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Freitag, 15. Mai 2020

Familiengeschichtsforschung einmal anders


Familiengeschichtsforschung einmal anders

oder die Geschichte eines jungen Mannes aus Kötzting, der sehr gerne Pfingstbräutigam geworden wäre, leider ohne Happy End.

Heinrich Pongratz als Brautbegleiter

Es gibt ja viele unterschiedliche Arten Ahnenforschung zu betreiben, die einen sind auf der Jagd nach den ältesten belegbaren Vorfahren, die anderen versuchen die Verwandtschaft so weit wie möglich aufzudröseln, andere wiederum - und zu denen gehöre eher ich, weil ich bei der Suche nach den Ahnen mittlerer weile schon zu oft an "dead ends" gestoßen bin - versuchen dann "Fleisch auf das nackte Datengerippe zu bekommen und das Leben und Handeln von Familienmitgliedern wieder ein wenig "lebendig" werden zu lassen. Hier der Versuch am Beispiel meines Onkels Heinrich Pongratz, der im Alter von gerade mal 24 Jahren an der Ostfront gefallen ist......

Nachdem mein Vater - Clemens Pongratz - bereits 1948 beim Dattler Buberl und dessen Pfingstbraut Oberberger Maria als Brautführer fungiert hatte, erschien im April 1951 eine offizielle Delegation aus Pfarrer Dietl und Bürgermeister Kroher bei meinem Großvater - ebenfalls Clemens Pongratz - und vereinbarte - in Abwesenheit meines Vaters, der auf der "Viechtacher Tour" beim Brotausfahren war, dass mein Vater der neue Pfingstbräutigam werden würde. Als mein Vater von seiner Tour zurückkam war dann bereits alles entschieden.

Nun war dies unter den damals noch gültigen Regularien, dass eben nur ein Sohn aus einer Familie den Pfingstbräutigam stellen dürfe, so nur möglich, weil sein älterer Bruder Heinrich im Herbst 1944 gefallen war.
Heinrich Pongratz, mein sehr jung gestorbener Onkel, war 1939 und 1944 Teil des Kötztinger Pfingstbrauches und von dessen Teilnahme an den Pfingstfeierlichkeiten und Umzügen habe ich einige sehr eindrucksvollen Bilder in Familienbesitz, die die so oft zitierte und sprichwörtliche "Kötztinger Pfingstfreude" für mich ganz besonders greifbar machen, siehe zum Beispiel das Bild oben am Bloganfang.



Portraitbrustbild Heinrich Pongratz 1920-1944
Mein ganzes bewusstes Leben lang war "der Heinerl" im elterlichen Wohnzimmer mit seinem Portraitbild in Uniform präsent, umrahmt von den Bildern meiner ebenfalls früh verstorbenen Großeltern. Da  ich ihn natürlich nicht mehr lebend kennen konnte, ist mein Bild von ihm abhängig von mündlichen Überlieferungen und insbesondere dem Bild- und Dokumentenmaterial, welches sich in der Familie erhalten hat und das ist nicht wenig. Als hätten meine Großeltern und Eltern geahnt, dass ich einmal in die Familiengeschichtsforschung einsteigen würde, haben sie alle miteinander so manches an Material aufgehoben und daher kann ich auch in seinem Fall auf einen reichen "Schatz" an persönlichen "Memorabilien" zurückgreifen.



Dies hier soll auch ein Beispiel sein, wie man Familiengeschichte lebendig darstellen kann und natürlich auch eine Anregung an Andere es für seinen eigenen familiären Nahbereich nachzumachen, für seine Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, aber Achtung (!):  Familienforschung macht süchtig und man wird nie fertig damit!



Clemens Pongratz hinten rechts, Eduard und
Heinrich. die beiden älteren Brüder hinten links
und Mitte sind im später im ersten Weltkrieg gefallen


Heinrich Pongratz Bäckermeister in Roding, geboren in Thenried, seine
Mutter war eine geborene Schierlitz vom Wirtshaus in Thenried.

Also, meine Familie ist zuerst einmal keine der "alten", schon immer eingesessenen, Kötztinger Familien. Clemens Pongratz (der erste), mein Großvater, ist in Roding als eines von 13 Kindern des Bäckermeisters Heinrich Pongratz (Gresslheiner bzw. Heinrichnbeck als Hausname) geboren, der selber vom Gresslhof in Thenried abstammte.

der "Gresslhof" an der Ortsausfahrt von Thenried nach Zenching




der "Heinrichnbeck" in Roding



Clemens + Anna
Pongratz 00 1920

Der alte Gressltoni (Bäckerei in Grafenwiesen) war sein Bruder.
Clemens, seine beiden älteren Brüder waren beide im ersten Weltkrieg gefallen, heiratete seine Frau Anna Meillinger, wie er auch aus Roding, und beide verschuldeten sich gewaltig bei der Übernahme eines Wirtshauses in Neukirchen Balbini inkl. eines großen Waldstückes.

das ist das einzige "Bild" das ich vom Wirtshaus in Neukirchen Balbini
habe, sicherlich gibt es schönere......
wenn schon das Wirtshaus nicht mehr existiert......
 wenigstens einige seiner Bierkrüge gibt es noch. Hier "K" für Klemens

 



In Neukirchen kamen ihre ersten Kinder zur Welt, die Zwillinge Heinrich und Anna (später in Kötzting mit dem Amtsrichter Dr. Paul Weissenberger verheiratet) und Bettl (heiratete Josef Schödlbauer - Schuhhaus Schödlbauer) Heinerl war der Liebling seines Großvaters und auch mehr und öfter in der warmen Bäckerei in Roding bei seinem Opa zu finden als in der unwirtlichen Wirtsstube in Neukirchen Balbini.

die Zwillinge Anna und
Heinerl * 1920
In den späten 80ern habe ich mit "Tante Hansl", Frau Johanna Fichtelscherer, der jüngsten Schwester meines Großvaters, die in geistiger Frische fast bis an die 100 Jahre alt geworden ist, ein Interview über ihre große Familie gemacht. Ihr Liebling war Heinerl. Von ihr weiß ich auch, dass er lieber in Roding in der Bäckerei beim Großvater und seinen Tanten war als in Neukirchen Balbini. Einer seiner Gründe dafür war: "Do konn ma ned afdrahn!. Im Wirtshaus gab´s eben noch kein elektrisches Licht. Tante Hansl berichtete auch, dass das junge Ehepaar nachts vor lauter Schulden nicht mehr schlafen konnte. "Dann is´s d´Währung kumma (1923, die Hyperinflation) do sands übernacht schuldenfrei g´wesen, nand hamms nimma schloffa kinna weils er´s a net einepaßt hot in Kopf, weil´ses gor net kapiert hamm"












von links: Bettl, Heinerl, Anna, auf dem Hocker
mein Vater Clemens, der Bubi



1925 dann verkaufte mein Opa das Neukirchener Wirtshaus und übernahm von den Eheleuten Stemmer die Bäckerei am Marktplatz in Kötzting, (Jahre später auch noch das daneben liegende Gebäude des Sattlers Rebstöck). In Kötzting konnte er teilweise auch auf den bereits von seinem Vater, von Roding bis in unseren Bereich herein, aufgebauten Wiederverkaufs-Kundenkreis zählen. Hier wurde nun auch 1927 mein Vater Clemens (der zweite) geboren. Soviel zur Einordnung der Familie Pongratz.
Die beiden Mädels wurden aufs Gymnasium und Internat nach Landshut geschickt während Heinrich als Betriebsnachfolger aufgebaut wurde. Da mein Vater, der Bubi, sich für alles interessierte, was sich rührte und im Zweifelsfall auch Federn hatte, war vorgesehen, dass mein Großvater sich um einen Bauernhof für ihn schauen würde und hatte dafür auch bereits Kapital angesammelt. So wie ich die handwerklichen Fähigkeiten meines Vaters in Erinnerung habe, wäre das ein lustiger Bauernhof geworden......





Bilder aus der Jugend Heinerl, was sich halt so erhalten hat.....

Hier eine Rotkreuzübung der Volksschule Kötzting auf der Auwiese mit dem Kötztinger
Lehrer Kroiss gleich rechts neben dem Lehrer, Schötz Heinz, der spätere Pfingstbräutigam von 1943, der Junge mit Mütze als Probant ist Heinerl, der Junge rechts mit der Binde und den kurzen Haaren ist Freundorfer Oskar, die anderen sind unbekannt, also Hinweise sind willkommen.



so wie auch noch in meiner eigenen Kindheit bildeten die Kinder aus der Metzstraße und vom Marktplatz eine eingeschworene Bande: erste Reihe vorne von links: Heinerl Pongratz - Rabl Franz (der Vater von Frau Rabl-Dachs) - Grassl Fannerl -
Gretl Grassl- Ellwanger Sophie mit Baby auf dem Arm Miethanner Sepp - Clemens Pongratz, mein Vater
hintere Reihe von links: Rabl Fanny - Pongratz Anna Pongratz und Bettl,
der große Hund gehörte auch zu unserer Familie, es war der Russl

Aus seiner Jugendzeit sind nur wenige Bilder erhalten:
1935 auf dem Osser
vor dem Haus Marktstraße 28, Bäckerei Clemens Pongratz, die Haustüre existiert noch heute, das Fenster war damals das Auslagenfenster für den Verkaufsraum, der Zugang zum Laden erfolgte über die Haustür und den Hausgang. Im Vordergrund seine jüngere Schwester Bettl und Heinerl mit dem Hund aus dem Jahre 1936


Heinerl jedenfalls absolvierte in der heimischen Bäckerei seine Bäckerlehre und arbeitete danach noch als Bäckergeselle .


























