1938
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| Foto HL Josef Bock: der Aufmarsch der Deutschen Wehrmacht in der Kötztinger Bahnhofstraße am 30.9.1939. Die Vorbereitung zum Einmarsch ins Sudentengebiet. |
Die Vorstellung dieser Briefsammlung besteht aus zwei miteinander verbundenen, aber eigenständigen Beiträgen.
Im ersten – dem hier vorliegenden – Beitrag wird der Inhalt der einzelnen Briefe in knapper Form zusammengefasst. Besonders aussagekräftige oder wichtige Passagen werden als Zitate wiedergegeben. Soweit es zum Verständnis erforderlich ist, werden außerdem der politische, zeitgeschichtliche oder familiäre Kontext erläutert und entsprechende Zusammenhänge kommentiert.
Am Ende jeder einzelnen Erläuterung besteht die Möglichkeit, den vollständigen Brief über einen Link im Original sowie zusätzlich in einer vollständigen Übertragung aufzurufen und zu lesen.
Diese vollständigen Briefe bilden den zweiten, parallel angelegten Beitrag der Dokumentation.
Hier zunächst die bereits erschienen Teile dieser Dokumentation:
Teil 1: die Einleitung mit den Familienzusammenhängen
Teil 2: die Jahre 1936 und 1937
Teil 3 1938 bis zur Annexion des Sudetenlandes
Teil 4 1938 das Novemberpogrom
Teil 5 1939-1943
16.1.1938
Alice Kirschner aus Kötzting nach Tel-Aviv
Am 16. Januar 1938 antwortet Alice aus Kötzting ihrem Bruder Ludwig. Dessen Brief hatte sie an ihrem Geburtstag erreicht und ihr große Freude bereitet. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen um ihn, denn seine geplanten Reisen finden in einer unruhigen Zeit statt. Sie hofft auf ein Ende der Überfälle und auf eine Verständigung zwischen Juden und Arabern.
Ausführlich berichtet Alice über ihre eigene Situation. Das Weihnachtsgeschäft war befriedigend, und weil sie sich beim Einkauf zurückgehalten hat, kann sie ihre Rechnungen besser bedienen. Trotzdem bleibt ihre finanzielle Lage schwierig. Vor allem die Schulden gegenüber Ludwig und „Tirschenreuth“ belasten sie. Ihre persönliche Vorstellung vom Glück ist dabei erstaunlich bescheiden:
„Da ich nie ans Leben große Ansprüche stellte, wäre ich in meinem Waldwinkel herzlichst zufrieden, denn Geld allein macht nicht glücklich … aber Schulden drücken.“
Die Schulden sind für sie nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein persönliches Problem.
Von ihren Kindern Susi und Alfred berichtet sie mit sichtlicher Freude. Susi lernt „spielend“, während Alfred bei seinem neuen Lehrer Fortschritte in der Aussprache macht.
Die Kinder entwickeln sich auch ganz gut. Susi lernt spielend. Alfred hat auch einen sehr gerechten Lehrer bekommen. Er hatte schon fertig gebracht, dass er „R“, „ K“ u „G“ ausspricht. Er hat doch das "R" überhaupt nicht ausgesprochen und statt „K“ & „G“, sagte er „D“. Vorerst kann man noch nicht sagen, wie er lernt. Seine Mitschüler scheinen auch nicht gescheiter zu sein. Unsere Kinder vermissen nichts. Gibt’s Schnee und Eis siehst du von innen den ganzen Tag nichts. Als wir den ersten schönen Schnee hatten, hat sich Alfred buchstäblich im Schnee vor Glück und Freude gewälzt. Es ist ja gut, dass die Kinder nichts merken von unseren Sorgen. Ich habe wirklich nicht viel Geduld. Man hat dieses Jahr viel Trauriges erlebt und komme ich nach Tirschenreuth. In das verwaiste Haus kann ich schon gar nicht mehr froh werden.
Auch der Tod von Max beschäftigt Alice noch sehr. Wenn sie nach Tirschenreuth kommt, kann sie in dem „verwaisten Haus“ nicht mehr froh werden. Sie glaubt, dass seine strenge Diät möglicherweise zu seinem frühen Tod beigetragen habe. Der Verlust scheint für sie noch sehr gegenwärtig zu sein.
