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Montag, 13. April 2020

Die Schindlerkapelle

150 Jahre Schindlerkapelle

 1870-2020

Bild von 1940 vom Kötztinger Hauptlehrer Josef Bock

Eingezwängt zwischen Straßenkreuzung, Buschwerk und Sicherheitszaun der ehemaligen Bundeswehrkaserne, muss man schon genau hinschauen, um nicht, schupps, daran vorbeigefahren zu sein.
Dabei war es bis in die 60er Jahre ganz anders, weit draußen vor der Stadt Kötzting, noch hinter den städtischen Müllgruben stand einsam und allein eine kleine Feldkapelle. Der Standort war fast auf halben Wege nach Zeltendorf und am Rande einer lehmigen, unbefestigten Landstraße - eher einem Feldweg gleichend.
Schade, dass wir von diesem Zustand nur Zeitungsbilder mit einer schlechten Auflösung haben, aber selbst diese zeigen das, worauf es hier ankommt, überdeutlich...... dieser Weg war eine Zumutung und der Markt Kötzting war für die Zeltendorfer vor allem im Auswärts nur schlecht zu erreichen. An die Mühen der Schulkinder möchte ich hier gar nicht denken.
Es gibt im Internet die Seite Bayernatlas.de, auf welcher es möglich ist, kostenlos in die Karten der Uraufnahme von ca. 1831 einzusehen und, da die Auflösung sehr gut ist, auch entsprechend hineinzuzoomen.

Ausschnitt aus der historischen Karte von Bayernatlas.de: Knapp über dem "H" der Hütt Anger Felder befindet sich eine Wegemarkierung. An genau dieser Stelle wird 60 Jahre nach der Kartendarstellung die Schindlerkapelle errichtet.
Ich habe lange gesucht und auch bei Kollegen im Internet nachgefragt, was dieses Symbol denn bedeuten könne.
Nach einer lebhaften Diskussion auf FB war das allgemein anerkannte Ergebnis aus dem Landesvermessungsamt: das wäre der Standort eines Messtisches gewesen, also ein "geometrisches Signal"....sagen die Fachleute.

Der Hinweis auf einen Vermessungspunkt brachte mich auf die Idee der alten Gemarkungsgrenzen des früheren Marktes Kötzting.
Ich kann mich an Diskussionen bei der Ausweitung unserer Gemarkungsgrenzen bei der Auswahl des Pfingstbräutigams erinnern, als diese Grenze die Carl v. Paur Straße halbierte. Die "unten" Wohnenden hätten für den Brauterer ausgewählt werden können, die "Oberen" wären draußen vor geblieben.
Auf dieser Grenzlinie nun könnte die Schindlerkapelle stehen. Wichtig ist hier nur, dass es diese 1831 noch nicht gegeben hat und die Überlieferung durch die Frau Dreger und Sonnleitner korrekt sind, Denn, aus Zeitungsauschnitten kennen wir auch noch andere, eben falsche, Darstellungen:

In dem Artikel ist die Rede davon, dass die Kapelle ein Kind des 17. bzw. 18. Jahrhunderts gewesen sei.

1995 schrieb Baumann Ludwig, nach einer Mitteilung von Frau Sonnleitner vom 20.7.1989, folgende Zusammenfassung:

Fräulein Anny Dreger, vulgo Schindler Anny, war die letzte Angehörige der alteingesessenen Kötztinger Familie Dreger (Schindler)
Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte zum Anwesen (Bäckerei) das Haus gegenüber der Veitskirche (heute Liebl Therese, Marktstraße 37) mit den rückwärtigen Nebengebäuden (heute Sonnleitner, Gehringstraße 26 und Geschäftshaus W. Oexler, Holzapfelstraße 30).


