Ein dritter Familienverband taucht in dem Briefwechsel noch auf, wenn auch in einem eher geringeren Umfang. Es handelt sich um die Geschwister von Ludwig Kleins Ehefrau, Friedl, einer geborenen Braun:
All diese Personen begegnen uns in der Briefsammlung in unterschiedlichen Rollen: als Verfasser oder Empfänger von Briefen, als erwähnte Familienmitglieder oder auch nur am Rand der überlieferten Nachrichten. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven machen den besonderen Wert der Sammlung aus
Dr. Ludwig Klein – der Hoffnungsanker der Familie
Dr. Ludwig Klein [8] war ein wichtiger Bezugspunkt für seine weitverzweigten Familienangehörigen. Er lebte bereits seit Anfang der 1930er Jahre mit seiner Frau Friedel, einer geborenen Braun, und seinen zwei Söhnen in Tel Aviv im britischen Mandatsgebiet Palästina.
Für die in Deutschland zurückgebliebenen Angehörigen wurde er zunehmend zu einer wichtigen Anlaufstelle. Von ihm erhoffte man sich Hilfe bei der Suche nach Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen und in Palästina ein neues Leben beginnen zu können.
 |
| Sammlung Shelly Feder: Dr. Ludwig Klein |
Seine Sammlung enthält zumeist Briefe, die unmittelbar an ihn gerichtet waren. Unter den erhaltenen Dokumenten finden sich daneben auch persönliche Unterlagen anderer Familienmitglieder. Wie diese in seinen Besitz gelangten, lässt sich nicht in allen Fällen eindeutig feststellen. Es erscheint jedoch naheliegend, dass ein Teil dieser Unterlagen erst nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Hände gelangte oder von Familienmitgliedern nach Palästina mitgebracht wurde, denen die Flucht dorthin gelungen war.
Dr. Ludwig Klein
[8] wurde damit für seine weitverzweigten Familienangehörigen zu einem Hoffnungsanker. Die Briefe zeigen, wie sehr sich die Angehörigen in Deutschland an ihn und seine Möglichkeiten klammerten: Sie baten um Auskünfte, hofften auf Visa und Einreisegenehmigungen, fragten nach finanzieller Unterstützung oder suchten nach Möglichkeiten, Angehörige aus Deutschland herauszubringen.
Diese Flucht- und Auswanderungsbewegungen setzten bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ein. Denn die neue Herrschaft beschränkte sich nicht auf die Übernahme der Reichsregierung: Innerhalb weniger Monate wurden die demokratischen Strukturen des Staates auf allen Ebenen bis hinunter zu den Kommunen beseitigt und die nationalsozialistische Herrschaft durchgesetzt.
Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass sich in der großen Briefesammlung noch weitere – für uns relevante – Briefe befinden. Im Moment sieht es jedoch so aus, als hätte ich alle nach dem Frühjahr 1933 geschriebenen Briefe erhalten.
Die Ausgangssituation im März 1933
Die Ausgangssituation für die Familien Klein-Kirschner-Pick-Stingl ist im März 1933 vor allem durch wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Druck – und damit durch zunehmende Unsicherheit – geprägt.
Die Briefe machen jedoch deutlich, dass die Angehörigen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten, wohin diese Entwicklung führen würde. Sie versuchen zunächst, mit den Veränderungen zurechtzukommen, suchen nach Möglichkeiten und halten gleichzeitig an ihren bisherigen Lebensvorstellungen fest.
Gerade deshalb ist es wichtig, die folgenden Briefe nicht nur rückblickend aus dem Wissen um die späteren Ereignisse zu lesen. Für die Menschen, die sie damals schrieben, war die Zukunft offen. Sie hofften, planten, warteten auf Nachrichten und versuchten, für sich und ihre Angehörigen Lösungen zu finden.
Hier nun zuerst die Situation des Familienverbundes Klein-Kirschner-Pick-Stingl
Die verbindende Stelle für all die Familienmitglieder war das Kaufhaus Klein in Tirschenreuth, das von Max und Pauline Pick [4 und 5] betrieben wurde. Pauline Pick [4] war bereits schwer an Tuberkulose erkrankt, weshalb nicht nur ihre Schwester Frieda Klein [8] ihre große Entlastung war, sondern auch Alice Kirschner [10] regelmäßig aus Kötzting anreiste, um ihren Schwestern beizustehen.
Mit den ersten Briefen vom Frühjahr 1933 - durchgehend erst am 1936 - beginnt eine Briefsammlung, die uns über mehrere Jahre hinweg begleitet – von den ersten Nachrichten aus einer Zeit zunehmender Unsicherheit bis zu den immer verzweifelteren Versuchen, Angehörige zu retten und Deutschland zu verlassen.
Der Wandel der Briefe – ein Zeitpfeil durch zehn Jahre
Schon ein erster Blick auf die erhaltene Korrespondenz zeigt eine Entwicklung, die sich fast wie ein Zeitpfeil durch die Sammlung zieht. Nicht nur die Inhalte der Briefe verändern sich – auch die Möglichkeit, überhaupt noch miteinander in Verbindung zu bleiben, wird Schritt für Schritt eingeschränkt.
1933 – Das Leben geht weiter
Die ersten erhaltenen Schreiben sind noch persönliche Briefe, wie sie innerhalb einer Familie selbstverständlich waren. Es wird über den Alltag, die Familie, Bekannte und gemeinsame Angelegenheiten geschrieben. Die politischen Veränderungen sind bereits spürbar, aber sie bestimmen die Briefe noch nicht vollständig.