Am Ende des Briefes erkundigt sie sich nach Ludwigs Geschäft und berichtet von einer möglichen Europa-Reise der Familie. Ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen wird dabei ganz unmittelbar:
„Wie gerne möchte ich euch alle mal wieder sehen.“
Den vollständigen Brief im Original mit Transkript finden Sie hier:
23.1.1938
Frieda schreibt an einem trüben und nasskalten Sonntag aus Tirschenreuth. Sie selbst ist nach einer schweren Venenentzündung noch nicht wieder vollständig hergestellt. Fünf Wochen musste sie das Bett hüten, inzwischen kann sie zwar wieder aufstehen, ist aber weiterhin geschwächt. Während ihrer Krankheit half Frau Grüner - eine benachbarte jüdische Familie aus Tirschenreuth - nachmittags im Laden aus.
Viel stärker als die eigene Krankheit beschäftigt Frieda jedoch der Tod von Max. Die Geschäfte müssen nun ohne ihn weitergeführt werden, und immer wieder quält sie die Frage, ob sein Tod vielleicht hätte verhindert werden können. Sie schreibt:
„Es ist schmerzlich für mich, das Alles ohne Max machen zu müssen, warum musste uns das Schicksal diesen wertvollen Menschen rauben!“
Mit den Kindern hat sie inzwischen die noch brauchbaren Sachen des Verstorbenen zusammengesucht und für Ludwig, Fritz und Micha mehrere Pakete mit Kleidung nach Palästina geschickt. Besonders deutlich wird dabei, wie gegenwärtig Max' Tod noch ist. Selbst beim Verpacken seiner Kleidung denkt Frieda an ihn:
„… denn ich bildete mir ein, dass ihnen noch der Geruch des Sterbezimmers anhaftet.“
Daneben berichtet sie über die problematische wirtschaftliche Situation der anderen Familienmitglieder in Kötzting und Eger und endet mit:
"Wann werden wir uns mal selbst wieder sehen? Was habt ihr mit Fritz Studium vor? Wann ist Michas Bar Mitzwa? Kann ich ihm irgendein schönes Buch hier kaufen, dass er sich wünscht? Schreibt mir das alles bitte und noch viel mehr von euch, ich interessiere mich ja für alles. Lebt wohl meine Lieben alle seid innig geküsst von eurer Frieda.".
Am Ende des Briefes schreiben dann sogar noch Betty und Siddy ein paar Zeilen für den fernen Onkel:
Viele Grüße und Küsse auch von Betti. Meine Lieben, Tante Frieda, schreibt uns immer alles vor der Nase weg. Sie bringt es mit beneidenswertes Sicherheit fertig, nichts zu vergessen, so bleibt uns beiden Mädels nichts weiter übrig, als immer nur Grüße dranzufügen. Im Geschäft sind wir noch immer kräftig über der Inventur. Es geht dieses Jahr nur langsam vorwärts, weil wir wenig Leute dazu sind. Viele Grüße und Küsse, Siddy.
2.4.1938
Dr. Ludwig Klein an Familienangehörige seiner Frau
Dieser Brief ist ein kleiner Ausreißer innerhalb der bisherigen Briefsammlung. Aufgrund des rosa Durchschlagpapiers, des Hinweises auf Jerusalem und vor allem des Inhalts ist es sehr wahrscheinlich, dass er von Dr. Ludwig Klein stammt. Eine eindeutige Unterschrift fehlt jedoch.
Eine Rückfrage bei Shelly Feder, der Sammlerin dieser besonderen Briefsammlung, brachte zusätzliche Informationen zu den im Brief genannten Personen.
Ludwig berichtet zunächst von seiner Arbeit für das „Sandbanks Erziehungs-Department“, für die er ein kleines Honorar erhält. Außerdem muss er wegen einer Wirtschaftsprüfung nach Jerusalem reisen. Der weitaus größere Teil des Briefes beschäftigt sich jedoch mit einem Familienstreit, der die Geschwister seiner Frau Friedl betrifft.
Friedl, geborene Braun, hatte mehrere Geschwister: Fritz, Hermann, Willi, Martin und Gertrude.
Zum familiären Hintergrund:
Friedl Klein, Ludwigs Ehefrau, war eine geborene Braun. Der im Brief mehrfach erwähnte Fritz Braun war ihr Bruder. Fritz und sein Sohn Gustav konnten zunächst nach Palästina entkommen; Fritz wanderte später in die USA aus. Auch Gertrude Braun, eine weitere Schwester Friedls, und ihr Mann Hugo Tischler waren von der Verfolgung betroffen. Eine ihrer vermutlich zwei oder drei Töchter konnte in die USA fliehen.
