Translate

Samstag, 10. Oktober 2026

Briefe aus Kötztings Vergangenheit >>>> 1938

 

 Briefe - und Dokumente - aus Kötztings Vergangenheit
Dokumente des Hoffens und der Verzweiflung


1938



16.1.1938


Brief von Alice an Friedl und Ludwig Klein in Tel-Aviv.  Sie berichtet über die Entwicklung der Kinder und die traurige Situation in ihrem Geburtshaus in Tirschenreuth, nach dem Tode des Schwagers Max Pick.


Kötzting, den 16.1.1938

Meine Lieben,
liebster Ludwig, dein lieber Brief war mir eine unerwartete Freude, ein richtiges Geburtstagsgeschenk. Es macht mir aber Sorgen, dass du in einer derartig unruhigen Zeit so viel reisen musst. Wenn nur endlich diese Überfälle unterdrückt und eine Verständigung mit den Arabern herbeigeführt würde. Eure letzten Briefe habe ich nicht gelesen. Frieda hat sie Trude gegeben und von dort waren sie nicht zurück, als ich Weihnachten dahin war. Frieda erzählte mir, dass Fritzl einen schönen Brief nach Berlin geschickt hat. Die Hauptsache ist, dass ihr alle gesund seid und dass du dein Geschäft allein hast. Du sparst dir viel Ärger, denn du bist dir nur allein verantwortlich. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich dir und Tirschenreuth nicht das viele Geld schuldig wäre. Ich bin in allen Handlungen gehemmt, muss immer daran denken, welche Verantwortung ich trage und dass ich es noch nicht soweit gebracht habe, die Schulden abzutragen. Zur Zeit sind wir über  der Inventur. Das Weihnachtsgeschäft war befriedigend und da ich mich im Einkauf sehr zurückgehalten habe, komme ich mit den Rechnungen besser nach. Da aber der Januar bis jetzt sehr schlecht ist, muss ich  meinen Bankkredit wieder voll in Anspruch nehmen und ich wäre doch so gerne wenigstens von der Bank weggekommen. Nur die Schulden sind eigentlich mein einziger Kummer. Da ich nie ans Leben große Ansprüche stellte, wäre ich in meinem Waldwinkel herzlichst zufrieden

Da ich nie ans Leben große Ansprüche stellte, wäre ich in meinem Waldwinkel herzlichst zufrieden, denn Geld allein macht nicht glücklich, wie sich das bei Valerie gezeigt zeigt, aber Schulden drücken. Momentan geht es mir gesundheitlich sehr gut, habe Gott sei Dank schon lange keinen keine Gallenanfälle mehr gehabt, seit November nicht mehr. Die Kinder entwickeln sich auch ganz gut. Susi lernt spielend. Alfred hat auch einen sehr gerechten Lehrer bekommen. Er hatte schon fertig gebracht, dass er „R“, „ K“ u „G“  ausspricht. Er hat doch das er überhaupt nicht ausgesprochen und statt „K“ & „G“, sagte er „D“. Vorerst kann man noch nicht sagen, wie er lernt. Seine Mitschüler scheinen auch nicht gescheiter zu sein. Unsere Kinder vermissen nichts. Gibt’s Schnee und Eis siehst du von innen den ganzen Tag nichts. Als wir den ersten schönen Schnee hatten, hat sich Alfred buchstäblich im Schnee vor Glück und Freude gewälzt. Es ist ja gut, dass die Kinder nichts merken von unseren Sorgen. Ich habe wirklich nicht viel Geduld. Man hat dieses Jahr viel Trauriges erlebt und komme ich nach Tirschenreuth in das verwaiste Haus kann ich schon gar nicht mehr froh werden.   Max hätte nicht so schnell sterben dürfen, bestimmt war die strenge Diät schuld. Er war so mager, hat auch gefroren, was bei ihm früher nie der Fall war. Wen hast du im Geschäft, wenn du nicht da bist? Leider hat es dieses Jahr keine Schwammerl gegeben. Sonst hätte ich welche geschickt. Vielleicht erwachsen dieses Jahr welche. Frieda hat mit Trude wegen eurer Europa Reise gesprochen. Hoffentlich wird etwas daraus. Wie gerne möchte ich euch alle mal wieder sehen. Für Friedl und dich wäre eine Entspannung viel wert. Seid alle meine Lieben innig geküsst von eurer Alice



23.1.1938 




Brief aus Tirschenreuth an Dr. Ludwig Klein in Tel-Aviv



Tirschenreuth, den 23.1.1938.
Meine Lieben! Obwohl ihr meinen letzten Brief aus Berlin noch nicht beantwortet habt, will ich euch heute wieder schreiben. Es ist ohne dies einer der langweiligen Sonntage, sie sind die trostlose Tage der Woche, die man am besten mit solchen Arbeiten, also mit Schreiben von Privatbriefen, ausfüllt. Das Wetter ist trüb und nasskalt und passt ganz zu meiner Niedergeschlagenheit. Die leichte Venenentzündung, von der ich euch in Berlin schrieb, war leider nicht so harmlos, ich kam mit 39° Fieber nach Hause und konnte erst nach fünf Wochen das Bett für 1 Stunde verlassen. Inzwischen sind 14 Tage vergangen und es wird noch weitere 14 Tage brauchen, bis ich den letzten Rest dieses langen Krankenlager überwunden habe. Dabei konnte ich noch froh sein, dass ich wenigstens zu Hause liegen konnte, die schriftlichen Arbeiten erledigte ich im Bett. Frau Grüner half Nachmittag im Laden und hatte viel Freude am Kundendienst. Für Ihre Arbeitslosigkeit war das eine angenehme Abwechslung. Doktor Göbel meint, dass mich die Zahnbehandlung zu sehr mitgenommen hat und ich auch in Berlin zu viel herumgelaufen bin. Sobald das Frühjahr kommt, wollen wir an Sonntagen viel ins Freie gehen, was bestimmt zur Kräftigung des ganzen Organismus beitragen wird, denn einen Klimawechsel, einen längeren Aufenthalt in Höhenluft , kann ich mir nicht mehr leisten, seit Max nicht mehr ist. Dem Geschäft fehlt dann die Führung, einer von uns beiden musste eben immer da sein. Inzwischen traf auch dein Brief ein, liebe Friedl, es war mir unter diesen Umständen nicht möglich, mit deiner Freundin zusammen zu kommen und Valerie hab ich seit Monaten nicht gesprochen. Alice war Weihnachten hier, aber Valerie nimmt sich keine Zeit, sich nach uns um zu sehen, selbst wenn die Schwester krank ist. Idas Mann hat sich von seinem Kompanie-Geschäft getrennt.  Hugo kaufte ein Grundstück in Eger und will nun ein zweistöckiges Haus bauen, mit Kühlanlagen, wo  Pepe sein Geschäft ausüben wird. Die Beteiligung an der Kompanie war eine große Fehlspekulation und ob der Neubau mit seinen Drum und Dran nicht auch verkehrt ist, wird sich noch zeigen. Dieser Hugo weiß schon nicht mehr, was er mit seinem Geld anfangen soll und dann kommt es zu solchen Fehlschlägen. Jedenfalls hat er jetzt seinen Kopf voll mit dem neuen Projekt und die arme Valerie muss dem allen stand halten und hat keine ruhige Stunde. Da werden dann die Sonntage für die Besprechungen mit dem Architekten und dem Rechtsanwalt hergenommen, denn die Liquidation des Kompanie Unternehmens ist noch nicht erledigt und bringt für Valerie, die dieser Sache geistig am besten gewachsen ist, diese Aufregungen. Es geht ihr daher ähnlich wie dir, lieber Ludwig, nur dass du mit Friedl über alles sprechen kannst, während Valerie dem berührten Hugo nur das notwendigste erzählt. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie uns so selten besucht, Hugo sieht es nicht gern, und so will sie sich das nicht erkämpfen. Sie wird auch nicht nach Teplitz gefahren sein, denn nach Marienbad fuhr sie damals mit Pepe im Auto, ohne dass es Hugo wusste, Teplitz ist nicht so leicht zu erreichen, geschäftlich kommt Pepe nicht hin. Es ist nun einmal so, Valerie könnte ihre Geschwister am ehesten unterstützen und darf es nicht, das lässt sich nun einmal nicht ändern. Alice geht es geschäftlich etwas besser, sie konnte das Lager verkleinern und dadurch die ärgsten Dränge. Nun müsste sie noch die Bankschulden wegbringen, die Zinsen lasten schwer auf dem kleinen Betrieb. Bei uns geht alles seinen gewohnten Gang, die Inventur wird ja zeigen, wie wir abgeschnitten haben. Es ist schmerzlich für mich, das Alles ohne Max machen zu müssen, warum musste uns das Schicksal diesen wertvollen Menschen rauben! Immer wieder kommen mir die wenigen Tage seiner Krankheit in den Sinn und ich könnte leichter darüber hinweg kommen, wenn ich die





