1916
Im beginnenden dritten Kriegsjahr machen die Zeitungen
natürlich täglich auf der Seite 1 mit den neuesten Nachrichten von den
verschiedensten Fronten auf. Das große deutsche Hauptquartier gab all diese
Berichte heraus und alleine die Überschriften zeigen an wie vielen Fronten es
zu dieser Zeit bereits brennt. Die Deutsche Oberste Heeresleitung berichtet
zuerst einmal von dem westlichen und östlichen Kriegsschauplatz. Es folgt dann der amtliche österreichische Bericht vom russischen (= Galizien), italienischen
(=Südtirol) und südöstlichen (Montenegro)
Kriegsschauplatz. Den Abschluss bilden die Meldungen aus Konstantinopel über
die Irakfront der türkischen Streitkräfte. Natürlich war auch der Alltag in Kötzting nahezu vollständig vom Krieg geprägt.
Dies spiegelt sich deutlich in den lokalen Meldungen des Kötztinger Anzeigers wider. Die Kötztinger konnten fast täglich lesen über Todesanzeigen junger Männer aus Kötzting und der näheren Umgebung, von Berichten über Auszeichnungen auf den Schlachtfeldern an der West- wie an der Ostfront sowie von fortlaufenden Bekanntmachungen zur zunehmenden Mangelwirtschaft, die sowohl Lebensmittel als auch kriegswichtige Rohstoffe betraf.
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| Titelblatt des Kötztinger Anzeigers |
Der Kötztinger Anzeiger wurde in der Buchdruckerei Vitus Oexler redigiert und gedruckt und war bis zum Jahre 1928 (seit 1899) Kötztings einzige Lokalzeitung.
In all den Friedensjahren vor und nach dem Krieg wären die Berichte und die Anzeigen gerade zu Jahresanfang gefüllt von Berichten über Generalversammlungen der Kötztinger Vereine, von Wurstballeinladungen und Faschingsveranstaltungen. Als die einzig verbliebene Abwechslung vom Alltag für die Kötztinger Bürger war dann nur noch das regelmäßige Kinoprogramm und manchmal - aber nur ganz selten -, ein Theateraufführung des kath. Gesellenvereins, heutzutage der Kolpingverein.
Am 5. Februar erreichte Kötzting die Nachricht von einer Auszeichnung des Maurermeistersohnes Josef Kirschbauer, einem jungen Mann, der später im Jahr der Pfingstbräutigam werden sollte.
"Kötzting, 5. Febr. Wie bereits früher schon erwähnt, wurde dem Bürger- und Maurermeistersohn Herrn Joseph Kirschbauer von hier das Militärverdienstkreuz mit Krone und Schwertern für tapferes und mutiges Verhalten vor dem Feinde allerhöchst verliehen. Mit großer Freude kann neuerdings mitgeteilt werden, dass Kirschbauer für schneidige Offizierstätigkeit in Russland, von S. Majestät dem Deutschen Kaiser auch mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wurde. Möge es dem tapferen Krieger beschieden sein, die beiden hohen Auszeichnungen in bester Gesundheit noch viele Jahre zur Freude seiner Angehörigen tragen zu können."
Hier nur als ein Beispiel aus Kötztings "Vermischten Nachrichten" von Anfang Februar 1916, wie sie fast jeden Tag zu lesen waren:
Kötzting, 11. Febr. Laut Entschließung des stellv. Generalkommandos 3. Bayer. Armeekorps vom 7. Februar 1916 wurden dem Aufsichtsoffizier, Oberleutnant d. L. a. D. Aug. Gnauck, dem bereits die Lazarette Schwandorf, Cham, Vilshofen a. D. 1 und 2, Kloster Aldersbach und Aidenbach zur militärischen Kontrolle unterstellt sind, auch noch die Lazarette Kötzting und Fürth i. Wald zugeteilt.
Kötzting, 11. Febr. Als Waldaufseher für die Gemeindewaldungen Kötzting wurde durch Beschluss des Magistrates der frühere Braumeister Josef Mühlbauer in Kötzting aufgestellt.
Kötzting, 11. Februar. Den Heldentod für König und Vaterland starb am 19. Januar 1916 im Reserve-Feldlazarett Douvai infolge seiner am 13. Dezember 1915 erlittenen Verwundung durch Schrapnellschuß der Reservist Josef Riederer, Sohn der Inwohnerwitwe Barbara Riederer von Haus bei Kötzting. Ehre seinem Andenken!
Kötzting, 11. Febr. (Standesamt.) Beim Standesamt Kötzting wurden pro 1915 beurkundet: 47 Geburten, 9 Eheschließungen, 52 Sterbefälle. Unter den Eheschließungen befinden sich 4 Kriegstrauungen und unter den Sterbefällen 10 gefallene und verstorbene Krieger des jetzigen Völkerkrieges.
