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Sonntag, 14. Juni 2026

Kötzting im Jahre 1926 eine Jahresschronik

 1926


Die Kötztinger Suppenanstalt
Das Kraftwerk am Höllensteinsee wird eröffnet
Der - vergebliche - Kampf um die Zellertalbahn beginnt   
Das Pfingstfest des Jahres 1926
Das Gauturnfest im Juni   
Die - politische - Sonnwendfeier des Kötztinger Heimat= und Königsbundes - der Bericht folgt
das neue Schützenheim - der Bericht folgt
Der große Heimattag mit Volksfest im August - der Bericht folgt
Der Weiß-Blaue Tag und der Leserbriefstreit mit Cham - der Bericht folgt


Das Jahr 1926 hatte für Kötzting und seine Bürger sehr viel zu bieten. (Das Pfingstfest von 1926 wurde ja bereits separat behandelt). Ein Blick in die damaligen Ausgaben des Kötztinger Anzeigers zeigt eine Marktgemeinde voller Leben, neuer Ideen und großer Feierlichkeiten.
Die folgenden Berichte stammen sämtlich aus dem Kötztinger Anzeiger, der seit 1899 dreimal wöchentlich erschien und damals die einzige Zeitung Kötztings war. Bis auf wenige Fehljahrgänge haben sich die Ausgaben heute nahezu vollständig in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten. Neben kleinen Neuerungen und alltäglichen Nachrichten sorgten im Sommer  1926 gleich zwei weiter große und überregional beachtete Veranstaltungen dafür, dass in Kötzting außergewöhnlich viel Betrieb herrschte:
Da war zum ersten das große Gauturnfest im Juni und im August der große Heimattag verbunden mit einem Volksfest und sogar einem Kinderfestzug.
Diese Ereignisse zeigen eindrucksvoll, wie lebendig das gesellschaftliche Leben in Kötzting vor genau 100 Jahren gewesen ist – zwischen Heimatverbundenheit, religiöser Tradition und bayerischem Selbstbewusstsein.

Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken. Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken. 

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Die Chroniken bewahren Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und den Wandel der Stadt über viele Generationen hinweg. Oft sind es gerade diese zeitgenössischen Berichte, die Geschichte besonders lebendig werden lassen.

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Die Suppenanstalt



 Warme Suppe gegen Hunger und Kälte
die Kötztinger Suppenanstalt von 1925/26

Foto Josef Bock - Kinderfestzug in den 60ern mit dem Alten Rathaus im Hintergrund


Wenn heute über Schulverpflegung oder Ganztagsbetreuung diskutiert wird, gerät leicht in Vergessenheit, unter welchen Bedingungen viele Kinder noch vor einhundert Jahren aufwuchsen. Ein Bericht aus dem Januar 1926 gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensverhältnisse zahlreicher Familien im Kötztinger Land und zeigt zugleich ein bemerkenswertes Beispiel bürgerschaftlicher Solidarität.
Bereits am 6. Dezember 1925 hatte die Gemeinde Kötzting im Rathaus eine Suppenanstalt eingerichtet. Dort wurden täglich mittags etwa 80 Kinder kostenlos mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Auf den Tisch kam eine kräftige Fleischsuppe, in die Grieß, Reis oder ähnliche Zutaten eingekocht wurden. Auch besser situierte Einwohner konnten Suppe erhalten, mussten dafür allerdings ein geringes Entgelt bezahlen. Finanziert wurde die Einrichtung überwiegend durch freiwillige Spenden. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehr als 500 Mark zusammen – ein beachtlicher Betrag in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Lage vieler Menschen alles andere als einfach war. Zusätzlich unterstützte der Marktgemeinderat die Aktion mit einem erheblichen Geldbetrag.

Wie groß der Bedarf tatsächlich war, zeigte sich bereits in den ersten Tagen. Während der ersten Woche konnte jeder kostenlos Suppe erhalten, woraufhin täglich zwischen 200 und 250 Personen zur Ausgabe erschienen. Um die vorhandenen Mittel nicht zu rasch aufzubrauchen, wurde die unentgeltliche Verpflegung deshalb schon bald auf die wirklich bedürftigen Kinder beschränkt. Besonders betroffen waren die Schulkinder aus den umliegenden Dörfern und Einöden. Allein aus Arndorf nahmen 42 Kinder an der Speisung teil, aus Haus weitere 22. Viele von ihnen hatten einen langen Schulweg. Bis zu zwei Stunden mussten sie täglich zu Fuß zurücklegen – morgens hin und nachmittags wieder zurück. Im Winter bedeutete dies oft einen Marsch durch Schnee und Kälte.
Der Bericht schildert die Verhältnisse eindringlich: Viele Kinder verließen bereits gegen sechs Uhr morgens ihr Elternhaus und kehrten erst gegen vier Uhr nachmittags zurück. In dieser Zeit bekamen sie häufig nichts Warmes zu essen. Ein Stück Brot oder einige Kartoffeln mussten als Mittagessen genügen. In manchen Familien warteten nach der Rückkehr lediglich kalte Kartoffeln oder erkaltete Rüben auf die Kinder.
Umso größer war die Bedeutung einer warmen Mahlzeit in der Mitte des Tages. Nach knapp einem Monat Betrieb konnten bereits erste Erfolge festgestellt werden. Der Leiter der Volksschule, Hauptlehrer Möcklein, berichtete von einem außergewöhnlich guten Schulbesuch – selbst während der strengsten Kälteperiode. Nach seiner Beobachtung waren die Kinder im Nachmittagsunterricht deutlich aufmerksamer und beteiligten sich sogar am Vormittag eifriger, weil sie sich bereits auf die warme Suppe freuten.
Der Zeitungsbericht endet mit einer Beobachtung, die vielleicht mehr aussagt als alle Zahlen. Wer die leuchtenden Gesichter der Kinder gesehen habe, wenn die dampfenden Suppenteller hereingetragen wurden, der könne die Bedeutung dieser Einrichtung erst richtig verstehen.

Heute erinnert die Kötztinger Suppenanstalt daran, wie entbehrungsreich das Leben vieler Familien noch in den 1920er Jahren war. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass Notzeiten oft Kräfte der Solidarität freisetzen. Die Unterstützung durch Bürger, Beamte und Gemeinde machte es möglich, hunderten Kindern wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu geben – ein kleines Stück Fürsorge, das für viele von ihnen einen spürbaren Unterschied machte.

Im Oktober 1926 entschied der Marktgemeinderat die Einrichtung erneut anzubieten und forderte die die Kötztinger Bevölkerung auf, diese finanziell zu unterstützen.

Mit dem Kötztinger Männergsangs- und Orchesterverein und einer Vielzahl von Solistinnen und Theaterspielern war es vor 100 Jahren möglich, aus eigener Kraft mehrmals im Jahr große Produktionen anzubieten.


Von dieser Aufführung gibt es sogar einen eher humoristischen im Kötztinger Anzeiger, der hier im Original dokumentiert, wie und worüber sich  unsere Vorfahren so amüsieren konnten:

Einschub:

Aus heutiger Sicht wirkt die Glosse stellenweise erstaunlich respektlos, ja sogar verletzend. Der Verfasser macht sich nicht nur über die Bühnenhandlung lustig, sondern auch über Personen im Zuschauerraum. Besonders auffällig ist die Schilderung der „dicken älteren Frau“ hinter ihm, die später sogar zur „fetten Nachbarin“ wird, deren „Fettbauch“ beim Lachen „schwapple“. Eine solche Beschreibung würde heute kaum noch veröffentlicht werden, ohne Kritik hervorzurufen. Sie verletzt moderne Vorstellungen von Höflichkeit, Privatsphäre und Respekt gegenüber dem Äußeren anderer Menschen.

Man sollte den Text allerdings nicht vorschnell mit heutigen Maßstäben verurteilen. Er stammt aus einer Zeit, in der Zeitungen oft wesentlich persönlicher, bissiger und direkter formulierten als heute. Gerade in lokalen Blättern fanden sich regelmäßig satirische Glossen, die von Überzeichnungen, Spott und bewusst groben Bildern lebten. Der Verfasser schreibt nicht als objektiver Theaterkritiker, sondern als humorvoller Beobachter des Geschehens im Saal. Seine Nachbarin wird dabei zu einer literarischen Figur, deren Lachen die ausgelassene Stimmung des Abends symbolisieren soll.

Dennoch offenbart der Text auch gesellschaftliche Vorstellungen der 1920er Jahre. Frauen werden fast ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt: Die Schauspielerinnen sind „rotbackig“, „frisch“ und „zum Anbeißen“, während die Zuschauerin wegen ihrer Körperfülle verspottet wird. Männer erscheinen dagegen als handelnde Personen, Schauspieler oder Beobachter. Der Autor bewegt sich damit ganz selbstverständlich in den Geschlechterbildern seiner Zeit.

