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Samstag, 16. Dezember 2023

Erinnerungen an Altkötzting - Teil 26 Paradeiserl oder "Weihnachtsreifen"

   In der Bildersammlung des Stadtarchives befinden sich viele Beispiele von damals tagesaktuellen Veranstaltungen oder Berichten über Handel und Gewerbe, die uns einen kleinen "Blick zurück" erlauben, zurück auf Menschen, die schon lange verstorben sind oder Orte und Plätze, die es ebenfalls schon lange nicht mehr gibt. Mit dieser Reihe an Blogbeiträgen soll diese Erinnerungskultur ermöglicht werden; eine Erinnerung an ein Kötzting mit viel Handel, Handwerk, Vereinsleben und Gasthäusern, mit Jahrtagen,  Bällen, und vor allem mit Menschen.

Paradeiserl oder Weihnachtsreifen


Am Montag den 11.12.2023 erschien in der Kötztinger Umschau ein Bericht, dass Mitglieder der Waldvereinssektion Hohenwarth sich getroffen hatten, um "Paradeiserl" zu basteln.
Nur einen Tag zuvor war ich über einen Artikel aus dem Jahre 1924 gestoßen, bei dem offensichtlich zu ersten Mal in Kötzting ein Adventskranz - hier "Winterreifen" genannt - in einem Schaufenster ausgestellt wurde.
Es dauerte nun nur mal ein paar wenige Tage bis ich endlich den dazugehörigen Bericht aus dem Jahre 1956 gefunden hatte, in dem Conrad Krämer d.Alte, genannt der Ostmarkonkel, sein Paradeiserl vorstellt und dabei auch mitteilt, welche Elemente - seiner Meinung nach - solch ein Paradeiserl zu beinhalten hatte. 
So kann ich nun diese alten Adventsbräuche hier im Zusammenhang präsentieren.

KÖZ vom Dezember 1956


 Der Name Adventskranz hatte sich offensichtlich im Jahre 1924 - zumindest in Kötzting - noch nicht eingebürgert, denn am 17. Dezember wurde ein "Weihnachtsreifen aus der Gärtnerei Plötz" extra im Schaufenster des Herrn Max Oexler ausgestellt und dem Publikum als preiswerte Alternative empfohlen.



Wie sehr Conrad Krämer das Bbrauchtum im Laufe der Jahreszeiten pflegte, kann man gut an der Aufnahme mit Krippe, Weihnachtsbaum und zwei der drei Heiligen Könige erkennen.

Sammlung Arbeitskreis Heimatforschung DIA-Repro 1025




Hier dann noch einmal der Ausschnitt aus der Tageszeitung der Kötztinger Umschau vom 11.12.2023 über das Hohenwarther Paradeiserlbinden, der den Anlass für diese Suche gegeben hat. 

Seit Herbst 2025 gibt es darüber hinaus eine „interaktive Karte Kötztings“ Auf ihr sind alle bisherigen Beiträge zur Häuserchronik sowie zahlreiche weitere historische Themen direkt in einer Stadtkarte verortet. Jeder Marker führt mit einem einzigen Klick zu den passenden Blogbeiträgen – übersichtlich, schnell und jederzeit abrufbar.
Die Karte funktioniert auf jedem PC und auch auf Mobilgeräten. Wer möchte, kann sie sogar als kleine App auf dem Smartphone speichern und wie ein eigenes Programm starten.

Wer neugierig geworden ist, kann die Karte hier öffnen:    🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen


Montag, 11. Dezember 2023

Erinnerung an Altkötzting - Teil 24 Der Kripperlvater

 In der Bildersammlung des Stadtarchives befinden sich viele Beispiele von damals tagesaktuellen Veranstaltungen oder Berichten über Handel und Gewerbe, die uns einen kleinen "Blick zurück" erlauben, zurück auf Menschen, die schon lange verstorben sind oder Orte und Plätze, die es ebenfalls schon lange nicht mehr gibt. Mit dieser Reihe an Blogbeiträgen soll diese Erinnerungskultur ermöglicht werden; eine Erinnerung an ein Kötzting mit viel Handel, Handwerk, Vereinsleben und Gasthäusern, mit Jahrtagen,  Bällen, und vor allem mit Menschen.

Max Wanninger und sein Kripperl


  
Im Dezember 1954 berichtete die Kötztinger Umschau und im Jahr drauf - in der Weihnachtsausgabe - auch  die Kötztinger Zeitung von der Weihnachtskrippe, die in der St. Veitskirche aufgestellt war.
In meiner Kindheit waren wir in der Vorweihnachtszeit sehr oft in der Veitskirche und ließen ein Zehnerl in den Schlitz beim - man verzeihe mir, aber so nannte man damals die Figur am Einwurfschlitz eben -   "Mohr" hineinrollen, der dann heftig nickte und danach rührte sich einiges in der Krippe, gingen Lichter an und aus.... kurzum, es war weihnachtlich.... wenn, ja wenn die Mechanik nicht versagte.
Sollte dies passieren, dann kam der Kripperlvater in Einsatz. Max Wanninger aus der Schirnstraße betrieb in den 20er Jahren dort bereits ein Auktionshaus und irgendwann einmal wurde ihm dieses Ehrenamt übertragen, das ihm auf dem Leib geschneidert war.


Foto Schwarz: Max Wanninger, seines Zeichens Kötztinger Auktionator und Kripperlvater



Aus dem sich nun anschließenden Artikel der Umschau erfahren wir, dass diese Krippe vor 85 Jahren von der Pfarrkirche Neukirchen den Kötztingern geschenkt wurde, dabei ist zu berücksichtigen, dass dieser Bericht ja bereits im Jahre 1954 geschrieben wurde.
Die Krippe kam also schon vor dem Jahre 1870 nach Kötzting und wird - wieder auf der Basis des im Dezember 1954 veröffentlichten Artikels - vom Kripperlvater Max Wanninger seit ungefähr 1924 betreut.
"Krippenvater Wanninger macht jung und alt viel Freude

Weihnachtskripplein in St. Veit

Kötzting. Zahlreich sind die täglichen treuen Heimatfreunde, groß und kleine Krippenbesucher, die immer wieder bewundernd vor der Krippe in der St.-Veits-Kirche stehen. Mit großer Liebe und Sorgfalt lässt sich unser Kirchenpfleger Wanninger, der Kötztinger Krippenvater, die ständige Betreuung des Krippleins angelegen und in tagelanger und unermüdlicher Arbeit entwirft er das ganze Jahr über in ständig neuen Bildern die hauptsächlichsten Ereignisse des Kirchenjahres. Besonders schön und einfallsreich hat er dieses Jahr die Weihnachtsgeschichte dargestellt. Sinnreich und wohlüberlegt hat er alle erforderlichen Kleinigkeiten in irgend welcher Form angedeutet. Die geschmackvolle Art der Darstellung zeigt dieses Jahr, gegenüber den Jahren, wo die Heilige Familie bei der Arbeit im Nazareth zeigte, die Geburt Jesu Christus in Bethlehem. Maria und Josef sitzen am Kripplein das Kind, während Männer und Frauen, bepackt mit allerlei Geschenken, aus allen Richtungen herbeiströmen, um das Kind anzubeten. Über dem Kripplein schwebt ist ein kleines Engelskind angebracht, das einige alte Weihnachtsmelodien erklingen lässt. Ein angelegter Durchblick zeigt die Hirten vor ihrem Hirtenfeuer, überstrahlt von dem Glanz und dem Schall des Verkündigungsengels. Sogar an den Ursprung der Menschheit hat der Krippenvater gedacht. Adam und Eva, umgeben von allerlei Getier, hinter ihnen die „listige Schlange“, die einen Baumstamm umschlingt und durch ihre Auf- und Abbewegung und ihrer gütigen Zunge, die besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, deuten den Anfang der Sünde an und bringen somit Sünden und Erlösung der Menschheit in direkten Zusammenhang. An den Wegkreuzungen weisen kleine Schildchen in die Weihnachtsgeschichte bedeutende Orte, die im Hintergrund auf eigens dafür geschaffenen Wandbildern angedeutet sind. Ein sinnreicher Mechanismus setzt das ganze Kripplein in Bewegung und lässt leises Glockengeläute und zarte Weihnachtsmusik erklingen. Das dieses Wunderwerk natürlich die Aufmerksamkeit von groß und klein erregt, ist deshalb nicht erstaunlich. Alle sind sich einig, dass Herr Wanninger ein Bastler unseres Kötztingern als Stiftung zuteil werden. Etwa 30 Jahre sind es nun schon her, dass es in unserem immer noch schaffensfreudigen Krippenvater einen ständigen Betreuer gefunden hat. Ein mindestens ebenso wertvolles, ja viel ausführlicheres Kripplein hat sich Herr Wanninger in seiner Wohnung in Regenstein bei Kötzting gebaut. Stolz und freudig zeigt uns erklärt er dieses allen Besuchern und Interessenten und ladet solche hiermit recht herzlich ein."


