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Freitag, 6. November 2026

Kötztinger Häuserchronik - alte Hausnummer 122

   Mit der sogenannten Uraufnahme und der beginnenden Landvermessung zählte Kötzting insgesamt 159 Anwesen. Die Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuzeichnen und möglichst genau zu dokumentieren, ist das Anliegen dieser Häuserchronik. Wer sich näher mit den frühen Entwicklungen unserer Heimatstadt beschäftigen möchte – von den ersten Urhöfen bis zur Erhebung Kötztings zum Landgerichtsort –, findet dazu ausführliche Informationen in einem einleitenden Blogbeitrag. 

Eine grafische Übersicht über die bereits veröffentlichten Hauschroniken gibt auch die neue interaktive Karte.

Bei den nun folgenden zehn Anwesen ist allerdings eine Besonderheit zu beachten: Die Häuser mit den alten Hausnummern 113 bis 123 bestanden bereits lange vor dem großen Marktbrand von 1867, wurden nach der Katastrophe jedoch nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten errichtet. Mit der Neuordnung des unteren Marktes und dem Bau der unteren Marktstraße, des Pfeffergrabens sowie später der Holzapfelstraße entstand ein neuer Ortsteil, in den die bisherigen Hausnummern übertragen wurden.

Die Identifizierung dieser Anwesen ist deshalb heute nicht mehr über ihre frühere Lage möglich, sondern ausschließlich über die weitergeführten alten Hausnummern.
Ähnlich wie beim benachbarten Haus mit der alten Hausnummer 121 ist dieses kleine Häuschen auf dem Grund des Bürgerspitals errichtet worden in der Zeit nach 1811, als die Stiftungsadministration in Viechtach(!) diese Abspaltung erlaubte.
 


Alte Hausnummer 122

beim  Zadler


Visualisierung durch ChatGPT auf der Basis von
Vermessungsamt Cham 5168-2100-LiquiP_Bad_Koetzting_1831_Beilage_M2500_1_1-01
Durch diese Art der Darstellung wird deutlicher sichtbar, wie anders der Bereich der heutigen Unteren Marktstraße vor dem Marktbrand ausgesehen hat. 
Der Kötztinger "Stachus" war ein echter Platz mit diversen Vorgärten und den Zufahrten zu den rückwärtigen Gebäuden und Städeln. Das große zentrale Gebäude, das den Platz beherrschte, war das Kötztinger Bürgerspital.



Laut des Grundsteuerkatasters von 1841 hat Joseph Haas das Haus am 21.4.1834 von Josef Zattler um 589 Gulden erworben.


Josef Zattler und Lintinger Theres

Im Umschreibeheft des Häuser- und Rustikalsteuerkatasters findet sich der genaue Übergang vom Spital zu den neuen Bauwilligen Kötztinger Bürgern Hartl und Zadler:

StA Landshut Rentamt Kötzting B 28
"zeig Übersicht von der Stiftungsadministration KOm. in Viechtach haben Jos. Zadler Schreiner, und Jos. Hartl Weber beede in Kötzting die Viehstallung neben dem Spitalgebäude um 178 fl erkauft, worüber auch dem 30. April 1812 die allergnädigste Ratification erfolgte. .....




Aus der Hand des Kötztinger Maurermeisters Hummel stammt eins sehr früher Bauplan, der sich im Stadtarchiv erhalten hat, als der Schreiner Joseph Zadler im Jahr 1822 sein kleines Häuschen um ein Stockwerk erhöhen wollte. 

StadtA Kötzting AA XI 72



Josef Haas und Haas Magdalena

Nach dem Kauf des Hauses von Josef Zadler erwarb Josef Haas auch noch das Kötztinger Bürgerrecht und bezahlte dafür fast 14 Gulden.


Im Grundsteuerkataster von 1840 heißt es über das Haus:
Hausnummer 122 in Kötzting Joseph Haas

Leerhaus:
1 Wohnhaus 
Hofraum 1/6 Antheil mit Hsnr 94,120,121 und 127
Wurzgarten beim alten Sptalstadl
Laut Briefs vom 21. April 1834 von Joseph Zattler um 589 fl erkauft.