Bemerkenswert ist außerdem der selbstironische Ton. Der Verfasser macht sich nicht nur über andere lustig, sondern auch über sich selbst. Er gesteht offen ein, die jungen Darstellerinnen bewundert zu haben, und schildert scherzhaft die Kontrolle durch seine Ehefrau. Dadurch wird die Glosse weniger bösartig, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Ihr Ziel ist weniger die Herabsetzung einzelner Personen als die humorvolle Beschreibung eines vergnügten Theaterabends.

Für den Historiker ist der Text deshalb besonders interessant: Er erzählt nicht nur etwas über die Aufführung von „Mizzi und Muzzi“, sondern vor allem darüber, worüber man im Kötzting der 1920er Jahre lachte, welche Witze als gesellschaftlich akzeptabel galten und wie ungezwungen Journalisten damals über ihre Mitmenschen schreiben konnten. Gerade die heute befremdlichen Passagen machen den Quellenwert des Textes aus, weil sie einen unverstellten Blick auf Mentalitäten und Umgangsformen jener Zeit ermöglichen.

Einschub Ende


"Vermischte Nachrichten

Kötzting, 4. Jan. (Mizzi — Muzzi; eine große Schweinerei! So kam das Stück zur Aufführung, unter dem Zauberschleier der Töne eines sehr passend besetzten Orchesters mit Reinheit, Feinheit und sicherem Takt. Unsittlich wurde es gebrandmarkt, ich weiß nicht warum? Ja eine große Schweinerei wäre es beinahe entstanden. Die dicke ältere Frau hinter mir hat nämlich über den Xaverl furchtbar gelacht und auf einmal hat sie zu ihrer linken Freundin hinübergeredet: „Schaug— hi — da — da Xa — Xa — verl — — Pe — pi — i koos nim — ma — ma — ha — halt'n!“
In der Pause hab' ich dann unauffällig hinter meinen Stuhl hingeschaut — aber es war noch keine Schweinerei! Oder war das Stück deshalb eine Schweinerei, weil die Mizzi und die Muzi und die anderen Madeln so rotbackig und frisch ins Bühnenlicht geschaut, so sittsam den Reigen getanzt bei glöckerlhellem Gesang? Keine war unkeusch, aber alle zum Anbeißen!

Mein Freund hat es auch gesagt: „Du — schad, dass ma voheirat san!“ Meine Frau hat dies aufgeschnappt und das Verlangen meines Gesichtes überprüft.
Als der Kunstmaler Lug aber gleich darauf mit seiner molligen Schar zum Reigen einsetzte, war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Brettern und ich konnte meine Augen auch wieder ungehört auf die Weide treiben, zu den hüpfenden Geißlein: Mizzi — Muzzi — Susi — Vroni — Toni — Mali — Hanny — Cilli — Tilli — Zenzi — Leni mit ihrem überglücklichen Hüter Kunstmaler Lug.

Ein älteres, studiertes Beamtenherz ließ sich unter den Zuschauern sogar aus seinem versteinerten Ernste aufrütteln. Als die frohe Jugendschar durch seine Hornbrille Einzug hielt in Hirn und Brust, da stöhnte er leise für sich die auf der Schulbank gelernten Goethes-Worte: „Welch reicher Himmel, Stern an Stern, wer nennt die Namen?“
Wahrscheinlich hat der alte Schwerenöter noch manch andere unerlaubte Gedanken entfaltet. Und wenn es wirklich so gewesen wäre — noch bei diesem und jenem im weiten Saal — der Xaverl hat sie sicher alle auf harmlose Bahnen abgelenkt. Wenn du, lieber Leser, den Xaverl noch nicht kennst, dann schau dir ihn heute Mittwoch in der Abendvorstellung an — dann hat´s di! 
Dr. Fritz Brandenfeld — Dich möchte ich hier schon öffentlich fragen: „Hast du bei deiner gespielten Eifersucht nicht ein klein wenig eine echte gehabt?“ Der treffliche Spieler ist zwar verheiratet und wir Ehemänner wissen alle von uns, dass wir konsequente Weiberfeinde sind, aber es gibt auch manchmal Rückfälle in den Urzustand. Brandenfeld hat sicher bei seinem langen Junggesellentum manchmal an jener Krankheit gelitten, sonst hätte er diese sicher nicht so lebenswahr auf der Bühne in Pose gebracht.
Und dann die zwei kleinen Persönchen der Nebenrolle: Sieglinde Hupfauf (Sprechrolle), Hansi Hupfauf, ihr Sohn (Sprechrolle) habe ich meine Frau noch eben aus dem Zettel lesen hören, da rollten schon ohrenbetäubende Lachsalven durch den Saal. Darin ersoffen Schreie aus allen Richtungen des brüllenden Raumes: „Meintse Leit - meintse Leit — meintse Leit!“.
Meine fette Nachbarin brachte es fast nicht mehr heraus. Als ich ihren Fettbauch schwappeln sah vor Lachen, wurde es mir klar, dass sie mir die zwei Flöhe aufgesprengt hatte und ich habe ihr dies in der Freude des Ereignisses verziehen. Zu rasch fiel der schwere Bühnenvorhang vor der trefflich spielenden Schar.
Ja fröhliche Stunden währen immer zu kurz! Die uns aber die Freude gemacht, denen dankte es nicht der geringe Beitrag, eine Spende für den Kötztinger Kriegerverein, sondern der überfüllte, von Freude hallende Saal im Zeichen der Mizzi und Muzzi. 


Zwei Ankündigungen ließen die Kötztinger bereits im Februar aufhorchen:
Der Turnverein startete ins neue Jahr mit seinen Turnübungen in der neuen Halle und kündigte dabei das große Gauturnfest für den Juni an und im Reichstag in Berlin war die Entscheidung gefallen, den Ausbau der Eisenbahnstrecke Zwiesel-Bodenmais anzugehen, eine Nachricht, die im Anschluss für brisante aber hochinteressante "Entscheidungen" vor Ort sorgte und hier später in einer eigenen Rubrik  behandelt werden wird.

Ebenfalls im Februar 1926 wandte sich das katholische Pfarramt Kötzting an seine "Schäfchen", um diese vor den verderblichen Schriften der "Ernsten Bibelforscher" zu warnen. Auch dies ist eine Zeichen dafür, wie tendenziös damals bei manchen Zeitungsartikeln einer Zeitung berichtet wurde

Kötzting, 6. Febr. Gegenwärtig wird die Umgebung Kötztings von Agenten der adventistischen Sekte der „Ernsten Bibelforscher“ bearbeitet. Täglich ziehen sie aus, um ihre adventistischen Bibeln und andere Schriften dieser irregläubigen Sekte unter das katholische Volk zu werfen. 
Darum Katholiken obacht!
Das Kaufen, Lesen oder Aufbewahren irregläubiger Bücher und Schriften ist ja schwere Sünde und mit kirchlichen Strafen belegt. Wenn ein Arzt von irgend etwas sagt: „Das ist Gift!“ so glaubt du ihm und lässest die Hand von dem Gifte. Wenn deine Kirche dir sagt: „Irrgläubige Bücher und Schriften sind Gift für deine Seele“, so glaube auch das der unfehlbaren Kirche und lasse die Hand von dem Gifte!
Kommt darum in ein Haus ein Kolporteur mit Büchern oder Schriften religiösen Inhalts, dann schauet, ob die Bücher vorne, auf einem der ersten Blätter, eine bischöfliche Druckerlaubnis aufweisen. Haben sie eine solche nicht — adventistische Bücher sind meist in Hamburg gedruckt — dann weiset den Agenten die Türe und zwar energisch! Suchen sie diese Bücher gar als katholische Bücher euch aufzuschwätzen, dann zeiget diese Kolporteure sofort bei der Gendarmerie wegen Betrugsversuches an. Machet auch sogleich euren Seelsorger aufmerksam, wenn ein Agent mit solchen Schriften zu euch kommt.
Nur entschiedene Abwehr kann uns von dieser adventistischen Landplage befreien.


Weitere Raritäten vom Frühjahr 1926:

Ein Fräulein Zenzl Neuberger aus Reitenstein wollte sich vor ihrer Auswanderung nach Nordamerika von all ihren Freunden und Bekannten verabschieden:


Ein Ausdruck, den ich vorher noch nie gehört hatte: Kirmweiber.
Darunter versteht man offensichtlich Frauen, die mit großen Buckelkörben - Kirmen - in den Wald gingen und dort unerlaubt Zweige oder Blätter einsammelten.

KA vom März 1926

KA vom April 1926

Noch ein kleines Rätsel: der "Altregen"

Ich vermute mal - zwischen den Zeilen des folgenden Artikels gelesen - dass es sich dabei um einen Altarm des Weißen Regenflusses gehandelt hat, der offen als Schuttabladeplatz benutzt wurde.