Dazu passt vielleicht, dass Max Wanninger sich im Jahre 1924  - nach dem Chaosjahr 1923 mit seiner Hyperinflation und dem daraus resultierenden kompletten Stillstands auch der heimischen Wirtschaft - auch endlich wieder als Auktionator betätigen konnte.
Kötztinger Anzeiger von 1924




Von Frau Serwuschok selber stammt der folgende Großbericht vom Dezember 1978. 


"In St. Veit war die biblische Geschichte „in Bewegung“

Krippe und andere Darstellungen aus dem Leben Jesu / Die ersten Figuren kaufte der Mütterverein

Kötzting (na). Noch ist der Vorhang nicht wieder aufgegangen zur Krippe in der St.-Veitskirche, noch ist ungewiß, ob er heuer den Blick überhaupt freigeben wird auf das Bethlehem, das hier der unvergessene Kirchenpfleger Max Wanninger in jahrzehntelanger Kleinarbeit aufgebaut hat. Die Darstellung von der Geburt Christi weitete der „Krippelvater“ bis zur Kreuzigung und Auferstehung aus. Er schuf ein Stück biblische Geschichte, die sich für ein Zehnerl „bewegen“ ließ, denn das war die Stärke des Bastlers und Feinmechanikers aus Leidenschafft: den Figuren und dem Geschehen etwas „Leben“ zu geben. Als der Schöpfer des „frommen Spielzeuges“ starb, betreute Siegi Mark in dankbarem Respekt vor dem Werk des Sechzigers. Aber der Zahn der Zeit hat schon manchen Engel am himmelblauen Gewand gezupft, und manches Schaf musste inzwischen Wolle lassen. Die Krippe von St. Veit bedarf dringend einer Generalüberholung. Stadtpfarrer Gerhard Dirschl und Kirchenpfleger Franz Sonnleitner hoffen, dass der Weihnachtsstern im nächsten Jahr mit voller Leuchtkraft über einem sanierten Bethlehem aufgehen kann.

 

DIA-Repro 2491 Max Wanninger vor einem Teil seiner Sammlung

Das „Krippenspiel“ gehört schon ein Menschenalter zur Veitskirche. Alle Jahre wieder polierte Max Wanninger dem Jesuskind neuen Glanz ins Gesicht. Ein Zehnerl genügte, um die Hirten auf dem Felde und die Weisen aus dem Morgenland in Marsch zu setzen, das Lagerfeuer zu entzünden und andere Bewegungen auszulösen. Der Krippelvater hatte niemals den Ehrgeiz, für „seine“ heilige Familie mit allem Volk drum herum, mit Ochs und Esel, Schafen und Hunden, das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ zu bekommen. Er wollte nur den Kindern Freude bereiten. Und das ist ihm auch gelungen.
Die „Keimzelle“ der Krippe war ein Kirchlein mit dem Jesuskind. Pfarrer Rosenheimer hatte es von irgendwoher schicken lassen. Und weil er ein großer Krippenfreund und sogar Mitglied in einem Kripperlverein war, unterstützte er die Bemühungen von Max Wanninger um den Ausbau der Mechanik und die Aufstockung der Figuren. Er ließ ihn zu einer Ausstellung nach Passau fahren und freute sich, dass die dort eingeholten Informationen und Anregungen allmählich auch in Kötzting verwirklicht werden konnten. Diese Entwicklung wurde ganz entscheidend begünstigt durch die Großzügigkeit des Müttervereins, der schon lange vorher für 40 Gulden im Kloster Neukirchen b. Hl. Blut eine Krippe erworben hatte und sie nun als Grundstock zur Verfügung stellte. Die Anlage wuchs, damals noch in der St.-Anna-Kapelle: die heilige Familie ging auf die Flucht, der zwölfjährige Jesus kam in den Tempel und später ans Kreuz, durfte schließlich mit Hilfe des „Krippelvaters“ auferstehen und sich sogar zur Himmelfahrt rüsten. Dominierend blieb aber das Geschehen von Bethlehem.

Max Wanninger würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass das Christuskind Nummer eins mitsamt der Krippe verschollen ist und dass dafür gleich von Anfang an die Darstellung Nummer zwei – Maria mit dem Kind auf dem Schoß – gezeigt werden muss, die er immer erst ausgetauscht hat, wenn die drei Könige beim Stall angekommen waren.

Wer die vor 40 Jahren in die Veitskirche umquartierte Krippe noch zu Lebzeiten ihres Erbauers und Betreuers gekannt hat, den wird sie heute etwas kahl anmuten. Max Wanninger hat halt die Heiligen und Unheiligen „eingekleidet“, ihnen „an die Hand gegeben“, was sie nötig hatten, um „wie Menschen“ zu sein. Unermüdlich bastelte er vor und hinter den Kulissen herum, für Anregungen jederzeit empfänglich. Er kannte jeden Faden, jeden Draht, jede elektrische Leitung und gab sich nicht eher zufrieden, bis er herausgefunden hatte, warum sich was plötzlich nicht mehr bewegt. Es machte dem Krippelvater auch gar nichts aus, zwecks der Mechanik einen Spielzeugaffen zu kaufen, ihn zu „enthaupten“ und ihm dann den Lockenkopf eines Engels aufzusetzen. Weiß oder blau gewandet, konnte der „Ehre sei Gott in der Höhe“ und Friede auf Erden“-Bote dann seinen Platz in den himmlischen Heerscharen einnehmen, ohne sich von den anderen guten Geistern zu unterscheiden.

Gern gab der Krippelvater den Kindern eine Sondervorstellung, wenn sie sich ihre Nasen an der Scheibe plattdrückten. Auf der anderen Seite wachte er wie der Engel mit dem Flammenschwert über den Kostbarkeiten, die es schon um seinetwillen verdient hätten, wieder „gesundgepflegt“ zu werden.

Der Krippelvater wurde vor 100 Jahren geboren

In diesem Jahr, am 12. Oktober, wäre der „Krippelvater“ hundert Jahre alt geworden. Er stammte aus Gillisberg bei Chamerau, verlor schon früh seinen Vater, sah sich als Ministrant schon im Priesterrock, kam mit Hilfe des Pfarrers seiner Heimatpfarrei dann auch zum Studieren, hielt es aber in Regensburg vor lauter Heimweh nicht aus und kam wieder nach Hause. Nach dem „Arbeitsdienst“ in der Landwirtschaft wollte Max Wanninger, als einer seiner älteren Brüder das Anwesen übernahm, Zinngießer werden. Er fand aber keine Lehrstelle und landete schließlich in Cham, wo er auch die Gesellenprüfung machte, ehe er auf Wanderschaft ging, dabei ganz Süd- und Westdeutschland kennenlernte und sich schließlich in Kötzting selbständig machte.
Die Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg erleichterten es ihm, eine Tändelei einzurichten. Er erhielt auch die Konzession zu Versteigerungen, nicht „gerichtsmäßig“, sondern „im Auftrag“. Inzwischen hatte er Maria Brandl aus Gillisberg geheiratet, die ihm zehn Kinder schenkte. Bei seiner Tochter Rosina Müllbauer verbrachte er seinen Lebensabend. Seine Frau starb zwei Jahre nach der goldenen Hochzeit, die beide noch 1952 feiern konnten. Gern erinnern sich die örtlichen Vereine, deren Mitglied er war, an seine Mitarbeit. Über 30 Jahre trug er in der Kirchenverwaltung als Kirchenpfleger Verantwortung. Als Sammler von Schnupftabakgläsern hatte er in Fachkreisen einen guten Ruf.
Unvergessen ist Max Wanningers goldiger Humor, mit dem er allen Menschen, die ihm begegneten, Freude bereitete. Über seine „ganz gewiss wahren“ Geschichten wurden Tränen gelacht. Die Pfarrei sagte ihm Dank für das, was er für die Pfarrkirche und die Nebenkirchen getan hat, vor allem während und bei Ende des Zweiten Weltkrieges. Der „Krippelvater“ wird in Kötzting unvergessen bleiben.

Dass Max Wanninger Humor bewies, kann man vielleicht an dem Bild erahnen, dass ihn inmitten von jungen und maskierten Kötztinger Pfadfindern  zeigt.

