung aus hygienischen Gründen im 19. Jahrhundert die Beerdigungen im unteren Friedhof schlichtweg verbietet.
Soweit die Theorie.....
Der Magistrat kontert trickreich - 1836 -  wegen des "Verboth des Begrabens im unteren Gottesacker"  - wird einfach mal nachgefragt "ob auch fundierte Plätze gesperrt bleiben oder nur die
neuen
". Der Magistrat traut sich nicht an der heiße Eisen der Familiengräber der alteingesessenen Kötztinger Bürgersfamilien heran.
Natürlich folgen die kgl. Beamten der Aufforderung der Regierung und auch den neuhinzugekommenden Bürgersfamilien bleibt nichts anderes übrig, als nun endgültig auf dem oberen Friedhof auszuweichen und dort ihre Familiengräber zu errichten. Es gab aber einige Familien, die weiter auf ihr herkömmliches Recht beharrten und dieses auch bis herauf ins 20. Jahrhundert hartnäckig durchfochten. Grundsätzlich aber war es um die Jahrhundertwende dann endgültig entschieden, es wird nur noch "oben" beerdigt.


Der Friedhof soll schöner (und größer) werden


Nachdem nun endgültig der Würfel für den oberen Friedhof gefallen sind, werden dann langsam auch Vorstellungen entwickelt, dem ganzen ein würdiges Aussehen zu geben und auch schon mal an Erweiterungen zu denken.
1866 werden diese Planungen konkret und wir kennen aus dieser Zeit den Vorschlag eine repräsentative Ummauerung und einen zentralen Eingang zu errichten.
StA La Rep 164/8 Nr. 470: am linken Ecke steht noch die Seelenkapelle in der (späteren)
Kupferschmiedgasse existieren bereits 2 Häuser >>> es geht um die untere Front >b<
Anblick vom heutigen Torplatz aus
Detail der Mauer zwischen Kapelle und Tor
Gleichzeitig wird auch schon mal die Möglichkeit eingeplant, den Friedhof nach hinten oben zu erweitern:

 ..

So war die Planung für Mauer und Tor und auch gleichzeitig mit Berücksichtigung einer Erweiterung...... aber es kam anders

  Der Stadtbrand von 1867

 Am Montag den 3. Juni 1867, wenige Tage vor dem Pfingstfest, ging in Kötzting wieder mal die Welt unter, fast die Hälfte des Marktes verbrannte und in dem Feuersturm verging auch die Seelenkapelle mit angebautem Leichenschauhaus an der südwestlichen Friedhofsecke.
StA La Rep 164-8 Nr. 1570  Bild des Feuerschadens, ROT bedeutet vollkommen zerstört, GELB bedeutet geringfügiger Schaden





 Nachdem diese Feuerwalze, die ausgehend vom Brandort (heutzutage Gastwirtschaft Dreger) nach beiden Seiten, nach oben und unten, sich solange ausweitete, bis die Flammen keine Nahrung mehr fanden UND dies bereits zum zweiten mal in dieser Form passiert war - der Marktbrand von 1717 hatte ähnliche Ausmaße und lief auch ähnlich ab - beschloss der Magistrat drei Feuerschneisen in den Verlauf der Häuserreihen zu errichten. Aus diesem Grunde entstanden die jeweiligen Verlängerungen der Metz- und Schirnstraße hinüber zu der (heutigen) Gehringstraße und die Verlängerung der Marktstraße vom (heutigen) Schuh Liebl bis zum Stoppschild vorne beim unteren Oexler. All die Verhandlungen um Grundabtretungen, Versicherungen und die entsprechenden Planungen benötigten einige Zeit und so dauerte es auch bis zum Jahre 1873, bis die Planungen für ein neues Leichenschauhaus konkret wurden.
Diese neue Gebäude sollte aber nicht mehr vorne an der Mauer hin zum "Torplatz" sondern an der  gegenüberliegenden rückwärtigen Seite entstehen.
Ein erster Plan platziert dieses Gebäude noch frontal am Ende des Hauptweges:




Dies ist nun der Entwurf - in Größe und Platzierung. Der Magistrat entscheidet sich für einen Neubau, der etwas kleiner ausfällt und  platziert ihn in die linke obere Ecke des Friedhofes, der in diesem Falle, anders als in der eher idealisierten Darstellung des obigen Planes,  auch nicht exakt rechteckig ist, sondern an seiner oberen Grenze schräg auf die Mauerseite zuläuft, was auch die "schräge Lage" das Leichenschauhauses später im Friedhof erklärt.