Kötzting, 12. Februar. In den Kötztinger Lichtspielen wird am Sonntag, den 13. d. M., ein Benno Borten Schlager in 3 Akten „Das Ende vom Lied“ gezeigt. Mit diesem Dreikakter kommt noch ein gutes Programm, abwechselnd mit Kriegsbildern, Naturaufnahmen und humoristischen Bildern zur Anschauung. Hervorzuheben ist das Artistendrama „Die hohe Schule“. Am Samstag Abend ist Vorstellung. Vorgekaufte Eintrittskarten haben nur für diese beiden Spieltage Gültigkeit.
Kötzting, 11. Febr. Der Kreisfischereiverein für Niederbayern hat noch einige Zentner schöne zweisommerige Spiegelkarpfen und mehrere Tausend einsommerige Spiegelkarpfen sowie zweisommerige Schleien als Besatzfische zu vergeben. Wer hierin Bedarf hat, möge dies dem genannten Fischereiverein (Adresse Landshut, Regierungsgebäude) mitteilen.
Steinbühl, 11. Febr. Für sein bisheriges tapferes Verhalten ist Graßl Hans, Bauerssohn von Gutendorf, mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet worden. Nun sind bereits die 2 älteren Brüder Hans und Alois Ritter des Eisernen Kreuzes. Ein dritter Bruder musste im Herbst einrücken.
Den Wünschen der Angehörigen, ihre gefallenen Söhne bei sich auf dem heimischen Friedhof begraben und betrauern zu können können, wurde von ganz oben abschlägig beschieden:
"Kötzting, 5. März. Angehörige von gefallenen oder im Felde verstorbenen Soldaten seien darauf aufmerksam gemacht, dass die Rückführung von Leichen vom Kriegsschauplatz nach der Heimat ausnahmslos ausgeschlossen bleiben muss. Der für das Vaterland Gefallene ruht am ehrenvollsten im Soldatengrabe, wo er stritt und fiel, inmitten seiner Kameraden, deren Ruhe nicht um eines Titels, gestört werden darf. Dort haben Kameradenhände an vielen Grabstätten bereits harmonisch wirkende Anlagen geschaffen, die erhalten bleiben sollen, und zu deren Schutz und Erhaltung die Kriegsleitung bereits die erforderlichen Schritte getan hat. Ein etwaiges Gesuch um Rückführung einer Leiche ist an das stellv. Generalkommando 3. Armeekorps zu richten."
Der grundsätzliche Rohstoffmangel des Deutschen Reiches machte sich an den vielen, sehr vielen Sammelaktionen und Bewirtschaftungsregeln und -verboten bemerkbar.
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| Wofür das deutsche Heer so unbedingt Walnussholz benötigte, dass es sogar für diese Baumart Fällverbote gegeben hatte, ist mir unbekannt. |
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| StadtA Kötzting 430-1 |
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| StadtA Kötzting 430-1 |
Die Rede ist von " überhandnehmenden Unbotmäßigkeiten jugendlicher ländlicher Dienstboten und Arbeiter"
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| StadtA Kötzting 430-1 Das Schriftstück zeigt seitlich die Unterschrift des in Kötzting damals - wie teilweise auch heute noch - sehr bekannten Gendarmen Feichtner. Sein Sohn war 1947 der Kötztinger Pfingstbräutigam. Über den Gendarmen Feichtner existieren einige Anekdoten, da er seine liebe Mühe hatte, z.b. das Schlittenfahren im Markt Kötzting zu unterbinden. |
Es wird Ostern und wir erhalten eine genaue Beschreibung des "heiligen Grabes" in der Pfarrkirche:
"Der Mesner-Karl wurde 75 Jahre alt. Er ist bis zuletzt jung geblieben und kannte sich wie kaum ein zweiter in seiner Heimat aus. Einmal hatte er gewettet, in 45 Minuten den Kreuzfelsen besteigen zu können. Er gewann die Wette. Mit einem Feuerzeichen bekundete er, dass er pünktlich angekommen war. Und wenn „oben ankommen“ auch den letzten Weg von der Zeit in die Ewigkeit meint, dann hat Karl Obermaier dieses Ziel inzwischen ebenfalls erreicht. Als er am 17. November 1952 in Kötzting zu Grabe getragen wurde, folgten dem Sarge 30 Feuerwehren, sämtliche Vereine, die Behördenvertreter, die Pfingstbrautpaare und Pfingstreiter und eine unübersehbare Trauergemeinde. Der Chronist vermerkt, dass es schon viele machtvolle Glaubenskundgebungen und großartige Prozessionen gegeben habe, „aber ein solches Fahnenmeer wie bei der Beerdigung des Mesner-Karl hat man in Kötzting noch nicht gesehen, ein Beweis dafür, wie sehr er in den Herzen der Bevölkerung eingeschrieben ist“. Karl Obermaier war angekommen bei seinem Herrgott und den alten Pfingstreitern, von denen man sagt, dass sie am Pfingstmontag hinabschauen auf Kötzting und den Pfingstritt … Pfingstreiter, gestandene Männer, inzwischen selbst schon „jubiläumsverdächtig“, erinnern sich gern an die Zeit mit dem Mesner Karl, der auf „seine Ministranten“ nichts kommen ließ, obwohl (oder gerade weil) sie ihm ihre Liebe und Zuneigung manchmal auf gar seltsame Weise bekundeten.