Schon mit 17 1/2 Jahren machte Heinrich 1938 seinen Führerschein und schaut auf seinem Bild eher als skeptischer junger Mann in die Kamera

























In seinem Arbeitsbuch ist sein beruflicher Werdegang festgehalten.
Bäckerlehrling vom 1.2.37- 17.4.39. Danach hatte er nur wenige Gelegenheiten in seinem erlernten Beruf zu arbeiten, denn der RAD, der Reichsarbeitsdienst, wartete schon auf ihn.
Vorher aber, Frühling 1939, wurde es wieder einmal Pfingsten in Kötzting und der Pfingstbräutigam Leopold Januel wählte ihn zu einem seiner zwei Brautführer.
Hier das "klassische" Gruppenbild von Pfingsten 1939 von links: Grassl Rudi, Dreger Marerl, Poidl Januel und Heinrich Pongratz, damals gerade 18 Jahre alt.



gerade dieses und das Bild am Bloganfang, zeigt für mich, auch wegen seiner Unschärfe durch die Bewegung, die sprichwörtliche" Pfingstfreude der Beteiligten und hier vor allem des jungen Heinrich als Brautbegleiter.

 Nun noch ein paar Bilder vom Ritt und von den Umzügen 1939
Pfingstritt 1939 das Trio beim Einritt


Pfingstritt 1939: der Kooperator und der "Mesner Karl", Karl Obermeier in seiner typischen Pose
Pfingstritt 1939: dort war damals Kötzting noch zu Ende - heutzutage brummt da der Verkehr ...... am Pfingstreiterkreisverkehr. Man sieht an dem Bild, dass es in Kötzting tagelang geregnet hatte

In der Staatsbibliothek in München fehlt der Jahresband der Kötztinger Zeitung von 1939, aber Hilfe kam heute aus Rimbach.... Alfred Silberbauer hat schon vor Jahren in Straubing im Stammhaus der Zeitung den Band von 39 ausgewertet und so habe ich nachträglich ein paar Informationen erhalten, die genau zu den Bildern passen:
Die Bedingungen waren bereits Tage vorher sehr sehr unwirtlich und für die Geschäftsleute und Wirtshäuser war das Wetter eine Katastrophe, viele Besucher reisten offensichtlich bereits am Sonntag wieder ab. Hier gleich auch noch die Beschreibung des Dienstages:


Kötztinger Zeitung Pfingsten 1939



Kötztinger Zeitung 30.5.1939


   In der Zeitung ist ein Standkonzert am Rathausplatz erwähnt auch von dieser Veranstaltung habe ich ein privates Bild. Am Rande sieht man, dass das Rathaus eingerüstet ist. Im Jahre 1939 bekam unser (nun altes) Rathaus eine Rundumerneuerung, bei der eine außen liegende Treppe ins Innere verlegt wurde. Das im Artikel erwähnte Museum kam nie über die Planungsphase hinaus. Der Ostmarkonkel war eine treibende Kraft hinter diesen Plänen.
Standkonzert vor dem Rathaus, welches renoviert wurde
bayerische Ostmark 1939

Der NSDAP Gau Bayreuth hatte eine eigene Zeitung für den Bereich Cham - Furth - Waldmünchen - Kötzting - und neuerdings Neuern, die "Bayerische Ostmark". In dieser Zeitung gibt es einige Artikel über Kötzting, aber naturgemäß wegen der Gegnerschaft der Partei kirchlichen Veranstaltungen gegenüber nur sehr wenige Zeilen über den Pfingstritt.
























Pfingsten 1939 Burschenzug in der Metzstraße das Geschäft der Rabl Fanny und Bäckerei Graßl im Hintergrund. Bild Privatalbum Heinrich Pongratz





An Pfingsten kam es auch zu einer Fußballbegegnung: die Fußballfreunde Kötztings empfingen den Jahn Regensburg, hier das Plakat ausgestellt im Schaufenster der Bäckerei Graßl.

Pfingsten 1939 Brautzug in der Bahnhofstraße
Bild Privatalbum Heinrich Pongratz



















Das Fussballspiel Jahn Regensburg gegen 1. FC Kötzting fand in dem NSDAP Organ einen viel größeren Platz als der Pfingsritt. Aber auch hier freut es mich zunächst, dass ich Teile der Bildinformationen durch Zeitungsberichte ergänzen kann.
Bayerische Ostmark

bayerische Ostmark




Betrachtet man die Berichterstattung der beiden "Ereignisse" Fußballspiel auf der einen und unser komplettes Pfingstprogramm auf der anderen Seite, so fällt schon auf wo die NSDAP Redaktion ihre Prioritäten setzte, denn der angekündigte Großbericht bestand am Tag darauf auch nur aus einer Bildunterschrift.




bayerische Ostmark Pfingsten 1939


Dieses Bild mit Unterschrift war dann der "ausführliche" Bericht in der Bayerischen Ostmark 1939....



Aber nun zuerst weiter mit dem Bilderbericht:

Brautzug 1939 in der Marktstraße - auch hier gibt es im Hintergrund ein besonderes Detail


Hier das Kaufhaus der jüdischen Familie Hahn

Herrn Hahn wurde ähnlich wie Herr Julius Kirschner, drei Häuser weiter die Straße hinunter, im Vorlauf der von den Nazis als Reichskristallnacht verharmlosten Progromnacht ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Anfang November wurden die beiden Männer dann "antransportiert", um im Ratshaus den Zwangsverkauf ihrer Häuser an Mitglieder der NSDAP und zu Bedingungen der Partei zu unterschreiben. Teilen der Familie Hahn gelang die Emigration in die USA. Zu diesen beschämenden Vorgängen gibt es Einiges an Dokumenten und Protokollen in mehreren Spruchkammerverfahren Kötztinger Mitglieder der NSDAP. Zu den bemerkenswertesten Dokumenten dabei gehört für mich ein handschriftlicher und sehr herzlicher Brief der Familie Hahn aus den USA an eine Kötztinger Familie, in dem der schwierige Weg der "Hahns" in die USA geschildert wird, aber auch ganz spezielle und liebe Grüße an frühere Nachbarn ausgerichtet werden. Hier im Hintergrund ist der Umbau des Kaufhauses Hahn zu sehen, ca. ein halbes Jahr nach den Enteignung.

Pfingsten 1939 das Trio vor der historischen Häuserfront des Gasthauses Januel in der Schattenau


 Einschub Pfingstritt 1939



Der Kötztinger Pfingstritt stand im III. Reich wegen seiner religiösen Ausrichtung und Tradition unter Beobachtung von Seiten der NSDAP. Nachdem die Partei die Mitwirkung der Kirche nicht verhindern konnte, versuchte sie durch Einflussnahme auf den Magistrat ein Miteinander von Kirche und Staat so weit wie möglich zu verhindern, auch in anderen Orten übrigens, die solche religiösen Umritte traditionell feierten. Hier Auszüge aus den Schriftwechseln zwischen dem Kötztinger Magistrat, dem Bad Tölzer Bürgermeister und der Kreisleitung der NSDAP
Ende April berichtete der Kötztinger Bürgermeister noch nach Bad Tölz, es bliebe alles beim Alten
am 19.5.1939 jedoch erhielt der Ortsgruppenleiter der NSDAP Kötzting Rederecht bei "Beratungen mit den Gemeinderäten" und verlangte, dass sich die Gemeinde nicht mehr offiziell am Pfingstritt beteiligen dürfe. Bgm Kroher stellte daraufhin fest - auch im Marktgemeinderat herrschte seit Jahren das Führerprinzip - dass er in diesem Sinne eine Entschließung fassen werde.,


Nun kaum 4 Wochen nach seinem ersten positiven Brief an den Bgm von Bad Tölz musste Bgm Kroher zurückrudern, die Partei hatte anders entschieden, interessant, dass der Schreibfehler "Kackenkreuzfahne" nicht korrigiert worden war, wenn das der Führer gesehen hätte .......
 Selbst das war aber der Partei noch zu wenig an Distanz zur Kirche, im Nachgang des Pfingstfestes kam es noch zu einem Schriftwechsel im Herbst 1939


Rapport des Kötztinger Bürgermeisters nach einer Beschwerde der Kreisleitung in Cham, ein Eiertanz darum wer was und wie wann gesagt hat.
Doch nun, nach dem Ausflug über die Probleme der Marktverwaltung mit der Organisation des Pfingstrittes 1939, zurück zu Heinrich Pongratz, der nach Pfingsten, bis zum August 1939, in Abständen dann noch weiter bis zum 28.2.1940, im elterlichen Betrieb als Bäckergeselle arbeiten konnte.
Am 1.3.1940 musste er zum RAD, die meiste Zeit dem Anschein nach in Windischbergerdorf, wo er im August 1940 als Vormann entlassen wurde.
Schon zwei Tage später bekam er einen Brief von seiner Zwillingsschwester Anna, die einen kleinen Einblick in seine letzten Tage in "Freiheit" in Kötzting gibt und auch über den Zusammenhalt im Freundeskreis:

Kötzting den 3.3.40  Lieber Heinerl
Heute am ersten Sonntag will ich dir gleich schreiben, damit du in der ersten Woche in der du im Lager bist gleich Post bekommst. Nun, wie gefällt es dir? Habt ihr euch schon ein wenig eingewöhnt? Gestern ist das neue T.T.T. (scheint eine Heft für Klavier bzw. Akkordeonnoten gewesen zu sein) gekommen. Es steht der Walzer "Kornblumenblau" drinnen; es ist ganz einfach gesetzt.Gestern abend war Wirts Karl noch da. Wir kommen schon bald dich besuchen. Rohrer muss am Dienstag auch einrücken. Er kommt nach Mittenwald zu den Gebirgsjägern. Am Montag Abend ist bei Dreger noch Abschiedsfeier von ihm und Pagani Willi. Walz Siegl ist auch da in Urlaub. Hast du es schon gewußt? Vielleicht dürfen Bettl und ich auch hinunter gehen. Ob es dann auch so schön wird wie beim Graßl? (Beim Grassl war wohl Heinerls Abschiedsfeier) da war es doch herrlich. Alle sagen es, die dabei waren. Heute Nachmittag sind Bettl und ich wieder spazieren gegangen. Grad vorhin sind wir gekommen; ich hab noch kalte Hände, darum kann ich nicht schön schreiben. Die beiden Brunner Mädchen (siehe später!) der Bergbauer Hans und Pagani Willi sind heute nachmittag nach Grafenwiesen ins Bayerwald Cafe gegangen. Heinerl, brauchst du nicht eine wollene Decke? Mutter will dir in den nächsten Tagen eine schicken. Deine Hosenträger hast du auch vergessen und ein Taschentuch hast auch liegen lassen. Jetzt wird es bald aus sein mit dem Schnee, heute ist es wieder bedeutend wärmer als gestern. Ist es da nicht recht kalt in euren Holzbaracken? Wann habt ihr euren ersten Ausgang? Schreibe es doch bitte! Wir wollen nämlich alle, die beim Graßl waren und die bis dahin noch da sind am nächsten Sonntag kommen. Bettl hat es mir gesagt, Zwirler hat den Vorschlag gemacht das wäre fein Gell!
Nun recht viele herzliche Grüße und alles Gute im RAD Deine Annerl
Gewöhne dich nur recht gut ein und laß es dir gut gehn! Auf Wiedersehen
Zusatz von Bettl: 
Viele Grüße vom Dimpfl Karl, er hat mir gestern geschrieben