Repro Arbeitskreis Heimatforschung Hier das Bild des alten Leichenschauhauses - abgebrochen 1959 - an dem man auch gut sieht, dass der Hauptweg nicht im rechten Winkel zum Hause steht.

So, nun ist unser  "alter Friedhof" zunächst einmal komplett, er hat zumindest auf den dem Markt zugewandten Seiten eine Ummauerung und wird auch von der Bevölkerung als ihr Friedhof angenommen.


 Der Platz reicht nicht mehr

Es kommt, wie es kommen musste, die Fläche des unteren Friedhof ist ja ersatzlos entfallen, die Pfarrei wächst und der Platz reicht einfach nicht mehr. Leider hatte aber in der Vergangenheit der Magistrat mehreren bauwilligen  Bürgern im Kurvenauslauf der heutigen Holzapfelstraße - und damit an der Süd- und Westseite des Friedhofes -  einiges an Neubauten genehmigt.

Der Schlosser Josef Schötz durfte eine Werkstatt errichten, Josef Hastreiter hatte ein Haus gebaut
und natürlich benötigte auch der Braukeller des Josef Decker (Monokel) für seinen Biergarten eine
seitliche Zufahrt.

 In einer ersten Erweiterung wurde nun der Friedhof nach oben erweitert und dabei aber noch der Grundstückstreifen der Familie Hastreiter ausgeklammert und die große Stützmauer des Friedhofes hin zur Hohlgasse der Holzapfelstraße errichtet.

 In den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhundert war es schon wieder zu eng geworden und der Magistrat entschloss sich, das Anwesen der Familie Hastretier aufzukaufen und den Friedhof damit zu arrondisieren. Diese Erweiterung kann man gut an den seitlich immer noch tiefer liegenden länglichen Friedhofsteil erkennen.
Einschub in eigener Sache, um die ganzen Vorgänge nicht zu kompliziert zu machen:
Wenn hier vom Magistrat die Rede ist, so ist das eine verkürzte Darstellung. Die Sepulturgemeinde, die Kirchenverwaltung, der Kötztinger Magistrat, die umliegenden Dörfer: alle hatten hier in Teilbereichen Verantwortung, moralische bzw. finanzielle. Diese einzelnen Zuständigkeiten bei den einzelnen Bauabschnitten-Grundstückskäufen-Reparaturen auseinanderzudröseln, war schon in der Vergangenheit nur dadurch möglich, dass Kompromisse geschlossen haben werden müssen, weil die Aktenlage keine eindeutigen Aussagen mehr zugelassen hatte. Wenn ich hier also vom Magistrat spreche, so bedeutet das eigentlich nur, dass von offizieller Seite gehandet wurde. Wer sich mit wem dabei abstimmen musste bzw. sich abgestimmt hat ist fast nicht mehr -rechtlich einwandfrei - festzustellen. 

Hier im Plan gleich zwei Erweiterungen. Man erkennt gut das im Grundstück nun seltsam schräg platzierte Leichenschauhaus  (Ich erinnere: es folgte in seiner Baulinie der früheren Friedhofsgrenze) Die dick umrandete Fläche
liegt dann auf dem abgekauften Grundstück inkl Haus der Hastreiter (Nr. 6)
 Zwischen der ersten und zweiten Erweiterungsfläche lag eine Mauer, die im Winter 1930 dann eingestürzt ist, wonach es dann zu dieser zusätzlichen Erweiterung gekommen ist.
Hier einige Bilder aus dem bestand des Staatsarchives Landshut zum Mauereinsturz.
StaLa Rep 164/8 Nr. 3542 Blick vom Hastreiteranwesen in Richtung Leichenschauhaus
Blick vom Friedhof zum Hastreiterhaus, welches folgends abgerissen wurde


hier sieht man deutlich den tiefer liegenden Teil des Friedhofes: das ist das Grundstück, welches von der
Familie Hastreiter abgelöst worden ist. Bereits vorher war die Stützmauer als Abgrenzung errichtet worden.
Sieht man sich die noch vorhandene äussere Friedhofsmauer - entlang des Friedhofsgasserls - aus den zusammengebatzelten und immer wieder geflickten und aufgestockten Ziegelmauern an, dann sieht man kaum eine Ähnlichkeit mit dem Vorschlag des Architekten:
Isodor Weininger, der Kötztinger Bauingenieur entwarf 1934 den Vorschlag für die südliche Aussenmauer, welche in dieser
Form nie ausgeführt worden ist.


