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Sonntag, 1. Februar 2026

Ein Jubiläum mit Hindernissen - Unfall am Höllensteinsee


Schwerer Unfall bei Reparaturarbeiten am Höllensteinsee.
 

So wie wir vor wenigen Tagen auf 100 Jahre Kraftwerkseröffnung am Höllensteinsee zurückgeblickt haben, war auch der "Runde 50er" im Januar 1976 ein Grund, an die Anfänge des Kraftwerksbaues in den Zeitungen zu erinnern. Zeitgleich waren jedoch auch umfangreiche Umrüstarbeiten vorgesehen und dabei passierte es dann, dass ein großer Autokran umstürzte und sehr mühsam wieder geborgen werden musste. Von all diesen Jubiläumsfeiern, den Arbeiten und den Rettungsmaßnahmen findet sich eine ganze Bilderserie in unserem Zeitungsarchiv.

In seinem Jubiläumsartikel von 1976 nahm Herr Kühn, Redakteur der Kötztinger Umschau, die Leser mit hinter die Kulissen des Höllenstein-Kraftwerks. Er beschrieb nicht nur die geologischen Bedingungen des Standorts, sondern auch die ausgeklügelten Vorkehrungen für Hochwasser und das Zusammenspiel mit dem inzwischen entstandenen Stauwerk des Blaibacher Sees. Diese Einblicke sind so detailliert und interessant, dass hier noch einmal kurz auf diesen Artikel zurückgekommen wird.

"Kötztinger Umschau vom 13.1.1976:
Hochrechnungen schützen Gemeinden vor Flutwellen

■ Die geologischen Verhältnisse werden im „Bayerwald“ unter anderem wie folgt geschildert: Das für die Talsperre in Frage kommende gesamte Gebiet baut sich ausschließlich auf Urgestein, und zwar hauptsächlich dem blauen Cordieritg­neis, den schwarzen Biotitgneis und den hellen, feinkörnigen Granit auf. Die Größe des Einzugsgebietes beträgt an der Sperrstelle 980 Quadratkilometer bei einer mittleren Niederschlagshöhe von 1135 mm. Es wird geschätzt, dass bei der geringen Verdunstung infolge des dichten Waldbestandes und der schnellen Wasserabführung des Schwarzen Regens (0,02 cbm/sec.) rund 55 Prozent der Niederschlagsmenge durch die Talsperre fließen. Die Stauhöhe von 12,50 Metern wurde durch den Bau einer Betonsperrmauer und das Absenken des Wasserspiegels mittels einer 750 Meter langen Unterwasserrinne erzielt. Der Stauspiegel liegt 399,10 Meter über Normalnull, die Turbinen selbst 8,70 Meter tiefer. Der Stauspiegel kann gegenüber dem Höchststand um 3,80 Meter abgesenkt werden.

■ Die Führung des Wasserhaushaltes ist auch die schwierigste Aufgabe, die die sechsköpfige Belegschaft des Höllenstein-Kraftwerkes unter der Leitung von Max Probst (er ist schon seit 25 Jahren damit beschäftigt) zu erfüllen hat. Die Wassermengen müssen hochgerechnet werden, sonst gäbe es ein Chaos. Ein Beispiel: Gerade in diesen regen- und schneereichen Tagen gibt’s mehr als genug von dem Nass. Wenn der in Pulling gestaute Blaibacher See „voll“ ist und zusätzlich noch verstärkt vom Höllenstein-See her gespeist wird (ein Druck auf den Knopf und die Schleusen des Kraftwerkes öffnen sich), der Blaibacher See würde überlaufen, die Gemeinden entlang des Regens hätten es mit einer Flutwelle zu tun.

■ Zurück zum Kraftwerk: Hinsichtlich der Stromgewinnung wird beim größtmöglichen Gefälle von 12,50 Metern und 30 cbm/sec. Wasser — mehr lässt  der Turbinenschutz nicht durch — eine Leistung von 1340 PS erzielt, die jede der Turbinen in rund 1000 Kilowatt umwandelt. So können die drei Turbinen jährlich über 13 Millionen kW produzieren.

■ 50 Jahre Höllenstein-Kraftwerk: Zum Jubiläum wird’s vorerst nichts Besonderes geben. Das soll aber laut Max Probst zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Dann sind zur Feierstunde auch die Stadträte von Straubing sowie Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder geladen. Anerkennung haben sie alle verdient.









Im Turbinenraum 


Aber nur 5 Tage später passierte ein Unglück bei Reparaturarbeiten und erneut war es Herr Kühn, der davon berichtete:

 Autokran stürzte in Höllensteinsee: 500000 Mark Schaden

Beim Einlassen einer Rechen-Reinigungsmaschine vor dem Kraftwerk Übergewicht bekommen / Schwierige Bergung

Kötzting/Höllensteinsee (kue). Beim Einlassen einer Rechen-Reinigungs-
Maschine vor dem Höllenstein-Kraftwerk sind am Donnerstag gegen 13.45 Uhr über 26
Tonnen Eisen und Stahl in den Stausee gestürzt. Der Autokran eines Straubinger Spezialunternehmens hatte aus bisher unbekannter Ursache das Übergewicht bekommen,
war von der betonierten Uferschüttung abgerutscht und hinter der Maschine her auf
den acht Meter tiefen verschlammten Grund gesunken. Die schwierigen Bergungsarbeiten,
 an denen unter anderem auch vier Taucher der Berufsfeuerwehr Regensburg beteiligt waren, konnten erst am Freitag nachmittag erfolgreich abgeschlossen werden.
Der Gesamtschaden ist freilich hoch: Nach ersten Schätzungen der Experten dürfte er
rund eine halbe Million Mark betragen.