wenn ich die .... Gewissheit hätte, dass ihn auch ein anderer Arzt nicht hätte retten können, dass Max auch dann nicht im Bett geblieben wäre, oder sich niedergelegt hätte, wenn ich damals zu Hause gewesen wäre. Vergangenen Sonntag, es war der erste, an dem ich so richtig aufbleiben konnte, suchte ich mit den Kindern seine Sachen zusammen, die noch tauglich waren, um sie euch schicken zu können. Es sind dies zwei Anzüge, ein Wintermantel, ein Sommermantel, Bleylerock, Unterwäsche und Hose, ein paar Schuhe, ein paar Hausschuhe, ein paar Handschuhe, Oberhemden und Taschentücher. Hoffentlich passen dir die Sachen, lieber Ludwig, die Hemden kann ja Friedl abändern, bei den Anzügen ist es schon schwieriger. Ich fügte dazu noch deine helle Hose bei und zwei Selbstbinder zum Geburtstag, sowie Socken, desgleichen Oberhemden und Strümpfe für Fritz und Micha. Die zwei Schlafanzüge von Max sind wohl aus Schurwolle, er trug sie nur während seines Kuraufenthalt, sonst hatte er Nachthemden, die ich auch mitsandte, weil sie noch so gut erhalten waren. Sommerschlafanzüge haben wir aber nur in minderwertiger Qualität, weshalb ich für Fritz keinen beilegen konnte. Auch das Unterziehhöschen sandte ich mit und einen Pullover nachträglich zum Geburtstag, hoffentlich gefällt es dir. Wir packen die Sachen in zwei Pakete, sie waren aber für den Versand per Post zu schwer und hätten den Seeweg über Hamburg gehen müssen. Da ließen wir sie wieder von der Post holen, und arbeiteten es in drei Pakete, die am 20. Januar an euch abgingen. Schreibt uns bitte gleich, wie alles angekommen ist. Die Anzüge werden sehr verdrückt sein und aufgebügelt werden müssen. Obwohl sie Max nur sonntags trug, sind sie vielleicht nicht ganz frei von kleinen Flecken, den Rosa bürstet die Kleider nicht so gewissenhaft, ich nahm mir keine Zeit mehr, die Sache genauer durchzusehen, abgesehen davon, dass ich auch noch nicht die Kraft dazu hatte. Ferner wirst du auch alles gut lüften müssen, liebe Friedl, denn ich bildete mir ein, dass ihnen noch der Geruch des Sterbezimmers anhaftet. Die Hüte ließ ich vorerst zurück, ebenso die hohen Schuhe, sie sind für Ludwig nicht modern genug, ein paar Schuhe davon hatte sich Max ebenfalls erst für seinen Kuraufenthalt angeschafft. Sollte Ludwig bei Regenwetter sie doch anwenden können, dann schreibt es mir, dann hebe ich sie vorerst noch auf, ebenso den besseren der Hüte, falls das modernisieren nicht viel dort kostet. Die schlechten Sachen sende ich bei Gelegenheit nach Kötzting, für Julius sind sie bestimmt noch brauchbar. Nun habe ich euch alles von uns berichtet und ich bitte euch nur, uns ebenso ausführlich zu schreiben, wie es euch geht, und ob Ludwig endlich die Angelegenheit mit Maas in Ordnung hat. die Rundschau berichtete nicht sehr hoffnungsvoll über die wirtschaftlichen Verhältnisse bei euch und deshalb werdet auch ihr noch lange euer geschäftlichen Sorgen nicht los, fürchte ich. Es ist schon schade, dass dass ich weder Eugen B. noch Sophie B. sprechen konnte. Wann werden wir uns mal selbst wieder sehen? Was habt ihr mit Fritz Studium vor? Wann ist Michas Bar Mitzwa? Kann ich ihm irgendein schönes Buch hier kaufen, dass er sich wünscht? Schreibt mir das alles bitte und noch viel mehr von euch, ich interessiere mich ja für alles. Lebt wohl meine Lieben alle seid innig geküsst von eurer Frieda.
Handschriftlich von Betti:
 Viele Grüße und Küsse auch von Betti.
Handschriftlich von Siddy:
Meine Lieben, Tante Frieda, schreibt uns immer alles vor der Nase weg. Sie bringt es mit beneidenswertes Sicherheit fertig, nichts zu vergessen, so bleibt uns beiden Mädels nichts weiter übrig, als immer nur Grüße dranzufügen. Im Geschäft sind wir noch immer kräftig über der Inventur. Es geht dieses Jahr nur langsam vorwärts, weil wir wenig Leute dazu sind. Viele Grüße und Küsse, Siddy.




2.4.1938 



Vermutlich Dr. Ludwig Klein an andere Familienmitglieder 


Brief auf dünnem Durchschlag Papier, vermutlich Kopie von Ludwig Klein.

2. April 1938.
Ich muss morgen zeitig nach Jerusalem fahren und bin zur Zeit stark in Anspruch genommen durch das Geschäft, durch eine Arbeit, die ich für Sandbanks Erziehungs-Department schreibe (Für ich die ein kleines Honorar bekommen werde, dass wir gut brauchen können) und durch eine Wirtschaftsprüfung, die mir übertragen worden ist. (in diesem Falle wird das Honorar hoffentlich so schön sein, wie das Auto des Auftraggebers, des Vizebürgermeister, unsere Städtchens). Trotz dieser vielfachen Inanspruchnahme möchte ich den Brief meines Schwagers Fritz einige Zeilen hinzufügen. Die vornehme Art, in der er die Meinungsverschiedenheiten mit seinen Brüdern, nach aller bitteren Enttäuschung darstellt, ehrt ihn, aber sie gibt nicht ganz das richtige Bild des Sachverhalts.
Lange Zeit hindurch waren die Briefe an Fritz aus Breslau auf den Ton abgestimmt: “liebes Fritzl, komm nach Hause, wir brauchen dich nötig, hier wird alles gut werden.“ Plötzlich und unerwartet kommt ein Umschlag: “es wird leider leider nicht möglich sein, dass unser lieber Bruder in Breslau bleibt“, heißt es in einem Brief an uns. Was war geschehen, was hat sich geändert? Warum schreibt man auf einmal an Fritz, er solle ja nicht nach Gräfenberg kommen, sondern doch lieber nach Amerika auswandern!!! Nicht einmal nach Gräfenberg, geschweige denn nach Breslau, am liebsten über das große Wasser! Woher dieser Umschwung?
Dann fährt Fritz nach Gräfenberg, warum denn auch nicht? Hermann bemüht sich nicht hin, nein, lieber Hugo. Es lag nicht daran, dass er keinen Pass hatte. Martin kommt auf abgezählten Stunden, nachdem man den armen Kerl tagelang hatte warten lassen. Fritz muss nach Trieste zurück, um seinen Pass verlängern zu lassen, und fährt dann noch einmal nach der Tschechoslowakei, nach Reichenberg, um Herrn Reinke aus Langenöls zu sprechen. Heinke kommt nicht und geht auch nicht ans Telefon. Fritz ruft immer wieder im Breslau an, bis ihm schließlich Aenne Wende sagt, er solle keinesfalls mehr anrufen.
Das Fritz keine Einreiseerlaubnis, nach Deutschland erhalten habt, ist dem hiesigen deutschen Konsulat unverständlich. Mir sagte der Beamte: “ Ich weiß, in welchen Fällen die Antragsteller die Erlaubnis erhalten, in welchen nicht. Im Falle, ihres Schwager sage ich, dass er die Erlaubnis erhält.“ Drei Tage später war die Absage in meinen Händen. Das ist von den lieben Verwandten gefingert worden. Natürlich sind sie gefragt worden, ob der Besuch nötig wäre, und haben die richtige Auskunft gegeben.
Hermann und Martin haben einen Auseinandersetzungsvertrag mit Fritz geschlossen und diesem Vertrag haben Sie zu erfüllen, darüber gibt es gar nichts zu reden. Fritz kann es seinem Sohn gegenüber nicht verantworten, dass er auf irgendwelche Rechte verzichtet, nachdem er bei Abschluss des Vertrages großzügig gewesen ist. Ich will nicht, dass Fritz nach Amerika geht. (zur Zeit kann er es gar nicht, weil ihm das nötige Kleingeld fehlt), ich glaube, dass er sich hier eine bescheidene Existenz aufbauen kann, selbst wenn es nicht gelungen ist, nach fünf Jahren meine Existenz genügend zu festigen. Fritz ist im Gegensatz zu mir ein guter Verkäufer. Aber beim Aufbau einer Existenz ist jeder Pfennig von außerordentlicher Bedeutung, davon kann ich ein Lied singen. Die Existenz, die sich Fritz aufbaut, soll ja schließlich nicht nur für ihn, sondern darüber hinaus für seinen - hier fehlt wohl das Wort Sohn-einmal eine Grundlage sein. Vor allem soll sich Fritz wieder ein Heim begründen können, indem er mit seinem Sohn zusammenleben kann. Sollten das die Brüder nicht so fühlen wie wir?
Vor allem handelt es sich darum, dass Fritz seine Akten wieder
Neue Seite:

bekommt, die er in naiven Vertrauen seinen Bruder Hermann übergeben hat. Das wäre sehr gut, wenn du das durchführen könntest. Dass du doch deine Autorität als Familienoberhaupt für Fritz sonst etwas erreichen kannst, scheint mir nach dem Verhalten der Brüder leider zweifelhaft. Euch allen herzliche Grüße



31.5.1938 



Valerie aus Eger nach Tel-Aviv


Briefpapier des Josef Krasa, Eger.
Eger, am 31. Mai 1938.


Die Hauptsache, hätte ich bald vergessen! Unsere herzlichste Gratulation zur Barmitzwah des lieben Micha! Wir wünschen ihm eine recht glückliche und frohe Zukunft!


Meine Lieben!

zu meiner großen Freude erhielt ich am 26. Mai euren lieben Brief, doch wurde diese getrübt durch die Mitteilung, dass der gute Micha so eine schmerzhafte Krankheit durchmachen muss. Ich hoffe, dass es gut aus heilt und lieber Micha wieder ganz wohlauf ist. Wie ich aus eurem lieben Schreiben entnehme, habt ihr geschäftlich noch immer zu kämpfen, aber leider geht es jetzt den meisten Juden so. Unser Detailgeschäft ist nicht sehr zurückgegangen, die Stickerei hat, wie ihr ja wissen werdet, seit zwei Jahren der liebe Ernst übernommen, aber es ist kein Vergleich zu den Zeiten, die wir hatten. Er muss von früh bis Abend angestrengt arbeiten, muss selbst reisen und sich mit allem einschränken, um sein Auskommen zu finden. Wir haben ja auch viel gearbeitet und gespart, besonders ich hatte die ganze Woche keine freie Stunde und habe sehr oft die frühesten Morgenstunden und die halbe Nächte mit Arbeit verbracht, aber wir hatten wenigstens den gewünschten Erfolg.
Doch was nützt das heute? Kann man wissen, ob wir die Früchte unserer Arbeit genießen werden? Die Situation ist bei uns noch immer sehr ernst. Ihr hört es ja im Rundfunk und lest es in den Zeitungen. Wir haben auch wenig Sorge um uns, als um Ida und besonders das Kind. Am 21. Mai, als es am kritischten war, hat lieber Pepo Ida mit dem Kind nach Prag zu seinen Eltern gebracht und sind beide bis heute noch dort. Nunmehr hofft man ja, dass es zu keinem Krieg kommt, aber die Gemüter sind in beiden Lagern sehr erregt. Man weiß nicht, was man machen soll. Am 26. Mai als euer lieber Brief kam, war ich in Eger und habe früh liebe Frieda angerufen. Da ein Feiertag war, kam sie Mittag herüber und

und waren wir beide sehr froh, uns wieder einmal aussprechen zu können. Liebe Frieda brachte mir auch euren lieben Brief an Sie. Wie sie euch bereits mitgeteilt hat, ist sie nunmehr zur Auswanderung nach Palästina entschlossen. Sie fährt Pfingsten zur lieben Alice und will dann Fronleichnam, das ist circa 14 Tage nach Pfingsten, herüber kommen, und mir Bericht zu geben, wie sich liebe Alice und Julius dazu stellen . Wir werden uns beraten und euch dann gleich darüber Nachricht geben. Es fällt mir sehr schwer, unser elterliches Haus und Geschäft zu verkaufen, aber es wird leider nichts anderes übrig bleiben und wenn liebe Frieda mit den Kindern auswandert und das Haus und Geschäft verpachten würde, so möchte es bestimmt in Kürze enteignet werden und die armen Weisen hätten dann noch weniger, als wenn der Besitz gleich verkauft wird. Was uns betrifft, so wissen wir noch nicht, ob und wie lange unseres Bleibens hier noch ist. Ich für meinen Teil würde für Palästina stimmen. Hugo kann sich natürlich dazu nicht entschließen. Er möchte, wenn es sein muss, seinen Wohnsitz nach Prag verlegen. Mit lieben Pepo und Ida habe ich eigentlich noch nicht ernsthaft darüber gesprochen, jedenfalls haben wir jetzt alle große Sorgen.
Rosa Rauch hat uns aus Argentinien geschrieben, sie sind sehr beunruhigt, und wir sollen sofort Nachricht geben, wie es uns geht und was wir zu tun gedenken. Sie schrieb durch Luftpost und war der Brief in fünf Tagen hier. Es geht Ihnen ganz gut. Fritz hat geheiratet und hat eine gute Stellung in einer Strickwarenfabrik. Irma führt einen Damenschneidersalon und Rosa hilft ihrem Mann im Geschäft, er hat eine gute Vertretung. Sie haben einen Buben mit einem Jahr, Rosa hat mir regelmäßig geschrieben und lässt euch immer grüßen und erkundigt sich wie es euch und unseren Lieben geht, besonders für liebe Alice hat sie reges Interesse. Ich wünsche und hoffe, dass ich euch nächstes Mal Angenehmeres berichten kann. Lieber Pepa wäre mit dem Geschäft zufrieden gewesen, er hätte sich mit der Zeit gut eingeführt, nun ist alles infrage gestellt. Für heute seid alle vielmals gegrüßt und geküsst von eurer Valerie.





7.6.1938 


Tirschenreuth an Tel-Aviv

Die zeitliche Zuordnung geschieht hier durch einige Details, die in dem Brief erwähnt sind.
Erstens wird die Auswanderung nach Palästina nun konkret geplant, Siddy ist noch in Tirschenreuth, und die Familie Kirschner in Kötzting kann noch an Pfingsten Besuch empfangen, was 1939 nicht mehr möglich gewesen wäre, da sie ja bereits ihr Haus verkaufen hatten müssen und sehr beengt und bedrängt nur noch temporär geduldet waren. Am 20.7.1939 mussten sie sogar aus Kötzting wegziehen und wurden nach Regensburg abgemeldet. (Alte Einwohnermeldekartei Kötzting, die beiden Kinder sogar schon zwei Wochen vorher. Diese wurden am 8.7.1939, als nach München verzogen, eingetragen).
Also 1939 kommt nicht mehr in Frage und 1937 waren die Pläne noch nicht so detailliert.
Auch ist in dem Brief auch erwähnt, dass die dritte von Julius Schwestern nun ebenfalls nach Amerika auswandern kann.



Den 7. Juni

Lieber Ludwig!