Eine mir bis dahin unbekannte Kötztinger Schützen=Gesellschaft: die Zimmerstutzen=Schützen=Gesellschaft=Klosterschmiede lud für den Josefi Tag zu einem Sau=Schießen.





🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
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Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

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Das Phantom der Zellertalbahn


Die Entscheidung für die Bahnlinie Bodenmais–Zwiesel entfachte im Zellertal große Erwartungen. Viele Einwohner waren überzeugt, dass nun auch der Bau einer „Zellertalbahn“ nur noch eine Frage der Zeit sei. Die Euphorie ging sogar so weit, dass sich die Zellertaler, angeführt vom Handwerksverein Arnbruck, vom Bezirk Viechtach lösen und dem Bezirk Kötzting anschließen wollten.
Der folgende politische und wirtschaftliche Schlagabtausch der Befürworter und Gegner endete zwar mit dem Bau der Strecke Blaibach–Viechtach, doch die Idee einer Zellertalbahn blieb lebendig. Noch Jahrzehnte später, bis weit in die 1950er Jahre, kämpften Kötztinger und Zellertaler für ihre Bahnverbindung.
Der konkrete zeitliche Anlass war jedoch die abschließenden Verhandlungen über eine  regelmäßigen Busverbindung Bodenmais - Kötzting. Der Markt Kötzting wollte diese Busverbindung organisieren - eine vorherige Buslinie Kötzting-Viechtach war eingestellt und eine Wiedereinführung 1925 abgelehnt worden - und kämpfte seit dem Jahre 1925 mit der Regensburger Oberpostdirektion um die Betriebserlaubnis.  Mit dem neuen Bahnprojekt im Hintergrund bekam nun auch diese Buslinie neuen Aufschub und wurde vor Ort von den Arnbruckern und den Kötztingern massiv angeschoben.

Nachvollziehbar ist dabei sicherlich die Argumentation der natürlichen Anbindung des Zellertals an den Raum Kötzting, wie in einem ersten Artikel im April 1926 anklingt.: " Der Grund zu obengenannten Verlangen besteht darin, dass erstens die nun kommende Autoverbindung es jeden einzelnen ermöglicht, auf leichte Weiße nach Kötzting zu kommen, während dieses nach Viechtach nicht möglich ist und besonders alte Personen nur mit großen Kosten (für Fuhrwerk) dahingelangen können und zweitens sind wir geographisch immer mit Kötzting verbunden, denn unsere Produkte wandern seit urdenklichen Zeiten nach dort. Liegt doch Kötzting  circa 200 Meter tiefer wie Arnbruck und trennen uns unüberwindliche Bergerücken  wie dieses bei Viechtach der Fall ist." 

Einschub:
Eine ähnliche Begründung mit der Topografie und der Verkehrsanbindung führt übrigens im Jahre 1976 zu einer Abänderung der 1972er kommunalen Gebietsreform und zur Entscheidung Wettzells, sich der Stadt Kötzting und damit dem LK Cham anzuschließen.

Einschub Ende


Ab August 1926 nahm die Diskussion jedoch deutlich an Schärfe zu. Einerseits hatte bereits eine Kommission die projektierte Bahnstrecke besichtigt, andererseits war die Oberpostdirektion Regensburg noch immer nicht bereit, eine Entscheidung über die geplante Kraftpostlinie zu treffen. Die Geduld der Befürworter ging zunehmend zu Ende, und entsprechend schriller wurden die Schlagzeilen und Wortmeldungen auf den Versammlungen.

Selbst bei der Berichterstattung über den Besuch der Kommission kann man zwischen den Zeilen bereits herauslesen, wie unterschiedlich die beiden in Frage stehenden Trassen gewichtet wurden:
Kötzting 2. August: " .... Von Bodenmais weg fuhren die Herren durch das Zellerthal nach Kötzting, um wenigstens flüchtig das Gelände zu besehen, das für eine allenfallsige Weiterführung der Bahn in Betracht käme. Von da weg begab sich die Kommission nach Viechtach, um die Strecke Viechtach-Blaibach zu besichtigen."


Auslöser der nun wachsenden Empörung war aber dann ein Schreiben der Oberpostdirektion vom 3. August 1926. Darin wurde die Verwirklichung des Busprojekts mit Hinweis auf die bereits weit fortgeschrittene Fremdenverkehrssaison für das laufende Jahr abgelehnt. Für die Verfechter einer besseren Verkehrsanbindung des Zellertals kam dies einer weiteren Verzögerungstaktik gleich – und die Auseinandersetzung gewann nun erst richtig an Fahrt, wie die folgenden Zeitungsüberschriften und -Ausschnitte belegen..

Wie die Hebung des Bayerischen Waldes in Wirklichkeit aussieht.

Seit Wochen und Monatenarbeitet der Gemeinderat Kötzting und unterzeichnete Vereinigung mit allen Mitteln daran, eine
Amtspostlinie Kötzting–Bodenmais
durch die Oberpostdirektion Regensburg zu bekommen. 

"So sieht also die nun schon zum Ekel oft gehörte "Hebung des Bayr. Waldes" in Wirklichkeit aus.
(
KA vom 7.8.1926)

 Und nun ging es plötzlich nicht mehr nur um das verzögerte Busprojekt, sondern gleich um die Eisenbahnanbindung von Bodenmais gleich weiter nach Kötzting:


"Kötzting, 11. Aug. (Das Zellertalbahn-Projekt.)

Auf Einladung des Handwerker- und Gewerbevereins Arnbruck fanden sich am letzten Sonntag in Arnbruck ca. Interessenten aus Zwiesel, Bodenmais, Drachselsried, Arnbruck und Kötzting zusammen. Kötzting war allein mit einigen 20 Herren vertreten, darunter fast vollzählig der Gemeinderat. Die äußerst interessant und angeregt verlaufene Besprechung konnte den Erfolg buchen, dass sämtliche Interessenten von Zwiesel bis Kötzting einmütig für das allein richtige Projekt Zwiesel—Bodenmais—Kötzting eintraten. Die nächste Versammlung findet in Drachselsried statt. Wir werden über die bedeutsame Tagung in der nächsten Samstagsnummer ausführlich berichten."

Der hier angekündigte Großbericht über die Arnbrucker Versammlung wurde vom "Zwieseler Tagblatt" übernommen und titelte spektakulär:


Eine ganze Zeitungsseite befasste sich mit dem Bericht, der teilweise sehr lebhaft geschrieben ist und uns dem hervorgeht, dass - natürlich - parallel zu den Kötztingern auch die Viechtacher hier Lobbyarbeit betrieben, und mit ihrem Bahnprojekt Viechtach-Gotteszell schon mal eine "Bein in der Tür" hatten.
Mit einer Rede über den "Wein des Zellertales" begann dann die Berichterstattung des lebhaften Treffens:
"......Nach der Begrüßung durch den Versammlungsleiter gab Herr Biller ein nettes Geschichtchen zum Besten, das schallende Heiterkeit auslöste und das sicherlich noch in ferneren Zeiten manches Zwerchfell zum Erschüttern bringen wird, das Gedichtchen nämlich von

„Wein des Zellertales“


und jenen Schlauen, die ihn gern schlürfen möchten, wenn es ihnen schließlich nicht auch ergehen würde wie weiland jenem Fuchs, der die Trauben wohl hangen sah, sie aber verschmähte, weil sie ihm zu sauer schienen. Herr Direktor Fischl von der Lokalbahnaktiengesellschaft Gotteszell-Viechtach war es, der am Sonntag vor acht Tagen in Drachselsried den gespannt lauschenden Bauern das Geheimnis offenbarte, das „Zellertal sei eigentlich ein ganz wertvolles Weinfaßl", das nur angezapft zu werden bräuchte; der Wein freilich, so fügte der Herr Direktor vorsorglich bei, müsste allerdings nach Viechtach fließen. Herr Direktor Fischl, dessen Organisationsgeschick durchaus nicht bestritten sein soll, hatte auch gleich ein niedliches Plänchen für die „Traubenlese“ mitgebracht und seinen Zuhörer einfach erklärt: „Was wollt Ihr denn, Ihr simplen Staatsbürger von Drachselsried, glaubt Ihr vielleicht, das Reich baut Euch eine Bahn durchs Zellertal? Das gibt es ja gar nicht und weil es das nicht gibt, 
Ihr Drachselsrieder, drum kommen wir Viechtacher Euch zu Hilfe, wir bauen von Gumpenried weg zu Euch herüber weiter und dann habt Ihr den langersehnten Bahnanschluss. 
So sprach der Herr Direktor Fischl. Das Echo aber, es blieb aus! Es musste ausbleiben, weil die Zellertaler schlau genug sind, um den Plan zu durchschauen. Drum hätte es gar nichts geschadet, wenn der Herr Direktor Fischl in der Arnbrucker Versammlung zugegen gewesen wäre und die Antwort gehört hätte, die ihm vom zweiten Bürgermeister von Drachselsried, Herrn Fritz, zuteil geworden ist. Mit einer Dialektik, die an Urwüchsigkeit ihresgleichen sucht, fertigte dieser Redner unter brausender Zustimmung die Anbiederungsversuche der Viechtacher in unzweideutiger Weise ab.
Nicht 5 Prozent der Drachselsrieder, so erklärte Herr Fritz überzeugend, sind für die Viechtacher Pläne zu haben. Drachselsried lehnt alle Kombinationen nach dieser Richtung hin mit Entschiedenheit und Entrüstung ab und wenn einmal das Weinfaß des Zellertales angezapft werden sollte, dann

wollen wir den Wein selbst saufen.

