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Dienstag, 19. Mai 2026

Neuigkeiten aus dem Bad Kötztinger Stadtarchiv

 Neues aus dem Stadtarchiv.... eigentlich dem Pfarrarchiv


Nach einem Hinweis des Wettzeller Kirchenpflegers Hans Seiderer auf einen überraschenden Dachbodenfund im dortigen Pfarrheim trafen wir uns Anfang der Woche zu einer ersten Durchsicht eines größeren Aktenbestandes mittendrin im Altbestand der Wettzeller Pfarrbibliothek.

Zwischen all den Büchern und frommen Zeitschriften und gebundenen Journalen kamen dann nach der Aussonderung zahlreicher Kontoauszüge schließlich jene Dokumente zum Vorschein, die sich als ein Glücksfall für die Ortsgeschichte erwiesen: die historischen - 1900-1968 - Kirchenrechnungen der Kirchen in Wettzell und Sackenried, die nun dauerhaft aufbewahrt werden sollen.
Was den Fund für uns so besonders macht, sind die Belege, die parallel zu den buchhalterischen Jahresrechnungen aufbewahrt wurden und uns - eigentlich gelten Rechnungsbelege nicht als archivwürdig- zeigen, wie eng die Verflechtungen bereits weit vor der Kommunalgebietsreform zwischen Wettzell und Kötzting gewesen waren.

Einschub
Diese Verflechtungen waren im Jahre 1976 dann auch der entscheidende Grund für die Auflösung des zunächst angedachten Verwaltungsverbundes von Wettzell und Wiesing und dem Wechsel von Wettzell von Niederbayern zur Stadt Kötzting und damit in die Oberpfalz.
Einschub Ende 

Ein Steinbühler Bryologe


Fast unentdeckt geblieben wäre beinahe ein Briefwechsel, der als unscheinbarer kleiner Aktendeckel  -mit der Aufschrift 501-600-  zwischen zwei Büchern eingezwickt gewesen war.


In dem unscheinbaren Bestand befindet sich ein bemerkenswerter Schriftwechsel mit dem damaligen Expositus Alexius Schwab aus Steinbühl, der offensichtlich zuvor mit seinem Spezialsteckenpferd an seiner vorherigen Wirkungsstätte im Fichtelgebirge tätig gewesen war. 



Aus den Briefen spricht die überraschende wissenschaftliche Reichweite dieses Mannes, der sich weit über seine kirchliche Tätigkeit hinaus einen Namen als gefragter Bryologe gemacht hatte – ja, als einer jener Spezialisten, die man im damaligen Sprachgebrauch beinahe als „Sphagnologen“ hätte bezeichnen können. Seine besondere Leidenschaft galt den Torfmoosen der Gattung Sphagnum, deren Formen- und Standortvielfalt er mit einer Akribie erforschte, die in Fachkreisen durchaus Beachtung fand. So sehr, dass seine eigene Sammlung nicht nur ein privates Studienobjekt blieb, sondern offenbar wiederholt auch wissenschaftlich genutzt wurde: Auf Anfrage versandte Schwab einzelne Belege seiner Sphagnum-Herbarien an Autoren, die gerade an einer Neubearbeitung der damaligen botanischen Bestimmungswerke arbeiteten. 

Ich vermute, dass einer der abgebildeten Priester unser Expositus Alexius Schwab gewesen ist.
Links und rechts auf den Fensterbrettern erkennt man die "Utensilien" zur Anlage und Aufbewahrung eines Herbariums und in der Mitte Bestimmungsbücher.

Mikroskopische Aufnahmen von Details eines Sphagnum-Mooses


Ich hätte nun die Bitte an Sie, ob Sie die Freundlichkeit hätten, mir für kurze Zeit ihr Sphagnum Herbar zum Zwecke meiner Arbeit zu .... überlassen.

Die Korrespondenz lässt damit einen Blick in jene Zeit zu, in der sich große Teile der botanischen Forschung noch aus dem engmaschigen Netz engagierter Einzelpersonen speisten – aus Pfarrhäusern, Schulstuben und kleinen Exposituren heraus, getragen von Sammlern, die mit Leidenschaft und Präzision an der Vermessung der Pflanzenwelt arbeiteten.

Dieser Briefwechsel allein – zusammen mit den zahlreichen Rechnungsbelegen Kötztinger Firmen und Handwerker – ist ein kleiner Schatz der Alltags- und Wissenschaftsgeschichte. Er zeigt, wie viel sich aus unscheinbaren Papierstapeln noch heute herauslesen lässt: Netzwerke, Arbeitsweisen und Lebenswelten, die längst vergangen scheinen und doch plötzlich wieder greifbar werden.

Moossammler konnten sich offensichtlich auch Exemplare für ihr Herbarium zuschicken lassen

Einschub:
Aber warum findet sich der Schriftwechsel des damals Steinbühler Expositus Alexius Schwab im Pfarrarchiv in Wettzell? Sehr einfach, ab dem Jahre 1923 war HH Pfarrer Alexius Schwab der Wettzeller Pfarrer geworden, dem Wettzell seine Chronik verdankt.
In der von Lois Perlinger neu erarbeiteten umfangreichen Wettzeller Ortschronik nehmen die Aufzeichnungen des Geistlichen Rats Alexius Schwab einen weiten Raum ein und über ihn schrieb der Chronist:
"Schwab Alexius, 1923 - 1947; Geistlicher Rat, geboren 15.12.1874 in Reuth, gestorben 03.02.1947 und ruht im Wettzeller Priestergrab, Herr B.G.R. Schwab hat sich für Wettzell große Verdienste erworben, indem er den Grundstock für die Chronik verfasste. Er ließ 1934 die Kirche renovieren. Er war korespondierendes Mitglied der naturwissenschaftlichen Akademie in Berlin. Er entdeckte in der Nähe des Abersees ein Moosart, die nach ihm benannt wurde „Swabana". Er wurde am 06.02.1947 von Herrn Dekan Dr. Meinzinger von Rimbach der geweihten Erde übergeben."

Foto aus der Perlinger Chronik, die wir nur als Bürokopie im Archiv haben



Die Kirchenrechnungen von Wettzell und Sackenried


Ein Aktenstapel von rund 60 cm Höhe befindet sich derzeit in unserem Büro im Rathaus in Bad Kötzting und wartet dort darauf, zumindest grob erschlossen zu werden, bevor die Archivalien anschließend im Kötztinger Pfarrarchiv dauerhaft aufbewahrt werden sollen. Bemerkenswert ist dabei, dass dessen Bestände – dank ihrer glücklichen Überlieferungskontinuität – teilweise deutlich weiter zurückreichen als jene des Stadtarchivs, da die Pfarrkirche während des Schwedeneinfall nicht zerstört wurde, im Gegensatz zum damaligen Rathaus.