Dein liebes Schreiben war nur vier Tage unterwegs, traf also rechtzeitig vor Pfingsten ein, so dass ich es sogar noch einige Tage vor meinem Besuch in Kötzting dorthin senden konnte und so Julius und Alice Gelegenheit hatten, sich die Sache bis zu meiner Ankunft reichlich zu überlegen. Ich war nun mit den Kindern die beiden Pfingstfeiertage bei Ihnen und da auch die Prospekte kamen, konnten wir anhand dieser Papiere die Angelegenheit in allen Punkten richtig durchgehen. Alice und Julius sind bereit, mit uns zu siedeln, während Alice schon beim Erhalt deines Briefes fest dazu entschlossen war, hatte Julius anfangs Bedenken wegen des Klimas, da er große Hitze nicht gut verträgt. Zudem sind zwei Schwestern in Amerika, die jüngste wandert auch in Bälde nach dorthin aus, weshalb ihm Amerika sympathischer gewesen wäre. Als er die Prospekte sah, und vor allen Dingen die günstige Ansiedlung in Herzlia, das durch die Nähe des Meeres klimatisch am besten zu ertragen ist, da war auch er mit allem Eifer bei der Sache, in Palästina zu siedeln.
Da das Lehrmädchen anschließend an Pfingsten ihren Urlaub genommen hat, kann ich erst nach dessen Rückkehr nach Berlin fahren, voraussichtlich am 14. Juni, um die nötigen Schritte einzuleiten. Den Wirtschaftsberater von Doktor Tischler kann ich ja aufsuchen, seine Adresse habe ich noch, aber vielleicht frage ich vorher bei der Rasco nach einem geeigneten Berater, oder spreche auch mit Doktor Tischler darüber. Alice wäre für einen Nürnberger Anwalt gewesen, weil sie dann mit mir gekommen wäre, um gemeinsam mit mir sich zu beraten. Aber das höre ich schon in Berlin, wie es besser ist, ob es nicht richtiger ist, sich in Berlin einen zu nehmen. Das Siedeln selbst haben wir uns so gedacht, dass Betti und ich den Haushalt führen, während Alice und Siddy Feld- und Gartenarbeit verrichten. Ob Julius einen Lastwagen mitnehmen darf, werden wir durch den Berater hören, jedenfalls wäre es freilich gut, wenn er durch einen Nebenverdienst die Existenz erleichtern könnte.

Vor allen Dingen möchte ich mir die Hausarbeit, wir sind ja sieben Personen, durch geeignete Hilfsmittel erleichtern, zum Beispiel wären ein elektrischer Kochherd, eine eben solche Wasch – und Bügelmaschine, ein kleiner Kühlschrank wünschenswerte Dinge. Ob der Strompreis sehr hoch ist, so dass man sich dann diesen Luxus nicht leisten kann? Erkundige dich bitte in dieser Hinsicht, man will ja nur zweckmäßiges mitbringen und nicht unnötiges Geld ausgeben. Ich weiß ja auch gar nicht, ob man neue Haushaltsgegenstände mitnehmen darf, das werde ich alles in Berlin erfahren. Sehr wichtig ist ja auch die Möbelfrage. Obwohl die Häuser gleich so modern gebaut werden, dass zum Beispiel die Schränke in jedem Zimmer gleich eingebaut sind? Ferner sind in dem Prospekt von Herzlia zwei und drei Zimmerhäuser angegeben, wir müssten aber ein Haus mit vier Zimmer haben, welche Möbel nimmt man mit und welche lassen wir zurück? Gerne hätte ich ja den Salon von euch, weil er einen großen Tisch hat und bequeme Stühle, während mein schönes Biedermeier Zimmer wohl ganz ungeeignet ist, schon wegen der Polstermöbel. Mir fällt soeben ein, dass ich mal mit Valerie darüber reden kann, vielleicht nimmt sie es mir ab. Man bekommt für alte Möbel nicht viel, wenn man sie verkauft, wenn es auch noch so gut erhalten ist. Dann hat Alice von euch das Schlafzimmer, das sie ebenfalls gerne behalten möchte, dagegen würde sie ihr Wohnzimmer gerne verkaufen. Die Metallbetten, wir haben zwei und Alice eins, werden wir mitnehmen, eine Matratze ließ ich mir schon vor einigen Jahren zu einer Couch um arbeiten, eine zweite Matratze ließe sich ebenfalls für diesen Zweck herrichten, so dass wir wohl dann mit Schlafgelegenheit versorgt wären. Das Klavier müssten wir verkaufen,  weil Siddy schon Jahre lang nicht mehr spielt, sie hat keine Freude daran. Wie ist es mit den Federbetten? An kühlen Regentagen wird man sie nicht entbehren können, für heiße Tage sind genügend Woll- und Steppdecken vorhanden. Für meine Daunendecke machte ich mir seinerzeit Überzüge außer den Einschlagdecken, um den Seiten Bezug der Daunendecke besser zu schonen und sie ist dadurch auch noch wie neu. Ob wir nun besser daran tun, für die Woll- und Steppdecken ebenfalls Überzüge zu nähen, statt Einschlag stecken? Wenn es sich hier auch um alte Decken handelt, bleiben sie nicht sauberer in Überzügen? Das ist dein Gebiet, liebe Friedl, diese Fragen wirst du mir alle beantworten. Denke bitte an alles, was wir dort brauchen, es werden leider Neuanschaffungen schwer zu tätigen sein. An Kleidung bin ich ja im Bild, denke ich. Es kommen für uns nur gute Hauskleider infrage, die bequem für die Arbeit sind, für Siddy vielleicht kurze Hosen aus grauen Drill, wie ich damals die Mädchen auf dem Lande sah. Ich möchte eben in Ruhe alles vorbereiten, besonders was an Wäsche und Arbeitskleidung genäht werden muss. Sobald ich von Berlin zurück bin, schreibe ich euch wieder vielleicht schon von Berlin aus. Ich will ja gleichzeitig den Zahnarzt aufsuchen, von der Brücke brach die Klammer ab, das wäre ja nur eine kleinere Reparatur, aber die anderen Zähne müssen auch nachgesehen werden, hoffentlich gibt es da keine großen Arbeiten, so dass ich nicht lange in Berlin bleiben brauche..

Es gäbe noch vieles zu fragen und zu schreiben, aber ich will doch nur das Nötigste erwähnen. Ich wollte mit dem Brief nicht warten, bis ich von Berlin zurück bin, ihr solltet sofort nach meinem Besuch in Kötzting wissen, dass wir alle zum siedeln entschlossen sind und nicht länger als nötig auf diesen Bescheid warten. Wie geht es Micha? Ich war gerade bei Valerie, als euer Brief an sie eintraf und ihr von seiner Erkrankung durch das Zahn ziehen berichtet. Hoffentlich ist er wieder vollkommen hergestellt. Die Kötztinger sind alle wohlauf, Susi ist sehr gewachsen und ein ruhiges und vernünftiges Kind, Alfred aber sehr verzogen. Die Hauptsache ist jedoch, dass sie alle gesund sind. Ich schreibe euch bald wieder. Bleibt alle weiter gesund und seid innig geküsst von uns allen
Frieda.

Inzwischen wird ja Friedl in Herzlia gewesen sein, ich glaube schon, dass diese Siedlung die geeignete für uns ist, denn das heiße Klima fürchte auch ich sehr und da dieser Ort Tel Aviv am nächsten liegt, ziehe ich ihn ganz besonders allen anderen vor. Valerie habe ich natürlich seit dem Erhalt deines Briefes nicht mehr gesprochen. Vielleicht kommt sie in nächster Zeit wieder einmal zu uns, aber Alice sagt, dass sie sich von ihr nicht von ihrem Vorhaben abbringen lässt, falls Valerie nicht für das siedeln sein sollte. Es war für uns eine große Erleichterung, dass Alice so für die Sache eingenommen ist.






