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Freitag, 27. Februar 2026

Die Faschingsumzüge und Faschingshochzeiten im Jahre 1976

 Die Stadt Kötzting hatte sich wohl mit den beiden großen Umzügen 1971 - ein historischer Umzug - und 1972 - ein großer Faschingsumzug mit Paula Volkholz und ihrem juristischen Beamten Dr. Karl als die Hauptfiguren in einem Wetterhäuschen - etwas verausgabt. Im Jahre 1976 waren es jedenfalls vier Umlandgemeinden, die große Umzüge veranstalteten:
Arrach, Haibühl, Warzenried und Blaibach.

Hier nun die Bildreportagen dieser Veranstaltungen von vor 50 Jahren.



Beginnen wir mit der Faschingshochzeit in Arrach: 























Über diese Veranstaltung schrieb die  Berichterstatterin 

Die Arracher hatten ihre Wagen mit Narreteien vollgeladen

Faschingshochzeit mit viel Gaudi und noch mehr Geld / Alle Teilnehmer profitierten, die Sportler werden’s noch

Arrach (kdy). [so weit ich weiß, zeichnete Frau Fritz aus Hohenwarth mit diesem Kürzel] Das Wetter hatte es am Samstag mit den Veranstaltern der Faschingshochzeit gut gemeint. Die Sonne schien, als sich der farbenprächtige Gaudizug durch den Ort wälzte. Kind und Kegel waren auf den Beinen, groß und klein, jung und alt, und alle maskiert. Die „Dampfrösser“ tuckerten, als wollten sie die lange Fahrt, so schwer beladen, gar nicht schaffen, die Pferde hatten alle Mühe, die ihnen aufgebürdete Last über die Höhen zu bringen. Alles Volk schrie, jubelte. Alaaf und Helau klang es aus Hunderten von Kehlen. Es war „der“ Tag für die Arracher mit Trauung und Hochzeitsmahl, mit Ofenschüsselrennen und Brautstehlen.

Schon Wochen vorher hatten alle Vereine (FFW, SC, Trachtenverein, Wanderverein Grün-Schwarz, Wintersportverein, Schützenverein und der Stammtisch „Die stillen Zecher“ geplant und vorbereitet. Das war ein Wetteifern untereinander! Bürgermeister Alois Mühlbauer sprach von einer einmaligen Kameradschaft. In so enger Zusammenarbeit gelang, was man sich vorgenommen hatte. Es wurde herrlich, närrisch und ganz schön verrückt an einem Tag im Fasching 1976!

Nach der Formierung des langen Zuges, selbstverständlich mit sehr viel Fußvolk (die Wagen waren vollgeladen mit „Zweibeinern“, die man kaum erkannte) ging es bergauf und bergab, denn Arrach liegt ja angeschmiegt an den Fuß des Kaitersberges. In Rathausnähe fand dann die Trauung statt, die der Standesbeamte Reinhard Kieslinger, von Beruf Gemeindesekretär und in derlei Dingen „versiert“, vornahm. In Reimen sprach er seine „Hochzeitsrede“, die von der Braut Marlene Philomena Haarambau (Alois Brandl) mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt wurde. „Angerührt“ zeigten sich auch der Bräutigam Hieronymus Kaspar Hupfinshöh (Walter Mühlbauer) mit dem Ehrenvater Karolus Stoffmacher (Karl Weber), der Ehrenmutter Friedericke van der Siedlung (Friedrich Schmid), die Kranzjungfrauen Bernadette Ofenabfall (Bernhard Aschenbrenner) und Luise Lederhammer (Alois Mühlbauer), sowie die Trauzeugen Hanserl Schnupfenhandler (Karl Kieslinger) und Freddy Vawakal (Manfred Klingseisen).

