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Freitag, 9. Oktober 2026

Kötztinger Häuserchronik - alte Hausnummer 121

  Mit der sogenannten Uraufnahme und der beginnenden Landvermessung zählte Kötzting insgesamt 159 Anwesen. Die Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuzeichnen und möglichst genau zu dokumentieren, ist das Anliegen dieser Häuserchronik. Wer sich näher mit den frühen Entwicklungen unserer Heimatstadt beschäftigen möchte – von den ersten Urhöfen bis zur Erhebung Kötztings zum Landgerichtsort –, findet dazu ausführliche Informationen in einem einleitenden Blogbeitrag. 

Eine grafische Übersicht über die bereits veröffentlichten Hauschroniken gibt auch die neue interaktive Karte.

Bei den nun folgenden zehn Anwesen ist allerdings eine Besonderheit zu beachten: Die Häuser mit den alten Hausnummern 113 bis 123 bestanden bereits lange vor dem großen Marktbrand von 1867, wurden nach der Katastrophe jedoch nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten errichtet. Mit der Neuordnung des unteren Marktes und dem Bau der unteren Marktstraße, des Pfeffergrabens sowie später der Holzapfelstraße entstand ein neuer Ortsteil, in den die bisherigen Hausnummern übertragen wurden.

Die Identifizierung dieser Anwesen ist deshalb heute nicht mehr über ihre frühere Lage möglich, sondern ausschließlich über die weitergeführten alten Hausnummern.
 


Alte Hausnummer 121

beim  Hartl

Visualisierung durch ChatGPT auf der Basis von
Vermessungsamt Cham 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_1831_Beilage_M2500_1_1-01
Durch diese Art der Darstellung wird deutlicher sichtbar, wie anders der Bereich der heutigen Unteren Marktstraße vor dem Marktbrand ausgesehen hat. 
Der Kötztinger "Stachus" war ein echter Platz mit diversen Vorgärten und den Zufahrten zu den rückwärtigen Gebäuden und Städeln. Das große zentrale Gebäude war das Kötztinger Bürgerspital.

Im Staatsarchiv in Landshut haben sich die Wahlunterlagen der Magistratswahl von 1806 erhalten, deren Auswertung eine frühe Häuserliste darstellt und aus der man erkennen kann, dass das kleine Haus, das in der Liste zwischen dem Wagner Brebeck und dem Schmid Drunkenpolz stehen sollte/müsste, offensichtlich noch gar nicht existierte.

StA Landshut LGäO Kötzting Nr. 793 Magistratswahlen von 1806 Wahlzettel und Bürgerliste

Achtung: die hier aufgeführte Hausnummerierung wurde später abgeändert, nur die Reihung blieb bestehen.
Hausnummer 98  Adam Jobst   (=spätere alte Hausnummer 118)
Hausnummer 99 Anton Mack   (=spätere alte Hausnummer 119)
Hausnummer 100 Ander Brebeck (=spätere alte Hausnummer 120)
Hausnummer 101 Johann Drunkenpolz ((=spätere alte Hausnummer 124)

Die "übersprungenen" beiden späteren alten Hausnummern 121 und 122  existierten 
im Jahre 1806 noch nicht. Die Nummer steht für das Bürgerspital, das natürlich nicht in der Wählerliste stehen konnte.
Die nächste Liste, die uns weiterhelfen könnte, stammt aus dem Häuser- und Rustikalsteuerkataster von 1811.  Auch hier dasselbe Bild:
StA Landshut Rentamt Kötzting B27


Auf Ander Brebeck (120) folgt direkt der Schmied Drunkenpolz (124)
Die nächste vollständige Hauserliste, die uns weiterhelfen könnte, ist der Grundsteuerkataster des Jahres 1840/41 und hier werden wir fündig und erfahren auch das genaue Datum, an dem dieses Haus neu erbaut worden ist.
StA Landshut Grundsteuerkataster 5039 
"Lt Urkunde vom 24. Mai 1812 den ehemaligen Spitalstallung=Theil von der Stiftungsadministration Viechtachs um 89 fl erkauft und daraus nebiges Häuschen gebildet."


StA Landshut Grundsteuerkataster 5039 
Hausnummer 121 in Kötzting Johann Hartl
Ein Leerhaus
Gebäude
Wohnhaus mit kleinem Hofraum
Hofraum 1/6 Antheil gemeinschaftlich mit Hausnr. 97,101,120,122 und 127
Gärtl
Gemeinderecht
Zu ganzen Nutzantheil an den noch unvertheilten Gemeindebesitzungen.

Wir haben damit als den Erbauer des Hauses und den ersten Besitzer:

Johann Hartl und Barbara Lanzinger


Bereits am 9.7.1811 findet sich eine Fehlgeburt der beiden in den Kötztinger Matrikeln, welches aber als eheliches Kind eingetragen ist. Leider findet sich in Kötzting kein dazu passender Heiratseintrag nur noch 9 weitere Geburten bis hin zum Jahre 1831. 
Viktoria, das letzte der Weberskinder verstirbt nur einen Tag nach ihrer Geburt an der "Frais".
Im Jahre 1834 verklagen die beiden Nachbarn Ander Brebeck und Johann Hartl ihre gemeinsame Nachbarin Magdalena Haas vor dem Kötztinger Vermittlungsamt: "Ander Brebeck und Johann Hartl von K. gegen M. Haas von K. wegen der Beschuldigung der letzteren 2 Bäume abgeschnitten zu haben. Verglichen. Magdalena Haas wird erneut ermahnt ihre Zunge in Zaum zu halten."
Magdalena Haas befolgt offensichtlich den guten Ratschlag nicht, denn schon 4 Jahre später kommt es zur erneuten Verhandlung in derselben Angelegenheit:
"Bürger Ander Brebeck und Johann Hartl v K gegen Magdalena Haas v K wegen Beschuldigung der letzteren 2 Bäume im Hofe abgeschnitten zu haben.
Verglichen weil die Beklagte ohnehin nur eine Mitwisserschaft vermuthet hat . Beklagte muss 3 fl in Zukunft zahlen, wenn sie weiter entehrende Äußerungen und Vorwürfe sich schuldig macht. 
Aus dem Jahre 1842 ginbt es sogar eine genauere Beschreibung des kleinen Häuschen:

StA Landshut Grundsteuerkataster 5045

Johann Hartl, Webermeister /:Hauseigenthümer:/
Hauptgebäude:
I. 1 Wohnzimmer, 1 Holzlege und Hausboden unterm Dach
Unterschrift Johann Hartl.

