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Samstag, 11. April 2020

Die Kötztinger Kirchenburg

Münchener Digitalisierungs Zentrum der Bayerischen Staatsbibliothek
Chlingensperg, Maximilian B. von
Das Königreich Bayern in seinen alterthümlichen, geschichtlichen, artistischen und malerischen Schönheiten enthaltend in einer Reihe von Stahlstichen die interessantesten Gegenden, Städte, Kirchen, Klöster, Burgen, Bäder und sonstige Baudenkmäler mit begleitendem Texte. München 1854


Die Anlage der Kirchenburg besteht im Prinzip aus drei Teilen:
Die Pfarrkirche: das wird später einmal ein eigener Beitrag
Der (ganz) alte Friedhof

Die Pflegerburg

 Die Pflegerburg

 



In einem "Illustrierten Führer durch den mittleren und oberen bayerischen Wald" für das Waldvereinsgebiet Deggendorf beschrieb Johann Detter die Lage Kötztings im Jahre 1902:
Kötzting, zu beiden Seiten des weißen Regen derart gelegen, dass sich der Hauptteil der Ortschaft am rechten Ufer des Flusses die Anhöhe hinaufzieht, welche als äußerster Ausläufer des Haidsteins betrachtet werden kann....daneben gestatten auch ältere Bauwerke noch einen Rückblick in die Vergangenheit, vor allem die in das Pfarr- und bisher auch Rentamts=Gebäude umgewandelte einstige Pflegerburg, welche gemeinsam mit der Pfarrkirche durch zwei bis heute noch in ihren Hauptbestandteilen gut erhaltene Ringmauern nebst mehreren Türmen befestigt und überdies mit einem Burggraben umgeben war. Dieser wurde im Jahre 1867 eingeschüttet und in einen parkartigen Garten umgewandelt.


Die Straße von Viechtach her führt in unmittelbare Nähe dieser Pflegerburg, welche nur durch einen die ehemalige Zugbrücke ersetzenden Damm von der Herrengasse aus betreten werden kann. Der von den Burgmauern umschlossene Friedhof, welcher auf nah und ferne den Ausblick auf ein reizendes Landschaftsbild bewährt, ist seit jeher nur für gewisse Patrizierfamilien bestimmt. Inmitten desselben erhebt sich die im Stile der Spät Renaissance erbaute Pfarrkirche, welche mit ihren Glasgemälden und in ihrer Sauberkeit immerhin einen angenehmen Eindruck macht. 


Detter beschreibt unsere Kirchenburg mitsamt der Pfarrkirche en Detail, wie man sie auch heutzutage beschreiben würde, es hat sich also die letzten 120 Jahre nicht viel, bzw. eigentlich gar nichts, verändert.
 





Die Anfänge Kötztings

Doch was wissen wir von den Anfängen:
Laut Dr. Max Piendl, sind es vor allem die -ing Orte, die darauf hinweisen, dass auch unser Bereich bei der "ersten bayerischen Landnahme" im zu Ende gehenden 5. Jahrhundert betroffen gewesen war. Piendl schränkt zwar ein, dass vielleicht nicht auf alle -ing Orte in unserem Bereich zutreffen müsse, schlussfolgert aber trotzdem, dass es nicht einzusehen sei, warum die -ing Orte in unserer Gegend erst in nachfolgender Zeit angelegt sein sollten.
Vor allem der Bereich von Roding über Cham und Furth taucht nachweislich bereits kurz nach dieser "Landnahme" in frühen herzoglichen Urkunden auf, weshalb es tatsächlich nicht einzusehen ist, dass die ersten Siedler nicht bald auch die fruchtbaren Ebenen längs des Regens und auch des Weißen Regens in Besitz nehmen wollten.
Dies umso mehr, als Herzog Odilo das Kloster Chammünster ab 740  mit umfangreichem Grundbesitz ausstattete, womit er, laut Piendl sicherlich eine Binnenkolonisation im Auge hatte. 
Auch die Ortsnamensendungen mit -bach in unserer Gegend, wie Rimbach, Blaibach und Moosbach, welche namenmäßig dem 9. Jahrhundert zugezählt werden (Piendl) sprechen für ein langsames und schon frühes Vordringen der Siedler in den Kötztinger Raum.
Verteilung der Ortschaften mit Namensendungen, die einen Hinweis auf eine frühe Besiedelung geben.
Nach Piendl nach einem Vortrag in der VHS in Kötzting 1949, veröffentlicht im Bayerwald