Nach dieser „närrisch“ wichtigen Zeremonie auf dem Postament vor dem Rathaus begaben sich alle Gäste zum Hochzeitsmahl (Weißwurstessen) ins Gasthaus Ernst Aschenbrenner. Der Wirt hätte anbauen müssen, denn die Räumlichkeiten reichten bei weitem nicht aus, alle Gäste aufzunehmen. Tische und Stühle wurden noch aus der Nachbarschaft herbeigeholt und in jedes freie Eckerl gestellt. Die Braut, ins Café Rackl gestohlen, musste ausgelöst werden. Nach altem Bauernbrauch kam auch das Ofenschüsselrennen dran, das der Tormann des SC Arrach/Haibühl gewann. Als Letzte ins Ziel schleifte sich noch Josefine Achatz, die Schnupftabak für ihre „linken“ Füße bekam. Schließlich rief um 20 Uhr der Hochzeitslader zum Schenken. Das Schenkgeld kam in Scheinen, glitt raschelnd in den Behälter, wusste man doch, für welch einen guten Zweck es benötigt wurde. Alle Erwartungen wurden übertroffen, es ging ein ansehnlicher Betrag ein, der selbst Bürgermeister Mühlbauer überraschte. All die Mühe, die viele Kleinarbeit, die Großtaten, die wochenlangen Vorbereitungen im Wettstreit aller teilnehmenden Vereine und der Bevölkerung haben sich tausendfach gelohnt.

Der Vorsitzende des SC Arrach/Haibühl, Bürgermeister Alois Mühlbauer, dankte allen, die in Geschlossenheit und echter Kameradschaft etwas auf die Beine stellten, was Arrach noch nicht gesehen hatte. Es war ja die erste Faschingshochzeit, es soll aber nicht die letzte gewesen sein. Maskiert, mit einem Sombrero auf dem bürgermeisterlichen Haupt, war der „Chef“ inmitten der Faschingsgaudi „ernstlich“ überrascht, als er den Betrag erfuhr, den die Hochzeitsgäste gespendet hatten. Er wird gut angelegt und findet Verwendung als „Zugabe“ für den Bau neuer Sportanlagen.





Die Faschingshochzeit 1976 in Haibühl










In Haibühl wurde die „Ehe auf Zeit“ zur „Hochzeit des Jahres“

Alles war echt, nur Braut und Bräutigam nicht! / Und in sämtlichen Auktionen des Festes war der Faschingswurm drin

Haibühl (kul). Zu einem großartigen Erfolg für Veranstalter, Mitwirkende und Zuschauer wurde die „Hochzeit des Jahres“ am Samstag. Der Petrus hat es ganz besonders gut mit den Narren gemeint, denn den ganzen Tag über war strahlender Sonnenschein. Während des Umzuges bot sich ein farbenprächtiges Bild und Luftschlangen, Konfetti und Süßigkeiten wirbelten durch die Luft. Aus der ganzen Umgebung waren die Zuschauer gekommen und alle Straßen und Plätze waren dicht besetzt.

Ein wichtiges Amt bekleidete der Hochzeitslader Franz Mutterer, der neben 1. Vorstand Josef Huber vom Heimat- und Volkstrachtenverein „Tanneckler“ wirklich die Hände voll hatte, damit die Faschingshochzeit perfekt durchgeführt werden konnte. Leicht aber hatte es auch der Standesbeamte Josef Rainer nicht, er musste ja die eigentliche Zeremonie am Dorfplatz vollziehen und es gab großes Gelächter, als die Trauung vorgenommen wurde und aus dem närrischen Paar Johanna (Hans Weber) und Zentio (Zenta Rainer) ein „Ehepaar“ wurde.