KU SW Negative/Ordner Personen/Dreger Anne
Fräulein Anny Dreger, vulgo Schindler Anny
Die Äcker erstreckten sich von der Zeltendorfer Kreuzung bis zu den Kasernen entlang der großen Hohlgasse nach Zeltendorf.
Der Großvater von Anny Dreger, Michel Dreger, gelobte die Erbauung der Schindlerkapelle aus folgendem Anlass:
Als er 1865/67 von der Feldarbeit nach Hause fahren wollte, scheuten plötzlich die Ochsen. Er konnte sie nicht mehr halten und sie stürzten mit dem Wagen die 6-8 m tiefe Böschung in die Hohlgasse hinunter. Dreger geriet unter den Wagen. Er konnte sich aber selbst befreien und Hilf holen. Weder er noch seine Ochsen erlitten ernstlichen Schaden.
Er glaubte fest daran, dass er während des Sturzes die Muttergottes um Hilfe angerufen hatte und sie ihm auch half. Zum Dank wollte er eine Kapelle bauen.
Er hatte das Baumaterial (Holz und Zubehör) schon besorgt, als er 1869 plötzlich erkrankte und starb. Die Fertigstellung der Kapelle erlebte er nicht mehr.  Seine Angehörigen bauten sie um 1870/1872.
Woher die Muttergottesstatue stammt, konnten Fräulein Dreger nicht sagen. Sie starb im April 1988 im Altersheim Zandt.



Das obige Bild wurde dann später auch in der Bürgerfestbeilage der Kötztinger Umschau genutzt, vermutlich ebenfalls Herr Rektor Ludwig Baumann hat dann den text dazu verfasst:
Bericht über die "Schindler Anne"

Das, im Text beschriebene Schindleranwesen im oberen Markt, lässt sich in seiner Ausdehnung recht schön mit dem Plan der Uraufnahme erkennen.
Ausschnitt aus dem Uraufnahmeblatt des Marktes Kötzting von 1831
Das Anwesen mit der Nummer 142 ist das des Bäckers Dreger, der Hausname war Schindler.

Es ist dieselbe Nummer -142- , die auch in der Karte für die Kapelle auf der rechten Seite des Zeltendorfer Weges bezeichnet ist.
Michael Dreger also, der Großvater der Schindler Anny, hat die Kapelle vermacht und seine Familie hat diese dann erbaut.


Soweit die Geschichte, wie sich die Enkelin erinnern konnte:

In dem Beitrag über die Entstehung der Schindlerkapelle berichtet die "Schindler Anne", Fräulein Anna Dreger im Detail davon, dass ihr Großvater diese bei einem Unfall mit seinem Ochsenfuhrwerk vermacht, selber aber die Errichtung in den Jahren 1870/1872 nicht mehr erlebt habe, weil er vorher verstorben sei. Ich kann allerdings keinen Sterbeeintrag auf einen Kötztinger Bürger und Bäcker mit dem Namen Michael Dreger finden. 
Im Staatsarchiv in Landshut findet sich unter den Nachlassakten der entscheidende Hinweis. Es ist bekannt, dass autobiographische Erzählungen wichtige, ja unerlässliche aber manchmal eben auch im Detail unzuverlässige Quellen darstellen können. So ist es auch hier. 
Der Großvater von Frau Anna Dreger, von dem sie berichtet er sei VOR der Errichtung der Kapelle im Jahr 1870/72 verstorben, hat noch lange dieses Datum überlebt und wohl selber noch am Bau mitgewirkt.

Laut Nachlassakten (StaLandshut Rep 166N-12 Schachtel 12 Nr. 88 von 1888) ist Michael Dreger am 7. Oktober 1888 vormittags um 10 1/2 Uhr im Alter von 66 Jahren im Hause Nr. 142 in Kötzting verstorben. Nun hätte es auch ein anderer Michael Dreger sein können, es gab ja mehrere diesen Namens. Im Akt ist aber die Witwe Katharina erwähnt und auch die erste, verstorbene Frau, Therese Drunkenpolz.