Im Mittelpunkt des Briefes steht Fritz Braun und dessen schwierige Situation zwischen Deutschland, der Tschechoslowakei, Palästina und einer möglichen Auswanderung nach Amerika.
Den vollständigen und umfangreichen Brief im Original mit Transkript finden Sie hier:
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| Eger, am 31. Mai 1938. Die Hauptsache, hätte ich bald vergessen! Unsere herzlichste Gratulation zur Barmitzwah des lieben Micha! Wir wünschen ihm eine recht glückliche und frohe Zukunft! Meine Lieben! |
Sie wird traditionell im Alter von 13 Jahren erreicht.
Ab diesem Zeitpunkt gilt der Junge nach jüdischem Religionsrecht als selbst für die Einhaltung der religiösen Gebote verantwortlich.
In der Synagoge gehört häufig die Lesung aus der Tora und ein entsprechender Gottesdienst dazu.
Heute wird das Ereignis meist auch mit einer Familienfeier verbunden.
„Doch was nützt das heute? Kann man wissen, ob wir die Früchte unserer Arbeit genießen werden?“
Noch größer sind jedoch die Sorgen um die politische Lage, da hier die Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakischen Republik über das sogenannte Sudetengebiet von Woche zu Woche zunehmen und die Sprache immer martialischer wird.
Hier der link zur Besetzung des Sudetengebietes im Herbst desselben Jahres aus dem Kötztinger Raum heraus.
Valerie schreibt aus einer Situation heraus, in der ein Kriegsausbruch unmittelbar befürchtet wird. Besonders sorgt sie sich um Ida (das ist ihre Tochter) und deren Kind.
Am 21. Mai, als die Lage besonders kritisch war, brachte Pepo (=Josef Krasa) Ida mit dem Kind zu seinen Eltern nach Prag. Auch die Frage einer möglichen Auswanderung beschäftigt die Familie immer stärker.
Am 26. Mai war Valerie gerade in Eger. Sie rief Frieda an, die wegen des Feiertags zu ihr herüberkam. Dabei übergab Frieda ihr auch Ludwigs Brief. Frieda habe sich inzwischen entschlossen, nach Palästina auszuwandern. Sie will Pfingsten zu Alice nach Kötzting fahren und anschließend an Fronleichnam wieder nach Eger kommen, um mit Valerie zu besprechen, wie Alice und Julius zu diesen Plänen stehen.
Einschub:
Von Tirschenreuth nach Eger sind es nur rund 29 Kilometer. Die kurze Entfernung erklärt, warum Valerie und Frieda sich trotz der damaligen Spannungen an der Grenze relativ unkompliziert persönlich treffen und austauschen konnten.
Einschub Ende
Besonders eindringlich beschreibt Valerie ihre Sorge um das elterliche Haus und Geschäft in Tirschenreuth. Ein Verkauf fällt ihr schwer, doch sie befürchtet, dass der Besitz im Falle einer Verpachtung nach einer Auswanderung bald enteignet werden könnte. Auch für sich selbst weiß sie noch nicht, wie es weitergehen soll:
„Was uns betrifft, so wissen wir noch nicht, ob und wie lange unseres Bleibens hier noch ist.“
Valerie selbst würde für Palästina stimmen, während Hugo einen Umzug nach Prag erwägt. Damit wird deutlich, dass die Familie zu diesem Zeitpunkt bereits verschiedene Möglichkeiten einer Flucht oder Verlegung des Lebensmittelpunkts gegeneinander abwägt.
Valerie endet mit den Worten:
„Ich wünsche und hoffe, dass ich euch nächstes Mal Angenehmeres berichten kann.“
Den vollständigen und umfangreichen Brief im Original mit Transkript finden Sie hier:
Erstens wird die Auswanderung nach Palästina nun konkret geplant, Siddy ist noch in Tirschenreuth, und die Familie Kirschner in Kötzting kann noch an Pfingsten Besuch empfangen, was 1939 nicht mehr möglich gewesen wäre.
Zusätzlich erwähnt Valerie Stingl ja in ihrem Brief zuvor, dass Frieda vor halle, zu ihrer Schwester nach Kötzting zu fahren)
Auch ist in dem Brief auch erwähnt, dass die dritte von Julius Schwestern nun ebenfalls nach Amerika auswandern kann.
