Gerade der erste Brief hat einen eher kryptischen Inhalt, den ich noch nicht eindeutig zuordnen kann, zeigt aber bereits die Bemühungen um eine Haushaltsauflösung, um Deutschland verlassen zu können und zu Ludwig Klein zu kommen.
Absender: vermutlich Hugo Tischler, mit handschriftlichem Zusatz von Reinhold; geschrieben auf dem Briefpapier von Dr. Lippmann.
Erfurt, den 21.Juni 1933
Lieber Ludwig.
Allmählich rückt doch die Zeit heran, dass wir uns an die Reise machen. Heute fahre ich zum letzten Einkauf nach Berlin und hoffe, in wenigen Tagen alles so beendet zu haben, dass wir mit einem guten, billigen Verkauf beginnen können. Es ist leider nicht möglich gewesen, die Ware schon weg zu schicken, da die meisten Kaufleute beziehungsweise Fabrikanten kaum etwas am Lager haben und alles anfertigen müssen. Ihr könnt sicher sein, dass ich mich sehr beeilt habe und selber nur einen Wunsch habe, drüben zu sein und die Ware drüben zu sehen.
Über das Auto, dass ich mitbringe, macht euch keine Kopfschmerzen. Es ist, wie du ja weißt, ein Geschenk unseres Vaters, und ich glaube doch, dass es uns sehr gute Dienste leisten wird.
Ich bin jetzt immer in so starker Spannung und habe so unendlich viele Wege, muss des Öfteren nach Magdeburg, dass ich nur schwer zu einem Briefe aufraffen kann. Deswegen aber freue ich mich doch über jeden Brief, den ich von euch bekomme.
Das Geld habe ich euch, damit ihr ja keine Not zu leiden braucht, und das Geschäft nicht von vornherein ins schlechten Ruf kommt, telegraphisch überwiesen und glaube wohl, dass der Betrag bereits in euren Händen ist, wenn diese Zeilen geschrieben werden.
Wir befinden uns, Friedel, sowie Micha und auch meine Lieben, alle bei bester Gesundheit und werden die Reise am 1. Juli antreten, um am 16. Juli in Neapel aufs Schiff zu gehen. Ihr könnt uns also, falls nichts unvorhergesehenes dazwischenkommt, am 20. Juli früh in Jaffa erwarten.
Hier ist alles ruhig, und die Menschen gehen ihren Geschäften nach. Das Leben ist nicht anders geworden, als ihr Deutschland verlassen habt. Unseren Bekannten geht es ebenfalls nicht anders, als es ihnen damals ging. Luck wartet immer noch auf Bescheid, er hofft bestimmt zugelassen zu werden. Herzbergs sind andauernd verreist. Harry hat sein Notariat wieder. Iderhoff ist leider ausgeschlossen.
Unsere Leni versorgt uns ausgezeichnet. Im Hause wird es immer leerer. Gestern haben wir das Schlafzimmer verkauft; für das Schlafzimmer und die Couch zusammen für 450 Reichsmark. Es ist kurz das, was ich euch schreiben möchte. Herzliche Grüße an dich, an meine liebe Frau und an die beiden Jungen. Recht baldiges Wiedersehen mit eurem Hugo.
Handschriftliche Ergänzung.
Herzliche Grüße, euer Reinhold.
1936
Valerie Stingl an den Bruder in Tel-Aviv
"Hugo Stingl, Haslau bei Asch bei Prag, Strickwarenfabrik.
Meine Lieben! Haslau, den 24. März 1936
Bestätige den Empfang eures lieben Briefes vom 11. Januar, über den ich mich sehr freute, denn seltene Briefe sind wie seltene Gäste, ganz besonders geschätzt. Ich danke euch allen, besonders meinem lieben Micha herzlich für die lieben Geburtstagswünsche.
Nun bist du an der Reihe, liebster Ludwig, als Geburtstagskind gefeiert zu werden, denn bis mein Schreiben euch erreicht, ist es an der Zeit.
Ich wünsche dir mein lieber Ludwig, vor allem Gesundheit und dass sich deine Hoffnungen auf eine deinen Kenntnissen und deiner Neigung entsprechenden Stellung recht bald erfüllen.
Wie gerne würde ich deinen Wunsch entsprechen und euch im April besuchen. Aber leider kann ich nicht allein über mich verfügen und mein gestrenger Gemahl erlaubt nicht, dass ich, wie er sagt, so lange vom Hause abwesend bin. Nun aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vielleicht gelingt es mir doch, sein Herz zu erweichen und euch in absehbarer Zeit wiederzusehen und eure schöne, neue Heimat kennen zu lernen. Die Zeitungsnotiz über den Haslauer Fabrikanten war für uns sehr interessant und haben wir inzwischen erfahren, dass sein palästinensischer Vertreter ihm von dem Artikel berichtet und erklärt hat, dass er kein Geschäft mehr für die Firma machen kann. Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass für die Schlechtigkeit die Revanche auf dem Fuß folgte. Das vergangene Jahr war für uns geschäftlich befriedigend und wären wir froh, wenn es sich heuer wieder so entwickeln würde.

"Ich fahre jeden Sonntag nach Eger und habe große Freude an unserem kleinen Ruthchen. Es ist ein reizendes und gescheites, sehr lebhaftes Kind. Anbei vier Bilder, die wir diese Woche aufgenommen haben. Von Tirschenreuth kann ich euch berichten, dass es Ihnen soweit gut geht, nur das Befinden der lieben Paula lässt viel zu wünschen übrig. Das Leiden geht leider fortwährend weiter und es ist sehr traurig, einen Menschen dahinsiechen zu sehen, ohne helfen zu können.