Die „Hochzeitsfeierlichkeiten“ begannen schon am Vortag mit dem Polterabend, der zuerst beim Bräutigam und anschließend bei der Braut gefeiert wurde. Am „Hochzeitstag“ bewegte sich ein stattlicher Zug unter Vorantritt der Musikkapelle schon am Vormittag durch die Kirchenstraße, um die Braut Johanna abzuholen. Die „Gaglhenn“ wurde im Gasthaus Xaver Meindl gefeiert. Das traditionelle „Ofenschüsselrennen“ wurde durchgeführt. Den ganzen Vormittag über waren schon ständig Maskierte und Kostümierte unterwegs, um mit dem Brautpaar diesen denkwürdigen Tag zu feiern. Der Umzug am Nachmittag bot ein herrliches Bild. Er wurde angeführt von einer Gruppe des Reit- und Fahrvereins Hohenwarth. Sämtliche Vereine des Gemeindebereiches und erfreulicherweise auch ein Verein aus Lam mit einem stattlichen Wagen hatten ihr Möglichstes getan. Das Brautpaar und sein närrisches Gefolge wurden selbstverständlich in einer geschniegelt herausgeputzten Kutsche gefahren. Dann kam der „Kammerwagen“, von einem Kuhgespann gezogen. Der Fremdenverkehrsverein hatte mit seinem „Verpflegungswagen“ – es gab Kaffee und Krapfen – ebenfalls einen großen Einfall. Nach der Trauung folgten das Brautstehlen, die Brauttänze und nach altem Brauch und Sitt auch das Schenken. Bis auf den allerletzten Platz war der Saal des Gasthofes Meindl besetzt und die Hochzeitsgäste gaben sich fröhlich und ungezwungen. Die „Tanneckler“ hatten ihre wochenlange Arbeit ihren verdienten Lohn.





Der Faschingsumzug 1976 in Warzenried











Mehr als 2000 Zuschauer beim Faschingszug in Warzenried


Warzenried stand Kopf: Über 2000 Besucher säumten die Straßen, als sich der Gaudiwurm durch den Ort schlängelte. Der Faschingszug erwies sich als rundum gelungene Veranstaltung, bei der zahlreiche Gruppen Ereignisse aus Warzenried und seiner Umgebung mit viel Einfallsreichtum aufs Korn nahmen.
Natürlich durfte auch die große Politik nicht fehlen. So verabschiedete sich ein „Landtagsabgeordneter“ in einer augenzwinkernden Rede vom „Muster-Dorf“ Warzenried – ein Seitenhieb auf die Gebietsreform. Für Heiterkeit sorgten auch die beiden „Kampfhähne“ des Sportvereins, die vorsichtshalber in einem Käfig untergebracht waren.
Als besondere Sensation des Umzuges galt die „Alt-Weibermühle“, die unter dem Motto „Aus alt wird wieder neu“ dargestellt wurde. Auch der Bau der Reithalle in Warzenried und weitere örtliche Themen wurden in humorvoller Parodie verarbeitet.
Den Abschluss bildete vor dem Gasthaus Neumeier eine Szene rund um den in Warzenried gleich dreimal angesetzten Pferdemarkt – samt weiterem „Getier“. Mit dieser gelungenen Mischung aus Lokalbezug, Satire und närrischem Einfallsreichtum endete ein Faschingszug, der den Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.

Aufnahme: kel



Der Faschingsumzug 1976 in Blaibach 




Unter 50 Gruppen auch die „Olympia-Anwärterinnen


„Ehepaar für die närrischen Tage“ mit großem Anhang 

An Ideen mangelte es den Veranstaltern nicht. Aufnahmen: khu

s



„Fasching total“: Gaudiwurm wälzte sich durch die Straßen

Mit Blaibach standen 2000 Zuschauer auf dem Kopf / Preis für viel Fleiß: der schönste Faschingszug

 

Blaibach (khu). Alle Jahre wieder muß man den Ideenreichtum, die Mühen und Arbeit der Vereine bewundern. Sie scheuen nicht einmal Kosten, damit die Tradition des Blaibacher Faschingszuges erhalten bleibt. Bei strahlendem Sonnenschein fanden sich mehr als zweitausend Schaulustige zum großartigen Treiben ein. Ganz Blaibach stand Kopf. Fazit: Es war der bisher schönste Faschingszug.

Schon beim Standkonzert am Kirchplatz sammelte sich eine Menschenmenge. Der Gaudiwurm setzte sich von den Parkplätzen des Freibades in Bewegung. Bunt war der Spielmannszug. Das letzte Bayerwaldbockerl am Anfang, dann folgte Wagen auf Wagen; dazwischen das Fußvolk. Da gab es Flieger, Katastrophenschutz, Märchen, Raubatoler, Jagdschutz, Kneipphaus, Rennfahrer, TSV mit Damenmannschaft — ein langersehnter Wunsch, Damenkegelclub einsame Herzen — „s’ Betterl ist bereit“, Geld spielt keine Rolle am Schusterberg, Damengymnastikgruppe Olympiareif, Ponys und vieles mehr. 50 Gruppen und Wagen. Das hat es noch nicht gegeben.

Erfreulich heuer viel Fußvolk und im besonderen viele Kinder. Hier hat sich das Wirken der Lehrerschaft großartig ausgewirkt, desgleichen beim Kindergarten. So gab es Kinderwagen, Pillenknick, Pfingstbrautpaar, viele Einzelfiguren. Als krönender Abschluß der Wagen: die Prinzengarde.

Allen Teilnehmern des Faschingszuges gehört Anerkennung. Sie haben Tausenden Zuschauern viel Freude vermittelt und sicher aus eigener Überzeugung, weil auch sie (die Mitwirkenden) Spaß an der Gaudi haben.

Der grandiose Faschingszug löste sich beim Jugendheim auf. Hier kam noch für die Kinder die große Stunde. Sie wurden heuer für ihr Mitwirken beschenkt. Die Vereine ließen das Werfen der Bonbons nicht unterlassen und so wurden die Geldmittel für die Kinder aufgewendet. Dank, weil sie den Gaudizug so begeistert haben. Dann war diese große Schau auf Blaibachs Straßen beendet. Konfetti und Papierschlangen gaben Zeugnis.


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 und   

 

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Mittwoch, 25. Februar 2026

Ein Kurs in pflegender und dekorativer Kosmetik

 In der Bildersammlung des Stadtarchives befinden sich viele Beispiele von damals tagesaktuellen Veranstaltungen oder Berichten über Handel und Gewerbe, die uns einen kleinen "Blick zurück" erlauben; zurück auf Menschen, die schon lange verstorben sind oder Orte und Plätze, die es ebenfalls schon lange nicht mehr gibt. Mit dieser Reihe an Blogbeiträgen soll diese Erinnerungskultur ermöglicht werden; eine Erinnerung an ein Kötzting mit viel Handel, Handwerk, Vereinsleben und Gasthäusern, mit Jahrtagen,  Bällen, und vor allem mit Menschen. Hier ein Rückschau ins Kötzting von vor 50 Jahren.

Im Februar 1976 bot die Kötztinger VHS eine ganz besondere Veranstaltung an, hier eine Bilderreportage von Herrn Kühn von der Kötztinger Umschau. .Die Fotos stammen aus dem Archiv Serwuschok. Ich bin mir nicht sicher, ob man heutzutage noch das Wort der "dekorativen Kosmetik" bemühen würde, bei solch einer Veranstaltung......


Spieglein, Spieglein an der Wand … wer ist die schönste im ganzen Land? 

Diplomkosmetikerin Erna Prohazka, Baden-Baden, initiierte zu den 35 Teilnehmerinnen an dem von der Volkshochschule Kötzting im „Amberger Hof“ initiierten Kosmetikkurs: „Sie sehen alle einfach fabelhaft aus!“ Die Expertin hatte ihren Schülerinnen jüngeren und älteren (pardon: reiferen) Semesters in gemeinverständlicher, jedoch wissenschaftlich begründeter Form die Kniffe der „pflegenden“ und der „dekorativen“ Kosmetik beigebracht. Sie legte dabei besonderen Wert auf die Lebenshaltung, die Hygiene und die Pflege des gesamten Körpers. Die Begeisterung bei den Damen war so groß, der Andrang so stark, dass zum Üben die Teilnehmerinnen in zwei Gruppen geteilt werden mussten. Marianne Kretschmer unterstützte dabei die Diplomkosmetikerin. VHS-Leiter Werner Tutter bedankte sich abschließend mit Geschenken. Aufnahmen: Kühn 


Bevor ich nun die Fotos anfüge, die sich von der Veranstaltung erhalten haben, noch eine Bitte:
Wir würden gerne die Namen der abgebildeten Frauen in unserem Bilderarchiv ergänzen. Wer also jemanden erkennt, gebt uns bitte entsprechende Hinweise

Frau Erna Prohaska, die Kursleiterin im Hotel Amberger Hof

Mitte: Frau Anni Reitmeier


 rechts Frau Klara Schaffer





  
Im Jahre 1976 ahnte noch niemand in Kötzting, dass sich hinter dem Leiter der VHS und hochangesehenen Mitbürger, Herr Werner Tutter, der hier seinen "Diener" macht, ein gesuchter Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg verbergen sollte.






