Briefe - und Dokumente - aus Kötztings Vergangenheit
Dokumente des Hoffens und der Verzweiflung
1938
Kötzting, den 16.1.1938
liebster Ludwig, dein lieber Brief war mir eine unerwartete Freude, ein richtiges Geburtstagsgeschenk. Es macht mir aber Sorgen, dass du in einer derartig unruhigen Zeit so viel reisen musst. Wenn nur endlich diese Überfälle unterdrückt und eine Verständigung mit den Arabern herbeigeführt würde. Eure letzten Briefe habe ich nicht gelesen. Frieda hat sie Trude gegeben und von dort waren sie nicht zurück, als ich Weihnachten dahin war. Frieda erzählte mir, dass Fritzl einen schönen Brief nach Berlin geschickt hat. Die Hauptsache ist, dass ihr alle gesund seid und dass du dein Geschäft allein hast. Du sparst dir viel Ärger, denn du bist dir nur allein verantwortlich. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich dir und Tirschenreuth nicht das viele Geld schuldig wäre. Ich bin in allen Handlungen gehemmt, muss immer daran denken, welche Verantwortung ich trage und dass ich es noch nicht soweit gebracht habe, die Schulden abzutragen. Zur Zeit sind wir über der Inventur. Das Weihnachtsgeschäft war befriedigend und da ich mich im Einkauf sehr zurückgehalten habe, komme ich mit den Rechnungen besser nach. Da aber der Januar bis jetzt sehr schlecht ist, muss ich meinen Bankkredit wieder voll in Anspruch nehmen und ich wäre doch so gerne wenigstens von der Bank weggekommen. Nur die Schulden sind eigentlich mein einziger Kummer. Da ich nie ans Leben große Ansprüche stellte, wäre ich in meinem Waldwinkel herzlichst zufrieden
Da ich nie ans Leben große Ansprüche stellte, wäre ich in meinem Waldwinkel herzlichst zufrieden, denn Geld allein macht nicht glücklich, wie sich das bei Valerie gezeigt zeigt, aber Schulden drücken. Momentan geht es mir gesundheitlich sehr gut, habe Gott sei Dank schon lange keinen keine Gallenanfälle mehr gehabt, seit November nicht mehr. Die Kinder entwickeln sich auch ganz gut. Susi lernt spielend. Alfred hat auch einen sehr gerechten Lehrer bekommen. Er hatte schon fertig gebracht, dass er „R“, „ K“ u „G“ ausspricht. Er hat doch das er überhaupt nicht ausgesprochen und statt „K“ & „G“, sagte er „D“. Vorerst kann man noch nicht sagen, wie er lernt. Seine Mitschüler scheinen auch nicht gescheiter zu sein. Unsere Kinder vermissen nichts. Gibt’s Schnee und Eis siehst du von innen den ganzen Tag nichts. Als wir den ersten schönen Schnee hatten, hat sich Alfred buchstäblich im Schnee vor Glück und Freude gewälzt. Es ist ja gut, dass die Kinder nichts merken von unseren Sorgen. Ich habe wirklich nicht viel Geduld. Man hat dieses Jahr viel Trauriges erlebt und komme ich nach Tirschenreuth in das verwaiste Haus kann ich schon gar nicht mehr froh werden. Max hätte nicht so schnell sterben dürfen, bestimmt war die strenge Diät schuld. Er war so mager, hat auch gefroren, was bei ihm früher nie der Fall war. Wen hast du im Geschäft, wenn du nicht da bist? Leider hat es dieses Jahr keine Schwammerl gegeben. Sonst hätte ich welche geschickt. Vielleicht erwachsen dieses Jahr welche. Frieda hat mit Trude wegen eurer Europa Reise gesprochen. Hoffentlich wird etwas daraus. Wie gerne möchte ich euch alle mal wieder sehen. Für Friedl und dich wäre eine Entspannung viel wert. Seid alle meine Lieben innig geküsst von eurer Alice
23.1.1938
Brief aus Tirschenreuth an Dr. Ludwig Klein in Tel-Aviv
Tirschenreuth, den 23.1.1938.