Das RAD Lager 293 wurde nach dem Kriege als Lager für die DPs also für die "displaced persons" genutzt, zumeist überlebende jüdische Mitbürger, die zumeist in Gruppen nach Palästina, später dem Staate Israel auswanderten. Aus dieser Zeit stammt auch ein Bild, das, obwohl erst nach dem Kriege angefertigt, sicherlich die Situation auch aus den 40er Jahren zeigt. Natürlich diente der RAD der vormilitärischen Ausbildung, auch wenn manche der Tätigkeiten, zB. Brücken- und Straßenbau auch der Allgemeinheit zugute kamen.

RAD- Lager Windischbergerdorf
März 1940 in RAD Arbeitsanzug mit
Schifferklavier








Brücken- bzw. Pionierbauten

Zum Abschluss noch ein paar Bilder, die eher den "Arbeitscharakter" des RADs zeigen.
 Diese Bilder der RAD Ausbildung stammen alle aus dem zeitigen Frühjahr 1940, seit dem 1.September des Vorjahres befand sich Deutschland nach seinem Angriff auf Polen im Kriegszustand, auch mit seinen westlichen Nachbarn, obwohl es an den anderen Fronten bis zum Frühjahr noch ruhig war.

Biwack der RAD Abteilung K-4/293


Reichsarbeitsdienstmänner mit Spaten in Marschordnung: könnte das die Straße von Lederdorn nach Chamerau sein, bei der Rossbachmühle?

bei den letzten beiden Bildern erkennt man besonders den vormilitärischen Zweck des RADs: marschieren mit Gasmaske


Seit dem August 1939 war er gemustert worden und sein militärischer und paramilitärischer Weg kann durch seinen Wehrpass sehr gut nachvollzogen werden.

Die meiste Zeit des Jahres 1940 verbrachte er beim RAD und es steht zu vermuten, dass ihm durch den Einsatzort Windischbergerdorf auch einiges an Zeit blieb, um sich um seine Lieben zuhause zu kümmern.
So schrieb er auch regelmäßig aus Windischbergerdorf an die Familie:
Mein Akkordeon muß ich mitnehmen. Die Führer wollen es u. der Abteilungsführer sieht es auch gerne. Das Akkordeon kommt in die Mob.kisten und zwar zu den Büchern. Heute habe ich auch wieder Bilder, hebt sie mir bitte recht gut.


Auch an die Nachbarn wird gedacht: Grüße an die Familie Sperl Schorsch






Seid mir vielmals gegrüßt
von eurem dankbaren
Sohn Heinrich


Unter den Unterlagen, die von Heinerl noch erhalten sind ist auch ein kleiner Brief von seiner Mutter, geschrieben auf der Rückseite eines abgelaufenen Rechnungsvordrucksformulars, wohl einem Päckchen beigelegt. Der im Brief genannte "SCHÖTZ" müsste Schötz Heinz gewesen sein, der Großvater des Pfingstbräutigams von 2018.



















Mein lieber Sohn
Anbei wieder ein Paket. ich schicke dir jede Woche, damit du es Sonntag hast. Gib dem Schötz auch hin und da ein Stückerl wenn er dich grad sieht. Gib ihm Salzweckl und Semmel. Deinen Brief haben wir erhalten. Zu Ostern haben alle unsere Burschen geschrieben - damit sind die angestellten Bäcker(burschen) gemeint, das Zimmer in dem unsere Bäcker wohnten wurde allgemein nur Burschenzimmer genannt, möglicherweise geht es um die Bäcker, die bereits eingezogen worden waren- Gerl auch, Brief lege ich bei. Alle haben gestern Packerl bekommen auch Bojen(?) Lasse nur den Mut nicht sinken es wird mit Gottes Hilfe alles wieder gut werden, vergiß nur das Beten nicht ganz. Herzliche Grüße von uns allen deine dich liebende Mutter
P.S. die alte Frau Häfner ist gestorben

 

Heinerl, Freunde und Freundinnen

In einigen Gesprächen, die ich mit älteren Kötztingern in Lauf der letzten Jahren geführt habe kam auch immer wieder mal das Gespräch auf Heinerl und alle - vor allem Grassl Franz, das damalige Nachbarskind und etwas jünger als Heinerl - schilderten ihn als äußerst zuvorkommend und liebenswert. Haymo Richter meinte, dass er ein bestimmender Teil der in der damaligen Zeit in Kötzting führenden "Clique" junger Burschen war. Auf jeden Fall befindet sich auf sehr vielen der Photos, die in der Familie aufbewahrt wurden, Heinerl mit hübschen  jungen Kötztinger Frauen, beim Wandern, beim Baden oder beim "Posen". Die Bilder, viele mit Widmung, zeigen auch die Unbeschwertheit in Kötzting trotz des bereits beginnenden und andauernden Krieges. 
Hier ein paar Beispiele für eine besondere Beziehung, weil diese Frauen immer wieder auftauchen, während anderen nur einmal vorkommen. Diese jungen Frauen gehörten offensichtlich zum Freundeskreis der damaligen jungen Kötztinger Burschen rund um Heinrich Pongratz, wie es sich aus einigen der erhaltenen Briefe ergibt, wie zum Beispiel die Brüder Willi und Sepp Pagany und Franz Oexler.
Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Stapel von Feldpostbriefen, die ich vor Jahren bereits einmal in Händen hatte, aber auch die aus anderer Quelle erhaltenen Briefe aus den Jahren 1939 bis 1941 zeigen ein interessantes Stimmungsbild dieser beginnenden Kriegszeit. Aus den zumeist nur von der Empfängerseite (Heinrich) erhaltenen Briefen und deren einleitenden Worten ergibt sich auch,  dass es damals durchaus üblich war, mehrmals in der Woche Briefe und Karten zu schreiben und wieder zu beantworten, um sich der gegenseitigen Wertschätzung zu versichern. Gleichzeitig kann man zwischen den Zeilen auch die Sorgen der jungen Menschen in Kötzting herauslesen, wenn die Kriegsereignisse wieder eine neue Volte schlagen.
Hier nun einige Beispiele, zeitlich sortiert zumeist aus dem Frühjahr 1941

Feldpostkarte vom Arbeitsmann Pagany Sepp an Heinerl: 28.1.40 : ....Als ich eben mit Harmonikabegleitung (Am Abend auf der Heide) zum Fenster hinaus schaute dachte ich ans Schifahren und auch an Dich. Ihr seit morgen wieder beim Schifahren und ich kann nur in Gedanken bei euch sein. Nun sei mit deinen Freunden und -innen recht herzlich gegrüßt. Schi Heil Pagany Sepp

Oexler Franz an Heinerl 4.4.40: ....Du Fliegenfänger, warum bist du denn am Sonntag nicht ausgegangen? Hast wieder Zeitlang gehabt nach deiner süßen Erna. Am Montag hast du Wache gehabt. da hast du wohl der Erna gleich wieder geschrieben. Am Sonntag ist sie mit Luise, Reserl und Fannerl spazieren gegangen, lauter Strohwitwen.......Jetzt dürfte ich Abends nicht mehr fortgehen, da ich doch noch nicht 18 Jahre alt bin, aber wer sieht denn das mir an.....


Erna an Heinerl 24.2.41: .....ich war mit Traudl kurz im Klingseisen, Ich musste Luise ein paar Tortenstückerl holen, da blieben wir beide dann auf eine Tasse Tee droben. Hernach machten wir einen Spaziergang in den Waldfrieden. Da war nicht recht viel los. Weißt die Schifahrer gehen schon recht ab. Hast du die Führerrede auch anhören können? Nun, es wird in allernächster Zeit halt losgehen. Ach, was wird jetzt kommen. Einmal muss es nun ja anfangen.....

Erna an Heinerl  25.2.41: .....Dreger Marerl (die Pfingstbraut von 1939, bei der Heinerl Brautführer gewesen war) war heute wieder da. Ich sollte mit ihr ausgehen. Sie weiß sonst niemanden. Du kannst dir doch denken, daß ich nicht fort darf. Ich möchte auch gar nicht. Das ist heute ein ziemlich stiller ruhiger Fastnachtsdienstag. Überall fehlt die Stimmung. Wer kann denn auch richtig lustig sein, wenn man das Kommende bedenkt. Verschiedene Soldaten sind eher zurückgerufen worden. In allernächster Zeit wird sich verschiedenes ändern. Wir wünschen euch Soldaten alles Glück. Euere Ausbildung wird nicht ganz vollendet sein? Dann werdet ihr doch nicht gleich am Anfang eingesetzt......