Fasching 1959 mit Kötztinger  Jungpfadfindern
v.l. Peter Schamberger, Max Wanninger, Fischer Willi (Finanzamt) Englmeier Franz und Schnabel Carl (Architekt)

Der „brave Bub“

Max Wanninger sorgte dafür, dass das Leben seine heitere Seite behielt. Einmal, bei der Besichtigung der Krippe in St. Veit, fragte er die Besucher, ob sie wohl herausfinden könnten, welcher Bub der bravste von allen hier versammelten Figuren sei, weil er nicht mehr „in d’Hosn macht“. Es war nicht leicht, den kleinen Karl zu entdecken, der hinter der Tür eines winzigen Hauses auf dem Nachttöpfchen saß. Der „Krippelvater“ hielt diese Demonstration des menschlich allzu Menschlichen dann doch nicht für schicklich in der frommen Nachbarschaft des Stalles von Bethlehem und ließ beides bald wieder verschwinden.

DIA-Repro 1157 Max Wanninger im Kreise seiner Familie
Hausname "Bouzalwonga", war auch Auktionator

Im Jahre 1953 schrieb die Kötztinger Umschau anlässlich seines 75. Geburtstages:

"Max Wanninger zum 75. Geburtstag

Kötzting. In voller Gesundheit kann heute Montag der Kirchenpfleger Max Wanninger von hier seinen 75. Geburtstag feiern. Am 12. Oktober 1878 wurde er als Sohn der Landwirtsleute Michael und Franziska Wanninger in Gillisberg bei Chamerau geboren. Nach der Schulentlassung arbeitete er bis zu seinem 18. Lebensjahr auf dem landwirtschaftlichen Anwesen seiner schon damals verwitweten Mutter. 1898 ging er als Wagnerlehrling nach Cham, um schließlich als Wagnergeselle ganz Bayern zu durchwandern. Im Jahre 1901 kam er nach Kötzting, kaufte das Haus Nr. 2 in der Schirnstraße und richtete sich dort eine Wagnerwerkstätte ein, die er bis 1916 betrieb.
Am 8. Januar 1902 verehelichte er sich. Aus der glücklichen Ehe gingen 10 Kinder, 6 Buben und 4 Mädchen hervor. Der Sohn Alois fiel 1942 in Holland. Sein Sohn Max lebt gut verheiratet in Amerika, während Michl als Amtsrat und Albert als Buchdrucker in München leben. Von den Töchtern ist die Maria ebenfalls in Amerika gut versorgt, die Resl in Kötzting und die Tochter Fanny in Straubing verheiratet. Schon 27 Jahre ist Max Wanninger Kirchenpfleger der Pfarrei Kötzting. An allen Sonn- und Feiertagen sieht man ihn in den Gottesdiensten eifrig die Kirchensammlung einholen. 30 Jahre gehört er schon dem Kirchenrat an. Mehr als 25 Jahre befindet sich das „Kripperl“ in der Veitskirche in seiner Obhut, das er besonders zu Weihnachten schön zu gestalten weiß. Unermüdlich trägt er bei allen Begegnungen die Kirchenfahnen und betet vor dem Hochaltar in den Kirchen. Seine Lieblingsbeschäftigung ist im Sommer das Suchen von Schwammerln. Max Wanninger erfreut sich bei der gesamten Bevölkerung allgemeiner Beliebtheit. Hatte er doch für jeden Mensch, der in Not geraten ist, stets eine offene Hand. Sein ganzer Stolz ist eine wertvolle Sammlung von Schnupftabakgläsern, die in die Hundert geht. Eis Prischen schmeckt ihm noch allweil gut. Auch die Kötztinger Umschau wünscht dem Altersjubilar einen recht frohen gesunden Lebensabend im Kreise seiner Lieben."

DIA-Repro 1312 Goldene Hochzeit im Hause Wanninger

Anlässlich seines 80. Geburtstags veranstaltete die Kötztinger Kolpingsfamilie einen eigenen Festabend für ihn.

Die Kolpingsfamilie ehrt in Dankbarkeit den Wanninger Vater
60 von 80 Lebensjahren im Gesellenverein / eine selten schöne Geburtstagsfeier

"Kötzting. Festlich geschmückt war der Jauuelsaal am Montag, von den Bannern der Kolpingsfamilie flankiert, stand die Büste des Gesellenvaters Adolf Kolping. Eine alte Fotografie kündete von der stolzen Tradition der Kötztinger Kolpingsfamilie. In diesem Rahmen vollzog sich eine Feierstunde, die zu Ehren und aus Dankbarkeit für Kirchenpfleger Max Wanninger anlässlich seines 80. Geburtstages ausgerichtet worden war. Die Kolpingssöhne und viele Freunde und Gönner waren gekommen, um dem Wanninger-Vater zu beweisen, wie beliebt er ist und welcher Wertschätzung er sich in allen Kreisen der Bevölkerung erfreut.

„Unternimm nichts, worauf du nicht den Segen des Himmels erbitten kannst“, mit diesem Satz leitete Alt-Senior Sonnleitner eine kurze Ansprache ein, in der er aber all das sagte, was die Kolpingsfamilie einem ihrer Treuesten sagen wollte. Max Wanninger sei ein Mann, ganz im Sinne Adolf Kolpings. Die Kolpingsfamilie wolle ihm für seine Treue danken, für sein Wirken im Laienapostolat, für seinen Frohsinn und Humor, den er sich bis zum heutigen Tage bewahrt und mit dem er schon viele Menschen erfreut hat.  Nachdem der Alt-Senior seine herzliche Gratulation zum Ausdruck gebracht hatte, übermittelte der 2. Bürgermeister Josef Barth die Grüße und Wünsche der Stadtverwaltung.
Präses H. H. Koop. Bodner ging ganz auf den Humor des Jubilars ein und sprach ihm mit launigen Worten aufrichtigen Dank und herzliche Anerkennung aus. Er betonte, dass es der Kolpingsfamilie heute nicht in erster Linie darum gehe, den 80. Geburtstag des Wanninger-Vaters zu feiern, sondern ein Jubiläum viel seltener Art. Max Wanninger hat von seinen 80 Lebensjahren 60 im Kreise des Gesellenvereins verbracht und in der Kolpingsfamilie eine echte Heimat gefunden. Seine Aktivität von frühester Jugend auf sei beispielhaft; es war der Kötztinger Kolpingsfamilie daher ein Herzensbedürfnis, diese Treue und die vielen Verdienste mit der Ehrenmitgliedschaft in Dankbarkeit zu quittieren.
Präses Bodner überreichte dem Jubilar eine, von Meister Hofmann geschmackvoll gefertigte Ehrenurkunde und bereitete ihm im Namen aller Kolpingssöhne mit einer Goldplakette, die das Bildnis des verstorbenen großen Papstes Pius XII. trägt, eine Freude, wie sie, so sagte uns Max Wanninger, nicht größer hätte sein können.

Für den Krieger- und Veteranenverein gratulierte mit einem kleinen Angebinde Vorstand Simon Bauer, während die Feuerwehr mit der Fanfarenkapelle des Spielmannszuges als Gratulant aufmarschierte. Die Kapelle Traurig sorgte mit beliebten alten Weisen für die musikalische Unterhaltung, der Männerchor unter Leitung von Oberlehrer Mieleitner überraschte und erfreute mit schönen Volksliedern und Herr Franz Liebl, der bekannte Spaßvogel und glänzende Unterhalter, gab wieder einige seiner humoristischen Einlagen zum besten.

Von so vielen Aufmerksamkeiten tief beeindruckt, dankte der Wanninger-Vater sichtlich gerührt allen, die ihm an diesem Abend die Ehre gegeben haben. „Sie dürfen versichert sein, dass Sie mir eine große Freude bereitet haben. Ich werde diesen herrlichen Abend nicht vergessen, so lange ich noch lebe“. Und dass Herr Wanninger noch recht lange leben, gesund bleiben und seinen Humor behalten möge, das wünschen auch wir ihm von Herzen."



Von Haymo Richter gibt es in eine persönliche Erinnerung an Max Wanninger mit einer ganz detaillierten Schilderung all der vielen Details der Weihnachtskrippe und über ein sehr persönliches Treffen mit dem Kripperlvater.

"Erinnerung an den" Kribbalvadda" Wanninger -

Seine Krippe in der Veitskirche war eine kleine Wunderwelt Auch heute drückte ich wieder meine Nase an der Glasschheibe vor der Krippe in der Veitskirche blatt. Die große Krippe unter der Empore der Kirche war in der Vorweihnachtszeit ein Magnet. Oft ging ich nach dem damals üblichen Nachmittagsunterricht in die Kirche. Es war immer ein Erlebnis, weil sich in der Krippe viele Figuren bewegten. Ein Mühlrad drehte sich, ein Fischer holte sich mit der Angel Fische aus dem Teich . Wenn man an einem Schlitz ein Fünferl einwarf, nickte der der Mohr artig mit dem Kopf und zeigte das Schild " Vergelts Gott". Ich opferte wieder ein Fünferl. Da war allerhand los in der Krippenlandschaft.