Die bedeutet, das Häuschen bestand insgesamt nur aus einem einzigen Zimmer, in dem gewohnt, gearbeitet, gekocht, geboren, gestorben, gespielt  und geschlafen wurde

Im Jahre 1822 reichte der Nachbar, der Schreiner Joseph Tadler einen Bauantrag ein und auf dessen Lageplan ist auch das Haus des Johann Hartl als Nachbar berücksichtigt.


StadtA Kötzting AA XI 72



Der Webermeister Johann Hartl verstirbt mit 70 Jahren an Altersschwäche am 15.8.1857; seine Witwe Katharina folgt im mit 71 Jahren am 25.2.1858 ins Grab nach.


Hartl Josef und Kalb Theresia

Am 18.8.1861 heiratete der Kötztinger Weber Joseph Hartl die Grafenwiesener Inwohnerstochter Theresia Kalb.

StA Landshut Grundsteuerkataster von 1860
"Hausnummer 121 in Kötzting Joseph Hartl
Laut Anmeldeprotokoll Nro 332 und Briefs vom 20. März 1858 von den Johann Hartlschen Relikten übernommen."
Wohnhaus mit Hofraum usw.

Als das junge Weberpaar im Jahre 1861 geheiratet hatte, ahnten sie natürlich nicht, dass sie schon 6 Jahre später vor den Trümmern ihrer Existenz stehen würden, als eine Woche vor Pfingsten der große Marktbrand ausbrach.

Der Marktbrand vom Juni 1867

Eine Woche vor dem Pfingstfest im Jahre 1867 zerstörte eine Großbrand fast eine Hälfte der Kötztinger Anwesen, darunter auch das mit der Hausnummer 121


"Der Brand 1867 nach Kooperator Riederer im Kötztinger Anzeiger im Jahre 1912

Vor 45 Jahren, die Nacht vom 3. auf 4. Juni, Montag auf Dienstag, war für unsern Markt eine Schreckensnacht. Die Einwohnerschaft hatte sich eben zur Ruhe begeben und lag im tiefsten Schlaf. Nur auf dem Kollmaier-Keller unten weilte noch eine Hochzeits-Gesellschaft; Bräutigam war der Stockmüller Hermann (Vater der † Frau Kiesl.) Heimkehrende Festgäste bemerkten zuerst – es war gegen ½12 Uhr – die aufsteigende Feuersäule und machten Lärm: es brennt beim Voglbäck (jetzt Hahn). Allein bis die Gefahr nur gemeldet wurde, hatte das gefräßige Element schon um sich gegriffen und bis die Schläfer alle geweckt wurden, stand schon die ganze Häuserreihe links der Marktstraße hinauf in Flammen, so daß viele froh sein durften, nur das nackte Leben zu retten.
Zwar waren die vornehmeren Bürgerhäuser schon gemauert, trugen jedoch vorwiegend Legschindeldächer; zahlreiche kleinere Häuschen waren aber noch aus purem Holz gezimmert.
Dazu kamen noch die aufgespeicherten Holzvorräte. Genug ganze Reihen von hölzernen Hintergebäuden, zwischen denen nur ein ganz finsterer Steig vom Drunkenpolz zum Friedhof hinanführte, die sog. „Bollburg“ (d. i. Bollwerk, denn sie standen auf den Grundmauern der einstigen Marktbefestigung); lauter Nahrung für das gefräßige Feuer. So gewaltig war die Feuersbrunst, dass in Vilshofen und in Regensburg Leute auf den Brücken stehen blieben und ihre Vermutungen anstellten.

Vom Entstehungsplatze aus griff das Feuer mit Windeseile um sich, nach oben und nach unten, auch wieder Dächer überspringend. Die Oberen wußten nicht, daß es unten, die Unteren nicht, daß es oben brenne. Wasserleitung und Hydranten kannte man noch nicht; das Feuerlöschwesen war nur wenig entwickelt. Die Löscharbeiten konnten also nichts bedeuten, ratlos und hilflos stand man der verheerenden Feuersbrunst gegenüber. Es hatte auch jeder mit sich selber zu tun, um nur geschwind die Kinder und das Vieh herauszuholen; denn auch die rechte Marktseite war schon bedroht und ihre Bewohner mit dem Ausräumen beschäftigt.

In Ermangelung von Telegraph und Telephon jagten Feuerreiter (z. B. Gerstl) nach Viechtach, Cham und Furth; diese Feuerwehren rückten freilich erst gegen 4 Uhr an, als schon der halbe Markt vernichtet war; sie hatten aber noch genug zu tun, um ein weiteres Umsichgreifen zu verhindern. Unterdessen hatte die Löschmaschine Blaibach ihr Bravourstück schon geleistet und im Verein mit der Kötztinger die Herren-Straße gerettet. "
Neben der Auflistung der Brandleider übermittelt uns Peter Riederer auch die Situation in Kötzting nach dem Brand:
"So lag nun halb Kötzting in Schutt und Asche. Trümmer rauchten noch, da und dort loderten wieder Flammen auf, geschwärzte Mauern und Kamine ragten in die Lüfte ein schauerhafter Anblick; und 8 Tage darauf war an St. Veit die Feldmesse zum Pfingstritt. Händeringend starrten die Männer auf die Brandstätten, jammernd die Frauen. Das Vieh lief brüllend auf den Wiesen herum. Zum Glück war nicht ein einziges Menschenleben zu beklagen. Aber ohne Obdach, ohne Bett, ohne Kleidung, ohne Brot waren viele.
Da war's nun rührend zu sehen, wie die verschont Gebliebenen ihren obdachlosen Mitbürgern Unterkunft und Herberge anboten; selbst im Pfarrhof war Einquartierung. Dennoch mussten Familien wochenlang in Städeln kochen, wohnen und schlafen.
Der Bräu von Blaibach brachte zuerst eine Fuhre Brot und weinend nahmen die Familienväter die Laibe in Empfang. Auch sonst kam Hilfe von überall her: ganze Wägen voll Lebensmittel, Getreide, Wäsche, Kleidung etc. kamen aus den Nachbarorten den ganzen Sommer hindurch und gelangten in der Landgerichts-Remise (jetzt Amtsgericht) täglich von 10–11 Uhr zur Verteilung. Es wurde ein Hilfskomitee gebildet, bestehend aus den Herren: Pfarrer Lehner, Notar Wittmann, Bürgermeister Haas, Süß, Österer, Lukas, Kraus.

