Mittwoch, 18. Januar 1956.
Die Flucht des ränkesüchtigen Pfarrers von Rittsteig.
Aus dem „sündigen“ wurde ein bekanntes Dorf.
Mit großer Freude wurde am Hl.-Drei-Königs-Tag der neue Pfarrherr Expositus Dominikus Scharl von der Rittsteiger Bevölkerung empfangen. Das hatte seinen besonderen Grund. Sein Vorgänger hat die Gemeinde Rittsteig nach aufregenden Zwischenfällen bei Nacht und Nebel verlassen. Vier Wochen lang war die rund 600 Seelen umfassende Gemeinde ohne einen Geistlichen. Traurig war die Gemeinde über die Flucht ihres Pfarrherren nicht, hatte sie es ihm doch zu verdanken, dass ihr bisher so stiller Ort durch ihn als „Sündiges Dorf“ weit über den Bayerischen Wald hinaus bekannt wurde.
Und nun die Vorgeschichte … Eine sonntägliche Feuerwehrübung im Frühjahr 1954 hatte den Seelsorger in Harnisch gebracht. Sie war für 13 Uhr angesetzt und der Pfarrherr fürchtete, dass sich dieselbe über 14 Uhr ausdehnen und die Kirche nicht den üblichen Zulauf erhalten würde. Mitten unter der Übung erschien der Pfarrherr und fuhr den Feuerwehrkommandanten mit den Worten an: „Sofort Übung einstellen!“ „Kommt nicht in Frage“, erwiderte der Kommandant, „sind wir doch froh, dass endlich das lang ersehnte Wasser aus dem Brunnenschacht heraufgepumpt werden kann.“ Als sich der Pfarrherr damit nicht zufrieden gab, wurde er von dem Kommandanten mit den Worten „Kümmern Sie sich um Ihre Kirche und stören Sie nicht unseren ehrenamtlichen schweren Dienst“ angesprochen, worauf er erregt und wütend den Übungsplatz verließ. Damit war das Kriegsbeil zwischen dem Seelsorger und der Gemeinde ausgegraben. Dass der Pfarrer auf diese Zurechtweisung hin einen dreiseiten langen Beschwerdebrief, der den Sachverhalt vollkommen entstellte, in die Kreisstadt Kötzting sandte, soll nur nebenbei Erwähnung finden. Auf jeden Fall hatte der Seelsorger der Gemeinde den Kampf angesagt und wollte ihn anscheinend bis zum „blutigen Ende“ ausfechten.
Dann hatte der Ort im Herbst wieder einmal ein freudiges Ereignis. Ein ortsansässiger Wirtsohn bekam in der mehrere Jahrhunderte alten Kirche zu Rittsteig mit seiner Braut, von Expositus Josef Zöllner den Segen zum Ehestand. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt und es versteht sich, dass sich die Mädchen des Dorfes für dieses Ereignis sehr hübsch gemacht hatten. Dies um so mehr, als beim Tremelwirt nach der kirchlichen Feier dem fröhlichen Tanz stark gehuldigt wurde. Der gutaussehende Ortspfarrer blieb, anscheinend nichts Erfreuliches für seine Augen ahnend, dem Hochzeitsmahl fern. Wie eine Bombe schlug deswegen am darauffolgenden Sonntag seine Predigt bei den zahlreichen Kirchenbesuchern ein, aus der unter anderem zu entnehmen war: „Wenn bei der Hochzeit vom Wirtsohn ein Fleischbeschauer dagewesen wäre, hätte er an einer unserer Dorfschönen auf ihren ‚schamigen Ausschnitt‘ einen Stempel aufdrücken können, aber nicht als Schönheitskönigin, sondern als Musterschwein.“ Entsetzt hörten die Rittsteiger zu und wussten sofort, dass der Prediger nur ihre Rita gemeint haben konnte. Nun, die Rita war zwar nicht in der Kirche, aber sie hatte es gewagt, in einer netten, leicht dekolletierten Bluse und einem hübschen Rock an einem Vortage durch den Ort zu gehen.