In einigen Häuschen brannte das Licht, an der alten Mühle drehte sich das Mühlrad. Der dicke Wirt vor seinem Gasthaus grüßte die Gäste freundlich und schwenkte mit dem Hut, der Mesner läutete im Turm der Dorfkirche die Glocke. Rechts oben war ein kleines Dorf und in den Häuern brannte Licht. Im Hintergrund näherte sich eine Karawane mit Kamelen und einem riesigen Elefant. Ein Gefolge begleitet die festlich gekleideten Könige.
Auf einer Wiese weideten von Hirten bewacht Schafe, ein Hirtenfeuer brannte. In einem kleinem Stall standen Ochs und Esel und drüber leuchtete ein großer Stern. In eine Krippe lag das Kind und davor knieten Maria und Josef.
Zum Höhepunkt und zum Schluss der mechanischen Vorführung erschien das Christkindl. Das Tor der Dorfkirche öffnete sich. Durch das Portal kam segnend ein Christkindl mit der Weltkugel in der Hand heraus drehte um und kehrte dann in die erleuchtete Kirche zurück. Eine Melodie begleitete die Szene. Das Tor ging automatisch zu. Es war eine faszinierende kleine Zauberwelt.
Ich bemerkte gar nicht dass ein Mann in die Kirche gekommen war und plötzlich jemand hinter mir sagte " Gfoids da des Gribbal, ha ?
Ich erkannte ihn an der Stimme, es war der Herr Wanninger, der Kirchenpfleger.
Er war ein Schafkopfreund meines Großvaters.
Er, da Winterschneider, da Meidinger Karl und der Landgraf Postbot spielten sei jeher jeden Sonntagnachmittag bei der Mesner Marie im Waldfrieden Schafkopf oder Tarok.
Man nannte den Herrn Wanninger auch Kripperlvater. Er kümmerte sich das ganze Jahr um die Krippe, ergänzte Figuren oder stellte sie anders, dem Thema des Kirchenjahres entsprechend, zusammen.
Der Wanningervater war ein Bastler, er konstruierte allerhand kuriose Dinge, zum Beispiel eine Geldmaschine.
"Jeden Tag muss ich nachschauen sagte er, immer wieder fällt eine Figur oder ein Licht aus, erkläret er mir, derweil er sich eine Bris selbstgeriebenen Schmalzler in die Nase zog und den Rest der daneben ging mit dem roten Sacktüchl von der Nase und vom Leibl wegwischte.
Mittlerweile war es still geworden, die Lichter gingen aus ,der Fünferleinwurf war aufgebraucht.
"Mei war des jetzt schö". sagte ich, "kanntn sie Sie des vielleicht alles no amoj einschalten? "
" Weis das das du bist, schalt i no amoj ei " Er öffnete eine Türe an der Brüstung der kleinen Wunderwelt, es dauert eine Weile und dann war alles wieder in Bewegung.
Das Kirchentor öffnet sich und das Christkindl kam wieder heraus. " Habts es a a Gribbal dahom", wollte der Wanninger Vater wissen.
"Na, mia hama koane Figurn und außerdem ham mia a koan Bloz"
" Woast wos, na gehst mit mir in mei Werkstatt, na gib i dir Figuren, de kannst dann unterm Christbam oder am Fensterbretll afstelln."
Ich ging mit ihm in seine Werkstatt in der Gehringstraße.  Da wimmelte es von Krippenfiguren. Zu jeder Figur konnte er eine Geschichte erzählen und jede Figur hatte einen Namen:

" Des is zum Beispiel da Waldmann, mei Nachbar, und des is da Kothbauer Uhrmacher, dann kimmt da Kerscher Bäck, da Oexler Vitus, da Hofa Boda, da Naze Sepp, dann kimmt da Huawa Draxler, des da hint is da Schwarzanderl Gang, glei danem da Achtler Peter und da Wirts Girgl, ajso lauter Kötztinger Originale." Die so bezeichneten Figuren standen der Reihe nach in einem Regal.

Da Wanninger Vater beschenkte mich dann reichlich." Ajso da schau her, do host a Maria und an Josef, a Krippel mit dem Kindl, an Ochs und an Est, na host alles beinand, mehra brauchts derweil ned ".
Glückseelig marschierte ich über die Rieslhöh nach Hause. Der Vater bastelte noch ein Krippenhäusl fürs Fensterbrettl, ich besorge Moos, Heu und Stroh.

Der Heilige Abend konnte kommen.

Einschub:
Der Nachbar Waldmann wohnte genau gegenüber in der Gehringstraße - später das Cafe CC, nun ein geschlossenes Chinarestaurant. Dann geht´s die Gehringstraße hinauf: Kotzbauer Uhrmacher ist heute noch ein Uhrengeschäft, das Haus des Vitus Oexler, seines Zeichens ein Buchdrucker, musste dem neuen Parkhaus weichen. Gegenüber dann die beiden Häuser an der Kreuzung: Hofer Bader und Kerscher Bäck. Oben drüber war das Wohn und Geschäftshaus des Huber Drechslers.
Der Naze Sepp ist schon dem alten Parkhaus zum Opfer gefallen.
Der Schwarzanderl Gang ist heute ein Geschäftshaus und Wohnhaus am Marktplatzeck und beim "WirtsGirgl" kann man heutzutage asiatisch Essen. Bleibt noch der Achtler Peter, dessen Haus an der Marktstraße wohl bald Geschichte sein wird und einem moderneren Wohngebäude weichen muss.
Einschub Ende

In der Widmung anlässlich seines 75. Geburtstags ist bereits von seiner umfangreichen Schnupftabakdosensammlung die Rede. Im Januar 1957 war diese der Kötztinger Zeitung einen längeren Artikel wert.



Kötztinger Zeitung vom 19.1.1957


"Kötzting. In unserer schnelllebigen Zeit scheint auch das, was man mit dem schönen Wort „Genuss“ bezeichnet, immer mehr der Mechanisierung zu verfallen. Nur so kann es verstanden werden, wenn die alten Tabakschnupfer immer weniger werden und sich die Männer – und manchmal auch die Frauen – immer mehr dem Rauchen verschreiben. Diese Entwicklung mag wohl der Kötztinger Kripplervater Wanninger schon lange vorausgeahnt haben, denn schon seit seiner Jugend sammelt er Schnupftabakflaschen. Früher gehörte doch zum Manne unbedingt die Schnupftabakdose. In manchen Museen findet man kostbare Exemplare von Tabatieren, die Fürsten und Könige besonders verdienten Untertanen als Zeichen ihrer Huld verehrten. Doch sind es nicht diese Prunkstücke, die sich in dieser Sammlung zeigen, sondern der Wanningervater hat gerade die für den täglichen Gebrauch des einfachen Waldlers bestimmten Flaschen gesammelt. Denn die Flasche ist in ihrer Form die gegebene Tabatière, schön flach kann man sie in jedem Hosensack unterbringen und dennoch hat man stets sein erforderliches Quantum Schmalzler bei sich.

In der „guten alten Zeit“ gab es eine Industrie, die sich mit der Herstellung dieser Flascherl befaßte. Ihre Zentren in unserer Gegend waren die Spiegelauer Glashütten und die Oberpfälzer Rubinwerkstätten. Das älteste Glas, das unser Sammler mit besonderem Stolz vorweist, ist bereits über 200 Jahre alt und stammt noch aus der Zeit, da der Glasbläser noch jedes einzelne Stück kunstvoll schliff und das Pressglas noch unbekannt war. Die weitere Entwicklung der Glasbläserei läßt sich an diesen Gläsern verfolgen. Man findet da Mascherlgläser, in die kunstvolle Schleifenmuster eingeblasen sind, die Mascherl, daneben Pfauengläser, die das Muster eines Pfauenauges tragen, aber auch Preßsackgläser, die wirklich wie ein gläserner Presssack ausschauen. Ein besonders wertvolles Stück der Sammlung ist ein Flascherl, das nach dem Siebzigerkrieg seinen Weg nach Kötzting gefunden hat und mit seiner zierlichen Perlenverkleidung aus Frankreich stammt.

Die Flascherl waren aber nicht nur dazu da, in den Hosensäcken ihrer Besitzer zu verschwinden, denn es bieten sich dem Beschauer in den Regalen auch recht beachtlich große Stücke dar, die kaum ein Riese Goliath hätte einschieben können. Es sind dies die Flaschen, in denen man seinen Gästen eine Prise anbot. Manchmal kann man auch heute noch in einer Apotheke oder einer Kanzlei diese Exemplare antreffen, nur dass sie jetzt meistens aus Ton hergestellt werden. Das Prunkstück in dieser Reihe ist mit dem Namenszuge des Leo von Sperl, des Gründers von Sperlhammer, gezeichnet. Auch nette Verslein sind in diese Flaschen eingeschliffen. So findet man auf einer die Aufforderung „Schnupf Bruder, das ist ein guter, nimm dir keinen großen Haufen, denn ich muss ihn selber kaufen.“

Einen besonderen Platz nehmen auch die Handwerkergläser ein. In ihren Symbolen zeigen sie, dass sie einem Bäcker oder einem Bürstenmacher oder auch einem Bauersmann gehören. So spiegeln sich in diesen Flascherln, die in einem langen, von der Liebe zur Heimat und ihrer Art erfüllten Leben zusammengetragen wurden, die Lebensart einer immer mehr versinkenden Zeit wider.