Hier noch ein kleiner Blick auf den Zufallsfund:


So sieht es dann aus, wenn die Arbeit beginnt.....

Das ist der Stapel mit den Rechnungen und - vor allem -  den Rechnungsbelegen für die Wallfahrtskirche in Sackenried von 1950-1968
Auf den folgenden Bildern sieht man gut den Fortschritt beim ge/benutzten Büromaterial
1952 waren es schon Klemmen - 1951 noch selbstgebastelte Drahtbügel



All diese Metallteile müssen nun entfernt werden, um die Archivalien auch für die LANGE Zukunft zu präparieren.


Vielleicht ist das zugleich eine kleine Anregung für meine Bad Kötztinger Mitbürger: In so manchem Dachboden, in alten Kisten oder vergessenen Mappen schlummern vermutlich noch ähnliche Zeugnisse unserer Ortsgeschichte. Es lohnt sich, hin und wieder genauer hinzuschauen – man weiß nie, welche Geschichten dort noch auf ihre Entdeckung warten.


Wer mehr über Wettzell und seine Geschichte nachlesen möchte, findet dazu weitere Informationen in den folgenden Beiträgen:
Die Gemeinde Wettzell kommt zur Stadt Bad Kötzting 


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken. Wer es noch nicht weiß, um was es sich bei diesem Programm handelt, kann sich gut im folgenden Blogbeitrag informieren: Die interaktive Karte und ihre Möglichkeiten :

🔎 Wer diesen Beitrag dort wiederfinden möchte, muss ein wenig suchen:
Er verbirgt sich in der Markergruppe Rund herum um Kötzting  


 

Viel Freude beim Entdecken!

                                              🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen






Sonntag, 17. Mai 2026

Unser Pfingstritt im Jahre 1926

 Der Pfingstritt 1926

Die folgenden Zeitungsausschnitte entstammen sämtlich dem „Kötztinger Anzeiger“ und die Archivalien befinden sich im Bestand des Stadtarchivs Kötzting (320/926).
Als im Jahre 1949 in Kötzting erstmals wieder ein Volksfest gefeiert werden konnte, entschied sich der Marktgemeinderat ganz bewusst dafür, dieses mit dem Pfingstfest zu verbinden. Volksfeste hatte es in Kötzting zwar schon zuvor mehrfach gegeben; diese früheren Veranstaltungen standen jedoch stets im Zusammenhang mit Landwirtschaftsfesten, die in unregelmäßigen Abständen, jedoch immer in den Sommermonaten, abgehalten worden waren.
Zudem lag das letzte Kötztinger Volksfest zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre zurück: Es hatte im August 1926 stattgefunden. Damit markierte das Jahr 1949 in mehrfacher Hinsicht einen Neubeginn im Kötztinger Festgeschehen.

Hier also in der Rückschau zunächst das große und vorerst für lange Jahre das letzte - aber das wussten die Kötztinger damals natürlich nicht - Volksfest in Kötzting: 


Nicht nur das oben gezeigte Plakat warb einst für das Fest – darüber hinaus ließ man sogar einen eigenen Werbeprospekt drucken. Mit seinen vielen Einzelheiten zum Programm und den zahlreichen besonderen Anzeigen ist er weit mehr als nur eine Ankündigung: Er ist ein Stück gelebter Zeitgeschichte. Deshalb möchte ich ihn hier vollständig vorstellen – als eine kleine Zeitreise in die Zwischenkriegszeit in Kötzting.

StadtA Kötzting 320/926

Es scheinen hier viele Bier- und Festzelte aufgestellt worden zu sein.....






s





Auf dieses außergewöhnliche Volksfest des Jahres 1926 wird im Sommer noch gesondert zurückzukommen sein – in einer eigenen Abhandlung. Doch nun zum Pfingstfest 1926


Kötzting, 21. Mai. (Pfingstritt.) Nun endlich hat sich die schon die ganze Woche andauernde Spannung gelöst, da der Pfingstbräutigam festgestellt ist. Von den acht vom Gemeinderat vorgeschlagenen Bürgerssöhnen wurde vom Rath, Pfarramt der Bürgers- und ehem. Musikmeisterssohn Georg Sperl ausgewählt, das Jugendkränzchen für das Jahr 1926 zu empfangen. Als Pfingstbraut wird Frl. Anna Rabl, Bürgers- und Gastwirtstochter heute die Feier verschönern, während die Herren Karl Waldmann und Adolf Hollmeier als Brautführer fungieren werden.
Die Pfingsthochzeit findet heuer in den Lokalitäten des Gasthauses Leopold Januel statt. Die uralte Feier des Pfingstrittes und der Pfingsthochzeit wird sich deshalb auch in diesem Jahre wieder in dem gewohnten Rahmen vollziehen und wie immer Hunderte und Aberhunderte von Besuchern aus Nah und Fern anziehen, sofern das Wetter nur einigermaßen günstig erscheint. Aber Kötzting hat mit dem Pfingstmontagswetter noch stets zufrieden sein können und das wollen wir auch für 1926 hoffen!

Der Pfingstmontag des Jahres 1936 fiel auf den 24. Mai. Bemerkenswert ist dabei, dass die Entscheidung über den diesjährigen Pfingstbräutigam offenbar erst am 20. oder 21. Mai – also am Donnerstag oder Freitag vor Pfingsten – getroffen wurde. Dem ausgewählten Pfingstbräutigam, dem Sperl Schorsch, blieben somit lediglich etwa vier Tage zur Vorbereitung.
Noch wesentlich knapper und zweifellos auch hektischer gestaltete sich diese Frist für die Pfingstbraut, deren Brautkleid in dieser kurzen Zeitspanne erst noch gefertigt werden musste.

Aber auch ohne das große Rahmenprogramm eines Volksfestes, nutzen die Kötztinger Vereine den Besucherstrom, um sich vorzustellen bzw. auf sich aufmerksam zu machen, wie der erst wenige Jahre zuvor gegründete 1. Fußballklub und der Kötztinger Turnverein mit seiner neuen Turnhalle.