Meine Lieben! Obwohl ihr meinen letzten Brief aus Berlin noch nicht beantwortet habt, will ich euch heute wieder schreiben. Es ist ohne dies einer der langweiligen Sonntage, sie sind die trostlose Tage der Woche, die man am besten mit solchen Arbeiten, also mit Schreiben von Privatbriefen, ausfüllt. Das Wetter ist trüb und nasskalt und passt ganz zu meiner Niedergeschlagenheit. Die leichte Venenentzündung, von der ich euch in Berlin schrieb, war leider nicht so harmlos, ich kam mit 39° Fieber nach Hause und konnte erst nach fünf Wochen das Bett für 1 Stunde verlassen. Inzwischen sind 14 Tage vergangen und es wird noch weitere 14 Tage brauchen, bis ich den letzten Rest dieses langen Krankenlager überwunden habe. Dabei konnte ich noch froh sein, dass ich wenigstens zu Hause liegen konnte, die schriftlichen Arbeiten erledigte ich im Bett. Frau Grüner half Nachmittag im Laden und hatte viel Freude am Kundendienst. Für Ihre Arbeitslosigkeit war das eine angenehme Abwechslung. Doktor Göbel meint, dass mich die Zahnbehandlung zu sehr mitgenommen hat und ich auch in Berlin zu viel herumgelaufen bin. Sobald das Frühjahr kommt, wollen wir an Sonntagen viel ins Freie gehen, was bestimmt zur Kräftigung des ganzen Organismus beitragen wird, denn einen Klimawechsel, einen längeren Aufenthalt in Höhenluft , kann ich mir nicht mehr leisten, seit Max nicht mehr ist. Dem Geschäft fehlt dann die Führung, einer von uns beiden musste eben immer da sein. Inzwischen traf auch dein Brief ein, liebe Friedl, es war mir unter diesen Umständen nicht möglich, mit deiner Freundin zusammen zu kommen und Valerie hab ich seit Monaten nicht gesprochen. Alice war Weihnachten hier, aber Valerie nimmt sich keine Zeit, sich nach uns um zu sehen, selbst wenn die Schwester krank ist. Idas Mann hat sich von seinem Kompanie-Geschäft getrennt. Hugo kaufte ein Grundstück in Eger und will nun ein zweistöckiges Haus bauen, mit Kühlanlagen, wo Pepe sein Geschäft ausüben wird. Die Beteiligung an der Kompanie war eine große Fehlspekulation und ob der Neubau mit seinen Drum und Dran nicht auch verkehrt ist, wird sich noch zeigen. Dieser Hugo weiß schon nicht mehr, was er mit seinem Geld anfangen soll und dann kommt es zu solchen Fehlschlägen. Jedenfalls hat er jetzt seinen Kopf voll mit dem neuen Projekt und die arme Valerie muss dem allen stand halten und hat keine ruhige Stunde. Da werden dann die Sonntage für die Besprechungen mit dem Architekten und dem Rechtsanwalt hergenommen, denn die Liquidation des Kompanie Unternehmens ist noch nicht erledigt und bringt für Valerie, die dieser Sache geistig am besten gewachsen ist, diese Aufregungen. Es geht ihr daher ähnlich wie dir, lieber Ludwig, nur dass du mit Friedl über alles sprechen kannst, während Valerie dem berührten Hugo nur das notwendigste erzählt. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie uns so selten besucht, Hugo sieht es nicht gern, und so will sie sich das nicht erkämpfen. Sie wird auch nicht nach Teplitz gefahren sein, denn nach Marienbad fuhr sie damals mit Pepe im Auto, ohne dass es Hugo wusste, Teplitz ist nicht so leicht zu erreichen, geschäftlich kommt Pepe nicht hin. Es ist nun einmal so, Valerie könnte ihre Geschwister am ehesten unterstützen und darf es nicht, das lässt sich nun einmal nicht ändern. Alice geht es geschäftlich etwas besser, sie konnte das Lager verkleinern und dadurch die ärgsten Dränge. Nun müsste sie noch die Bankschulden wegbringen, die Zinsen lasten schwer auf dem kleinen Betrieb. Bei uns geht alles seinen gewohnten Gang, die Inventur wird ja zeigen, wie wir abgeschnitten haben. Es ist schmerzlich für mich, das Alles ohne Max machen zu müssen, warum musste uns das Schicksal diesen wertvollen Menschen rauben! Immer wieder kommen mir die wenigen Tage seiner Krankheit in den Sinn und ich könnte leichter darüber hinweg kommen, wenn ich die