Erna an Heinerl 6.4.41: ....Nun Heinerl was sagst du denn zu Jugoslawien und Griechenland? Jetzt haben wir halt schon wieder einen neuen Kriegsschauplatz. Wieviele junge Soldaten müssen jetzt da wieder dran glauben?. Ich glaube bestimmt dass Willy (Pagany) auch dabei ist. Hoffentlich geht es ihm gut! Ich wünsche ihm alles Glück.Ja Heinerl du kannst dir vorstellen, wie das auf die Leute wirkt. Unsere heutige Stimmung paßt ganz zum Wetter....Wir sitzen den ganzen Tag vor dem Radio. Es kamen im Laufe des Nachmittags schon einige Berichte, einer auch von der Bombardierung Belgrads. ....Jedes Jahr beginnen scheinbar die Offensiven immer vor Festtagen. Voriges Jahr war es an Pfingsten so, heuer nun auf Ostern. Wenn es nur dann bis Pfingsten ganz Schluß wäre. Ach Heinerl das wäre eine Freude, was? Heute Vormittag bekamen wir nun das Schlußzeugnis. Meines ist prima ausgefallen.

Dreger Marerl an Heinerl 22.4.41:.....was sagst du nun dazu, daß sie mich einberufen haben.  Ist doch allerhand wo es noch soviele müßige Mädchen gibt. Kannst nichts machen, Pflicht ist Plicht. Daheim sind sie ganz trostlos, soviel Arbeit und ich muß mich in den Fliegerhorst heraussetzen und faulenzen. Jeden Tag haben wir nur 6 Stunden Dienst, entweder vormittag oder nachmittag und wenn wir Nachtdienst haben, dann haben wir gleich 1 1/2 Tage frei. Wenn ich nicht an Zuhause denken bräuchte, wo Mamma immer kränklich ist, dann wär es ja ganz angenehm, dazu bekommen wir auch noch die Schwerarbeiter Zulagekarten. Da mußt du doch schon lachen. Uniformen bekommen wir in nächster Zeit. Lb Heinerl! Vielleicht treffen wir uns einmal in Belgrad oder Athen! Vielleicht gefall ich dir dann auch, wenn ich ein Blitzmädel bin, du schwärmst doch dafür soviel ich deinem Brief entnommen habe.

Pagany Willy Feldpostbrief an Heinerl 6.5.41 .....was ich damals noch ahnte ging in Wirklichkeit über. Einen Tag bevor meine Kompanie eingesetzt wurde (6.4.) kehrte ich von der Krankensammelstelle wieder zurück. Bin also gerade im richtigen Augenblick noch gekommen. Wenn ich mich nicht ganz täusche habe ich dir unseren Einsatz schon geschildert. Nun sitzen wir hier in Griechenland und warten weiteren Befehl ab........wünsche dir und deinen Kameraden ebenfalls recht großes Glück bei eurerem ersten Einsatz.

Erna an Heinerl 7.5.41: ....die Handelsschule beginnt jetzt wieder, da ist dann Aufnahme. Jetzt gehe ich halt doch wieder in die Schule. Vor ein paar Tagen hat Bettl (Heinerls jüngere Schwester) uns geschrieben. Ich glaube sie schreibt halb Kötzting. Der Claudi und der Grassl Richard sind schon wieder in Urlaub hier. Auch sind schon welche aus Griechenland auf Urlaub. Vielleicht kommt Willi (Pagany) auch bald? Meinst nicht Heinerl, daß du an Pfingsten Urlaub bekommst? An der Zeit wäre es wirklich schon lange.....Heuer hört man von Pfingsten überhaupt nichts. Ob wohl ein Ritt sein wird? Es wäre schon schade wenn er ausfallen müßte. An die Hochzeit ist gar nicht zu denken. Ja hoffentlich ist bis im nächsten Jahr der Krieg bis dahin zu Ende und wir können wieder ein frohes gesundes Pfingstfest feiern.

Erna an Heinerl 13.5.41 Was sagst du denn zu den Meldungen von Hess? (dessen Flucht mit einem auf Langstrecke umgebauten Flugzeug nach Nordschottland)  Um 2 Uhr kam im Radio die Meldung, daß er in Schottland gelandet ist. Was hat er denn da vor? Das kann wirklich nicht mehr normal sein....Hin und wieder kommen Soldaten oder einige Fremde nach Kötzting, sonst ist alles ruhig. Gott sei Dank finden die feindlichen Fliegen nicht bis zu uns her. In Cham, Regensburg und anderen Städten sollen sie vorige Woche gewesen sein. Habt ihr davor Ruhe? Ist das Geheimnis?


Erna an Heinerl 27.5.41: ....Dreger Marerl ist nun seit Samstag wieder da, seit Montag im Dienst in Cham. Heute kommt sie wieder, ich glaube bis morgen nachmittag, die haben ein ganz pfundiges Leben. Deinen Brief hat sie schon erhalten......hier läuft z.Z. wieder ein Hansi Knoteck Film, Im Schatten des Berges! 
Er ist aber nicht jugendfrei. Schade nicht einmal an Pfingsten kann ich ins Kino gehen. Traudl schreibt in Regensburg fragt kein Mensch nach dem Alter, sie geht jede Woche. In der Stadt geht das ja eher. Hier kennt mich ja jeder Mensch. Weißt ja, wie man dann da im Kino blamiert wird. So weit lasse ich es lieber gar nicht kommen..... Herr Hoiß ( der langjährige Kötztinger Bürgermeister der NSDAP, der Ende der dreissiger Jahre wohl wegens eines Lebenswandels den Posten aufgeben mußte und als Finanzbeamter nach München wechselte) ist augenblicklich mit seiner neuen jungen Frau hier. Das ist doch allerhand, da seine erste Frau doch auch hier ist. Alles spricht darüber. .....

Zeitgleich gibt es noch einen längeren Briefwechsel aus demselben Zeitraum mit einer jungen Frau aus Schwandorf, Marianne Groher, vermutlich eine Schulfreundin seiner Schwestern und ebenso offensichtlich häufig Gast im Hause Pongratz, vor allem seit Pfingsten 1939 und mit den Kötztinger Namen auch durchaus vertraut.
Marianne an Heinerl 31.5.41: ...Dass Oexler Franz heuer Brautführer ist, bin ich nicht wenig überascht.... .... Wäre ich nicht im RAD, hätte ich bestimmt meiner Feiertage bei Annerl verbracht. (Heinerls Zwillingsschwester) Ach wär das schöngeworden und erst wenn du auf Urlaub da gewesen wärest. (Da hätte Erna wohl etwas protestiert!) Doch stille mein Herz. Das Träumen hat keinen Wertt. Wer ist die Pfingstbraut?



Marianne an Heinerl vom 4.6.41: .... aus dem Zeitraum von April bis Juni 41 hat sich ein ganzer Stapel von Briefen an Heinerl erhalten, in denen vor Allem die Zustände und Schikanen für die beim RAD arbeitenden Mädchen auf dem Land in Wörth an der Isar geschildert werden: ...am Pfingstsonntag mußten wir schon um 1/2 9 im Bett liegen, da wir die süsse Brotsuppe nicht assen. Am Montag Nachmittag war ich am Isarstrand in der Sonne gelegen und bin rot wie eine Tomate. Wäre mit dir lieber in Hamberg gebummelt oder in Kötzting gewesen. Doch lieber nicht schimpfen, es hat ja so keinen Wert. Heute Nachmittag haben wir frei und dafür ist abends Hemd und Waschschüsselappell. Letztere brauche ich nicht zu putzen da ich mich von fließendem Wasser wasche oder dusche. Den Spind habe ich gerichtet und ist zum Rausschmeissen fertig. Übermorgen ist Kleiderapell - mir gruselt, wenn ich daran denke. heute hab ich schon geflickt bis auf die gefährlichen Strümpfe. Da muss ich noch mehr Mut haben. Jetzt gehts los mit der Appellerei - vom Zehennagel bis zum Zahnbürstel-Appell. Da heißts die Nerven behalten. Mich kann das nicht erschüttern. Aber wehe wenn ich auffalle, ui jegerl, lieber nicht daran denken..... bei meiner Bäurin geht es zünftig her. Wenn ich ihr beim Kochen zusehe, vergeht mir der Appetit. Eigentlich ist eh wurscht von was mir schlecht wird, vom Essen bei der Bäurin oder vom Dienst im Lager.

v links Grassl Resi - Brunner Luise (Frau Pagany) - Grassl Fannerl - Brunner Erna


die Mädels mögen es mir verzeihen, aber das Motiv - viermal dieselben Badeanzüge - war zu verführerisch.
das ist die Familie Brunner zu Weihnachten 1940 - Brunner Erna hinten links war wohl Heinerls damalige Favoritin.....und damit vermutlich MEINE "Tante Erna" geworden.
Heinerl und Erna in der Kötztinger
Badeanstalt auf den Stufen des
Kinderplanschbeckens


Freundeskreis mit den Frauen auch beim Skifahren,
Heinerl zweiter von links















So häufig wie Erna auf den Bildern auftaucht bzw. mitauftaucht
ist gut möglich, dass sie unter anderen Umständen einmal meine Tante geworden wäre.




Wieder mal Kötztinger junge Frauen im Kötztinger Freibad wieder mal
tragen alle den gleichen Badeanzug, das war wohl damals modern das Gleiche anzuziehen?















































































Die unbeschwerte Jugend und "Flirt"zeit im Sommer 1940 endete und unerbittlich kam der Krieg näher.......





Es geht zum Militär und in den Krieg


Nun gibt es für mich nur noch die Eintragungen im Wehrpass und ein paar persönliche Notizen aus Interviews, um die letzten Stationen in seinem Leben nachzeichnen zu können.
am 6.1.1941 gings ab nach Bamberg zur Panzer Ersatzabteilung 35
Feldpostbrief am 1.4.1941 von seinem Freund Pagani WIlli



Text auf der Rückseite: 5 mal quer durch Schachty am Bacar
Franz-Lothar-Ernst-Franzl und Heiner Schachty 1942-1943

Von Anfang 1941 bis April 1942 war er in der "Grundausbildung" in Bamberg.
Interview mit "Tante Hansl" aus Roding über ihren Lieblingsneffen: Und wia na der Kriag war und da Ketztinger Heinerl eirucka hot meijssn, hot ma d`Meillinger, sei Großmuatta, hot mar an Rousnkranz mitgem, weil I gsagt hon zu ihr, I fohr vo Roding bis af Schwandorf, fohr I mim Heinerl, damit I no a holbe Stund bei eam sei konn und im Zug drin hob I gsagt, do des Eipapirlte is vo da Goßmuatta, do im Zug wollte eam net den Rosenkranz auspacka und dann is er nach Bamberg.