Rasch ging es an den Wiederaufbau des Marktes. Versichert waren die meisten wohl, aber unzureichend. Dafür trug eine Landessammlung soviel ein, dass auf jeden Brandleider 500 Gulden entfielen. Die Bauern fuhren Bäume herbei und bis zum Winter waren viele Wohnungen zur Notdurft wieder hergerichtet; andere wurden erst im nächsten Jahre fertiggestellt.
Schöner ist der Markt ja geworden, aber die vom Unglück Heimgesuchten können uns Jüngeren erzählen, was sie durchgemacht haben. Auch die Marktgemeinde selber musste finanzielle Opfer bringen, an deren Folgen wir jetzt noch zu leiden haben. Feuerwehr und Wasserleitung tun es nicht allein; aber durch den Schutz des Himmels möge unser Markt vor solchem Brand-Unglück bewahrt bleiben!"

 
Detail aus StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570: der Marktbrand in Kötzting

Bereits am Folgetag versuchte sich der damalige Bezirksamtmann Carl von Paur durch ein tabellarisches Protokoll ein Bild von der katastrophalen Lage und den Bauschäden in Kötzting zu machen..

Zuerst jedoch wurde versucht eine Beschreibung "pro ante" des jeweiligen Brandleiders zu erstellen:
Interessant ist hier die Bezeichnung der Lage des Häuschens: "in der Spitalgasse", eine Ortbezeichnung, die es heute gar nicht mehr gibt.

StA Landshut Rep 164-8 Nr. 1570 Der Marktbrand in Kötzting
XXVIII
Hartl Josef, Häusler und Weber
Das einstöckige Wohnhaus in der SPitalgasse aus Holzwerk und Stein erbaut und mit einem Legschindedace versehen gewesen. Das Resultat der Besichtigung und Schadenserhebung vide Tabelle I sub Nr. 16
Unterschrift Jos. Hartl"

StA Landshut Rep 164-8 Nr. 1570 Der Marktbrand in Kötzting
.... von den Gebäude bestehen noch 3 Umfassungsmauern im Erdgeswchoss, welche weder Tragfähigkeit noch Materialwerth in sich schließen.
Alles Brennbare ist vom Feuer vernichtet worden
Schaden Total
Größe des Hauses: 21 x 33 Schuh, (also 6 x 10 m)
Höhe des Hauses: 20 Schuh, (also ca. 5,50 m)


Im Grundsteuerkatasterumschreibeheft ist das - neu errichtete - Haus bis zum Jahre 1872 immer noch als in Besitz des Josef Hartl vorgetragen. Mit Datum des 18.6.1872 ist der Kauf durch Amann Johann und dessen Frau Leokardia eingetragen.

Amann Johann und Röckl Leokardia 

Diese beiden – der Spenglermeister Johann Amann, Sohn des Chamer Zeugwebers Georg Amann und dessen Ehefrau Petronella, geborene Perlinger aus Lam, sowie Leokardia Röckl, die Tochter eines Kötztinger Landgerichtsdieners – hatten bereits am 11. Mai 1868 geheiratet.
im selben Jahre hatte der Spengler auch das Kötztinger Bürgerrecht erwerben können, wofür er 25 Gulden an die Marktkasse zu bezahlen hatte.
Das "Spenglerrecht", das er zur Gewerbeanmeldung benötigte, konnte er von Margaretha Höchstetter erwerben.


StA Landshut Grundsteuerkataster 5055
Der Vorbesitzer, der Weber Joseph Hartl, stirbt am 6.2.1877 mit 65 Jahren an Lungenlähmung 

Im Jahr 1882 reichte Johann Amann einen Bauplan ein, weil er an der Rückseite seines Hauses ein Toilettenhäuschen errichten wollte. Der dazugehörige Lageplan zeigt anschaulich, wie sich der untere Markt damals schrittweise entwickelte.

StA Landshut Rep 162-8  Sch. 21 Nr.  3119 Amann Johann
Plan
über Wiedererbauung eines gegenwärtig hölzernen
Abtrittes zu Mauern und Erbauung einer Holzlege
für Johann Aman n Spänglermeister in Koetzting
Erklaerung
Nro 1 Bauplatz zum Abtritte - Nro 2 Bauplatz zur Holzlege -Nro 3 Waschhaus des Bauherren Nro 4 Hofraum desselben - Nro 5 Holzlege des Jos. Weissenbach - Nro 6 Hofraum und Garten desselben - Nro 7 Holzlege des Jos Pongratz - Nro 8 Wohnhaus und Hofraum desselben - Nro 9 Wohnhaus des Joh. Stoiber - Nro 10 Stadel desselben - Nro 11 Remise des Hermann Müller

Ein Hinweis zum besseren Verständnis des Planes: Links ist die heutige untere Marktstraße, damals noch Chamauerstraße - später Bahnhofstraße - genannt und aus den Anwesen 6 und 3 wird später der Hauskomplex Oexler und aus den Häusern 9 und 10 das Anwesen des Andreas Krämer werden.


Im Jahre 1896 reichte die mittlerweile verwitwete Leocantia Amann einen Bauplan ein, um nicht nur das Haus um ein Stockwerk zu erhöhen, sondern auch noch um einen Laden einzubauen.

StA Landshut Rep 162-8  Sch. 22 Nr.  3272 Aman Leokantia 1896
Das benachbarte spätere Anwesen Georg und Andreas Krämer ist hier noch ein Stadel und ein Wohnhaus des Gerhard Lecker (f und g) und das frühere Obermayeranwesen ist zu diesem Zeitpunkt das Lehrerinnenhaus Kötztings (i)

Im Staatsarchiv in Landshut befindet sich der Nachlassakt der Leocardia Amann

StA Landshut Rep 166N-12 Schachtel 48 Nr. 88 Amann Leokardia bei Rothbauer 1908

Mit 65 Jahren verstarb Leokardia Amann im Hause der Kinder im Pfeffergraben

Die eigenhändigen Unterschriften der im Nachlassakt berücksichtigten Kinder


Rothbauer Joseph und Franziska Amann


Am 19.11.1894 heiratete der aus Simbach stammende Maler Joseph Rothbauer die Spenglerstochter Franziska Amann und beide übernahmen dann am 23.3.1904 das Haus von der Mutter bzw. Schwiegermutter.