Nun im Jahre 1985 gab es in Kötzting die 900 Jahr Feier. Die Festlegung auf dieses Datum geschah mehr nach einem Ausschlussverfahren.
Maßgeblich war eine gefälschte Schenkungsurkunde unserer Gegend für das Kloster Rott, datiert auf das Jahr 1073. Nur, 1073 gab es das Kloster noch gar nicht, denn dieses wurde zu Ehren des gefallenen Chamer Pfalzgrafensohnes gegründet und dieser war erst bei der Schlacht bei Höchstädt im Jahre 1081 gefallen. Da das Kloster Rott in den Folgejahren, spätestens 1085 gegründet worden ist, hat man sich sicherheitshalber für den späteren Zeitpunkt entschieden.
Auch wenn die Papsturkunde von 1073 eine Fälschung ist, entstanden zwischen 1179 und 1226, so kann sie doch in Teilen als historische Quelle gelten, vor allem dort, wo sie beschreibt, dass "Chostingen und Nezvvetingen" bei Cham zur Grundausstattung des Klosters gehören sollten.
Über dieses Nezvvettingen gibt es zwei widerstreitende Theorien. Nach der einen handelt es sich dabei um Nösswartling in der Cham-Further Senke, nach Piendl jedoch ist das spätere Kötzting aus zwei "Siedlungen" entstanden, aus Chostingen mit 3 Höfen und aus Nezvvettingen mit einem.
Diese Schlussfolgerung würde zumindest erklären, warum im Freiheitsbrief von 1344 davon die Rede ist, "Von erst wan der Markt getheilt ist von dreu Höfen zu 36 burglehen und in 12 Sölden...." und weiter "So ist ein Hof getheilt in 20 Theil in dem Markt" .


Diese Argumentation ist insofern schlüssig, als es tatsächlich in der Struktur und in den Bürgerrechten in Kötzting über all die Jahrhunderte Bürger erster und zweiter Klasse gegeben hat, denn die Besitzer dieser "THEILE", waren die reinen Häusleranwesen mit eingeschränkten Handwerksrechten. Die Marktlehner und die Söldner hatten solche Rechte in einem ganz anderen Ausmaß, vor allem das uneingeschränkte (für Söldner eingeschränkte) Brau- und Schankrecht mit Monopolstellung weit in den ländlichen Raum hinein.

Also halten wir fest, um das Jahr 1085 herum wurde unser Ort, damals bestehend noch aus 4 (=3+1) umfangreichen und großen landwirtschaftlichen Gütern dem Kloster Rott, zusammen mit vielen anderen weiträumigen, aber weitgehend unerschlossenen, Landstrichen bei der Gründung gestiftet.
Nun haben wir also den Grundherren, dem die damaligen und später auf dem Grund und Boden kolonisierenden Menschen ihre Gebühren, Zehenten und Gilten, also die Steuern und Abgaben zu zahlen hatten.
Gleichzeitig war die Mark Cham aber ein Reichslehen, was bedeutet, dass die Markgrafen von Cham Lehensträger des Königs in dieser Grenzsituation waren.
Als Folge dieser Exponierung an der Bayerisch/Böhmischen Grenze setzt eine Grenzsicherung durch Burgenbau ein, zu welchem Zweck der Markgraf seine Ministerialen, also ursprünglich unfreie Dienstmannen, die aber im Laufe weniger Generationen zu einem Landadelststand aufstiegen, in die Umgebung auf Burgen und Ortschaften ansiedelten.
So ist auch die Pflegerburg in Kötzting als eine Ministerialengründung anzusehen. Die Kötztinger Ministerialen waren auch in einem gewissen Umfang die treibende Kraft bei der weiteren Kolonisierung unseres Gebietes, mit Ausnahme des Bereiches ab Hohenwarth-Haibühl.
So ist der Kötztinger Ministeriale Meginhard von Kötzting im 12. Jahrhundert in Hundszell begütert. (Piendl)

Im historischen Atlas beschreibt derselbe Autor:
Unter dem Kirchhof in Kötzting ist eine Kirchenburg zu verstehen, wo vermutlich im ausgehenden 12. Jahrhundert schon Ministerialen der Markgrafen von Cham ihren Sitz hatten. Dieses System der Kirchenburgen, wie es neben Kötzting in größerem Umfang noch für Furth, Eschlkam und Neukirchen bezeugt ist, darf als besonderes Merkmal der Grenzbefestigung der ehemaligen Markgrafschaft Cham gewertet werden. Es ist wahrscheinlich, dass diese Befestigungen eine neue wehrverfassungsrechtliche Einrichtung darstellen., die im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert von den Herzögen eingeführt wurde. 

