In der Bildersammlung des Stadtarchives befinden sich viele Beispiele von damals tagesaktuellen Veranstaltungen oder Berichten über Handel und Gewerbe, die uns einen kleinen "Blick zurück" erlauben; zurück auf Menschen, die schon lange verstorben sind oder auf Orte und Plätze, die es ebenfalls schon lange nicht mehr gibt. Mit dieser Reihe an Blogbeiträgen soll diese Erinnerungskultur ermöglicht werden; eine Erinnerung an ein Kötzting mit viel Handel, Handwerk, Vereinsleben und Gasthäusern, mit Jahrtagen, Bällen, und vor allem mit Menschen.
Der Trimm-Dich-Pfad bei Gradis
Nachdem unsere Vorfahren in der Nachkriegszeit einiges an Speck angesammelt hatten, schwappte in den 70er-Jahren dann auch eine Gesundheitswelle in den Bayerischen Wald. Als sichtbares Zeichen des guten Willens, sich künftig etwas gesünder zu verhalten und als sichtbarer Beweis, es mit dem Ziel Kneippkurort Ernst zu meinen, wurde vom Kötztinger Bauhof ein Trimm-dich-Pfad errichtet. Als passenden Ort wählte man ein kleines Waldstück – einen Rechtlerwald – zwischen den Ortsteilen Gehstorf und Gradis. Sinnigerweise konnte man diesen Gesundheitsparcours eigentlich nur mit dem Auto erreichen, denn mit den damaligen Fahrrädern war der Gehstorfer Berg doch eher mühsam zu erklimmen. Zumindest für jene Klientel, für die dieser Trimm-dich-Pfad eigentlich gedacht war.
Hier zwei Bilderserien vom Aufbau und der "Einweihung" dieses Parcours. Der Artikel und die Bilder stammen von Elisabeth Mühlbauer (em).
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| Bürgermeister Karl Seidl bei der "Kraftprobe" am Tag der Einweihung im Oktober 1976 |
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| Hans Steininger vom Kötztinger Bauhof im August 1976 |
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| Stadtrat Wolfgang Schuierer, der Ideengeber für dieses Projekt. |
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| KU Überschrift vom 27.8.1976 |
Kötzting (em). Für Gesundheitsapostel und solche, die es werden wollen, hat die Stadt Kötzting eine neue Idee verwirklicht: der sogenannte Vita-Parcours wird in diesen Tagen in einem landschaftlich herrlich gelegenen Waldgebiet bei Gradis errichtet. Stadtrat Wolfgang Schuierer, für Sachen Natur und Fremdenverkehr im Stadtparlament zuständig, hofft, dass bereits in 14 Tagen diese Trimm-Dich-Anlage offiziell übergeben werden kann. Arbeiter des Städtischen Bauhofes sind derzeit dabei, die vorgeschriebenen 20 Übungsstationen auf einer Waldlaufstrecke von zwei bis zweieinhalb Kilometer Länge einzurichten. Vielfältig sind die Möglichkeiten, die dem gesundheitsbewussten Spaziergänger angeboten werden. Eine wesentliche Bereicherung: Das Kneippbecken am Wendepunkt des Rundkurses.
Dieser Trim-Dich-Pfad war bereits seit langem Gesprächsstoff. Stadtrat Schuierer, auf dessen Initiative der Gesundheitspfad zurückgeht, konnte sich dann bald auf die notwendige Förderung aus Mitteln des Naturparks Bayerischer Wald stützen und das Projekt in Angriff nehmen. 14 000 Mark an Zuschüssen wurden für dieses Vorhaben bereitgestellt, die Stadt Kötzting trägt ihr Scherflein mit Arbeitsleistungen durch den Bauhof bei.
Ganz zu Beginn stand der Gedanke, diesen Pfad auf dem Ludwigsteg anzusiedeln. Doch auf Grund der mehr oder weniger steilen Wege ließen die Organisatoren von dieser Idee ab. Außerdem würden dort auf zu engem Raum der Wanderlehrpfad und die verschiedenen markierten Wanderwege zusammentreffen. Da bot sich Wolfgang Schuierer eine geradezu ideale Lösung an: Der Rechtlerwald zwischen Gadsdorf und Gradis.
Ein Teil des Gesundheitspfads führt allerdings auch durch private Waldgrundstücke. Die vier betroffenen Landwirte haben sich großzügigerweise dazu entschlossen, ihren Besitz in den Dienst der Freizeitgestaltung und des Sports zu stellen. Auch die Waldmänner brauchen keine allzu großen Befürchtungen hegen, dass durch die Trim-Dich-Geher das Wild verscheucht und aufgeschreckt werde, denn sie sind gehalten, die markierte Route nicht zu verlassen, damit das Wild unbelästigt bleibt.