Die Reaktion war bis zum Altar zu spüren, wo Hochwürden an diesem Sonntag vergeblich auf den Rauchmantel für den sakramentalen Segen wartete. Karl Obermaier war feierlich ernst, wenn es um ernste feierliche Dinge ging. Fronleichnamsprozessionen gehörten dazu. Und ausgerechnet da sorgte er einmal für schallendes Gelächter, als er, um die rechte Zugordnung bemüht, laut und vernehmlich anordnete: „Alle tragenden Jungfrauen kommen zu mir!“ Gemeint waren die Mädchen, die die Muttergottesstatue zu tragen hatten.
Es gibt noch mehr solcher Episoden. Trotzdem würden die Kötztinger diesem Mann nicht gerecht werden, wollten sie ihn zu einem Original abstempeln. Er war mehr als das. Ganz sicherlich auch von einer kaum zu übertreffenden Originalität, aber er pflegte sie nicht, nur weil er partout anders sein wollte als die anderen, sondern er nützte die Gaben des Geistes und des Herzens, um sie einzubringen in die mitmenschlichen Beziehungen und beruflichen Dienstleistungen. Er bewies Tapferkeit im Krieg und Zivilcourage im Alltag.
Die Vereine unterstützte er durch aktive Mitarbeit. Bei der Freiwilligen Feuerwehr hatte er es bis zum Bezirksbrandinspektor gebracht, ein Amt, das ihm nach 1945 von den Amerikanern erneut übertragen wurde.
In seiner Gemeindekanzlei war er das „lebende Gesetzbuch“. Die Beamten von Magistrat und Bezirksamt schlugen gern im Kopf des Gemeindesekretärs oder in seinem peinlich exakt geordneten Archiv nach. Mit dem Alter nahmen die Ehrungen zu, Diplome und Urkunden häuften sich. Für seine Verdienste wurde er auf dem Amtsweg und von den Vereinen mehrfach ausgezeichnet. Orden und Medaillen waren sichtbare Beweise der Dankbarkeit. Prälat J. B. Mehler vermerkt in „Gedenkblätter aus Kötztings Vergangenheit“ anerkennend die Mitarbeit des Herrn Pfarrmesner Obermaier."
Altes Zeitungspapier als Strohersatzmittel:
Der private Handel mit Vieh wird verboten:
Patrona Bavariae
Einen Kranz der Ehre
Karl Bergbauer, Bauerssohn
von Weißenregen, Als junger
Soldat zogst Du in das Feld, Doch kaum
waren vier Wochen vergangen, Fern von der
Heimat, in Feindesland, Doch nicht
sind wir allein, die um Dich weinen, So schlafe
wohl, mein lieber Freund, Gewidmet von
seinem Freunde von J. H. |
Und dann wird es wieder Pfingsten:
Der Wunschkandidat des Magistrats für 1915, Franz Kirschbauer, äußerte aber im Nachgang, dass er diese Wahl nicht angenommen hätte. Drei andere Soldaten auf Heimaturlaub (Sperl-Wieser und Mühlbauer) bildeten dann die erste Kriegsgruppe in Uniform.
Josef Kirschbauer wurde dann im Folgejahr der Pfingstbräutigam:
| DIA-Repro 728 Josef Kirschbauer, der Pfingstbräutigam, mit seinen beiden Begleitern: Franz Heigl und Josef Miethaner. |
| DIA Repro 2515 Pfingstkranzl von 1916 |
Nach der Austeilung von einigen Ehrenfahnen kehrte der Zug in den festlich geschmückten Markt zurück. Trotz der Ungunst der Witterung sah man manche Gäste aus der Ferne als Zuschauer des immer wieder schönen Volksfestes. Nachmittags vereinigte ein ganz hübsches Militärkonzert Kötztings Bürger und Beamte, Gäste und Fremde zur geselligen Unterhaltung im Gasthof zur „Post“.
