1926
Die Kötztinger Suppenanstalt
Der - vergebliche - Kampf um die Zellertalbahn beginnt - der Bericht folgt
Das Pfingstfest des Jahres 1926
Das Gauturnfest im Juni - der Bericht folgt
Die - politische - Sonnwendfeier - der Bericht folgt
Der große Heimattag mit Volksfest im August - der Bericht folgt
Der Weiß-Blaue Tag und der Leserbriefstreit mit Cham - der Bericht folgt
Das Jahr 1926 hatte für Kötzting und seine Bürger sehr viel zu bieten. (Das Pfingstfest von 1926 wurde ja bereits separat behandelt). Ein Blick in die damaligen Ausgaben des Kötztinger Anzeigers zeigt eine Marktgemeinde voller Leben, neuer Ideen und großer Feierlichkeiten.
Die folgenden Berichte stammen sämtlich aus dem Kötztinger Anzeiger, der seit 1899 dreimal wöchentlich erschien und damals die einzige Zeitung Kötztings war. Bis auf wenige Fehljahrgänge haben sich die Ausgaben heute nahezu vollständig in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten. Neben kleinen Neuerungen und alltäglichen Nachrichten sorgten im Sommer 1926 gleich zwei weiter große und überregional beachtete Veranstaltungen dafür, dass in Kötzting außergewöhnlich viel Betrieb herrschte:
Da war zum ersten das große Gauturnfest im Juni und im August der große Heimattag verbunden mit einem Volksfest und sogar einem Kinderfestzug.
Diese Ereignisse zeigen eindrucksvoll, wie lebendig das gesellschaftliche Leben in Kötzting vor genau 100 Jahren gewesen ist – zwischen Heimatverbundenheit, religiöser Tradition und bayerischem Selbstbewusstsein.
Die Suppenanstalt
Warme Suppe gegen Hunger und Kältedie Kötztinger Suppenanstalt von 1925/26
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| Foto Josef Bock - Kinderfestzug in den 60ern mit dem Alten Rathaus im Hintergrund |
Wenn heute über Schulverpflegung oder Ganztagsbetreuung diskutiert wird, gerät leicht in Vergessenheit, unter welchen Bedingungen viele Kinder noch vor einhundert Jahren aufwuchsen. Ein Bericht aus dem Januar 1926 gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensverhältnisse zahlreicher Familien im Kötztinger Land und zeigt zugleich ein bemerkenswertes Beispiel bürgerschaftlicher Solidarität.
Bereits am 6. Dezember 1925 hatte die Gemeinde Kötzting im Rathaus eine Suppenanstalt eingerichtet. Dort wurden täglich mittags etwa 80 Kinder kostenlos mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Auf den Tisch kam eine kräftige Fleischsuppe, in die Grieß, Reis oder ähnliche Zutaten eingekocht wurden. Auch besser situierte Einwohner konnten Suppe erhalten, mussten dafür allerdings ein geringes Entgelt bezahlen. Finanziert wurde die Einrichtung überwiegend durch freiwillige Spenden. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehr als 500 Mark zusammen – ein beachtlicher Betrag in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Lage vieler Menschen alles andere als einfach war. Zusätzlich unterstützte der Marktgemeinderat die Aktion mit einem erheblichen Geldbetrag.
Wie groß der Bedarf tatsächlich war, zeigte sich bereits in den ersten Tagen. Während der ersten Woche konnte jeder kostenlos Suppe erhalten, woraufhin täglich zwischen 200 und 250 Personen zur Ausgabe erschienen. Um die vorhandenen Mittel nicht zu rasch aufzubrauchen, wurde die unentgeltliche Verpflegung deshalb schon bald auf die wirklich bedürftigen Kinder beschränkt. Besonders betroffen waren die Schulkinder aus den umliegenden Dörfern und Einöden. Allein aus Arndorf nahmen 42 Kinder an der Speisung teil, aus Haus weitere 22. Viele von ihnen hatten einen langen Schulweg. Bis zu zwei Stunden mussten sie täglich zu Fuß zurücklegen – morgens hin und nachmittags wieder zurück. Im Winter bedeutete dies oft einen Marsch durch Schnee und Kälte.
