Translate

Montag, 11. Mai 2026

Das Kötztinger Gymnasium erhält seinen Namen

Es war eine schwere Geburt im April vor 50 Jahren: Noch drei Monate vor der feierlichen Einweihung hatte der Neubau des Kötztinger Gymnasiums immer noch keinen „richtigen“ Namen. Noch am 9. April 1976 schrieb die Kötztinger Umschau in einem ironisch gehaltenen Artikel über die Misere der Namenssuche und verwies sogar auf den Vorschlag, das Gymnasium notfalls nach dem „Räuber Heigl“ zu benennen, sollte sich partout kein würdiger Namenspatron finden lassen.

Bleibt das Gymnasium eine Penne ohne Namen?

So titelte die Kötztinger Umschau Anfang April 1976 und berichtete dann:

Kötzting (zn). Das Kötztinger Gymnasium bleibt weiterhin ohne Namen. Hatte man sich nach langem Gerangel schließlich auf den Namen des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg geeinigt, so fiel die Taufe jetzt ins Wasser. Und es hätte alles so schön gepasst. Am 25. Juni sollte nämlich die Namensgebung mit der Einweihung des Gymnasiums und der Verabschiedung der „ersten“ 31 Abiturienten über die Bühne gehen. Doch Physiker Werner Heisenberg „verlieh“ seinen Namen schon an das Garchinger Gymnasium.

Bis zum Einweihungstag wird sich so schnell keine geeignete Persönlichkeit finden, die das Kötztinger Gymnasium aus dem namenlosen Schlamassel herauszuleiten vermag, betont Oberstudiendirektor Aribo. Meindl, „irgendwas an den Haaren vorbei wird sich nicht herbeiziehen, da bleiben wir dann schon lieber einfach beim Gymnasium Kötzting.“ Trotzdem hat man noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Durch einen Appell an die Ortsansässigen soll nun zu guter Letzt eine „wissenschaftliche, kulturelle und politische Eminenz“ aufgespürt werden. Auch deutsche Politiker, die sich um den Europagedanken verdient gemacht haben, sind erwünscht — vielleicht Gustav Stresemann, obwohl man hierbei vorsichtig sein muss, mit den „Linken“ und den „Schwarzen“ - meint Studiendirektor Meindl. Böse Zungen hätte sogar schon vorgeschlagen, das Gymnasium auf den fast legendären Namen von Räuber Heigl zu taufen! Es wird nicht leicht sein, besonders im Hinblick auf den nahen Termin dem namenlosen Zustand ein Ende zu bereiten. Also Kötztinger — jetzt wird mal scharf nachgedacht!

Dem Aufruf an die Kötztinger, SCHARF nachzudenken  wurde Folge geleistet, denn schon einen Tag später meldete dieselbe Zeitung durch Frau Renate Serwuschok bereits Vollzug.


Es war wohl ursprünglich der Kötztinger Rektor Karl-Heinz Krämer gewesen, der in einem anderen Zusammenhang - nämlich bei seiner Rede zur Einweihung der Kötztinger Zentralschule -  bereits auf einen ganz besonderen früheren Kötztinger verwiesen hatte und nun durch seine fundierten Vorarbeiten bereits ein Fundament für die Namensgebung liefern konnte.  

"Kötzting (na). „Warum denn in die Ferne schweifen . . .“ Es gibt auch berühmte Kötztinger, in Lexika vermerkt. Bürgermeister Seidl war „nicht sehr glücklich“, als er in dem vorbereitenden Papier zur gestrigen Kreistagssitzung im Zusammenhang mit der Namensgebung für das Gymnasium Kötzting lesen musste, dass zwar in erster Linie an Persönlichkeiten der näheren Umgebung gedacht war, alle Überlegungen und Nachforschungen in dieser Richtung aber leider erfolglos geblieben sind. Bei dem gebotenen Respekt vor den ganz Großen des Geistes: Welcher Bürgermeister würde sich nicht freuen, auf eine Koryphäe aus seiner eigenen Stadt hinweisen zu können. Karl Seidl erinnert sich einer Passage aus der Festansprache, die Rektor Karl Heinrich Krämer bei der Einweihung des Schulzentrums auf der Schmidmarter gehalten hat. Damals war von einem bedeutenden Kötztinger die Rede, von dem Freund und Lehrer Bischof Sailers, dem Beichtvater des Landesherrn, dem Professor, Prokanzler und Pfarrer an der Universität Ingolstadt, von dem Jesuiten Benedikt Stattler. Er soll nun Oberstudiendirektor Meindl, dem Lehrerkollegium und dem Elternbeirat vorgeschlagen werden, in der Hoffnung, dass er für würdig befunden wird, dem Gymnasium seinen Namen zu geben.