1936 – 1937 Zwischen Alltag und wachsender Unsicherheit
Die Briefe sind ausführlich und berichten weiterhin über Familie, Krankheiten, das Geschäft und persönliche Angelegenheiten. Gleichzeitig nimmt die Unsicherheit zu. Immer häufiger geht es darum, was die Zukunft bringen könnte und welche Möglichkeiten der Familie noch bleiben.
1938 – Die Hoffnung bekommt einen anderen Charakter
Mit den Ereignissen des Jahres 1938 verändert sich die Situation grundlegend. Die Frage, ob man Deutschland verlassen kann, wird für immer mehr Familienmitglieder zu einer existenziellen Frage. Aus persönlichen Nachrichten werden zunehmend Nachrichten über Papiere, Bescheinigungen, Geld, Verwandte im Ausland und mögliche Fluchtwege.
1939 – Ein Wettlauf gegen die Zeit
Nun finden sich immer häufiger Anträge, Zahlen, Fristen und konkrete Auswanderungspläne. Es wird gerechnet, organisiert, nachgefragt und gewartet. Hinter jeder dieser Zahlen und jeder Frist steht jedoch ein Mensch, dessen Zukunft davon abhängt, ob ein Dokument rechtzeitig eintrifft oder eine Einreisegenehmigung erteilt wird.
Die Briefe zeigen dabei, wie sich die Möglichkeiten Schritt für Schritt verengen. Was zunächst noch als Auswanderung geplant werden konnte, wird zunehmend zu einem Wettlauf gegen die Zeit.
1940 – Die Flucht wird zur Rettungsfrage
Die Nachrichten werden bedrückender. Fluchtwege scheitern, Möglichkeiten schließen sich und die Familie versucht weiterhin, einzelne Angehörige in Sicherheit zu bringen.
Der Tod von Julius auf seiner Flucht nach Palästina macht dabei auf erschütternde Weise deutlich, dass selbst der Weg, der als Rettung gedacht war, lebensgefährlich geworden ist.
1941 – Die Verbindung bricht ab
1941 gibt es schließlich keine normale Postverbindung mehr zwischen Deutschland und dem britischen Mandatsgebiet Palästina.
Wer seinen Angehörigen in Palästina noch eine Nachricht zukommen lassen will, kann dies nicht mehr auf dem bisherigen Weg tun. Die Verbindung läuft nun nur noch über das Internationale Rote Kreuz.
Damit verändert sich auch der Charakter der erhaltenen Nachrichten. Aus dem persönlichen Briefwechsel ist eine stark eingeschränkte Kommunikation geworden – vermittelt über eine Institution und abhängig von einem Weg, der selbst nicht mehr selbstverständlich funktioniert.
Hier die für mich erschütternde Kurznachricht von Alice Kirschner an ihre Tochter Susanne, die alleine in Tel-Aviv ihren Geburtstag feiern kann/soll.
Die Mutter und ihr Bruder Alfred "hausen" zusammen mit der Tante Frieda Klein und der Cousine Betti Pick in einer Berliner Laubenkolonie, von wo aus dann nur noch ihre Namen auf einer Transportliste in ein Vernichtungslager erscheinen.
 |
| Die Unterschrift "Mama" ist das letzte Lebenszeichen, das Susanne Kirschner von ihrer Mutter erhalten wird. |
1942 – Schweigen
Für das Jahr 1942 ist aus diesem Briefwechsel nichts erhalten.
Ob tatsächlich keine Nachrichten mehr geschrieben wurden oder ob nichts davon erhalten geblieben ist, lässt sich aus der Sammlung allein nicht beantworten.
Aber auch dieses Schweigen gehört zur Geschichte der Familie.
1943 – Selbst das Telegramm kommt nicht mehr an
1943 wird noch einmal versucht, eine Nachricht von Tel Aviv nach Deutschland zu übermitteln. Ein Telegramm wird abgeschickt.
Doch auch diese letzte Verbindung scheitert: Das Telegramm wird zurückgeschickt.
Damit findet die über Jahre hinweg dokumentierte Kommunikation ihr erschütterndes Ende.
Die Kommunikation selbst wird zum Spiegel der politischen Entwicklung.
Aus langen persönlichen Briefen werden Berichte über zunehmende Bedrohung und Fluchtpläne. Aus Briefen werden Anträge, Zahlen und Fristen. Schließlich bleibt nur noch eine über das Internationale Rote Kreuz vermittelte Möglichkeit der Kommunikation – und am Ende erreicht selbst ein Telegramm aus Tel Aviv seinen Empfänger nicht mehr.
So lässt sich anhand dieser Sammlung nicht nur verfolgen, was mit den Menschen geschah, sondern auch, wie ihnen Schritt für Schritt die Möglichkeit genommen wurde, miteinander in Verbindung zu bleiben.
Aus der Rückschau auf diese unmenschliche Tragödie, die unsere Mitbürger zu erdulden hatten entstand auch der Titel dieser Dokumentation, die belegt was passiert, wenn das „Recht versagt, oder [von den Machthabern] versagt wird.
Wehret den Anfängen!
Wenn die Briefe selber freigeschaltet worden sind, geht´s hier dann weiter zum ersten Zeitabschnitt, die Jahre (1933) 1936 und 1937.
⭐ Chroniken Dieser Beitrag ist zum Beispiel in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Chroniken und der Jahreszahl 1933-1943 zu finden.
Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.
Viel Freude beim Entdecken!
🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen