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Freitag, 2. Januar 2026

Kötzting vor 110 Jahren - die Chronik von 1916

 1916

Im beginnenden dritten Kriegsjahr machen die Zeitungen natürlich täglich auf der Seite 1 mit den neuesten Nachrichten von den verschiedensten Fronten auf. Das große deutsche Hauptquartier gab all diese Berichte heraus und alleine die Überschriften zeigen an wie vielen Fronten es zu dieser Zeit bereits brennt. Die Deutsche Oberste Heeresleitung berichtet zuerst einmal von dem westlichen und östlichen Kriegsschauplatz. Es folgt dann der amtliche österreichische Bericht vom russischen (= Galizien), italienischen (=Südtirol)  und südöstlichen (Montenegro) Kriegsschauplatz. Den Abschluss bilden die Meldungen aus Konstantinopel über die Irakfront der türkischen Streitkräfte. Natürlich war auch der Alltag in Kötzting nahezu vollständig vom Krieg geprägt. 
Dies spiegelt sich deutlich in den lokalen Meldungen des Kötztinger Anzeigers wider. Die Kötztinger konnten fast täglich lesen über Todesanzeigen junger Männer aus Kötzting und der näheren Umgebung, von Berichten über Auszeichnungen auf den Schlachtfeldern an der West- wie an der Ostfront sowie von fortlaufenden Bekanntmachungen zur zunehmenden Mangelwirtschaft, die sowohl Lebensmittel als auch kriegswichtige Rohstoffe betraf.



Titelblatt des Kötztinger Anzeigers

Der Kötztinger Anzeiger wurde in der Buchdruckerei Vitus Oexler redigiert und gedruckt und war bis zum Jahre 1928 (seit 1899) Kötztings einzige Lokalzeitung.



In all den Friedensjahren vor und nach dem Krieg wären die Berichte und die Anzeigen gerade zu Jahresanfang gefüllt von Berichten über Generalversammlungen der Kötztinger Vereine, von Wurstballeinladungen und Faschingsveranstaltungen. Als die einzig verbliebene Abwechslung vom Alltag für die Kötztinger Bürger war dann nur noch das regelmäßige Kinoprogramm und manchmal - aber nur ganz  selten -, ein Theateraufführung des kath. Gesellenvereins, heutzutage der Kolpingverein.



Am 5. Februar erreichte Kötzting die Nachricht von einer Auszeichnung des Maurermeistersohnes Josef Kirschbauer, einem jungen Mann, der später im Jahr der Pfingstbräutigam werden sollte.

"Kötzting, 5. Febr. Wie bereits früher schon erwähnt, wurde dem Bürger- und Maurermeistersohn Herrn Joseph Kirschbauer von hier das Militärverdienstkreuz mit Krone und Schwertern für tapferes und mutiges Verhalten vor dem Feinde allerhöchst verliehen. Mit großer Freude kann neuerdings mitgeteilt werden, dass Kirschbauer für schneidige Offizierstätigkeit in Russland, von S. Majestät dem Deutschen Kaiser auch mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wurde. Möge es dem tapferen Krieger beschieden sein, die beiden hohen Auszeichnungen in bester Gesundheit noch viele Jahre zur Freude seiner Angehörigen tragen zu können."

Hier nur als ein Beispiel aus Kötztings "Vermischten Nachrichten" von Anfang Februar 1916, wie sie fast jeden Tag zu lesen waren:

Kötzting, 11. Febr. Laut Entschließung des stellv. Generalkommandos 3. Bayer. Armeekorps vom 7. Februar 1916 wurden dem Aufsichtsoffizier, Oberleutnant d. L. a. D. Aug. Gnauck, dem bereits die Lazarette Schwandorf, Cham, Vilshofen a. D. 1 und 2, Kloster Aldersbach und Aidenbach zur militärischen Kontrolle unterstellt sind, auch noch die Lazarette Kötzting und Fürth i. Wald zugeteilt.

Kötzting, 11. Febr. Als Waldaufseher für die Gemeindewaldungen Kötzting wurde durch Beschluss des Magistrates der frühere Braumeister Josef Mühlbauer in Kötzting aufgestellt.

Kötzting, 11. Februar. Den Heldentod für König und Vaterland starb am 19. Januar 1916 im Reserve-Feldlazarett Douvai infolge seiner am 13. Dezember 1915 erlittenen Verwundung durch Schrapnellschuß der Reservist Josef Riederer, Sohn der Inwohnerwitwe Barbara Riederer von Haus bei Kötzting. Ehre seinem Andenken!