DIA-Repro 1786 Anwesen Rothbauer später Rückgebäude Oexler Wilhelm

Bei nächsten Bild (Familie Krämer) kann man das frühere Rothbauerhaus im Hintergrund gut noch erkennen.

DIA-Repro 1436 das Rothbauerhaus im Hintergrund

Mit gerade mal 43 Jahren verstirbt der Kötztinger Malermeister  Joseph Rothbauer am 31.1.1915 in seinem Haus im Pfeffergaben 121.

StA Landshut Rep 166N-12 Schachtel 57 von 1915 Nr. 9 Hanr 121 Rothbauer Josef Maler

Im Nachlassinventar wird dann auch bereits das vom Ehepaar erworbene Haus in der heutigen Holzapfelstraße aufgelistet.

Das zweite Haus der Rothbauers in der heutigen Holzapfelstraße:
 StA Landshut Rep 162-8  Sch. 23 Nr. 3427 Rothbauer Hnr 116a 1-2 Wohnhaus

 
In seinem Nachlassverfahren sind auch seine Beerdigungskosten aufgelistet:
(StA LandshutRep 166N-12 Schachtel 57 von 1915 Nr. 9 Hanr 121 Rothbauer Josef Maler)
(StA LandshutRep 166N-12 Schachtel 57 von 1915 Nr. 9 Hanr 121 Rothbauer Josef Maler)



Im Akt ist auch detailliert sein Vermögen aufgelistet:





Oexler Wilhelm und Monika Mauerer


Am 25. Oktober 1916 erwarb Wilhelm Oexler, Sohn des Kötztinger Buchdruckers Vitus Oexler, das Haus von der Witwe Rothbauer. Am 22. Oktober 1917 heiratete er die verwitwete Monika Vogl, eine Tochter des Fabrikbesitzers Franz Mauerer von der Irlmühle und dessen Ehefrau, einer geborenen Seidl vom Schneiderberg.



Ab dem Jahre 1916 war nun also der Buchdrucker Wilhelm Oexler der neue Besitzer des Hauses im Pfeffergraben. Sein späteres "Hauptgebäude" an der Marktstraße war damals noch in Besitz des Buchdruckers Weissenbach.

DIA-Repro 0125 Haus Weissenbach später Wilhelm Oexler

Im Jahre 1922 dann erwirbt Wilhelm Oexler das Haus in der Marktstraße und kann dann die beiden Häuser 121 und 108a vereinigen.
StA Landshut Grundsteuerkataster 5055 für das Hus Marktstraße 3 (=alte Hausnummer 108a)
DIA-Repro 313 Familie unter Christbaum ca. 1932 Familie Oexler, Monika Oexler, Ella Oexler, Liesi Oexler, Wilhelm Oexler,  Franz Oexler




Foto Josef Bock - Wilhelm Oexler ca. 1930 


DIA-Repro 3412 

Und zum Abschluss noch einige Aufnahmen der Situation im Jahre 2026

Foto Pongratz: Pfeffergraben 

Foto Pongratz: das "Oexlergasserl" - früher Lucknergasse oder Schulhausgasserl



Foto Pongratz: Nach der umfangreichen Renovierung, das frühere Haus Oexler in der Marktstraße



🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

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🔎 Wer diesen Beitrag dort wiederfinden möchte, muss ein wenig suchen:
Er verbirgt sich in der Markergruppe Kötztinger Häuserchronik 

Viel Freude beim Entdecken!

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Montag, 5. Oktober 2026

Das Kötztinger Fußballstadion wird demontiert

 Wir schreiben den August 1978 und im Zuge der beginnenden Hochwasserfreilegung Kötztings muss auch das alte Fußballstadion weichen. 
Die Kötztinger FFW machte aus der Not eine Tugend und nutzte diese Gelegenheit, um ihre Mannschaften einmal solche Abrissarbeiten am Original üben lassen zu können.

KU vom 28.8.1978





Die Kötztinger Umschau begleitete die Aktion und aus dieser Sammlung haben wir eine ganze Reihe von Fotos bekannter Kötztinger, allen voran vom Vorstand Wolfgang - Gams - Kolbeck.Kötzting (kxa). Eine Meisterleistung vollbrachte die Freiwillige Feuerwehr Kötzting bei ihrer Großübung am Samstag: es ging aber dabei nicht, gegen Flammen anzukämpfen. Die Feuerwehrleute „übten“ mit Spitzhacken, Brecheisen und Motorsägen beim Abbruch der hölzernen Zuschauertribüne auf dem FC-Platz am Roten Steg. Nach sieben Stunden harter und exakter Arbeit war die, seit Jahrzehnten den Kötztingern liebgewordene Sport-Oase verschwunden. Spanndienste leisteten die Landwirte Gerstl und Schedlbauer. Die „Verschiebung“ des Fußballplatzes stellte eine „Vorbedingung“ im Zuge der Hochwasserfreilegung dar.

„Alle Mann Spitzhacken, Brecheisen, Pickel und Motorsägen raus aus dem Löschfahrzeug“, so kommandierte Michael Fleischmann „Samstag früh punkt 7 Uhr auf dem Sportplatz am Roten Steg. Systematisch ging der Einsatztrupp an das Werk. Bretter und Balken wurden abmontiert und auf die Schlepperfahrzeuge verladen. Unter fachmännischen Anweisungen riss Vorstand Wolfgang Kolbeck mit seiner Zugmaschine die „Werbe-Bedachung“ ab. Sogar der jüngste Nachwuchs der FFW leistete „Handlangerdienste“. Max Wiesmeier übernahm die Demontage der elektrischen Leitungen. Von den Stirnen rann der Schweiß und gelöscht wurde nur der Durst bei diesem Einsatz, der „genau wie im Ernstfalle“ geprobt wurde. Gegen 14 Uhr war die Arbeit vollbracht. Die „Großübung“ verlief ohne jeden Zwischenfall.

Gams auf seinem Schlepper

Dieser Abbruch stellte für die FFW nicht nur eine „Probe aufs Exempel“ dar, sie sollte auch eine „einbringliche“ Übung sein. Schriftführer Xaver Wellisch schaltete schnell: Nach Bekanntwerden der Vergabe der Sportplatz-Verlegung (die Baufirma Schönberger hatte die FFW die Abbrucharbeiten großzügigerweise überlassen), erklärte Kommandant Michael Fleischmann: „Wir brauchen schließlich Geld für unser neues Feuerwehrzentrum und was wir uns heute verdient haben, kann schon als gute Grundlage betrachtet werden“, meinte Vorstand Wolfgang Kolbeck. Das Einsatzkommando klappte hervorragend, die Geschicklichkeit beim Handanlegen war meisterhaft und um „der Sache willen“ leisteten die Feuerwehrmänner ganze Arbeit. Diese Aktion ließ deutlich erkennen, welche Vorteile Gemeinschaftsarbeit erbringt.

Obwohl sich wenige „Zaungäste“ bei dieser „Großübung“ sehen ließen, interessierten sich dennoch einige Fußballer für den Abbruch. So sieht Heribert Eggersdorfer mit einem lachenden und einem weinenden Auge die „Verschiebung des Fußballplatzes“ und ist überzeugt, dass Jahre vergehen werden, bis der FC wieder auf eigenem Platze spielen kann. Platzwart Alois Menacher meinte ziemlich deprimiert: „Sieben Johr eabate etza auf dem Plotz und allewei hob i in sauba hergricht – woana kannt i“


Der "Gams"









Bretter und Balken wurden abmontiert und auf Schlepperfahrzeuge verladen.





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⭐ Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei auf dem Standort des alten Fußballstadions zu finden.


Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

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Freitag, 2. Oktober 2026

Wenn das Recht versagt ...... oder versagt wird Teil 1

Wenn das Recht versagt ...... oder versagt wird 

Eine Dokumentation über das Schicksal des jüdischen Familienverbandes  Klein - Kirschner

Die Einleitung





Bei meiner Recherche zum Schicksal der Kötztinger Bürgerstochter Susanne Kirschner erhielt ich vor Jahren Unterstützung von überraschender Seite. Daraus entwickelte sich ein persönlicher Kontakt, der schließlich sogar zu einem Treffen in Israel führte. Diese herzliche Verbindung zu Shelly Feder und ihrem Mann Eli besteht bis heute. 

Was damals noch niemand ahnen konnte, mündete schließlich in einen außergewöhnlichen Fund: Shellys Großvater hatte als Adressat von Briefen aus Kötzting und Tirschenreuth eine große Zahl von Briefen und Dokumenten gesammelt und über all die Jahre aufbewahrt. Diese Unterlagen eröffnen einen unmittelbaren und persönlichen Einblick in das Schicksal der Großfamilie Kirschner-Klein und ihrer Angehörigen.

Dabei ist mir wichtig festzuhalten, dass Shelly der Veröffentlichung dieser teilweise sehr persönlichen und privaten Briefe ausdrücklich zugestimmt hat. Auch bei der Bearbeitung und Zusammenstellung dieses Blogs habe ich sie in die einzelnen Schritte einbezogen, sie über die Entstehung informiert und ihre Zustimmung zu den jeweiligen Teilen eingeholt.

Ich konnte bereits in der Vergangenheit zahlreiche Dokumente und Aussagen über diese Familie aus Kötztinger Quellen und aus bayerischen Archiven zusammentragen. Sie hatten jedoch alle einen entscheidenden Mangel: Es waren durchweg Aussagen und Berichte über die Familie Kirschner. Authentische Nachrichten aus der Familie selbst fehlten bislang.

Mit dem nun erhaltenen Konvolut – es sind vor allem Briefe – lässt sich diese Lücke schließen. Zusammen mit den bereits digitalisierten Dokumenten aus den Spruchkammer- und anderen Nachkriegsverfahren entsteht dadurch ein unmittelbareres Bild vom Schicksal dieser Familie. Es ist eine schreckliche Mischung aus zerstörten Plänen, neuen Hoffnungen und immer wiederkehrenden Rückschlägen, die die Familie erleiden musste.

All diese deprimierenden Entwicklungen, von denen die Briefe berichten, sind eingebettet in die ganz alltäglichen Nachrichten aus dem Familienleben. Und darunter finden sich durchaus auch fröhliche und unbeschwerte Momente. Gerade dieser Gegensatz macht die Briefe zu einer besonders eindringlichen Quelle: Neben den großen Ereignissen und ihren Folgen begegnet uns darin immer wieder das ganz normale Leben der Menschen, die von ihnen betroffen waren.


Alice Kirschner, geborene Klein aus Tirschernreuth, die Mutter von
Susanne Kirschner, dieses Bild hatte Susanne (Shosh) wohl mit nach Palästina gerettet und 2005 dann in Yad Vashem abgegeben.
bei ihrer Aussage hinterlegt.

Woher stammt nun diese Briefe-Sammlung:

Um die Sammlung einordnen zu können, muss zunächst der familiäre Zusammenhang betrachtet werden. Denn die Briefe stammen nicht nur aus einer Familie. Sie verbinden die Familien Klein aus Tirschenreuth und Kirschner aus Kötzting miteinander und machen sichtbar, wie eng die Angehörigen trotz räumlicher Trennung miteinander verbunden blieben.

Die Verbindung der Familien Kirschner und Klein

Bevor wir uns den erhaltenen Briefen und ihrem Inhalt zuwenden, soll zunächst eine einfache Auflistung die familiären Zusammenhänge verdeutlichen. Sie dient vor allem dazu, den Adressaten und Sammler des vorliegenden Konvoluts innerhalb der Familie einordnen zu können.

Im weiteren Verlauf der Dokumentation werden die familiären Verbindungen noch wesentlich ausführlicher dargestellt werden. Dann wird es notwendig sein, den „Stammbaum“ um weitere Generationen und Familienzweige zu erweitern und so die jeweiligen verwandtschaftlichen Beziehungen genauer aufzuschlüsseln und zu erläutern.

Hier also zunächst die beiden wichtigsten Familienzweige und deren Zusammenhang.

