Ein Zeitungsbericht und seine Hintergründe
Einschub
Ich würde den Abschnitt nur sprachlich glätten und dabei deinen Erzählton beibehalten:
Am 13.7.2026 kam es auf der Baustelle an der Kötztinger Westumgehung – beim Neubau des Fernradweges – zu einem unplanmäßigen Baustopp. Der Bagger war auf Munition gestoßen, die sich später als eine – durchaus noch scharfe – Artilleriegranate herausstellte.
Beide Kötztinger Zeitungen wandten sich noch an diesem Vormittag an mich mit der Frage, wie ich diesen Fund denn einordnen würde.
Meine Meinung geht eindeutig in Richtung der 11. Deutschen Panzerdivision, von der wir wissen, dass große Teile davon mitsamt ihrer militärischen Ausrüstung Anfang Mai 1945 in Gehstorf und Umgebung gelandet waren – und zwar voll munitioniert.
| Col. Reed Museum Vilseck: The Ghosts of Patton`s Third Army: Ankunft der Soldaten in Gehstorf |
Diese sehr großen Mengen an Munition wurden erst später eingesammelt und zentral – schlampig und offensichtlich in Eile – vernichtet.
Es gibt die mir kolportierte Aussage eines Bauern, der die – ähnlich wie bei einem Holzstoß – aufgeschichtete Menge an Panzerfäusten folgendermaßen beschrieb: Er hätte noch nie eine so große „Schoa(r)“ (= Holzstoß) gesehen wie eben diese aufgetürmten Panzerfäuste.
Wenn man darüber hinaus noch berücksichtigt, dass manchmal auch versucht wurde, das eine oder andere an Ausrüstung – zum Beispiel Gewehre, Werkzeug und eben vielleicht auch Munition – zu verstecken, so bleibt für mich trotzdem die Herkunft des Materials eindeutig: die Deutsche Wehrmacht.
Einschub Ende
Auch 8 Jahre nach Kriegsende waren die Folgen des Zweiten Weltkrieges noch lange nicht ausgestanden.
Ende April 1945 hatte die Kriegsfront auch den oberen Bayerischen Wald überrollt und zwei Wochen danach war der Krieg zu Ende.
Kurz zuvor kam es noch zu einer außergewöhnlichen und - für Kötzting segensreichen - Kapitulation der 11. deutschen Panzerdivision, der die amerikanische 2nd Cavalry den Großraum Kötzting als Sammlungsraum zugewiesen hatte.
Die sich ergebenden deutschen Truppen waren nun wesentlich zahlreicher als es die Amerikaner angenommen hatten und so lagerten in und um Kötzting nicht nur die 11.000 Angehörigen der 11. PD sondern auch eine Unmenge an Fahrzeugen. Manche dieser Fahrzeuge konnten ganz oder teilweise einer zivilen Nutzung zugeführt werden, einige der - neueren - Panzer wurden von den Amerikanern abtransportiert, die große Masse an Militärgerät jedoch blieb auf den Wiesen rund herum um Kötzting noch jahrelang liegen und wurde langsam ausgeschlachtet.
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| Foto aus: Anna Rosmus: Valhalla Finale |
| Bild Josef Barth sen. Auf dieser Wiese grasen in der Gegenwart die Rappen der Brauerei Lindner. |
| DIA-Repro 2028 ein Panoramabild Kötzting, am rechten Bildrand sieht man noch die Fahrzeugreste der 11. PD, die auf der Wiese abgestellt jahrelang ausgeschlachtet wurden. |
Ganz anders aber wurde mit der Munition verfahren. Die 11. PD war ja schließlich im Moment der Kapitulation noch kampfbereit und - mit Ausnahme eines geringen Treibstoffvorrats - auch voll einsatzfähig, weshalb nach der Kapitulation nicht nur die Handwaffen - mit Ausnahme weniger Waffen für das Wachpersonal - sondern auch die Granaten und andere Munition eingesammelt und an anderer Stelle vergraben und vernichtet wurden.
Wo dieses "an anderer Stelle" lag, war mir bis zur Zeitungslektüre der 1953er Kötztinger Zeitung unbekannt. Es war auf der "Holzwiese", einem einsam gelegenen Fleckchen Erde bei Roßberg. Dort wurde die Munition im Frühling/Sommer 1945 wohl gesammelt und - unsachgemäß und schlampig - vernichtet, was eine aufwändige Nachsorgeaktion im Sommer 1953 notwendig machte, die dann allein einen Rest von 30 Tonnen an scharfer Munition sichern konnte. Liest man den Bericht genauer, so steht zu vermuten, dass da noch vieles in den Wäldern um die Holzwiese herum im Boden verteilt liegen könnte und eine mehr oder weniger große Gefahr darstellt.
| KÖZ vom Juli 1953 |
Blaibach. Über 800 8,8-Flakgranaten, 3 000 Schuß Zwei-Zentimeterkaliber, an die 600 Ausrüstungsstelle, El- und Stielhandgranaten, MG-Munition, Stahlhelme, Gasmasken und Maschinenwaffen, deutsche und tschechische, und was man sonst bei den Soldaten noch findet, Minen und Bajonette, haben die Männer des Sprengkommandos Süd (Bohr- und Sprenggesellschaft Röhl-München-Garching) in den letzten drei Wochen unter dem Roßberg aus der Erde geholt. Ohne viel Aufsehen davon zu machen, täglich 70 bis 80 Geschoße verschiedener Größe allein am vorgestrigen Tag sieben Tonnen an tödlichem Eisen und Stahl.