Kötzting, 11. Febr. (Standesamt.) Beim Standesamt Kötzting wurden pro 1915 beurkundet: 47 Geburten, 9 Eheschließungen, 52 Sterbefälle. Unter den Eheschließungen befinden sich 4 Kriegstrauungen und unter den Sterbefällen 10 gefallene und verstorbene Krieger des jetzigen Völkerkrieges.

Kötzting, 12. Februar. In den Kötztinger Lichtspielen wird am Sonntag, den 13. d. M., ein Benno Borten Schlager in 3 Akten „Das Ende vom Lied“ gezeigt. Mit diesem Dreikakter kommt noch ein gutes Programm, abwechselnd mit Kriegsbildern, Naturaufnahmen und humoristischen Bildern zur Anschauung. Hervorzuheben ist das Artistendrama „Die hohe Schule“. Am Samstag Abend ist Vorstellung. Vorgekaufte Eintrittskarten haben nur für diese beiden Spieltage Gültigkeit.

Kötzting, 11. Febr. Der Kreisfischereiverein für Niederbayern hat noch einige Zentner schöne zweisommerige Spiegelkarpfen und mehrere Tausend einsommerige Spiegelkarpfen sowie zweisommerige Schleien als Besatzfische zu vergeben. Wer hierin Bedarf hat, möge dies dem genannten Fischereiverein (Adresse Landshut, Regierungsgebäude) mitteilen.

Steinbühl, 11. Febr. Für sein bisheriges tapferes Verhalten ist Graßl Hans, Bauerssohn von Gutendorf, mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet worden. Nun sind bereits die 2 älteren Brüder Hans und Alois Ritter des Eisernen Kreuzes. Ein dritter Bruder musste im Herbst einrücken.

Den Wünschen der Angehörigen, ihre gefallenen Söhne bei sich auf dem heimischen Friedhof begraben und betrauern zu können können, wurde von ganz oben abschlägig beschieden:

"Kötzting, 5. März. Angehörige von gefallenen oder im Felde verstorbenen Soldaten seien darauf aufmerksam gemacht, dass die Rückführung von Leichen vom Kriegsschauplatz nach der Heimat ausnahmslos ausgeschlossen bleiben muss. Der für das Vaterland Gefallene ruht am ehrenvollsten im Soldatengrabe, wo er stritt und fiel, inmitten seiner Kameraden, deren Ruhe nicht um eines Titels, gestört werden darf. Dort haben Kameradenhände an vielen Grabstätten bereits harmonisch wirkende Anlagen geschaffen, die erhalten bleiben sollen, und zu deren Schutz und Erhaltung die Kriegsleitung bereits die erforderlichen Schritte getan hat. Ein etwaiges Gesuch um Rückführung einer Leiche ist an das stellv. Generalkommando 3. Armeekorps zu richten."

Der grundsätzliche Rohstoffmangel des Deutschen Reiches machte sich an den vielen, sehr vielen Sammelaktionen  und Bewirtschaftungsregeln und -verboten bemerkbar.

Wofür das deutsche Heer so unbedingt Walnussholz benötigte, dass es sogar für diese Baumart Fällverbote gegeben hatte, ist mir unbekannt.


Schon im Oktober 1914 hatte das Bezirksamt dazu aufgerufen, die im Markt Kötzting lebenden Jugendlichen zu erfassen und dabei zu eruieren, ob diese bei einem Verein Mitgliede wären, der dem Ziel einer militärischen Jugenderziehung entspräche.

StadtA Kötzting  430-1

Folgende Anordnung wurde vom Kötztinger Magistrat im März 1916 veröffentlicht und zur allgemeinen Kenntnis gebracht:

StadtA Kötzting  430-1

Zusätzlich sah sich das kgl. Bezirksamt Kötzting veranlasst, auf eine besondere Situation in Kötzting hinzuweisen und eigene Maßnahmen zu ergreifen.
Die Rede ist von " überhandnehmenden Unbotmäßigkeiten jugendlicher ländlicher Dienstboten und Arbeiter"
StadtA Kötzting  430-1
Das Schriftstück zeigt seitlich die Unterschrift des in Kötzting damals - wie teilweise auch heute noch - sehr bekannten Gendarmen Feichtner. Sein Sohn war 1947 der Kötztinger Pfingstbräutigam. Über den Gendarmen Feichtner existieren einige Anekdoten, da er seine liebe Mühe hatte, z.b. das Schlittenfahren im Markt Kötzting zu unterbinden.