Dr. Ludwig Eleizer Klein, mit seiner Frau Friedel und der
Enkelin Shelly, nun eine verheiratete Feder, die mir die Briefe ihres Großvaters überlassen hat

Zwei Familien – eine Verbindung

Zunächst begegnen uns hier zwei Familien, die ihren Ursprung in unterschiedlichen Orten haben: die Familie Klein aus Tirschenreuth und die Familie Kirschner aus Kötzting.

Die Verbindung zwischen beiden Familien entstand durch Alice Kirschner, der Ehefrau von Julius Kirschner. Sie war eine geborene Klein aus Tirschenreuth. Ihr Vater Adolf Klein betrieb dort ein Kolonialwarengeschäft.

Viele der folgenden Informationen über Tirschenreuth und die dort lebende jüdische Bevölkerung entstammen dem Buch Juden in der oberpfälzischen Kreisstadt Tirschenreuth (1872–1942) von Ingild Janda-Busl. Mit Frau Janda-Busl konnte ich in diesem Zusammenhang auch persönlich telefonieren. Dabei gab sie mir weitere Hinweise auf Fundstellen und Kontakte, die für die vorliegende Dokumentation von großer Bedeutung waren.

Insbesondere die Hinweise auf die Ausschreitungen während der Pogromnacht 1938 und das dazugehörige Nachkriegsverfahren sind neben den persönlichen Informationen über die letzten Tage der verbliebenen Familienmitglieder unabdingbar für das Gesamtbild. Erst aus dem Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Quellen wird erkennbar, was die beiden Familien schließlich zu erdulden hatten.

Hier das Bild des Kolonialwarenhauses Adolf Klein (Inhaber Max Pick), dem Schauplatz der Ausschreitungen im November 1938.

Tirschenreuth: „Unnaplatz mit Klettnersturm. Drittes Haus von links: Kolonialwarengeschäft Höflinger („Höflinger Wabl“), daneben das Geschäft Adolf Klein, Inh. Max Pick, Eckhaus: Schreinerei Gleißner, rechts davon (verdeckt) das Kommunbrauhaus. Foto Archiv Eberhard Polland, Tirschenreuth.“

Nun folgt ein Bild des Hauses Kirschner in der Kötztinger Marktstraße. Die Aufnahme stammt vom 1. April 1933, also gerade einmal zwei Monate nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. An diesem Tag fand in Kötzting - wie in anderen orten Großdeutschlands - die organisierte Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte statt.

Diese Aktion bei uns führte dazu, dass Julius Kirschner schriftlich alle seine Funktionen beim FC Kötzting niederlegte – einem Verein, dessen Entwicklung und Existenz er zuvor durch seine Energie wesentlich mitgeprägt hatte.


DIA-Repro 2067 Aktion "Kauft nicht bei Juden" vom 1. April 1933 vor dem Hause Kirschner, es war ein Samstag, während draußen auf der Straße bereits die Kirtastände für den Sonntag aufgebaut wurden.


 



Großfamilie Klein

Als die Familie Klein im Jahre 1897 das Tirschenreuther Heimatrecht erhielt, war der Vater der Familie, Adolf Klein, bereits verstorben. Seine Witwe Sophie Klein führte das Geschäft zunächst an seiner Stelle weiter, um ihre sieben Kinder ernähren zu können. Später übergab sie das Geschäft an ihren Schwiegersohn Max Pick.

  • Valerie Klein [1], später verheiratete Stingl. Sie heiratete Hugo Stingl [2]. Das Ehepaar lebte in Haslau in Böhmen, später während des Zweiten Weltkriegs in Prag.

  • Julius Klein, der unverheiratet blieb. Er war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und starb am 14. November 1924 in Tirschenreuth im Alter von 37 Jahren, 7 Monaten und 11 Tagen.

  • Pauline Klein [3], verheiratete Pick. Ihr Mann Max Pick [4] übernahm das Geschäft in Tirschenreuth. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Siddy [6] und Betty [7].

  • Friederike (Frieda) Klein [5], die unverheiratet blieb. Sie wurde später zur wichtigen Stütze der Familie und übernahm schließlich auch die Betreuung ihrer Nichten. Nach der Flucht von Siddy [6] nach Palästina blieb Betty [7] bei Frieda [5]. Beide wurden später Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und ermordet.

  • Ludwig Klein [8], der zunächst als Prokurist in Frankfurt an der Oder tätig war. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne. Mit seiner Familie emigrierte er noch vor der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina. Sein ältester Sohn Fritz wurde später der Vater von Shelly Feder; der zweite Sohn hieß Micha.

  • Juliana Aloisia Klein [9], später Alice Kirschner. Sie heiratete am 15. Januar 1927 in Tirschenreuth den Kötztinger Kaufmann Julius Kirschner [10], geboren am 12. April 1892 in Kötzting. Als Trauzeugen sind Max Pick [4] und Karl Grüner genannt. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Susanne [11] und Alfred [12].

  • Friedrich (Fritz) Klein, der gemeinsam mit seiner Mutter Sophie lebte. Er war im Ersten Weltkrieg als Infanterist eingesetzt und fiel im Juli 1916 an der Somme.





  • Großfamilie Kirschner



    Zur Familie Kirschner gehörten unter anderem:

    • Helene Kirschner [13], die schon 1932  in die USA emigrierte.
    • Albert Kirschner [14], verheiratet mit Renate; das Ehepaar hatte zwei Töchter und einen Sohn.
    • Amalia Kirschner [15], verheiratete Freiwirth.
    • Julius Kirschner [10], verheiratet mit Alice Klein [9], mit den Kindern Susanne [11] und Alfred [12].
    • Josefine Kirschner [13], die in die USA emigrierte.
    • Ida Kirschner [16], verheiratete Seiler. Sie überlebte und Hermann Seiler wurde nach dem Krieg zu einer wichtigen Kontaktperson hier vor Ort für die überlebenden Familienmitglieder.
    • Fanny Kirschner [13], die ebenfalls in die USA emigrierte.


    Staatsarchiv München pol.Dir. Nr. 14457
    Passfoto für Susanne Theresia Kirschner
    vom November 1939, nicht einmal 12 Jahre alt


    Ein dritter Familienverband taucht in dem Briefwechsel noch auf, wenn auch in einem eher geringeren Umfang.  Es handelt sich um die Geschwister von Ludwig Kleins Ehefrau, Friedl, einer geborenen Braun:
     




    Großfamilie Braun



    Willi Braun war ein Künstler und Maler. Einige seiner Gemälde haben sich erhalten, so auch das Bild, das er von Fritz Klein - dem Vater von Shelly Feder, der Familienforscherin, der wir die vielen Briefe verdanken - in Erfurt gemalt hat, als Fritz erst 12 Jahre alt gewesen war.