wenn ich die .... Gewissheit hätte, dass ihn auch ein anderer Arzt nicht hätte retten können, dass Max auch dann nicht im Bett geblieben wäre, oder sich niedergelegt hätte, wenn ich damals zu Hause gewesen wäre. Vergangenen Sonntag, es war der erste, an dem ich so richtig aufbleiben konnte, suchte ich mit den Kindern seine Sachen zusammen, die noch tauglich waren, um sie euch schicken zu können. Es sind dies zwei Anzüge, ein Wintermantel, ein Sommermantel, Bleylerock, Unterwäsche und Hose, ein paar Schuhe, ein paar Hausschuhe, ein paar Handschuhe, Oberhemden und Taschentücher. Hoffentlich passen dir die Sachen, lieber Ludwig, die Hemden kann ja Friedl abändern, bei den Anzügen ist es schon schwieriger. Ich fügte dazu noch deine helle Hose bei und zwei Selbstbinder zum Geburtstag, sowie Socken, desgleichen Oberhemden und Strümpfe für Fritz und Micha. Die zwei Schlafanzüge von Max sind wohl aus Schurwolle, er trug sie nur während seines Kuraufenthalt, sonst hatte er Nachthemden, die ich auch mitsandte, weil sie noch so gut erhalten waren. Sommerschlafanzüge haben wir aber nur in minderwertiger Qualität, weshalb ich für Fritz keinen beilegen konnte. Auch das Unterziehhöschen sandte ich mit und einen Pullover nachträglich zum Geburtstag, hoffentlich gefällt es dir. Wir packen die Sachen in zwei Pakete, sie waren aber für den Versand per Post zu schwer und hätten den Seeweg über Hamburg gehen müssen. Da ließen wir sie wieder von der Post holen, und arbeiteten es in drei Pakete, die am 20. Januar an euch abgingen. Schreibt uns bitte gleich, wie alles angekommen ist. Die Anzüge werden sehr verdrückt sein und aufgebügelt werden müssen. Obwohl sie Max nur sonntags trug, sind sie vielleicht nicht ganz frei von kleinen Flecken, den Rosa bürstet die Kleider nicht so gewissenhaft, ich nahm mir keine Zeit mehr, die Sache genauer durchzusehen, abgesehen davon, dass ich auch noch nicht die Kraft dazu hatte. Ferner wirst du auch alles gut lüften müssen, liebe Friedl, denn ich bildete mir ein, dass ihnen noch der Geruch des Sterbezimmers anhaftet. Die Hüte ließ ich vorerst zurück, ebenso die hohen Schuhe, sie sind für Ludwig nicht modern genug, ein paar Schuhe davon hatte sich Max ebenfalls erst für seinen Kuraufenthalt angeschafft. Sollte Ludwig bei Regenwetter sie doch anwenden können, dann schreibt es mir, dann hebe ich sie vorerst noch auf, ebenso den besseren der Hüte, falls das modernisieren nicht viel dort kostet. Die schlechten Sachen sende ich bei Gelegenheit nach Kötzting, für Julius sind sie bestimmt noch brauchbar. Nun habe ich euch alles von uns berichtet und ich bitte euch nur, uns ebenso ausführlich zu schreiben, wie es euch geht, und ob Ludwig endlich die Angelegenheit mit Maas in Ordnung hat. die Rundschau berichtete nicht sehr hoffnungsvoll über die wirtschaftlichen Verhältnisse bei euch und deshalb werdet auch ihr noch lange euer geschäftlichen Sorgen nicht los, fürchte ich. Es ist schon schade, dass dass ich weder Eugen B. noch Sophie B. sprechen konnte. Wann werden wir uns mal selbst wieder sehen? Was habt ihr mit Fritz Studium vor? Wann ist Michas Bar Mitzwa? Kann ich ihm irgendein schönes Buch hier kaufen, dass er sich wünscht? Schreibt mir das alles bitte und noch viel mehr von euch, ich interessiere mich ja für alles. Lebt wohl meine Lieben alle seid innig geküsst von eurer Frieda.
Handschriftlich von Betti: Viele Grüße und Küsse auch von Betti.