Da die jungen Männer Kötztings ausnehmend im Felde standen, hatten sowohl die Kötztinger Feuerwehr wie auch die Sanitätskolonne (heute das NRK) alle Mühe, ihre Aufgaben zu bewältigen und wandte sich daher an die Kötztinger Jungend:


Der unterzeichnende Kaufmann Simon Hahn, der sich in dieser Zeit so vorbildlich um diese humanitäre Aufgabe für die Gemeinschaft bemühte, wurde keine 20 Jahre später - weil er jüdischen Glaubens gewesen war -  verhaftet, zum Verkauf seines Hauses gezwungen und konnte gerade noch vor Ausbruch des nächsten Krieges Deutschland verlassen.



Brombeerblätter als Teeersatz

"Kötzting, 4. Mai. Jetzt ist gerade die richtige Zeit die Brombeerblätter zu sammeln, denn jetzt kommen sie von der Frühlingssonne geprägt hervor, und die jungen Brombeerblätter können zur Bereitung eines aromatischen und bekömmlichen Getränks benutzt werden. Sie werden in scharfer Sonne ober, da diese jetzt noch selten zu haben ist, auf einer heißen Herdplatte sehr bald nach dem Abpflücken getrocknet. Werden sie trocken aufbewahrt, so halten sie sich einige Zeit und können dann in derselben Weise wie echter Tee verwendet werden."

Es wird Ostern und wir erhalten eine genaue Beschreibung des "heiligen Grabes" in der Pfarrkirche:

"Kötzting, 21. April. Die schöne deutsche Sitte, das Andenken des echten deutschen Gemütes, in der Grabpflege ein heil. Grab zu errichten, findet lebhaft Ausdruck in dem prächtig gebauten und geschmückten „heil. Grabe“ der Pfarrkirche zu Kötzting, welches auch heuer wie alle Jahre große Anziehungskraft für jung und alt ausübt. Das Kindsauge und -Herz erfreut sich kindlich fromm an dem unter Blumen und Palmen und bunten Wechsel elektrischer Lampen und Guirlanden  im Grabe ruhenden Christus, und das kriegsbetrübte Auge und kriegsmüde Herz des Betrachters findet in dem Blumen- und Blütenflor, im Schimmer und buntem Licht=glanze des Grabes mit dem eucharistischen Gott in der strahlenden Monstranz neuen Mut und Trost,  Erleichterung und Verklärung des Seelen- und Kriegsleidens. Die ganze Anordnung des Blumenschmuckes und die Einordnung elektrischen Lichterschmuckes verrät guten Geschmack und sehr großen Fleiß. Alle Anerkennung darum den um die Ausschmückung des heil. Grabes eifrigen bemühten Familien Obermaier=Staudinger."

 
Pfingsten 1950: das Jubelbrautpaar Karl Obermeier und Anna Staudinger

Vom "Mesner Karl" gibt es eine kleines Lebensbild von Haymo Richter:

"Der Mesner-Karl wurde 75 Jahre alt. Er ist bis zuletzt jung geblieben und kannte sich wie kaum ein zweiter in seiner Heimat aus. Einmal hatte er gewettet, in 45 Minuten den Kreuzfelsen besteigen zu können. Er gewann die Wette. Mit einem Feuerzeichen bekundete er, dass er pünktlich angekommen war. Und wenn „oben ankommen“ auch den letzten Weg von der Zeit in die Ewigkeit meint, dann hat Karl Obermaier dieses Ziel inzwischen ebenfalls erreicht. Als er am 17. November 1952 in Kötzting zu Grabe getragen wurde, folgten dem Sarge 30 Feuerwehren, sämtliche Vereine, die Behördenvertreter, die Pfingstbrautpaare und Pfingstreiter und eine unübersehbare Trauergemeinde. Der Chronist vermerkt, dass es schon viele machtvolle Glaubenskundgebungen und großartige Prozessionen gegeben habe, „aber ein solches Fahnenmeer wie bei der Beerdigung des Mesner-Karl hat man in Kötzting noch nicht gesehen, ein Beweis dafür, wie sehr er in den Herzen der Bevölkerung eingeschrieben ist“. Karl Obermaier war angekommen bei seinem Herrgott und den alten Pfingstreitern, von denen man sagt, dass sie am Pfingstmontag hinabschauen auf Kötzting und den Pfingstritt … Pfingstreiter, gestandene Männer, inzwischen selbst schon „jubiläumsverdächtig“, erinnern sich gern an die Zeit mit dem Mesner Karl, der auf „seine Ministranten“ nichts kommen ließ, obwohl (oder gerade weil) sie ihm ihre Liebe und Zuneigung manchmal auf gar seltsame Weise bekundeten. 
Einmal ließen sie den langen, hochfestlichen Teppich, an dessen anderem Ende der Herr Mesner „hing“, während des Transports justament dort fallen, wo der Schnee am dicksten lag, auf daß der Karl, wenn schon, dann wenigstens weich fallen sollte. Irgendwann einmal klopfte (dank lausbübischer Nachhilfe!) heißes Wachs auf des Mesners glänzende „Kapuzinerglatze“.
Die Reaktion war bis zum Altar zu spüren, wo Hochwürden an diesem Sonntag vergeblich auf den Rauchmantel für den sakramentalen Segen wartete. Karl Obermaier war feierlich ernst, wenn es um ernste feierliche Dinge ging. Fronleichnamsprozessionen gehörten dazu. Und ausgerechnet da sorgte er einmal für schallendes Gelächter, als er, um die rechte Zugordnung bemüht, laut und vernehmlich anordnete: „Alle tragenden Jungfrauen kommen zu mir!“ Gemeint waren die Mädchen, die die Muttergottesstatue zu tragen hatten.
Es gibt noch mehr solcher Episoden. Trotzdem würden die Kötztinger diesem Mann nicht gerecht werden, wollten sie ihn zu einem Original abstempeln. Er war mehr als das. Ganz sicherlich auch von einer kaum zu übertreffenden Originalität, aber er pflegte sie nicht, nur weil er partout anders sein wollte als die anderen, sondern er nützte die Gaben des Geistes und des Herzens, um sie einzubringen in die mitmenschlichen Beziehungen und beruflichen Dienstleistungen. Er bewies Tapferkeit im Krieg und Zivilcourage im Alltag.
Die Vereine unterstützte er durch aktive Mitarbeit. Bei der Freiwilligen Feuerwehr hatte er es bis zum Bezirksbrandinspektor gebracht, ein Amt, das ihm nach 1945 von den Amerikanern erneut übertragen wurde.
In seiner Gemeindekanzlei war er das „lebende Gesetzbuch“. Die Beamten von Magistrat und Bezirksamt schlugen gern im Kopf des Gemeindesekretärs oder in seinem peinlich exakt geordneten Archiv nach. Mit dem Alter nahmen die Ehrungen zu, Diplome und Urkunden häuften sich. Für seine Verdienste wurde er auf dem Amtsweg und von den Vereinen mehrfach ausgezeichnet. Orden und Medaillen waren sichtbare Beweise der Dankbarkeit. Prälat J. B. Mehler vermerkt in „Gedenkblätter aus Kötztings Vergangenheit“ anerkennend die Mitarbeit des Herrn Pfarrmesner Obermaier."


Altes Zeitungspapier als Strohersatzmittel:




Der private Handel mit Vieh wird verboten:




Patrona Bavariae


Die Jungfrau Maria wird offiziell zur Patronin Bayerns erhoben. Es war mir vollkommen neu, dass dies erst im Jahre 1916 geschehen ist und dieses sogar mit einem eigenen kirchlichen Feiertag verbunden war.




Im Juni 1916 veröffentlichte ein Weißenregener Mann mit dem Kürzel J.H. ein Gedicht zu Ehren seines gefallenen Freundes Karl Bergbauer:


Einen Kranz der Ehre

 auf das ferne Heldengrab des Jünglings

Karl Bergbauer,

Bauerssohn von Weißenregen,
Soldat beim 13. bayer. Res.-Infant.-Regt.,
gefallen am 13. Mai 1916 durch einen Artillerie-
Schuß.

Als junger Soldat zogst Du in das Feld,
Gar freudig gingst Du von hinnen,
Du warst, wie so mancher, ein tapferer Held,
Dem Kaiser nur wolltest Du dienen.

Doch kaum waren vier Wochen vergangen,
Als die Kunde ward,
Dass Du schon bist gefallen,
Und ausgefochten hast.

Fern von der Heimat, in Feindesland,
Da traf Dich der tötliche Schuß;
In Frankreich war’s, wo Dein Grab Du fandst,
Wo Dein Herzblut Du hast hergeben gemusst.