    Sammlung Shelly Feder: Fritz Klein im Alter von 12 Jahren gemalt in Erfurth von Willi Braun.


    Die in einem der Briefe erwähnte Gertrude - eine weitere Schwester - (1855-1944) hatte Hugo Tischler (1879-1943) geheiratet. Das Paar hatte 2 (oder sogar 3 ) Töchter. 
    Susi Tischler konnte Deutschland vor dem Beginn des Krieges verlassen, schaffte es nach Chicago und heiratete dort Hans Marx.
    Es gibt Hinweise, dass Steffi, die zweite Tochter der Tischlers, von einem Arzt oder Zahnarzt versteckt wurde, den Hugo Tischler gekannt hatte.
    Hugo und Gertrude Tischler wurden von den Nazis ermordet, von der Existenz eines dritten Kindes der beiden, das ebenfalls umgekommen sein soll, gibt es nur Gerüchte und keine Bestätigung.
    Fritz, ein weiterer Bruder aus der Familie Braun, schaffte es zusammen mit seinem Sohn nach Israel, wanderte aber später in die USA aus, genauer nach Chicago.
    Hermann (möglicherweise verheiratet mit einer Grete) und Martin waren weitere Geschwister der Friedl Klein.

    All diese Personen begegnen uns in der Briefsammlung in unterschiedlichen Rollen: als Verfasser oder Empfänger von Briefen, als erwähnte Familienmitglieder oder auch nur am Rand der überlieferten Nachrichten. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven machen den besonderen Wert der Sammlung aus

    Dr. Ludwig Klein – der Hoffnungsanker der Familie

    Dr. Ludwig Klein [8] war ein wichtiger Bezugspunkt für seine weitverzweigten Familienangehörigen. Er lebte bereits seit Anfang der 1930er Jahre mit seiner Frau Friedel, einer geborenen Braun, und seinen zwei Söhnen in Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina.
    Für die in Deutschland zurückgebliebenen Angehörigen wurde er zunehmend zu einer wichtigen Anlaufstelle. Von ihm erhoffte man sich Hilfe bei der Suche nach Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen und in Palästina ein neues Leben beginnen zu können.

    Sammlung Shelly Feder: Dr. Ludwig Klein 


    Seine Sammlung enthält zumeist Briefe, die unmittelbar an ihn gerichtet waren. Unter den erhaltenen Dokumenten finden sich daneben auch persönliche Unterlagen anderer Familienmitglieder. Wie diese in seinen Besitz gelangten, lässt sich nicht in allen Fällen eindeutig feststellen. Es erscheint jedoch naheliegend, dass ein Teil dieser Unterlagen erst nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Hände gelangte oder von Familienmitgliedern nach Palästina mitgebracht wurde, denen die Flucht dorthin gelungen war.
    Dr. Ludwig Klein [8] wurde damit für seine weitverzweigten Familienangehörigen zu einem Hoffnungsanker. Die Briefe zeigen, wie sehr sich die Angehörigen in Deutschland an ihn und seine Möglichkeiten klammerten: Sie baten um Auskünfte, hofften auf Visa und Einreisegenehmigungen, fragten nach finanzieller Unterstützung oder suchten nach Möglichkeiten, Angehörige aus Deutschland herauszubringen.
    Diese Flucht- und Auswanderungsbewegungen setzten bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ein. Denn die neue Herrschaft beschränkte sich nicht auf die Übernahme der Reichsregierung: Innerhalb weniger Monate wurden die demokratischen Strukturen des Staates auf allen Ebenen bis hinunter zu den Kommunen beseitigt und die nationalsozialistische Herrschaft durchgesetzt.
    Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass sich in der großen Briefesammlung noch weitere – für uns relevante – Briefe befinden. Im Moment sieht es jedoch so aus, als hätte ich alle nach dem Frühjahr 1933 geschriebenen Briefe erhalten.

    Die Ausgangssituation im März 1933

    Die Ausgangssituation für die Familien Klein-Kirschner-Pick-Stingl ist im März 1933 vor allem durch wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Druck – und damit durch zunehmende Unsicherheit – geprägt.

    Die Briefe machen jedoch deutlich, dass die Angehörigen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten, wohin diese Entwicklung führen würde. Sie versuchen zunächst, mit den Veränderungen zurechtzukommen, suchen nach Möglichkeiten und halten gleichzeitig an ihren bisherigen Lebensvorstellungen fest.

    Gerade deshalb ist es wichtig, die folgenden Briefe nicht nur rückblickend aus dem Wissen um die späteren Ereignisse zu lesen. Für die Menschen, die sie damals schrieben, war die Zukunft offen. Sie hofften, planten, warteten auf Nachrichten und versuchten, für sich und ihre Angehörigen Lösungen zu finden.


    Hier nun zuerst die Situation des Familienverbundes Klein-Kirschner-Pick-Stingl

    Die verbindende Stelle für all die Familienmitglieder war das Kaufhaus Klein in Tirschenreuth, das von Max und Pauline Pick [4 und 5] betrieben wurde. Pauline Pick [4] war bereits schwer an Tuberkulose erkrankt, weshalb nicht nur ihre Schwester Frieda Klein [8] ihre große Entlastung war, sondern auch Alice Kirschner [10] regelmäßig aus Kötzting anreiste, um ihren Schwestern beizustehen.

    Mit den ersten Briefen vom Frühjahr 1933 - durchgehend erst am 1936 - beginnt eine Briefsammlung, die uns über mehrere Jahre hinweg begleitet – von den ersten Nachrichten aus einer Zeit zunehmender Unsicherheit bis zu den immer verzweifelteren Versuchen, Angehörige zu retten und Deutschland zu verlassen.


    Der Wandel der Briefe – ein Zeitpfeil durch zehn Jahre

    Schon ein erster Blick auf die erhaltene Korrespondenz zeigt eine Entwicklung, die sich fast wie ein Zeitpfeil durch die Sammlung zieht. Nicht nur die Inhalte der Briefe verändern sich – auch die Möglichkeit, überhaupt noch miteinander in Verbindung zu bleiben, wird Schritt für Schritt eingeschränkt.