Nach der Grundausbildung gings dann ab an die Front, zuerst im rückwärtigen Armeegebiet in Russland, von April bis August 1942 beim 2 Feld-Ersatz Bataillon 14/4.
Bis hierher war noch alles relativ friedlich, aber damit war´s nun vorbei.
Im Wehrpass heißt es unter der Rubrik "im Kriege mitgemachte Gefechte, Schlachten und Unternehmungen": 30.8.1942 bis 18.11.1942 Angriffsschlacht auf Stalingrad und zwar beim 2. Panzerregiment 36.

Im Lexicon der Wehrmacht heißt es auszugsweise über das Panzerregiment 36
Heinerl kam Ende August 1942 zum Regiment:

.......... Am 2. Juni 1942 wurde eine neue III. Abteilung aus der III. Abteilung des Panzer-Regiment 7 gebildet. Die III. Abteilung gliederte sich in 2 leichte und eine mittlere Panzerkompanie. Am 16. Oktober 1942 wurde die III. Abteilung wieder aufgelöst. Die beiden leichten Kompanien dieser III. Abteilung wurden zur Aufstockung der I. und II. Abteilung vom Regiment auf je 4 Kompanien verwendet. 
Der Rest der III. Abteilung wurde zur Aufstellung des Verband 700 verwendet. Das Regiment nahm an der Schlacht um Charkow teil. Das Regiment wurde mit der Division im Januar 1943 in Stalingrad vernichtet.

Neu aufgestellt wurde das Panzer-Regiment 36 am 17. Februar 1943 mit zwei Abteilungen in Frankreich. Am 25. April 1943 kam eine III. Abteilung hinzu. Im Juli 1943 wurde die I. Abteilung auf den Panther (Siehe sein Pantherlehrgang in Erlangen) umgerüstet, die III. Abteilung erhielt Sturmgeschütze. Im Oktober 1943 kam das Regiment wieder nach Rußland und kämpfte bei Tscherkassy. Es folgte die Schlacht bei Tscherkassy und Kirowograd. Im August 1944 verlegte das Regiment zur Heeresgruppe Nord und kämpfte ab Oktober 1944 in Kurland. Im Mai 1945 stand das Regiment bei Libau.







Seine Ausbildung beim Militär führte zum Richtschützen auf dem Panzer III, dann Ladeschütze auf dem Panzerkampfwagen III. Vom 29.9.-12.10.1943 nahm er bei einem Unteroffizierslehrgang beim Panzerregiment teil.  Im Jahr zuvor machte er noch den Führerschein Klasse II.
1944 dann im März nahm er an einem Lehrgang in Erlangen als Richtschütze auf dem neuen Panzertyp  Panther teil. Darüber hinaus wurde er auch als Richtschütze auf den Panzertypen IV und V ausgebildet.



 Nach dem Einsatz seines Panzerregiments im Osten ging´s im Jahre 1943 zuerst weit nach Westen, an die Atlantikküste, wo sein Regiment für den Küstenschutz eingeteilt worden war. Anfang 1944 dann steht in seinem Wehrpass: Besetzungstruppe in Frankreich

 Aus dieser Zeit muss das Bild stammen, auf der Rückseite steht, dass es in den Ardennen aufgenommen worden ist.

























In einem Brief Anfang Juni 1943 aus dem fernen Frankreich sind seine Gedanken natürlich bei seiner Familie und, ganz natürlich bei einem Kötztinger, er wünscht am Ende "Euch allen ein recht frohes Pfingstfest"


















10.06.1943

Meine Lieben

Soeben habe ich den Brief von Annerl erhalten. Recht vielen Dank. Wie geht es Euch daheim? Die Hochzeit von Bettl habt ihr ja auch glücklich hinter Euch. Gab es recht viel Arbeit? Feigl Alois aus Arnschwang fährt nun morgen wieder auf Urlaub. Ich gebe Ihm den Brief mit. Denn sein Vater ist gestorben. Wir von der Kampfstaffel dürfen vorerst nicht fahren. Kommen aber auch noch mal dran. Er telefoniert Euch auch an! Diese Woche kommt bei uns vielleicht eine Versetzung raus. Vielleicht bin ich mit dabei. Habe es so „Verschissen“ hier! Da steht dann wenigstens Deutschland in Aussicht. Vielleicht Bamberg, Grafenwöhr!!. Mir wäre das nur recht

Obergefreiter bin ich auch, das stimmt, seit dem Urlaub schon.

Nun recht herzliche Grüsse Euer Heiner

Wünsche Euch allen ein recht frohes Pfingstfest Heiner

Aus Geigant bei Cham fährt morgen auch einer heim.


Seine militärische Laufbahn kann man natürlich auch im Wehrpass ableiten:
 









 Es kommt das Jahr 1944, an Pfingsten bekommt er noch einmal Heimaturlaub und erneut wird er als Brautführer ausgewählt, diesmal heißt der Pfingstbräutigam Huber Xaver, die Braut ist eine Nachbarin, Gruber Rosa und der zweite Brautführer ist Gress Schorsch, derselbe der dann 7 Jahre später, 1951, bei meinem Vater ebenfalls noch einmal Brautführer sein wird.





Pfingstbrautpaar von links: Pongratz Heinrich - Gruber Rosa - Huber Xaver - Gress Schorsch
das Pfingsttrio vermutlich am Bleichanger
vor der Kranzlübergabe


 Welch ein Unterschied in den Bildern zwischen 1939 und 1944, vorbei die jugendliche Pfingstfreude, der Krieg hat ihn verändert, dabei steht ihm das Schlimmste noch bevor. Vom Pfingstritt selber haben wir nur ein kleines Bild: vermutlich die Aufnahme der Gruppe auf dem Bleichanger vor der Kranzlübergabe an den Pfingstbräutigam.
Natürlich nutzte die Familie seinen Besuch um wieder einmal ein Familienbild zu bekommen:

auch das ist eins der Bilder, die mich im Elternhaus mein ganzes Leben lang begleiteten, Familie Pongratz im Garten in der Schattenau. 
von links: mein Vater, Annerl, Großmutter, Großvater, Bettl und Heinerl



Auch vom Pfingstritt 1944 habe ich nachträglich noch einen Zeitungsbericht gefunden. Hier aus der Kötztinger Zeitung: Natürlich fand nur der Ritt statt, alle anderen Festlichkeiten waren untersagt.
Kötztinger Zeitung Pfingsten 1944

Der Krieg war aber noch nicht zu Ende und so ging´s zuerst einmal wieder an die Front im Westen und dann für ein paar Tage in die Kaserne in der Heimat.
Natürlich wurde die "Heimat" darüber informiert und sowohl die Familie als auch die Freunde nutzen die Gelegenheit für ein Wiedersehen.

Besuch der Freundinnen bei einem Zwischenstopp vom
Westen in den Osten
Besuch der Schwester und der Freundin beim Zwischenstopp





























Die Bilder der Besuche von Freunden und Verwandten decken sich mit den Berichten, die ich von "Tante Hansl" aus Roding kenne, die Zeit ihres Lebens zu den "Kötztingern" ein besonderes, sehr gutes,  Verhältnis hatte.
Und na hon I amol mit da Ketzinger Anne (Frau Anna Pongratz geb. Meillinger, Heinerls Mutter)  telefoniert, und nan hon e mit meiner Schwester Anne z`Schwandorf telefoniert, dass mar an Heinerl bsuacha wolln. No, und sie sagt d´Anne hot sie ogruaffa, dass ar an Heinerl bsuacha wui nand hamma alle vier mitanand affegforn. Sie hot net so vui Fühlung ghabt mit ihram Buam dass enloins do hiforn hätt wolln.
Dann wia er durchgforn is durch Deutschland, er war doch in Frankreich und is nach Russland kemma, na hots Bettl (Frau Schödlbauer) hi´gschickt, gel mit da Freindin, ja vielleicht hots a Recht ghabt mit da Freindin.


Im Wehrpass steht für die letzte Etappe nur ganz lapidar: "Abwehrschlacht im Osten"

Am 21. August 1944 wurde das Regiment ins Kurland versetzt und stand wohl vom ersten Tag an in einer großen Abwehrschlacht gegen die anstürmenden übermächtigen russischen Verbände.
undatierte Aufnahme in einem Panzer
Der Wehrpasseintrag endet mit seinem Tode am 16.10.1944, dazwischen aber folgten noch dramatische Wochen.








Seine Freude an der Musik hatte er von seiner Mutter ererbt, im Hause Pongratz
wurde viel Musik gemacht und gesungen


































Seine Auszeichnungen resultieren alle aus den Kämpfen in den letzten Tagen seines Lebens:

Sein EK II erhielt er am 1.10., eine weitere Auszeichnung für Panzerschützen schon 3 Tage später. Am drauf folgenden Tag ein Verwundetenabzeichen für seine Granatsplitterwunde an der Hand und an der Schulter, die er am 20.9.erlitten hatte. In seinen letzten Brief nach Hause legte er das eiserne Kreuz bei und schrieb dazu: "Hebt es für mich auf", das war das letzte Lebenszeichen, das die Familie zuhause von ihm erhielt.
gefallen am 16.10.1944 bei Okuli in Lettland


















Heinerls EK II kam wenige Tage
vor seiner Todesmeldung in Kötzting an























Es kam der Brief in Kötzting an, den jede der Kötztinger Familien fürchtete, der Brief, der Unheil ankündigte:

                                                                                                                 Osten den 17.12.44

Sehr geehrter Herr Pongratz!

Heute habe ich die schwere Pflicht, Sie sehr geehrter Herr Pongratz, in Vertretung meines Chefs vom Heldentode Ihres Sohnes Heinrich zu benachrichtigen

Verzeihen Sie wenn mir die Zeilen nicht so geläufig von der Feder laufen, denn wir Alle stehen noch unter dem Eindruck dieses für uns so schmerzlichen Verlustes.

 Unser Heiner, wie wir ihn nannten, ich war ihm neben Vorgesetzter auch Freund, war einer unserer lustigsten und aufrichtigsten Kameraden, immer fröhlich und guter Laune, Am 16.10.44 fuhr die Kompanie zum Angriff 7 km nordwärts Skuodas gegen den Ort Ogoli. Mit vorbildlicher Tapferkeit fuhr Heiner im Panzer des Fr Gesell zum An=


griff als Richtschütze. Im Verlaufe des Kampfes gegen die Mittagsstunde erhielt der Panzer einen Artillerievolltreffer auf den Turm wodurch Heiner und seine Kameraden fielen.
Glauben Sie mir, sehr geehrter Herr Pongratz, es wird mir nicht leicht dies Alles zu Papier zu bringen, denn ich weiß wie schwer es ihnen wird, diese Zeilen zu lesen, aber ich kann Ihnen Gewissheit geben, dass Heiner nicht einen einzigen Augenblick gelitten hat.
Heinrich wurde sofort geborgen und auf dem Heldenfriedhof Porkuln beigesetzt. Seien sie versichert, sehr geehrter Herr Pongratz, dass keiner so mit Ihnen fühlt wie ich und die ganze 4. Kompanie, denn wir alle haben Heiner als tapferen Kämpfer und aufrichtigen lustigen Kameraden kennen und lieben gelernt.
Seine vorbildliche Kameradschaft, sein




liebenswertes Wesen, seine Fröhlichkeit aber auch seine Tapferkeit, sein Einsatzwille und seine stete Opferbereitschaft machten ihn nicht nur zu einem unserer liebsten Kameraden sondern auch besten Soldaten.
Die Kompanie wird ihren Uffz. Pongratz nicht vergessen. Sein Heldentod ist uns allen Verpflichtung ihm in jeder Hinsicht nach zu eifern. Sie werden, sehr geehrter Herr Pongratz, die Kraft haben ebenso tapfer und aufrecht wie Ihr Sohn lebte und kämpfte den Schmerz um seinen Verlust zu ertragen und zu überwinden, in der Gewissheit, dass auch sein Opfer nicht vergeblich gewesen sein wird wenn der Endsieg errungen ist.
das wünscht Ihnen in aufrichtiger Anteilnahme ihr
Just
Leutnant und Kp Führer


Alles muss ja in Deutschland seine Ordnung haben: die Habseligkeiten Heinerls nach seinem Tode
Vieles bleibt nicht von einem Soldaten, wenn man auf die obige Liste blickt, das Akkordeon wollte Opa nicht mehr zurück haben, er stellte es der Kompanie zur Verfügung. Den Ortsgruppenleiter Rümmelein, der, trotz seines Wissen um die Gegnerschaft meines Großvaters zum Naziregime, zum Kondolieren ins Haus meines Opas kam, wurde von diesem mit Schimpfworten gegen die Partei und das Regime aus dem Haus und die Treppe hinunter geschoben. Um Schlimmeres zu verhindern, schickte meine Oma damals ihre jüngere Tochter, die bereits verheiratete Frau Betti Schödlbauer, zur Parteizentrale, um für ihren Vater um Entschuldigung zu bitten und zu verhindern, dass der Vorfall nach Cham weitergemeldet wurde. Somit blieb der Vorfall dann folgenlos.
Dies ist das Bild des Soldatengrab Heinerls. Ich habe die Aufnahme auch in einer besseren Qualität, aber dies ist das Exemplar, welches mein Opa immer in seiner Brieftasche bei sich trug, daher auch die Knittern und Falten.


Nun am Ende noch ein Blick weg von der Einzelperson Heinrich Pongratz und dessen nicht mehr erfüllten Wünschen und Zielen, die er bzw. seine Familie für ihn vorgesehen hatte.
Dies ist ein Ausschnitt - räumlich und sicherlich auch zeitlich wesentlich umfangreicher als hier abgebildet - über einige der "Heldengräber" für die gefallenen Soldaten, die aus der Pfarrei Kötztings stammten. Die reine Liste der Namen kann ja im Kriegerdenkmal in der Kirchenburg nachgelesen werden. Die schlichten Birkenkreuze verdeutlichen die schiere Menge an jungen Männern, die dem Wahnsinn der Nazis zum Opfer gefallen waren. Als die Opferzahlen und damit die Trauergottesdienste und kirchlichen Beerdigungen im Laufe des Krieges immer mehr zunahmen, wurde es den örtlichen Kriegervereinen, welche sehr kurz nach der Machtergreifung 1933 mit vielen anderen Vereinen zur NS- Bewegung gleichgeschaltet worden waren, verboten, mit Fahnenabordnungen an den kirchlichen Begräbnissen teilzunehmen. Die Streitigkeiten des Kötztinger NSKK-Verbandes mit der Kreisleitung kann in einigen Spruchkammerverfahren von Kötztinger Parteimitgliedern nachverfolgt werden. 





So nun noch am Ende ein Sprung zurück an den Anfang, dieser Blogeintrag ist ein Beispiel, wie man Familienforschung auch machen kann. Es ist eh´ eine der "goldenen Regeln" für Familienforscher mit Veröffentlichungen nicht zu lange zu warten, man wird bei diesem Hobby eh nie fertig, also kann man auch Zwischenergebnisse zusammenstellen. Ich habe für viele meiner Vorfahren - bis hinauf auf die Urgroßebene - vergleichbare oder manchmal auch viel ausführlichere individuelle Lebensläufe zusammenstellen können. Diese wiederum - auch in Blogform lesbar für interessierte Familienmitglieder - finden sich allerdings in einem von der Öffentlichkeit und auch von Google abgetrennten privaten Bereich.
Am Ende noch einmal eine Warnung: Genealogie ist weltweit dafür bekannt dauerhaft und unheilbar süchtig zu machen.

Am Ende nun noch zwei Artikel aus der "Bayerischen Ostmark" vom Februar und Mai 1939.
Beide haben inhaltlich mit dem Blog nichts zu tun, über die Artikel bin ich bei der Recherche über Pfingsten 1939 gestolpert, für Kötztinger ist der Bericht aber sicher als Kuriosum interessant.




Donnerstag, 14. Mai 2020

Kötztinger Häuserchronik - Hausnummer 158 - Pongratzschreiner

Das "alte Kötzting" bei der Uraufnahme bei der beginnenden Landvermessung hatte 159 Anwesen.
Der Geschichte dieser Bürgerhäuser und ihrer Bewohner nachzuspüren und zu dokumentieren ist das Ziel dieser Häuserchronik.
Die Anfänge und die Entwicklung unserer Heimatstadt können von der Teilung der Urhöfe bis hin zur Auswahl als Landgerichtsort in einem einleitenden Blog nachgelesen werden.

Hausnummer 157 

Der Pongratzschreiner: Pongratz Heinerl und Elis  
nun
Ärzte- und Reformhaus

Wie in der Zusammenstellung für das Nachbarhaus - Hausnummer 157  der obere Färber - bereits erwähnt, beschrieben die damaligen Hausbesitzer die Lage ihres Anwesens durch die Benennung der jeweiligen Nachbarn.

EIne Luftaufnahme vom Kötztinger Hauptlehrer Josef Bock aus den 60er Jahren


Ausschnitt aus der Uraufnahme Kötztings von 1832 aus: "Kötzting 1085-1985"
Das Anwesen mit der Plan- und Hausnummer 158 grenzte im Norden an den "oberen Färber" (157), im Osten an die Torschmiede(1) und im Süden an ein kleines Haus(159), das Jahrzehnte später, nach dem Marktbrand einer neuen Straßenführung zum Opfer fiel.

Wolf Fischer

Den Nachweis darüber, dass Wolf Fischer der erste nachweisbare Besitzer des Anwesens ist, obwohl die Briefprotokolle erst nach 1700 einsetzen, können wir führen, weil er als einer der Augenzeugen vom Schwedeneinfall 1633 und einem daraus resultierenden Totalverlust berichtet.
Die drei Anwesen außerhalb des oberen Tores - hier die Nummern 157-159 - haben, in dieser Abstufung, die Eigenschaften als Marktlehen, dann als eine Sölde und, am Straßeneck, dann als ein Haus. Diese Charakterisierung ist in Kötzting wichtig, weil mit diesen Eigenschaften unterschiedliche Rechte verbunden sind. (siehe Glossar)
In wieweit Wolf Fischer nach 1633 (oder erst nach dem zweiten Einfall nach 1640) nur der Besitzer einer Brandstatt gewesen ist oder dort - in welcher Form auch immer - auch gewohnt hat, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.


Den ersten Nachweis für einen Wolf Fischer können wir im Jahre 1614 führen, als er zusammen mit einem anderen Kötztinger Bürger in einer Liste der Holzkäufer auftaucht.
HStA München GL fasc Nr. 1824-50  Holzbezug im Kastenamt
Georg und Wolff Vischer haben von Junkher Kettinger  (sollte wohl Yettinger heißen) aus seinen Hoffmarckhshölzern erkaufft:      3 Fluder

Ein weiteres "Lebenszeichen" ist die Auflistung der überlebenden Pfarrkinder im sogenannten "Status animarum".
Pfarrmatrikel Kötzting Band 1 

Die Kernfamilie Fischer besteht aus dem Vater Wolfgang, seiner Frau Dorothea, dem Sohn Georg un der Tochter Maria. Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres "kleines"  Kind namens Georg, interessant, dass dieser Georg es erst wert wird, "Sohn" genannt zu werden wenn er aus dem Kleinkindalter herausgewachsen ist, bzw. dieses überlebt hat..