Die Kirchenburg in alten Ansichten
Dr. Bernhard Ernst hat im Rahmen seiner Promotionsarbeit über den Burgenbau in der südöstlichen Oberpfalz auf Seite 157ff  auch die Geschichte der Kötztinger Kirchenburg umrissen.
Lage: Die Kirchenburg erhebt sich auf einer felsigen Kuppe unmittelbar am Regen ca. 10 m über dem Fluss und ist vom sich nach NNW anschließenden Ort durch einen tiefen, im Halbrund verlaufenden Graben abgetrennt. Die Stadt selbst liegt im Hangbereich des letzten Ausläufers einer vom Haidstein nach SO streichenden Hügelkette.


1568


Ausschnitt einer schematischen Darstellung aus der Apiankarte Blatt 7 von 1568

1590:

aus: Kötzting 1085-1985: aus der Reihe "kleine Stadtansichten" im Antiquarium
der Münchener Residenz von Hans Thonauer um 1590

Detail aus obigem Bild: detlich sichtbar der "Storchenturm" über dem Eingangsbereich und der damals noch "spitze"
Kirchenturm

1653:


StA Landshut Regierung Straubing A 4227 Ausschnitt einer Ansicht von Kötzting von 1653:
auch hier, auch wenn es eher eine schematische Darstellung ist, deutlich die zwei Türme,
der Storchenturm fürs Geschütz und der Kirchturm mit spitzem Dach.

1659:

Detail aus einer Ansicht Kötztings Ölgemälde von P. Thomas Stifler, 1659 (Repro L. Baumann)


1854:



Titelblatt des Katalogs der Promotionsschrift von Bernhard Ernst Teil II
Der Ausbau der Befestigungsanlage der Kirchenburg Kötztings ist fest verbunden mit der Änderung und Aufwertung der Bedeutung Kötztings im Laufe der Jahrhunderte. Zuerst nur ein Ministerialensitz der Mark Cham (sicher belegt seit 1146), ging diese "Oberaufsicht" nach dem Aussterben der markgräflichen Linie Cham auf die Wittelsbacher über, die folgend dann auch die Vogteirechten über die klösterlichen - Kloster Rottischen - Untertanen ausübten. Auch die Pfarrei (seit 1150 bestehend und 1224 mit allen Rechten an das Kloster Rott übertragen) und die Pfarrkirche (1179 erstmalig genannt) lassen vermuten, dass man bereits im 13. Jahrhundert mit einer Art von Kirchenburg mit befestigtem Friedhof rechnen kann.
Bernhard Ernst verortet eine erste richtige Befestigung - die innere Ringmauer zusammen mit dem Storchenturm und der Karner Kapelle (heutzutage die St. Anna Kapelle) - auf den Zeitraum kurz nach 1255, nach der Landesteilung.