Die verkaufende Schreinersfamilie Zattler wechselte von diesem kleinen Haus in das frühere Amtshaus in der heutigen Schirnstraße.

Im Jahre 1842 wurde in Kötzting ein Mieterkataster erstellt und aus diesem erfahren wir genaueres über die innere Struktur des Gebäudes. Anders als sein  Nachbar, der Webermeister Josef Hartl, hatte die Familie Haas mehr Platz in ihrem Haus:

StA Landshut Grundsteuerkataster Nr. 5045

Joseph Haas /Hauseigenthümer:/ 
Hauptgebäude
Unter der Erde  1 Keller
II 1 Wohnzimmer, 1 Kammer, 1 Küche und Hausboden unterm Dach
Unterschrift Haas

2. Katharina Obermaier  Inwohnerin /Mietherin/
I 1 Wohnzimmer, 1 Kammer und 1 Holzlege
Handzeichen der Katharina Obermaier"

Die Familie Haas 
bewohnte also den ersten Stock des Hauses und hatte das Erdgeschoss vermietet.


Josef Haas und dessen Frau erscheinen mehrmals sowohl als Kläger wie auch als Beklagte in den Akten des Kötztinger Vermittlungsamtes.
- Haas Josef gegen Anna Maria Henneberger ledig von K. wegen Beschimpfung
- Maria Henneberger ledig, gegen M .Haas. wegen Beschuldigung einer Metzen
- Ander Brebeck und Johann Hartl von K. gegen M. Haas von K. wegen Beschuldigung dem letzteren 2 Bäume abgeschnitten zu haben. Verglichen. Magdalena Haas erneut ermahnt, ihre Zunge in Zaum zu halten.
- Maria Henneberger gegen Magdalena Haas v K wegen Beschuldigung eines Magerrindes: Kein Vergleich
- 3. August 1843: Andreas Prebeck bürgerlicher Wagnermeister zu K belangt die Häuslerin Magdalena Haas v K weil die Letztere sich beigehen lässt, seine Ehefrau eine Schergenhure zu schimpfen und 
ihr sie des Diebstahls bezichtigt. Magdalena Haas erklärt bei der Vermittlung, dass sie die angegebenen Beschimpfungen gegen die Prebeck nicht ausgestoßen hat. Kein Vergleich. 
- 31. August 1843: Josef Auzinger Drechslerssohn v K stellt bei dem 
diesseitigen Vermittlungsamte gegen den Häusler Josef Haas v K deshalb Klage, weil ihm der letztere verflossenen Frauentage den ì
15. dies Monats Nachmittag auf dem Keller des Brauers Ignaz Schrank sein Beinkleid zerrissen habe wofür er Entschädigung von 4 fl 30 kr aufzeigt. Der Beklagte widerspricht die Klage. Kein Vergleich. 


Das nächste, was wir von der Familie Haas aus den Archiven erfahren, sind die Folgen des verheerenden Marktbrandes vom Juni 1867


Der Marktbrand vom Juni 1867

Eine Woche vor dem Pfingstfest im Jahre 1867 zerstörte eine Großbrand fast eine Hälfte der Kötztinger Anwesen, darunter auch das mit der Hausnummer 118. 