Doch nicht sind wir allein, die um Dich weinen,
Nein, wer Dich kannte, liebte Dich;
Der Herr, der kennt und liebt die Seinen,
Drum nahm er Dich so früh zu sich.

So schlafe wohl, mein lieber Freund,
Schlafe noch im stillen Frieden,
Ruh’ aus von des Lebens Müh’ und Last
Und ruhe sanft auf Wiedersehen.

Gewidmet von seinem Freunde von J. H.

 



Und dann wird es wieder Pfingsten:



Da wegen des Ersten Weltkrieges seit Sommer 1914 auch die Kötztinger jungen Männer in der Heimat fehlten, machte der Kötztinger Magistrat seine Bräutigamsvorschläge an das Pfarramt davon abhängig, ob zufällig ein aktiver Soldat oder ein Verwundeter in Kötzting an Pfingsten anwesend wäre.
Der Wunschkandidat des Magistrats für 1915, Franz Kirschbauer, äußerte aber im Nachgang, dass er diese Wahl nicht angenommen hätte. Drei andere Soldaten auf Heimaturlaub (Sperl-Wieser und Mühlbauer) bildeten dann die erste Kriegsgruppe in Uniform.
Josef Kirschbauer wurde dann im Folgejahr der Pfingstbräutigam:

DIA-Repro 728 Josef Kirschbauer, der Pfingstbräutigam, mit seinen beiden Begleitern:
Franz Heigl und Josef Miethaner.


DIA Repro 2515 Pfingstkranzl von 1916


"Vermischte Nachrichten. Kötzting, 12. Juni. (Pfingstritt 1916.) Gar manche Reitererscheinung ist dem Kriege zum Opfer gefallen, aber Kötztings Pfingstritt hat die Kriegsjahre und den Kriegerernst standgehalten, ein Beweis seines edlen, innerlich guten Wesens. Auch heuer fand sich trotz der Kriegsnot die stattliche Zahl von 130 Reitern an im Gemisch von Laien und Kriegern im Feldgrau, um mit festlich geschmückten Rossen unter Gebet und Absingung der 4 Evangelien auf dem Wege nach Steinbühl Kötztings alte fromme Sitte über den Krieg hinüberzuretten. Selbst der Himmel schien dem frommen Brauch gewogen zu sein, denn trotz der uner­schöpflichen Regengüsse des Pfingsttages selbst hielt er sich am Montag ganz leicht auf und als die Pfingstreiter um 2 Uhr unter Begleitung von Musik, Vereinen und Feldgrauen des hiesigen Lazarettes auf die Festwiese am Weidinger ritten, blickte sogar die längst vermisste Pfingstsonne hinter den Wolken verstohlen hervor, um dem seltsamen Schauspiel mitten im Kriege zuzusehen. Nach der wohldurchdachten, gut vorgetragenen Zeit- und Festansprache des mitreitenden Geistlichen, Herrn Kooperators Loibl, über Kötztings Zeit und Kriegsanschauung einst und jetzt, dessen unerschütterliches Gottvertrauen von damals und heute, überreichte er das Pfingstkränzchen unter allgemeiner tiefer Bewegung dem Jüngling Bürgerssohne und verwundeten Feldausgefochtenen Josef Kirschbauer, Ritter des Eisernen Kreuzes und Inhabers des Militärverdienst-Ordens; als doppelte Ehrung seiner Mitbürger für sein unbeflecktes Jugendleben und seine großen Kriegsleistungen auf den Kriegsschauplätzen in Frankreich, Russland und Serbien.
Nach der Austeilung von einigen Ehrenfahnen kehrte der Zug in den festlich geschmückten Markt zurück. Trotz der Ungunst der Witterung sah man manche Gäste aus der Ferne als Zuschauer des immer wieder schönen Volksfestes. Nachmittags vereinigte ein ganz hübsches Militärkonzert Kötztings Bürger und Beamte, Gäste und Fremde zur geselligen Unterhaltung im Gasthof zur „Post“.
F. Pfingsten 1917 im Zeichen des Friedens — das war Endwunsch aller Teilnehmer und Gäste!
"