Dieses Bild ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie wertvoll die Sammlung an Zeitungsnegativen ist, die wir von Frau Serwuschok erhalten haben. Aus der Serie von Fotos - den Handkuss habe ich weggelassen - die damals Herr Kühn geschossen hat, haben nur 2 Stück den Eingang in die Druckausgabe gefunden. So können wir nun nach 50 Jahren viel mehr zeigen, als damals die Leser haben sehen können.

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Samstag, 21. Februar 2026

Das "sündige" Dorf Rittsteig

 Der Kötztinger Redakteur der Kötztinger Umschau berichtete aus Rittsteig vom Januar 1956

Mittwoch, 18. Januar 1956. 

Die Flucht des ränkesüchtigen Pfarrers von Rittsteig. 

Aus dem „sündigen“ wurde ein bekanntes Dorf. 


Mit großer Freude wurde am Hl.-Drei-Königs-Tag der neue Pfarrherr Expositus Dominikus Scharl von der Rittsteiger Bevölkerung empfangen. Das hatte seinen besonderen Grund. Sein Vorgänger hat die Gemeinde Rittsteig nach aufregenden Zwischenfällen bei Nacht und Nebel verlassen. Vier Wochen lang war die rund 600 Seelen umfassende Gemeinde ohne einen Geistlichen. Traurig war die Gemeinde über die Flucht ihres Pfarrherren nicht, hatte sie es ihm doch zu verdanken, dass ihr bisher so stiller Ort durch ihn als „Sündiges Dorf“ weit über den Bayerischen Wald hinaus bekannt wurde.

Und nun die Vorgeschichte … Eine sonntägliche Feuerwehrübung im Frühjahr 1954 hatte den Seelsorger in Harnisch gebracht. Sie war für 13 Uhr angesetzt und der Pfarrherr fürchtete, dass sich dieselbe über 14 Uhr ausdehnen und die Kirche nicht den üblichen Zulauf erhalten würde. Mitten unter der Übung erschien der Pfarrherr und fuhr den Feuerwehrkommandanten mit den Worten an: „Sofort Übung einstellen!“ „Kommt nicht in Frage“, erwiderte der Kommandant, „sind wir doch froh, dass endlich das lang ersehnte Wasser aus dem Brunnenschacht heraufgepumpt werden kann.“ Als sich der Pfarrherr damit nicht zufrieden gab, wurde er von dem Kommandanten mit den Worten „Kümmern Sie sich um Ihre Kirche und stören Sie nicht unseren ehrenamtlichen schweren Dienst“ angesprochen, worauf er erregt und wütend den Übungsplatz verließ. Damit war das Kriegsbeil zwischen dem Seelsorger und der Gemeinde ausgegraben. Dass der Pfarrer auf diese Zurechtweisung hin einen dreiseiten langen Beschwerdebrief, der den Sachverhalt vollkommen entstellte, in die Kreisstadt Kötzting sandte, soll nur nebenbei Erwähnung finden. Auf jeden Fall hatte der Seelsorger der Gemeinde den Kampf angesagt und wollte ihn anscheinend bis zum „blutigen Ende“ ausfechten.