Der Bericht schildert die Verhältnisse eindringlich: Viele Kinder verließen bereits gegen sechs Uhr morgens ihr Elternhaus und kehrten erst gegen vier Uhr nachmittags zurück. In dieser Zeit bekamen sie häufig nichts Warmes zu essen. Ein Stück Brot oder einige Kartoffeln mussten als Mittagessen genügen. In manchen Familien warteten nach der Rückkehr lediglich kalte Kartoffeln oder erkaltete Rüben auf die Kinder.
Umso größer war die Bedeutung einer warmen Mahlzeit in der Mitte des Tages. Nach knapp einem Monat Betrieb konnten bereits erste Erfolge festgestellt werden. Der Leiter der Volksschule, Hauptlehrer Möcklein, berichtete von einem außergewöhnlich guten Schulbesuch – selbst während der strengsten Kälteperiode. Nach seiner Beobachtung waren die Kinder im Nachmittagsunterricht deutlich aufmerksamer und beteiligten sich sogar am Vormittag eifriger, weil sie sich bereits auf die warme Suppe freuten.
Der Zeitungsbericht endet mit einer Beobachtung, die vielleicht mehr aussagt als alle Zahlen. Wer die leuchtenden Gesichter der Kinder gesehen habe, wenn die dampfenden Suppenteller hereingetragen wurden, der könne die Bedeutung dieser Einrichtung erst richtig verstehen.
Heute erinnert die Kötztinger Suppenanstalt daran, wie entbehrungsreich das Leben vieler Familien noch in den 1920er Jahren war. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass Notzeiten oft Kräfte der Solidarität freisetzen. Die Unterstützung durch Bürger, Beamte und Gemeinde machte es möglich, hunderten Kindern wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu geben – ein kleines Stück Fürsorge, das für viele von ihnen einen spürbaren Unterschied machte.
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| Im Oktober 1926 entschied der Marktgemeinderat die Einrichtung erneut anzubieten und forderte die die Kötztinger Bevölkerung auf, diese finanziell zu unterstützen. |
Aus heutiger Sicht wirkt die Glosse stellenweise erstaunlich respektlos, ja sogar verletzend. Der Verfasser macht sich nicht nur über die Bühnenhandlung lustig, sondern auch über Personen im Zuschauerraum. Besonders auffällig ist die Schilderung der „dicken älteren Frau“ hinter ihm, die später sogar zur „fetten Nachbarin“ wird, deren „Fettbauch“ beim Lachen „schwapple“. Eine solche Beschreibung würde heute kaum noch veröffentlicht werden, ohne Kritik hervorzurufen. Sie verletzt moderne Vorstellungen von Höflichkeit, Privatsphäre und Respekt gegenüber dem Äußeren anderer Menschen.
Man sollte den Text allerdings nicht vorschnell mit heutigen Maßstäben verurteilen. Er stammt aus einer Zeit, in der Zeitungen oft wesentlich persönlicher, bissiger und direkter formulierten als heute. Gerade in lokalen Blättern fanden sich regelmäßig satirische Glossen, die von Überzeichnungen, Spott und bewusst groben Bildern lebten. Der Verfasser schreibt nicht als objektiver Theaterkritiker, sondern als humorvoller Beobachter des Geschehens im Saal. Seine Nachbarin wird dabei zu einer literarischen Figur, deren Lachen die ausgelassene Stimmung des Abends symbolisieren soll.
Dennoch offenbart der Text auch gesellschaftliche Vorstellungen der 1920er Jahre. Frauen werden fast ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt: Die Schauspielerinnen sind „rotbackig“, „frisch“ und „zum Anbeißen“, während die Zuschauerin wegen ihrer Körperfülle verspottet wird. Männer erscheinen dagegen als handelnde Personen, Schauspieler oder Beobachter. Der Autor bewegt sich damit ganz selbstverständlich in den Geschlechterbildern seiner Zeit.
Bemerkenswert ist außerdem der selbstironische Ton. Der Verfasser macht sich nicht nur über andere lustig, sondern auch über sich selbst. Er gesteht offen ein, die jungen Darstellerinnen bewundert zu haben, und schildert scherzhaft die Kontrolle durch seine Ehefrau. Dadurch wird die Glosse weniger bösartig, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Ihr Ziel ist weniger die Herabsetzung einzelner Personen als die humorvolle Beschreibung eines vergnügten Theaterabends.