Eine überraschende und  schöne Nachricht erhielt der Zenchinger Expositus Riederer - Kötzting verdankt ihm viele, sehr viele historische Recherchen und Veröffentlichungen in den Jahren zuvor, als er noch Kooperator in Kötzting und gleichzeitig freier Mitarbeiter beim Kötztinger Anzeiger gewesen war  - aus Großbritannien:
"Zenching,  19. Juni. (Kriegsgefangen.) Nach langen Warten erhielt der hiesige Expositus endlich die erfreuliche Nachricht, dass sein Bruder Franz X. Riederer, vor Kriegsausbruch in Bombay in Indien wirkend, seit 18 Monaten in dem für Europäer völlig unerträglichen Klima des Lagers Ahmednagar gefangen gehalten, nunmehr samt den übrigen Jesuitenmissionären und sonstigen Zivilgefangenen nach London gebracht wurde, wo er jedoch immer noch auf Freiheit wartet. Nur Kranke, Frauen und Kinder wurden in ihre deutsche Heimat entlassen. Die Seereise nach Europa dauerte 7 Wochen, von Ende März bis Mitte Mai."


Der Bischof kommt zur Firmung nach Kötzting


Auch bei der "Firmreise" des Regensburger Bischofs Antonius von Henle spielt der Krieg eine große Rolle, die Kinder, die in dem oben abgebildeten Gedicht den Bischof begrüßen, thematisieren den Schmerz der Mütter und den Verlust der Väter und Brüder.




Das Kötztinger Flussschwimmbad öffnet wieder seine Pforten:

Still heimlich und leise wollte der Magistrat sein im Jahre 1911 errichtetes Flussschwimmbad eingehen lassen, da sich der Betrieb - angeblich - als ein Verlustgeschäft für den Markt herausgestellt hatte.

StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad




Da aber kam dem Magistrat das Bezirksamt dazwischen, das fast ultimativ verlangte,  dass nicht nur ein vorhergehender Beschluss kassiert werden solle und dass das Magistrat zukünftig darauf zu verzichten hatte, solche Abstimmungen in nichtöffentlicher Sitzung zu treffen. 

Schreiben des kgl Bezirksamtes an den Magistrat vom 17.6.1916:

"Den erholten magistratischen Akten entnehme ich mit Bedauern, dass Magistrat und Gemeindekollegium am 30. Mai und 7. Juni die Nichteröffnung der öffentlichen Badeanstalt am Regen beschlossen haben, da sie „angeblich größere Reparaturen erfordert“.
Damit würde eine gemeinnützige Anstalt ausgeschaltet, welche im Jahre 1911 in Anerkennung eines „dringenden Bedürfnisses“ und wegen „gänzlicher Ungeeignetheit“ des Wühr’schen Bades von den beiden Kollegien auf Grund nahezu einstimmiger Beschlüsse – nur ein Gemeindebevollmächtigter verweigerte die Unterschrift – in dankenswerter Weise geschaffen worden ist und von dem einer gesunden Körperpflege huldigenden Teil der Einwohnerschaft und von Erfrischung suchenden Fremden und Sommergästen hoch geschätzt wurde.
Die Kosten, welche der Marktgemeinde aus dem Unterhalt des Bades erwuchsen, waren äußerst gering und stehen in keinem Vergleich zu dem gesundheitlichen und im Hinblick auf die Sommerfrischler auch finanziellen Nutzen, der aus dem Bad gezogen wurde. Sie betrugen

                         1913    1914    1915
bei Einnahmen 95,35 M     186,99 M 211,10 M
bei Ausgaben 219,54 M      222,64 M 180,00 M
——————— ——————— ———————
                         124,19 M   36,64 M  —,— M,

sodass sich 1915 sogar ein Gewinn von 31,10 M ergibt. Außerdem weisen die steigenden Einnahmen eine erfreuliche Mehrung des Badebesuches auf.

„Größere Reparaturen“ sind nach einem amtlichen Gutachten des Bezirksbaumeisters vom 13. Juni, der an diesem Tage die Badeanstalt im Beisein des Bürgermeisters Wensauer und Magistratsrates Kasparofsky eingesehen hat, zur Zeit überhaupt nicht veranlasst, vielmehr wären nur die alljährlichen Arbeiten, wie die Aufstellung der Schwimmbadbrücke und sonstige kleinere Nebenarbeiten auszuführen, die sich zusammen auf 35 M belaufen dürften........ 
 