Stadtarchiv Kötzting Spitalrechnung von 1638: ausgegebene Kapitalien
Erstlichen bey Wolfen Vischer Burgern alhir darumben dem Spithall sein Behausung sambt derselben zuegehörig Marktlehensgründten verschrieben, Zinszeit H. Weihnachten über 100 Gulden

Stadtarchiv Kötzting Spitalrechnung von 1638: Pachtzahlung
Und Wolf Vischer von ainem Agger am Zanhof (=Zandhofacker, eine bekannte aber noch nicht lokalisierte Flurnamenbezeichnung,)

1639 gibt es eine gegenseitige Beleidigung zwischen Wolf Fischer und einem Wolf Pachmayr. Beide könnten Nachbarn gewesen sein, weil die Familie Pachmayr damals das Anwesen besaß, das wir heute als Amberger Hof kennen und das damals eine gemeinsame Grenze mit der Hausnummer 158 hatte. Die spätere Bäckerei Liebl, gehörte damals noch zum Anwesen Pachmayr.

StA Landshut Rentkastenamt Straubing Pfleggerichtsrechnung von 1639

Schmachreden per 1 Pfund Pfennige
Wolf Vischer und Wolf Pachmayr beede Bürger und des eussern Rhats zue Khözting, haben im Trunckh .....Schmachworth gegeneinander ausgossen, weillen aber kheiner den anfanng zehaben bestendig sein wollen, als ist ieder per 1/2 Pfund Pfennig gewandlt worden, macht in Münz
1 Gulden 8 Kreuzer 4 Pfennige

Aber es kommt noch ärger: Im Jahre 1649 fordert er - als Mitglied des inneren Rats und damit im Wechsel auch der Kammerer (=Bürgermeister) - einen Mitbürger quasi zu einem Duell auf.
StA Landshut Rentkastenamt Straubing Pfleggerichtsrechnung von 1648
Iniurien und für das Thor hinauß fordern

Wolf Vischer des Innern Raths zu Közting, hat in bezechter Weiß, in ainem Württshaus Andreen Essterreicher burger und Lederer alda, ohne Ursach ainen redo Huerenbueben, und die beraith vor langer Zeit, beim churfürstlichen Landgericht Viechtach, angeführte Händl iniuriert, auch noch darüber ime Esterreicher mit dem Degen hinauß für das Marktthor zekhommen begert, Ob gleichwollen die Parthey, durch andere Personen güettlich verglichen worden, So hat man doch gedachten Vischer, neben ainem gerichtlichen verweiß gewandelt umb 1 Gulden 42 Kreuzer 6 Pfennige. So locker mal ungefähr 350 Euro heutzutage. Ander Österreicher wurde anschließend wegen vohergegangenen Wortwechseln mit einem Viertel der Schadenssumme verurteilt, sodass die Gesamtsumme rechnerisch wieder bei den üblichen 2 Pfund Regensburger Pfennigen verblieb.

Der Vollrausch, den Wolf Fischer offensichtlich hatte, kostete ihn ein weiteres 1/2 Pfund Pfennige.


Mit Sicherheit wissen wir, dass er am 27.5.1651 seine Brandstatt ,vor dem obern Tor zwischen Christophen Vischer Schwarzfärbers und Susanna Neupergerin Häusern gelegen, an die Töchter Margaretha und Eva, des verstorbenen Kötztinger Bürgers und Magistratrats Hans Passauer verkaufte.

Im Jahre 1661 richtet er eine Bittschrift an die Regierung in Straubing und bittet um zwei Kübel Gladtwassertranck zum Pöckhenzeug sieden. (an anderer Stelle Glegerwasser)
Fischer beruft sich auf eine bereits seit 6 Jahren bestehende Vereinbarung, dass er zwei Kübel von diesem "Tranck" umsonst erhält. ..
Nun beschreibt er seine Situation und seinen Lebensweg:
Wann dann gnädigster Churfürst und Herr ich mein Alter auf die 70 Jahr gebracht, meines Eheweibs Alter mit der ich im Ehestand in die 49 Jahr ehrlich hause, sich auf 67 Jahr erstreckht, mich auch in dero Landtfahnen alhir zu Khözting, für einen Musquetieren und Corporalen auch mit Confoierung des proviants in das Nürnbergische Lager, mit Wagung Leib und Lebens in die 37 Jahr gebrauchen lassen.
Auch Anno 1633 im diepartlischen Feundtseinfahl, Weib, Khünder und all mein Hausfahrnus verlassen, mich neben anderen gegen den Feundt, bis uf den lesten Mann und solang gewöhrt, bis endlich der Feundt eingebrochen, mich neben noch einem Mann das Thor zugemacht und mein Flucht in Eur churfürstlich Durchlaucht Schloß genommen, durch gedachten Feundtseinfahl in Haus und Hof neben anderen in Grundt abgeprennt worden, und umb all das wenige khommen, hernach mit gueter Leuth hilf, zu mein, meines Eheweibs und Khinder aufenthaltung widerümben auferpaut, Asl Anno 1640 der Panierische Feundt eingefahlen ist mein auferpaute Behausung neben noch 4 burgersheusern widerumben samb der ganzen Hausfahrnus in Grundt verprendt worden. Hab dahero ich neben Weib und Khindern nit gar ins Petlbrodt geehn wollen, Ich zur Auferpauung meiner zwaymahlig abgeprennten behausung 300 Gulden Schuld gemacht, ......

Dies ist die Beschreibung eines Augenzeugen des "Schwedenüberfalls", der sogar auf der Kötztinger Seite mitgekämpft hat und nicht wie der übertriebene Bericht des Abtes Veith Höser, dem in Viechtach davon erzählt worden ist.
Er bittet also um 2 Kübel Gladtwasser von jedem Sud, um das "Peckenzeug" zu sieden.
Nachdem beim Backen, vor allem beim Brotbacken, auch Malz zugegeben wird, denke ich, dass aus dem Gladt/Glegerwasser durch den Siedevorgang das Malz zurückgewonnen werden und dann den Bäckern verkauft werden kann. .
Am 23.3.1666 stirbt der Kammerer Wolf Fischer, seine Witwe zieht zu ihrem Sohn Adam, der in Furth im Wald Stadtschreiber geworden ist. Um seinen Gladtwasserbezug streiten sich in den Folgejahren diverse "arme Witwen"


Wir befinden uns in dem Zeitraum, in dem wir, mit Ausnahme eines einzigen Bandes, keine Briefprotokolle haben. Der Nachweis des Besitztitels kann also nur durch zufällige Beschreibungen erfolgen.
1651 jedenfalls werden Eva und Margaretha Passauer Besitzer der Brandstatt.
1654 schreibt der Kloster Rottische Probstrichter Adam Türrigl ein Grundbuch, das er allerdings nur zu einem Drittel fertigstellt. Die anderen zwei Drittel der Kötztinger Häuser benennt er nur mit ihren Besitzern und der Lage. In diesem Jahr ist die Besitzerin der unverbauten Brandstatt "vor dem obern Thor"zwischen Christoph Vischer Schwarzfärber und dem Haus der Susanna Neuberger.
die Witwe Barbara Klug. Das Anwesen gilt zu diesem Zeitpunkt noch als Marktlehen.















Pölsterl Georg


Nun müssen wir einen Zeitsprung machen, weil wir zwischen 1665 und 1700 keine Verbriefungen kennen. Im Jahre 1700 haben wir den sicheren Nachweis, dass der Schuhmacher Georg Pölsterl und seine Frau Magdalene die Besitzer sind, weil sie , um Geld vom Spital Kötzting aufnehmen zu können, ihren Besitz, "die Bürger und Marktlehensbehausung am obern Tor zunegst an den Johann Proethendaller Bürgers und Schwarzfärbers Faerberwerkstatt entlegen" als Sicherheit hinterlegen.
Damit können wir mit einer gewissen Sicherheit die Spuren, die Georg Pölsterl in den Dokumenten hinterlassen hat rückwirkend auch ihm und dem Anwesen zuordnen.
1693 leiht er 30 Gulden von der Kapelle Grafenwiesen und im Jahre 1672 wird er als Trommelschläger bezeichnet.



Pichelmayer Georg

Am 11.9.1704 verkauft der Schuhmacher Hans Georg Pölsterl seine Marktlehensbehausung (an des Färbers Werkstatt stoßend) an den Kötztinger Organisten Georg Pichelmayr um 410 Gulden. Der Organist und Schulmeister Georg Pichlmayer  erwirbt im selben Jahr auch das Kötztinger Bürgerrecht um 6 Gulden.
StA Landshut Briefprotokolle Kötzting P2
Kaufbeschreibung per 410 Gulden
Der Kötztinger Lehrer Georg Pichelmayr ist offensichtlich bereits wenige Jahre danach verstorben, weil der Kötztinger Bürger Franz Waldherr, als Vormund für die Kinder eingesetzt, versuchen muss, für seine Mündel die ausständigen Besoldungen von Seiten der Kirche und des Spitals einzutreiben.
Seine Witwe Helena  bleibt noch auf dem Anwesen - 1724 kennen wir noch eine Schuldverschreibung von ihr - verkauft aber dann am 31.12.1718 ihr Anwesen an den Schwiegersohn









Johann Heinrich Straubinger 




um 440 Gulden, wobei sie sich lebenslänglich im oberen Seitenstüberl die freie Herberge zusichern lässt und "in denen beiden Gärtten von 8 Paumben die ertragente Zwespen dann derselben Pöth (bett) mit aller Zuegehör das nothwendige Trünckh und Speisgeschier benanntlich ain Zimmerkandl und ain mit zin beschlagenen Nirnberger Krug dann Schiessl und Däller so sye...."
Pfarrmatrikel Kötzting Band 14 Seite 44

Am 4.2.1728 heiratet Johannes Heinrich Straubinger, Sohn des Further Braumeisters Anton Straubinger seine Braut, Maria Helena Tochter des kunstreichen Herrn Georg Piechlmayr, Lehrers und Organisten in Kötzting und dessen Ehefrau Helena.