Handschriftlich von Siddy:Meine Lieben, Tante Frieda, schreibt uns immer alles vor der Nase weg. Sie bringt es mit beneidenswertes Sicherheit fertig, nichts zu vergessen, so bleibt uns beiden Mädels nichts weiter übrig, als immer nur Grüße dranzufügen. Im Geschäft sind wir noch immer kräftig über der Inventur. Es geht dieses Jahr nur langsam vorwärts, weil wir wenig Leute dazu sind. Viele Grüße und Küsse, Siddy.
Handschriftlich von Betti:
Handschriftlich von Siddy:
2.4.1938
Vermutlich Dr. Ludwig Klein an andere Familienmitglieder
Brief auf dünnem Durchschlag Papier, vermutlich Kopie von Ludwig Klein.
2. April 1938.Ich muss morgen zeitig nach Jerusalem fahren und bin zur Zeit stark in Anspruch genommen durch das Geschäft, durch eine Arbeit, die ich für Sandbanks Erziehungs-Department schreibe (Für ich die ein kleines Honorar bekommen werde, dass wir gut brauchen können) und durch eine Wirtschaftsprüfung, die mir übertragen worden ist. (in diesem Falle wird das Honorar hoffentlich so schön sein, wie das Auto des Auftraggebers, des Vizebürgermeister, unsere Städtchens). Trotz dieser vielfachen Inanspruchnahme möchte ich den Brief meines Schwagers Fritz einige Zeilen hinzufügen. Die vornehme Art, in der er die Meinungsverschiedenheiten mit seinen Brüdern, nach aller bitteren Enttäuschung darstellt, ehrt ihn, aber sie gibt nicht ganz das richtige Bild des Sachverhalts.
Lange Zeit hindurch waren die Briefe an Fritz aus Breslau auf den Ton abgestimmt: “liebes Fritzl, komm nach Hause, wir brauchen dich nötig, hier wird alles gut werden.“ Plötzlich und unerwartet kommt ein Umschlag: “es wird leider leider nicht möglich sein, dass unser lieber Bruder in Breslau bleibt“, heißt es in einem Brief an uns. Was war geschehen, was hat sich geändert? Warum schreibt man auf einmal an Fritz, er solle ja nicht nach Gräfenberg kommen, sondern doch lieber nach Amerika auswandern!!! Nicht einmal nach Gräfenberg, geschweige denn nach Breslau, am liebsten über das große Wasser! Woher dieser Umschwung?
Dann fährt Fritz nach Gräfenberg, warum denn auch nicht? Hermann bemüht sich nicht hin, nein, lieber Hugo. Es lag nicht daran, dass er keinen Pass hatte. Martin kommt auf abgezählten Stunden, nachdem man den armen Kerl tagelang hatte warten lassen. Fritz muss nach Trieste zurück, um seinen Pass verlängern zu lassen, und fährt dann noch einmal nach der Tschechoslowakei, nach Reichenberg, um Herrn Reinke aus Langenöls zu sprechen. Heinke kommt nicht und geht auch nicht ans Telefon. Fritz ruft immer wieder im Breslau an, bis ihm schließlich Aenne Wende sagt, er solle keinesfalls mehr anrufen.
Das Fritz keine Einreiseerlaubnis, nach Deutschland erhalten habt, ist dem hiesigen deutschen Konsulat unverständlich. Mir sagte der Beamte: “ Ich weiß, in welchen Fällen die Antragsteller die Erlaubnis erhalten, in welchen nicht. Im Falle, ihres Schwager sage ich, dass er die Erlaubnis erhält.“ Drei Tage später war die Absage in meinen Händen. Das ist von den lieben Verwandten gefingert worden. Natürlich sind sie gefragt worden, ob der Besuch nötig wäre, und haben die richtige Auskunft gegeben.