Der Mann, von dem der Philosoph Immanuel Kant mit Hochachtung sprach und dem der Regensburger Bischof Sailer nachrühmte, er habe „das schlafende Nach- und Selberdenken in Bayern und in ganz Deutschland aufgeweckt und den Studien einen neuen Schwung und eine neue Gestalt gegeben“, dieser Mann wurde am 30. Januar 1728 in Kötzting geboren. Er erlernte zu Niederaltaich die lateinische Sprache, wurde wegen seines Talents als Zögling im Seminar St. Georg in München aufgenommen, trat 1745 in den Jesuitenorden ein und wurde 1759 zum Priester geweiht. Die Ewige Profess legte er 1763 ab. Seine Studien hatten sich aber zunächst nicht nur auf Theologie beschränkt. Er hörte in Ingolstadt philosophische Vorlesungen und auch mathematische, unterrichtete drei Jahre lang als Magister die Grammatik in Straubing und Landshut und ein Jahr lang die Poesie in Neuburg a. d. D., ehe er in Solothurn und Innsbruck Philosophie lehrte und 1770 an die Ingolstädter Universität als Doktor und Professor der Theologie berufen wurde.

Der Kötztinger wurde Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften in München. Er betreute die Stadtpfarrei St. Moritz in Ingolstadt neben seiner Professur an der dortigen Universität, deren Prokanzler er später noch war. 1782 übernahm er die Stadtpfarrei Kemnath, resignierte schließlich, ging wieder nach München, wurde Beichtvater des Landesherrn und bekam 1794 endlich die von ihm selbst erbetene Entlassung. Benedikt Stattler starb am 21. August 1797.  Der Jesuitenpater hat sich auch und vor allem schriftstellerisch betätigt. In seinem zweibändigen "Anti=Kant" bekämpfte er den Königsberger Philosophen. Der reagierte überraschend: "Der Doktor Stattler ist einer meiner konsequenten und lieben Gegner. Er bleibt sich vom Anfang bis zum Ende gleich. Er hat mich und ich ihn verstanden." Karl-Heinrich Krämer hatte seinerzeit auch Bischof Sailer zitiert, der Benedikt Stattler zu einem der hervorragendsten Lehrer zählte, als den Mann „der das Pflügen seiner Vernunft ganz persönlich zu schärfen wusste, um den ganzen Acker der scholastischen Philosophie und Theologie gründlich umzuackern und wieder frisch zu besäen.“

Wenn sich die Verantwortlichen des Gymnasiums für Benedikt Stattler entscheiden sollten, dann dürfte es noch einiges zu tun geben, um weitere Details über Leben und Werk dieses großen Kötztingers aus den Staatsarchiven und Universitätsbibliotheken zu erfahren. Insgesamt soll er 46 Schriften verfasst haben. Viele davon kamen auf den Index. Ihm selber soll sogar die Exkommunizierung gedroht haben. In der Rückschau lassen sich diese Repressalien nicht anders als so deuten, dass der Gelehrte seiner Zeit weit voraus gewesen ist, dass er von seinen Zeitgenossen verkannt und missverstanden wurde. Was ihm in seinem Leben sicherlich nicht in Fülle zuteil geworden ist, könnte ihm nun seine Vaterstadt zollen: Ehre und Anerkennung, wie er sie verdient hat.

  Einschub 

Bereits im Mai 1976 hatte die Kötztinger Umschau ein Bild Benedikt Stattlers veröffentlicht – die lediglich 7 x 9 cm große Fotografie einer Gedenktafel in der Pfarrkirche St. Moritz. Diese unscheinbare Aufnahme wurde im Frühjahr 1977 für den Kötztinger Maler August Philipp Henneberger zur Vorlage für jenes Ölportrait, das bis heute unsere Vorstellung vom Aussehen des Namensgebers prägt.