 Sein Vorschlag, wie mit der innenliegenden Böschung zu verfahren war, entspricht schon eher der Ausführung, wie wir sie heute noch kennen.

 



 Wieder reichte der Platz nicht und der Friedhof wurde weiter den Berg hinauf geöffnet, eine kräftige Mauer sollte nun den nordöstlichen Abschluss bilden, aber weit gefehlt, der Zweite Weltkrieg mit seinen vielen Flüchtlingen und Vertriebenen, die Soldaten, die noch in den letzten Kriegstagen hier gefallen waren, Alle benötigten einen "letzten" Platz. Und so wurde die oberste "Abschlussmauer" mit roher Gewalt wieder aufgebrochen, eine Treppenanlage errichtet und der alleroberste Gottesacker entstand, der nun sogar einen eigenen oberen Zugang ermöglichte.
Bild Stadtarchiv Bad Kötzting: Der Kötztinger "Alte Friedhof" in seiner größten Ausdehnung, allerdings bereits mit dem neuen Leichenschauhaus. Anhand der einzelnen Gräberabteilungen kann man gut die räumliche Entwicklung nachvollziehen.


Baild Stadtarchiv Bad Kötzting: Auch hier noch die Situation noch mit der unzerstörten Umfriedungsmauer
Zurück noch einmal zu den Jahren gleich nach dem zweiten Weltkrieg:
Im bis dahin obersten, und neuesten, Friedhofsteil wird durch die Umstände der Vertreibung und des enormen Bevölkerungszuwachses, den der Landkreis Kötzting und damit auch die Pfarrei Kötzting zu verkraften hatte, der Platz schlicht weg zu wenig.
Wir haben eine Bilderserie von Josef Barth sen. aus dem Jahre 1950.
Zu sehen ist die bis dahin oberste Friedhofsmauer, man erkennt auch den Durchbruch durch diese und einen Festakt, beim der sowohl der evangelische als auch der katholische Pfarrer, der Bürgermeister Kroher und wohl Funktionäre von Vertriebenenorganisationen, vermutlich Sudetendeutsche Landsmannschaft, zu sehen sind. In diesem, 2019, Jahr feierte die SL im Herbst ihr 70 jähriges Bestehen.
Hier trägt wohl ein Mädchen eine Gedicht vor, der Mann in den Knickerbocker ist vermutlich ein Funktionär, Pfarrer und Pastor nehmen nacheinander eine Segnung vor. Hier ist die Gedenktafel an der Wand noch verhüllt.
Im Bildhintergrund ist der Mauerdurchbruch hinauf zur letzten Friedhofserweiterung zu sehen und dass dort am obersten Ecke Grab an Grab zu liegen kam. Bild von Josef Barth sen.

hier spricht wohl, nach der Enthüllung der Funktionär, einer mit Haltung(!) Bild von Josef Barth sen.

man sieht hier deutlich die Menge der Beteiligten/Betroffenen und auch die Menge an neuen Gräbern


aus dem Bestand von Frau Serwuschok haben wir eine Aufnahme von dieser Gedenkplatte, ganz knapp am rechten Bildrand erkennt man die - nun fachgerecht - ausgebildete Treppenanlage durch die Mauer hindurch. (10.12.1973)


Diese Gedenktafel, wohl aus Holz, wurde Jahrzehnte später nach dem Bau des neuen Leichenschauhauses an die Wand des Vorraums verbracht.
Nach dem Abbruch dieses Gebäudes 2013 wurden einige Gedenksteine in Sicherheit gebracht, diese aber blieb verschwunden.










Nun aber weiter: die räumliche Ausweitung des Friedhofes ist nun endgültig abgeschlossen, es geht schlichtweg nicht mehr weiter nach oben, denn dort schließen sich ja bereits die Schulgebäude an und der kleine schmale Wiesenrest, der vor dem obersten Zaun noch übrig geblieben war, sollte einer der ersten Kötztinger Kinderspielplätze unserer Stadt.