Hermann und Martin haben einen Auseinandersetzungsvertrag mit Fritz geschlossen und diesem Vertrag haben Sie zu erfüllen, darüber gibt es gar nichts zu reden. Fritz kann es seinem Sohn gegenüber nicht verantworten, dass er auf irgendwelche Rechte verzichtet, nachdem er bei Abschluss des Vertrages großzügig gewesen ist. Ich will nicht, dass Fritz nach Amerika geht. (zur Zeit kann er es gar nicht, weil ihm das nötige Kleingeld fehlt), ich glaube, dass er sich hier eine bescheidene Existenz aufbauen kann, selbst wenn es nicht gelungen ist, nach fünf Jahren meine Existenz genügend zu festigen. Fritz ist im Gegensatz zu mir ein guter Verkäufer. Aber beim Aufbau einer Existenz ist jeder Pfennig von außerordentlicher Bedeutung, davon kann ich ein Lied singen. Die Existenz, die sich Fritz aufbaut, soll ja schließlich nicht nur für ihn, sondern darüber hinaus für seinen - hier fehlt wohl das Wort Sohn-einmal eine Grundlage sein. Vor allem soll sich Fritz wieder ein Heim begründen können, indem er mit seinem Sohn zusammenleben kann. Sollten das die Brüder nicht so fühlen wie wir?
Vor allem handelt es sich darum, dass Fritz seine Akten wieder
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bekommt, die er in naiven Vertrauen seinen Bruder Hermann übergeben hat. Das wäre sehr gut, wenn du das durchführen könntest. Dass du doch deine Autorität als Familienoberhaupt für Fritz sonst etwas erreichen kannst, scheint mir nach dem Verhalten der Brüder leider zweifelhaft. Euch allen herzliche Grüße
Die Hauptsache, hätte ich bald vergessen! Unsere herzlichste Gratulation zur Barmitzwah des lieben Micha! Wir wünschen ihm eine recht glückliche und frohe Zukunft!
Meine Lieben!
zu meiner großen Freude erhielt ich am 26. Mai euren lieben Brief, doch wurde diese getrübt durch die Mitteilung, dass der gute Micha so eine schmerzhafte Krankheit durchmachen muss. Ich hoffe, dass es gut aus heilt und lieber Micha wieder ganz wohlauf ist. Wie ich aus eurem lieben Schreiben entnehme, habt ihr geschäftlich noch immer zu kämpfen, aber leider geht es jetzt den meisten Juden so. Unser Detailgeschäft ist nicht sehr zurückgegangen, die Stickerei hat, wie ihr ja wissen werdet, seit zwei Jahren der liebe Ernst übernommen, aber es ist kein Vergleich zu den Zeiten, die wir hatten. Er muss von früh bis Abend angestrengt arbeiten, muss selbst reisen und sich mit allem einschränken, um sein Auskommen zu finden. Wir haben ja auch viel gearbeitet und gespart, besonders ich hatte die ganze Woche keine freie Stunde und habe sehr oft die frühesten Morgenstunden und die halbe Nächte mit Arbeit verbracht, aber wir hatten wenigstens den gewünschten Erfolg.
Doch was nützt das heute? Kann man wissen, ob wir die Früchte unserer Arbeit genießen werden? Die Situation ist bei uns noch immer sehr ernst. Ihr hört es ja im Rundfunk und lest es in den Zeitungen. Wir haben auch wenig Sorge um uns, als um Ida und besonders das Kind. Am 21. Mai, als es am kritischten war, hat lieber Pepo Ida mit dem Kind nach Prag zu seinen Eltern gebracht und sind beide bis heute noch dort. Nunmehr hofft man ja, dass es zu keinem Krieg kommt, aber die Gemüter sind in beiden Lagern sehr erregt. Man weiß nicht, was man machen soll. Am 26. Mai als euer lieber Brief kam, war ich in Eger und habe früh liebe Frieda angerufen. Da ein Feiertag war, kam sie Mittag herüber und
Erstens wird die Auswanderung nach Palästina nun konkret geplant, Siddy ist noch in Tirschenreuth, und die Familie Kirschner in Kötzting kann noch an Pfingsten Besuch empfangen, was 1939 nicht mehr möglich gewesen wäre, da sie ja bereits ihr Haus verkaufen hatten müssen und sehr beengt und bedrängt nur noch temporär geduldet waren. Am 20.7.1939 mussten sie sogar aus Kötzting wegziehen und wurden nach Regensburg abgemeldet. (Alte Einwohnermeldekartei Kötzting, die beiden Kinder sogar schon zwei Wochen vorher. Diese wurden am 8.7.1939, als nach München verzogen, eingetragen).
Also 1939 kommt nicht mehr in Frage und 1937 waren die Pläne noch nicht so detailliert.