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| Ausschnitt Kötzting Umschau Januar 1956 |
Die Rita fühlte sich mit Recht gebrandmarkt und in der Seele vieler Rittsteiger brodelte es seit diesem aufregenden Hochzeitstag. Der allgemeine Zorn schwoll noch an, als man erfuhr, dass der Pfarrer die genannte Dorfschöne den Schülern und Schülerinnen der 8. Volksschulklasse als abschreckendes Beispiel vor die Augen führte und sich nicht einmal vor einer Anzeige gegen die einheimische Polizei und die Dorfjugend wegen der Beleidigung am Hochzeitstanz zurückhalten ließ. Eines Abends, als der Pfarrer wieder einmal „auswärts“ war, klirrten im Pfarrhof die Fensterscheiben. Wer die Übeltäter waren, konnte bis heute noch nicht festgestellt werden. Dieser Zwischenfall und noch einige andere verschwiegene Vorfälle, über die wir heute noch schweigen wollen, bedeuteten das Ende der vierjährigen Seelsorgetätigkeit des Expositus Zöllner in Rittsteig.
Und so kam es zur Flucht … Der Bitte an H. H. Erzbischof von Regensburg um seine Versetzung wurde stattgegeben. Als dann ein zweites Mal die Scheiben im Pfarrhof klirrten — allgemein wird gemunkelt, dass es die hübsche Haushälterin des Seelsorgers gewesen sein soll — schwand der letzte Rest der Liebe des Seelsorgers zu seinen Pfarrkindern und gleichzeitig verschwand der Seelsorger aus dem Ort, der durch seine Handlungsweise als „Sündiges Dorf“ über den Bayerischen Wald hinaus bekannt wurde. Der allseits beliebte Bürgermeister Tremml, der verschiedene Presseberichte und die unschönen Vorkommnisse von Seiten des verschwundenen Seelsorgers mit Recht in große Erregung brachten, ist mit seiner ganzen Gemeinde nunmehr glücklich, in dem neuen Expositus einen Seelsorger erhalten zu haben, der der Garant einer ersprießlichen Zusammenarbeit in der kleinen Grenzgemeinde unseres Landkreises sein wird.
Was der Reporter als Flucht bei Nacht und Nebel beschrieb, hieß in der amtlichen Verlautbarung dann Versetzung:
Mit dem neuen Expositus konnte dann wieder Ruhe in Rittsteig einkehren:
Expositus Scharl. Heute möchten wir den neuen Seelsorger der Expositur Rittsteig, H. H. Dominikus Scharl, unseren Lesern vorstellen. H. H. Expositus Scharl stammt aus der Oberpfalz und ist in Schönsee geboren. Am 15. Januar vollendet er sein 51. Lebensjahr. Dominikus Scharl war in jungen Jahren bereits auf dem Missionsfeld in Südamerika tätig. Nachdem er im letzten Weltkrieg fünf Jahre bei der Luftwaffe gedient hatte, wurde ihm nach dem Kriege in der Heimat auf Grund besonderer Verdienste das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Stadlern verliehen. In den letzten Jahren wirkte H. H. Dominikus Scharl in Herzogenburg in Österreich. Mit seiner Versetzung nach Rittsteig wurde dem Geistlichen seitens des Erzbischofs ein besonderer Wunsch erfüllt, nämlich, in der Heimat einer Gemeinde dienen zu können.
Trotz des guten Ausgangs, war es der Kötztinger Umschau wert, auf diese "skandalösen" Zustände in Rittsteig in ihrer Faschingsausgabe zurückzublicken:
Ich bin mir nicht sicher, ob der Sarkasmus des Herrn "Bafke" - wohl der damalige Reporter der KU Baruffke - nicht vielleicht einen ernsten Hintergrund gehabt hat und die Rittsteiger ihren Unmut über seine Berichterstattung deutlich geäußert hatten.
Herr Barufke jedenfalls berichtete auch ausführlich über die ANkunft des neuen Expositus in Rittsteig.
🗺️ Ein Tipp zum Schluss:
Seit Herbst 2025 gibt es außerdem die interaktive Karte Kötztings.
Dort sind Beiträge zur Häuserchronik und viele weitere historische Themen direkt im Stadtplan verortet – jeder Marker führt per Klick zum passenden Blogbeitrag.
Die Karte funktioniert am PC ebenso wie auf dem Smartphone und kann sogar als kleine App gespeichert werden.
⭐ Umland
Dieser Beitrag ist in der interaktiven Karte unter der Markergruppe Umland zu finden. ![]()





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