F. Pfingsten 1917 im Zeichen des Friedens — das war Endwunsch aller Teilnehmer und Gäste!"
Der Bischof kommt zur Firmung nach Kötzting
Auch bei der "Firmreise" des Regensburger Bischofs Antonius
von Henle spielt der Krieg eine große Rolle, die Kinder, die in dem oben
abgebildeten Gedicht den Bischof begrüßen, thematisieren den Schmerz der Mütter
und den Verlust der Väter und Brüder.
Das Kötztinger Flussschwimmbad öffnet wieder seine Pforten:
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| StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad |
Da aber kam dem Magistrat das Bezirksamt dazwischen, das fast ultimativ verlangte, dass nicht nur ein vorhergehender Beschluss kassiert werden solle und dass das Magistrat zukünftig darauf zu verzichten hatte, solche Abstimmungen in nichtöffentlicher Sitzung zu treffen.
Damit würde eine gemeinnützige Anstalt ausgeschaltet, welche im Jahre 1911 in Anerkennung eines „dringenden Bedürfnisses“ und wegen „gänzlicher Ungeeignetheit“ des Wühr’schen Bades von den beiden Kollegien auf Grund nahezu einstimmiger Beschlüsse – nur ein Gemeindebevollmächtigter verweigerte die Unterschrift – in dankenswerter Weise geschaffen worden ist und von dem einer gesunden Körperpflege huldigenden Teil der Einwohnerschaft und von Erfrischung suchenden Fremden und Sommergästen hoch geschätzt wurde.
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| StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad |
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| StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad |
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| StadtA Kötzting 522-2 das 1911 errichtete Flussschwimmbad |
Albert Kirschner wird befördert:
"Kötzting, 28. Juli. Ab 1. August wird der geprüfte Zollassistent Albert Fischer von hier, d. Z. beim Heere zum Zollkontrolleur bei k. Hauptzollamte Ludwigshafen a. Rh. in etatsmäßiger Eigenschaft ernannt."
Mehr zum traurigen Schicksal der Familie Kirschner - darunter auch die des Albert Kirschner mit seiner Frau und seinen drei Kindern - kann unter dem link nachgelesen werden.
Die Rationierungen und die Appelle gehen weiter:
Und noch eine Beförderung wird der Heimat gemeldet:
"Kötzting, 10. Nov. (Einen bedeutenden und verantwortungsvollen Posten bekleidet in den besetzten Gebieten Russlands unser Landsmann Herr Bezirksbaumeister Windisch von hier. Schon seit 14 Monaten ist derselbe, hat er sich durch seine Tüchtigkeit als einziger und erster Unteroffizier (Bayer) seiner Kompagnie zum Oberbeamtenstellvertreter durch Ueberspringung der Stelle eines Unterbeamtenstellvertreters emporgearbeitet. Er leitet zur Zeit den Bau einer längeren, wichtigen Eisenbahnstrecke und unterstehen ihm nicht weniger als 3000 Mann. "Freie Bahn für die Tüchtigen!" Unsere Waldler stehen im Wettbewerb mit den anderen deutschen Stämmen nicht zurück; das beweist das Beispiel unseres Landsmannes, der erst voriges Jahr als Gefreiter zu einer Straßenbau=Kompagnie kam."
Gegen Ende des Jahres
sind es wieder die zwei Theatervorstellungen, die den Kötztingern etwas
Abwechslung bieten können, vor Allem die Weihnachtsvorstellung der St.
Josephspflege sind eine immer wiederkehrende Veranstaltung, auf die sich die
Kötztinger Freuen können.
Im Saal des Leopold Januel findet die Veranstaltung statt.
Selbst die Abgabe von Christbäumen wurde geregelt:
Seit Herbst 2025 gibt es darüber hinaus eine besondere Neuerung: die Interaktive Karte Kötztings. Auf ihr sind alle bisherigen Beiträge zur Häuserchronik sowie zahlreiche weitere historische Themen direkt in einer Stadtkarte verortet. Jeder Marker führt mit einem einzigen Klick zu den passenden Blogbeiträgen – übersichtlich, schnell und jederzeit abrufbar.
Die Karte funktioniert auf jedem PC und auch auf Mobilgeräten. Wer möchte, kann sie sogar als kleine App auf dem Smartphone speichern und wie ein eigenes Programm starten.
Wer neugierig geworden ist und sich auch manche Beiträge über andere Kötztinger Anwesen ansehen möchte, kann die Karte hier öffnen: 🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen
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