Man muss zufrieden sein, dass unsere Lieben in Deutschland bis jetzt wenig unter den politischen Verhältnissen leiden und wollen wir hoffen, dass es auch so bleibt, obwohl auch die Ungewissheit der Lage eine schwere Last ist und dem lieben Max Sorgen macht.
Ein Glück ist, dass lieber Max sich nicht naturalisieren ließ und dadurch seinen tschechoslowakischen Pass hat, mit dem er jederzeit herüber fahren kann. Ebenso die Kinder. Siddy fährt zweimal in der Woche nach Eger um Englisch- und Turnstunden zu nehmen. Auch Betti kommt manchmal zu Ida. So haben sie doch etwas Abwechslung.
Es wurden schon vielen deutschen Juden die Pässe abgenommen daher traut sich liebe Frieda nicht, nach Eger zu fahren. Sie will doch ihren Pass nicht verlieren.
Lieber Ludwig, hast du denn das Geld, dass ich dir durch die Nationalbank überweisen ließ endlich ausbezahlt bekommen? Vergesse nicht, mir darüber zu schreiben. Eines tut mir leid, dass lieber Max nicht mehr ins Gasthaus geht, wo dies doch sein einziges Vergnügen war. Seine Bekannten und Skatbrüder und auch die Wirte seiner Stammlokale wollten es durchaus nicht zugeben, dass er weg bleibt. Aber Max sagt, es kommen manchmal fremde Radikale hin, die stänkern und will er seine Freunde nicht in Ungelegenheiten bringen. Wir sagten ihm, er soll öfters dafür nach Eger fahren, wo er Gesellschaft findet und immer gerne gesehen ist.
Vielleicht kommen auch wieder bessere Zeiten für die deutschen Juden. Ich hoffe recht bald wieder von euch recht ausführliche gute Nachrichten zu erhalten. Über einige Fotos würde mich sehr freuen. Von Ida und Pepa soll ich euch vielmals grüßen, ebenso von Ernst(?). der zur Zeit zu Hause ist. Für heute seid herzlichst gegrüßt und geküsst auch vom lieben Hugo, besonders von eurer Valerie.
Extra Grüße an lieben Fritz und lieben Micha.
Frieda Klein schreibt an ihren Bruder Dr. Ludwig Klein in Tel-Aviv
Tirschenreuth, den 27.6.1936.
Meine Lieben!
Mit dem Beantworten der Briefe geht es mir wie euch. Man freut sich so sehr, wenn man einen so lieben, ausführlichen Brief bekommt und möchte sich am liebsten sofort hinsetzen und gleich einen ebenso ausführlichen Bericht senden, aber es kommt immer wieder eine dringende Arbeit dazwischen, wodurch der gute Vorsatz nicht zur Ausführung kommt. Heute endlich drängen keine geschäftlichen Arbeiten, in der Küche ist seit 14 Tagen Alice zu meiner Vertretung da, weil auch sie geschäftlich gut abkommen konnte und sie vor allen Dingen bei Paula sein wollte. Ich will auch hier gleich mit meiner Beantwortung eurer Fragen beginnen, so schwer es auch ist, denn Paulas Leiden hat sich derart verschlimmert, dass keine Hoffnung besteht, sie am Leben erhalten zu können. Bis vor acht Tagen wurde sie wegen der Wunde jeden zweiten Tag gebadet, das hat sie aber dann so angestrengt, dass der Arzt die Bäder nicht mehr verordnete. Dadurch erholte sich Paula wieder etwas, so dass wir wieder neue Hoffnung schöpfen, aber Doktor Göbel fürchtet, dass es nur eine scheinbare Besserung ist, weil die Wunde zu groß geworden ist, um normal heilen zu können und auch der Puls sehr unregelmäßig ist. Seit 14 Tagen haben wir eine Krankenpflegerin vom jüdischen Schwesternheim in Nürnberg, die aber vom Schwesternheim wieder abgerufen wurde und morgen abreisen wird. Angeblich wird sie in Nürnberg dringend gebraucht, wir vermuten aber, dass die Schwester, die leider noch sehr jung ist, ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist. Man hat uns eine andere Schwester empfohlen, aber ich bin sehr verbittert, dass man einer Schwerkranken, nicht gleich die richtige Pflegerin schickt, obwohl wir ausdrücklich betonten, dass es sich um einen schweren Fall handelt. Mit einer christlichen Schwester wären wir vielleicht besser dran gewesen. Schon der Gedanke, dass wir Paula nicht mehr lange bei uns haben werden, stellt große Anforderungen an unsere Nerven, es ist immer wieder erschütternd, Paula so still und geduldig in ihrem Lehnstuhl sitzen zu sehen, von der Hoffnung beseelt, bald wieder gesund zu werden. Ihre Ähnlichkeit mit unserer lieben Mutter tritt jetzt mehr hervor, die großen Augen, mit denen sie uns immer anschaut und die stillen, friedlichen Züge. Sie genießt natürlich die denkbar beste Pflege, nur den Wechsel der Krankenschwester hätte ich ihr gerne erspart. Aber vielleicht ist es gut für Sie und uns, dass wir jetzt eine ältere bekommen, die mehr Erfahrung hat und uns die Gewissheit gibt, alles für Paula getan zu haben, was in unseren Kräften steht, nur dann werden wir das Schlimmste ertragen können, was uns noch bevorsteht. Valerie war Pfingsten hier und vergangenen Sonntag und kommt morgen mit Ida, Pepe und der kleinen Ruth per Auto wieder auf einige Stunden. Paula freut sich immer sehr mit ihren Schwestern, wir sorgen schon dafür, dass sie die Besuche nicht so anstrengen. Jetzt im Sommer steht uns ja das ganze Haus zur Verfügung, da brauchen nicht alle im Krankenzimmer sein. Alice ist mir eine gute Hilfe, sie arbeitet den ganzen Tag und leistet bei Paula Gesellschaft. Nun will ich nur wünschen, dass die Krankenschwester, die morgen kommt, erfahrener ist und Paula bessere