Neues aus dem Stadtarchiv.... eigentlich dem Pfarrarchiv
Nach einem Hinweis des Wettzeller Kirchenpflegers Hans Seiderer auf einen überraschenden Dachbodenfund im dortigen Pfarrheim trafen wir uns Anfang der Woche zu einer ersten Durchsicht eines größeren Aktenbestandes mittendrin im Altbestand der Wettzeller Pfarrbibliothek.
Was den Fund für uns so besonders macht, sind die Belege, die parallel zu den buchhalterischen Jahresrechnungen aufbewahrt wurden und uns - eigentlich gelten Rechnungsbelege nicht als archivwürdig- zeigen, wie eng die Verflechtungen bereits weit vor der Kommunalgebietsreform zwischen Wettzell und Kötzting gewesen waren.
Einschub
Ein Steinbühler Bryologe
In dem unscheinbaren Bestand befindet sich ein bemerkenswerter Schriftwechsel mit dem damaligen Expositus Alexius Schwab aus Steinbühl, der offensichtlich zuvor mit seinem Spezialsteckenpferd an seiner vorherigen Wirkungsstätte im Fichtelgebirge tätig gewesen war.
Aus den Briefen spricht die überraschende wissenschaftliche Reichweite dieses Mannes, der sich weit über seine kirchliche Tätigkeit hinaus einen Namen als gefragter Bryologe gemacht hatte – ja, als einer jener Spezialisten, die man im damaligen Sprachgebrauch beinahe als „Sphagnologen“ hätte bezeichnen können. Seine besondere Leidenschaft galt den Torfmoosen der Gattung Sphagnum, deren Formen- und Standortvielfalt er mit einer Akribie erforschte, die in Fachkreisen durchaus Beachtung fand. So sehr, dass seine eigene Sammlung nicht nur ein privates Studienobjekt blieb, sondern offenbar wiederholt auch wissenschaftlich genutzt wurde: Auf Anfrage versandte Schwab einzelne Belege seiner Sphagnum-Herbarien an Autoren, die gerade an einer Neubearbeitung der damaligen botanischen Bestimmungswerke arbeiteten.
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| Mikroskopische Aufnahmen von Details eines Sphagnum-Mooses |
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| Ich hätte nun die Bitte an Sie, ob Sie die Freundlichkeit hätten, mir für kurze Zeit ihr Sphagnum Herbar zum Zwecke meiner Arbeit zu .... überlassen. |
Die Korrespondenz lässt damit einen Blick in jene Zeit zu, in der sich große Teile der botanischen Forschung noch aus dem engmaschigen Netz engagierter Einzelpersonen speisten – aus Pfarrhäusern, Schulstuben und kleinen Exposituren heraus, getragen von Sammlern, die mit Leidenschaft und Präzision an der Vermessung der Pflanzenwelt arbeiteten.
Dieser Briefwechsel allein – zusammen mit den zahlreichen Rechnungsbelegen Kötztinger Firmen und Handwerker – ist ein kleiner Schatz der Alltags- und Wissenschaftsgeschichte. Er zeigt, wie viel sich aus unscheinbaren Papierstapeln noch heute herauslesen lässt: Netzwerke, Arbeitsweisen und Lebenswelten, die längst vergangen scheinen und doch plötzlich wieder greifbar werden.
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| Moossammler konnten sich offensichtlich auch Exemplare für ihr Herbarium zuschicken lassen |
Einschub:
Aber warum findet sich der Schriftwechsel des damals Steinbühler Expositus Alexius Schwab im Pfarrarchiv in Wettzell? Sehr einfach, ab dem Jahre 1923 war HH Pfarrer Alexius Schwab der Wettzeller Pfarrer geworden, dem Wettzell seine Chronik verdankt.
"Schwab Alexius, 1923 - 1947; Geistlicher Rat, geboren 15.12.1874 in Reuth, gestorben 03.02.1947 und ruht im Wettzeller Priestergrab, Herr B.G.R. Schwab hat sich für Wettzell große Verdienste erworben, indem er den Grundstock für die Chronik verfasste. Er ließ 1934 die Kirche renovieren. Er war korespondierendes Mitglied der naturwissenschaftlichen Akademie in Berlin. Er entdeckte in der Nähe des Abersees ein Moosart, die nach ihm benannt wurde „Swabana". Er wurde am 06.02.1947 von Herrn Dekan Dr. Meinzinger von Rimbach der geweihten Erde übergeben."
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| Foto aus der Perlinger Chronik, die wir nur als Bürokopie im Archiv haben |
Die Kirchenrechnungen von Wettzell und Sackenried
| Das ist der Stapel mit den Rechnungen und - vor allem - den Rechnungsbelegen für die Wallfahrtskirche in Sackenried von 1950-1968 |
1952 waren es schon Klemmen - 1951 noch selbstgebastelte Drahtbügel
Vielleicht ist das zugleich eine kleine Anregung für meine Bad Kötztinger Mitbürger: In so manchem Dachboden, in alten Kisten oder vergessenen Mappen schlummern vermutlich noch ähnliche Zeugnisse unserer Ortsgeschichte. Es lohnt sich, hin und wieder genauer hinzuschauen – man weiß nie, welche Geschichten dort noch auf ihre Entdeckung warten.
🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
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