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| KÖZ vom Juli 1953 |
Pioniere sprengten wie Stümper
Auch die aus der CSR herausmarschierenden Panzerverbände des Heeres hatten an jenem 8. Mai 1945 im Kötztinger Raum die Waffen gestreckt. Aus den Nachbargemeinden, dem Lamer Winkel und selbst von Cham her, war hier auf der idyllisch gelegenen, in den Roßbergwald gebetteten Holzwiese, die heute einem Schlachtfeld gleicht, tausendfach der Tod zusammengetragen worden. Die Blaibacher wissen von den letzten Kriegstagen und dem, was folgte, ein Lied zu singen: Detonation um Detonation brach vom Walde her über das Dorf. Fensterscheiben zerbrachen, Stubendecken krachten auf die Böden. Die deutschen Pioniere, die im Mai und Juni des Zusammenbruchsjahres letztmals am Werk waren, hatten entweder wenig Lust, mehr an der ganzen Arbeit oder sie waren elende Stümper. Ihre Munitionssprengungen — unter Aufsicht der Amerikaner — erfaßten nicht die Masse der zu vernichtenden Geschoße. Kilometerweit verseuchten sie Äcker, Wiesen Raine und Waldboden. Auf der Holzwiese blieb der riesige Sprengtrichter zurück und Munition, von der Gewalt der Detonationen in die Erde getrieben, todbringend wie ehedem.
Eldorado der Buntmetallfunde
Wiederholt versuchten in den folgenden Jahren Buntmetallsammler aus diesen Umständen einen Nutzen zu ziehen. Sie machten sich an die Schatzgräberarbeit mit einer Unbesonnenheit, die ihresgleichen sucht. Wenn die Alten schon nicht die Gefahren erkannten, wie sollte es die Jugend? Es kursieren zu viele Geschichten in den Dörfern um den Roßberg, um sie unterzubringen. Geschichten von kindlichem Leichtsinn, unerhörter Freibeutersucht und verderblichem Unverstand. Seit die Kunde eines tragischen Vorfalles die Gemüter erschütterte, gab es für die Verwaltungs- und Polizeistellen nur noch eins: Weg mit dem Zeug, so schnell als möglich.
Flakgranaten in drei Meter Tiefe
Das von der Landpolizei angeforderte Sprengkommando ist vor drei Wochen erschienen. Meter um Meter haben die unerschrockenen Männer den Sprengtrichter auf der Holzwiese umgewühlt. Bis zu drei Metern in die Tiefe sind sie gestoßen. Massenweise kam Munition zum Vorschein, verrostet und überzogen, sie häufte sich wie Stere von Holz an der Waldstraße. Nun ist ein Minensuchgerät eingesetzt, um den Umkreis gründlich abzutasten. Sich tiefer in die Wälder zu verlieren, hieße für das Sprengkommando, viel zu viel Zeit aufzuwenden.
Das würde mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen, um auch dort hundertprozentig zu leisten. Sie ist bisher überhaupt nicht. Wasserandrangs aus dem Bach erschwert. Immer wieder war die Pumpe anzusetzen, aufs neue mit den Schöpfern in die Tiefe zu gehen.
Hauptteil der Munition abtransportiert
Der Hauptteil der Fundmunition und Ausrüstung ist in den letzten Tagen nach Garching bei München abtransportiert, die unter allen Sicherheitsmaßnahmen, die man nur denken kann. Sind die Geschoße leicht, werden sie der Verschrottung zugeführt; leicht werden eines Tages neue Geräte daraus? Nächste Woche werden die Männer des Sprengkommandos ihre gefahrvolle Arbeit auf der Holzwiese abgeschlossen haben. Dann fahren sie nach Plattling. Dort liegt auch Munition. Jede Menge. Acht Jahre nach dem letzten Krieg.
Welche menschliche Tragödie der Krieg auch für unser Gebiet bedeutete, zeigen die nackten Daten: 3700 gefallenen und 800 weiteren vermissten Menschen kostete der Krieg das Leben und nicht zu vergessen auch das Elend der Millionen Geflüchteten und Vertriebenen.
Zum Volkstrauertag (Artikel der Kötztinger Zeitung vom November 1955)
3700 Gefallene und 800 Vermisste im Kreis Kötzting
An den Gedächtnisstätten und in den Kirchen wird die Bevölkerung morgen der Opfer des Krieges gedenken
Kötzting. Zweimal innerhalb einer Generation hat der Tod eine furchtbare Ernte gehalten. Allein im zweiten Weltkrieg 1939/45 büßte das deutsche Volk 6,8 Millionen Menschen ein. Über 3 700 Männer aus dem Landkreis Kötzting fanden im zweiten Weltkrieg den Tod; die Suchdienstlisten des Bayerischen Roten Kreuzes registrieren noch immer aus den Kreisgebiet über 800 Vermisste. Auch die Friedhöfe des Landkreises Kötzting sind Zeugen des tragisch-gigantischen Geschehens: Über 86 Soldaten- und 41 Flüchtlingsgräber haben die Gemeinden im Auftrage des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge im Landkreis Kötzting errichtet.