Man muss Zeuge des orkanartigen Beifalls gewesen sein, der durch diese frischen Worte ausgelöst worden ist, um ermessen zu können, wie sehr Herr Bürgermeister Fischl den Anwesenden aus der Seele gesprochen hat. Nur ein Narr konnte da noch der Meinung sein, dass die Viechtacher Bäume heute in Drachselsried oder im Zellertal überhaupt in den Himmel wachsen würden.  Herr Bürgermeister Fritz gebührt das hohe Verdienst, mit diesen kernigen Worten dem unbeugsamen Lebenswillen des Zellertales neuen Impuls eingeflößt zu haben. Im Zusammenhange mit den Viechtacher Plänen wurde auch an der

Tätigkeit des Landtagpräsidenten Königbauer

eine durchaus recht derbe Kritik geübt ......

Und eben in dieser Person - des Landtagspräsidenten Königbauer - lag die Crux, an der alle Anstrengungen der Kötztinger und des Zellertals abprallten. Das Sprichwort "Der Ober sticht den Unter" zeigt auch hier seine Wirksamkeit, als Monate später das Bahnprojekt der Zellertalbahn zugunsten der Bahnverbindung Blaibach-Viechtach eingestampft wurde. Die Brückenruine bei Pulling ist der noch "überlebende" beweis dieser alten Nebenstrecke.
Sogar den Kötztinger Schi-stra-Bus aus den 50er Jahren muss man als eine Art von Abfallprodukt dieser Entscheidung gegen den Bahnanschluss Kötzting-Bodenmais ansehen. .

Die Versammlung, von der in der Zwieseler Zeitung so groß berichtet wurde, fand am 8.August statt und bei aller Aufregung über die gefühlte - und sicherlich berechtigt gefühlte - Zurücksetzung des Zellertales gab es doch auch eine gute Nachricht und die kam nun vom Markt Kötzting, wie es ein launiger Berichterstatter im Kötztinger Anzeiger formulierte.
Dem Markt Kötzting war offensichtlich die Verzögerungstaktik der Oberpostdirketion auf die Nerven gegangen und hatte Tatsachen geschaffen. Hier der Bericht vom 12. August aus dem Kötztinger Anzeiger:
"Kötzting, 12. August. (Mit dem Auto durchs Zellertal.) Die Teilnehmer der Bahnversammlung in Arnbruck konnten eine freudige Überraschung erleben. Schon beim Betreten des Ortes war es aufgefallen, dass sich vor dem Hause des Arnbrucker Bürgermeisters die Schuljugend mit weiß-blauen Fähnchen zahlreich eingefunden hatte, um offenbar auf ein Ereignis zu warten. 
Bestärkt in dieser Meinung wurde man noch durch mehrere von den Buben herumgetragene Plakate des Inhalts: „Heil und Segen dem ersten modernen allgemeinen Verkehrsmittel des Zellertals“. Was mochte das wohl bedeuten? Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten, denn gar bald kam von Kötzting ein imposantes Personenauto (ungefähr dreißig Sitzplätze) angefahren, vollgepfropft mit Kötztingern, die der Arnbrucker Tagung anwohnen wollten.
Aus dem Munde der Kötztinger erfuhr man dann folgenden Sachverhalt: Nach längeren Verhandlungen hatten die maßgebenden Stellen die Errichtung einer Postautolinie Kötzting–Arnbruck–Bodenmais zugesagt. Trotz dieses festen Versprechens kam in letzter Stunde von oben der Bescheid, dass aus diesen und jenen Gründen das neue Verkehrsmittel heuer noch nicht in Verkehr gebracht werden könnte.
Nachdem aber die Zellertaler die letzten sind, die sich etwa verblüffen ließen, kaufte der Gemeinderat Kötzting noch am gleichen Tage, an dem der ablehnende Bescheid eintraf, telefonisch ein großes Personenauto der M. A. N. Mittels dieses Autos das Zellertal von Kötzting über Arnbruck nach Bodenmais ab Samstag den 14. August dem Verkehr erschlossen werden. Man kann sich die Freude der Arnbrucker vorstellen, als gestern zum ersten Male der neue Verkehrswagen den Ort passierte. Das jauchzende Hoch der frischen Waldlerbuben, mit dem sie die Kötztinger begrüßt und die zahlreichen anerkennenden Worte, die ihrer Initiative von allen Seiten gezollt wurden, mögen dem Gemeinderat Kötzting bewiesen haben, welch begeisterten Widerhall diese etwas dahingehende Beanwortung einer behördlichen Paragraphenreiterei gefunden hat. Möge das Unternehmen der Marktgemeinde Kötzting reiche Früchte tragen zum Segen des Zellertals!

Nun hatte also der Markt Kötzting seine eigene Busverbindung hinein ins Zellertal und dieser  - markteigene - Wagen wurde in der Kötztinger Hammermühle untergestellt und gewartet. 

 
DIA-Repro 1764: Omnibus der Marktgemeinde Kötzting um 1930 verkehrte von Kötzting nach Bodenmais, am Steuer Hubert Weinzierl, dahinter Georg Greß, der Fotograf Franz Pleier, auf dem Motorrad Max Kroher
 Max Kroher, der schneidige Motorradfahrer auf dem oberen Bild betrieb auf der Hammermühle eine eigene Werkstatt.

Ab Mitte August nun gab es also die neue - markteigene - Buslinie Kötzting-Bodenmais ..... und schon wenige Tage danach - am 18.8. -  kam es schon zum ersten Unfall, durch dessen Bericht wir eine sehr gute Vorstellung davon bekommen wie - schlecht - die Straßenverhältnisse im Zellertal damals gewesen waren. Übrigens hatte auch der Schi-Stra-Bus  - fast 30 Jahre später - mit eben diesen Verhältnissen zu kämpfen und verlor ebenso das eine oder andere Mal den Kampf mit den Unbilden der Elemente und des Gegenverkehrs.


"Aus dem Zellertal.
Gestern abends 6 Uhr erlitt der neue Kraftwagen der Autolinie Kötzting–Bodenmais einen kleinen Unfall, der sowohl für die Marktgemeinde Kötzting als auch für die Passanten noch gut abging, aber für den Bezirk Regen ein ernster Fingerzeig sein soll, mit welchen weiteren Unfällen auf dieser Strecke noch gerechnet werden muss.
Die Straßenstrecke Kötzting–Bodenmais innerhalb des Bezirkes Regen weist gegenüber den anderen Straßenstrecken gute Untergrundverhältnisse auf, nur ist sie durch die unsachmännische Behandlung derart heruntergekommen, dass sie heute einer Autofalle gleich kommt. Zahllose unnütze Querrinnen hemmen jeglichen Verkehr. Mit hohen Büschen verwachsene und verschlämmte Gräben drängen das Wasser in die Fahrbahn, verwachsene Schotterhaufen lagern an den engen Straßenteilen, die ein Ausweichen unmöglich machen, hohe Hügel von der Einschotterung herrührend, sind höchst gefährlich, erhöhte Bankette verhindern sowohl den Wasserablauf, als auch das Ausweichen.
Wiederholte schriftliche und telefonische Vorstellungen des Gemeinderates Bodenmais und der Marktgemeinde Kötzting um Abhilfe dieses Missstandes hat seitens des Bezirkes Regen kein Gehör gefunden.
Wir sind deshalb gezwungen diese Missstände öffentlich zu rügen und an dieser Stelle den Bezirksrat Regen dringend zu bitten, hier sofort Abhilfe zu schaffen, damit weitere Unglücksfälle vermieden werden.
Durch die Einführung der Kraftwagenlinie Kötzting — Bodenmais ist endlich die schon seit über einem halben Jahrhundert angestrebte Verbindung des oberen mit dem unteren Bayerischen Wald geschaffen und die ganze Bevölkerung des Zellertales ist der Marktgemeinde Kötzting zu Dank verpflichtet, dass sie mit hohen Kosten dieses moderne Verkehrsmittel geschaffen hat.
"

Natürlich ging der Kampf um die Zellertalbahn weiter, verlor jedoch mit der Bauzusage für die Verbindung Blaibach-Viechtach an Schärfe, weil diese Zellertalbahn fast dann eine Parallelverbindung gewesen wäre.
Die neu geplante Anschlusslösung über Gumpenried wird von Kötzting aus nicht ohne Häme betrachtet bzw. begleitet: (KA vom November 1926)

Ein Schüleraufsatz

von Kosmas Damian Schienenbieger aus Rumminnswaid beim Gumpenried.