Herr Kühn berichtete davon im März 1977:

Der Kreisausschuss (Bauträger der Bildungshalle(!) ist der Landkreis) hatte der Idee von Oberstudiendirektor Aribo Meindl und Heimatdichter, Rektor Karl-Heinz Krämer, zugestimmt und das Porträt bei Kötztings Ehrenbürger, Kunstmaler Aug. Phil. Henneberger in Auftrag gegeben. Die Entscheidung fiel um so leichter, da sich die Kreissparkasse Kötzting mit einer Spende in Höhe von 1000 DM an den Unkosten beteiligte. Henneberger sah sich mit einer schwierigen Aufgabe konfrontiert; als Vorlage hatte er lediglich eine sieben mal neun Zentimeter große Photographie der in St. Moritz in Ingolstadt aufbewahrten Gedenktafel. Die Ablichtung war erstmals in der „Kötztinger Umschau" veröffentlicht worden.
Der Kunstmaler arbeitete drei Wochen an dem Portrait. „Im Stil der alten Meister" (so Henneberger) trug er mehrere Ölfarbschichten auf. So wurde Benedikt Stattler „ein bisserl idealisiert". Außerdem gestaltete Henneberger den Hintergrund nicht originalgetreu. Aber darauf kommt es schließlich nicht an. Das gelungene Werk soll übrigens beim nächsten Konzert-Abend in der Aula des Gymnasiums der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Einschub Ende

Bevor wir nun zur Einweihungsfeier kommen, noch ein schneller Blick zurück auf die schwierigen Anfangsjahre und die Hürden, die zu nehmen waren, angefangen bei der Skepsis der Kötztinger Eltern über die Notwendigkeit eines Gymnasiumsbesuches bis hin zu den Gefahren der Landkreisgebietsreform, da das Gymnasium in Cham sich als Gegner des Kötztinger Schulprojektes stark machte.


Die schwierigen Anfangsjahre:

Zunächst also ein Blick zurück auf die Anfänge des Schulprojekts "Gymnasium für Kötzting", dessen Start mehr als holprig verlief – wie schon einige Überschriften jener Zeit zeigen. Zwar war bereits im Oktober 1965 in Kötzting die Entscheidung gefallen, dass die Stadt ein eigenes Gymnasium - damals hieß es noch "Oberschule" - erhalten sollte, und mit dem Schuljahr 1967/68 konnten auch die ersten Schülerinnen und Schüler das Kötztinger Gymnasium besuchen – zunächst noch in den Schulgebäuden auf der Platte. Es folgten Gutachten auf Gutachten, und auch aus Sicht der Schulstadt Cham war es keineswegs unumstritten, dass die Schülerinnen und Schüler des Landkreises Kötzting künftig nicht mehr auf den Chamer Schulberg fahren sollten. Die endgültige politische Weichenstellung erfolgte jedoch erst im März 1967, als der Kötztinger Kreistag die Entscheidung „pro Gymnasium“ traf.

Einschub

Hierzu erreichte mich eine Zuschrift:

„Kleine Anmerkung zu den „Anfangsjahren“: die beiden Gründungsklassen starteten 1967/68 in der ehemaligen Landwirtschaftsschule (heute Grossparklatz). Erst im Anschluss ging es auf die „Platte“, teilweise mit Zwischenstation Holzapfelschule….😊“

Einschub Ende


Überschrift in der Kötztinger Umschau im April 1968


wo. Kötzting. Es liegt Tragik für den einen Teil, Sorge um die Existenz für den anderen darin, wenn das Kötztinger Gymnasium bei weitem noch nicht auf die Resonanz unter der Bevölkerung stößt, die man dieser Bildungsanstalt wünschen möchte. Nun hat man zwar hierzulande nicht über Begabungsreserven zu klagen; wie viele Kinder aber werden auf Grund der haarsträubendsten Einwände der Eltern gegen das Gymnasium an einer Weiterbildung gehindert? Zieht dann nicht auch eine Gefahr für den Bestand des Gymnasiums herauf? Diese Frage muss sich Oberstudienrat Aribo Meindl gestellt haben.



Die beiden ersten Lehrkräfte des Gymnasiums Kötzting waren OStR Aribo Meindl für Mathematik und Physik und OStR Hans Geith für Latein, Deutsch und Geschichte.

Am Freitag den 8.9.1967 konnte die Kötztinger Lokalpresse dann berichten:
 


KU vom September 1967



Kötztinger Zeitung vom 8.9.1967


Überschrift in der Kötztinger Umschau Ende April 1968, gegen Ende des ersten Schuljahrs

rs. Kötzting. Sieben Monate Gymnasium Kötzting — das war für den Leiter dieser Schule, Oberstudienrat Aribo Meindl, ein guter Anlass, die Eltern seiner Schüler zu einer Versammlung in die Kreisberufsschule zu laden. Und trotz des schönen Frühlingswetters, das der Samstagnachmittag bot, war dieser Einladung in großer Zahl Folge geleistet worden. Mit stolzer Freude konnte der Schulleiter mitteilen, dass fast alle Schüler ihre Anfangshemmungen überwunden und ihre Schüchternheit weitgehend abgelegt haben. Täglich könne man beobachten, wie das Zutrauen zu den Lehrern wächst.