Die Folgen dieser Landesteilung brachten für Kötzting dann aber auch die entscheidenden Änderungen. In Kürze: 1352 Verpfändung des Gerichtes Cham an die Pfälzer Wittelsbacher, mit einem vereinbarten Wiederlösungsrecht für die Herzöge von Niederbayern. Diese konnten aber auch in späteren Jahrhunderten die geforderte Summe nicht aufbringen sondern nur einen kleinen Teil davon, weshalb die westliche Ecke des alten Gerichts Cham dann wieder an "Niederbayern" fiel. Cham selber blieb bei den Pfälzern. Somit war es nötig, dem neuen Größenzuwachs von Niederbayern auch eine neue Verwaltungstruktur zu geben und die Wahl als neuen Sitz für ein Pfleggericht fiel auf den Markt Kötzting, wobei später (1429) auch gleich noch die Pflege Eschlkam aufgelöst worden ist, was die Bedeutung Kötztings weiter steigerte.
Zu den Zeiten der Hussitenkriege wird im Kötztinger Schloss 1422  eine Besatzung von 15 Schützen und die Stationierung von 2 Büchsen nachgewiesen, und 1424 fanden hier ergebnislose Verhandlungen mit böhmichen Rittern statt. Im gleichen Jahr sammelte der Viztum in Kötzting eine Streitmacht von 300 Reitern gegen die Hussiten. (Bernhard Ernst s.o. Seite 164 aus bayr. HStA München Ämterrechnungen bis 1506). Mitte des 15. Jahrhunderts war dann die Kirchenburg endgültig zum Zentrum des Pfleggerichts Kötzting geworden, als auch die unübliche Ämterteilung mit Sattelpeilnstein und Kötzting ihr Ende fand.
Die burgähnliche Anlage dürfte wohl in den Jahren nach 1450 in der bekannten Form ausgebaut worden sein, worauf auch der Datumsstein hinzuweisen scheint.
Nach den Hussitenkriegen jedenfalls musste der Markt Kötzting - auf Befehl von ganz oben - sich mit Wall, Graben und Bollwerk umgeben, wobei - und nun kommen wir langsam in einen Zeitbereich, aus dem wir schriftliche Unterlagen haben - der Markt Kötzting gar nicht glücklich gewesen war, über diesen "Schutz", weil er einen Flächenverlust bedeutete.
Der Markt berichtete in einer Petitionsschrift sowohl an den "Konvent des Klosters Rott" als auch gleichlautend an die Regierung, dass das Bollwerk mit Wall und Graben einen Flächenverlust von mehr als 8 1/2 Lehen bedeutete. Beim Ausbau des Kirchhofes erwischte es die Kötztinger noch viel schlimmer.  In einem Brief (BayHstA KL Rott am Inn 80 S.46) , gekennzeichnet als aus dem Jahre 1460,  in Wirklichkeit aber wohl erst nach 1470 geschrieben, bringen die Kötztinger Bürger ihre Sorgen an, die durch den Bau des von Herzog Albrecht geforderten Bollwerks entstanden waren. Sie schreiben unter anderem an das Kloster Rott:

Auch bringen wir Euer Gnaden an und dem wirdigen Convent, dass um den Kirchhof abgebrochen sind bey zwelf Heuser, da wir Abganck haben, Wacht Steuer und Manschaft von des Gepeus wegen.
StALa Rentkastenamt Straubing R 2475
Erstlich nachdem bede Tächer aufm Traidtcasten und Thurm, daraus
das Geschütz
(=der Storchenturm) steht, was paufellig geworden und auf
die Traidtpöden eingeregnet....
Vermutlich um den geforderten äußeren Umfassungsring zu errichten mussten sogar Häuser abgerissen werden, was für den Markt direkte Auswirkungen hatte, weil diese Bürger mit ihren Leistungen nun fehlen würden.
Nun hatten die Kötztinger ihre Marktbefestigung aufs Auge gedrückt bekommen und der Pfleger seine Kirchenburg erhalten und wie bei jedem ordinären Hausbesitzer, kaum ist der Bau fertig, schon gehts mit den Reparaturen los.
Ab dem Jahre 1585 setzen die regelmäßigen Kastenamtsrechnungen ein, und in ihnen sind die fortlaufenden Reparaturausgaben lückenlos dokumentiert, die aber auch gleichzeitig Hinweise auf die Baustruktur und die Funktionen einzelner Gebäudeteile ergeben.



In der Rechnung R 2477 von  1588 ist die Rede von"beeden Rossställ" im Fürstlichen Schloß und vom Brunnchor, also wurden auch die Pferde innerhalb der Kichenburg untergestellt. Der Brunnchor war außerhalb, wie man auch auf dem Lageplan von 1831 gut erkennen kann.

Ausschnitt aus der Uraufnahme von Kötzting  von 1831, aus "Kötzting 1085-1985", deutlich darauf zu sehen das Friedhofsareal innerhalb der Kirchenburg und der Brunnen außerhalb.