Von Viechtach nach Bodenmais ist ein Broegt und wird eine Bahn. Eine fertige Bahn ist ein Broegt. Wenn's keine Bahn wird, fällt das Broegt kann aber nicht brechen. Das Broegt ist in der Geographie vom Bayer'schen Wald und ist diese schwer. Auf dem Broegt muß man mit dem Kopfe fahren und ist das auch schwer aber geht schneller.

Das Broegt wird mit Eisenbahnschienen gemacht und müssen gebogen sein. Alle. Aber für den Bahnhof grade. Am Bahnhof pfeift  der Zug. Der rauscht dann und fährt die Reiben ab. Alle. In der Reibe fahre ich gern. In der Reibe sieht man zur Lokomotive. Wie sich sie dreht und herum reibt. Auf der anderen Seite sehe ich es nicht. Ich gehe von einem Fenster ans andere. Deshalb. Wenn die Leute nicht schimpfen. Wenn die Leute schimpfen, bleibe ich sitzen. Da schlafe ich ein. Ich schlafe mich aus, bis man hinkommt. Wenn man wo hinkommt, steigen Leute aus. Bei einem Wirtshaus und stärken sich zum Weiterfahren und ist auch notwendig. Das Broegt eröffnet den oberen Wald. Denselben hüllt es ein,  durch viele Landschaften wo man hinkommt und ist deshalb knäuelig. Das Broegt ist nördlich und macht auch andere Himmelsrichtungen.  Alle . Es durchschneidet die Gegend und macht Einschnitte wie Soldaten im Schützengraben ist es schtradegisch wenn kein Krieg kommt. Deshalb bloß so. Und ein Schrtradege ist wenn einer eine solche Bahn macht. Solche Leute haben es im Kopf und finden überall hinaus. Das Broegt kommt um viele Berge und sieht man eine Gegend mit allen was sehr schön ist. Auch lehrreich.  Das Broegt zapft am Weinfaß. In Arnbruck ist's der ´Heidelbeersaft und wird abgefahren. Wenn man den Saft schüttelt, begärt er auf. In Viechtach hat man dann einen Wein. Der Wein wird ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Dann kann man ihn trinken. Die Schwammerl werden ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Dann sind sie trocken. Die Waldbevölkerung wird ein Fahrbrodukt bis Viechtach. Diese ist zäh und ausdauernd. Das Stadtvolk wird ein Fahrprodukt von Viechtach. Dieses will bummeln und braun werden.  Bis sie kommen sind sie schon braun und aufgebrennt wo der Kopf am Fenster ist. Auch schwitzen sie. Die Sommerfrischler sind uns zu mitleidig und möchten manche von uns diese ausrotten durch den schlechten Verkehr. Und das Broegt soll helfen. Das Broegt ist von manchen und anderen Leuten. Es ist recht und ich freue mich sehr wie diese.

Immer wieder taucht im Jahresreigen das neue Kraftwerk am Höllenstein auf, das zu Besuchen einlädt und über dessen Leistungen mit mehrteiligen Folgen in der Zeitung berichtet wird.




 

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Nicht alle Geschichten spielen innerhalb der Marktgrenzen Kötztings. Die Markergruppe Umland führt zu historischen Orten, Ereignissen und Erinnerungen aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden des Kötztinger Landes. Oft ergeben gerade diese Beiträge spannende Verbindungen zur Geschichte der Stadt.

 Viel Freude beim Entdecken!

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Das Gauturnfest in Kötzting

Angesichts der ansehnlichen Meldungen für das Gauturnfest, rief der Magistrat die Kötztinger auf, Quartiere zur Verfügung zu stellen.:
"Kötzting, 2. Juni. Am 12. und 13. Juni findet wie bekannt das Gauturnfest, an dem sich zirka 200 Mitturner beteiligen, in unserer schönen Markte statt. Da nun vom Gau die Vorschrift besteht, dass dem Preisturnen Freiquartiere mit Frühstück für eine Nacht unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden muss, hat natürlich der Turnverein die schwere Aufgabe, dieselben zu besorgen. Ganz Kötzting darf sich zur Ehre rechnen, den Turnern den Aufenthalt in unserem Markte möglichst gemütlich zu gestalten und hoffen wir, dass es sich jeder Haushalt zur Ehre schätzt, einen Turner beherbergen zu können. Die nächsten Tage werden Quartiermacher von Haus zu Haus gehen, um Quartiere zu sammeln. Möge dies von großem Erfolg gekrönt sein!"


Schon im Februar angekündigt und bei den Pfingstfeierlichkeiten beworben, kommt nun im Juni der große Tag des Kötztinger Turnvereins mit dem Gauturnfest verbunden mit der feierlichen Einweihung der neuen Turnhalle..

An Pfingsten - sicherlich 1926 - kann man die noch unverputzte Turnhalle im Hintergrund bei der Kranzlvergabe erkennen, wenige Wochen danach kam es zur offiziellen Eröffnung im Rahmen des "Donauwald Gauturnfestes."

DIA-Repro 3679 der Sportplatz - Bleichanger - vor der Jahnhalle gut zwei Wochen vor dem großen Turnfest..... leicht matschig, aber das Wetter besserte sich.
DIA-Repro 3455 Plakette anlässlich der Eröffnung der neuerbauten Turnhalle



Hier noch das Programm für das Festwochenende:



Zum 15. Turn-Fest
des Donau-Wald-Gaues in Kötzting
am 12. und 13. Juni 1926.

Eine schöne, erhebende Feier, in allen Teilen wohlgelungen, gut vorbereitet, nach klarem Richtlinien durchgeführt, aufgebaut auf den harten Mauern der einstlichen Turngemeinde, getragen von einer zahlreichen Zahl liebwerter Turngäste, umrahmt von der verhältnisvollen Teilnahme des ganzen Marktes, ein Fest, so ganz im Geiste der alten deutschen Turnerei, ernst und würdig und doch bewegt und lebendig, fröhlich und froh, das wird der bleibende Eindruck sein, den jeder mit nach Hause nahm, der das 15. Turnfest des Donau-Wald-Gaues in Kötzting miterlebte.

Dass dieses Fest mit der feierlichen Eröffnung der neuen Turnhalle in Kötzting verbunden werden konnte, erhöhte und verstärkte seinen örtlichen Widerhall



Hier nun ein Auszug aus dem Bericht über den Beginn des Gauturnfestes mit der Einweihung der neuen Jahnhalle:
Kötztinger Anzeiger vom Samstag, den 19.6.1926

...... Das Fest setzte ein mit der feierlichen Einholung der auswärtigen Turner, die am Bahnhof und an den Straßenmündungen mit klingendem Spiel empfangen und zu ihren Standquartieren geleitet wurden. Die Gäste waren sichtlich aufs angenehmste davon berührt, dass ihnen eröffnet werden konnte, dass für jeden derselben ein gutes Privatquartier bereit stehe, wo er für die Tage des Festes gastliche Aufnahme finde. Allgemein war die Anerkennung über dieses vorbildliche Verhalten der Markteinwohner, das die fröhliche Stimmung der fremden Turner so sehr erhöhte und vom ersten Augenblicke an jenes herzliche Einvernehmen schuf, durch das dieses Turnfest so viel Weite und Volkstümlichkeit gewann.
Mittlerweile hatte die neue Turnhalle die letzte Hand an ihr Festtagskleid gelegt und stand gewärtig, die zuströmenden Gäste und Freunde an ihrem Ehrentage würdig zu empfangen. Einfach und ohne Überladung, aber schmuck und gehaltvoll hatte sie sich herausgeputzt und jedem lachte das Herz im Leibe, der sie in ihrem bräutlichen Wesen vor sich prangen sah. Man erkannte sofort, dass hier feinsinnige Köpfe und kluge Hände vereint ein Werk geschaffen hatten, das Gestalt hatte und warmes Leben atmete.
Und in der Tat: Mit dieser schmucken Schöpfung hatte der Turnrat im Vereine mit Herrn Adlhoch und Frl. Obermeier und unterstützt von einem Stabe fleißiger Helfer und Helferinnen eine Leistung vollbracht, wie sie mit den gegebenen Mitteln nicht schöner zu vollbringen war.
Den eigentlichen Festakt eröffnete der 1. Vorstand des Turnvereins Kötzting, Herr Schlossermeister Joseph Liebl, mit einer Begrüßungsrede, in der er mit warmen Worten den Mitgliedern des Vereines, insbesondere aber den werten Gästen und Freunden desselben im Namen Kötztings ein herzliches „Gut Heil“ entgegenrief, der Gauleitung dankte, dass sie dem Turnverein Kötzting die Durchführung des Gauturnfestes anvertraut habe und mit der Versicherung schloss, dass der Verein alles daran setzen werde, sich dieser Ehre würdig zu erweisen und bei den bevorstehenden Wettkämpfen seinen Mann zu stellen.
Die Festrede selbst, die den Anlass und Inhalt der Feier darzulegen hatte, hielt ein berufener Meister des Wortes, Herr Bezirksamtmann Thoma, der 2. Vorstand des hiesigen Turnvereins.