Dienste leisten kann. Mit Fritzl Brief freute ich mich ganz besonders, seine Schilderungen und Eindrücke, die er auf dem Ausflug ins Land gewann, waren für mich von besonderem Interesse, weil ich die meisten Orte kannte, nur Sebastia besichtigen wir damals nicht. Mich wundert nur, dass trotz der Unruhe der Ausflug noch gemacht werden konnte, heute wäre es sicher nicht mehr möglich. Ich lese leider schon seit einigen Wochen keine Rundschau mehr, da ich durch Paulas Erkrankung meine Gedanken nicht mehr auf das Gelesene konzentrieren kann. Heute Morgen stand im Berliner Tagblatt, dass 60.000 Beduinen bewaffnet wurden, um die Araber in ihren Forderungen unterstützen zu können, die Sache scheint ernster zu werden, als von allen Seiten vermutet wurde. Ich mache mir große Sorgen um euch, an Zahl sind ja die Araber in der Übermacht, es wäre nicht auszudenken, wenn diese Menschenmassen das Land überschwemmten. Aber England muss ja auch dieser Lage gewachsen sein, es darf es nicht soweit kommen lassen. Ihr wolltet die Kinder während der Ferien in eine
Kwuzah senden, durch die Gefahr drohende Lage ist es doch am besten, sie bleiben bei euch in Tel Aviv, wo bis jetzt noch am wenigsten passiert ist. Ich will die anderen auch noch dran schreiben lassen und für heute schließen. Lebt wohl meine Lieben alle, schreibt uns bald und wieder so ausführlich wie im letzten Brief und seid alle innig gegrüßt und geküsst von eurer Frieda
Handschriftlicher Zusatz:
Meine lieben!
Leider komme ich sehr wenig zum schreiben daheim, da es ohne Mädeln in unserem unpraktisch gebauten Hause viel Arbeit gibt. Frieda möchte den Brief noch wegbringen. Hoffentlich sind die Nachrichten in den Zeitungen nicht richtig, sonst käme man aus den Sorgen nicht heraus. Seit inzwischen innigst geküsst von eurer Alice.
Auf der Rückseite handschriftlich von Max.
Meine Lieben!
Hoffe euch alle gesund und munter trotz der harten Zeiten. Recht viele Grüße und Küsse euch allen Max
Alice Kirschner an Ludwig Klein
Die Besserung hielt bis Mittag an, nachdem aber Paula einen kleinen Tellersuppe zu sich genommen hatte, er brach sie und wurde dann sehr matt. Der Arzt gab Nachmittag noch eine Spritze und am Abend sagte er uns, dass Paula die Nacht nicht mehr überleben wird. Das Schlimmste war für uns, dass Paula bald die Kraft verlor, zu sprechen, sie stammelte immer etwas, wir konnten sie aber nicht verstehen. Wenn auch Paula keine Schmerzen mehr hatte, man merkte es an ihren friedlichen Zügen, so waren für uns die letzten Stunden die qualvollsten, die wir seit Mutters Tod durchgemacht hatten. Nun ist alles vorbei, Paula hat ihr armes, bescheidenes Dasein, dass ihr so viel Leid und so wenig Freude bescherte, ausgelebt und eine größere Lücke hinterlassen als ein gesunder Mensch. Besonders Siddy und ich waren in den letzten Wochen so viel mit ihr beschäftigt, dass man sich an die plötzliche Ruhe und Arbeitslosigkeit nicht gleich gewöhnen kann. Max hatte seinen Platz bei Tisch immer neben Paulas Lehnstuhl, dem großen Lederstuhl aus dem guten Zimmer, den wir für Paula so um arbeiten ließen, dass Paula bequem darin sitzen konnte. Er war ja auch groß und breit genug und Paula konnte es keinen Morgen erwarten, aus dem Bett und in ihren bequemen Lehnstuhl zu kommen. Nur die letzten zwei Tage hatte die Paula kein Verlangen mehr danach und blieb lieber im Bett. Nun ist das Zimmer leer, Paula braucht uns nicht mehr. Die Überführung nach Floss, fand Freitagmorgen, die Bestattung nachmittags statt. Die Behörden erlaubten die frühere Beisetzung, weil wir die Tote sonst bis Sonntag hätten liegen lassen müssen. Valerie brachte uns Rosa mit, sie kam im Auto mit Pepe und Ida und hat uns Rosa gleich dagelassen. So bin ich mit einem Male, zu plötzlich, um mich gleich in die neue Lage hinein finden zu können, von allen Obliegenheiten entbunden worden. Die schwersten Tage für uns alle sind hinter uns, die Gäste wieder abgereist, und es bleiben uns nur die traurigen Erinnerungen. Die Kinder sind sehr gefasst, auch Max, der unglaublich unter den letzten Stunden litt, beginnt sich zu beruhigen. Er hat den schönen Trost, Paulas Leidenszeit durch seine Liebe und Teilnahme erleichtert zu haben und gerade die letzten Monate ihres Lebens zählen zu ihren schönsten, weil jeder bemüht war, ihr nur Liebes und Gutes zu erweisen. warum sind wir Menschen so geartet, dass wir nur in der Stunde der Not, Geduld und Kraft aufbringen, um seinen Liebsten alles zu gewähren, was man vermag? Vielleicht hätte ich dir nicht so ausführlich schreiben sollen, lieber Ludwig, aber man kann so Schweres ja auch nicht mit wenigen Worten mitteilen, du solltest wissen, wie Paulas letzte Stunden waren, nachdem du nicht zugegen sein konntest. In Europa wäre es möglich gewesen, noch rechtzeitig zu kommen und Paula noch lebend anzutreffen. „Wir müssen uns jetzt öfter schreiben“ bemerkte du in deinem gestrigen Brief und das wollen wir uns beherzigen. Lebt wohl meine Lieben alle, seid innig geküsst von eurer Frieda
Frieda an Ludwig nach einem Besuch in Kötzting

handschriftliche Zusatz: die alten Marken sind von Alice, kann sie Fritz gebrauchen?.