Fresko vom Kötztinger Künstler August Philipp Henneberger
an der inneren Rückwand des Leichenschauhauses
1959 dann schlägt die Stunde für das alte Leichenschauhaus und noch im selben Jahr wird das neue, modernere, schnörkellosere eingeweiht. Ein Fresko von August Philipp Henneberger, das den "auferstehenden Heilland" darstellt, wird zum beherrschenden Raumschmuck und in der Vorhalle werden im Laufe der Zeit diverse Gedenktafeln angebracht (Gedenktafel der Heimatvertriebenen, Gedenktafel für den Forstmeister Hubrich und der Grabstein des früheren Landrichters Carl von Paur)








 Wie sehr sich die Zeit und damit auch die Einstellung zum Sterben geändert hat, zeigt folgende Kleinigkeit aus meiner eigenen Schulzeit: es war für uns Schulkinder durchaus nicht unüblich, beim Nachhauseweg von der Schule am Leichenschauhaus vorbeizuschauen, in dem ja die Verstorbenen zumeist im offenen Sarg aufgebahrt lagen, um unsere kindliche Neugierde zu befriedigen.

Auszug aus der neuen Leichenschauhalle bei der Beerdigung eines unserer sehr bekannten Kötztinger Bürger:
K.B. Krämer, Autor des Kötztinger Landkreisbuches
seitliche Ansicht des neuen Leichenschauhauses


das Bild von 1955 zeigt uns nicht nur die Mauer- und Torsituation am Torplatz, sondern auch, dass dieser damals werde geteert noch gepflastert war. Bild Archiv Kretschmer






Bild Arbeitskreis Heimatforschung
 Die nächsten Veränderungen in unserem alten Friedhof waren dann schon die ersten Zeichen des Verfalls. Die südöstliche EIngangsmauer, mitsamt der hohen Abstützung hin zur Holzapfelstraße, konnte dem Druck nicht mehr standhalten und fiel - Gott sei Dank ohne Opfer - einfach in sich zusammen.
Neben vielen Bürgergräbern mit den Grabsteinnischen, war auch an ganz prominenter Stelle die Grablege unseres letzten Landrichters Carl von Paur davon befallen.
Nachdem die Mauer nicht mehr aufgerichtet worden war, wurde der Grabstein Carl von Paurs im Vorraum des Leichenschauhauses aufgestellt und fristet im Moment sein Dasein - gesichert - auf dem Kötztinger Bauhof.








je weiter man mit der Friedhofsfläche jedoch nach Süden rückte, umso höher und mächtiger musste
die Stützmauer werden, die dann irgendwann dem Druck nicht mehr standhielt und einstürzte.
Gott sei Dank kam damals niemand zu schaden. Bild von Frau Serwuschok Repro 114




und plötzlich war die Mauer weg.......


Auch die Mauern auf der Nordseite, an die zum Teil die benachbarten Häuser einfach drangebaut(angelehnt) worden waren (Gracherl Grassl)  sind akut einsturzgefährdet und auf der Innenseite befinden/befanden sich viele bedeutende Grabdenkmäler. Dieser Zustand hat den Kötztinger Stadtrat bereits in den 90er Jahren dazu veranlasst eine Friedhofskommission zu bilden, welche vor Ort den Istzustand aufnehmen sollte.


Sammlung Serwuschok: eine hohe Friedhofskommission: Schwarz Sepp, Zellner Theo und Betz Erich an der nördlichen Friedhofsmauer




Bis in die Sechziger Jahre hinein reichte das Platzangebot des Kötztinger Friedhofes, aber dann war bald klar, es musste ein neuer, größerer Platz gefunden werden und der lag an der Hausinger Straße. In den 70er Jahren wurde dieser erstellt und zunächst wurde auch auf beiden Friedhöfen noch beerdigt.
Gleichzeitig wurde aber ein weiter in der Zukunft liegender Schlusstermin bestimmt, ab dem im alten Friedhof nicht mehr beerdigt werden durfte. 1966 bereits war die Entscheidung durch den Stadtrat gefallen, es gibt einen neuen Friedhof und 1982 sollte Schluss sein mit den Beerdigungen im alten Friedhof, der dann folgends auch seinen Status als Friedhof verlor, ohne dass seither klar ist, wie weiter damit zu verfahren und was dasraus eben werden soll.