DIA-Repro 386: 
386 Damenturnriege mit Vorturner Bezirksamtmann Ludwig Thoma zum Abschied März 1931
von oben links 1. Reihe 2.v.links Pagany Else, 2. Reihe Mitte Wühr Fanny, rechts Weingut, 3. Reihe Pagany Minna und Bergbauer Rosel, 4. Reihe Röhrl Linerl, Herre Rosel, Brunner Fanny, Praller Lina, Pagany Maria, ? 5. Reihe Pleier Gusti, Pagany Betty, Heigl ?, Herr Thoma, ?,?, 6. Reihe Hofmann 

Weiter mit der Berichterstattung der  Rede des Bezirksamtmannes Thoma:

Er umriss einleitend in kurzen treffenden Worten die Geschichte des Turnvereins Kötzting, seine Fluten und Ebben und führte des Näheren aus, dass der Turnverein Kötzting 1863 gegründet wurde von turnbegeisterten Kötztinger Bürgern und Bürgersöhnen, als da waren: Decker, Kollmeier, Lukas, Hofbauer, Rabl u. a. m., deren Bestrebungen durch den damaligen Bezirksamtmann v. Paur aufs regeste gefördert wurden.



DIA-Repro 3456 Reckturnen seitlich neben der  - äußerlich fast -  fertiggestellten Turnhalle, sicherlich Teil des Gauturnfestes.


DIA-Repro 1578 Gauturnfest und Turnhalleneröffnungsfeier Juni 1926
Hinweis, es ist möglich, dass das Foto nicht vom Juni, also vom Gauturnfest, sondern vom August und damit vom Volksfest stammt, da auch dort ein Schauturnen im Programm stand.

Nach der Einweihungsfeier der neuen Turnhalle kam es dann am Sonntag zu den Wettkämpfen:

"Ein strahlend schöner Sommertag, doppelt schön und vorher begrüßt nach wochenlangen Regenschauern, leuchtete am Sonntagmorgen über unsere Turner und Gäste hin, als sie, durch den Turnerweckruf aus den Herbergen geholt, der Turnhalle zueilten, um sich den Kampfrichtern zu stellen. Denn heute galt es, in ernstem, zähem, erwartungsspannendem Wettstreit sein Können zu erweisen und den schlichten, aber heißersehnten Siegeskranz zu erringen, der in der Ferne leuchtete, zu dem jedoch ein dornenvoller Weg voll harter Arbeit und Mühsal führte.
Dass halb Kötzting auf den Beinen war, damit es von dem ersten Schauspiel nichts versäume, war selbstverständlich.
Und in der Tat, niemand hatte zu bereuen, den Kämpfen beigewohnt zu haben, die nunmehr Zug um Zug einsetzen und die Turner wie die Zuschauer in gleicher Weise in Atem hielten.
"


Ein für heutige Verhältnisse unvorstellbarer Leserbriefwechsel mit persönlichen Beleidigungen entspannte sich im Nachgang des Turnerfestes.

Laut dem Programm des Turnerfestes, war ein Fußballmatch zwischen dem 1. FC Kötzting und dem 1. FC Zwiesel angesetzt und da gab es wohl ein Problem.

Der Torwart des FC Kötzting hatte seine Mannschaft in Stich gelassen - so die Sicht der Kritiker - bzw. konnte zum Spiel nicht antreten - so seine Verteidiger - , indem er ganz kurz vor Spielbeginn erklärte nicht spielen zu können oder zu wollen.
Nun wurde dieser Torwart Schmidl Ziel eines zornigen Leserbriefes des späteren "Stadtschreibers" Georg Rauscher. Dieser war der Berichterstatter des FC Kötzting und als solcher schrieb er sich seinen Zorn von der Seele mit Ausdrücken, die heute vermutlich justiziabel wären.
Hier ein Auszug aus dem Anfang seines längeren Leserbriefes im Kötztinger Anzeiger:

"Eingesandt

Dem Tormann ins Stammbuch.

„Man fühlt sich“ anscheinend schon als genügende Größe um dies in einem mehr als genügenden Maße von Laune zum Ausdruck zu bringen. Man kann diese Laune auch als Ungezogenheit identifizieren. Es gibt auch noch drastischere Bezeichnungen für diese Ausflüsse von Selbstherrlichkeit. Jedenfalls lässt eine derartige Eigenmächtigkeit, wie sie sich Herr Schmidl letzten Sonntag erlaubte, die Disziplin dieses Herrn in einem bezeichnenden Lichte erscheinen. Im letzten Momente kindisch zu bocken und die Pläne der Spielleitung über den Haufen zu werfen war bisher nur das Vorrecht einer verwöhnten grillenhaften Theaterdiva, der man solche Extravaganzien im Hinblick auf ihr wankelmütiges Geschlecht verzeihen konnte. Für einen Mann aber ziemt sich ein solch bubenhaftes Verhalten unter gar keinen Umständen. Oder fand es der „Preisgekrönte“ unter seiner Würde das Tor zu hüten?....
In diesem Stil ging es noch eine ganze Weile weiter

Kurz darauf erschien die "Gegendarstellung" des so heftig Gerügten mit Hinweis auf die bereits erfolgte Meldung beim Magistrat wegen eines Sühnetermins.





Nun kam die ganze Angelegenheit erst richtig ins rollen, weil Gg Rauscher nachhakte, sich genauer erkundigte und danach einen noch viel längeren Leserbrief im Kötztinger Anzeiger abdrucken lies.
Dabei blieb Gg Rauscher bei seinem süffisanten Schreibstil.
Auch hier erneut der Anfang seines "offenen Briefes" :

"Offener Brief


An
Herrn Georg Schmidl, hier

Es wäre zwar klüger, auf Ihre heutige flügellahme Erwiderung zu schweigen, aber da Sie selbst auf ein ordnungsgemäßes Darstellung Wert zu legen scheinen, gestatte ich mir, Ihre Ausführungen dahin zu berichtigen, dass Ihre Entschuldigungsgründe wohl geringe Bruchteile Wahrheit im sich bergen, zum größeren Teile jedoch auf – schwacher Grundlage beruhen. Es würde zu weit führen Ihre vorgebrachten Punkte aufzufrischen und sie zu widerlegen, ich greife nur ihre Abmeldung - die sie als Kronzeugnis anzubringen beliebten - heraus und werde ich so liebenswürdig sein, Ihrem Gedächtnis, das wohl noch  infolge der damaligen Uebermüdung nicht ganz intakt sein dürfte, etwas zu Hilfe zu kommen."

Georg Rauscher steigert sich von Satz zu Satz in seiner Erwiederungsschrift und endet mit

"Mit dieser Versicherung beehrt sich sie höflichst zu begrüßen
Kötzting, 26.6.26 
Gg Rauscher
Berichterstatter des 1. FC Kötzting

PS. Dass gerade Sie auf dieses Wettspiel großen Wert legten und dann als Erster Ihre Spieler als Tormann im Stiche ließen, sei nur nebenbei bemerkt. - Ihrem mir indirekt übermittelten Wunsche, diesen Brief unveröffentlicht zu lassen, kann ich aus Gründen strenger Konsequenz zu  meinem bedauern nicht entsprechen."

Was ist der  - möglicherweise - erklärende Hintergrund dieses Rückziehers von Seiten des Kötztinger Tormanns. Im Bericht über die einzelnen Sportarten findet sich der beschuldigte "Herr Schmidl" gleich zwei mal, einmal beim Dreikampf 2. Stufe und einmal im 4 mal 100 Meter Staffellauf.


Ausschnitt aus der Ergebnisliste des Gauturnfestes.

Möglicherweise ausgelöst durch diesen Streit - oder dies war nur noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte-, kam es dann im zweiten Halbjahr 1926 zur vollständigen Einstellung des Fußball-Spielbetriebs, der erst 1927 wieder nach der Wahl des neuen Vorstands - eben dieser Georg Rauscher - langsam wieder aufgenommen wurde. Anschließend ließ sich Julius Kirschner wieder in die Pflicht nehmen und führte den 1. FC Kötzting zu neuen Höhen und zu einem eigenen Fußballplatz. 