"Der Brand 1867 nach Kooperator Riederer im Kötztinger Anzeiger im Jahre 1912

Vor 45 Jahren, die Nacht vom 3. auf 4. Juni, Montag auf Dienstag, war für unsern Markt eine Schreckensnacht. Die Einwohnerschaft hatte sich eben zur Ruhe begeben und lag im tiefsten Schlaf. Nur auf dem Kollmaier-Keller unten weilte noch eine Hochzeits-Gesellschaft; Bräutigam war der Stockmüller Hermann (Vater der † Frau Kiesl.) Heimkehrende Festgäste bemerkten zuerst – es war gegen ½12 Uhr – die aufsteigende Feuersäule und machten Lärm: es brennt beim Voglbäck (jetzt Hahn). Allein bis die Gefahr nur gemeldet wurde, hatte das gefräßige Element schon um sich gegriffen und bis die Schläfer alle geweckt wurden, stand schon die ganze Häuserreihe links der Marktstraße hinauf in Flammen, so dass viele froh sein durften, nur das nackte Leben zu retten.
Zwar waren die vornehmeren Bürgerhäuser schon gemauert, trugen jedoch vorwiegend Legschindeldächer; zahlreiche kleinere Häuschen waren aber noch aus purem Holz gezimmert.
Dazu kamen noch die aufgespeicherten Holzvorräte. Genug ganze Reihen von hölzernen Hintergebäuden, zwischen denen nur ein ganz finsterer Steig vom Drunkenpolz zum Friedhof hinanführte, die sog. „Bollburg“ (d. i. Bollwerk, denn sie standen auf den Grundmauern der einstigen Marktbefestigung); lauter Nahrung für das gefräßige Feuer. So gewaltig war die Feuersbrunst, dass in Vilshofen und in Regensburg Leute auf den Brücken stehen blieben und ihre Vermutungen anstellten.

Vom Entstehungsplatze aus griff das Feuer mit Windeseile um sich, nach oben und nach unten, auch wieder Dächer überspringend. Die Oberen wussten nicht, dass es unten, die Unteren nicht, dass es oben brenne. Wasserleitung und Hydranten kannte man noch nicht; das Feuerlöschwesen war nur wenig entwickelt. Die Löscharbeiten konnten also nichts bedeuten, ratlos und hilflos stand man der verheerenden Feuersbrunst gegenüber. Es hatte auch jeder mit sich selber zu tun, um nur geschwind die Kinder und das Vieh herauszuholen; denn auch die rechte Marktseite war schon bedroht und ihre Bewohner mit dem Ausräumen beschäftigt.

In Ermangelung von Telegraph und Telephon jagten Feuerreiter (z. B. Gerstl) nach Viechtach, Cham und Furth; diese Feuerwehren rückten freilich erst gegen 4 Uhr an, als schon der halbe Markt vernichtet war; sie hatten aber noch genug zu tun, um ein weiteres Umsichgreifen zu verhindern. Unterdessen hatte die Löschmaschine Blaibach ihr Bravourstück schon geleistet und im Verein mit der Kötztinger die Herren-Straße gerettet. "
Neben der Auflistung der Brandleider übermittelt uns Peter Riederer auch die Situation in Kötzting nach dem Brand:
"So lag nun halb Kötzting in Schutt und Asche. Trümmer rauchten noch, da und dort loderten wieder Flammen auf, geschwärzte Mauern und Kamine ragten in die Lüfte ein schauerhafter Anblick; und 8 Tage darauf war an St. Veit die Feldmesse zum Pfingstritt. Händeringend starrten die Männer auf die Brandstätten, jammernd die Frauen. Das Vieh lief brüllend auf den Wiesen herum. Zum Glück war nicht ein einziges Menschenleben zu beklagen. Aber ohne Obdach, ohne Bett, ohne Kleidung, ohne Brot waren viele.
Da war's nun rührend zu sehen, wie die verschont Gebliebenen ihren obdachlosen Mitbürgern Unterkunft und Herberge anboten; selbst im Pfarrhof war Einquartierung. Dennoch mussten Familien wochenlang in Städeln kochen, wohnen und schlafen.
Der Bräu von Blaibach brachte zuerst eine Fuhre Brot und weinend nahmen die Familienväter die Laibe in Empfang. Auch sonst kam Hilfe von überall her: ganze Wägen voll Lebensmittel, Getreide, Wäsche, Kleidung etc. kamen aus den Nachbarorten den ganzen Sommer hindurch und gelangten in der Landgerichts-Remise (jetzt Amtsgericht) täglich von 10–11 Uhr zur Verteilung. Es wurde ein Hilfskomitee gebildet, bestehend aus den Herren: Pfarrer Lehner, Notar Wittmann, Bürgermeister Haas, Süß, Österer, Lukas, Kraus.

