Vor 50 Jahren wurde die neue Stadtbücherei eröffnet
In der Bildersammlung des Stadtarchivs haben sich zahlreiche Momentaufnahmen erhalten, die einen „Blick zurück“ auf das Alltags- und Gesellschaftsleben früherer Jahrzehnte erlauben: auf Handel und Gewerbe ebenso wie auf Feste, Bälle und gesellige Abende, bei denen besonders der Fasching mit seinen Burschenbällen und Abschieden eine prägende Rolle spielte. Neben diesen unbeschwerten Szenen verweisen die Aufnahmen aber auch auf die Herausforderungen, die das Leben in Kötzting über lange Zeit begleiteten.
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| Serwuschok119: Kötztings Bücherei im Alten Rathaus Foto von 1990 |
Einschub
Was wir 1976 wussten – und was wir heute wissen
Historische Fotografien halten einen Augenblick fest, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte der Menschen, die darauf zu sehen sind. Werner Tutter war 1976 eine bekannte Persönlichkeit des Kötztinger öffentlichen Lebens und spielte im Umfeld der Volkshochschule auch bei den Bemühungen um eine eigene Stadtbücherei eine maßgebliche Rolle.
Erst Jahrzehnte später kamen Hintergründe seiner Biografie ans Licht, die dieses öffentliche Bild grundlegend erweiterten und infrage stellten. Die nachfolgenden Aufnahmen sollen die Geschichte der Bücherei in ihrem damaligen Zusammenhang zeigen. Dass wir heute mehr über einen der Beteiligten wissen als die Zeitgenossen von damals, gehört ebenfalls zu einer verantwortungsvollen historischen Betrachtung.
Einschub Ende
Frau Renate Serwuschok berichtete in der Umschau vom 23.12.1976 über eine Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung der Kötztinger Stadtbücherei im Alten Rathaus.
Kötzting (na). Die Fernsehwelle ebbt ab. Man liest wieder. Der Umsatz auf dem Büchermarkt kann dafür zwar kein verbindlicher Gradmesser sein, weil mit Literatur im Regal, schweinsledergebunden oder leinenverpackt, häufig genug nichts anderes als Eindruck geschunden wird, aber die Zahlen sind es, die von den Büchereien über das Ausleihgeschäft genannt werden. Das gilt auch für die „blutjunge“ Stadtbücherei im Alten Rathaus, der die Initiative und Beharrlichkeit des örtlichen Volksbildungsleiters Werner Tutter zu Gründung und Aufbau verholfen hat. Der Start ist gelungen, die Anfangsschwierigkeiten sind beseitigt, der Betrieb läuft. 1500 Bände warten darauf, von „Leseratten gefressen“ zu werden. In einer Pressekonferenz wurde das Ergebnis mühevoller Vorbereitungen der Öffentlichkeit vorgestellt.
VHS-Leiter Tutter konnte auch den Vorsitzenden der Volkshochschule im Altlandkreis Kötzting, Landrat a. D. Rudolf Nemmer, 2. Bürgermeister Klaus Heiduk, Stadtrat Helmut Zimmermann und Stadtamtmann Fritz Graßl begrüßen. Ausleihkunden, die sich am Dienstagnachmittag schon für Weihnachten mit Lektüre eindecken wollten, wurden spontan zur Teilnahme am Umtrunk eingeladen. Die appetitlichen Happen hatte Susanne Kleiser angerichtet. Die kleine Feier gab Gelegenheit zu angeregten Gesprächen, die sich vor soviel „gedrucktem Geist“ vornehmlich um Fragen über das kulturelle Leben der Stadt drehten.
Zuvor aber „blätterte“ Werner Tutter zurück bis auf jene Seite im Geschichtsbuch der Kötztinger Büchereien, auf der die Schließung der ehemaligen Kreishauptbücherei vermerkt steht. Das liegt schon gut vier Jahre zurück. Eine weitere Verödung auf diesem Gebiet hätte das noch vorhandene Interesse an einer solchen Einrichtung total einschlafen lassen. Deshalb versuchte die VHS, zu retten, was zu retten war – vor allem 850 Bände aus den alten Beständen, die sich inzwischen nahezu verdoppelt haben durch Neuankäufe und günstige Antiquariate. 432 Bücher sind noch beim Einbinden. Der Aufruf an die Bürgerschaft um Spenden hat ein unerwartet starkes Echo gefunden. Auf diesem Wege vermehrte sich das literarische Grundkapital um weitere 453 Exemplare.