Ein weiterer Punkt, der sicherlich auch später zur zeitweisen Einstellung des Sommer- Spielbetriebs gesorgt haben könnte, war der Mangel an einer Sportstätte, da ja der Bleichanger für das große Heimatfest im August gebraucht wurde und sicherlich für einige Zeit vor und nachher unbespielbar war.
Beim nächsten Fußballmatch Ende Juni (Kötzting gegen Cham  1:1) jedenfalls lobt der Berichterstatter - sicherlich erneut Gg Rauschner - ausdrücklich den jungen Kötztinger Torwart Huber.



Vereine & Veranstaltungen entdecken

Das gesellschaftliche Leben prägte Bad Kötzting über Generationen hinweg. Vereine, Feste, Feiern, Theateraufführungen, Turnveranstaltungen und viele weitere Ereignisse hinterließen ihre Spuren in der Stadtgeschichte.



In der interaktiven Karte finden Sie historische Schauplätze, Erinnerungen und Beiträge rund um das Vereins- und Veranstaltungswesen in Bad Kötzting.

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Diese Jahreschronik wird noch mehrmals ergänzt  werden, siehe Inhaltsverzeichnis am Bloganfang.




Freitag, 12. Juni 2026

Lesestammtisch

Einladung zum
 monatlichen Lesestammtisch
des Arbeitskreises Heimatforschung









Was wollen wir im Juni lesen? 

Im Jahr 1829 startete die Bayerische Regierung eine außergewöhnliche Umfrage: Alle Landgerichte sollten zusammentragen, welche Geschichten, Überlieferungen und „denk- und merkwürdigen“ Orte es in ihren Gemeinden noch gab.
Die Antworten aus Pfarrämtern und Gemeindeverwaltungen eröffnen bis heute einen faszinierenden Blick auf die Ortsgeschichte – voller Erinnerungen, Besonderheiten und Sagen.

👉 Beim nächsten Lesestammtisch werfen wir gemeinsam einen Blick auf die Rückmeldungen über Rittsteig und die abschließenden statistischen Auswertungen der "unbehausten" Bewohner der Landgemeinden, also der sogenannten Inwohner, einer Bevölkerungsschicht, die es wenige Jahre später Michael Heigl ermöglichte, sich wie ein "Fisch im Wasser" unbemerkt seiner Ergreifung zu entziehen.

Hier ein kleines Lesebeispiel aus der damaligen (1830) Gemeinde Rittsteig



Beiträge 

zur topographischen Beschreibung des Unterdonaukreises
im Königreiche Bayern vom JG Michael Graßl, Schul=
verweser und Gemeindeschreiber zu Rittsteig


Gemeinde Rittsteig


Diese Gemeinde besteht aus dem Dorfe Rittsteig,
 den Einöden Neurittsteig, Helmhöfe, Anglmühle,
Geishof, Buchenmühl und Oberkaltenhof


Rittsteig


Ein Dorf mit 34 Behausungen, leigt auf einer Anhö=
he 40 Grad südlicher Breite, eine halbe
 (Viertel) Stunde von Böhmen und 3/4 Stunde von Neukirchen
ist ein Filial und zählt 400 Seelen
Vor ungefähr vierhundert Jahren stand auf dem Platze
des jetzigen Dorfes ein dichter Wald, in dessen Mitte
sich ein kleine Haide befand. Durch denselben führte
von Neukirchen an das heutige Böhmen ein sehr
schmaler Steig, nur  nothdürftig zum Gehen geein=

net, daher er auch den Namen leichtsteig, und weil .....



                         



Alte Schrift? Ja.
Vorkenntnisse nötig? Nein.

📌 Man muss diese Texte nicht fließend lesen können, um dabei zu sein.
Viele hören einfach zu, lesen still mit – und ganz nebenbei lernt man, solche Quellen besser zu entziffern.
Wie immer ergeben sich außerdem zahlreiche Gespräche über andere historische und zeitgeschichtliche Themen.

🕯️ Termin:
📅 Dienstag, 16. Juni 2026
18.30 Uhr
📍 Kneippstüberl – Hotel zur Post

🗺️ Tipp zum Schluss:
Seit Herbst 2025 gibt es außerdem die interaktive Karte Kötztings.
Dort sind Beiträge zur Häuserchronik und viele weitere historische Themen direkt im Stadtplan verortet – jeder Marker führt per Klick zum passenden Blogbeitrag.
Die Karte funktioniert am PC ebenso wie auf dem Smartphone und kann sogar als kleine App gespeichert werden.

👉 Interaktive Karte Kötzting öffnen    🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen


Dienstag, 9. Juni 2026

Eintauchen in Kötztings Untergrund

Selbst in einem Rathaus lohnt es sich, gelegentlich zu stöbern. Ausgelöst durch die aktuellen Umbaumaßnahmen werden derzeit auch Räume  und Regale im Keller umgeräumt, in denen sich an einigen Stellen auch noch versteckte Kleinigkeiten fanden.
In diesem Fall kam dabei eine unscheinbare Papprolle zum Vorschein, die einen großformatigen Plan enthielt, ein zentrales Dokument, das eigentlich zu einer Umfangreichen Einzelplansammlung gehörte und nun einen festen Platz in unserem Archiv erhält.

Es war im Jahr 1992 der Bergbauingenieur Walter Schneider, der sich gemeinsam mit Franz Emberger der Fleißarbeit angenommen hatte, die Kötztinger Keller und unterirdischen Gänge zu erforschen, zu vermessen und in einem Gesamtplan zu dokumentieren.

Haus für Haus - bzw. eben Keller für Keller - hatten die Beiden besucht, vermessen und in einem Manuskript genau bezeichnet.

StadtA Kötzting Kötztings/Archivalien digitalisiert/Altkötzting/ Keller 07-44
Hier der Keller unter dem Anwesen Achtler/Pfeffer, eine Kellerlandschaft, die wohl bald nur noch auf dem Papier existieren wird.
In dieser Form haben die beiden herren Schneider und Emberger ihre Forschungsergebnisse dann auf einen Kötztinger Lageplan übertragen.
Da der Plan aus technischen Gründen hier nur in relativ schlechter Qualität dargestellt wird, habe ich das Originalbild auf Google-Drive geladen. Wer dieses Bild in seinem ganzen Detailreichtum sehen und lesen will, kann sich die PDF unter dem folgenden Link herunterladen.

>>>>>>>>>>>link zum *pdf >>>>>>>>>>>>>

Aus mehreren Gründen ist für mich der von ihnen aufgefundene Gang in der heutigen Holzapfelstraße ein ganz besonderer Fund..


Detail mit dem unterirdischen Gang.

Besonders ist dies, weil ich auf diesen Gang bereits von mehreren Seiten angesprochen wurde und das immer mit der Bezeichnung "Fluchtgang", was ich aber aus zwei Gründen immer verneint habe.


1. Macht ein Fluchtgang parallel zur Marktbefestigung überhaupt keinen Sinn, ein solcher müsste im rechten Winkel zum Bollwerk angelegt werden, um eben eine Flucht hinaus aus Kötzting zu ermöglichen.
2. Ist mir bekannt, dass Wolfgang Samuel Luckner bei einer Übereinkunft mit dem Kötztinger Magistrat, sein Quellwasser (Quellgebiet bei Gradis) mit dem  Quellwasser des Marktes vereinigt hat, dafür aber bei einem Wasserstock am heutigen Alten Friedhof - bevor noch irgendwelche Verunreinigungen durch Brunnenanlagen geschehen konnten - einen Teil des nun gemeinsamen Wassers durch die heutige Holzapfelstraße - das Schulgasserl- das damals so genannte Lucknergasserl direkt in sein Anwesen (Hotel zur Post) hat leiten dürfen.

Blickt man auf den Plan des Bergbauingenieurs Schneider, so projektiert auch er genau diese Linie als theoretische Fortsetzung des von ihm aufgefundenen Ganges.
Auch wenn es in den Akten heißt, dass die - hölzerne - Wasserleitung außerhalb des Marktes teilweise offen neben der Straße gelegen hatte, so ist dies im Markt herinnen nicht anzunehmen.
Hinzu kommen noch ein paar Hinweise, die uns Herr Schneider in seinem Manuskript gibt.

"Die Stadt Kötzting wurde auf Zersatzgestein (zersetzte Granit) erbaut.
Einen ähnlichen Untergrund weisen viele Orte im bayerischen Wald und der Oberpfalz auf, und verfügen auch über ein derartiges Gänge- und Kammernsystem.
Schon zur Zeit der Erstbesiedelung benötigten die Bewohner eine "Versorgungsgrube" (kellerähnlicher Raum). Sie bemerkte bei den Grabarbeiten, wie leicht man das Zersatzgestein bearbeiten konnte. Das dabei anfallende Material verwendeten sie beim Wegebau und mit Lehm vermischt als Mörtel.