Tirschenreuth, den 25. September 1936.
Meine Lieben, vor wenigen Tagen kam ich von Kötzting zurück, wo ich mit Betti die Feiertage verbrachte, und fand deinen lieben, ausführlichen Brief, lieber Ludwig, vor. Heute am Vorabend des Jom Kippur kann ich ihn schon beantworten, weil ich schön Zeit dazu habe. In Kötzting traf ich alle wohl und gesund an, nur Alice ist sehr nervös. Ihre misslichen, finanziellen Verhältnisse machen ihr viel zu schaffen und verbittert ihr ganzes Leben. Dass sie auch gar nicht aus ihren Schulden herauskommt! Die Kinder sind gesund, wenn auch die Sprache immer noch sehr zu wünschen übrig lässt. Beide reden so durch die Nase und obwohl sie sehr geweckte und kluge Kinder sind, stört die Sprache zu sehr. Man sollte nicht weit voneinander entfernt sein, es gibt doch vieles, was man mündlich besser besprechen kann. So erhielt Julius vor einiger Zeit einen Einkommensbescheid, der das Einkommen kurzerhand nach dem Umsatz berechnete und 10 % vom Umsatz als steuerbares Einkommen festsetzte. Früher brauchten sie überhaupt kein Einkommen bezahlen, aber der neue Beamte, den sie jetzt am Finanzamt haben, änderte das. Julius ging wohl hin und erhob mündlich Einspruch, verstand es aber doch nicht, den Beamten richtig klarzumachen, dass bei einer so trostlosen Bilanz, bei einer solchen Verschuldung nach Abzug der Werbungskosten von einem steuerbaren Einkommen nicht mehr die Rede sein kann. Nun müssen Sie über 100 DM Einkommensteuer, nachzahlen, ganz ungerechter Weise und, da die Frist des Einspruchs abgelaufen ist, kann man darin nichts mehr ändern. Der Beamte sagte wohl damals zum Julius, er müsse halt die Bücher prüfen, um festzustellen, ob sein Einspruch stichhaltig ist und da sie immer nur eine sehr primitive Buchführung hatten, gab sich Julius mit dem Steuerbescheid zufrieden, statt der Buch Prüfung zuzustimmen. Alice scheute sich immer, mir die Bilanz zu senden, weil sie mir ihre misslichen Verhältnisse nicht zeigen wollte. Ich konnte mir ja immer an den Fingern abzählen, wie es um sie stand, wenn sie nur mühsam den Verpflichtungen den Lieferanten gegenüber nachkommen konnten, wie groß musste da die Verschuldung sein, da ich doch von all den Darlehen wusste, die sie von den Geschwistern und von Julius Schwester in Amerika hatte. Die Hauptschuld trug ja bis jetzt das Rohprodukten Geschäft, das viel zu viel Spesen verschlang. Die beiden Autos, das Personen und das Lastauto, das sie sich nur wegen der Rohprodukten anschafften, realisieren sie nicht und das hängt Ihnen heute noch nach, wie man bei uns zu sagen pflegt. Dann kann man noch die Konjunkturverluste hinzu, die gerade damals begannen, als Alice heiratete und das hält ein Anfänger nicht aus, wenn er wenig Betriebskapital hat. Jedenfalls kamen wir bei meinem dort sein, auf die Steuern zu sprechen, und als ich die Bilanz sah, wusste ich gleich, dass sie ganz zu Unrecht zu Einkommensteuer veranlagt waren, und selbst wenn sich die Schulden um 600 DM verringert hatten. Alicia regte sich nun sehr darüber auf, dass sie der ganzen Sache nicht besser nachgegangen war. Dann war sie in ganz verzweifelter Stimmung, weil sie fürchtet, dass sie nie aus der Verschuldung herauskommen wird. Es wird sich aber doch eine Besserung erzielen lassen, wenn Julius und Alice ihr Augenmerk mehr auf den Spesenapparat richten und alles, was dazugehört, ein Geschäft richtig zu führen, besser berücksichtigen. Sie hat sich jetzt ein neues Geschäftsbuch angelegt, ähnlich meinem Kassenbuch, dass ihr die nötige Übersicht über alle Vorgänge gibt und das auch dem Finanzamt gegenüber beweiskräftig ist. Für die Zukunft wird sie also vor ungerechten Steuerzahlungen bewahrt bleiben, aber sie kann halt auch diese letzte Nachzahlung nicht verschmerzen. Leider kann ich jetzt, da wir keinen kranken mehr im Hause haben, eher abkommen als bisher und so will ich anfangs November nochmals nach Kötzting fahren, weil da zwei Feiertage sind, Allerheiligen und Allerseelen. Dann kommt der Winter und da ist es mir in Kötzting zu wenig warm, denn ich friere zu leicht und dort lassen sich die Zimmer nicht so behaglich heizen wie bei uns. Ich habe Alice schon dieses Mal sehr ins Gewissen geredet, dass sie sich mehr zusammen nehmen müsse. es hat doch keinen Zweck, sich die schlechte Lage gar so in den Kopf zu setzen, damit macht sie es nicht besser. Auch gestern schrieb ich ihr wieder ganz energisch und ich hoffe, wenn ich in sechs Wochen wieder bei ihr bin, dass sie dann ruhiger geworden ist. Julius hat da keinen leichten Stand mit ihr, ein nervöser Mensch ist überhaupt schlecht zu vertragen. Auf dem Rückweg hielt ich mich in Weiden auf, um den dortigen Nervenarzt wegen Betti zu konsultieren. Er war mit ihr zufrieden, die "Reflexe", wie er sich ausdrückte, sei ruhiger geworden. Um dies festzustellen, klopfte er mit einem kleinen Hammer den Fuß und den Arm entlang. Er erzählte mir auch von einem sehr tüchtigen Spezialisten für Hirnkrankheiten, der sich vor einem Jahr in Würzburg niedergelassen hätte und der einzige Deutschlands in seinem Fach wäre..