Während Alice bereits nach Erhalt von Ludwigs Brief entschlossen war, hatte Julius zunächst Bedenken. Vor allem das heiße Klima bereitete ihm Sorgen. Die Prospekte über Herzlia, das durch seine Nähe zum Meer ein günstigeres Klima versprach, überzeugten ihn schließlich ebenfalls. Frieda schreibt:
"„Als er die Prospekte sah, und vor allen Dingen die günstige Ansiedlung in Herzlia, das durch die Nähe des Meeres klimatisch am besten zu ertragen ist, da war auch er mit allem Eifer bei der Sache, in Palästina zu siedeln.“"
Nun beginnt die konkrete Vorbereitung. Frieda will nach der Rückkehr ihres Lehrmädchens – voraussichtlich am 14. Juni – nach Berlin fahren, um dort die notwendigen Schritte einzuleiten. Sie will sich über einen Wirtschaftsberater informieren und klären, was bei der Auswanderung mitgenommen werden darf.
Dabei wird deutlich, wie sehr die Familie versucht, ihr bisheriges Leben gedanklich in eine neue Existenz zu übertragen. Es geht um Möbel, Betten, Matratzen, das Klavier, Federbetten, Haushaltsgeräte, Kleidung und Arbeitskleidung. Selbst die Frage, ob ein elektrischer Herd, eine Wasch- und Bügelmaschine oder ein kleiner Kühlschrank mitgenommen werden können und ob der Strom dort bezahlbar ist, wird bereits bedacht.
Auch die berufliche Zukunft wird mitgedacht. Julius möchte möglichst einen Lastwagen mitnehmen, um sich durch einen Nebenverdienst die Existenz zu erleichtern. Für die Frauen stellt Frieda sich die Arbeitsteilung bereits konkret vor:
Ganz besonders wird durch den Brief deutlich, wie Frieda gleichzeitig versucht, aus dem bisherigen Besitz das mitzunehmen, was für ein zukünftiges Leben wichtig erscheint. Das Klavier soll verkauft werden, weil Siddy schon seit Jahren nicht mehr spielt. Alice möchte dagegen bestimmte Schlafzimmermöbel behalten. Auch Friedas Biedermeierzimmer erscheint ihr für das neue Leben ungeeignet.
Der Brief zeigt damit sehr anschaulich, dass die Auswanderung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur ein Gedanke ist. Die Familie beginnt bereits, ihr bisheriges Leben aufzulösen und die Übersiedlung organisatorisch vorzubereiten. Gleichzeitig bleiben Sorgen und Unsicherheiten. Frieda möchte möglichst schnell handeln und schreibt deshalb schon vor ihrer Berlinreise:
Frieda Klein aus Tirschenreuth an den Bruder in Tel-Aviv nach ihrer Reise nach Berlin
Frieda schreibt nach ihrer Rückkehr aus Berlin, wo sie inzwischen die nächsten Schritte für die geplante Auswanderung nach Palästina unternommen hat. Nachdem ihr am Vortag ein Gespräch mit der RASSCO offenbar noch keine ausreichende Sicherheit gegeben hatte, hat sie sich nun an einen Devisenberater gewandt, den ihr ein Bekannter empfohlen hat. Die Angelegenheit des Vermögenstransfers hat einem Rechtsanwalt übertragen, der die Möglichkeiten offenbar günstiger als der zuvor befragte Beamte der RASSCO beurteilt.
Eine besondere Sorge gilt der ihr anvertrauten Nichte Betti Pick. Frieda schreibt ausdrücklich, dass sie nicht mehr befürchten müsse, Betti könne nicht mitkommen. Damit scheint zumindest diese Frage geklärt zu sein. Nun hängt die Auswanderung vor allem davon ab, ob es gelingt, das Haus zu verkaufen und das Warenlager zu veräußern. Gerade letzteres bereitet Schwierigkeiten. Frieda möchte das Warenlager möglichst langsam ausverkaufen, weil sie sich davon einen höheren Erlös verspricht. Eine komplette Übergabe an einen Nachfolger würde dagegen vermutlich deutlich weniger einbringen.
„Es handelt sich nur darum, einen Käufer für das Haus zu finden und, wie weit ich das Warenlager verkaufen kann.“
Auch für Alice und Julius ist die Situation schwierig. Frieda erwartet ihren Besuch in Tirschenreuth und konnte bereits mit dem Anwalt auch über deren Angelegenheit sprechen. Bei den Kirschners hängt ebenfalls vieles davon ab, ob das Haus verkauft werden kann. Deren Warenlager allein reicht nach Friedas Einschätzung gerade zur Begleichung der Lieferantenschulden.