Was wird werden ? .....die Zeiten gleichen sich 

 

Bei einer Bürgerversammlung im Februar 1966 sind die notwendigen Reparaturen beim Alten und die projektierten Baukosten am Neuen Friedhof eines der Hauptthemen, viele Vorwürfe werden laut vor allem über die Standortwahl des Neuen Friedhofes. Springt man nun auf die bisher letzte Bürgerversammlung, im November 2019, so ist zwar die Aufmachung wesentlich moderner, aber die Themen ähneln sich:
so titelte die Kötztinger Umschau am 14.11.2019
Nun, nachdem bereits viele Jahrzehnte niemand mehr auf dem Friedhof beerdigt worden ist, aber, wie man an Allerheiligen sehr gut sehen kann, immer noch eine große Anzahl der Gräber gepflegt werden und auch eine stattliche Anzahl von Angehörigen bei der Gräbersegnung alljährlich immer noch anwesend sind, stellt sich natürlich die Frage, wie es mit der altehrwürdigen und beeindruckenden Fläche weitergehen soll.
Während es in früheren Jahren üblich war, bei der Feststellung der nicht mehr ausreichenden Standfestigkeit durch eine Fachfirma, die Angehörigen zu informieren und vor die Entscheidung zu stellen - aus Versicherungsgründen - entweder den Stein stabilisieren oder abbauen zu lassen, ist es nun der Wunsch der Stadtverwaltung, alle verbliebenen Grabsteine zu erhalten, um den Charakter und die Würde eines altehrwürdigen, allerdings historischen, Friedhofes dauerhaft zu erhalten.
Sollte es möglich sein, auch den Mauerschluss zur Oexlerkreuzung hin wieder zu ermöglichen, dann wäre ein Besucher schon beim Durchschreiten des Tores und mit dem Eindringen in den "gefriedeten Freiraum" vom Gefühl einer ganz besonderen Stimmung und Ruhe umfangen.
Unser Alter Friedhof ist ein besonderer Raum und es wert, durch einen professionellen Gartenarchitekten behutsam hin zu einer zusätzlichen Nutzung erweitert zu werden - wie gesagt, ohne Hektik, ohne Lärm und vielleicht sogar ohne moderne Materialien und sicherlich unter weitgehender Aussparung der historischen Gräberfelder.
Wenn die Entscheidung über einen entgültigen Entwurf irgendwann in der Zukunft - nach langen Debatten - einmal vorliegt werde, ich an dieser Stelle gerne den Entwurf hier miteinbauen, um den Weg unseres Alten Friedhofes zu einem "Was auch immer" dann abzuschließen.
Manchmal braucht man auch den Blick und das Urteil von Aussenstehenden, um deutlich zu erkennen. welch ein Kleinod wir in Kötzting hier mit diesem Alten Friedhof haben. Im September 2017 meldete sich bei mir die Süddeutsche Zeitung, der Redakteur war bei einer Recherche im Internet nach Pestfriedhöfen, als einzigen Treffer auf unseren alten Friedhof gestossen und so hatten wir ein mehrstündiges Gespräch und Wochen drauf dann mit der Lamer Photografin Evi Lemberger ein Photoshooting, was für mich eine ganz neue Erfahrung war.
Bereits im Jahr 2014 hatte die MZ - unter ihrer Rubrik "Verlassene Orte" auch mit mir einen Ortstermin abgehalten und einen Bildbericht über dieses Kleinod inmitten der Stadt Bad Kötzting gebracht.

Kötztinger Umschau Oktober 2014

 Ich persönlich freue mich zuerst einmal auf die/den Vorschläge und bin wirklich gespannt wohin die Reise geht.
Damit könnte hiermit die Geschichte unseres Alten Friedhofes eigentlich zuerst einmal enden.

Aber es fehlt noch:

besondere Grabsteine 
                                   besondere Beerdigungen 
                                                                        und besondere Bilder



Also fangen wir mal an mit einigen unserer besonderen Grabdenkmäler - ich habe es oben bereits erwähnt, dass es bei unserem "Restbestand" an Grabsteinen keinen Unterschied mehr geben sollte ob erhaltenswert oder nicht, auch ein wie auch immer gearteter Denkmalschutz sollte kein Ausschlusskriterium sein - deren Familien in der jüngeren Kötztinger Geschichte eine gewisse Rolle gespielt und deren Name sicherlich auch heutzutage noch vielen im Gedächtnis ist.
Hier nur eine kleine Auswahl..... Geschichten gäbe es für alle diese Grabesteine zu erzählen.