Er hätte seine letzte Ausbildung in Amerika bei einem Gehirnspezialisten genommen, dem tüchtigsten, den wir zur Zeit überhaupt haben, so dass sogar Geheimrat Bumke aus München, ihm, dem Würzburger, viele seiner Patienten zuschickt. Dieser Professor Tönnies macht genaue Röntgenaufnahmen, und es wäre vielleicht in Betracht zu ziehen, ihn mal zu konsultieren. Bei Betti handelt es sich nicht um eine Geschwulst, sondern um Narben am Gehirn, meinte Doktor Barth und wenn auch nicht anzunehmen sei, dass es besser bei Betti wird, so könnte man doch auch noch diesen Spezialisten zur Rate ziehen. Max war sofort einverstanden, als ich es ihm erzählte und so werde ich vielleicht im Herbst noch mit Betti nach Würzburg fahren. Dann haben wir alles getan, was in unserer Kraft stand und es ist in solchen Fällen immer ein Trost, wenn auch ein schwacher. Doktor Barth fragte mich auch nach Paulas letzten Stunden. Er hörte davon und kannte sie gut, weil wir ihn einige Male holen ließen, wenn wir glaubten, dass es nötig sei. Auch als das letzte Stadium ihres Leidens anbrach, als am Gesäß eine anfangs kleine Wunde entstand, verständigten wir ihn. Er stellte damals schon fest, dass das Leiden fortgeschritten war, dass die Haut nicht mehr ernährt werden konnte und dadurch ab starb. Die Wunde wurde dann immer größer, breitete sich über das halbe Gesäß aus und ging unterhalb des Steißbeins, aber nur an dieser Stelle, ganz in die Tiefe, so dass dort ein großes Loch entstand. Schmerzen hat die Paula vom ersten Tag an keine an dieser Wunde, sondern nur an den Füßen, weil sich diese immer so hinauf krampften. Man konnte auch dagegen nichts tun, als schmerzstillende Medikamente geben. Gerade in den letzten Wochen fingen dann die Wunden zu heilen an, so dass vorerst eine Lebensgefahr nicht bestand. Sogar die tiefe Wunde heilte immer mehr, die andere, die sich nur an der Oberfläche ausgebildet hatte, wurde immer kleiner und die Fersen, die ebenfalls tiefe Wunden hatten, waren schon ganz zu geheilt. Auch das Verkrampfen der Füße ließ vollkommen nach, weshalb auch diese Schmerzen behoben waren. Die hohe Temperatur, die ich zwei Tage vor ihrem Tod feststellte, rührte weniger von einer richtigen Lungenentzündung als von einer so genannten Schluck-Lungenentzündung. Ein typisches Merkmal von Paulas Leiden ist das häufige Verschlucken, und das, erklärte mir Doktor Göbel, führt oft den Tod dabei. Es muss nicht beim Essen sein, sogar am Speichel verschlucken sich solche Patienten, und bei Paula konnte man oft wahrnehmen, dass sie sich bei ganz langsamen Trinken verschluckte. gerade am Tag vorher, als sie das hohe Fieber bekam, verschluckt sich Paula ganz besonders stark, als ihr die Schwester nach dem Mittagessen den Kaffee gab. Ob bei dieser Gelegenheit etwas in die Lunge eingetreten ist oder ob sich Paula später noch mal verschluckte, das lässt sich natürlich nicht feststellen. Als ich am Dienstagmorgen Paula gerade das Thermometer in die Axel gesteckt hatte, er braucht sie plötzlich weißen Schleim, die Schwester war gerade hinausgegangen, und ehe ich mich noch besann, wie ich den ihr den Schleim von den Lippen entfernen konnte, hatte sie ihn schon hinunter geschluckt. dabei fiel das Thermometer aus der Achsel, und ich sah, dass es nach so kurze Zeit schon auf 40 gestiegen war. Paula war ganz verfallen im Gesicht nach dem Erbrechen und erst die Einspritzungen brachten sie wieder zu sich, so dass sie Alice, als sie am späten Nachmittag kam, verhältnismäßig frisch antraf. Valerie hat nicht unsere Art, lieber Ludwig, sie hätte schon Mittag da sein können, wenn sie wie Alice, sich gleich in den Zug gesetzt hätte. Ich glaube es dir gerne, dass du ihr die Freude des Wiedersehens gemacht hättest, wenn es in deiner Macht gelegen wäre und du hättest ihr eine große Freude damit bereitet. Dienstag Mittag trat dann zum ersten Mal eine Herzschwäche ein, von der sich aber Paula wieder erholte. Die zweite erfolgte Mittwochmittag im Begleitung von Schüttelfrost und bald darauf wurde es Paula schwer, zu sprechen. Sie brachte immer mühsam die einzelnen Worte heraus, es kam dann nur noch ein unverständliches Lallen, aber sie war bei vollem Bewusstsein. Von 6:00 Uhr abends an lag sie mit geschlossenen Augen da, vielleicht war sie von da ab ohne Bewusstsein, genau lässt sich das nicht feststellen. Das ist alles, was ich dir von den letzten Stunden unserer armen Schwester berichten kann und eine tiefe Traurigkeit bemächtigt sich immer meiner, wenn ich an ihre letzten Monate denke und daran, dass sie nur 47 Jahre alt wurde. Man war sich das nicht bewusst, dass es plötzlich zu Ende gehen wird und dass eines Tages Paula nicht mehr bei uns sein wird. Dass du so oft noch Haifa fahren musst, beunruhigt mich sehr, auch, dass du nach den Feiertagen eine längere Geschäftsreise antreten willst. Wie wird die Sache mit der Medidente ändern? Schweres genug hast du dort mitgemacht, es wäre nur zu wünschen, dass du es endlich, endlich mal besser treffen würdest und die Existenzsorgen aufhört. Die Daunendecken gingen gestern an euch ab, sie sind sehr schön geworden, dieses Mal ist der Stoff bedeutend strapazierfähiger, so dass ihr mehr Freude daran haben werdet. Max fuhr heute nach Eger, um Jom Kippur in die Synagoge gehen zu können. Man hat jetzt bei Ida ein gutes Absteige Quartier. Schreibe uns nur bald wieder wie es euch allen meine Lieben geht, seid alle innig begrüßt und geküsst von uns allen besonders von eurer Frieda.