Dann hatte der Ort im Herbst wieder einmal ein freudiges Ereignis. Ein ortsansässiger Wirtsohn bekam in der mehrere Jahrhunderte alten Kirche zu Rittsteig mit seiner Braut, von Expositus Josef Zöllner den Segen zum Ehestand. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt und es versteht sich, dass sich die Mädchen des Dorfes für dieses Ereignis sehr hübsch gemacht hatten. Dies um so mehr, als beim Tremelwirt nach der kirchlichen Feier dem fröhlichen Tanz stark gehuldigt wurde. Der gutaussehende Ortspfarrer blieb, anscheinend nichts Erfreuliches für seine Augen ahnend, dem Hochzeitsmahl fern. Wie eine Bombe schlug deswegen am darauffolgenden Sonntag seine Predigt bei den zahlreichen Kirchenbesuchern ein, aus der unter anderem zu entnehmen war: „Wenn bei der Hochzeit vom Wirtsohn ein Fleischbeschauer dagewesen wäre, hätte er an einer unserer Dorfschönen auf ihren ‚schamigen Ausschnitt einen Stempel aufdrücken können, aber nicht als Schönheitskönigin, sondern als Musterschwein.“ Entsetzt hörten die Rittsteiger zu und wussten sofort, dass der Prediger nur ihre Rita gemeint haben konnte. Nun, die Rita war zwar nicht in der Kirche, aber sie hatte es gewagt, in einer netten, leicht dekolletierten Bluse und einem hübschen Rock an einem Vortage durch den Ort zu gehen.

Ausschnitt Kötzting Umschau Januar 1956

 Die "Rita" fühlte sich mit Recht gebrandmarkt und in der Seele vieler Rittsteiger brodelte es seit diesem aufregenden Hochzeitstag. Der allgemeine Zorn schwoll noch an, als man erfuhr, dass der Pfarrer die genannte Dorfschöne den Schülern und Schülerinnen der 8. Volksschulklasse als abschreckendes Beispiel vor die Augen führte und sich nicht einmal vor einer Anzeige gegen die einheimische Polizei und die Dorfjugend wegen der Beleidigung am Hochzeitstanz zurückhalten ließ. Eines Abends, als der Pfarrer wieder einmal „auswärts“ war, klirrten im Pfarrhof die Fensterscheiben. Wer die Übeltäter waren, konnte bis heute noch nicht festgestellt werden. Dieser Zwischenfall und noch einige andere verschwiegene Vorfälle, über die wir heute noch schweigen wollen, bedeuteten das Ende der vierjährigen Seelsorgetätigkeit des Expositus Zöllner in Rittsteig.

Und so kam es zur Flucht … Der Bitte an H. H. Erzbischof von Regensburg um seine Versetzung wurde stattgegeben. Als dann ein zweites Mal die Scheiben im Pfarrhof klirrten — allgemein wird gemunkelt, dass es die hübsche Haushälterin des Seelsorgers gewesen sein soll — schwand der letzte Rest der Liebe des Seelsorgers zu seinen Pfarrkindern und gleichzeitig verschwand der Seelsorger aus dem Ort, der durch seine Handlungsweise als „Sündiges Dorf“ über den Bayerischen Wald hinaus bekannt wurde. Der allseits beliebte Bürgermeister Tremml, der verschiedene Presseberichte und die unschönen Vorkommnisse von Seiten des verschwundenen Seelsorgers mit Recht in große Erregung brachten, ist mit seiner ganzen Gemeinde nunmehr glücklich, in dem neuen Expositus einen Seelsorger erhalten zu haben, der der Garant einer ersprießlichen Zusammenarbeit in der kleinen Grenzgemeinde unseres Landkreises sein wird.

Was der Reporter als Flucht bei Nacht und Nebel beschrieb, hieß in der amtlichen Verlautbarung dann Versetzung:



Mit dem neuen Expositus konnte dann wieder Ruhe in Rittsteig einkehren:


Expositus Scharl. Heute möchten wir den neuen Seelsorger der Expositur Rittsteig, H. H. Dominikus Scharl, unseren Lesern vorstellen. H. H. Expositus Scharl stammt aus der Oberpfalz und ist in Schönsee geboren. Am 15. Januar vollendet er sein 51. Lebensjahr. Dominikus Scharl war in jungen Jahren bereits auf dem Missionsfeld in Südamerika tätig. Nachdem er im letzten Weltkrieg fünf Jahre bei der Luftwaffe gedient hatte, wurde ihm nach dem Kriege in der Heimat auf Grund besonderer Verdienste das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Stadlern verliehen. In den letzten Jahren wirkte H. H. Dominikus Scharl in Herzogenburg in Österreich. Mit seiner Versetzung nach Rittsteig wurde dem Geistlichen seitens des Erzbischofs ein besonderer Wunsch erfüllt, nämlich, in der Heimat einer Gemeinde dienen zu können.