Die Kötztinger Großbrauerdynastien:


Lindnerbräu

der Deckerbräu vom Marktplatz mit seinem Bierkeller und Bräustüberl in der Holzapfelstraße (früheres Monokel)

Der Schmidtbräu

Familie Obermayer mit dem "Mesner" Karl, Pfingstbräutigam von 1900 und Jubelbräutigam
von 1950

Hier die Grabstelle der Familie Staudinger Anna Staudinger war die Braut des Mesner Karl,
siehe oben.

Schaffer-Wieser später Metzgerein Greiner, nun der Floristikladen Alchemilla

Die Grablege der Familie Greß, Hammermühle, das kleine Mädchen Maria hatte einen
schrecklichen Unfall.

Familie Ring, wohnte im späteren Dr. Angerer Haus an der Marktstraße



Der Buchdrucker Weissenbach war der Vorgänger der Familie Oexler in der unteren Marktstraße
der Familieverband der Pongratz - mit mir weder verwandt noch verschwägert - lebte und arbeitet im Bahnhofsrestaurant,
nun Familie Kollmayer.

Oskar von Zaborsky verstarb ganz überraschend nach einer OP und bildete zusammen mit
seiner Frau Grete fast so etwas wie eine KünstlerWG in Hinterleckern


Die Familie Kollmaier - eigentlich ist dies tragisch - war eine der letzten Familien Altkötztings, die über viele Generationen
hier mit ihrem Namen überlebt haben und nun mit einem eher modernen Grabstein in einem der neueren Friedhofsteile
vorlieb nehmen mussten: weil Karl Kollmaier sich Zeit seines Lebens dafür eingesetzt hatte - und es auch schaffte - dass seine Familienangehörigen noch als allerletzte im unteren Friedhof beerdigt werden durften. Als er selber dann starb wurde er als seines Familienverbandes im oberen Friedhof beerdigt und, da im unteren, prominenten, Friedhofsteil kein Platz mehr frei war, musste er unter die Neubürger ausweichen.

auch dies ist unsere Geschichte: Grablege von Benno Hoiss Kötztinger Bürgermeister von 1933-1936

Drunkenpolz eine Schmiede- und Lehrerfamilie


Nun noch ein paar besondere Beerdigungen:
Es war ja früher durchaus üblich, dass der Sarg von besonderen Sargträgern auf der Schulter durch den Friedhof getragen wurde:
Wir haben hier Bilder, bei denen einzelne Vereinsmitglieder ihre Referenz dem Verstorbenen gegenüber sichtbar werden lassen:
Pfingstbräutigamme für ihren jung verstorbenen Pfingstbräutigam Hans Costa 1947

Feuerwehrmänner (hier auch als Beispiel, wie notwendig eine zeitnahe Digitalisierung unseres Bilderbestandes ist, weil
manche Negative schlecht fixiert wurden und verrostete Büroklammern einen weiteren Schaden anrichten)

Pfingstreiter für "Frau Post", Frau Katharina Schmidt

Feuerwehrmänner für den KBM KB Krämer

Schützenbrüder für ihren verstorbenen Herbergsvater

Eine ganz "besondere" Beerdigung

Eigentlich alle dieser vorher gezeigten Beerdigungen hatten etwas Besodneres, weil die Anteilnahme durch die Beteiligung der besonderen Sargträger auch ein äusseres Zeichen setzt. Es gab aber in Kötzting vor vielen, vielen Jahren eine Beerdigung, die auch in der überregionalen Presse beachtet worden war was für Kötzting allerdings eine sehr negative Presse bedeutete.