So warb der FC Kötzting für sein "Pfingstrahmenprogramm:
"Kötzting, 22. Mai. (Fußball). Wie alljährlich beschert uns auch heuer wieder unser Fußball-Club zu Pfingsten mit einem Wettspiel, das aller Voraussicht nach höchst interessant zu werden verspricht. Unserer Spielleitung ist es, wenn auch unter erheblichen Opfern gelungen, eine Mannschaft von bestem Rufe 
— Liga=Reserve Straubing — für die beiden Pfingstfeiertage zu einem Kampfe gegen unsere zu gewinnen. Die Straubinger sind gefürchtete Gegner und dürften unsere Mannen einen sehr harten Stand haben. Das beweisen zwei Ergebnisse denen Straubing eine stark überlegene Note aufzudrücken verstand.
LRS 
Zwiesel 5:2, LRS. — Cham 9:1.
Kötzting tritt 
etwas verstärkt in den Kampf, wie aus der Aufstellung ersichtlich ist:

Schmidl  
Weinzierl Praller
Wiesbauer Kramer Waldmann 
Gmach Kienle Dattler Kroher M. Gerstl

Als Schiedsrichter fungieren am Pfingstsonntag Herr Schau, am Pfingstmontag Herr Hollmeier
Spielbeginn: Pfingstsonntag nachmittags halb  3 Uhr,
Pfingstmontag vormittags halb 11 Uhr
Ein Besuch der Spiele ist jedem Sportsfreund zu empfehlen

Der Turnverein hatte eine besondere Idee:

Kötzting: (Turnverein) Pfingstsonntag  Abend 7 Uhr, vor dem Zapfenstreich werden in der Turnhalle die allgemeinen Freiübungen für das Gauturnfest am 12. und 13. Juni mit Musikbegleitung durchgeübt. Von allen aktiven Turner wird erwartet, dass sie sich bestimmt zur festgesetzten Zeit in der Turnhalle einfinden. Vorsorglich wollen jeder sich die Turner auch gegenseitig noch verständigen.
Gut Heil                                                    Der Turnrat

[Den verschwurbelten letzten Satz verstehe ich so, dass die Turner untereinander darauf achten sollten, dass alle auch wirklich zum Termin erschienen.]


 Wie man den Anzeigen entnehmen kann, feierten die Burschen ihre "Pfingstkneipe beim Rabl Mich und der im Jahre 1924 neu erbaute Graßlsaal war das ganze über ausgebucht: am Pfingstsonntag führte der Kötztinger Krieger und Veteranenverein sein Erfolgsstück "Mizzi und Muzzi" erneut auf und am  Pfingstmontag lud die FFW Sperlhammer - parallel zur Pfingsthochzeit - zu einem Tanzkränzchen im selben Saal.

In diesem Jahr 1926 kam es noch zu weiteren Großveranstaltungen: Kurz nach den Pfingstfeiertagen ging es mit einem großen Gauturnfest weiter – quasi der endgültigen Einweihung der Kötztinger Sportanlagen. Danach feierte der in Kötzting hoch verehrte Expositus Späth sein Priesterjubiläum, ehe im August das überregionale Landwirtschaftsfest stattfand, mit dessen Programmflyer dieser Blog beginnt. 
Auch auf diese weiteren bevorstehenden Großveranstaltungen nahm der Marktgemeinderat in seinem Aufruf an die Kötztinger Hausbesitzer ausdrücklich Bezug:
 


Und so dürfte es am Pfingstmontag ausgesehen haben, wenn die geladenen Vereine mit ihren Fahnenabordnungen sich zur Feldmesse versammelten. Das Bild stammt aus der Sammlung von Frau Linke und ist auch in den späten 20ern gemacht worden.

Foto Linke
Und schließlich kam zu all den Veranstaltungen auch noch die Eröffnung der Kötztinger Biergärten hinzu, wie zum Beispiel die des Kollmaier-Kellers in der heutigen Jahnstraße.

Und dann kam der so lange erwartete Pfingstmontag 1926:

Kötzting 25. Mai (Pfingstritt 1926) Sankt Peter hatte ein Einsehen und wenn er as sich auch nicht versagen konnte, hin und wieder die festfrohe Menge mit einem Spritzregen zu verscheuchen, er machte die Hoffnung der Kötztinger auf ein gutes Pfingstmontag weiter nicht zuschanden. Nachmittags lachte die liebe Sonne auf all die Festbesucher, so dass Einritt, Burschenzug und Brautzug von ganz
nettem Wetter begünstigt waren. In Anbetracht dieser günstigen Wendung mag dem himmlischen Wettermacher der verregnete Sonntag noch verziehen sein.
Bereits morgens 5 Uhr mahnte der musikalische Weckruf Kötztings Einwohner daran, dass der ersehnte Festtag angebrochen und keine zwei Stunden später fluteten auf allen Zugangsstraßen die Bevölkerung aus Nah und Fern heran zum Markt und auch der Zug aus Lam führte Menschen in Menge mit sich, während in der Tor- und Holzapfelstraße sich Reiter und Pferde drängten und sich zum Zuge  formierten.
Um halb 8 Uhr  begannen die Glocken von St. Veit ihr harmonisches Geläute, Böllersalven zitterten durch die Morgenluft, Kommandos erschallten und unter Trommelschlag setzte sich der Ritt in Bewegung. Bald fiel die Musik mit schneidigen Klängen ein und dahin ging es, Reiterpaar an Reiterpaar durch die Marktstraße hinunter, hinein in das gesegnete Zellertal zum Kirchlein St. Nikolaus, das vor vielen Jahren gegebene Versprechen aufs neue einlösend. Eine stattliche Anzahl von Gästen
hatte sich wieder eingefunden, das tief zu Herzen gehende Schauspiel zu genießen und auf sich
einwirken zu lassen, wenn auch die schlechte Witterung der vorhergehenden Tage den Zustrom der Fremden beeinträchtigt hat.
Zwischen Ritt und Feldmesse wogten die Menschenmengen die Straßen auf und ab, dadurch ein seltenes Leben in unseren Markt bringend. Gegen 9 Uhr vollzog sich unter klingendem Spiel der
Aufmarsch der Behörden und Vereine zum traditionellen Feldgottesdienst vor der
St. Veitskirche, wobei H. H. Pfarrer Dirscherl die Messe zelebrierte. Nachmittags, es war schon nach
1 Uhr, kehrten die Pfingstreiter zurück und unter Voranmarsch der Musik und der Vereine ritt
der Zug hinaus auf den Bleichanger, auf dem die alljährliche Verteilung des Pfingstkränzchens
vor sich geht. 
Nach einer zündenden Ansprache des amtierenden Geistlichen H. H. Kooperators Fuchs, die Wesen und Zweck der alten Sitte der Verleihung hervorhob, wurde dem Bürgerssohn Georg Sperl das Kränzchen, der Preis für eine makellose Vergangenheit und ein sittenstrenges Leben, eine überaus zierliche
Filigranarbeit überreicht, wofür sich der Ausgezeichnete mit kernigen Worten bedankte. Im Anschluß
hieran wurden noch 3 Fahnen verliehen:
 für 50jährige Teilnahme als Reiter und Signalist Herrn Kauer Johann, Gastwirt in Kammern,
der auch mit einer goldenen Uhr bedacht wurde,
für 25jährige Teilnahme als Reiter Joseph Penzkofer, Oekonom in Weidenhof und
Wolfgang Laumer, Oekonom in Holzhof.
Ein weiteres beredtes Beispiel dafür, daß der Pfingstritt tief in den Herzen der Waldler wurzelt. Nach
dem Abzug vom Bleichanger kehrten die Reiter wieder in den Markt zurück, wo sie sich dann
in der Herrenstraße zerstreuten. Unterdessen ritten Pfingstbräutigam, Brautführer mit Signalisten zur üblichen Begrüßung und Dankeserstattung vor den Pfarramt, zum Bezirksamt und zum Bürgermeister, wobei gleichzeitig die persönliche Einladung zur Pfingsthochzeit ausgesprochen wurde.
Nach 5 Uhr bewegte sich der Zug der Burschen mit Bräutigam, Brautführern und Musik von der Metzgasse aus durch die Straßen, wobei die Burschen reichlich mit Blumensträußchen beglückt wurden. Reichlich eine Stunde später trat die Musikkapelle wieder an um die Braut im Zuge durch den Markt zu führen. Eskortiert von kleinen, weißgekleideten Mädchen, grüßte die entzückend hübsche Braut, ebenfalls in Weiß, rechts und links und wohl jedermann hat das wirklich zierliche Wesen bewundern müssen. Hierauf begann das Treiben im Januelsaale, in dem heuer die Pfingsthochzeit
stattfand, die die ganze Nacht andauerte. Am Dienstag wiederholte sich dasselbe Spiel, mit
dem Unterschied, daß punkt 12 Uhr das Tanzbein Feierabend bekam. Als Ausbeute der beiden Tage dürfte wohl mancher einen schweren Schädel und  Haarweh haben, denn zwei Tage hintereinander sind eben zuviel!
Aber trotzdem werden alle Festbesucher höchst befriedigt gewesen sein 
DIA-Repro 3063 Sammlung Stadt Kötzting Sperl Georg und Anna Rabl