15. Juni. 1938 


Frieda aus Tirschenreuth zum Bruder in Tel Aviv nach ihrer Reise nach Berlin






Meine Lieben!
Vielleicht bekommt ihr beide Briefe, den gestrigen und den heutigen gleichzeitig, aber ich muss heute noch mal schreiben, weil ich heute Nachmittag bei einem Devisenberater war, den mir ein Bekannter hier empfahl und diesem die Transfer Angelegenheit übertragen habe. Dieser Gedanke kam mir heute Morgen. Ich sagte mir, dass ein hiesiger in diesen Dingen besser Bescheid weiß als einer in Nürnberg und ich dann, kaum zu Hause angekommen, abermals wegfahren musste. So habe ich nun den Rechtsanwalt Doktor Ernst Stubner und Robert Kempner, so lautet die Adresse, die Sache übergeben. Der Anwalt stellt die Aussicht, den Transfer auf rascher Weg zu bekommen, nicht so hoffnungslos hin wie gestern der Beamte der Rasko. Auch wegen Betti brauche ich nicht befürchten, dass sie nicht mitkommt. Es handelt sich nur darum, einen Käufer für das Haus zu finden und, wie weit ich das Warenlager verkaufen kann. Günstiger wird es für mich, wenn ich es langsam ausverkaufen könnte, weil ich dann mehr dafür bekomme, als wenn ich es in Bausch und Bogen an den Nachfolger des Geschäfts abgebe. Jedenfalls habe ich nun hier alles erledigt, was ich erledigen kann, mir bleibt jetzt nur der Verkauf von Haus und Geschäft. Morgen fahre ich mit dem Frühzug zurück und bin vormittag zuhause. Sonntag wird vielleicht Alice mit ihrem Mann und den Kindern kommen, auch in ihrer Angelegenheit konnte ich mit dem Anwalt sprechen. Es hängt jetzt ganz davon ab, wie sie ihr Haus verkaufen können, denn das Warenlager reicht gerade zur Abdeckung der Lieferanten Schulden. Ich habe dem Herrn von der Rasco doch nicht so genau verstanden, ein Anwalt nimmt die Sache eben anders in die Hand. Ob das Siedeln so leicht für uns ist, wie es nach dem Prospekte geschildert wird, bezweifeln hier viele. Gerade der Artikel in der Rundschau, der die Einweihung der letzten Rasco Siedlung beschreibt, erwähnt ja auch, dass man nur in mühevoller Arbeit aufbauen kann, man meint das Haus schon fix und fertig vorzufinden, aber dem ist nicht so. Manchmal befallen mich bange Zweifel, ob ich es richtig gemacht habe, dass ich die Existenz hier aufgebe, aber für Siddy gibt es ja hier keine Zukunft, wenn auch Betti und ich hätten verbleiben können. Und je länger man die Auswanderung hinaus schiebt, je älter wird man und kann dann schon gar nichts mehr leisten. Nachdem auch ihr dafür seid, wird es wohl für uns alle das Beste sein. Hoffentlich hat euch mein gestriger Brief nicht ganz konfus gemacht, ich schrieb eben, wie ich mir es dachte, es wäre besser gewesen, ich hätte ihn nicht gleich abgeschickt. Sind nicht Fritzl Schlussprüfungen bald beendet? Schreibt uns nur gleich, wie er sie bestanden hat, er wird froh sein, sich von dem vielen Lernen erholen zu können. Seid alle meine Lieben vielmals herzlichst gegrüßt und geküsst eure Frieda





16.7.1938

 Frieda Klein, Tirschenreuth nach Tel-Aviv



Tirschenreuth, den 16.7. (1938)