Auch ist in dem Brief auch erwähnt, dass die dritte von Julius Schwestern nun ebenfalls nach Amerika auswandern kann.
Da das Lehrmädchen anschließend an Pfingsten ihren Urlaub genommen hat, kann ich erst nach dessen Rückkehr nach Berlin fahren, voraussichtlich am 14. Juni, um die nötigen Schritte einzuleiten. Den Wirtschaftsberater von Doktor Tischler kann ich ja aufsuchen, seine Adresse habe ich noch, aber vielleicht frage ich vorher bei der Rasco nach einem geeigneten Berater, oder spreche auch mit Doktor Tischler darüber. Alice wäre für einen Nürnberger Anwalt gewesen, weil sie dann mit mir gekommen wäre, um gemeinsam mit mir sich zu beraten. Aber das höre ich schon in Berlin, wie es besser ist, ob es nicht richtiger ist, sich in Berlin einen zu nehmen. Das Siedeln selbst haben wir uns so gedacht, dass Betti und ich den Haushalt führen, während Alice und Siddy Feld- und Gartenarbeit verrichten. Ob Julius einen Lastwagen mitnehmen darf, werden wir durch den Berater hören, jedenfalls wäre es freilich gut, wenn er durch einen Nebenverdienst die Existenz erleichtern könnte.
Frieda.
Lieber Fritzl, was hast du jetzt vor? Wo wirst du weiter studieren? Bei uns ist heuer gar kein richtiger Sommer, wir sind noch nicht mal zum Baden gekommen. Allerdings könnten wir auch nur sonntags gehen. Sonst wäre ja Tante mit Fanny allein im Geschäft. Sonst weiß ich für heute nichts zu schreiben, seid alle vielmals gegrüßt und geküsst von eurer City.
Anforderungs-Zertifikate können ausnahmsweise Eltern, ohne Rücksicht auf ihr Alter, von Kindern und auch Geschwister angefordert werden. Bedingung ist allerdings, dass die Einwanderung bis zum 30. November erfolgt sein muss. Ferner heißt es in dem Schreiben: „ Falls Sie eine Möglichkeit zu einer derartigen Anforderung haben, so empfehle ich Ihnen, sofort mit ihren Angehörigen in Palästina in Verbindung zu setzen, damit diese bei dem Emigration Department ein Anforderungs-Zertifikat beantragen. Von Berlin aus kann die Anforderung nicht in die Wege geleitet werden.“
Frieda.
Eil-Transfer bekommen, schilderte ihm die näheren Umstände und gab der Überzeugung Ausdruck, dass das Palästina Amt sich diesen Darlegungen nicht verschließen wird. Als Antwort auf diesen Brief schrieb mir soeben der Anwalt folgendes:“ Wenn Sie die Erteilung des Zertifikats sehr beschleunigen wollen, so würde ich empfehlen, sich von ihrem Bruder, Doktor Ludwig Klein, in Tel Aviv anfordern zu lassen, was zur Zeit ausnahmsweise möglich ist.“ Wie soll ich das verstehen? Dass du Alice mit ihrer Familie anfordern sollst, schrieb ich dir ja schon in meinem letzten Brief und erwähnte ja auch, ob es richtig wäre, auch mich anzufordern. Können dann aber die beiden Mädels mitkommen? Und wie ist es mit dem Transfer? Nachdem Alice einen Eil-Transfer auf keinen Fall in Anspruch nehmen könnte, ist es sehr wichtig, dass du sie mit ihrer Familie anforderst, hoffentlich hast du Erfolg, denn Alice und Julius sind fest davon überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeitskraft eine Existenz aufbauen werden. Für Amerika besteht wenig Aussicht, es hat keinen Zweck, die Zeit, mit warten nutzlos zu verbringen, zumal ihnen ja die Mittel fehlen, ohne Geschäft hier die Wartezeit zu verbringen. Aus diesem Grunde ist die Anforderungen von Alice besonders dringend.