DIA-Repro 0738: der Pfingstbräutigam:  Georg Sperl, Musikmeisterssohn, Metzstraße  seine Tochter Maria Braut 1958

Die Pfingstbraut: Anna Rabl, verh. Fuchs, Gastwirtstochter, Metzstraße

Die Brautführer:  Karl Waldmann (Bräutigam 1931), Gehringstraße und Adolf Hollmaier, Seilermeister, Schirnstraße. Seine Töchter Luitgard und Ulrike waren die Kötztinger Pfingstbräute in den Jahren 1957 und 1961. 


DIA-Repro 2519




Einschub:

Noch im Jahre 1926 startete die Reiterprozession bereits um ½ 8 Uhr, in der „alten“ Zeit sogar schon um 6 Uhr morgens. Dies würde die bisweilen diskutierte Verbindung unseres Pfingstrittes mit den sogenannten „Mairitten“ sowie einem symbolischen Ritt nach Osten in die aufgehende Sonne durchaus unterstreichen.
Viele Gäste, die mit der Bahn anreisten, beschwerten sich jedoch darüber, dass sie den Beginn des Rittes fahrplanbedingt verpassten. Der Magistrat stieß mit seiner wiederholten Bitte an die Bahnverwaltung, am Pfingstmontag doch eine Änderung des Fahrplans zu gestatten, auf taube Ohren. Die Folge war schließlich eine Anpassung des Beginns des Pfingstrittes an den Eisenbahnfahrplan – und nicht umgekehrt.
Ich möchte hier noch einmal den Abschnitt über die damalige Durchführung des Burschen und des Brautzuges herausstellen.
Im Blog ist ein Bild des Burschenzuges in der herrenstraße abgebildet. Vom später asich anschließenden Brautzug haben wir keinerlei Bilder:
"Nach 5 Uhr bewegte sich der Zug der Burschen mit Bräutigam, Brautführern und Musik von der Metzgasse aus durch die Straßen, wobei die Burschen reichlich mit Blumensträußchen beglückt wurden. Reichlich eine Stunde später trat die Musikkapelle wieder an um die Braut im Zuge durch den Markt zu führen. Eskortiert von kleinen, weißgekleideten Mädchen, grüßte die entzückend hübsche Braut, ebenfalls in Weiß, rechts und links und wohl jedermann hat das wirklich zierliche Wesen bewundern müssen

Einschub Ende

Aus dem Jahre 1926 haben wir in unseren Pfingstakten einige Quittungsbelege, die uns einen ganz besonderen Blick auf den Pfingstritt erlauben:
StadtA 320/926 50 Markt erhielten die zwei Signalisten für sich und ihre Pferde
Unterschriften Bgm Schödlbauer und Johann Kauer
30 Mark erhielt der Pfarrmesner Karl Obermayer " für die Funktion als Pfarrmesner beim Pfingstritt 
Der Tambourmayor Pritzl zeichnete die Quittung  für " Stellung der Trommler beim Pfingstritt" über 40 Mark
 
Quittung über 72 Mark , welchen Betrag der Unterzeichnete für Herstellung der Musik anläßlich der Pfingstfeierlichkeiten aus der Gemeindekasse bar erhalten hat. Unterschrift: Xaver Mühlbauer Musikmeister


50 Mark erhielt der Pfingstbräutigam aus der Marktkasse als Zuschuss
Die Mallersdorfer Schwestern der St. Josefspflege bekamen 120 Mark für das Pfingstkranzl , 50 Mark für ein Ehrenband und 20 Mark für 2 Fähnchen, für die Schwester Ignatia unterschrieb.
Jeweils 1 Mark pro Mann - 12 Mark für die ganze Mannschaft - erhielt der Feuerwehrkommandant Krämer für die "Aufrechterhaltung der Ordnung und Absperrung gelegentlich des Pfingstrittes 1926.