    1933 – Das Leben geht weiter

    Die ersten erhaltenen Schreiben sind noch persönliche Briefe, wie sie innerhalb einer Familie selbstverständlich waren. Es wird über den Alltag, die Familie, Bekannte und gemeinsame Angelegenheiten geschrieben. Die politischen Veränderungen sind bereits spürbar, aber sie bestimmen die Briefe noch nicht vollständig.

    1936 – 1937 Zwischen Alltag und wachsender Unsicherheit

    Die Briefe sind ausführlich und berichten weiterhin über Familie, Krankheiten, das Geschäft und persönliche Angelegenheiten. Gleichzeitig nimmt die Unsicherheit zu. Immer häufiger geht es darum, was die Zukunft bringen könnte und welche Möglichkeiten der Familie noch bleiben.

    1938 – Die Hoffnung bekommt einen anderen Charakter

    Mit den Ereignissen des Jahres 1938 verändert sich die Situation grundlegend. Die Frage, ob man Deutschland verlassen kann, wird für immer mehr Familienmitglieder zu einer existenziellen Frage. Aus persönlichen Nachrichten werden zunehmend Nachrichten über Papiere, Bescheinigungen, Geld, Verwandte im Ausland und mögliche Fluchtwege.

    1939 – Ein Wettlauf gegen die Zeit

    Nun finden sich immer häufiger Anträge, Zahlen, Fristen und konkrete Auswanderungspläne. Es wird gerechnet, organisiert, nachgefragt und gewartet. Hinter jeder dieser Zahlen und jeder Frist steht jedoch ein Mensch, dessen Zukunft davon abhängt, ob ein Dokument rechtzeitig eintrifft oder eine Einreisegenehmigung erteilt wird.

    Die Briefe zeigen dabei, wie sich die Möglichkeiten Schritt für Schritt verengen. Was zunächst noch als Auswanderung geplant werden konnte, wird zunehmend zu einem Wettlauf gegen die Zeit.

    1940 – Die Flucht wird zur Rettungsfrage

    Die Nachrichten werden bedrückender. Fluchtwege scheitern, Möglichkeiten schließen sich und die Familie versucht weiterhin, einzelne Angehörige in Sicherheit zu bringen.

    Der Tod von Julius auf seiner Flucht nach Palästina macht dabei auf erschütternde Weise deutlich, dass selbst der Weg, der als Rettung gedacht war, lebensgefährlich geworden ist.

    1941 – Die Verbindung bricht ab

    1941 gibt es schließlich keine normale Postverbindung mehr zwischen Deutschland und dem britischen Mandatsgebiet Palästina.

    Wer seinen Angehörigen in Palästina noch eine Nachricht zukommen lassen will, kann dies nicht mehr auf dem bisherigen Weg tun. Die Verbindung läuft nun nur noch über das Internationale Rote Kreuz.

    Damit verändert sich auch der Charakter der erhaltenen Nachrichten. Aus dem persönlichen Briefwechsel ist eine stark eingeschränkte Kommunikation geworden – vermittelt über eine Institution und abhängig von einem Weg, der selbst nicht mehr selbstverständlich funktioniert.

    Hier die für mich erschütternde Kurznachricht  von Alice Kirschner an ihre Tochter Susanne, die alleine in Tel-Aviv ihren Geburtstag feiern kann/soll.
    Die Mutter und ihr Bruder Alfred "hausen" zusammen mit der Tante Frieda Klein und der Cousine Betti Pick in einer Berliner Laubenkolonie, von wo aus dann nur noch ihre Namen auf einer Transportliste in ein Vernichtungslager erscheinen.

    Die Unterschrift "Mama" ist das letzte Lebenszeichen, das Susanne Kirschner von ihrer Mutter erhalten wird.

    1942 – Schweigen

    Für das Jahr 1942 ist aus diesem Briefwechsel nichts erhalten.

    Ob tatsächlich keine Nachrichten mehr geschrieben wurden oder ob nichts davon erhalten geblieben ist, lässt sich aus der Sammlung allein nicht beantworten.

    Aber auch dieses Schweigen gehört zur Geschichte der Familie.

    1943 – Selbst das Telegramm kommt nicht mehr an

    1943 wird noch einmal versucht, eine Nachricht von Tel Aviv nach Deutschland zu übermitteln. Ein Telegramm wird abgeschickt.

    Doch auch diese letzte Verbindung scheitert: Das Telegramm wird zurückgeschickt.

    Damit findet die über Jahre hinweg dokumentierte Kommunikation ihr erschütterndes Ende.

    Die Kommunikation selbst wird zum Spiegel der politischen Entwicklung.

    Aus langen persönlichen Briefen werden Berichte über zunehmende Bedrohung und Fluchtpläne. Aus Briefen werden Anträge, Zahlen und Fristen. Schließlich bleibt nur noch eine über das Internationale Rote Kreuz vermittelte Möglichkeit der Kommunikation – und am Ende erreicht selbst ein Telegramm aus Tel Aviv seinen Empfänger nicht mehr.

    So lässt sich anhand dieser Sammlung nicht nur verfolgen, was mit den Menschen geschah, sondern auch, wie ihnen Schritt für Schritt die Möglichkeit genommen wurde, miteinander in Verbindung zu bleiben.

    Aus der Rückschau auf diese unmenschliche Tragödie, die unsere Mitbürger zu erdulden hatten entstand auch der Titel dieser Dokumentation, die belegt was passiert, wenn das „Recht versagt, oder [von den Machthabern] versagt wird.

    Wehret den Anfängen!


    Wenn die Briefe selber abschnittsweise freigeschaltet worden sind, geht´s hier dann weiter zu den jeweiligen Zeitabschnitt
    Die Jahre (1933) 1936 und 1937. 
    1938 bis zum Einmarsch ins Sudetengebiet
    Die Pogromnacht von 1938 in Tirschenreuth und Kötzting
    Das Jahr der Entscheidung  1939  
    Bis zum katastrophalen Ende


     

    ⭐ Chroniken  Dieser Beitrag ist zum Beispiel in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken und der Jahreszahl 1933-1943 zu finden.



    Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.

    Viel Freude beim Entdecken!

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