Meine Lieben! Seit vielen Wochen warten wir auf Nachricht von euch und sind sehr besorgt über euer langes Stillschweigen. Euer letzter Brief datiert vom 25. Mai und seitdem haben wir keinen mehr von euch erhalten. Ich fuhr nach Pfingsten nach Berlin und schrieb euch von dort aus zwei Luftpostbriefe, und ich begreife nicht, warum ich so lange wartete und euch nicht schon längst dringend, um Antwort auf meine Briefe bat. Aber man hofft mit jedem Tag und aus Tagen werden Wochen und als Wochen Monate und dann ist es höchste Zeit, dass man schreibt und nicht länger auf Antwort wartet. Inzwischen sind die großen Unruhen bei euch ausgebrochen, man liest es in der Rundschau und hört es durch den Radio und die Sorge um euch wächst ins unerträgliche. Wie geht es, Micha? Ich las seinerzeit einen Brief an Valerie, wo ihr ihr von seiner Erkrankung, durch das Ziehen eines Zahnes verursacht, mitteiltet. Schreibt uns also bitte postwendend, ob ihr alle gesund seid und ob du, lieber Ludwig noch in Haifa und Jerusalem zu tun hast, wo ja die Unruhen zur Zeit am schlimmsten sich auswirken.
Ist es unter diesen Umständen überhaupt ratsam, unseren Plan, zu euch zu kommen, zu verwirklichen? In unserer Angelegenheit steht die Sache jetzt folgendermaßen: Wie ich euch damals von Berlin aus schrieb, habe ich die Transferbeschaffung dem Devisenberater Doktor Aschner, Amtsgerichtsrat a.D.  Berlin, W 15, Meinekestraße 9 übergeben. Vor einigen Tagen erhielt ich von ihm den Bescheid, dass er für meinen Antrag nun die verbindliche Zusage von der Devisenstelle bekommen habe und sie die Reichsbank zu Erteilung einer Vormerkung Nummer übersende. Ich hoffe, dass die Anträge der Kinder und für Kötzting auch bald den gleichen Erfolg haben, so dass wir nun vorerst die Nummer von der Reichsbank bekommen. Ich habe nun gestern dem Anwalt geschrieben, dass er mir mitteilen möge, wie lange es dauern wird, bis unsere Nummern an die Reihe kommen, d.h. also, ob er den Auswanderung Termin einigermaßen feststellen könne, da dies für mich von größter Wichtigkeit sei. Ich habe einige Herbstaufträge erteilt, zu einer Zeit, als ich mit einer baldigen Aufgabe des Geschäftes nicht rechnete. ich müsste versuchen, die betreffenden Lieferanten zur Streichung dieser Aufträge zu bewegen, wenn ich das Geschäft schon in der nächsten Zeit auflösen müsste. Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, mit einem Herrn zu sprechen, der seine Reichsbanknummer schon seit März 1937 hat und damit rechnen kann, dass er im Laufe eines Jahres an die Reihe kommt. Er hat mir mit 80-prozentiger Sicherheit versprochen, mir die Nummer zu geben. Ich kann also meine Nummer für diese eintauschen, weil er eine Bürgschaft aus Amerika für seine ganze Familie bekommen hat und da seine Frau nicht gern nach Palästina geht, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit seine Nummer abgeben. Nun möchte ich auf jeden Fall mit den Kindern gleichzeitig auswandern, weshalb mir die Nummer nicht viel helfen wird. Ich habe meinem Anwalt noch nichts davon geschrieben, weil ich erst hören will, welche Aussicht er sich von meiner Nummer verspricht. Für Alice dagegen hätte die Nummer größeren Wert, weil sie dann mit ihrer Familie ja auch früher auswandern könnte. Nun ist aber bei ihr der Fall in Erwägung zu ziehen, dass sich vielleicht ein Tauschobjekt mit Chicago, von dem ich euch in meinem Berliner Brief bereits schrieb, verwirklichen lässt. Der Betreffende hat seine Bank beauftragt, bei der Devisenstelle anzufragen, ob ein Tausch genehmigt würde und in diesem Fall wäre es für Alice günstiger, nach Amerika als nach Palästina auszuwandern. Wird die Genehmigung erteilt, dann müsste Julius vor allen Dingen mal zur Information nach Chicago fahren und da er sogar Verwandte dort hat, ist diese Reise für ihn nicht so schwierig. Da dieser Plan nicht so aussichtslos ist, wie er für den ersten Augenblick schien, hat Alice dafür nun mehr übrig als für eine Siedlung in Palästina. Sie sagt, wenn es sich wirklich so verhält, dass dort bereits ein Geschäft in dem Haus betrieben wird und auch Mieteinnahmen da sind, dann ist ihr um die Zukunft nicht Bange. Julius ist ein guter Handwerker, und falls sie das dortige Geschäft nicht ausüben kann, so hofft sie mit ihrer Fertigkeit, in Handarbeiten einen guten Nebenverdienst zu schaffen. Nach Palästina braucht man ein Vorzeigegeld von 1000 LP und das ist bei Alice infrage gestellt, weil sie nicht weiß, was sie für das Haus bekommt. Wenn aber der Tausch nicht genehmigt wird, dann kann man vielleicht durch einen so genannten Teil-Tansfer die Auswanderung nach Palästina erreichen.
Für uns wäre es ja besser, wenn sie mit uns gehen würde, denn was fangen wir an, wenn sie nicht mitkommt? Ohne Julius können wir doch nicht siedeln und welche Existenzmöglichkeit bietet sich uns sonst noch? Es handelt sich auch vor allem darum, ob wir die Mittel für die LP 1000 pro Person aufbringen und das hängt wiederum davon ab, was wir aus dem Verkauf von Haus und Geschäft für einen Erlös erzielen. Vor einigen Tagen habe ich meiner Bank den Auftrag gegeben, sich.... 
Ende der Seite
Vor einigen Tagen habe ich meiner Bank den Auftrag gegeben, sich.... wegen eines Käufers zu erkundigen. Man kommt da durch seine Bank leichter zum Ziel, weil die Bank ein Interesse daran hat, mit dem Nachfolger wieder in Geschäftsverbindung zu kommen. Ich hatte ja einen Interessenten, der allerdings bald nach Max Tod bei mir war und das Geschäft gerne gekauft hätte. Wer dachte damals daran, diesen schönen Betrieb aufzugeben und wie gut wäre es gewesen vor einem Jahr zu verkaufen! Diese Woche war es gerade ein Jahr, als Max plötzlich erkrankte, es ist mir jeder Tag, ja fast jede Stunde mit allen Einzelheiten so sehr in Erinnerung, dass ich mit schmerzlicher Deutlichkeit noch mal alles durch lebe, was ich in jenen traurigen Tagen abspielte. Ein Jahr, wie rasch ging es vorüber, bin ich nun mit den Kindern allein, wie vieles hat sich inzwischen geändert und wie spät kam ich zu der Gewissheit, dass ich das Geschäft nicht erhalten kann. Viel zu spät habe ich mich zu dem Entschluss durchgerungen, es zu verkaufen, viel zu sehr hing man an dem elterlichen Betrieb. ich war da nicht die einzige, Valerie und Alice bestärkte mich ja in meinem Vorhaben, das Geschäft nicht zu verkaufen und viele andere dachten ebenso, aber Ihnen alle fehlte der richtige Weitblick in die Zukunft. Das lässt sich nun nicht mehr ändern, und ich will auch nicht verzagen; wenn wir alle gesund bleiben, dann wird es uns auch gelingen, eine neue Existenz aufzubauen.
Freilich wäre es eine gute Lösung gewesen, ganz besonders für uns, mit Julius zu siedeln, weil wir ohne ihn diesen Erwerbszweig nicht wählen können und wir haben in dieser Richtung, seit wir von euch die Prospekte erhielten, die schönsten Luftschlösser gebaut. Als dann das Tauschobjekt auf dem Plan trat, da kamen dann die Zweifel über Alice. Nun muss man eben abwarten, wie sich das alles weiter entwickelt. Sie hat ja jedenfalls ihre Sache mit Palästina dem Anwalt übergeben, so dass sie ihre Nummer bald nach uns bekommen wird, weil sie damals erst den Antrag stellen konnte, als ich von Berlin zurückkam, während ich für die Kinder und mich gleich persönlich die nötigen Angaben machen konnte. aber acht Tage Zwischenzeit können keine große Rolle spielen, weshalb man annehmen kann, dass wir gleichzeitig hätten auswandern können. Ich weiß nur nicht, ob es sich bei uns um einen gewöhnlichen oder beschleunigten Transfer handelt. Der Herr, der mir vielleicht seine Nummer gibt, hält nicht viel von den beschleunigten Transfers, allerdings scheinen in dieser Hinsicht die Berliner Anwälte mehr zu erreichen als die anderen, die nicht in Berlin ansässig sind. Somit habe ich euch unsere Angelegenheit mitgeteilt, wie weit wir jetzt sind, und was habt ihr inzwischen unternommen? Warst du liebe Friedl in Herzliah, um dich wegen einer geeigneten Siedlung umzusehen? Konnten dir deine Bekannten etwas empfehlen oder dir zu irgendeiner Sache raten? ich kann mir nicht anders denken, als dass ein Brief von euch verloren gegangen ist, was hättet denn ihr für eine Ursache, uns so lange nicht zu schreiben? Wie hat Fritz seine Prüfungen bestanden? Und welche Hochschule würde er nun besuchen? Valerie war einige Male hier, sie macht sich wegen ihres Schwiegersohnes auch Sorgen. Den Bau in Eger haben sie natürlich nicht beginnen lassen, so dass sie den Bauplatz jederzeit verkaufen können. Pepo hat das Geschäft nun allein, aber kein richtiges Lokal dafür, hat nach der Trennung von seinem Sozius nur vorübergehend einige räumliche gemietet, da ja Hugo einen ganz modernen Geschäfts Baum mit elektrischer Kühlanlage und allen drum und dran aufführen lassen wollte. Nun weiß Valerie nicht, wozu sie Pepo raten soll, ob er sein Geschäft in Eger aufgeben und nach Prag ziehen soll, um dort neu anzufangen oder einstweilen in Eger bleiben. Ernst ist zufrieden mit seiner Stickerei, er hat sich gut eingearbeitet, allerdings steht ihm Valerie immer noch mit Rat und Tat zur Seite und es ist bewundernswert, wie viel Valerie leistet. Sie leitet die Stickerei, fährt dazwischen nach Eger und sieht dort nach dem Rechten, besorgt ihren Haushalt, weil sie kein Mädchen nimmt, sondern nur eine Stundenfrau. Ihr ist das lieber wegen Hugo, und dabei sieht sie gar nicht so abgearbeitet aus, sondern ist immer noch eine schöne, blühende Frau in den besten Jahren voll ungebrochener geistiger Tatkraft. Was wäre aus dieser Frau erst geworden, wenn sie einen ebenbürtigen Partner gehabt hätte und nicht diesen Hugo, der in keiner Weise zu ihr passt! Ida hat bei weitem nicht die Klugheit und die Schaffensfreude ihrer Mutter, ähnelt mehr ihrem Vater und wie die kleine Ruth sich entwickelt, kann man heute noch nicht sagen. Vorerst ist es ein schönes, kerngesundes Kind, eine Augenweide für jeden und Valeries einzige Freude. – – – Was ist eigentlich aus deiner Lebensversicherung geworden, lieber Ludwig? Vor einigen Tagen kam mir der Brief in die Hand, den du mir damals gibst, als du zum Abschied bei uns warst. Er ist an die Lebensversicherung gerichtet und enthält die Abtretung deines Anspruchs an mich. Hat dieses Schriftstück einen Wert? Du hattest diese Versicherung mit 9 Mille belehnt und wirst seit 1933 keine Prämien mehr bezahlt haben. Wie verhält es sich damit mit deiner Forderung? Welche Summe hättest du  

Seite 3
Welche Summe hättest du  noch zu beanspruchen? Ich dachte gar nicht mehr an dieses Schriftstück, es war mir ganz aus dem Kopf gekommen, ich suchte nach der letzten Vermögenserklärung, da fand ich es unter den alten Steuerakten. Schreibe mir doch mal darüber, wie es sich damit verhält.

Nun mache ich Schluss und gebe den Brief heute Nachmittag auf, wenn die Kinder abermals von der Post nichts von euch bringen. Sicher ist dann morgen etwas da von euch, aber jedenfalls geht der Brief heute weg, ich wollte, ich hätte nicht so lange damit gewartet. Hoffentlich habe ich bald gute Nachrichten von euch, dann will ich das lange Warten gerne in Kauf genommen haben. Lebt wohl, meine Lieben alle, seid innig gegrüßt und geküsst von eurer Frieda

Handschriftlich von Betti.

Meine Lieben!

Pfingsten waren wir in Kötzting. Da war ein Mädel zur Erholung in Siddys Alter. Dieses Mädel arbeitet in einem Spielwarengeschäft in Nürnberg. Wir spielten Ball. Susi und Alfred machten auch mit. Wir spielten so, dass wir sogar eine Fensterscheibe einschlugen. Im Herbst dürfen wir vielleicht nach Prag fahren. Als Fanny Urlaub hatte, machte ich das Kantor sauber ich schrubte und bohnerte. Jeden Abend machen wir mit Tante einen Spaziergang durch die Wiesen, das ist Tantes Lieblingsweg. Sonntag wollten wir vielleicht zum ersten Mal baden gehen. Viele Grüße und Küsse Betti

Handschriftlich von Siddy.

Meine Lieben, stellt euch nur vor, was ich vorigen Sonntag geleistet habe. Wir gingen, wie üblich zwischen den Zimmerbalken durch die Wiesen in den Engelmannsbusch. Dort mussten wir uns unterstellen, weil es plötzlich regnete. Wir waren schon ganz ungeduldig, weil wir nicht in die Teufelsküche gehen konnten. Erst dachten wir, wir gehen durch den Wald doch weiter, aber es regnete noch zu stark. Ich wollte mit einem großen Satz wieder unter einen dichten Baum springen und landete mit beiden Füßen in einem Wespennest. Ich mit einem Satz wieder raus, aber schon waren meine beiden Knöchel bös zerstochen. Tante Frida war gleich hinter mir und hat auch je einen Stich am Kopf und am Bein abbekommen. Betty, die langsam hinterdrein trottete, hat natürlich nichts abbekommen. Ich würde sehr gerne nach Palästina kommen. Hoffentlich klappt es bald.