die
"Braun-Verwandtschaft", also die Seite von Ludwig Kleins Ehefrau Friedl, eine geborene Braun, schreibt nach Tel-Aviv
Berlin, den 19. Oktober 1936.
Meine Lieben.
Euren Brief erhielten wir am ersten Tag nach Rückkehr von unserer zehntägigen Erholungsreise. Wir waren ein Tag in Godesberg, wo Patienten von Hugo, Cohnen´s, das ist das frühere Fräulein Wittner, Ludwig wird sich wohl erinnern, sie verkehrte wohl auch bei dem alten Herrn (der Name ist mir entfallen) in Karlsforst sich im Januar zur Ruhe gesetzt haben. Die hatten uns Quartier in einer sehr netten jüdischen Familie in einem sehr schönen und gepflegten Einfamilienhaus besorgt. Und so haben wir von G. (Godesberg) aus jeden Tag etwas unternommen. Mal eine Rheinfahrt oder nach Bonn, in Köln waren wir zweimal; einmal hatten wir uns die Stadt angesehen, das andere Mal waren wir auch bei einem Patienten (man sollte glauben, Hugo hat eine Riesenpraxis), der in dieser Spielzeit am Kölner Theater ist und der uns eingeladen hatte, auch im Theater waren wir und haben ihn im "Don Juan und Faust“ von Grabbe gesehen. Es war sehr schön, gesehen haben wir viel Schönes. Nur wie gesagt, 14 Tage ist nicht lange. Nun hat sich bei euch inzwischen wieder Manches ereignet und nicht viel Gutes, ich hoffe, dass nach genauer Übersicht sich manches günstiger gestaltet, als du lieber Ludwig annimmst. Wird es nicht günstig sein, das Geschäft zu halten? Hoffentlich hören wir im nächsten Brief von euch schon etwas Bestimmteres über euch. Liebe Frieda, sag mal, muss der Umzug sein, hier in Deutschland hat man ein Sprichwort, einmal umgezogen ist halb abgebrannt! Besser werden die Möbel doch nicht vom Umzug, dann kostet es doch auch und Arbeit macht es auch bei euren vielen Büchern. Kann man dort nicht auch so seine Wohnung pflegen, wie die (es fehlt ein Wort) Türen Fenster braucht man doch nicht alle zwei Jahre zu streichen. Ich schreibe alles durcheinander, ich muss dabei Türen aufmachen. Dann liegt Wäsche zum Waschen in der Wanne, aber seit ein paar Tagen hatte ich immer etwas vor, dass mich davon abhält, zu schreiben. Nun möchte ich doch noch wissen, ob du schon im Besitz der zwei Blusen und und der Polobluse für Micha bist. Dann schickte ich dir einen schwarzen Rockanzug, hoffentlich passt er dir, ich schickte ihn als Muster ohne Wert und eingeschrieben. Ist er auch angekommen? Mittwoch geht ein Paket von Hugo, ein Doktor Bernhard Leeb (fehlt ein Wort) auf das Schiff und hat für Fritzl und für Micha Knickerbocker mit. Ich wünschte, die Fähre bringt euch die Sachen bald, wenn es so lange dauern würde wie mit den Blusen könnten die Jungen die Hosen inzwischen (fehlt ein Wort)
wachsen. Ich habe ihm eure Privatadresse und die Adresse vom Geschäft mit gegeben,
Ich habe ihm eure Privatadresse und die Adresse vom Geschäft mit gegeben, denn ihr könnt doch inzwischen umgezogen sein. Gucks hat morgen Geburtstag und Fritz hatte am 3. Oktober. Dran gedacht habe ich, aber ich hab keine Adresse, aber ich möchte doch nicht das Gucks eine schlechte Meinung von seiner Tante kriegt und so schicke ich ihm ein Polohemd an eure Adresse morgen oder übermorgen ab. Bei uns in der Praxis ist es recht ruhig. Hugo braucht sich nicht anzustrengen. in den letzten Wochen sind drei Familien – Patienten von Hugo, Schwarzenbergs, Senatspräsident, Doktor Katzer und Doktor Chloe – nach Palästina. Steffi arbeitet augenblicklich praktisch beim Provinzialverband und kommt immer sehr spät nach Hause. Nun ist auch noch das Büro der Universität vom Urlaub zurück und die Gebühren sind auch bezahlt, nun kann wohl die Prüfung steigen. Also will ich aufhören zu schreiben, denn ich will an die Kinder noch ein paar Zeilen richten. Schreibt mir nur welche von den Sachen ankommen, dann will ich gerne weiter schicken und alles Gute im neuen Jahr. Herzliche Grüße und Küsse Trude,
Lieber Fritzl es freut die Tante und den Onkel, dass wir dir mit den Buch eine Freude gemacht haben, hinein. Gesehen haben wir nicht, sondern haben es gleich von der Buchhandlung schicken lassen. Da ging es doch rascher. Sicherlich hast du recht viel verdient aber eine Waage hättest du auch von uns bekommen können. Onkel Hugo hat mal eine von einem Patienten geerbt und ich habe in den Gewichtskästchen nachgesehen, da gibt es Gewichtsplättchen von zehn 30,50, 100, 200, 500 mg. Die Waage hat die Tante auf dem Bücherschrank stehen und sie ist hier zu weiter nichts nutze als dass sie ab und zu abgestaubt werden muss. Wenn das nicht mit der Optikerin so kompliziert wäre. Ich kann mir denken, was ihr für Kram alle beide habt und jetzt gibt es doch nicht so viel Platz wie in Erfurt. Und gibt es auch Tiere bei euch. Schildkröten etc. in der Wohnung. Hier hat man jetzt sehr viel Wellensittiche, hat doch immer viel Freude an Tieren. Werden die Hosen passen? Sie sind 2 cm länger gemacht worden? Wie ist es mit fotografieren? macht ihr gar keine Bilder mehr – ich habe nur ganz am Anfang eurer Umsiedlung Bilder von euch.