...... Sollten aber andere Beweggründe als die im Sitzungsprotokoll angegebenen Sparsamkeitsrücksichten zu dem bedauerlichen Beschlusse geführt haben, und es richtig sein, dass damit der das Bad gerne benützenden Beamtenschaft ein Schlag versetzt werden wollte, weil einem Teil der Bevölkerung das Verständnis dafür abgeht, dass die beteiligten Behörden nur ihre Pflicht getan haben, wenn sie in der Milchpreisfrage der ihren Schutz erbittenden Einwohnerschaft zu Hilfe kamen, so darf ein Magistrat, welcher die gewissenhafte Erfüllung seiner Dienstesobliegenheiten beschworen hat, sich nie und nimmer zum Werkzeug solcher minderwertiger und unwürdiger Anschauungen und Machenschaften hergeben.
Als Bezirksamtmann von Kötzting, dem der gute Ruf des Marktes, seines Amtssitzes, und der Fortbestand eines guten Verhältnisses zwischen Beamten und Bürgerschaft am Herzen liegt, halte ich es daher für meine Pflicht, bevor die öffentliche Kritik sich in einer den Markt blossstellenden Weise der Badeangelegenheit bemächtigt, nochmals meine warnende Stimme zu erheben und dem hiezu allein zuständigen Magistrate die Rückgängigmachung seines auch von der einsichtsvollen Bürgerschaft missbilligten Beschlusses nahezulegen. 
Der Magistratsvorstand hat zu diesem Zwecke baldigst eine neuerliche Sitzung anzuberaumen und unter Bekanntgabe dieses Schreibens eine nochmalige, hoffentlich erfreulichere Beschlussfassung herbeizuführen, sowie eine Abschrift des ergangenen Beschlusses anher vorzulegen.

......Endlich muss darauf gedrungen werden, dass entsprechend der Vorschrift des Art. 105 und 117. der Gem.Odg, von den gesetzlich zugelassenen Ausnahmen abgesehen, die Sitzungen des Magistrats und der Gemeindebevollmächtigten (einschliesslich der Abstimmung) öffentlich gehalten und zu diesem Zwecke auch Tag und Stunde der Sitzungen entweder ein für allemal, oder von Fall zu Fall den Gemeindeangehörigen bekannt gemacht werden, damit sie in der Lage sind, den Sitzungen anzuwohnen."

..... und so "musste" der Kötztinger Magistrat das Thema erneut  auf die Tagesordnung setzen.

StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad

Die Folge dieser erzwungenen Neuansetzung war dann die Wiedereröffnung des Kötztinger Flusschwimmbades, wie man wenige Tage später dann in der Zeitung lesen konnte.



"Kötzting, 27. Juni. Dank der Bemühungen und freiwilligen Leistungen des H.K. Bezirksamtsmannes und des H.K. Bezirksarztes wird die märkische Badeanstalt am „weißen Regen“ ab 29. Juni wieder geöffnet. Nachdem sich die Badeanstalt bisher wenig oder gar nicht rentiert hat, ergeht hiemit an dieser Stelle an die Beamten und Bürgerschaft das Ersuchen durch fleißige Benützung der Badeanstalt das Unternehmen einer besseren Rentabilität zu verhelfen."
Die im Jahre 1911 errichtete Flussbadeanstalt war offensichtlich ein Zuschussbetrieb. Ende des Jahres 1916 kam dem klammen Magistrat dann eine Geldspende des gefallenen Bezirksamtsassessors Dennerl zugute, der 2000 Mark gespendet hatte, die laut der Aussage seiner Mutter aufgeteilt werden sollten zu gleichen teilen für die Badeanstalt und für eine zukünftige Turnhalle.
StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad

StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad




Albert Kirschner wird befördert:


Albert Kirschner, Bruder des eher bekannten Kötztinger Bürgers Julius Kirschner und wie dieser im Felde stehend, - der ältere Bruder Max war einer der ersten Kriegsopfer Kötztings und gleich zu Kriegsbeginn im Herbst 1914 an der Westfront gefallen - wurde befördert und erhielt eine neue Dienststelle, in der er nach dem Kriege auch arbeitete.
"Kötzting, 28. Juli. Ab 1. August wird der geprüfte Zollassistent Albert Fischer von hier, d. Z. beim Heere zum Zollkontrolleur bei k. Hauptzollamte Ludwigshafen a. Rh. in etatsmäßiger Eigenschaft ernannt."
Mehr zum traurigen Schicksal der Familie Kirschner - darunter auch die des Albert Kirschner mit seiner Frau und seinen drei Kindern -  kann unter dem link nachgelesen werden.