Seite 4

Ich würde gerne am Feld arbeiten. So ist mir ganz gleich, was ich arbeite, nur nicht in einem Büro. Ida lacht mich aus, wenn ich sage, dass ich Bäuerin werden will. Die Lore geht jetzt mit Max nach New York. Die Schiffskarten und Bürgschaft haben sie schon. Lore hat halt schon kurz nach Weihnachten verkauft. Mich ziehts nicht nach Amerika, ich will lieber nach Palästina.
Lieber Fritzl, was hast du jetzt vor? Wo wirst du weiter studieren? Bei uns ist heuer gar kein richtiger Sommer, wir sind noch nicht mal zum Baden gekommen. Allerdings könnten wir auch nur sonntags gehen. Sonst wäre ja Tante mit Fanny allein im Geschäft. Sonst weiß ich für heute nichts zu schreiben, seid alle vielmals gegrüßt und geküsst von eurer City.

Liebe Vettern, schreib doch auch mal was denn jetzt wo Ferien sind, werdet ihr schon mal Zeit finden.

Handschriftlich von Frieda

Soeben schreibt mir der Anwalt, dass ich die Nummer 7054 von der Reichsbank bekam. Meinen gestrigen Brief hat er noch nicht, hoffentlich bekomme ich morgen Antwort darauf. Nochmals Gruß und Kuss Frieda









6. und 7. 10.1938


  Frieda Klein, Tirschenreuth, an den Bruder in Tel-Aviv



Tirschenreuth, den 6.10.1938

Meine Lieben!

Sofort nach Erhalt eures Briefes schrieb ich an Dr Aschner und bat ihn mit großer Dringlichkeit, sich um die beiden Eil-Transfer für Betti und mich zu bemühen, wobei ich deine Mitteilungen von Dr. Förder weitergab. Während Dr. Aschner sonst meine Briefe umgehend beantworte, dauerte es jetzt immer einige Tage und so habe ich auch heute auf meinen genannten Brief vom 28. September noch keinen Bescheid. Jeder Post sehe ich mit Banger Erwartung entgegen, bringt sie einen zusagenden Bescheid von Doktor Aschner oder einen abschlägigen? Ich verspreche mir nicht viel davon, persönlich nach Berlin zu fahren, abgesehen davon, dass ich zur Zeit nicht abkommen kann, da mich eine dringende, geschäftliche Angelegenheit hier festhält.

Nun kam gestern eine Art Rundschreiben von Dr. Aschner des Inhalts, dass die Palästina Regierung für die Anforderung von Verwandten 300 Zertifikate zur Verfügung gestellt hat. Auf solche
Anforderungs-Zertifikate können ausnahmsweise Eltern, ohne Rücksicht auf ihr Alter, von Kindern und auch Geschwister angefordert werden. Bedingung ist allerdings, dass die Einwanderung bis zum 30. November erfolgt sein muss. Ferner heißt es in dem Schreiben: „ Falls Sie eine Möglichkeit zu einer derartigen Anforderung haben, so empfehle ich Ihnen, sofort mit ihren Angehörigen in Palästina in Verbindung zu setzen, damit diese bei dem Emigration Department ein Anforderungs-Zertifikat beantragen. Von Berlin aus kann die Anforderung nicht in die Wege geleitet werden.“

Alice erhielt dasselbe Schreiben und rief mich gestern Abend noch an, mit der Bitte, dir sofort über das Rundschreiben zu berichten. Was ist nun in dieser Angelegenheit zu tun? Wäre es nicht am besten, vor allen Dingen Alice und ihre Familie anzufordern oder gilt das nur für ledige Geschwister? Oder glaubst du, dass du Alice mit ihrer Familie und mich anfordern kannst und dann die beiden Mädels Eil-transfer kommen können? Wenn das zu erreichen wäre, dann wäre ja uns allen geholfen, aber das wage ich gar nicht zu hoffen. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass du dein möglichstes tun wirst, nachdem diese Sache nur von dort aus erledigt werden kann.
Friedls Anschrift werde ich befolgen und keine elektrischen Maschinen kaufen. Die Unterhemdchen für Fritz waren noch lagernd. Mir fällt soeben unser Badezimmer ein. Ist es zweckmäßig, die Badewanne und das Waschbecken mitzunehmen, desgleichen das Spülbecken in der Küche? Von den Möbeln konnte ich bis jetzt nur Kleinigkeiten verkaufen, hoffe aber, wenn es soweit ist, dass auch die großen Stücke weg gehen werden. Ich weiß immer noch nicht, ob du mit dem Biedermeier Zimmer das von euch meinst oder das Kleine von mir, glaube aber, dass das Kleine Alice jedenfalls mitnehmen soll und wir das große von euch.

Inzwischen ist glücklicherweise das Schlimmste verhütet worden, dass uns hätte treffen können, der Krieg. Nun will ich auch weiter die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir den Eil-Transfer bekommen, denn unser weiteres Schicksal hängt davon ab. Während ich soeben den Brief schließen wollte, fällt mir wieder eine Frage für dich, liebe Friedl, ein. Wie ist es mit den Teppichen? Wenn wir natürlich die alten hierlassen, so wird man jedoch für die guten Teppiche auch dort Verwendung haben. Ich denke dabei an den großen Teppich im guten Zimmer, an die noch sehr gut erhaltenen Bettvorlagen und Läuferstoffe;

Den 7. Oktober

Ich ließ den Brief gestern liegen in der Hoffnung, dass heute ein Bescheid von Berlin da ist. Die erste Post brauchte keine Nachricht, Siddy holt nun die zweite Post und nimmt diesen Brief mit, falls wieder nichts da sein sollte. Es kostet viel Willenskraft, dieses Hangen und Bangen und diese Ungewissheit ruhig ertragen zu können, aber es muss eben durchgehalten werden, man darf nur die Hoffnung nicht verlieren. Seit alle, meine Lieben innigst gegrüßt und geküsst von uns allen
Frieda.
 


12.10.1938




  
Frieda Klein aus Tirschenreuth an Ludwig Klein in Tel-Aviv



Tirschenreuth den 12.10.1938

Meine Lieben!

Hoffentlich habt ihr meinen letzten Brief erhalten, der vor acht Tagen abging. Inzwischen erhielt ich von Dr Aschner den Bescheid, dass er wiederholt mit dem Leiter des Palästina Amts Rücksprache genommen und die entsprechenden Anträge gestellt habe. Erhoffe mir in der nächsten Zeit, weiteres mitteilen zu können. Ich schrieb ihm nun abermals, wie dringend es sei, dass Betti und ich den
Eil-Transfer bekommen, schilderte ihm die näheren Umstände und gab der Überzeugung Ausdruck, dass das Palästina Amt sich diesen Darlegungen nicht verschließen wird. Als Antwort auf diesen Brief schrieb mir soeben der Anwalt folgendes:“ Wenn Sie die Erteilung des Zertifikats sehr beschleunigen wollen, so würde ich empfehlen, sich von ihrem Bruder, Doktor Ludwig Klein, in Tel Aviv anfordern zu lassen, was zur Zeit ausnahmsweise möglich ist.“ Wie soll ich das verstehen? Dass du Alice mit ihrer Familie anfordern sollst, schrieb ich dir ja schon in meinem letzten Brief und erwähnte ja auch, ob es richtig wäre, auch mich anzufordern. Können dann aber die beiden Mädels mitkommen? Und wie ist es mit dem Transfer? Nachdem Alice einen Eil-Transfer auf keinen Fall in Anspruch nehmen könnte, ist es sehr wichtig, dass du sie mit ihrer Familie anforderst, hoffentlich hast du Erfolg, denn Alice und Julius sind fest davon überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeitskraft eine Existenz aufbauen werden. Für Amerika besteht wenig Aussicht, es hat keinen Zweck, die Zeit, mit warten nutzlos zu verbringen, zumal ihnen ja die Mittel fehlen, ohne Geschäft hier die Wartezeit zu verbringen. Aus diesem Grunde ist die Anforderungen von Alice besonders dringend.