Lieber Micha, ich denke schon daran, was gut schmeckt. Die Tante Trude geht jetzt sehr selten in die Stadt. Am Nachmittag muss sie sich dann immer einen kleinen Jungen zum Tür aufmachen bestellen. Aber ich werde mein möglichstes tun, dass mich meine Neffen in guten Andenken behalten.
Euch allen viele Grüße
1937
29.1.1937
Hermann Braun an seinen Schwager in Tel-Aviv

Felix Braun, Breslau, Schwertstraße 6
Breslau, den 29. Januar 1937
Lieber Fritz!
Ich sende dir in der Anlage einen Entwurf für Frieda, welchen sie sowie auch Ludwig von dem deutschen Konsulat in Jaffa, bald unterschrieben an mich zurücksenden soll. Dass Gericht hat bis zur Einbringung dieser Ergänzungserklärung eine Frist bis Ende Februar festgesetzt, und bitte ich dich Frieda zu ersuchen, dass die Angelegenheit sofort erledigt wird.
Bezüglich deiner Angelegenheit habe ich gestern noch mal mit Carl gesprochen und hat er sich in Berlin erkundigt, dass du ohne Bedenken nach hier kommen kannst, da du ja Vertreter für deutsche Fabriken bist. Da doch die Leipziger Messe, wie ich dir bereits schrieb, am 28. Februar beginnt, und sämtliche Fabrikanten zur Messe kommen, so halte ich es in diesem Falle für das Beste, wenn du dir alles beizeiten besorgst, damit du auch pünktlich zur Messe hier eintriffst.
Schreibe also bitte recht bald, wann man dich erwarten kann.
Mit den besten Grüßen an alle.
Dein Bruder Hermann
18.2.1937
Max Pick, der Witwer der verstorbenen Paula Pick, geborene Klein, ist schwer an Diabetes erkrankt und ist auf Kur in Karlovy Vary, Karlsbad. Er schreibt eine sehr "gewöhnungsbedürftige" Handschrift, die mich an zwei/drei Stellen überforderte, was jedoch den Inhalt des Briefes nicht verfälschen wird.

Karlsbad, den 18.2.1937. Meine Lieben! Habt jedenfalls Karte und Brief von mir erhalten. Noch einige Tage, dann bin ich ja zu Hause. Da einerteils und (nicht leserlich) stark mich davor. Kinder, ihr sollt jeden Tag Gott danken, dass ihr dort seid, bei uns ist es mehr als ekelhaft, nichts als Prügel zwischen die Füße – wollte ich könnte ganz dableiben – Da ist man doch nicht Mensch zweiter Klasse. Meinen Zucker habe nahezu ganz angebracht, war ein schlimmer Fall da zu sehr vernachlässigt, anfangs machte mir der Arzt wenig Hoffnung, aber er ist ungemein gründlich, ja sogar pedantisch und folge ich auch ganz genau seinen Anforderungen. Das Leben selbst ist ja nicht teuer. Da komme so einen Tag mit circa acht Mark aus – allerdings kommen dann noch die Ärztehonorare, weiß ich noch nicht, Blutuntersuchungen und sonst noch. Sonst lebt man da billiger
als zum Beispiel in München. Habt ihr noch im Sinn, euren Fritz nach Prag zu geben? Näheres erfahrt ihr bald. Meine Prager Verwandten haben mich diese Tage besucht, und da sprachen wir darüber, auch die liebe Frieda war dabei anwesend. Ich denke nun genug geschrieben zu haben, denn die liebe Frieda schreibt euch ja noch mehr und noch ausführlicher. Hoffentlich bekomme noch diese Tage meine schon längst zugesagten Devisen, das würde mir den Aufenthalt noch mehr verbilligen. Aber kalt nass und unfreundlich ist das Wetter, Hauptsache ist, dass es genug Cafés da gibt und man alle möglichen und unmöglichen Zeitungen lesen kann. Deutsche Zeitschriften, auch einige Reichsdeutsche, dann ist beste Langweile gesorgt. Schreibt nur bester Gruß Max
Brief von Willi Braun an Friedl und Ludwig vor seiner Auswanderung nach Uruguay
Breslau, den 15. Juni 1937
Liebe Frieda und lieber Ludwig, erst heute komme ich dazu, euren lieben Brief zu beantworten. Ich hoffe aber, dass wir uns trotz der langen Schreibpause von nun an regelmäßig schreiben werden. Mein Bein ist gut geheilt, man sieht am Knochen nichts, nur kann ich es vorläufig noch nicht ganz abbiegen wie das andere und bei starken Beanspruchungen spüre ich es noch ein wenig. Wir hoffen euch alle gesund, gerne hätte ich mir das Land angesehen, bevor ich nach Uruguay auswandere. Aber diese Absicht ist zeitlich und was die Kosten betreffen leider nicht möglich. Natürlich ebenso gerne hätte ich euch alle gesehen, aber ich glaube, dass wir uns doch noch alle in wenigen Jahren sehen werden. Ich werde (jetzt ist es ein 4:30 Uhr früh) dann versuchen wenigstens von Steffl euch ein Bild bei zu legen. Von Fritz und Micha hätte ich gerne auch eine Aufnahme sehen wollen, es freut mich sehr zu hören, dass sie so tüchtige Jungen sind, die euch gewiss viel Freude machen. Steffl ist ein richtiger kleiner Frechdachsgeworden, der vorläufig es am schönsten findet, im Hof unten (Mittagspausen etc. sind im unliebsame Unterbrechungen) zu spielen und sich so schwarz wie ein Neger zu machen. Jetzt im Sommer geht es ja, da kann man ihn leicht unter die Wasserleitung stellen.