Ein besonders interessanter Beleg ist der folgende für die Rittspitze und den Kooperator, bei dem der Empfänger mit seiner Unterschrift fast nicht zu entziffern ist. Es ist aber auf keinen Falle die Unterschrift einer Frau Schmidt, von der die Überlieferung erzählt, dieses Haus hätte seit "unvordenklichen Zeiten" diese Pferde gestellt.
40 Mark für Stellung von 3 Pferden an der Spitze und 1 Pferd für den Cooperator,

Hier nochmal die Unterschrift in Vergrößerung:
Ich würde sagen: "Gohel Thekla"

Von Rudolf Häfner stammt das Material für die Ehrenfahnen:


Am Ende noch ein Bild von Pfingstreitern, das anhand der Zusatzinfo dem Pfingstritt des Jahres 1926 zugeordnet werden können.
DIA-Repro 1094 2 Pfingstreiter  1926 Hofmann, Kaitersbach (Bejschl) Max, Fuhrknecht



Wie oben bereits kurz erwähnt, werden die weiteren Großereignisse des Jahres 1926 in Kötzting in einem separaten Beitrag behandelt.


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.

 ⭐ Pfingstritt Pfingstritt Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Pfingsten in Bad Kötzting. 



Viel Freude beim Entdecken!

                                              🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen

 





















Dienstag, 12. Mai 2026

Unser Pfingstritt im Jahre 1936

Der Pfingstritt im Jahre 1936

Das heute so große und abwechslungsreiche Volksfest über Pfingsten entstand erst im Jahre 1949. Nach diesem zunächst auf die eigentlichen Festtage beschränkten Probelauf wurde das Festprogramm bereits 1950 auf die gesamte Pfingstwoche ausgedehnt. Im Jahre 1936 hingegen feierten die Kötztinger mit ihren Gästen noch ausschließlich die Traditionen rund um den Pfingstritt.
Die folgenden Zeitungsausschnitte stammen alle vom "Kötztinger Anzeiger", die Dokumente stammen aus dem Bestand StadtA Kötzting 320/936


Pfingst-Sonntag:

Ab nachm. 3 Uhr Garten-Konzert im Dregerkeller (bei günstiger Witterung); ausgeführt von der verstärkten Musik=Kapelle Mühlbauer.
Abends 9 Uhr Zapfenstreich mit Lampionszug des Burschen-Wander-Vereins

Pfingst-Montag:

Früh 5 Uhr musikalischer Weckruf.
Vorm. 8 Uhr feierl. Ausritt der Bittprozession unter Teilnahme der Geistlichkeit und etwa 300 Teilnehmer in alter Tracht.
Vorm. 9 Uhr Aufstellung der Vereine in der Hindenburgstraße; halb 10 Uhr Festmesse St. Veit.
Mittag 11—12 Uhr Standmusik beim Rathaus; die Festmusik an den Aufzügen sowohl als auch für den Zapfenstreich und dem Weckruf stellt die Musikkapelle Mühlbauer-Kötzting, die auf 18 Mann verstärkt wird.
Nachm. 2 Uhr unter Ankündigung durch Glockengeläute und Böllerschießen Rückkunft der Bittprozession — gemeinsamer Festzug zum Festplatz — Ansprache des Offiziators — Ueberreichung des Jugendkränzchens an den auserwählten Bürgerssohn, heuer der Hausbesitzerssohn, Herr Hans Costa.
Auszeichnung langjähriger (mindestens 25 Jahre) Rittteilnehmer – Offizieller Abritt.
Nachm.: halb 4 Uhr Trachtenschau und Vorführungen alter Tänze und Bräuche beim Lebensbaum;
vorgeführt vom Trachtenverein Kötzting.
Nachm. 5 Uhr Burschenzug,
Nachm. 6 Uhr Brautzug.
Abends 8 Uhr Pfingsthochzeit im Januelsaale.

Pfingst-Dienstag:

5 Uhr Wiederholung des Brautzuges
6 Uhr Wiederholung des Brautzuges.

DIA-Repro 459 der Dregerkeller von der Biergartenseite

DIARepro 3237 der Dregerkeller in der heutigen Pfingstreiterstraße - nun der Kreisbauhof.

Auch der Burschen-Wanderer-Verein und der "Volks- und Gebirgs=Trachten=Erhaltungs Verein" bewarben ihre Veranstaltungen rund herum um die Pfingstfeierlichkeiten.

Am Pfingstsonntag abends 19.00 Uhr dann Treffen im Vereinslokal Decker, um sich auf den Fackelzug einzustimmen

Foto Rabl-Dachs der Decker am oberen Markt - Vereinslokal des Burschenvereins


Zusätzlich wandte sich die Vorstandschaft des BWV an ihre Mitglieder und bat um einen geordneten Verlauf der Umzüge in den vergangenen Tagen – eine Ordnung, auf die auch der Markt in einem gesonderten Schreiben an die Burschen ausdrücklich hinwies.
Zunächst sei hier der Aufruf an die Burschen wiedergegeben, den Josef Dullinger in Vertretung des Vorstands Hans Costa unterzeichnete, da dieser in jenem Jahr selbst das Amt des Pfingstbräutigams innehatte.

"Kötzting, 25. Mai. Vom Burschenverein.
In der stattgefundenen Besprechung des Ausschusses wurde nun beschlossen, dass heuer die letzten Reste der Missstände beim Burschenzug unter allen Umständen ausgemerzt werden müssen. Ferner findet heuer am Pfingstsonntag ab nachm. 3 Uhr (bei günstiger Witterung) bei unserem Altburschen Franz Zach Zusammenkunft mit Gartenkonzert, ausgeführt von der Kapelle Mühlbauer, statt. Beim Zapfenstreich abends beteiligt sich der Verein erstmals mit extra angefertigten Lampions. – Die Burschenvereinsmitglieder gratulieren an dieser Stelle ihrem lieben Vorstand zu dieser hohen Ehre. Wir werden ihm beim Burschenzug durch restloses Erscheinen die Treue zu ihm öffentlich bekunden. – Vereinsführer Costa teilt mit: Da mir heuer die Ehre zuteil wird, das Pfingstkränzchen zu empfangen, beauftrage ich den Kassier Sepp Dullinger sämtliche Vorstands­geschäfte an Pfingsten zu übernehmen. Anfragen usw. sind an denselben zu richten. Diesen gab der Burschen zur Kenntnis. (Nächste Ausgabe beachten, es kommen wichtige Mitteilungen und Anordnungen.)"