Arbeitskreis Heimatforschung DIA Repro 0278 Bild von Josef Bock. Die Schindlerkapelle am Rande eines Haferfeldes.
Eine Frucht, die man nur noch selten hier anbaut.
 Ein weiteres Bild aus dieser Serie, die Kapelle war aber auch zu schön als Vordergrund:
rechts im Hintergrund die frühere Ziegelfabrik Weixel

In der Schilderung des Unglücks, die zum Kapellenbau führte,  liegt aber mehr als nur eine Beschreibung des Herganges.
Dort ist auch die Rede von einer 6-8 m tiefen Böschung.
Im 20. Jahrhundert nun war man (die kommunale Behörde) genau auf der Suche nach solchen auffüllbaren Vertiefungen, um die anschwellenden Müllmengen auf, für sie, "elegante" Art und Weise ablagern zu können.


Kötztinger Zeitung vom 17.5.1957


Dieses Bild zeigt die einsame Schindlerkapelle, allein auf weiter Flur, und die Städtische Mülldeponie im Vordergrund, ich kann mich noch gut an die Zustände erinnern. Der Müll wurde dort abgelegt und, wenn einigermaßen brennbar, sofort angezündet, was bei unseren Bäckersäcken immer klappte, für meinen Vater und mich immer ein Highlight des Müllfahrens......
Was für mich als Kind lustig, und für meinen Vater eine normale Vorgehensweise war, stellte aber die Wanderer und auch die Bewohner des nördlichen Ortsrandes von Kötzting vor gewisse olfaktorische Probleme.
Frau Serwuschok beschrieb dies in ihrer Glosse, dem Scheinwerfer, im Jahre 1961:

Es war aber nicht nur der Müllablageplatz. In dem Bild von 1957 sieht der Feldweg noch einigermaßen befahr- und begehbar aus. Nach heftigen Regengüssen und vor allem im ausgehenden Winter, wenn der Frost aus den Böden wich, war das Bild ein gänzlich anderes. (Zumindest war dann aber der Gestank erträglich).
Wie und in welchem Zustand die Zeltendorfer Kinder in der Kötztinger Schule ankamen, mag ich mir gar nicht recht vorzustellen....
Vielleicht ist das der Grund, dass die Zeltendorfer Schüler gerne im Raith Stadel ihren Schultag verbrachten....



Serwuschok Luftbilder der Raith Stadel am Zeltendorfer Weg




im Hintergund, unscharf zu erkennen, die Schindlerkapelle. (Aufnahme Frau Serwuschok)

Dieser Blick, in Richtung Stadt, zeigt, dass man am besten mit einem Kettenfahrzeug nach Zeltendorf fahren sollte.
Im Jahre 1961 bekam die Kapelle dann eine Renovierung.
Der "Stoibermaler" hatte bis vor wenigen Jahren seine Wohnung und Werkstatt am Ende der Metzstraße.



 Ab 1962 begann dann ein neues Zeitalter für die Schindlerkapelle, zuerst die Entscheidung für einen Bundeswehrstandort und dann auch noch die Ausweiung mehrerer neuer Baugebiete.
Plötzlich wars vorbei mit der Ruhe und Einsamkeit.
Im Juni 1962 wurde ein alternativer Standort für die Müllablagerung gefunden:



Und dann musste die Zeltendorfer Müllhalde rückgebaut werden.
Hier kann man gut erkennen, wie tief der Graben neben der Straße gewesen war, der nun wieder
ausgebaggert werden mußte, um eine Bebauung möglich zu machen.  Der LKW ist auf dem Niveau der Straße
rs. war Herr Rudolf Schampel

So nun geht es in großen Schritten zum jetzigen Zustand, dass man die Kapelle regelrecht suchen muss, um nicht dran vorbeizufahren.

KU SW 696

Dies ist, in einer unterbelichteten Aufnahme, die vom Stoibermaler
restaurierte Marienstatue.

Am Schluss nun noch ein Ölgemälde der Schindlerkapelle. Es wäre auch ein Wunder, wenn dieses ländliche Idyll mit malerischem Hintergrund nicht auch die Künstler angesprochen hätte.
Erich Stauber, unser Meisterphotograph, hat mir eine Reproduktion eines Ölgemäldes geschickt, das in Familienbesitz ist.
Die Schindlerkapelle von einem, mir unbekannten Maler, die Signatur
könnte Fuchshuber bedeuten


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