Schneider spricht in seinem eigenen Kommentar von Wasserleitungen, die in diesen Gängen verlegt worden waren, spricht von einem Fund im Gang vor dem Rathaus (es ist das bekannte mit dem "Schratzellochdeckel verschlossene Gangsystem) und von einer Verbindungsmuffe für Holzrohre und er führt eine Aussage an, dass "in der Torstraße ein niedriger Gang mit Holzrohren war". Das würde wieder genau der von mir beschriebenen Wasserleitung herein von Gradis und der Wasserabzweigung hinein in die heutige Holzapfelstraße passen. 


Einschub
Dem aufgefundenen Plan war auch ein Zeitungsartikel von Alois Dachs beigelegt, in dem  - bei der Befragung durch den damaligen Reporter der Kötztinger Umschau Alois Dach - Herr Schneider die Idee entwickelte, der/die Fluchtgänge hätten alle ein Ziel: die Kirchenburg, so bin ich ganz anderer Meinung, muss allerdings Herrn Schneider zugestehen, dass er 1992 noch nichts von der Lucknerschen Wasserleitung wissen konnte, die ich selber erst in den Nullerjahren im Zusammenhang mit meiner Lucknerbiografie herausgefunden habe.
Auch wenn Herr Schneider und ich zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.... er folgert ein Fluchtsystem hinunter zur Kirchenburg. Die aufgefundenen Gänge von manch einem Haus zum nächsten könnten auch daher stammen, dass sich die damaligen Kellergräber sehr gerne und sehr leicht über die oberirdischen Grundstücksgrenzen hinweggesetzt hatten und gerne auch in Richtung zum Nachbarn oder noch besser unter die Kötztinger Marktstraße ihre Kellerausschachtungen vortrieben.
Z.B. die früheren Keller bei Texttil Schödlbauer oder im Untergrund der "Alten Metzgerei", um nur zwei zu nennen.
Einschub Ende

Das "unterirdische Kötzting" birgt viele Geheimnisse

Von zweien, die auszogen, sie zu erforschen/Neue Mauern unterbrachen längst alte Fluchtgänge

Walter Schneider, pensionierter Bergbauingenieur aus Zwiesel, konnte gemeinsam mit seinem Helfer Franz Emberger aus Kötzting die Kellerstollen und Fluchtgänge in Kötztings „Unterwelt“ relativ genau vermessen  


Bei der Prüfung der Gänge untersuchte der Fachmann mit dem Hammer auch das Material, aus dem die alten Fluchtwege herausgeschlagen wurden (rechts).

Kötzting (al). Zur Erforschung des unterirdischen Kötztinger Gangsystems machte sich der pensionierte Bergbau-Ingenieur Walter Schneider aus Zwiesel vor zwei Wochen auf den Weg nach Kötzting. Nachdem er sich bei der Stadt sowie bei den Architekturbüros Schnabel und Serwuschok mit entsprechendem Planmaterial und Informationen eingedeckt hatte, durchsuchte und vermaß er gemeinsam mit dem Kötztinger Rentner Franz Emberger – der ihm zum unentbehrlichen Helfer wurde – die noch erhaltenen Keller und Fluchtröhren, die offenbar alle einen gemeinsamen Zielpunkt hatten: die Kötztinger Kirchenburg.

Eine wichtige Erkenntnis hatte Walter Schneider schon im Frühjahr bei einer Kurzvisite im Kötztinger „Schrazelloch“ in der Herrenstraße gewonnen: Der Untergrund der Pfingstrittstadt besteht aus sogenanntem Zersatzgestein, aus sich zersetzendem Granit. Schon in den ersten Besiedlungsphasen, als die Menschen einfache Blockhäuser bauten, hoben sie als „Versorgungsgrube“ bereits kellerartige Räume aus und erkannten dabei, wie leicht das relativ mürbe, aber dennoch tragfähige Gestein zu bearbeiten war. So entstanden unter den ältesten Straßenzügen von Kötzting nicht nur große Kellerräume, die auf bis zu drei Ebenen – aber ganz selten übereinander – angeordnet sind und teilweise ein enormes Fassungsvermögen aufweisen, sondern auch weitverzweigte Fluchtgänge.
Mit zurechtgeschlagenen Gneisbrocken wurden die geschlagenen Gewölbe zunächst stabilisiert, später auch mit Ziegeln kunstvoll ausgemauert, wobei das wichtigste „Zubehör“ stets die Luftschächte waren, die ein trockenes Klima sicherstellten. Allein die gemauerte, in Windungen verlaufende Konstruktion dieser Lüftungsschächte wäre schon eine Untersuchung wert, meinte der ehemalige Bergwerksingenieur. Aus statischen Gründen überschneiden sich die auf bis zu drei Ebenen angeordneten Keller unter den alten Kötztinger Bürgerhäusern nur sehr selten, zum Teil gehen die Räume aber weit über den Grundriss der jeweiligen Gebäude hinaus.

Auf besonders interessante Zusammenhänge stießen Walter Schneider und Franz Emberger im riesigen Eiskeller des heutigen „Monokel“ in der Holzapfelstraße. Die „kirchenartige“ Halle ist kunstvoll gemauert und verfügt über mehrere Nebenräume, die zumindest dort, wo die Belüftung über Schächte nicht zugemauert wurde, trocken und staubfrei sind. Von einem Nebenkeller aus konnte Walter Schneider einen Fluchtgang rund 70 Meter die Holzapfelstraße abwärts verfolgen, bis Schlamm aus einem gebrochenen Kanalrohr das Weiterkommen unmöglich machte. Das seinem Richtungsgefühl ging der Ingenieur davon aus,  dass der Fluchtgang zur Gasse zwischen Parkhaus und ehemaliger Metzgerei Barth hin orientiert ist.

Ein hervorragend erhaltenes Kellersystem fanden die „Untergrundforscher“ auch in dem ehemaligen Fechter-Anwesen in der Holzapfelstraße vor, wo neben ausgemauerten Kellern ein aus dem zersetzten Granit herausgehauenes Gewölbe auch die verschiedenen Gesteinsarten und Schichten sichtbar machte. Nach Ansicht von Walter Schneider, der auch in der Markt-, Metz- und Schirnstraße zahlreiche große Hauskeller untersuchte und dabei auf Einstiege zu den früheren Fluchtgängen stieß, muss in früherer Zeit ein Gangsystem existiert haben, das die Holzapfel- und Marktstraße mit der Herrenstraße verband, von wo aus Gänge unterirdisch in die Kirchenburg führten, die gut verteidigt werden konnte.

Die auf mehreren Ebenen angelegten Keller dienten früher der Bier- und Eislagerung, wobei das Eis jeweils auf der tiefsten Sohle untergebracht war, wie entsprechende Füllschächte und Einrichtungen belegen. Mit Sicherheit seien früher auch Handwerkszeug und Haushaltsgegenstände in den Keller gelagert worden, um bei Überfällen oder Bränden jeweils das Nötigste wieder parat zu haben, meinte Schneider.

Massive Angeln in den steinernen Türstöcken deuten darauf hin, dass sich die Bürger in die tiefen Keller flüchten konnten, wo sie hinter eisernen beschlagenen Türen vor Angriffen sicher waren. Mit dem Zollstock bestimmten Walter Schneider und Franz Emberger, die beide kostenlos diese Untersuchungen durchführten, die Maße der Keller und Fluchtgänge. Schneider zeichnete dabei auch die jeweiligen Verlaufsrichtungen ein. Mit Hilfe von Feuerwehr-Handlampen war eine relativ gute Orientierung möglich, wobei auch die meisten Bürger und Mitarbeiter der Stadt mit Erklärungen behilflich waren.


🗺️ Kleines Suchspiel zum Schluss:
Viele Geschichten aus Kötzting lassen sich nicht nur lesen, sondern auch direkt im Stadtplan entdecken.
Die Interaktive Karte Kötzting führt über ihre Marker unmittelbar zu den passenden Blogbeiträgen – Geschichte zum Anklicken.

Kötztinger Allerlei  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Kötztinger Allerlei zu finden und zwar in der Holzapfelstraße direkt vor dem Monokel-Eiskeller

 

Nicht jede Geschichte lässt sich einer festen Kategorie zuordnen. Die Markergruppe Kötztinger Allerlei versammelt besondere Fundstücke, kuriose Begebenheiten, interessante Entdeckungen und bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte Bad Kötztings. Gerade diese Vielfalt macht oft den besonderen Reiz historischer Spurensuche aus.

Viel Freude beim Entdecken!

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