Gleichzeitig bekommt Frieda Zweifel an dem Bild, das die Prospekte von einer Ansiedlung in Palästina vermitteln. Ein Artikel in der Rundschau über die Einweihung einer RASSCO-Siedlung macht ihr deutlich, dass die neue Existenz keineswegs fertig eingerichtet auf die Einwanderer wartet:
„Man meint das Haus schon fix und fertig vorzufinden, aber dem ist nicht so.“
Der Aufbau werde vielmehr mühevolle Arbeit erfordern. Deshalb fragt sich Frieda zeitweise, ob sie die Aufgabe ihrer bisherigen Existenz richtig entschieden hat. Dennoch sieht sie für Siddy in der bisherigen Heimat keine Zukunft und hält die Auswanderung weiterhin für notwendig:
„Und je länger man die Auswanderung hinaus schiebt, je älter wird man und kann dann schon gar nichts mehr leisten.“
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| Seid alle meine Lieben vielmals herzlichst gegrüßt und geküsst Eure Frieda |
Der Brief zeigt damit sehr deutlich die Übergangsphase im Juni 1938: Frieda versucht bereits die bürokratischen und finanziellen Voraussetzungen der Auswanderung zu regeln. Gleichzeitig seind beide Familienzweige aber noch fest an ihre bisherige Existenz gebunden – an Haus, Geschäft und Warenlager. Gerade deren Verkauf entscheidet wesentlich darüber, ob und wann der Schritt nach Palästina tatsächlich möglich wird.
Seit Wochen wartet Frieda vergeblich auf Nachricht aus Palästina. Der letzte Brief von Ludwig stammt vom 25. Mai. Zwei Luftpostbriefe, die Frieda nach ihrem Berlinaufenthalt geschrieben hat, sind ebenfalls unbeantwortet geblieben. Inzwischen haben die Unruhen in Palästina begonnen, und die Nachrichten aus Rundfunk und Zeitungen steigern ihre Angst. Besonders sorgt sie sich um Micha und darum, ob Ludwig noch in Haifa oder Jerusalem zu tun hat, wo die Unruhen besonders heftig seien.
Damit stellt sich für Frieda eine grundsätzliche Frage:
„Ist es unter diesen Umständen überhaupt ratsam, unseren Plan, zu euch zu kommen, zu verwirklichen?“
Gleichzeitig hat sich bei der eigenen Auswanderung einiges bewegt. Der von ihr beauftragte Devisenberater, dass die Devisenstelle ihrem Antrag verbindlich zugestimmt habe und die Reichsbank eine sogenannte Vormerknummer erteilen soll. Nun versucht Frieda herauszufinden, wann diese Nummer tatsächlich zum Zug kommen wird und wann sie deshalb mit der Auswanderung rechnen kann.
Dabei zeigt sich erneut, wie kompliziert das Ganze ist. Frieda hat bereits Herbstaufträge für ihr Geschäft erteilt, weil sie ursprünglich nicht mit einer so baldigen Aufgabe gerechnet hatte. Bei einer kurzfristigen Auswanderung müsste sie versuchen, diese Aufträge wieder rückgängig zu machen.
Dann eröffnet sich plötzlich eine weitere Möglichkeit: Ein Mann, der bereits seit März 1937 auf seine Reichsbanknummer wartet, bietet Frieda an, diese möglicherweise an sie abzutreten.
Für Frieda wäre das allerdings nur bedingt hilfreich, denn sie will nur gemeinsam mit den Kindern auswandern. Für Alice könnte die Nummer dagegen von größerem Wert sein.
Und auch bei Alice verändert sich die Lage erneut. Neben Palästina steht plötzlich eine mögliche Auswanderung nach Chicago im Raum. Ein dortiges Geschäft und Mieteinnahmen könnten eine wirtschaftlich wesentlich bessere Perspektive bieten. Sollte dieser sogenannte Tausch genehmigt werden, müsste Julius zunächst nach Chicago reisen, um sich die Möglichkeiten anzusehen. Alice beginnt deshalb, diesem Plan mehr zuzutrauen als der Ansiedlung in Palästina.
Damit gerät Friedas bisheriger Plan erneut ins Wanken. Denn für sie wäre es besonders wichtig, dass Alice und Julius gemeinsam mit ihnen nach Palästina gehen:
„Für uns wäre es ja besser, wenn sie mit uns gehen würde, denn was fangen wir an, wenn sie nicht mitkommt? Ohne Julius können wir doch nicht siedeln und welche Existenzmöglichkeit bietet sich uns sonst noch?“
Hinzu kommt die Frage nach dem notwendigen Kapital für Palästina. Frieda nennt die geforderten 1.000 Pfund pro Person. Ob Alice diesen Betrag aufbringen kann, hängt wiederum davon ab, welchen Erlös sie für ihr Haus erzielen kann. Auch Frieda selbst hat inzwischen ihre Bank eingeschaltet, um einen Käufer für Haus und Geschäft zu finden.
An dieser Stelle wird der Brief sehr persönlich. Frieda erinnert sich daran, dass sie bereits vor einem Jahr einen Interessenten für das Geschäft hatte, es damals aber nicht verkaufen wollte. Nun, ein Jahr nach Max' plötzlicher Erkrankung und seinem Tod, erkennt sie rückblickend, wie schwer es ihr gefallen ist, sich von dem elterlichen Betrieb zu lösen:
„Viel zu spät habe ich mich zu dem Entschluss durchgerungen, es zu verkaufen, viel zu sehr hing man an dem elterlichen Betrieb.“
Sie nimmt dabei auch sich selbst und ihre beiden Schwestern Valerie Alice nicht aus. Beide hatten sie in ihrem Wunsch bestärkt, das Geschäft weiterzuführen.
Heute sieht Frieda darin einen Fehler, den sie nicht mehr rückgängig machen kann. Dennoch will sie nicht verzagen:
„Wenn wir alle gesund bleiben, dann wird es uns auch gelingen, eine neue Existenz aufzubauen.“
Besonders deutlich wird anschließend, wie sehr die Familie inzwischen zwischen verschiedenen Zukunftsmöglichkeiten schwankt. Palästina war zunächst die gemeinsame Hoffnung. Dann taucht Chicago als mögliche Alternative auf. Gleichzeitig wartet Frieda auf die Reichsbanknummer, weiß aber nicht, ob es sich um einen gewöhnlichen oder einen beschleunigten Transfer handelt. Alles hängt von Genehmigungen, Vermögensverkäufen, Transfermöglichkeiten und letztlich auch davon ab, wer mit wem gemeinsam auswandern kann.
Während sie auf Nachricht aus Palästina wartet, erkundigt sie sich deshalb auch bei Ludwig, was dort inzwischen geschehen ist: War Friedl (= die Ehefrau von Dr. Ludwig Klein) bereits in Herzlia, um eine geeignete Siedlung zu besichtigen? Haben ihre Bekannten dort etwas empfehlen können?
Der Brief endet schließlich mit Friedas Ungeduld und ihrer Hoffnung, dass inzwischen doch eine Nachricht aus Palästina eingetroffen sein möge:
„Hoffentlich habe ich bald gute Nachrichten von euch, dann will ich das lange Warten gerne in Kauf genommen haben.“
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| Handschriftlicher Zusatz von Betti Pick |
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| Handschriftlicher Zusatz von Siddy Pick |
Auch die in ihrem Schreiben erwähnte "Teufelsküche" kann man bei Tirschenreuth finden: "Die Teufelsküche ist ein Bachtal mit Granitformationen. Es befindet sich südlich von Tirschenreuth im Oberpfälzer Wald, nahe der Ortschaft Pilmersreuth a. d. Straße, inmitten eines ausgedehnten Nadelwaldes. Es gibt dort eine Große und eine Kleine Teufelsküche. Links und rechts eines langsam dahinplätschernden Waldbachs erheben sich mächtige Granitblöcke, entstanden durch Wollsackverwitterung.
Die Lore geht jetzt mit Max nach New York. Die Schiffskarten und Bürgschaft haben sie schon.
Lore hat halt schon kurz nach Weihnachten verkauft.
Mich ziehts nicht nach Amerika, ich will lieber nach Palästina.
Lieber Fritzl, was hast du jetzt vor? Wo wirst du weiter studieren? Bei uns ist heuer gar kein richtiger Sommer, wir sind noch nicht mal zum Baden gekommen.
Allerdings könnten wir auch nur sonntags gehen. Sonst wäre ja Tante mit Fanny allein im Geschäft. Sonst weiß ich für heute nichts zu schreiben, seid alle vielmals gegrüßt und geküsst von eurer Siddy
In der Kötztinger Bahnhofstraße stauten sich am Tag vor dem Einmarsch die Militärfahrzeige. Der damalige Kötztinger Hauptlehrer Josef Bock hielt die Situation fest und begleitete den Einmarsch auch bis nach Neuern.
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| Foto Josef Bock: Das Militär in der Kötztinger Bahnhofstraße 30.9.1938, nach Sonnenstand, war es Spätnachmittag. Am nächsten Tag wurde das "Sudetengebiet" besetzt. |
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| Foto Josef Bock: Das Gemischtwarengeschäft des jüdischen Bürgers Schwarz hörte mit dem Tag des Einmarsches auf zu existieren. |
Und überall auf Straßen und Plätzen der Stadt, wo es nur schön und angenehm zu verweilen war, musste man das vorlaute Gemauschel und Geschacher hören und das berüchtigte Duften asiatischer Wohlgerüche in die Nase ziehen. Bad und Tennisplatz und alle anderen überall dem Volkswohle zugedachten Einrichtungen schienen in der schönen Angelstadt vordem nur für die Juden geschaffen worden zu sein. In den gemütlichen Gasthäusern und Cafés waren immer Scharen dieser unliebsamen Brüder des Alljudas anzutreffen, unzählige, aber bedenklich große Krummnasen sah man über den Spieltischen pendeln und die in allen erdenklichen Puderfarben schillernden Damen führten das große Wort und nahmen die besten Plätze ein.
Und nun – nun sind sie alle aus unserer Stadt, die zur Zeit tschechen-staatlicher Zugehörigkeit den treffenden Namen „Blochowitz“ als Spottnamen führten, entschwunden. – Alle Bloch’s, Kohn’s, Jeoteles, Tanzer’s, Stein’s, Schwarz’s und Rosenduft und Silberstein und wie sie sonst alle geheißen haben, nun sind sie fort und kommen niemals wieder zurück.
Der Auszug der Israeliten aus unserer Stadt, der durch das bedrohlich näher rückende und vielgehaßte deutsche Heer der Befreier zur tollüberstürzten Flucht wurde, hat Neuern merklich entvölkert, aber er hat vor allem die ozonreiche Böhmerwaldstadtluft von den vordringlichen und so schnupfenerregenden Düften endgültig und restlos gereinigt.
Die schmucken Villen und Geschäftshäuser dienen nun anderen Zwecken, in den Betrieben schaffen deutsche Beamte und volkstreue Arbeiter. Über die Ladenpulte werden an Stelle der früher unter frommen Talmudwänden verschacherten Tingltanglware durch die NSV die notwendigen und reichlichen Lebensmittelgaben an die durch Juda verarmten Volksgenossen abgegeben und auf den Straßen und in den Gaststätten hört man und sieht man nur Leben und Fröhlichkeit deutscher Art.
War jetzt früher trotz dieses aufdringlichen Uebels unsere schöne Stadt Neuern eine oftbesuchte Erholungsstätte für Wanderer und Gäste, so wird sie bestimmt nunmehr allen Besuchern, die zu uns kommen wollen, ein unvergesslich-schönes Erinnern an eine schöne Stätte im herrlichen Böhmerwald und seines in frohsinniger Art lebensbejahenden Volkes bereiten.
6. und 7. 10.1938
Frieda berichtet von ihren wiederholten, bislang erfolglosen Bemühungen bei Dr. Aschner in Berlin, die beiden Eil-Transfers für Betti und sie zu erreichen. Da eine Antwort aus Berlin ausbleibt, wächst ihre Ungewissheit. Ein Rundschreiben Aschners eröffnet eine weitere Möglichkeit: Die Regierung Palästinas habe 300 Zertifikate zur Anforderung von Verwandten bereitgestellt. Frieda erwägt, ob Alice und ihre Familie oder auch sie selbst auf diesem Weg angefordert werden könnten und ob dadurch die Eil-Transfers für die beiden Mädchen möglich würden.
Daneben bespricht sie praktische Fragen der geplanten Auswanderung: welche Haushaltsgegenstände und Möbel mitgenommen werden sollen, was verkauft werden kann und welche Teppiche in Palästina Verwendung finden könnten. Der Brief, der zunächst in Erwartung einer Nachricht aus Berlin zurückgehalten wird, endet am 7. Oktober mit einem eindringlichen Bekenntnis zur Hoffnung trotz der quälenden Ungewissheit.
"Ich ließ den Brief gestern liegen in der Hoffnung, dass heute ein Bescheid von Berlin da ist. Die erste Post brauchte keine Nachricht, Siddy holt nun die zweite Post und nimmt diesen Brief mit, falls wieder nichts da sein sollte. Es kostet viel Willenskraft, dieses Hangen und Bangen und diese Ungewissheit ruhig ertragen zu können, aber es muss eben durchgehalten werden, man darf nur die Hoffnung nicht verlieren. Seit alle, meine Lieben innigst gegrüßt und geküsst von uns allen Frieda."