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| Die Bücherausgabe funktioniert bereits tadellos |
Am Ende jedoch einsehen gelernt
Vorerst würden die Räume im Alten Rathaus vollauf genügen. Sie wurden im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten ausgestattet und gewinnen durch die ständige Kunstausstellung, bei der der Kötztinger Ehrenbürger August Philipp Henneberger das Primat hat, auch buchstäblich an Farbe. Volksbildungsleiter Tutter bedankte sich bei Bürgermeister Seidl und den Stadträten für ihre Aufgeschlossenheit und den einen Zuschuss von 1500 Mark. Er würdigte das Engagement des Ehepaares Susanne und Walter Kleiser, das ehrenamtlich schon hundert Arbeitsstunden geleistet hat, und rechnete sich auch eine finanzielle Unterstützung durch den Landkreis aus, weil nachgewiesen werden könne, dass überall im Altlandkreis in Fachbüchern nachgeschlagen und in Romanen geschmökert wird, die aus der Kötztinger Stadtbibliothek stammen.
Der Vorsitzende der Volkshochschule, Rudolf Nemmer, beglückwünschte Werner Tutter zu seiner erfolgreichen Tätigkeit. Die Gebietsreform habe auf vielen Gebieten schicksalsschwere Veränderungen mit negativen Folgen gebracht. Um so höher sei deshalb der Erfolg einzuschätzen, der den Anstrengungen der VHS beschieden ist, das kulturelle Niveau zu halten und kontinuierlich zu steigern. Auf diese erfreuliche Tatsache und auf den neuen „Umschlagplatz für Literatur“ wurde dann das verdiente „Hoch“ ausgebracht und mit einem guten Tropfen angestoßen.![]() |
| KU vom 26.4.1986 |
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| Serwuschok117: Erich Baley, der noch den Umzug der Bücherei in die Brandstraße miterleben durfte, bevor er so überraschend verstarb. |
Auf die überraschend vakant gewordene Stelle bewarb sich erfolgreich Siglinde Becker. Seit 1999 leitet sie die Kötztinger Bücherei. Keine leichte Aufgabe, zumal die Bücherei aus dem Stadtzentrum in Räume der ehemaligen Bundeswehrkaserne verlegt wurde. Dass sie ihre Arbeit auch unter diesen erschwerten Bedingungen erfolgreich fortsetzte, verdient besondere Anerkennung.
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| Foto Stephan Weber: Frau Siglinde Becker, die "Chefin" der Kötztinger Bücherei seit 1999 |
Mit dem Abbruch und dem inzwischen laufenden Neubau des Kötztinger Parkhauses wurde auch ein völlig neues Konzept für die Stadtbücherei entwickelt. Voraussichtlich im Frühjahr 2027 soll die neue Bücherei eröffnen und mit ihrem 24/7-Konzept neue Maßstäbe setzen. Die Möglichkeit, die Bücherei unabhängig von festen Öffnungszeiten zu nutzen, eröffnet den Leserinnen und Lesern ein Höchstmaß an Flexibilität: Ob früh am Morgen, spät am Abend oder am Wochenende – der Zugang zum Lesestoff richtet sich künftig nach dem persönlichen Tagesablauf und nicht mehr umgekehrt. Moderne Selbstbedienungstechnik ermöglicht dabei eine weitgehend eigenständige Nutzung. Zusammen mit der nachhaltigen Architektur des Neubaus entsteht so eine Bücherei, die sich konsequent an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und einen wichtigen Schritt in die Zukunft des öffentlichen Bibliothekswesens markiert.
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| Foto Stephan Weber: v.l Karl-Heinz Lummer - Simona Gogeißl - Bgm Markus Hofmann vor dem fast fertiggestellten neuen Büchereigebäude (Mit Café und Terrasse übrigens) |
🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.
⭐ Kötztinger Allerlei Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei auf dem Standort der neuen Stadtbücherei zu finden
Viel Freude beim Entdecken!