Und die Anordnungen kommen und lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

"An die Burschen von Kötzting!
Pfingsten, das große Fest der Kötztinger mit seiner über 500 Jahre alten Tradition steht nun vor der Tür. Dieses Fest interessiert wohl ganz besonders uns Kötztinger Burschen besser als alle übrigen des Jahres. Die Vereinsführung des Burschen-Wander-Vereins hat in seiner letzten Ausschusssitzung im Interesse einer geregelten und pünktlichen Durchführung folgende Richtlinien herausgegeben, an die sich jeder Bursche zu halten hat. Bei sämtlichen Aufzügen, an denen sich der Verein beteiligt, haben sich die Mitglieder vollständig zu beteiligen, so wie beim Burschenzug. Der Missstand, dass sich Betrunkene am Burschenzug beteiligen, wurde zwar zum größten Teil in den letzten Jahren beseitigt; die letzten Reste dieses Übels müssen heuer restlos verschwinden, handelt es sich doch hauptsächlich um die Fremden, denen wir keinen Anlass zu schlechter Kritik geben wollen. Selbstverständlich ist es auch für den Bräutigam kein erfreuendes Gefühl, wenn in seinem Ehrenzuge ihn eine jodelnde Horde begleitet. Und gerade heuer wollen wir einen Burschenzug veranstalten wie er noch nie war, in strenger Disziplin und straffer Exaktheit. Ist doch heuer kein anderer als unser Vereinsführer Hans Costa selbst der Bräutigam. Wir wollen ihm auf keinen Fall eine Schande bereiten, sondern ihm durch vorbildliches Verhalten die Stunden verschönern helfen und ihm dadurch den Dank für sein ersprießliches Wirken im Verein abstatten. Ich appelliere ganz besonders an die älteren Burschen, sich am Burschenzug zu beteiligen, was in den letzten Jahren schwer vermisst wurde. Gebe hiermit bekannt, dass jeder Betrunkene vom Burschenzuge ohne Rücksicht auf Person und Stand ausgeschlossen wird. Beteiligungsberechtigt sind nur Kötztinger Burschen. An beiden Tagen freien Eintritt haben nur auf Grund der Vereinbarung mit dem Bräutigam nur Mitglieder des Burschenvereins. Ausweise werden noch ausgegeben. Ein weiterer Punkt ist die Bewirtung beim Bräutigam. Gewiss ist jedem das vom Herzen vergönnt, aber auch hier muss „Maß und Ziel“ beherzigt werden. Wir wollen die Gastfreundschaft des Bräutigams deshalb nicht ausnützen und ihn somit auch im finanziellen Teil unterstützen. Die es angeht, wissen was ich meine. Verhalte sich jeder so wie es sich für einen anständigen Burschen geziemt. Burschen, lasst diese gutgemeinten Worte nicht ungehört verhallen und stellt an Pfingsten Euren Mann; seid ganze Burschen um endlich Ordnung in der Sache zu schaffen. Wir sammeln uns ab halb 4 Uhr an beiden Tagen im Hause des Bräutigams. (Neuaufnahmen nimmt am Samstag bei der Kneipe der Schriftführer entgegen. Das Mahl beträgt am Montag 1, Mark
Näheres wie Lampionzug usw. am Samstag b. Decker.

Frisch auf! 

Burschen-Wander-Verein Kötzting e. V. gegr. 1840
Die Vereinsführung: J. B. Sepp Dullinger."


Hier dann das bearbeitete "Arbeitspapier" der Marktverwaltung an die Burschen:



Ebenfalls für den Pfingstmontag Nachmittag, also ziemlich zeitgleich mit der Bewirtung der Burschen beim Pfingstbräutigam lud der Trachtenverein die Gäste ein:







Nachdem der bisherige Kötztinger Bürgermeister Benno Hoiss im Februar 1936 nach München versetzt worden war, forderte sein Stellvertreter, der "1. Beigeordnete" Hans Kroher die Bevölkerung auf, die Häuser der Marktstraßen festlich zu beleuchten und Kötzting Straßen zu säubern und zu schmücken.






Zusätzlich veröffentlichte der Markt Kötzting Verhaltensregeln für die Pfingstreiter, deren ungewöhnlich deutliche Formulierung erkennen lässt, dass sie kaum ohne konkreten Anlass erlassen wurden.


Besonders bemerkenswert ist aus heutiger Sicht Punkt 4, der das Mitnehmen von Kindern untersagt. Offenbar maß man möglichen Gefahren große Bedeutung bei – war doch noch wenige Jahre zuvor sogar das Mitreiten auf Hengsten für die Teilnehmer untersagt gewesen.

Auch das Pfarramt sah sich, gewiss aus leidvoller Erfahrung früherer Jahre, zu einem öffentlichen Appell veranlasst, nachdem während der Feldmesse in der Vergangenheit bereits Gaststätten ausgeschenkt hatten und das Verhalten mancher Gäste den Gottesdienst störend beeinträchtigte. In ihrem Schreiben mussten die vier Wirte vom Marktplatz mit ihrer Unterschrift bestätigen, den Inhalt des Schreibens zu beherzigen und zu befolgen.

 



Die Bavaria-Tonwoche plante vom Pfingstritt 1936 einen Film zu drehen und schickte auch eine "Skizze für die Verfilmung", die sich im Pfingstakt befindet.
Auch wenn sich von diesem Film keinerlei Spuren mehr finden lassen, so ist doch dieses "Drehbuch" sehr genau aufgeschlüsselt, auch wenn man merkt, dass da einige Details ziemlich "schräg" wirken,  wie die Überreichung einer Urkunde über seine Ernennung als Pfingstbräutigam an den Auserwählten und den Pferdeschmuck mit Rosen und Bändern.





Auch eine Verpflichtungserklärung – ein für den Pfingstbräutigam übliches Prozedere – findet sich in unserem Pfingstakt. Besonders bemerkenswert erscheint mir dabei stets der hier an zweiter Stelle genannte Punkt: das Verbot für die Pfingstakteure, am Dreifaltigkeitstag, also am Sonntag nach dem Pfingstwochenende, einen gemeinsamen Ausflug zu unternehmen. 
Der Hintergrund dürfte im Kirta in Grafenwiesen zu suchen sein, der an diesem Sonntag gefeiert wurde – jenem Kirta also, bei dem nach altem Gerücht der Pfarrer von Grafenwiesen die Kirchturmfenster öffnet und damit die „Breehm“ hinauslässt.
Die damit verbundenen Vergnügungen der jungen Kötztinger scheinen dem Pfarramt offenkundig seit längerem ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Freilich dürfte sich dieses Verbot in der Praxis leicht haben umgehen lassen: Verboten war lediglich der gemeinsame Ausflug – nicht jedoch, sich ganz zufällig auf dem Kirta in Grafenwiesen zu begegnen.



Anders als heutzutage wurden in Kötzting am Pfingstmontag auch "Kirtastände" zugelassen und aufgestellt, die man auch auf alten Aufnahmen am Straßenrand erkennen kann.