Ende Februar 1962 endete dann das erfüllte Leben des so beliebten Kötztinger Mitbürgers, Anfang März fand dann die Beerdigung. 


Schon sehr schnell war auch die Frage geklärt, wie es mit dem "Kripperl" in der St. Veitskirche weiter gehen sollte. Für den Anfang zumindest  war zügig eine Nachfolge gefunden worden, wie Frau Serwuschok im Jahre 1963 berichtete:

KU vom Januar 1963

Kötzting. Die Krippe in der St.-Veits-Kirche hat dem Kirchenpfleger Max Wanninger den ehrenden Beinamen „Krippenvater“ eingebracht. Als der Hüter des mit reizenden Figuren dargestellten weihnachtlichen Geschehens und seines lebendigen Mechanismus die Augen für immer schloss, bestand die Befürchtung, dass die Darstellungen aus dem Leben Christi in der Veitskirche ebenfalls zum Sterben verurteilt sind. Es wäre um sie schade gewesen, denn vor allem den Kindern hat es viel Freude bereitet, wenn man für ein Zehnerl die ganze Szenerie in Betrieb setzen konnte: das Licht schaltete sich ein, die Figuren fingen sich zu bewegen an und überall schien es lebendig zu werden. Auch die Erwachsenen sahen dieses kleine Schauspiel gern und kaum ein Feriengast durfte es versäumt haben, allein aus diesem Grunde die Veitskirche zu besuchen. Inzwischen haben sich nun doch zwei Männer der Krippe angenommen, die in ihrer Darstellung ein wenig einfacher gestaltet worden ist: Malermeister Sepp Zahorik schuf eine neue Kulisse und Elektro-Gerät setzte die gesamte Stromanlage in Ordnung. Auch der äußere Rahmen wurde entsprechend überholt. So kann das Werk des Krippenvaters Max Wanninger weiterleben das ganze Jahr hindurch.

Wie ging es weiter mit der Kötztinger Weihnachtskrippe?

Damit ist das Kapitel der Kötztinger Weihnachtskrippe aber noch nicht beendet. Frau Isabell Dachs spannte 2015 dann den Bogen von den Anfängen dieser Krippe bis zur Neugestaltung des "Nachfolgermodells", da bis auf die Christusfigur - mitsamt der Mechanik -  alle anderen Bestandteile  der historischen Krippe verschwunden waren.
Foto Isabell Dachs



Isabell Dachs im Jahre 2015 in der Kötztinger Umschau:



BAD KÖTZTING. Krippen, die das Geschehen um die Geburt Christi darstellen, sind aus der Weihnachtszeit nicht mehr wegzudenken. Sie verbinden die Bilderwelt der Adventszeit mit dem Dreikönigsfest. Die Weihnachtskrippe in unserer Stadtpfarrkirche „Mariä Himmelfahrt“ hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich.

Unter Pfarrer Georg Rosenheimer, der von 1928 bis 1941 in Kötzting tätig war, entstand mit Unterstützung des Christlichen Müttervereins eine Krippe, die noch viele Bürger in Erinnerung haben. Der in Kötzting als „Kripperlvater“ bekannte Max Wanninger, damals Kirchenpfleger, betreute diese bis zu seinem Tod. Anfangs stand sie in der St. Anna- Kapelle, bevor sie 1938 in die St. Veitskirche umgesiedelt wurde.

Marianne Hasenberg-Klein, Urenkelin von Max Wanninger erinnert sich noch gut, mit welcher Hingabe ihr Urgroßvater die voll mechanisierte Krippe pflegte und umgestaltete. Handelte es sich doch um eine Ganzjahreskrippe, in der verschiedene biblische Themen dargestellt wurden. Wanninger versuchte stets, alles möglichst lebensecht darzustellen. Legendär wurde die „Hochzeit zu Kana“, für die vier Spatzen ihr Leben lassen mussten. Eigens dafür zubereitet, stellten sie die Gänsebraten bei der Festlichkeit dar. Gingen ihm für die Darstellungen die Figuren aus, so bediente sich Wanninger oftmals ungefragt aus dem Puppenhäuschen seiner Urenkelin, wofür sie als kleines Mädchen kein Verständnis aufbringen konnte und entsprechend traurig war, wenn ihre Puppen nicht mehr auffindbar waren.

Besonders für Kinder war die Krippe in der Veitskirche ein Erlebnis, bei der nach Einwurf eines „Zehnerls“ das Licht anging, Brunnen plätscherten, sich Figuren bewegten und das Christkindl aus einem sich öffnenden Tor kam. Beim Aufbau der Weihnachtskrippe 1961 erkältete sich Max Wanninger schließlich so stark, dass er im Februar darauf mit 84 Jahren verstarb. Nach seinem Tod war auch die Krippe verwaist und es verschwanden die Figuren daraus spurlos, die ursprünglich Fratres aus dem Kloster in Neukirchen gefertigt hatten. Nur das Christkindl samt Mechanik blieb erhalten und wurde durch Stadtpfarrer Herbert Mader gesichert.

Erst 1981 wurde die Krippe auf das Bestreben des damaligen Kirchenpflegers Franz Sonnleitner durch Bäckermeister Josef Kerscher reaktiviert. Kerscher hatte als Ministrant unter Kooperator Alois Thoma (von 1935 bis 1938 in Kötzting) seine erste Krippe gebaut und war Liebhaber von Modelleisenbahnen.

Sammlung Serwuschok: Josef - Bepp - Kerscher
 Er nahm sich der verwaisten Krippe an, gestaltete die Landschaft neu und baute mit viel Liebe und Detailtreue neue Gebäude. Auch wurden neue Figuren angeschafft, die aus der Holzschnitzerei Lang in Oberammergau stammten. Unterstützung in Sachen Krippe fand Kerscher beim Ehemann der damaligen Mesnerin, Wolfgang Stammberger und bei "Hilfsmesner" Ulrich Hofmann. Auch Kerschers Frau Anna half mit, bei der Gestaltung der Krippe. Sie fürchtete oft um die Gesundheit ihres Mannes, der sich in den Wintermonaten stundenlang in der kalten und feuchten Veitskirche aufhielt.

In den 90er Jahren war die Krippenbetreuung für den Bäckermeister schließlich zu anstrengend geworden. Es wurde ein Nachfolger gesucht und in Prädikant Walter Scholz gefunden. Nach ihm kümmerte sich Richard Wimmelbacher noch darum, bevor sie in der Veitskirche wieder in Vergessenheit geriet. Stadtpfarrer Herbert Mader nahm sich ihrer schließlich im vergangenen Jahr an und holte sie wieder aus der Versenkung. Die Krippe wurde in die Stadtpfarrkirche gebracht, da sie in der stets feuchten Veitskirche doch ziemlich gelitten hatte. Zudem hatten Motten die Kleidung der Figuren komplett zerfressen.

Foto Isabell Dachs

Pfarrer Mader fand Unterstützung in einer Frau, die nicht genannt werden möchte und die sich der neuen Einkleidung der Figuren annahm. Sie schuf nun eine Mischung aus Tradition und Moderne, indem die meisten Figuren in Tracht oder Zunftkleidung auftreten. Aber auch eine modern gekleidete Familie findet ihren Platz in der Geschichte der Geburt Christi. Was in Bad Kötzting natürlich nicht fehlen darf, ist ein als Pfingstreiter gekleideter Mann, den Pfarrer Mader der Heiligen Familie direkt zur Seite gestellt hat. Am rechten Seitenaltar wurde zudem der dort vorhandene Tabernakel als Dekorationselement genutzt. Von hinten beleuchtet stellt er das Himmeltor dar, aus dem der Engel hervortritt.
Foto Isabell Dachs: Auch eine modern gekleidete Familie macht dem Christkind seine Aufwartung

Foto Isabell Dachs: Ein Mann in Pfingstreitertracht huldigt der Heiligen Familie

Stall und Nebengebäude hat Mader in eine Gebirgslandschaft drapiert, deren Felsen aus der eingestürzten Burgmauer stammen. Selbst der Weinstock, der für den Einsturz der Mauer mit verantwortlich war, hat nun seinen Platz in der dargestellten Weihnachtsbotschaft gefunden. (kid) 

Foto Isabell Dachs: Die Krippe zeigt eine Gebirgslandschaft mit dem Tabernakel als Himmelstor darüber


Am Schluss nun noch einige weitere Szenen aus der neuen Kötztinger Weihnachtskrippe:
Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs

Foto Isabell Dachs


Seit Herbst 2025 gibt es darüber hinaus eine besondere Neuerung: die Interaktive Karte Kötztings. Auf ihr sind alle bisherigen Beiträge zur Häuserchronik sowie zahlreiche weitere historische Themen direkt in einer Stadtkarte verortet. Jeder Marker führt mit einem einzigen Klick zu den passenden Blogbeiträgen – übersichtlich, schnell und jederzeit abrufbar.
Die Karte funktioniert auf jedem PC und auch auf Mobilgeräten. Wer möchte, kann sie sogar als kleine App auf dem Smartphone speichern und wie ein eigenes Programm starten.