R 2477 von 1600: Wolfen Behamb Schmidt zu Kötzting , umb das er auf dem Püchsenthurm im Schloss an einem Stückhl beede Armb zerbrochen gewest, derlegt und wider zusamb geschwaissen.
Das waren noch Zeiten, als ein, mit Verlaub, Dorfschmied eine Kanone reparieren konnte. In derselben Rechnung erhält der Hafner seine Bezahlung für die Reparatur von drei Öfen, darunter auch einer im Torstübl.  Der Glaser erneuert die von Stürmen zerbrochenen Fenster in den Räumen des Pflegers und der Hauspflegers.
1606 (R 2478) erfahren wir mehr aus der Wohnung des Hauspflegers: ...auch in des Hauspflegers Thurm, darin er sein Wohnung hat, neue Drämb eingezogen, dessen Flez von neuen gepidnet, 2 Stiegen gemacht, den ganzen Gang aufgeschraubt und allenthalben ausgebessert. Dessen Küche bekam, zur Verminderung der Feuerersgefahr, 200 Dachziegel verpasst. Es scheint auch ein "Tor vor der Schlosspruckhen" gegeben zu haben, weil die eingefallene Mauer desselben repariert werden musste.
Aus dem Jahre 1607 hören wir von einem "Neuen Stockhen Spundt über das Turm Loch, sambt einem Riegel". Mit diesem Turmloch könnte das Angstloch, das heutzutage mitten im Pfingsrittmuseum liegt gemeint sein. Im selben Jahre werden die hölzernen Gänge an der Kirchenmauer wieder repariert, und die Bereiche ...die Wöhrn zum Fendlein gehörig daselbsten aufzubehalten, also die Waffenkammer.


Im selben Jahr werden Schießscheiben zum Exercitio der Soldaten gebraucht und der Kötztinger Schmied Billich wird für Eisenbeschläge bezahlt, die für die Brückentore und die "gerüste, ...darauf die Wöhrn und Rüstungen liegen" gebraucht werden. Im Juli desselben Jahres bekommt der Zimmermann seinen Lohn für die Wachtstube und das Schildwachthäusl vorm Fürstlichen Schloss. Aus dem Schildwachhäusl ist später eine Apotheke und noch später dann die Commerzbank entstanden. Natürlich ist auch der Pulverturm erwähnt, der auf dem Äußeren Gang erreicht werden kann, er erhält ein neues Schloss.


Im Jahr drauf beauftragt der Pfleger den Kötztinger Schreiner, um das "Tafelwerch in dem Paadstübl, alles sambt dem fenster Ramen alles ermodert und erfaullt gewest" zu erneuern.
Dass so gut wie jedes Jahr Teile - mal größere. mal kleinere - der Mauer einstürzten versteht sich angesichts der Baumethode und der nicht frostfreien Hinterfüllung von selbst.  Der Schmied erhält Geld für die Türbänder in den Viehställen und die Tür in der Verhörstube.
Diese Liste könnte über die Jahrhunderte endlos verlängert werden, ich führe hier nur noch ein paar Funktionsbezeichnungen an, um zu zeigen, was alles in der Pflegerburg untergebracht war, wobei sicherlich das Auffälligste der Friedhof im Inneren der Kirchenburg war.
Es gab den Gang auf die Verhörstube, eine eiserne Klammer und großen Nagel übers Loch im Turm, so man die Gefangenen legt.
Dann war da noch eine Gesindestube, ein "Rüstkammerl im Flez, worinn ma die Notturf Khugl für das Fendl aufhelt",
Wir haben hier jedenfalls das Bild, dass in der Kirchenburg gewohnt und gearbeitet wurde, es war

ein kleiner Bauernhof mit Vieh und Pferdeställen,
ein Getreidelager (unter dem Kirchendach)
ein Notariat, 
ein Friedhof, 
eine Kaserne inkl. Munitionsdepot, 
das Finanzamt, 
religiöses Zentrum der Pfarrei, 
ein Verwaltungszentrum inkl. Verhörstube und Gerichtsverhandlungen 
und vor allem auch die Wohnstätte und Arbeitsstätte von vielen, vielen Menschen. 

Vor dem Schloss lag ein Brunnen, der an die märktische Wasserleitung angeschlossen war. Im Schloss gab es einen Schöpfbrunnen und einen zuerst hölzernen, später gemauerten "Fischbehälter". In Krisenzeiten beherbergte die Kirchenburg auch noch eine Menge an Soldaten und wenn es ganz schlimm wurde, flüchteten sich auch noch die Kötztinger Bürger mit all Ihren Habseligkeiten hinter die vermeintlich sicheren Burgmauern ....... Fehlanzeige.
Vor vielen Jahren fand ich im Hauptstaatsarchiv eine blassrosa mit Wasserfarben gemalte Karte der Kirchenburg, die sich mit der damaligen Filmtechnik schlichtweg nicht abbilden ließ, zu schwach waren die Kontraste. Im letzten Jahr, 2019, habe ich für den Riesenplan noch einmal einen Photoauftrag rausgeschrieben, und Bingo, der Plan ist aussagekräftig UND die Legende ist lesbar.