Frieda schrieb in ihrem Brief vom 6.10.38 von der abgewendeten Kriegsgefahr. Eine Woche vorher war s.o. das Münchener Abkommen geschlossen worden, in dem dem Dritten Reich das sogenannte Sudetengebiet zugesprochen wurde, was auch sofort - am 1.10.1938 - zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht in dieses ehemalige Grenzgebiet der Tschechoslowakei geführt hatte.
Einschub Ende
12. Oktober 1938
Frieda berichtet von weiteren Bemühungen, für Betti und sich selbst einen Eil-Transfer nach Palästina zu erhalten. Dr. Aschner habe wiederholt mit dem Leiter des Palästina-Amts gesprochen und die entsprechenden Anträge gestellt. Auf Friedas erneute dringliche Bitte empfiehlt der Anwalt nun, sie von ihrem Bruder, Dr. Ludwig Klein in Tel Aviv, anfordern zu lassen, da dies gegenwärtig ausnahmsweise möglich sei.
Frieda versucht zu klären, ob diese Möglichkeit auch für Alice und deren Familie genutzt werden kann und ob sich eine solche Anforderung mit den beantragten Eil-Transfers verbinden lässt. Besonders dringend erscheint ihr die Auswanderung von Alice und Julius, da sie für eine weitere Wartezeit auf eine Einreisemöglichkeit in die USA kaum über ausreichende finanzielle Mittel verfügen. Sie hofft, dass Alice und Julius sich in Palästina durch ihre Arbeitskraft eine neue Existenz aufbauen können.
Neben diesen Fragen beschäftigt Frieda weiterhin die Vorbereitung der Auswanderung. Sie erkundigt sich bei Friedl, welche Haushaltsgegenstände mitgenommen werden sollen, darunter ein kleiner Badezimmerschrank, eine Bank, ein elektrischer Heißwasserspeicher und verschiedene kleinere Ausstattungsgegenstände. Der Brief endet mit der erneuten Bitte um baldige Nachricht, denn die Ungewissheit über die Ausreisemöglichkeiten belastet sie sehr.
Sie endet mit den Worten:
"Sonst weiß ich für heute nichts mehr, schreibt uns bitte bald wieder, besonders wenn ihr Nachricht habt, ob ihr uns anfordern konntet. Bleibt weiter gesund und seid von uns allen vielmals gegrüßt und geküsst, Frieda"
am 9. November kam es zu einem von der NSDAP zentral gesteuerten und geplanten "Volksaufstand", bei dem ein Attentat auf den Legationsrat bei der deutschen Botschaft in Paris als Vorwand genommen wurde, um im ganzen Deutschen Reich die jüdische Bevölkerung des Landes für dieses Attentat verantwortlich zu machen. Dieses Pogrom wurde, wegen der vielen Glasscheiben, die dabei im ganzen Lande zu Bruch gingen - wobei diese Glasscheiben noch der geringste Schaden war im Vergleich zu dem, den die jüdischen Mitmenschen, die Synagogen und andere Gemeindeeinrichtungen und nicht zuletzt die Geschäftshäuser zu verzeichnen hatten - auch als Reichskristallnacht bezeichnet.
In den Akten, die im Staatsarchiv in Amberg noch gelagert sind, findet sich ein großer Prozess aus dem Jahre 1946 beginnend, in dem dann 13 Männer aus Tirschenreuth und Umgebung für diese Ausschreitungen zur Rechenschaft gezogen wurden und deren im Akt beiliegende Protokolle eine fürchterliches Bild von dieser Nacht des 9.11.1938 zeigen, in dem die drei Frauen schutzlos - den Polizisten wurde befohlen, nicht einzugreifen - dem Mob ausgeliefert waren, die gewaltsam ins Haus eindrangen und alles kurz und klein schlugen.
In Kötzting verliefen diese Tage ganz anders, die beiden Hausbesitzer Kirschner und Han waren in Schutzhaft genommen worden und von Dachau aus ins Kötztinger Notariat verbracht worden, wo sie unter Zwang die bereits vorbereiteten Kaufverträge für ihre beiden Häuser zu unterschreiben hatten:
Natürlich weit unter Wert und unter beleidigenden Bedingungen und Wortwechsel.
Diese schlimmen Tage im November bis zum Jahresende 1938 werden in einem eigenen Beitrag als Teil 4 behandelt werden.

















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