Wer neugierig geworden ist und sich auch manche Beiträge über andere Kötztinger Anwesen ansehen möchte, kann die Karte hier öffnen:    🗺️ Interaktive Karte Kötzting öffnen

Auch dieser Beitrag ist bereits auf dieser "interaktiven Karte" Karte mit einem "Marker" versehen und kann unter der Gruppe "Kötztinger Allerlei" (= der weiße Pfeil) aufgerufen werden..... einfach mal versuchen. 









Samstag, 9. Dezember 2023

Kötzting 1924

 In diesem Jahr ist es erneut wieder möglich, auf die Ausgaben der damaligen Kötztinger Tageszeitung, dem "Kötztinger Anzeiger" zurückzugreifen, der sich in einem - fast - lückenlosen Bestand in der Bayerischen Staatsbibliothek in München erhalten hat.


In der Hyperinflation des Vorjahres war zwar ein Stillstand eingetreten, nichts desto trotz waren die nominellen Beträge des Papiergeldes fast unaussprechlich. Deshalb wurde mit Datum des 2.1.1924 zumindest mit einem Buchhaltertrick - sprich einer neu eingeführten Abkürzung der Währungsbezeichnung - dies etwas vereinfacht, in dem kurzerhand entschieden wurde, dass zukünftig 1 Billion Reichsmarkt 1 BillM entspräche und Beträge unter 10 Milliarden als "nicht geschrieben" eingeordnet werden müssten, also unter den Tisch fallen konnten. Nun war langsam auch wieder ein vernünftiges Wirtschaften möglich und so änderten sich auch sogleich die Geschäftsanzeigen, die im Vorjahr fast ausschließlich aus Ankündigungen von Preissprüngen bestanden.
Manche Gewerbebetriebe, vor allem die Brauereien und Wirtshäuser, stellten den Betrieb sogar zeitweilig ganz ein und konnten nun endlich wieder ihre Kundschaft bedienen.
Liest man manche der Geschäftsanzeigen etwas genauer, so muss man den Eindruck gewinnen, dass die meisten Gewerbebetriebe, Brauereien, Gaststätten, Bäckereien usw. gegen Ende des Vorjahres ihren Betrieb komplett eingestellt hatten, bzw. einstellen mussten.
Vereinsfeste konnten nicht mehr gefeiert werden, Jubiläen und Fahenweihen mussten abgesagt werden und all dies wurde nun nachgeholt.
So gut wie alle Gemeinden des Landkreises Kötzting  hatten für ihre Gefallenen des Weltkrieges besondere Gedenkstätten geplant, die dann aber als Baustellen brach liegen gelassen werden mussten. 
Es setzte ein kleiner Bauboom ein und sogar regelrechte Großprojekte wurden ins Auge gefasst. 
Das ganze Jahr hindurch reihten sich nun Feste, Bälle, Einweihungen, Fahnenweihen und Geschäftseröffnungen. Kötzting versuchte vieles nachzuholen und dies erinnert auch ein wenig an die bekannten 20er Jahre in Berlin.
In diesem Beitrag werden nun manche der Neu- und Wiedereröffnungen aufgeführt, wobei es schon überraschend ist, dass offensichtlich sogar die Bäckereien ihren Betrieb eingestellt hatten. 
Da es im Jahre 1923 im zweiten Halbjahr viele Anzeigen der Bäckereien gegeben hatte, die alleine das Ausbacken fremder Teige annoncierten, kann man rückschließen, dass es ihnen gar nicht mehr möglich gewesen war, Rohware - sprich Mehle - in großem Stil zu erhalten und es den Kunden überließen solches zu kaufen und sie danach nur noch deren Waren ausbuken.

 










Wintersport in Kötzting

Das Kötztinger Pferdeschlittenrennen

Anfang Januar gab es 1924 anscheinend ausreichend Schnee - auf dem Arber waren 250 cm gemeldet -, denn für Sonntag, den  13. Januar wurde von einem "Renncomite" zu einem großen Pferdeschlittenrennen auf der Auwiese eingeladen. Bei den Veranstaltern des Rennens waren die neuen Währungsabschläge jedoch noch nicht angekommen, weil diese noch von "schönen Preisgeldern  von 10 Billionen abwärts" sprachen.



KA vom 8.1.1924

Hier das Ergebnis dieses Rennens:



 Nach dem großen Erfolg des Schlittenrennens, kam es 3 Wochen später zu einer Neuauflage:







Und weiter gings mit den Winteraktivitäten


Vom Kaitersberg - bzw, - vom Reitenberg herab wurde ebenfalls ein Schlitten- und Skirennen organisiert, wobei die Kombination dieses Sportereignisses mit einem Wurstball - in der Reihenfolge zuerst Wurstball und dann anschließend eine Bergrennen - sicherlich spektakuläre Bilder für die Zuschauer geboten hatte. 


Nicht nur herunter von Reitenstein, auch herab vom Ludwigsberg gab es damals eine Rodelbahn, die auch sehr gerne von Erwachsenen ge- und benutzt wurde und offensichtlich in den Kurvenbereichen gar nicht " so ohne" gewesen war, wie manche Unfallberichte zeigen. Ein Schlitten, besetzt mit drei Herren, war vermutlich eher ein Zugschlitten zur Winterarbeit und möglicherweise nur schwer zu lenken.


Die drei "Herren" waren sicherlich nicht mit solch einem Stuhlschlitten unterwegs gewesen, der sich eher dafür eignete, Kleinkinder im Schnee zu schieben. Ich erinnere mich noch gut daran, dass solch ein Schlitten bei uns Zuhause als "Deko" in einer Ecke des Treppenaufganges stand, ochsenblutrot lackiert und mit einer weißen Schubstange versehen.

In den Zeiten, als ununterbrochene Kühlketten noch nicht erfunden waren, konnten Fische nur in "eingelegter" Form bis weit herunter ins Binnenland transportiert werden. Wenn die Ware dann endlich eingetroffen war, war dies ein Fall für eine Werbeanzeige der größeren Kötztinger Lebensmittelhändler..


Im Jahre 1924 war Julius Kirschner mit seinem Laden noch gleichberechtigt mitten unter seinen Kollegen gestanden, dies sollte sich schlagartig mit dem Januar 1933 ändern.
Es ist genau DER Julius Kirschner, den man mit Fug und Recht als "Mister FC-Kötzting" bezeichnen darf, denn ohne ihn und seine Tatkraft würde es den Kötztinger Traditionsverein gar nicht geben. Mit Mut, Energie und privatem Geld hat Julius Kirschner den FC Kötzting bis hinein in das Dritte Reich angeführt und massiv unterstützt. 
Das Ergebnis der Vorstandswahl bestätigte Julius Kirschner in seinem Amt als 1. Vorsitzender. Sein Stellvertreter wurde der Metzgermeister Josef Barth.


Hierzu passt dann auch noch das Riesenprojekt, dass der FC- Kötzting unter der Leitung von Julius Kirschner und dem Kötzting Orchesterverein geschultert hatte, eine waschechte Operette, "die Winzerliesl" wurde im März 1924 im Januelsaal gleich mehrmals gegeben und durch den ausführlichen Zeitungsbericht, der über diese Aufführung und deren begeisterten Aufnahme schrieb, können wir ein auf das Jahr 1924 datiertes Bild einer Kötztinger Theatertruppe auch dieser Operettenaufführung zuordnen.


DIA-Repro 414: ganz links haben wir an der Trommel Sperl Schorsch und in dem dritten Herrn von rechts mit Krawatte und Oberlippenbart haben wir unseren Julius Kirschner.

Nicht nur die Geschäfte, Handwerker und Wirtshäuser atmen nun mit dem Jahreswechsel und dem damit verbundenen Ende der Inflation laut hörbar auf auch private Projekte werden nun angeschoben und eines davon ist ein spektakuläres riesiges Multifunktionsgebäude, dass Michael Herre in der Bahnhofstraße plante. Im Februar 1924 stellte er seinen Plan, einen "großen modernen Saal" zu bauen beim Marktrat vor und erhält von diesem nicht nur grünes Licht, sondern auch die Zusage, solch einen Bau auch mit einem markteigenen Darlehen in Höhe von 80000 Mark zu unterstützen, "falls ein solches überhaupt und zu annehmbaren Zinsfuß zu erhalten ist."

Solch ein Multiplexhaus stünde heutzutage in der Bahnhofstraße

.......leider ist dieses Großprojekt über die Genehmigungsphase nicht hinausgekommen.



Es steht zu vermuten, dass das die Planung und das Genehmigungsverfahren aus den Jahren 1924 und 1925 ein Opfer der Weltwirtschaftskrise geworden sind, denn grundsätzlich stand die Ampel von Seiten des Magistrats bereits auf grün. Eine andere Erklärung dafür, dass aus diesem tollen Projekt nichts wurde, könnte auch sein, dass ziemlich zeitgleich auch der Kötztinger Turnverein sein Projekt mit dem Bau einer Turnhalle betrieb, und damit ja ein großer Saal in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen würde.

Eine mir bis dahin vollkommen unbekannte "Kosmosgemeinde" hielt am 5.3.1924 im Gasthaus Decker einen Bildervortrag und ich musste selber erst recherchieren, was sich hinter diesem Namen verbirgt. Es ist dies eine Naturschutzparkbewegung, die lt. Wikipedia im Jahre 1912 bereits über 100000 Mitglieder aufwies.




Johann Hubrich
, Forstmeister,  Ehrenvorsitzender des Kötztinger Männer=Gesangsvereins und bereits seit dem Jahre 1897 Ehrenbürger des Marktes Kötzting  feierte am 8. April seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass wurde ihm am Abend ein Fackelzug mit Ständchen des Männer=Gesangsvereins dargebracht.

DIA-Repro 559 Johann Hubrich Kötztinger Ehrenbürger


Es ist allgemein festzustellen, dass nach dem schieren Überlebenskampf im Jahre 1923  - mit der explodierenden -  Hyperinflation nun regelrecht schlagartig die Menschen wieder feiern wollten. Es gab Wurstbälle landauf und landab, es wurden Konzerte angeboten. 
Sogar nur eine Woche vor dem Osterfest, stieg eine große Jubelfeier. Der Bayerische Kriegerbund ferite sein 50jähriges Jubiläum und das mit einem "Zapfenstreich mit Serenade vor den beiden Kriegerdenkmälern" am Vorabend. Danach konnte die Kötztinger Musikkapelle den neuerbauten Graßl-Saal schon einmal einweihen. Am nächsten Morgen um 5 Uhr früh dann der Weckruf mit Böllersalven, einer Festmesse vor St. Veith. Es wurden Bundesgedenkmünzen verteilt und danach schritten 300 Besucher zum Festmahl. 

Nur dem schlechten Wetter war es geschuldet, dass das  geplante "Familienprogramm" am Dregerkeller ausfallen musste. Die Teilnehmer wurde dann aber durch einen zweiten Festabend im Graßl-Saal belohnt, bei dem der Männergesangsverein Kötzting und die Musikkapelle Kötzting ein Konzert gaben.
So knapp vor dem Pfingstfest eines solch große Veranstaltung anzusetzen und auch die Menschen erkennbar anzuziehen, zeugt davon, dass die Bevölkerung einfach wieder Freude am Leben haben wollte, und das ging 5 Tage später gleich so richtig weiter.

Pfingsten 1924 


Pfingsten kommt näher und Kötztinger hatte gerade noch rechtzeitig einen neuen Saal erhalten - vielleicht war auch dieser neue Saal, zusammen mit der projektierten Turnhalle - einer der "Sargnägel" für das Großprojekt Herre Michaels. Jedenfalls stand im Kötztinger Anzeiger in einem Vorbericht für Pfingsten:" Dank der Unternehmungslust und trotz der riesigen finanziellen Opfer unseres Mitbürgers Herrn Franz Graßl ist es zustandegekommen, einen geräumigen 160 Quadratmeter faßenden Saal mit Gallerie herzustellen, der 8 Tage vor Pfingsten seiner Vollendung entgegensieht. Wirklich eine begrüßenswerte Idee und ein unbedingt notwendiges Bedürfnis dieses Saalbaues in unserem schönen markte Kötzting."

StA Landshut Baupläne Landkreis Kötzting
Ebenfalls gerade noch zu Pfingsten hatte Karl Kollmaier, der Besitzer mehrerer Gaststätten in Kötzting für seinen "Kollmaierkeller" - heute Bärwurzerei Liebl -  einen neuen Pächter bekommen, der gleich mit einer großen Einstandsfeier seinen Keller eröffnet.

Und dann war Pfingsten auch schon da.

Das Kötztinger Pfingstprogramm umfasste nur die drei Tage von Pfingstsonntag bis zum Dienstag, ein Volksfest wurde erst im Jahre 1949 eingeführt und auch erst 1950 auf eine ganze Woche ausgedehnt.
 
Das Pfingstprogramm von 1924

Kötzting, 11. Juni ....... Begünstigt von einem herrlichen Wetter wurde dieser Festtag frühmorgens eingeleitet durch Weckruf. Gegen halb 8 Uhr strömten in ganz gewaltigen Massen bereits die Teilnehmer aus Nah und Fern herzu um zu schauen diese altherkömmliche Sitte, dieses tiefreligiöse Schauspiel, eine Bittprozession zu Pferd. Unter Vorantritt der Kötztinger Musikkapelle erfolgte gegen halb 8 Uhr der Ausritt voraus ein Kreuzträger, zwei Laternenträger und zwei Signalisten, dann der amtierende Geistliche ihm folgend die Pfingstreiter, nahezu 300 an der Zahl aus der engeren und weiteren Umgebung hinein durchs schöne Zellertal zum Nikolauskirchlein nach Steinbühl unter Absingung der 4 hl. Evangelien. In Mustergültiger Ordnung und tadelloser Einteilung bewegte sich der Zug aus kräftigen Männerkehlen Gebete vernehmen ein altes Versprechen unserer Väter nach Männerart einlösen und den ererbten Brauch auf neue zu bekräftigen. In Steinbühl zelebrierte der fungierende Geistliche eine Feldmesse welche den verstorbenen Pfingstreitern für deren Seelenruhe aufgeopfert wurde. Welchen Pfingstreiter mußten hier bei diesem ernsten Moment bei dieser erhebenden Andacht die alten Pfingstreiter nicht ins Gedächtnis kommen, die mit eiserner und zäher Ausdauer durch ihre Beteiligung den Pfingstritt durch ihr vielmaliges Mitreiten verschönerten. In Kötzting fand zu gleicher Zeit bei St. Veit eine Feldmesse statt, bei der Marktgemeinderat und sämtliche Vereins sich beteiligten. Gegen 1 Uhr kündigte Glockengeläute die Rückkehr der Pfingstreiter an, die dann unter den Klängen der Musik und unter den Vorantritt der Behörden und Vereine zum Bleichanger geleitet wurden, wo der herkömmliche Festakt " die Ueberreichung des Pfingstkränzchens" erfolgte. Nach vorausgegangener Festansprache übergab Herr Kooperator Goller, als amtierender Geistlicher das Tugendkränzchen dem Bürgers= und Lohnkutscherssohn Herrn Paul Gerstl für dessen tadellose und sittenreine Vergangenheit. Für 40jährige Teilnahme am Ritte ein Band Hofmann Ignaz, Fuhrwerksbesitzer von Kötzting. Für 25jährige Teilnahme am Ritte eine Fahne: Preiß Franz, Oekonom in Kießlau, Freimuth Franz, Oekonom in Bärndorf, Mühlbauer Johann, Kaufmann in Steinbühl, Meimer Georg, Oekonom in Höfing, Fischer Johann, Oekonom in Wettzell, Graßl Franz, Oekonom in Thalersdorf, Wieser, Oekonom in Tanzstadel bei Viechtach. Mit dieser Uebergabe schloss der offizielle, religiöse Teil des Pfingstrittes. Der Einzug durch die Markt= und Herrenstraße und die Auflösung in derselben beendete den Ritt. Nachmittags 5 Uhr fand der übliche Burschenzug und die darauffolgende Abholung der Pfingstbraut, Frl. Anna Schmidt, Posthalterstochter von hier durch die beiden Brautführer Herrn Karl Kollmaier und Herrn Franz Winter statt, welcher Zug heuer durch die reizende Begleitung von weißgekleideten Mädchen, Fräuleins und Jungherren in schwarzer Wichs einen besonderen Eindruck machte. Nach Beendigung des Burschenmahles nahm unter äußerst stärker Beteiligung im neuerbauten Graßl-Saale die Pfingsthochzeit ihren Anfang. Pfingstdienstag wiederholte sich Burschen und Brautzug und wieder Hochzeit.