Kirtastandbelegung Pfingstmontag 1936

Dachs Anna - beim Hause Stadler - verkauft Brot und Zuckerwerk
Schlenger Maria - beim Hause Rackl - Brot und Zuckerwerk
Graßl Josef - beim Dietl - eigene Waren
Brennert Karl Hofmann Beck - Brot Zuckerwaren 
Brunner Anna beim Drunkenpolz 
Dattler Heinrich beim Stadlereck 
Dattler JOhann f Kremer-Juler (?)

Und so kam dann der Tag der Tage, von dem wir nur einen sehr ausführlichen Zeitungsbericht und das "übliche" Foto beim Atelier Pleier haben.

Pfingstbrautpaar 1936: v.l. Traurig Michl - Zenta Januel - Hans Costa - Plötz Michl


Nur ein einziges Bild vom Pfingstritt des Jahres 1936, das sich diesem Jahr eindeutig zuordnen lässt, befindet sich in unserer Sammlung:

DIA-Repro 1795  Franz Oexler zu Beginn seiner Laufbahn als Pfingstreiter im Jahre 1936, an der Zügelhaltung wird er noch üben müssen, bis er 1945 dann der Kötztinger Pfingstbräutigam werden wird. Da er 1956 seine Ehrenfahne erhalten wir, war dies sicherlich nicht seiner erster Pfingstritte.

m Jahr darauf, 1937, drehte der Kötztinger Lehrer Josef Bock einen Pfingstfilm, in dem in einem kurzen Abschnitt auch die Akteure des Vorjahres zu erkennen sind – allerdings nur in Form eines stark komprimierten und qualitativ schwachen Filmstills, der als Screenshot nur eine eingeschränkte Bildschärfe bietet.
Screenshot des Pfingstfilms von 1937 mitte Traurig Michl im Hintergrund links bereits die Akteure von 1937 im Frack und Zylinder vor dem Hause Dr. Angerer in der Marktstraße



Am Dienstag nach Pfingsten wurde der Pfingstritt nur ganz knapp erwähnt, aber gleichzeitig auf eine ausführliche Berichterstattung für die nächste Zeitungsausgabe verwiesen.

Lokale Nachrichten. Pfingstritt Kötzting 1936. Kötzting, 3. Juni.
Nicht gerade günstiges Pfingstwetter bescherte der Wettergott an den beiden Feiertagen. Kalt und trübe waren die Pfingsttage und für einen Pfingstausflug gar nicht geeignet. Und doch dieser „unfreundlichen“ Witterung hatte Kötzting für seinen Festtag ein festliches Gewand übergezogen, um den traditionellen Pfingstritt festlich zu begehen. Girlanden und Kränze aus frischem Tannengrün, sowie Fahnen und Wimpel, gaben dem Markt den Stempel des festlichen Gepräges.
Schon in den Vortagen brachte die Bahn und Kraftfahrzeuge eine unheimliche Anzahl von Fremden sowie in der Fremde lebende Kötztinger, für die es Herzenssache ist an Pfingsten zu Hause zu sein, in unseren schönen freundlichen Markt, in die Perle des bayer. Waldes. Wenn auch das Wetter nicht gerade das günstigste war, so waren für viele am Pfingstsonntag die umliegenden Berge das Ziel. Die meisten Kraftfahrzeuge und Omnibusse lenkten dem Brennes und Arbersee zu, das ja in wunderschönes Fleckchen Erde ist, um gegen Abend zurückzukehren in den gastgebenden Markt.
Der Auftakt zu den Kötztinger Pfingstfeierlichkeiten sollte ein Gartenkonzert der verstärkten Musikkapelle Mühlbauer im Dregerkeller sein, das es aber zum Missfallen der Kötztinger Bürger und Burschen gründlich verregnete. So musste eben der übliche Zapfenstreich mit Illuminierung des Marktes und Feuerwerkes mit einem Lampionszug des Burschenvereins den Auftakt bilden. Eine dichte Menschenmenge umsäumte die Straßen die der Lampionszug unter schmetternder Marschmusik durchzog. Leider fiel die Illuminierung, wegen des schlechten Wetters fast gänzlich aus.
Am Pfingstmontag der Hauptfesttag selbst, brachte der musikalischen Weckruf, geleitet von Böllerschüssen der die Schläfer soweit sie nicht schon aus den Federn waren, munter machte und bald konnte man in den Straßen ein bewegtes Leben und Treiben sehen, das sich immer mehr steigerte, je näher man dem Höhepunkte des Austrittes kam und noch immer strebten Besucher per Rad, Auto, Omnibus usw. dem Markte zu um den Pfingstritt zu sehen und mitzufeiern. 
Das Krachen der Böllerschüsse, das Geläute der Kirchenglocken und Trommelwirbel kündeten den Austritt an. Wie schon so oft ritten sie die Marktstraße hinunter, voran der Kreuzträger sowie die beiden Laternenträger in alter Tracht, ihnen folgend die Chorknaben, Ministranten, der Priester im Chorrock, das schimmernde Tugendkränzchen an der Brust,  und diesem, nach 50 Jahren wieder zum erstenmale, folgend der Bezirkssturmstand, Herr Regierungsrat Dr. Fiesenig, ihm folgen nun die übrigen Reiter, Pfingstbräutigam und Brautführer, alles die Pferde prächtig geschmückt und so zogen sie getreu dem Gelübde laut betend hinein ins liebliche Zellertal, zum Kirchlein der St. Nikolaus in Steinbühl. Alle Jahre das gleiche religiöse Schauspiel und alle Jahre erweckt es erneut das tiefe religiöse Empfinden und verschafft sich Eindruck.
Während die Rittteilnehmer laut betend und unter Absingung der 4 hl. Evangelien nach Steinbühl wallfahrten, stellten sich in Kötzting in der Adolf Hitlerstraße der Gemeindeart, die titl. Beamtenschaft sowie sämtliche Vereine zum Kirchenzuge auf. Gegen halb 10 Uhr zogen sie unter Musikklängen zum St. Veitskirchenplatz, wo H. H. Pfarrer Rosenheimer die herkömmliche hl. Feldmesse zelebrierte, der eine ungeheure Menschenmenge beiwohnte. Nach Beendigung derselben zogen die Teilnehmer wieder mit Musik zurück zum Pfarrhof, wo die Auflösung erfolgte. 
Bei sämtlichen Aufzügen marschierten an der Spitze 2 Feuerwehrmänner in der neuen Uniform voran, die einen ganz mächtigen Eindruck machte.
Um halb 2 Uhr brachten die Böller und kündigten die Ankunft der Pfingstreiter aus Steinbühl. In der Adolf Hitlerstraße sammelten sich die Vertreter des Pfingstausschusses und Vereine und warteten hier die Rückkehr der Reiter ab. Nach Ankunft des Kreuzträgers setzte sich der Festzug in Bewegung um zum Jahnplatz zu marschieren, wo die Überreichung des Tuugendkränzchens an den auserwählten Träger des Pfingstkränzchens stattfand. Während des Einrittes in den Jahnplatz intonierte die Musikkapelle das Niederländische Dankgebet. Nach einer Ansprache des Geistlichen, Hochw. Herr Coop. Thoma über Sinn und Zweck des Pfingstkränzchens, überreichte er die zierliche Filigranarbeit dem Bürgers- und Hausbesitzerssohn Hans Costa, der es mit Freude und schlichten Dankesworten entgegennahm. Für 25 jährige Teilnahme am Ritt wurde mit seidener Fahne Franz Kral, Karl Gerstl, Wolfgang Kolbeck sämtlich aus Kötzting und Zitzelsberger von Viechtach ausgezeichnet.