Für den Historiker ist der Text deshalb besonders interessant: Er erzählt nicht nur etwas über die Aufführung von „Mizzi und Muzzi“, sondern vor allem darüber, worüber man im Kötzting der 1920er Jahre lachte, welche Witze als gesellschaftlich akzeptabel galten und wie ungezwungen Journalisten damals über ihre Mitmenschen schreiben konnten. Gerade die heute befremdlichen Passagen machen den Quellenwert des Textes aus, weil sie einen unverstellten Blick auf Mentalitäten und Umgangsformen jener Zeit ermöglichen.
In der Pause hab' ich dann unauffällig hinter meinen Stuhl hingeschaut — aber es war noch keine Schweinerei! Oder war das Stück deshalb eine Schweinerei, weil die Mizzi und die Muzi und die anderen Madeln so rotbackig und frisch ins Bühnenlicht geschaut, so sittsam den Reigen getanzt bei glöckerlhellem Gesang? Keine war unkeusch, aber alle zum Anbeißen!
Als der Kunstmaler Lug aber gleich darauf mit seiner molligen Schar zum Reigen einsetzte, war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Brettern und ich konnte meine Augen auch wieder ungehört auf die Weide treiben, zu den hüpfenden Geißlein: Mizzi — Muzzi — Susi — Vroni — Toni — Mali — Hanny — Cilli — Tilli — Zenzi — Leni mit ihrem überglücklichen Hüter Kunstmaler Lug.
Der Turnverein startete ins neue Jahr mit seinen Turnübungen in der neuen Halle und kündigte dabei das große Gauturnfest für den Juni an und im Reichstag in Berlin war die Entscheidung gefallen, den Ausbau der Eisenbahnstrecke Zwiesel-Bodenmais anzugehen, eine Nachricht, die im Anschluss für brisante aber hochinteressante "Entscheidungen" vor Ort sorgte und hier später in einer eigenen Rubrik behandelt werden wird.
Kötzting, 6. Febr. Gegenwärtig wird die Umgebung Kötztings von Agenten der adventistischen Sekte der „Ernsten Bibelforscher“ bearbeitet. Täglich ziehen sie aus, um ihre adventistischen Bibeln und andere Schriften dieser irregläubigen Sekte unter das katholische Volk zu werfen.
Darum Katholiken obacht!
Das Kaufen, Lesen oder Aufbewahren irregläubiger Bücher und Schriften ist ja schwere Sünde und mit kirchlichen Strafen belegt. Wenn ein Arzt von irgend etwas sagt: „Das ist Gift!“ so glaubt du ihm und lässest die Hand von dem Gifte. Wenn deine Kirche dir sagt: „Irrgläubige Bücher und Schriften sind Gift für deine Seele“, so glaube auch das der unfehlbaren Kirche und lasse die Hand von dem Gifte!
Kommt darum in ein Haus ein Kolporteur mit Büchern oder Schriften religiösen Inhalts, dann schauet, ob die Bücher vorne, auf einem der ersten Blätter, eine bischöfliche Druckerlaubnis aufweisen. Haben sie eine solche nicht — adventistische Bücher sind meist in Hamburg gedruckt — dann weiset den Agenten die Türe und zwar energisch! Suchen sie diese Bücher gar als katholische Bücher euch aufzuschwätzen, dann zeiget diese Kolporteure sofort bei der Gendarmerie wegen Betrugsversuches an. Machet auch sogleich euren Seelsorger aufmerksam, wenn ein Agent mit solchen Schriften zu euch kommt.
Nur entschiedene Abwehr kann uns von dieser adventistischen Landplage befreien.
Ein Fräulein Zenzl Neuberger aus Reitenstein wollte sich vor ihrer Auswanderung nach Nordamerika von all ihren Freunden und Bekannten verabschieden:
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| KA vom März 1926 |
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| KA vom April 1926 |
🗺️ Ein Tipp zum Schluss:
Auch dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte Kötztings eingetragen.
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Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken zu finden.










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