Von (Johann) Heinrich Straubinger - einem Schuhmacher - haben sich weiterhin verschiedene Kleinigkeiten in den Archiven erhalten.
Zuerst muss er nacheinander zuerst die Grundschuld von der Pfarrkirche auf sich umschreiben lassen. Danach leiht er sich aus der Vormundschaft der Kinder des verstorbenen Wolf Adam 70 Gulden, die dann Jahre später der letzte der Adamschen Kinder bei der Rückzahlung auch quittiert.
Interessant ist hier, dass das Anwesen als Söldenrechtsbehausung eingestuft wurde, dies wird später noch einige Bedeutung haben.
Im Spanischen Erbfolgekrieg, litt er, wie viele andere Kötztinger Hausbesitzer, unter den Einquartierungen und findet sich in diesen Schadenslisten.
1757 sitzt er im Äußeren Rat und hat die Funktion eines Handwerkskommissars. Viele Berufe waren damals gezünftet, und bevor ein neuer Meister im Markt Kötzting aufgenommen wurde, waren sowohl die Mitmeister als auch der Magistrat zu befragen.
1760 ist er bereits im Inneren Rat und damit auch in einer Art "Wechselturnus" auch immer wieder der  Amtskammerer.
1771 stirbt seine Frau Helena und drei Jahre später übergibt er seinen Besitz am 12.1.1774 an seinen Sohn und Schuhknecht Jakob Straubinger um 650 Gulden
Im November desselben Jahres verstirbt Johann Heinrich Straubinger
Pfarrmatrikel Kötzting Band 18: am 17. wurde beerdigt das ehrenwerte Ratsmitglied Heinrich Straubinger, auch ein Schuster an diesem Ort. Nach einem Schlaganfall war er mit allen Sakramenten versehen und mit Öl gesalbt worden. 


Jakob Straubinger 


Das übergebene Anwesen wird beschrieben: zwischen Wilhelm Finck und Balthasar Kalb (157) Häusern entlegen, sambt der Holzschupfen zunegst des Joseph Kuchlers Haus und Garten bei des Wolfgang Härtls Häusl, item den sich bezaigenten Gärtl hünter ersagtem Wolfen Härtls Gärtl entlegen, fernen der hinter dem Stadel neben des Kalben garten entlegenen Garten Grund. Nachdem der Vater im November des Vorjahres verstorben war, heiratet Jakob Straubinger Magdalena Lärnbecher, eine Bäckerstochter, die ihm 450 Gulden an Mitgift mitbringt.
Der Bäcker Lärnbecher saß damals mit seiner Bäckerei in dem Anwesen, das heute die St. Veitsapotheke ist.


Pfarrmatrikel Kötzting Band 14
Von Jakob Straubinger hat sich ein tolles Kleinod erhalten. In einem kleinen Büchlein hatte er alle seine Schuldzins- und Steuerzahlungen eingetragen und diese Teilbeträge sich auch alle per Unterschrift quittieren lassen. Aus diesem Grund haben wir damit sogar von Kötztings berühmten Kammerer Wolfgang Samuel Luckner eine Unterschriftenserie.
Der Fund dieses Büchleins war einer der ersten Blogeinträge hier im Jahre 2013 mit dem Titel:
Ein Steuerbuch oder eine Zeitreise:

Als nach der Säkularisation und der Gemeindereform landwirtschaftliche Grundstücke auf den Markt geworfen wurden, nahm auch Jakob Straubinger an der Versteigerung teil und sicherte sich aus dem ehemaligen Besitz der Propstei 3/8 Tagwerk an dem Plattenacker.

Der Schuster Jakob Straubinger verstirbt am 27.4.1818 an einer Hämorrhoidalkolik mit 75 Jahren, seine Ehefrau Magdalena war bereits 1812, mit 65 Jahren, an einem Stickkatarr verstorben..


Andreas Amberger


Der Schuhmacher Straubinger hatte offensichtlich das Brau- und Schankrecht, das ihm als Marktlehner zustand, als Schuster nicht oder am Ende nicht mehr ausgeübt. 
Wie weiter oben bereits angemerkt, wurde das Anwesen zuerst als Marktlehen, später aber nur noch als Sölde bezeichnet und als solche hätte der Besitzer nur für seinen eigenen Gebrauch Bier sieden lassen dürfen, dieses aber nicht ausschenken. 
Als nun der neue Besitzer Amberger Andreas 1819, als der neue Marktlehner, brauen lassen wollte, verweigerten ihm dies die anderen Kötztinger Marktlehner mit der Behauptung sein Anwesen wäre nie ein solches gewesen. Mit diesem Steuerbuch und mit den Verkaufsurkunden konnte er aber das Gegenteil beweisen und so zukünftig als unzweifelhafter Marktlehner im Kommunbrauhaus Bier brauen und auch in seinem Haus ausschenken lassen. Ob  er dies auch tatsächlich gemacht hat geht aus den Prozessakten natürlich nicht hervor.

Nun kommen wir in den zeitlichen Bereich der Grundsteuerkatastererstellung:



Josef Amberger

wird 1859 als Besitzer genannt und damit ist er der Brandleider bei dem großen Marktbrand im Juni 1867.
In einem großen Akt wird der spärliche Rest des Anwesens beschrieben:

Von dem Hauptgebäude mit einer Höhe von 26 Fuß vom Erdboden bis zum First (ca. 8.5 m) und einem Ausmaß von 35x32 Fuß (= ca. 11x10 Metern) stehen noch die Umfassungs und die Scheidemauern, welche vor ca. 12 Jahren neu erbaut wurden, mit Ausnahme von geringfügigen und unschädlichen Rißen, noch ziemlich gut erhalten. Der Wandputz hat besonders im inneren stark gelitten und muß nun größtenteils erneuert werden. Alle brennbaren Baubestandteile sind bis auf 2 beschädigte Fensterstöcke und ein paar verkohlte Türen vom Feuer gänzlich verzehrt worden...Totalschaden
Das Nebengebäude hat nicht so sehr durch das feuer als durch die Löschversuche gelitten und zwar an der Legschindeldachung, welche völlig umgedeckt und teilweise neu hergestellt werden muß. Schadel partial
Von dem zweiten Nebengebäude: besteht nur mehr das Erdgeschoß und Stockwerksgemäuer welches ebenfalls wie am Wohnhause noch ziemlich gut erhalten ist. Dagegen sind alle brennbaren Bestandteile vom Feuer verzehrt worden.Schaden: Totaler
Als Folge das Großbrandes wird die heutige Torstraße neu projektiert und die früher aus drei Anwesen bestehende Häuserzeile wird auf zwei reduziert und das mittlere haus wird nun das Eckgebäude (hier die Nummer 4 im Plan)
Es gibt in den Brandakten auch eine Liste der geschädigten Mieter: Im Ha
StALa Rep 164-8 Nr. 1570 
use Nummer 158 wohnte offensichtlich 1867 bereits ein Tichler Friedrich Gulder, dessen Mobiliar, Werkzeug und das Holz mit einem Schadenbetrag von 102 Gulden abgerechnet wurden.



Im kgl. bayerischen Kreisamtsblatt von Niederbayern war dann wenige Monate nach dem Totalverlust

1871 ersteigert der Bote Johann Stoiber das Haus, möglicherweise noch eine Brandstätte bzw. Baustelle der Aufruf zur öffentlichen (wohl Zwangs-) Versteigerung des Söldenanwesens ausgeschrieben:

Königlich.Bayerisches Kreisamtsblatt von Niederbayern Bd.: 1867



1875 wird Amberger Theres durch Kauf die neue Besitzerin

1891 sind Franz Xaver Wiesmeier und Maria die eingetragenen Besitzer
1909 dann Pongratz Georg und Maria, die 1904 in Kötzting geheiratet hatten, im Kataster zu finden.
Vom ersten Drittel des 20. Jahrhunderts kennen wir auch einen Bauplan der beiden, die ihr Haupthaus ja am Marktplatz hatten, von einem Neubau in der Torstraße, gleich anschließend an den Bäcker Hofmann - später Bäckerei Liebl.



Pongratz Georg, zu Lebzeiten einmal Kötztings ältester Bürger, wurde in den 60er Jahren zu seinem Leben befragt.






Hier ein Ausschnitt aus einer Luftaufnahme, hier wurde die Dachneigung bereits um 90 Grad gedreht, während der Liebl/Hofmann Stadel noch seine ursprüngliche Ausrichtung behalten hat.
Serwuschok Luftaufnahmen

Repro 1804 Pongratzschreinerei: links Heinerl, dann Georg, mit Arbeitern




1950 taucht dann Heinrich Pongratz als Hausbesitzer auf und an Heinerl und seine Elis werden sich sicherlich viele Kötztinger noch erinnern können. Leider habe wir von den beiden kein Photo im Archiv.
links Pongratz Heinerl


Hier noch ein Ausschnitt aus einer Luftaufnahme vom Krämerarchiv


Auch hier ist - leider nur am Rande - das Werkstattgebäude der Schreinerei Pongratz gerade noch sichtbar.

Das Ende einer Schreinerei
Das soll aber nun nicht das traurige Ende dieser Häuserchronik sein, ich persönlich kannte Heinrich - Heinerl - Pongratz und seine Elies als tanz- und feierfestes Paar.
Leider haben wir davon im Stadtarchiv kein Material, zumindest fast keines:

Heinrich Pongratz als Handwerksmeister
Heinrich Pongratz, rechts im Hintergrund, rechts hinter Osterwinter Rudi.
Vorne das Faschingsprinzenpaar Kroher Traudl und Fischer Werner, der Schwiegersohn von Heinrich Pongratz.
Elisabeth - Elis - Pongratz ist sicher bei dieser Feier mit dabei....