HStA München GL Fasc 1820-26 im Original 18 MB groß. Der Plan müsste um das Jahr 1803 gemacht worden sein, bzw.
der dazugehörige Akt mit den Handwerkerkostenvoranschlägen stammt aus diesem Jahre. Aber auch die Schrift der Legende ähnelt der des Schreibers im Akt, des Rentbeamten Preiß, damals wohnhaft im Hause, das wir nun als das
Intersport Kaufhaus Wanninger kennen. - später dann Kötztings erstes Forstamt.

































Legende: im Grund (=Erdgeschoss)                                   dem Obernstock
A.A. die Pflegsschloß Gebäude                                     1 großes heizbares Zimmer
B.B. die Churfürstlichen Kästen                                    7 mitterne ditto
C      das Pfarrgotteshaus                                                1 kleines ditto
D.D. im Kirchhof                                                           1 Kämmerl
E.E. das Höfl                                                                   1 Stüberl
F.F.  der Zwinger                                                            
G.    Turm sowie Wasch- und Backhaus                         unterm Dach
H.     die Brücke
I.      gewölbter Durchgang                                             1 heizbares Stüberl
K.    gewölbte Brückstube                                               die Kästen
L.    ein Behaltnus
M.  ein gewölbte Stube
N.  Pferdestall
O.   Abtritt
P.    gewölbter Durchgang
Q.   Höfl
R.   Speiß
S.   Baustube
T.   Nebenkämmerl
U.   Turm wie ein verfallener Raum
V.V. Viehstall
W.W. Brennturm(?) und Aufgang zu den Getreidkästen



Von Pechmann, der Landrichter von 1804 ist es, der einen Wechsel vorschlägt. Da er als Amtsvorstand auch den Aktuar und den Schreiber "bequartieren" und seine Registratur in der Amtswohnung haben müsse sei für alle diese Funktionen kein Platz in der bisherigen Amtswohnung.
"Da nun schon der Pfarrhof (nun Rathaus) zu allen diesen Bedürfnissen hinlänglich is, da das Schloss seiner Lage nach bequemer zum Pfarrhofe, überdieß noch eine bequeme Cordonswohnung dabei ist.....So lassen mich alle diese Umstände ganz gewiss hoffen, in meiner schon einmahl gestellten Bitte um Verlegung der Amtswohnung in den Pfarrhof gnädigst erhört zu werden, und daher demnächst in die Nothwendigkeit gesezt zu werden, daß ich vom Schloße wieder aus und im Pfarrhofe einziehen muß."



Am 16.12.1803 kam es dann zu einem Ortstermin, als der kgl bayerische Landesdirektionsrat von Widder mit dem Rentbeamten Preiss, dem Landgerichtsaktuar Meier und dem Kötztinger Prior und Pfarrvikar Placidus Wanner.
1. das Schlossgebäude sei wegen seiner Lage für eine Pfarrerwohnung sehr gut geeignet und biete für einen Pfarrer und 2 Hilfspriester mehr als genügend Raum. Er wäre sogar zu viel Platz vorhanden und bevor man Teile des Schlosses demolieren würde, solle man lieber für den Lehrer und seine Familie Platz machen. Sogar in Schulzimmer könnte aus dem geräumigen großen Saal im Schlosse entstehen, dass es ja in Kötzting bisher noch nicht gäbe.
Die vorhandene Stube, rechterhand am Eingange könne man wegen ihrer Größe und weil sie gewölbt, leicht zu heizen ist und mit der anderen Wohnung in keiner näheren Verbindung steht, ohne Umstand in eine Cordonswohnung verwandeln.
3 Pfeiler in der Zwingermauer müssten zur Vermeidung von größeren Schäden am Hauptgebäude unbedingt erneuert werden. Der Rest handelt von Dächern und Dachrinnen.
2. das Priorat oder die dermalige Pfarrerwohnung sei in jeder Hinsicht bequemer und schicklicher für eine Landrichterwohnung und ist zu ebener Erde ein geräumiges gewölbtes Zimmer für die Registratur vorhanden. Im 2. und dritten Stock dann ausreichend Zimmer für die Familien des Landrichters, des Aktuars und des Schreibers.