204 Gräber und Vermisste in der Pfarrei Kötzting
Die Verluste der deutschen Wehrmacht an Gefallenen und Verstorbenen von 1914 bis 1918 einschließlich der nachträglichen Sterbefälle Beurkundungen bis zum 31. Dezember 1952 betrugen 1938 897, im zweiten Weltkrieg hatte die deutsche Wehrmacht 3 250 000 Tote zu beklagen. Die Zahl der Gefallenen aus dem Landkreis Kötzting wird mit 3 700 angegeben. Aus der Pfarrei Kötzting mit den Gemeinden Kötzting, Arndorf, Gehstorf, Haus, Kötzting und mit 1 700 angehörten im zweiten Weltkriege 133 Männer den Tod; 111 ehemalige Angehörige der deutschen Wehrmacht sind als vermisst gemeldet.
Neben Soldaten- Heimvertriebenengräber
Ungleich größer und durch die Zusammenhänge tragisch, sind die Verluste der Zivilbevölkerung der Ostprovinzen des Deutschen Reiches bei ihrer Vertreibung in den Jahren 1944 bis 1946. Diesen
1 500 000 Verschollenen steht die auf mindestens 1 Million geschätzte Zahl der Deutschen aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, der CSR und Polen, die bei der Vertreibung umgekommen sind oder in die Sowjetunion verschleppt wurden, nicht nach. Die deutsche Zivilbevölkerung erreichte demnach mit über 3 Millionen Toten und Verschollenen fast die Zahl der Wehrmachtstoten. Der Grenzlandkreis Kötzting, bis 1945 von Kriegswirkungen nicht berührt, wurde zu einer der ersten Auffangstellen. Zahlreiche Soldatengräber und letzte Ruhestätten von Heimatvertriebenen erinnern an das furchtbare Geschehen. Neben 86 Gräbern ehemaliger deutscher Wehrmachtsangehöriger wurden im Landkreis Kötzting von den Gemeinden im Auftrage des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge die Gräber von über 40 Zivilpersonen betreut, die in den Wirrnissen der letzten Kriegstage oder auf dem Wege aus der Heimat ums Leben kamen.
Überführungsaktion Holzkirchen
Unter Aufsicht des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge standen bisher im Landkreis Kötzting über 127 Soldaten- und Zivilistengräber. Nicht eingeschlossen sind die Gräber von Personen, die an den Folgen des Krieges, an Kriegsverletzungen, Elend und Leid zerschellten. In der Gemeinde Atzlern bei Mais liegen Blumen auf den 39 Gräbern von Soldaten der ehemaligen Wlassow-Armee. In Miltach wurden auf dem neuen Friedhof 17 ehemalige Wehrmachtsangehörige bestattet. Blaibach betreut 6 Soldaten- und 4 Zivilistengräber, die Stadt Kötzting 18 Soldaten- und 2 Zivilistengräber. Im großen Friedhof der Wallfahrt Neukirchen b. Hl. Blut haben 30 Zivilpersonen, Heimatvertriebene aus Schlesien u. dem Sudetenland, darunter zahlreiche Kinder, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Kriegsgräber befinden sich ferner in den Gemeinden Warzenried, Rittsteig und Lohberg. Ein Teil der gefallenen und verstorbenen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, die im Landkreis Kötzting bestattet worden waren, ist in der Zwischenzeit in den neuen Soldatenfriedhof in Niederbayern in Holzkirchen bei Vilshofen übergeführt worden. Die Aktion, die der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge durchführt, ist noch nicht abgeschlossen.
Gedenket ihrer in Ehren...
Der morgige Volkstrauertag, der auch in den Gemeinden des Landkreises Kötzting mit würdigen Feierstunden begangen wird, soll alle Opfer des totalen Krieges in ehrende Erinnerung zurückrufen. Bereits wenige Jahre nach Kriegsende sind in den Gemeinden Gedächtnisstätten entstanden oder wurden die Namen der Gefallenen und Vermissten des letzten Krieges durch Gedächtnistafeln ergänzt. Größere Gedächtnisbauten waren in den letzten zwei Jahren insbesondere in der Kreisstadt (Gefallenengedächtnisstätte), in Chamerau, Blaibach, Hohenwarth, Miltach u. a. Gemeinden zu verzeichnen. Erst vor wenigen Tagen wurde auch in der Landwirtschaftsschule in Kötzting eine Erinnerungstafel der Gefallenen und Vermissten der ehemaligen Landwirtschaftsschüler enthüllt. An all diesen Ehrenmalen wird sich zum Volkstrauertag 1955 die Bevölkerung versammeln, um derer zu gedenken, die ihr Leben im heiligen Glauben für Volk und Vaterland gaben.