31.12.1938 Tirschenreuth und Kötzting nach Tel-Aviv
Meine Lieben,
Als dein Brief vom 22. Dezember eintraf, wir erhielten ihn am 29. Dezember, war mein Brief am Tage vorher abgegangen, Julius entschloss sich nun, sofort nach Berlin zu fahren, um beim Palästina-Amt zu hören, was in unserer Sache geschehen muss. Nachdem er dort als Siedler schon seit Juni gemeldet und im Namensregister vermerkt war, kam er gleich zu dem zuständigen Beamten, mit dem er unseren Fall eingehend besprechen konnte. Dieser wunderte sich vor allen Dingen sehr, dass die Sache noch nicht weiter fortgeschritten ist, nachdem sie schon seit Juni läuft. Ich fürchte, dass wir alle Schuld daran sind, weil wir immer nicht wussten, ob Julius nach USA oder mit uns nach Palästina gehen soll und weil wir uns eine Auswanderung nicht denken konnten, die nicht gleichzeitig den Transfer ermöglichen soll. wie dem auch sei, Julius erwähnte natürlich nichts davon, und erfuhr nur von dem Beamten, dass es für ihn zur Erlangung des Zertifikates den einen Weg gebe, dass du, lieber Ludwig, das Vorzeige-Geld von LP 1000 in Palästina vorweisen kannst. Er bemerkte jedoch, dass du das Geld gar nicht haben brauchst, dass dies nur eine Formsache sei, um das Einreisevisum zu erhalten und dass dies schon von vielen durchgeführt werden sei. Ich nehme an, dass man den Nachweis über das Vorzeige-Geld auch durch Bekannte erbringen kann, die über diesen Betrag verfügen, denn der Beamte war erstaunt, dass du von dieser Möglichkeit noch keinen Gebrauch gemacht hast. Nun kam er allerdings darüber nicht hinweg, dass wir vier Zertifikate brauchen und während ein Zertifikat für die Kötztinger keine Schwierigkeiten bereitet und Siddy und Betti mit Wizo-Zertifikaten auswandern können, wusste er keinen Rat, was er mit mir anfangen soll. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, Julius war eineinhalb Stunden bei ihm, weil der Beamte während der Aussprache sehr oft durch telefonische Anfragen unterbrochen wurde, er wollte dann mit Julius auch gleich in die Wizo-Abteilung gehen, fand aber dort niemanden vor, weil an diesem Tage keine Sprechstunde war. Er versprach jedoch, Julius, dann alles weitere zu veranlassen, sobald die formale Seite der Angelegenheit, also der Nachweis über das Vorzeige- Geld, in seinen Händen sei. dabei könnten unter Umständen ihm seine Schwestern behilflich sein, indem diese für ihn den Nachweis erbringen. Ob es aber genügt, dass sie einen beglaubigten Bank Auszug senden, oder ob das Geld von USA nach Palästina überwiesen werden muss, das hat Julius nicht mehr gefragt. Nun liegen aber die Bürgschaften für Julius und seine Familie schon in München bei der Schifffahrtsgesellschaft, vielleicht genügen diese Bürgschaften für das Vorzeige-Geld. Julius will zu diesem Zweck nächste Woche nach München fahren, auch bei dem dortigen Palästina Amt vorsprechen, um näheres über die Wizo-Zertifikate zu hören, nachdem dies in Berlin nicht mehr möglich war. Ganz im Bilde bin ich ja immer noch nicht, aber es wird wohl so sein, dass die Kötztinger zusammen ein, und Betti, Siddy und ich je ein Zertifikat brauchen, selbst wenn wir gemeinsam siedeln wollten, das aber nur die Kötztinger und ich das Vorzeigegeld haben müssen, wenn die beiden Mädels Wizo-Zertifikate bekommen. Da aber meine Person den Beamten so viel Kopfzerbrechen machte, muss ich fürchten, dass ich selbst, wenn du das Vorzeige-Geld für mich nachweist, kein Zertifikat bekomme, weil diese an einzelne Personen nicht abgegeben werden. Julius wird ja das auch in München erfahren, ebenso muss er dort hören, ob man für Betti ein Wizo-Zertifikat beantragen kann. Wahrscheinlich wird Alice mitfahren, denn es gibt so viel zu fragen, dass zwei Personen zu tun haben, um nichts zu überhören und an alles zu denken. Zudem versäumen die beiden nichts, da sie Geschäft und Haus schon verkauft haben, während ich immer noch da sein muss, um dem Käufer das Geschäft und Haus übergeben zu können, wenn er die behördliche Genehmigung hat, worauf ich täglich warte. Soweit decken sich ja die Auskünfte von Julius mit den deinen.
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