Eine auffallende Figur ist und bleibt ohne Beispiel unser bekannter und mit zäher Ausdauer am Pfingstritt hängender Grubmüller Franz (Zitzelsberger), der heuer zum 59. Male den Ritt mitmachte und in seinem Alter von 76 Jahren seine Vorbeterstimme im Zuge ertönen ließ.  Die schon lange sichtbare schwarze Wolke über dem Sonntagmorgen war in der Zwischenzeit auch näher gekommen und sandte ihr Nass auf die Versammelten.
Eine unheimliche Anzahl und kaum übersehbare Menschenmenge bezog die Plätze die der Ritt passierte. Nach Beendigung der Übergabe endete der religiöse Teil. Hierauf setzte sich der Zug wieder in Bewegung zum oberen Markt und noch einmal ging die Prozession unter Glockengeläute unter Glockengeläute und Böllerschießen durch den Markt um sich bei der Pfarrkirche aufzulösen. Die Aufführungen des Trachtenvereins am Maibaum fielen „ins Wasser“. Nun begann die Arbeit für den Pfingstbräutigam und seine beiden Brautführer Michl Traurig und Michl Pilz in Begleitung zweier Signalisten zu Pferde um die Einladungs- und Danksagungsvisite bei Hochw. Herrn Pfarrer, beim Bürgermeister, Bezirksamtsvorstand und Braut abzustatten.




DIA-Repro 894: Bewirtung im Garten in der Schattenau mit Kooperator, Hans Costa, Josef Dullinger

Währenddem fanden sich beim Bräutigam die Burschen ein, die gastlich mit Speise und Trank bewirtet wurden, während die Musik flotte Weisen zum Besten gab. Der wegen des anhaltenden Regens um halb 6 Uhr stattgefundene Burschenzug unter Beteiligung des Bräutigams und der Brautführer in schwarzer Wichs, sowie der Burschenfahne, nahm einen verkürzten Weg zum Hochzeitslokal Januel.


Burschenchronik: Bewirtung im Elternhauses des Pfingstbräutigams in der Schattenau

Burschenchronik Burschenzug herauf von der Schattenau

DIA-Repro 855 Burschenzug in der Herrenstraße



Bei dem gegen 7 Uhr erfolgten Brautzug hatte der Wettermacher wenigstens soviel Einsicht, wenigstens in der Zeit des Umzuges die Himmelsschleusen zu schließen; diesem Umzug wurde besonders großes Interesse entgegengebracht und schneidig durchzog die liebreizende Braut, heuer Frl. Berta Januel, begleitet von den beiden Brautführern und umgeben vieler schmucker weißgekleideter Mädchen, den Schleier tragend, freundlich grüßend nach allen Seiten, die Straßen des Marktes. Die Braut gefiel allgemein.

Nach Ankunft im Hochzeitslokale wurde das übliche Burschenmahl eingenommen und die Pfingsthochzeit der weltliche Teil, eröffnet. Die Pfingsthochzeit bildete die Krönung der ganzen Feierlichkeiten, die so harmonisch und ohne jeden Misston bei sehr zahlreicher Beteiligung der Gesamtwohnbevölkerung und der anwesenden Fremden verlaufen ist.

Am Pfingstdienstag, der großartiges Sommerwetter mitbrachte, wiederholten sich heuer sehr pünktlich  Burschen- und Brautzug sowie Pfingsthochzeit, wo überwiegend die Bürger- und Beamtenschaft Kötztings vertreten war. Erwähnt sei noch, dass der Burschen- und auch der Brautzug am Friedhof einige Minuten Halt machten und während dem Intonieren eines Trauermarsches gedachten Bräutigam und Braut durch ein stilles Gebet ihrer leider schon verstorbenen Väter. Als Ehrengast konnte man am Brauttisch bemerken Frl. Maria Lukas, die genau vor 50 Jahren die Pfingstbraut des Herrn Andr. Costa ein Onkel des heurigen Bräutigams, war.

Pfingsten, der Kötztinger Pfingstritt 1936 ist wieder vorüber, doch unser Ort hat sich wieder um eine freundliche Erinnerung bereichert, die es anspornen soll, dem Ausbau des nächsten Pfingstrittes die gleiche Aufmerksamkeit wie bisher zu schenken, damit die Besucher auch weiterhin gerne nach Kötzting eilen, das nicht umsonst die Perle des Bayerischen Waldes genannt wird.

Monate nach dem Pfingstfest - aber immer noch in den Pfingstakten des Jahrs 1936 - kommt es zu einer Vereinbarung zwischen dem Markt Kötzting und dem Trachtenverein.

Im August 1936 schlägt der Trachtenverein vor, dem Markt Kötzting deren Trachtenjacken abzukaufen, um diese zukünftig kostenlos abzugeben und somit den Rittteilnehmern Kosten zu ersparen.



Bei der nächsten Gemeinderatssitzung entschied der Kötztinger Bürgermeister - nach Beratung, nicht Entscheidung mit/durch die Ratsherren, denn es herrschte damals das sogenannte "Führerprinzip" -, dass die Pfingstreiterjoppen an den Trachtenverein verkauft werden sollten.


 Und so kam es dann im November des Jahres 1936 zur folgenden Vereinbarung:



Zum Abschluss des Berichtes über die Pfingstfeierlichkeiten des Jahres 1936 noch ein Zufallsfund.


Zur Zeit (2026) gibt es große Planungen über die Zukunft des Anwesens Schoierer in der Herrenstraße. Vor 90 Jahren kam die Familie Haushofer auf das Anwesen und begründete diesen "Hausnamen"

🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

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 ⭐ Pfingstritt Pfingstritt Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Pfingsten in Bad Kötzting. 



Viel Freude beim Entdecken!

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