Trotz des guten Ausgangs, war es der Kötztinger Umschau wert, auf diese "skandalösen" Zustände in Rittsteig in ihrer Faschingsausgabe zurückzublicken:


Ich bin mir nicht sicher, ob der Sarkasmus des Herrn "Bafke" - wohl der damalige Reporter der KU Baruffke - in der Faschingsausgabe der Lokalzeitung nicht vielleicht sogar einen ernsten Hintergrund gehabt hattw und die Rittsteiger ihren Unmut über seine Berichterstattung deutlich geäußert hatten.

Herr Barufke jedenfalls berichtete später auch ausführlich über die Ankunft des neuen Expositus in Rittsteig.




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Donnerstag, 19. Februar 2026

Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham

Der nächste "Gelbe Band" erscheint am 11. März 2026



Der Herausgeber dieser Buchreihe und zugleich Veranstalter der Buchvorstellung ist der Arbeitskreis für Heimatforschung im Kulturverein Bayerischer Wald in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat des Landkreises Cham.

Die Vorstellung des neuen Bandes findet in diesem Jahr in Cham statt. Dort wird die neue Sprecherin des Arbeitskreises, Frau Karin Hirschberger, die Beiträge des aktuellen Jahresbandes kurz vorstellen. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, den Band zum Preis von 16,00 Euro zu erwerben.

Diese traditionsreiche Buchreihe lebt jedoch nicht allein vom Engagement ihrer Autoren und Herausgeber, sondern ebenso von der Unterstützung ihrer Leserinnen und Leser. Auch dieser Blogbeitrag möchte dazu beitragen, die Zukunft dieser besonderen heimatgeschichtlichen Reihe zu sichern.
Mit dem Erwerb eines Exemplars für 16,00 Euro helfen Sie ganz konkret mit, dass diese wertvolle Arbeit auch in den kommenden Jahren fortgeführt werden kann.







Die einzelnen Beiträge decken in eindrucksvoller Weise das gesamte Gebiet des Landkreises Cham ab – wie bereits das vorherige Bild erkennen lässt. Viele der Autorinnen und Autoren begleiten diese wissenschaftliche Reihe seit langen Jahren; nicht wenige veröffentlichen ihre Arbeiten sogar schon seit den Anfangstagen in den 1980er-Jahren.

Mein persönlicher Dank gilt besonders dem Team im Landratsamt Cham, das nicht nur aufmerksam dem unvermeidlichen „Fehlerteufel“ nachspürt, sondern diese außergewöhnliche Buchreihe mit großem Engagement zu einer echten Herzensangelegenheit gemacht hat. 

 Abschließend hier noch das Inhaltsverzeichnis des neuen Bandes 43 von 2026
  










Einzelne Bände können – wie gewohnt – auch über die Kurverwaltung in Kötzting bezogen werden.
Die reguläre Bestellung erfolgt über die Kulturabteilung des Landratsamtes Cham.

Darüber hinaus ist eine Bestellung - auch als Vorbestellung oder im Abonnement- ganz unkompliziert auch per E-Mail an mich möglich – die Adresse findet sich im Impressum; ich leite die Anfrage gerne weiter.


Viele der älteren Bände – „alt“ freilich nur im Hinblick auf ihr Erscheinungsdatum, denn ihre Inhalte sind im Grunde zeitlos – sind weiterhin erhältlich und können hier bestellt werden.

Einige der frühen Anfangsbände sind inzwischen vergriffen. Dennoch lohnt sich auch in diesen Fällen eine Nachfrage, da vereinzelt Exemplare wieder an das Landratsamt zurückgegeben und dort erneut verfügbar werden.




Bisher 42 Bände und Register - zusammen ungefähr 9000 Seiten geballte Information - nun bereits mehr als  60 cm Vergnügen. So sollte es eigentlich bei allen an der Heimatforschung Interessierten in deren Bücherschränken aussehen ;-))



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🔎 Wer diesen Beitrag über die „Gelben Bände“ dort wiederfinden möchte, muss ein wenig suchen:
Er verbirgt sich in der Markergruppe Chroniken.

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