Die Rationierungen und die Appelle gehen weiter:

"Kötzting, 13. Nov. (Ein dringender Appell an die Landwirte.) Das Wochenblatt des landwirtschaftlichen Vereins in Bayern veröffentlicht an der Spitze des Blattes folgenden Appell: Landwirte gebt an Lebensmitteln ab, was irgend möglich ist! Die Tausende, die tagein und tagaus in den Fabriken für den Kriegsbedarf arbeiten, bedürfen besonders der Lebensmittel. Auch sie opfern dem Vaterland ihre Kräfte. Die Landwirte stehen ihnen nicht nach und schaffen hierbei was möglich ist. Stadt und Land, Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gewerbe müssen einander jetzt helfen zum Durchhalten. Nur dann bezwingen wir den Feind, der uns wirtschaftlich vernichten will."



Und noch eine Beförderung wird der Heimat gemeldet:


"Kötzting, 10. Nov. (Einen bedeutenden und verantwortungsvollen Posten bekleidet in den besetzten Gebieten Russlands unser Landsmann Herr Bezirksbaumeister Windisch von hier. Schon seit 14 Monaten ist derselbe, hat er sich durch seine Tüchtigkeit als einziger und erster Unteroffizier (Bayer) seiner Kompagnie zum Oberbeamtenstellvertreter durch Ueberspringung der Stelle eines Unterbeamtenstellvertreters emporgearbeitet. Er leitet zur Zeit den Bau einer längeren, wichtigen Eisenbahnstrecke und unterstehen ihm nicht weniger als 3000 Mann. "Freie Bahn für die Tüchtigen!" Unsere Waldler stehen im Wettbewerb mit den anderen deutschen Stämmen nicht zurück; das beweist das Beispiel unseres Landsmannes, der erst voriges Jahr als Gefreiter zu einer Straßenbau=Kompagnie kam."
DIA-Repro 2135 Bezirksbaumeister Windisch


Gegen Ende des Jahres sind es wieder die zwei Theatervorstellungen, die den Kötztingern etwas Abwechslung bieten können, vor Allem die Weihnachtsvorstellung der St. Josephspflege sind eine immer wiederkehrende Veranstaltung, auf die sich die Kötztinger Freuen können.
Im Saal des Leopold Januel findet die Veranstaltung statt.





Und dann wird es wieder Weihnachten in einem Jahr, das für die Kötztinger vieles an Entbehrungen und Einschränkungen brachte..... dabei sollte der Krieg noch zwei lange weitere Jahre dauern.

Selbst die Abgabe von Christbäumen wurde geregelt: 

"Kötzting, 12. Dez. Ueber die Abgabe von Christbäumen für das diesjährige Weihnachtsfest besagt eine Bekanntmachung des Finanzministeriums: Um auf dem Christbaummarkt einer Preissteigerung entgegenzuwirken, sollen aus den Staatswaldungen Christbäume in möglichst großem Umfange und im allgemeinen zu den gleichen Preisen abgegeben werden wie in Friedenszeiten. Außerdem wurden die Regierungsforstämter und Forstämter ermächtigt, an gering bemittelte Familien und an solche Familien, deren Ernährer beim Heere steht oder kriegsinvalide geworden ist, je einen Christbaum für ihre Weihnachtsfeier bei Selbstgewinnung kostenlos, andernfalls gegen Ersatz der Gewinnungskosten abzugeben.

Und so endete das Kriegsjahr 1916 genauso wie es angefangen hatte, Berichte von der Front, Auszeichnungen und Todesnachrichten wechselten sich mit Zwangsabgaben und Einschränkungen ab und dazwischen schalteten die Gebrüder Krämer ihre Kinoanzeigen.







Seit Herbst 2025 gibt es darüber hinaus eine besondere Neuerung: die Interaktive Karte Kötztings. Auf ihr sind alle bisherigen Beiträge zur Häuserchronik sowie zahlreiche weitere historische Themen direkt in einer Stadtkarte verortet. Jeder Marker führt mit einem einzigen Klick zu den passenden Blogbeiträgen – übersichtlich, schnell und jederzeit abrufbar.
Die Karte funktioniert auf jedem PC und auch auf Mobilgeräten. Wer möchte, kann sie sogar als kleine App auf dem Smartphone speichern und wie ein eigenes Programm starten.

Wer neugierig geworden ist und sich auch manche Beiträge über andere Kötztinger Anwesen ansehen möchte, kann die Karte hier öffnen:    🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen

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