■ Im Zuge der Rationalisierung und Automatisierung hatte das Höllenstein-Kraftwerk unlängst zwei neue Rechen-Reinigungsmaschinen installieren lassen, das sind Maschinen, die die Rechen vor dem Wassereinlauf zu den Turbinen vor dem sich ansammelnden Schmutz säubern. Die kleinere, 2,3 Tonnen schwere und fünf Meter breite Maschine funktionierte jedoch schon bald nicht mehr: Die Antriebskette war abgesprungen. So wurde das Gerät wieder herausgezogen und instand gesetzt. Als es am Donnerstag erneut eingelassen werden sollte, passierte das Unglück.

■ Bis Redaktionsschluss war nicht zu erfahren, warum der 24-Tonnen-Autokran schon bei einem Bruchteil seiner Belastbarkeit das Gleichgewicht verlor und vornüber in den See stürzte. Die Vermutung liegt nahe, dass sich die ins Wasser eingelassene Rechen-Reinigungs-Maschine irgendwo verfangen hat, der Fahrer, Chef des Spezial-Unternehmens aus Straubing, kämpfte bis zur letzten Sekunde um seinen nur wenige Wochen alten, 200 000 DM teuren Autokran. Erst als er sah, dass die Gefahr nicht mehr zu halten war, sprang er ab. Ihm geschah nichts.

■ Nachdem das Höllenstein-Kraftwerk am Freitagnachmittag gänzlich abgeschaltet worden war — es produziert jeden Tag durchschnittlich für knapp 10 000 Mark Strom — konnte mit den Bergungsarbeiten begonnen werden. Vier „Froschmänner“ der Berufsfeuerwehr Regensburg orteten die Lage des auf dem Seegrund umgestürzten Autokranes, bereiteten die Experten, wie Ausleger und Reinigungsmaschine auseinandergebracht werden können und sprangen immer wieder in das eiskalte Wasser, um beim Anbringen der Stahlseile zu helfen. Zur Bergung war inzwischen ein 60-Tonnen-Autokran aufgefahren. Die Taucher mussten sich in den Pausen mit heißem Wasser übergießen lassen: Ihre synthetischen Anzüge isolierten bei der Kälte nur leidlich.

■ Nach fünf Stunden war es soweit: Die inzwischen wieder defekte Rechen-Reinigungs-Maschine, die höchstwahrscheinlich auch die größere in Mitleidenschaft gezogen hat, konnte aus verdrecktem Wasser gehievt werden. Haymo Richter sorgte im Auftrag der alarmierten FFW Kötzting dafür, dass das aus dem Kranwagen auslaufende Dieselöl in einer Sperre gebunden wurde. Dann musste einer der Taucher ein letztes Mal hinunter, um den Lasthaken am Ausleger anzubringen. Langsam konnte der Autokran aus dem Wasser an Land gezogen werden.

■ Die Höhe des Sachschadens wird auf rund 500 000 Mark geschätzt. Der totalbeschädigte Autokran kostete 200 000 Mark, die beiden Rechen-Reinigungs-Maschinen je 100 000 Mark. Dazu kommen der finanzielle Verlust infolge der vorübergehenden Kraftwerk-Stilllegung — in den nächsten Wochen wird wahrscheinlich nur die Hälfte der Leistungsfähigkeit erreicht werden — und last notgedrungen die hohen Bergungskosten.

■ Nachdem Höllag-Direktor Jahn schon am Vormittag bei den Bergungsarbeiten mitgeholfen hatte, traf am Nachmittag noch Prominenz ein: Straubings Oberbürgermeister Ludwig Scherl, sein Stellvertreter Bräuherr sowie Oberbaudir. Feichtmeyer besichtigten die Unfallstelle. Das Höllenstein-Kraftwerk ist im Besitz einer Aktiengesellschaft, die ihren Sitz in Straubing hat.

Hier nun die Fotostrecke:

An der Unfallstelle: Straubings Oberbürgermeister Scherl (Mitte), im Vordergrund sein Stellvertreter Bräuherr, dahinter Oberbaudirektor Feichtmeyer



















Um den Bericht über das Kraftwerk zu vervollständigen, hier noch einige Bilderstrecke über vorhergehende Sanierungsmaßnahmen, wie den Austausch von Turbinen im Jahre 1972 und erneute Fotos aus dem Turbinenraum von 1973.

Hier zunächst die Bilder aus dem Jahre 1973:

Auch wenn die Bilder den Hinweis auf einen Zeitungartikel vom 31.1.1973 tragen, ist doch kein solcher Artikel aufzufinden: Der Kurztext auf dem Notizzettel lautete: Neue Turbinen für das Höllensteinseekraftwerk.




Die Bilder aus dem Jahre 1972 hatten nur den Vermerk auf das Erscheinungsjahr, sind aber umso eindrucksvoller, weil sie die Arbeiten an den Turbinen im Schacht so deutlich abbilden:











Schwind 


🗺️ Ein Tipp zum Schluss:
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 ⭐ Umland  Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland zu finden.  

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