Für den Mai 1969 wurde dann ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben 



Sammlung Serwuschok: Der Schulhausbau im Mai 1971. Das Richtfest wurde dann bereits im September 1971 gefeiert.

Während auf dem Schulberg der Neubau Gestalt annahm, stellte die Zeitung – ebenfalls im September 1971 – die „Gründerklasse“ vor: jene Jungen und Mädchen, die fünf Jahre später als erster Abiturjahrgang das Gymnasium verlassen sollten.
Gleichzeitig gab es die Befürchtung, das Kötztinger Gymnasium in seiner Endausbaustufe könnte ein Opfer der Landkreisgebietsreform werden.

Überschrift im Jahre 1971, zum Höhepunkt der Landkreisdebatten


Die Gründerklasse des Schuljahres 1967/68 nun bereits vier Jahre später im Jahre 1971


Die Großbaustelle im Winter 1972


Im Herbst 1973 war dann bereits der erste Anbau fällig


Bürgermeister Karl Seidl, Landrat Ernst Girmindl und Kötztinger Stadträte bei der Hebefeier des Anbaues im September 1973

Die große Einweihungsfeier

Und dann kam der große Tag; Direktor Aribo Meindl selber schrieb für die Kötztinger Umschau  und Reithner Dieter für die Kötztinger Zeitung die jeweiligen Artikel zur Einweihung des Neusprachlichen Gymnasiums in Kötzting am 25. Juni 1976. 
Leider haben sich gerade von dieser Veranstaltung keine Negative erhalten, so dass uns nur die relativ unscharfen Zeitungsbilder zur Verfügung stehen. Die Einweihungsfeier markierte – gemeinsam mit der Entlassung der ersten Abiturklasse – den feierlichen Schlusspunkt unter Bauarbeiten, die sich über mehrere Jahre erstreckt hatten.



Hier die Namensliste von Kötztings erstem Abiturjahrgang:

Kötztinger Zeitung vom 26.6.1976

Am Ende der Veranstaltung kam es dann zur großen Überraschung, die Entscheidung für die Namensgebung wurde verkündet, die tatsächlich  erst 4 Tage vor dem Einweihungstermin getroffen worden war.



Aus dem Kretschmerarchiv und der Negativsammlung von Frau Serwuschok stammen mehrere Aufnahmen aus dieser frühen Zeit, die den Abschluss dieses Beitrags bilden und zugleich noch einmal einen anschaulichen Blick auf die Anfänge ermöglichen.

Im Juli 1974 demonstrierte das Kötztinger Gymnasium im Rahmen ihrer Schulabschlussfeier für den Frieden in der Welt: (Die Bildunterschriften stammen aus der Kötztinger Umschau vom 31.7.1974)


Sie fragten: was ist Frieden nun wirklich? Ein Wechselgespräch

Der Direktor Aribo Meindl

Direktor Meindl bei der Verleihung der Ehrenpreise an die Schüler, die sie sich verdient hatten.

Aus dem Kretschmerarchiv stammen die folgenden Bilder der Abschlussfeier des Jahres 1976:

 Johannes Reitmeier ganz rechts, rot-weiß mit Korb Sabine Früchtl (verh. Norgall – Schwester der Pfingstbraut 1974), links mit Kopftuch Marlene Kroher, daneben Monika Schreiner (weiße Bluse, rotes Dirndl), daneben grünes Dirndl Carolin Eckert, daneben Susi Weigl (blau-rotes Dirndl, dunkle Haare), in der Mitte hintere Reihe blond Barbara Vogl)

 rechts Leopold Henneberger, daneben klatschend Birgit Starflinger, links vom Notenständer Klavier in grün Johannes Reitmeier

Am Klavier Johannes Reitmeier, daneben Margarete Hermann 




Mitte Anton Staudinger










Und zum Ende des Beitrags eine gefüllte Aula beim Schulabschluss des Jahres 1977

KU vom 28.7.1977 


🗺️ Ein Tipp zum Schluss:
Auch dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte Kötztings eingetragen.
Dort werden Beitrag um Beitrag aus der Häuserchronik und die vielen anderen  historischen Themen dieses Geschichtsblogs direkt im Stadtplan verortet – jeder Marker führt per Klick zum passenden Blogbeitrag.
Die Karte funktioniert am PC ebenso wie auf dem Smartphone und kann sogar als kleine App gespeichert werden.

 Reserve weiß Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.