Im Bauhof laufen die letzten Vorbereitungen. Hans Achatz und Hans Steininger – er führte sämtliche Holzarbeiten aus – sind fleißig dabei, mit Säge und Hobel den künftigen Trimm-Dich-Pfad auszubauen. Arbeiter des Städtischen Bauhofes haben in Zusammenarbeit mit Wolfgang Schuierer die vorgesehenen Stationen erarbeitet, und die einzelnen Geräte aufgebaut. Die Anlage wird in den nächsten vierzehn Tagen mit 20 Trimm-Dich-Übungen vollendet sein. Nach der offiziellen Eröffnung, zu der neben Bürgermeister Seidl auch der Vorsitzende des Kneippvereins Dr. Stefan Dittrich und weitere Interessenten eingeladen werden sollen, steht die Einrichtung jedermann zur Verfügung. Spaß daran findet, in „Gottes freier Natur“ und in gesunder Waldluft die verschiedenen Gymnastikübungen zu absolvieren.
Es dauerte dann doch etwas länger als die im August angekündigten zwei Wochen. Erst zwei Monate später war es endlich so weit und der Gesundheitspfad konnte eingeweiht werden.
Der zweite Bildbericht und die Fotos stammen dieses mal von der Chefin selber. Frau Renate Serwuschok zeichnete ihre Artikel mit -na-.
| KU vom 25.10.1976 |
Kötzting (na). In der Politik der kleinen Schritte auf dem Weg zum Kneippkurort ist Kötzting am Samstag „spreizend und grätschend“ wieder ein Stück weitergekommen. Bürgermeister Seidl konnte den ersten Vita-Parcours im Stadtbereich seiner Bestimmung übergeben. Der Pfad, der Gesundheit verspricht, durch Bewegung nach einem ganz bestimmten Schema, ist auch landschaftlich genau richtig platziert in den Wäldern zwischen Gradis und Ried. Auf dieser Freizeit-Sportanlage für jedermann wurden über eine Waldlaufpiste von rund drei Kilometer Länge zwanzig Stationen verteilt, an denen bestimmte Gymnastikübungen zu absolvieren sind. So passierte es, dass Stadträte Klimmzüge machten, einmal nicht unter der Last ihrer Verantwortung, sondern unter dem Gewicht eines Holzprügels in die Knie gingen und nasse Füße bekamen, als sie die Wasserteststelle ausprobierten, die als zusätzliche Attraktion angelegt wurde.
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| Für Dr. Stefan Dittrich - mitte im hellen Mantel - und Albert Gilch war dieser Gesundheitsweg ein neuer Schritt hin zum erklärten Ziel eines Kneippkurortes Kötzting |
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| Albert Gilch, der Mentor des Kötztinger Kneippvereins als Vorturner |
Das Interesse an der Erstbegehung war erfreulich groß. Der Bürgermeister begrüßte die „Trimm-dich-Pfadfinder“, die sich an diesem strahlenden Spätherbsttag auf dem Parkplatz an der Straße bei Gradis eingefunden hatten, dort, wo ein Hinweisschild noch mit allem Wissenswerten ausgestattet wird – genau am Start und Ziel der Trainingsstrecke.
Karl Seidl dankte den Grundstücksbesitzern, die bereitwillig auch dort die Einrichtungen gestatteten, wo „der Stadtwald“ aufhört. Er dankte aber vor allem Stadtrat Wolfgang Schuierer, dem Referenten für Fremdenverkehr, auf den die Initiative zurückgeht und der mit persönlichem Engagement entscheidenden Anteil an der Realisierung des Vorhabens hatte. In Zusammenhang mit den jüngsten Bestrebungen zur Errichtung eines Kneippbeckens unter maßgeblicher Beteiligung des Bezirks, würde diesem „Trimm-Pfad“ eine besondere Bedeutung als eine von vielen Stationen auf dem Wege zum Ziel.
Und wer zunächst einmal nur als stiller Beobachter gekommen war und vielleicht mehr Zeit hatte, sich in der Gegend umzuschauen als die Aktiven, dem werden die reizvollen Ausblicke ebenso wenig entgangen sein, wie die verträumte Waldwiese mit ihrem einladenden Rastplatz. Am Ende gab es für alle zur Erfrischung und Stärkung ein Früchte-Joghurt, das Albert Gilch anlässlich der Eröffnung des Trimm-Pfades gestiftet hat. Die Hinweisschilder für die einzelnen Stationen wurden übrigens von der Vita-Lebensversicherungs-Aktiengesellschaft kostenlos zur Verfügung gestellt. Alles in allem: Kötztings Weg zum Kneippkurort wird auch ein Stückchen über diesen Vita-Parcours führen.
🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.
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⭐ Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland und dort am Waldrand bei Gradis, wo sich der Einstieg in den Trim-Dich-Pfad befand.
Viel Freude beim Entdecken!
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