Es geht um die Beerdigung unseres Bezirksamtmannes

 Carl von Paur

 Dieser Mann ist für Kötzting so wichtig und herausragend gewesen, dass ich für ihn auch einen Blogeintrag schreiben werde und an ihn auch ein Schild im Rahmen unserer Schilderaktion erinnern soll. Aus diesem grund hier nur eine kurze Zusammenfassung seines Wirkens, es geht ja hier eigentlich um die skandalösen Umstände - der Ausdruck ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen - bei seiner Beerdigung.
Carl von Paur war der letzte Landrichter und gleichzeitig dann auch der erste Bezirksamtmann in Kötzting. Während seiner Amtszeit wurde also die Ämtertrennung eingeführt und so bekam Kötzting ein Notariat, ein Amtsgericht und eine unabhängige Polizei. Der Bezirksammann hatte nun nur noch den (Verwaltungs)Aufgabenbereich, wie heutzutage der Landrat, allerdings wurde er von der Regierung eingesetzt und nicht, wie heutzutage, gewählt.
Er führte einen Kornverein ein, gründete das Josephsheim, gründete einen Unterstützungsverein für landwirtschaftliche Arbeiter brachte das Krankenhaus auf den Weg, um nur einige seiner Unternehmungen zu nennen. Unter anderem wurde in seiner Amtszeit - das brachte ihm 10 Jahre lang sicherlich viele schlaflose Nächte ein - auch der Räuber Michael Heigl gefangen.
Nun, wir sind ind er Zeit des ersten Vatikanichen Konzils, welche neben den Änderungen, die den Umgang mit dem Allerheiligsten - und damit unseren Pfingstritt - betrafen, vor allem wegen des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Pabstes Aufsehen erregte. Ein Teil des katholischen Fußvolkes wollte diesen - reaktionären - Weg nicht mitgehen, trennte sich von der Mutterkirche ab und so entstanden die sogenannten Altkatholiken (eigentlich die liberaleren, auch wenn der Zusatz -Alt- das gegenteil suggeriert.)
Die Kötztinger Bürger und Pfingstreiter waren von dem Gedanken des Regensburger Bischofs, der Priester solle beim Pfingstritt unter einem Himmel zu Fuß gehen und die Reiter ihn irgendwie begleiten, nicht begeistert und so traten viele Kötztinger zu den Altkatholiken über. Selbst im  Marktmagistrat hatten die Altkatholiken eine Mehrheit. Auch Carl von Paur - und Maximilian Schmidt, gen Waldschmitt - bekannten sich nun zu dieser Religionsgemeinschaft.
1871 bat Carl von Paur, schon lange kränkelnd, zuerst um einen langen Urlaub - er wollte sich, nach der Reichsgründung,  die neuen deutschen Lande anschauhen und später dann um Versetzung und Pensionierung.
Als 1871 dann auch noch der Regensburger Bischof Senestrey einen Beleidigungs gegen den Kötztinger Bürgermeister Kollmaier verloren hatte, war das Tischtuch in Kötzting zwischen den Katholiken und en Altkatholiken zuerst einmal zerrissen und die Stimmung sehr aggressiv.
In diese polarisierten Situation hinein, platzt die Nachricht dass Carl von Paur verstorben ist UND, dass sein Leichnam nach Kötzting überführt werden soll und er hier an der Seite seiner Gattin beerdigt werden möchte.
Die Zeitungen, damals in einer für heutige Verhältnisse unglaublich einseitigen Parteinahme überschlugen sich mit hämischen Berichten, über die eine oder andere Seite.
Die Straubinger Zeitung, ein liberales Blatt, berichtete im Detail, wie sich der Kötztinger Pfarrer geweigert hatte, für die beerdigung die Glocke läuten zu lassen, den Glockenstrick abgenommen hatte und der Nachfolger Carl von Paurs Dandl, lies die Sakristei erbrechen und veranlasste, dass für den Wohltäter Kötztings auch die großen Glocken zum begräbnis geläutet wurden.
Straubinger Zeitung vom Dezember 1973
Das Straubinger Tagblatt und der Donaubote aus Deggendorf, shen die Sache nicht so, sondern schütten kübelweise Häme auf den Vorgang. Die voerherige und die folgende Zusammenstellung der Zeitungsausschnitte habe ich von Herrn Silberbauer, Rimbach erhalten, Danke dafür.
Nun am Ende dann ein paar besondere Bilder von unserem "Alten Friedhof" einem ganz besonders
"stillen" Ort
 die folgenden vier Bilder stammen von Frau Eva Lemberger aus Lam vom Herbst 2017
Bildrechte Frau Evi Lemberger

Bildrechte Frau Evi Lemberger

Bildrechte Frau Evi Lemberger

Bildrechte Frau Evi Lemberger