Nun kommt es also zum angeordneten Wechsel, der Landrichter zieht  mit seiner Behörde und den Mitarbeitern ins ehemalige Priorat - später das Landratsamt und nun unser Rathaus - und der Pfarrer muss mit seinen Kooperatoren in die Pflegerburg umziehen, wofür er dann auch noch Miete bezahlen und um jede Reparatur bzw. Bauänderung kämpfen und bitten muss.

Teilt man die Kötztinger Kirchenburg in zwei Teile - in etwa auf einer Linie getrennt die durch die Einfahrt gekennzeichnet ist, so verbleibt dem Pfarrer, grob gesagt, die - von außen kommend - linke Hälfte und das königliche Rentamt (Finanzamt) übernimmt die rechte Hälfte. Der Zugang zu den oberen Räumen des Rentamtes war das, heute noch vorhandene, Treppenhaus, beim Pfingstrittmuseum. In den Gelben Bändern (Band 11 von 1994 hat Georg Prantl die Nutzung des Pflegerschlosses im 19. Jahrhundert detailliert beschrieben). Aus diesem Beitrag habe ich auch die folgenden Pläne zum besseren Verständnis entnommen.

Ich kann mich - in diversen Akten - an einige Beschwerdebriefe der Kötztinger Pfarrer beim bayerischen Staat erinnern, in denen sie Baureparaturen bzw. Umbauten anmahnten. 1843, rund 40 Jahre nach dem Unzug, war es dann soweit, der Pfarrhof  bekam seine Reparatur/Renovierung.
Die Raumverteilung kann gut in den folgenden Plänen ersehen werden.

Georg Prantl, Die Nutzung des Kötztinger Pflegeschlosses im 19. Jahrhundert, in "Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham", Bd 11 von 1994, Seite 173ff



Aus dem Jahre 1865 kennen wir einen Plan der königlich bayerischen Baubehörde in Regen, die uns nun auch die andere Seite der alten Pflegerburg zeigt.

Georg Prantl, Die Nutzung des Kötztinger Pflegeschlosses im 19. Jahrhundert, in "Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham", Bd 11 von 1994, Seite 173ff





Nun haben wir eine Situation, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts seinen Bestand hatte, in einer Hälfte der Anlage residierte der Pfarrherr, in der anderen der bayerische Staat, zuerst mit dem "Finanzamt" und am Ende gehörte diese Hälfte zur Forstverwaltung.
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es allerdings einen Vorschlag, der das Aussehen unserer eindrucksvollen Kirchenburg nachträglich geschädigt hätte. Der damalige Kötztinger Pfarrer wollte, um die Schulausbildung nachhaltig zu fördern, eine Einrichtung von Schulschwestern nach Kötzting holen und entwickelte mit einem Kötztinger Maurermeister einen spektakulären Plan. Das vielstöckige Gebäude hätte einen Zugang über das alte Gebeinhaus innerhalb der St. Anna Kapelle und einen anderen zu ebener Erde auf dem Niveau des Kamplmacherhauses an der Stelle, an der noch heute der "Hungerturm" resp. der Pulverturm steht.

Bauplan aus dem Kötztinger Pfarrarchiv

 Hier erkennt man den geplanten oberen Zugang auf dem Niveau des Kirchhofes, durch den ehemaligen Karner

nicht schlecht, würde ich sagen, das gibt Beinmuskulatur und Ausdauer


so hätte uns die Gebäudefront begrüßt, wenn wir heutzutage
über die große Regenbrücke fahren


Hier die Einteilung des Erdgeschosses

Es ist schwierig zu entscheiden, ob dieses Gebäude, in seiner Ausführung im Stile der alten Schule oder des Finanzamtes einen ebensolchen Bruch des Ensembles bewirkt hätte, wie dies mehr als ein Jahrhundert später der Kindergartenflachbau gemacht hatte, doch, so weit sind wir noch nicht.