Rasch ging es an den Wiederaufbau des Marktes. Versichert waren die meisten wohl, aber unzureichend. Dafür trug eine Landessammlung soviel ein, dass auf jeden Brandleider 500 Gulden entfielen. Die Bauern fuhren Bäume herbei und bis zum Winter waren viele Wohnungen zur Notdurft wieder hergerichtet; andere wurden erst im nächsten Jahre fertiggestellt.
Schöner ist der Markt ja geworden, aber die vom Unglück Heimgesuchten können uns Jüngeren erzählen, was sie durchgemacht haben. Auch die Marktgemeinde selber musste finanzielle Opfer bringen, an deren Folgen wir jetzt noch zu leiden haben. Feuerwehr und Wasserleitung tun es nicht allein; aber durch den Schutz des Himmels möge unser Markt vor solchem Brand-Unglück bewahrt bleiben!"

 
Detail aus StA Landshut Rep 164/8 Nr. 1570: der Marktbrand in Kötzting

Bereits am Folgetag versuchte sich der damalige Bezirksamtmann Carl von Paur durch ein tabellarisches Protokoll ein Bild von der katastrophalen Lage und den Bauschäden in Kötzting zu machen..

Zuerst jedoch wurde versucht eine Beschreibung "pro ante" des jeweiligen Brandleiders zu erstellen:
Interessant ist hier die Bezeichnung der Lage des Häuschens: "in der Spitalgasse", eine Ortbezeichnung, die es heute gar nicht mehr gibt.
StA Landshut Rep 164-8 Nr. 1570 der Brand in Kötzting

"XXVII
Haas Josef, Häuserl und Flößer
das zweistöckige (Erdgeschoss und erster Stock, so war damals die Zählweise) Wohnhaus in der Spitalgasse, von Stein und Fachwerk erbaut gewesen...
... war vor dem Brande mit einem Legschindeldache versehen....
Unterschrift Josef Haas"
Im zeitlich anschließenden Umschreibeheft des Grundsteuerkatasters heißt der Nachfolger nach Haas Josef dann Neumaier Wolfgang (der damalige Besitzer der früheren Wuhn - alte Hausnummer 119  - die  nach dem Brand auch nicht wieder aufgebaut worden ist.)

StA Landshut Grundsteuerkataster 5047


Der Entscheidende Hinweis für das Fehlen eines "Nachfolgebaus" nach dem Brande, kann man hier im Umschreibeheft erkennen: "Erloschen"
Während nahezu alle vom Marktbrand betroffenen Anwesen im unteren Markt nach der Neuordnung der Straßen wieder einen Bauplatz erhielten und später unter ihrer bisherigen Hausnummer neu aufgebaut wurden, blieb die frühere Hausnummer 120 die große Ausnahme: Sie wurde ersatzlos aufgegeben und verschwand aus der Häuserzählung.

Aus diesem Grund endet auch dieser Beitrag der Kötztinger Häuserchronik so unvermittelt. Doch auch dieses bescheidene Häuschen war Teil der Geschichte Bad Kötztings. Die Menschen, die hier gelebt und gearbeitet haben, haben ihre Spuren hinterlassen – und allein deshalb lohnt es sich, auch ihre Geschichte zu erzählen.



🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken. Wer es noch nicht weiß, um was es sich bei diesem Programm handelt, kann sich gut im folgenden Blogbeitrag informieren: Die interaktive Karte und ihre Möglichkeiten :

🔎 Wer diesen Beitrag dort wiederfinden möchte, muss ein wenig suchen:
Er verbirgt sich in der Markergruppe Kötztinger Häuserchronik in der Nähe des heutigen Pfeffergrabens.

Viel Freude beim Entdecken!

                                              🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen


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