Nun möchte ich nur wissen, wie die beiden letzten Briefe Doktor Aschners zu verstehen sind, ob Aussicht besteht, dass wir zwei Eil-Transfer bekommen, nachdem er, wie er im ersten Brief schreibt, wiederholt mit dem Palästina Amt Rücksprache genommen und die entsprechenden Anträge gestellt hat. Ob ferner Aussicht besteht, dass du uns alle, Alice mit ihrer Familie und mich mit den Mädels anfordern kannst und wir trotzdem den Eil-Transfer beanspruchen können. Ich werde abermals an den Anwalt schreiben und mir das näher erklären lassen, und du wirst dort sicher Aufschluss bekommen und mir dann mitteilen können, wie unsere Sache steht. Wenn nur diese Ungewissheit schon beseitigt wäre, das Hangen und Bangen ist schwer zu ertragen. Die Übernahme des Geschäftes wird möglicherweise in der nächsten Woche erfolgen, dann erst kann ich mich voll und ganz dem privaten Angelegenheiten widmen. Es gibt ja so vieles noch zu tun. In meinem letzten Brief fragte ich dich, liebe Friedl, wegen der Badewanne. Diese wird man wohl doch nicht mitnehmen, wie ist es aber mit dem kleinen Schränkchen, und der Bank, die im Badezimmer stehen? Den Heißwasser Speicher7, er ist elektrisch, wird man schon mitnehmen, erfasst wohl nur 16 l, wir benutzen ihn nur zum Kopf waschen, aber er wird uns auch dort gute Dienste leisten. Und die übrigen kleinen Zutaten, die Glasplatte und einen vernickelten Halter für mehrere Zahnbürsten?

Sonst weiß ich für heute nichts mehr, schreibt uns bitte bald wieder, besonders wenn ihr Nachricht habt, ob ihr uns anfordern konntet. Bleibt weiter gesund und seid von uns allen vielmals gegrüßt und geküsst Frieda



31.12.1938 Tirschenreuth und Kötzting nach Tel-Aviv



Tirschenreuth, den 31.12.1938
Meine Lieben,
Als dein Brief vom 22. Dezember eintraf, wir erhielten ihn am 29. Dezember, war mein Brief am Tage vorher abgegangen, Julius entschloss sich nun, sofort nach Berlin zu fahren, um beim Palästina-Amt zu hören, was in unserer Sache geschehen muss. Nachdem er dort als Siedler schon seit Juni gemeldet und im Namensregister vermerkt war, kam er gleich zu dem zuständigen Beamten, mit dem er unseren Fall eingehend besprechen konnte. Dieser wunderte sich vor allen Dingen sehr, dass die Sache noch nicht weiter fortgeschritten ist, nachdem sie schon seit Juni läuft. Ich fürchte, dass wir alle Schuld daran sind, weil wir immer nicht wussten, ob Julius nach USA oder mit uns nach Palästina gehen soll und weil wir uns eine Auswanderung nicht denken konnten, die nicht gleichzeitig den Transfer ermöglichen soll. wie dem auch sei, Julius erwähnte natürlich nichts davon, und erfuhr nur von dem Beamten, dass es für ihn zur Erlangung des Zertifikates den einen Weg gebe, dass du, lieber Ludwig, das Vorzeige-Geld von LP 1000 in Palästina vorweisen kannst. Er bemerkte jedoch, dass du das Geld gar nicht haben brauchst, dass dies nur eine Formsache sei, um das Einreisevisum zu erhalten und dass dies schon von vielen durchgeführt werden sei. Ich nehme an, dass man den Nachweis über das Vorzeige-Geld auch durch Bekannte erbringen kann, die über diesen Betrag verfügen, denn der Beamte war erstaunt, dass du von dieser Möglichkeit noch keinen Gebrauch gemacht hast. Nun kam er allerdings darüber nicht hinweg, dass wir vier Zertifikate brauchen und während ein Zertifikat für die Kötztinger keine Schwierigkeiten bereitet und Siddy und Betti mit Wizo-Zertifikaten auswandern können, wusste er keinen Rat, was er mit mir anfangen soll. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, Julius war eineinhalb Stunden bei ihm, weil der Beamte während der Aussprache sehr oft durch telefonische Anfragen unterbrochen wurde, er wollte dann mit Julius auch gleich in die Wizo-Abteilung gehen, fand aber dort niemanden vor, weil an diesem Tage keine Sprechstunde war. Er versprach jedoch, Julius, dann alles weitere zu veranlassen, sobald die formale Seite der Angelegenheit, also der Nachweis über das Vorzeige- Geld, in seinen Händen sei. dabei könnten unter Umständen ihm seine Schwestern behilflich sein, indem diese für ihn den Nachweis erbringen. Ob es aber genügt, dass sie einen beglaubigten Bank Auszug senden, oder ob das Geld von USA nach Palästina überwiesen werden muss, das hat Julius nicht mehr gefragt. Nun liegen aber die Bürgschaften für Julius und seine Familie schon in München bei der Schifffahrtsgesellschaft, vielleicht genügen diese Bürgschaften für das Vorzeige-Geld. Julius will zu diesem Zweck nächste Woche nach München fahren, auch bei dem dortigen Palästina Amt vorsprechen, um näheres über die Wizo-Zertifikate zu hören, nachdem dies in Berlin nicht mehr möglich war. Ganz im Bilde bin ich ja immer noch nicht, aber es wird wohl so sein, dass die Kötztinger zusammen ein, und Betti, Siddy und ich je ein Zertifikat brauchen, selbst wenn wir gemeinsam siedeln wollten, das aber nur die Kötztinger und ich das Vorzeigegeld haben müssen, wenn die beiden Mädels Wizo-Zertifikate bekommen. Da aber meine Person den Beamten so viel Kopfzerbrechen machte, muss ich fürchten, dass ich selbst, wenn du das Vorzeige-Geld für mich nachweist, kein Zertifikat bekomme, weil diese an einzelne Personen nicht abgegeben werden. Julius wird ja das auch in München erfahren, ebenso muss er dort hören, ob man für Betti ein Wizo-Zertifikat beantragen kann. Wahrscheinlich wird Alice mitfahren, denn es gibt so viel zu fragen, dass zwei Personen zu tun haben, um nichts zu überhören und an alles zu denken. Zudem versäumen die beiden nichts, da sie Geschäft und Haus schon verkauft haben, während ich immer noch da sein muss, um dem Käufer das Geschäft und Haus übergeben zu können, wenn er die behördliche Genehmigung hat, worauf ich täglich warte. Soweit decken sich ja die Auskünfte von Julius mit den deinen.

Seite 2:



Nur das mit dem Vorzeige-Geld erwähntest du nicht. Über die Transfermöglichkeiten hat Julius nicht gesprochen, er kann das auch in München nachholen. Ihr werdet dann wieder Bescheid bekommen. Auch ich erhielt von Valerie einen Brief, dass der Transfer zur Zeit nicht möglich ist, ich nehme aber an, dass die Vormerkung bei der Reichsbank doch nicht zwecklos ist und der Transfer auch nach unserer Auswanderung durchgeführt werden kann. Alice hofft sogar, dass Julius das Visum in München gleich bekommt, wenn die Bürgschaften seiner Schwestern ausreichend sind, wodurch dann für ihn einem Zertifikat nichts mehr im Wege steht. Ich hätte ja mit dem Schreiben dieses Briefes warten können, bis Julius von München zurück ist, aber es ist doch gut, wenn du den Bescheid von den Berliner Palästina-Amt hast. Man sieht freilich die Auswanderung jetzt mit ganz anderen Augen an, so leicht ist das Siedeln auf diese Weise nicht mehr, man wird sich die Siedlung selbst nicht wählen können, ja, man kann sich das Leben in Palästina gar nicht recht vorstellen. Es macht mir Sorgen, wie wir uns dort fort bringen sollen.

Hoffentlich geht wenigstens hier unsere Sache weiter und bringt Julius von München besseren Bescheid. Seid alle meine Lieben herzlich gegrüßt und geküsst von eurer Frieda.

Handschriftlich von Alice.

Da liebe Frieda ausführlich berichtet hat, bleiben mir nur die herzlichen Grüße und Küsse. Wenn wir doch Glück hätten und die Bürgschaften für das Visum verwendbar wären. Ich lege wieder einen Porto Schein bei, denn du hast durch den lebhaften Briefwechsel größere Porto Ausgaben. Innigst eure Alice

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.