Im Zeitraum um die Jahrhundertwende hat der Kötztinger Geodät Heilmeier, der Sohn des Mathias Heilmeier, dem wir die vielen Aquarelle und Bleistiftzeichnungen von Kötzting und der Umgebung verdanken, einen Plan der Kirchenburg gezeichnet. Dieser ist im Staatsarchiv Landshut in die Plansammlung ausgelagert, daher kenne ich den Zweck nicht, zu dem dieser Plan gezeichnet worden ist.

StA Landshut Rep 95 Plansammlung Nr. 1049Bildunterschrift hinzufügen

Was interessant an dem Bild ist, ist der Rest an Wasserfläche im Burggraben vor dem Pulverturm.
So und nun weiter mit der Entwicklung der Kirchenburg:
Zuerst einmal setzt sich das Bezirksamt mit seiner Forderung langsam durch, die Beerdigungen im alten Friedhof, rund um die Pfarrkirche, zu verbieten und in dem Maße, wie die alten Grabstätten verschwanden, entstand eine, die Kirche umgebende Rasenfläche.
Ende der 40er Jahre entstanden durch die Tatkraft Pater Augustins die KötztingerPfadfinder, die in den Folgejahren mit einer großen Eigenleistung den Hungerturm zu ihrem Pfadfinderheim ausbauten


im Internet nachträglich kolorierte SW-Aufnahme des Pfadfinderheimes, einer
Anlage, die lt ihrem Hüttenbuch auch eine überregionale Bekanntschaft hatte.



 Nun, die Kötztinger Pfadfinderschaft florierte, auch nach dem Weggang des Gründers Pater Augustin Boettcher bis......ja bis der neue Stadtpfarrer kam, der auch noch Augustin hieß.
Stadtpfarrer Augustin - eine ausgesprochener Förderer der Kolpingsfamilie und seiner Ministranten, hatte mit einer Jugendarbeit, wie sie die Pfadfinder praktizierten so gar nichts am Hut.
Ihm waren aber die Hände gebunden, weil die Pfadfinder aufgrund ihrer Leistungen beim Umbau einen 25 jährigen Nutzungsvertrag vom Forstamt erhalten haben.
Wir erinnern uns, der rechte Teil der Kirchenburg gehörte dem Forstamt.
Nun kam es leider im Jahre 1964/65 zur Übertragung auch dieses Teils der Kirchenburg an die Pfarrei Kötzting.......und aus wars mit Mietvertrag, Nutzung des Turms und folgend der Pfadfinderei in Kötzting.

Brandl Wick, leider im letzten Jahr verstorben, war eine der treibenden Kräfte bei den Kötztinger Pfadfindern von Anfang an, er aber konnte gegen Pfarrer Augustin nicht bestehen und löste schriftlich den Stamm Kötzting schließlich auf.


Von Mathias Heilmeier haben wir eine Aufnahme aus dem Jahre 1899/1900, die den Anblick der
von Bäumen umstandenen Kirchenburg zeigt. Gar nicht so imposant, wie heutzutage ohne den ganzen Bewuchs
Signatur Heilmeier 027.tif
 So nun kommen wir in großen Schritten zur Gegenwart. Nur ein relativ kurzes Intermezzo war der Stilbruch durch die Errichtung des Kindergartens "Königin der Engel" im Burgraben, ein hässlicher weißer Flachbau mit Eternitbedachung direkt plaziert vor der mächtigen erdfarbenen Burgmauer und der Wunschbau von Pfarrer Augustin.
Ich stelle gerade fest, dass es von diesem architektonischen Ausrutscher in unserem umfangreichen Bilderarchiv gar keine vollständige Aufnahme gibt, nur eine angeschnittene Ansicht anlässlich der Aufstellung der Kommunionkinder 1971.
Auch hier ist deutlich der Kontrast des Zweckbaues mit der historischen Burgmauer zu erkennen.
Dieser Kindergarten ist mittlerweile Geschichte und durch Vermittlung von Franz Hackl habe ich Teile des, kontrolliert sortierten, Abbruchmaterials bei mir im Wald als Wegebautragschicht verwenden dürfen, dort ist er besser aufgehoben als an so prominenter Stelle an der Haupteinfahrt Kötztings.
Am Schluß nun unsere Kirchenburg, von allen störenden Beeinträchtigungen befreit, wie wir sie täglich bewundern können. Die folgenden Bilder stammen von Frau Carola Neubauer.


Bayerischer Abend im Burggraben beim Kötztinger Bürgerfest

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