meine Papiere etc. sind fertig und auch der Zeitpunkt meiner Reise ist bestimmt. Am 28. Juli geht das Schiff „Lipari“. Ich hoffe dort in meinem Beruf tätig sein zu können, Reklame, Gebrauch Grafik, Film, Außenreklame, Zeichen lehren, Portraits etc. Etwas wird doch zu machen sein. Im übrigen arbeite ich jetzt an meiner zweiten Plastik, die sehr gut geworden beziehungsweise werden, Ich sende davon gelegentlich eine Aufnahme. Ich habe keine Angst um mich. Auch Fritz soll keine haben den erstens ist nicht jede Auswanderung verbunden mit Missgeschick etc. Er soll nicht in den Fehler verfallen, seine Sache zu verallgemeinern. Fritz beklagt sich, das Recht hat er dazu, aber er müsste es wissen, dass er sich vor unserer lieben Schwägerin Grete doch etwas zurückhalten sollte, die zerredet sich nämlich den Mund. Wenn ich könnte, würde ich euch gerne helfen, ihm und euch über die Schwierigkeiten hinweg zu bringen, aber wenn ich es einmal könnte, habt ihr es hoffentlich nicht mehr nötig. Hermann, ich muss es leider sagen, ist ein großer Pamuffel, der fast ganz unter dem Pantoffel von Grete steht, wenn sie sagt, eine Sache ist gut, ist sie gut, u.s.w. Mit Martin steht es noch am besten, seine Frau ist ein kleines Gänschen, alle stehen sie unter dem Einfluss von Grete. Hugo und Trude sind sehr lieb und nett. Ida werdet, da ihr mit ihnen ja brieflich in Kontakt steht, alles wissen.

Für den ersten Brief nach so langer Zeit erst mal genug. Ich hoffe, dass ihr wieder bald mal schreiben werdet. Meine herzlichsten Grüße. Erstmals wieder sind zehn Tage vorbeigegangen, ohne ohne dass ich das Schreiben abschickte: Fritz soll sich den Koffer packen, ein Billett kaufen und hierher kommen und den Stier bei den Hörnern packen, d.h. sich mit seinen Brüdern auseinandersetzen. Für heut nichts mehr, als das Versprechen, euch von nun an mehr zu schreiben. Herzlichst W. (=Willi Braun, Friedl Kleins Bruder)
Einschub über die im Brief erwähnten Personen und deren Schicksal - von Frau Shelly Feder:
Willi Braun war ein Künstler und Maler. Einige seiner Gemälde haben sich erhalten, so auch das Bild, das er von Fritz Klein - dem Vater von Shelly Feder, der Familienforscherin, der wir die vielen Briefe verdanken - in Erfurt gemalt hat, als Fritz erst 10 Jahre alt gewesen war.
Die Im Brief erwähnte Gertrude - eine weitere Schwester - (1855-1944) hatte Hugo Tischler (1879-1943) geheiratet. Das Paar hatte 2 (oder sogar 3 ) Töchter.
Susi Tischler konnte Deutschland vor dem Beginn des Krieges verlassen, schaffte es nach Chicago und heiratete dort Hans Marx.
Es gibt Hinweise, dass Steffi, die zweite Tochter der Tischlers, von einem Arzt oder Zahnarzt versteckt wurde, den Hugo Tischler gekannt hatte.
Hugo und Gertrude Tischler wurden von den Nazis ermordet, von der Existenz eines dritten Kindes der beiden, das ebenfalls umgekommen sein soll, gibt es nur Gerüchte und keine Bestätigung.
Fritz, ein weiterer Bruder aus der Familie Braun, schaffte es zusammen mit seinem Sohn nach Israel, wanderte aber später in die USA aus, genauer nach Chicago.
Hermann (möglicherweise verheiratet mit einer Grete) und Martin waren weitere Geschwister der Friedl Klein.
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| Sammlung Shelly Feder: Fritz Klein im Alter von 12 Jahren gemalt in Erfurth von Willi Braun. |
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Sammlung Shelly Feder: Szene im Hafen von Willi Braun.
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