Auch der FC- Kötzting versuchte an den Pfingstfeiertagen ein besonderes Programm anzubieten, wobei man berücksichtigen muss, dass es den Sportplatz in der Auwiese noch nicht gegeben hatte. Das heißt, dass auf dem "Bleichanger" - heute der Jahnplatz und an Pfingsten belegt mit den Bierzelten und den Schaustellern - am Pfingstsonntag 2 Fußballspiele ausgetragen worden waren und am Pfingstmontag nach der Feldmesse - aber zuverlässig beendet vor dem Einritt der Pferde - sogar ein besonderes Spiel des Jahn Regensburg gegen die 1. Mannschaft des FCs angesetzt war.
Nachdem die ca. 300 Pferde nach der Kranzlverleihung den Platz wieder verlassen hatte, musste diese3r vermutlich erst wieder "leicht" restauriert werden, bevor die nächsten Punktespiele angerichtet werden konnten. 
Beide Themen, der Jahnplatz mit der Turnhalle und die Anfangsgeschichte des 1. FC-Kötzting sind bereits einmal Themen in diesem Blog gewesen.


Nach Pfingsten folgte wie immer das Fronleichnamsfest, bei dem es ja auch üblich gewesen war, am Vorabend einen Fackelzug zu Ehren der Geistlichkeit zu veranstalten und nach der feierlichen Prozession gemütlich einzukehren. In diesem Jahr war sogar geplant, beim Dreger-Keller ein Konzert zu veranstalten. 
Damit bei der vormittäglichen Prozession auch Jedermann wusste, wo sein "richtiger" Platz war, wurde die Zugordnung vorher in der Presse veröffentlicht.

Zwar nicht aus dem Jahre 1924, aber schon wenige Jahre später haben wir eine Bilderserie - von Josef Barth - die uns diese strenge Prozessions=Zugordnung zeigt.
Foto Josef Barth Fronleichnamszug nach 1933

Foto Josef Barth Fronleichnamszug nach 1933

Vom  31.Mai bis zum 2.Juni war das große Kriegerjubiläum.
Vom 8. bis zum 10 Juni war dann das Pfingstwochenende
Am 16.6. dann - das darauffolgende Wochenende-  das traditionelle Kirchweihfest in Grafenwiesen ebenfalls mit einer "kleinen Verlängerung", dem Kirchweihmontag..


Einschub
Zu Anfang des Jahrhunderts musste der jeweilige Pfingstbräutigam noch unterschreiben, dass er mit seinen Begleitern NICHT zu einem Ausflug zur Kirchweih in Grafenwiesen  aufbrechen würde.
Es ist natürlich nach der Doppelpfingsthochzeit und den damit anstrengenden Pfingstfeiertagen schon verführerisch, am drauffolgenden Wochenende - mit frischen Kräften - noch eine muntere Veranstaltung dranzuhängen. Dass diese Verpflichtung des Pfingstbräutigams ausdrücklich in all den frühen Jahren gleichlautend überliefert ist, lässt natürlich darauf schließen, dass sich solch ein "Emausgang" nach Grafenwiesen in den Jahrzehnten zuvor eingeschlichen und ein klein wenig zur Regel gemacht worden war. 
Einschub Ende
Am 19.6.war dann Fronleichnam mit dem Konzert im Dregerkeller.
Zwei Wochen später - am 28. und 29. Juni -  hatten die Kötztinger dann die Qual der Wahl, am Samstag stand eine große Sonnwend-Feier an und gleich am Sonntag luden die Grafenwiesener erneut ein, das vom Kötztinger Bildhauer Eberhard Schäfer geschaffene Kriegerdenkmal sollte endlich enthüllt und eingeweiht werden.

Am drauffolgenden Wochenende kam es zu einem ersten öffentlichen Konzert im neuen Graßl-Saal

Und schon am Wochenende drauf waren die Kötztinger Vereine schon wieder im Einsatz, in Reckendorf lud die Feuerwehr von Bärndorf zu ihrer Fahnenweihe



Am nächsten Tag, Sonntag den 13. Juli begann im Kollmaierkeller ein Preiskegeln.


Gleich am Tage nach Abschluss des Preiskegelns wurde die Ergebnisliste veröffentlicht, mit Preisen, die im Jahr noch nicht gespendet hätten werden können, weil in den Wochen zwischen Ankündigung und Beendigung des Preiskegelns sich die Preise vervielfacht hätten und daher niemand diese Preise gespendet bzw. verkauft hätte.

 
Wie sehr der Wirtschaftsbetrieb durch den Zusammenbruch im Vorjahr gelitten hatte, kann man an vielen anderen Anzeigen ersehen. Die große Bäckerei Stemmer  am Marktplatz - später die Dampfbäckerei Pongratz -, gibt erst im Juli bekannt, dass er seinen geschlossenen Betrieb wieder eröffnen möchte.
Der "Röhrl" - heute die Fahrschule Schmidt - eröffnet beim Achtler - Gaststätte Pfeffer - seine KFZ- Reparaturwerkstätte und auch der Lembergerkeller geht wieder in Betrieb.



Der Turnverein Kötzting kündigte die Gründung einer Damenriege an und bereits wenige Jahre später traten diese Kötztinger Frauen bei Veranstaltungen auf.



DIA-Repro 583
Die Kötztinger Damenturnriege zusammen mit ihrem Vorturner, dem damaligen Bezirksamtmann Ludwig Thoma zu dessen Abschied im März 1931
von oben links 1. Reihe 2.v.links Pagany Else,
2. Reihe Mitte Wühr Fanny, rechts Weingut,
3. Reihe Pagany Minna und Bergbauer Rosel,
4. Reihe Röhrl Linerl, Herre Rosel, Brunner Fanny, Praller Lina, Pagany Maria, ?
5. Reihe Pleier Gusti, Pagany Betty, Heigl ?, Herr Thoma, ?,?,
6. Reihe Hofmann Maria (Großmann) Zahorik, Wühr Marerl

Die im August angekündigte Gründung dieser Turnerriege zeigte bereits 8 Wochen später bei einem Bunten Abend im neuen Graßl-Saal erste Erfolge, als am Ende dieses Abends und damit eigentlich als Höhepunkt, "Stabübungen der Damenriege" angekündigt waren.




Das Großprojekt des Michael Herr geht in die nächste Phase, in der Marktratssitzung vom September werden gleich zwei seiner Anträge positiv beschieden.


Der Name Adventskranz hatte sich offensichtlich im Jahre 1924 - zumindest in Kötzting - noch nicht eingebürgert, denn am 17. Dezember wurde ein "Weihnachtsreifen aus der Gärtnerei Plötz" extra im Schaufenster des Herrn Max Oexler ausgestellt und dem Publikum empfohlen.


So bleiben für die Jahreschronik noch zwei große Themen, zum ersten die Großbaustelle am Höllensteinsee. Um sich dieses einmalige Unternehmen auch gut ansehen zu können, machte sich der Kötztinger Waldverein sogar die Mühe und erneuerte seine Markierungen am "Höllensteinweg" durch das Bärnloch.

Aus der privaten Sammlung von Josef Hartmann haben wir die folgenden spektakulären Fotos aus den Anfangsarbeiten dieser Großbaustelle erhalten, die Hochbauten entstanden erst im drauffolgenden Jahr.
Sammlung Hartmann

Sammlung Hartmann


Natürlich erfuhren die Kötztinger auch alles wichtige aus der großen Politik und so fallen bis April 1924 die regelmäßigen Prozessberichte über die Aufarbeitung des Hitler-Ludendorff-Putsches vom Herbst des Vorjahres auf.





Trotz der Verurteilung ihrer "Leitfiguren" trat bereits im Sommer die umbenannte Partei Adolf Hitlers bei den anstehenden Wahlen an und bildete auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Zusammenschlüsse. 
Fast wöchentlich lud diese neue Gruppierung unter dem Namen "Völkischer Block" zu Wahlversammlungen in die verschiedensten Kötztinger Wirtshäuser. Bei der anschließenden ersten Reichstagswahl - Anfang Mai 1924 -  blieb sie jedoch im Bezirk Kötzting weit unter der 10 Prozent Marke. 



Bei der nächsten Reichstagswahl, Anfang Dezember 1924, bei der zeitgleich auch die Kötztinger Bürgermeister und Marktgemeinderatswahl stattfand, fungierte sie lokal unter dem Namen "Gemeinnutz vor Eigennutz". Interessant bei dieser Wahl ist, dass es neben den großen politischen Gruppierungen sogar "persönliche" Wahllisten gegeben hatte. Michael Herre stellte eine eigene "Liste Herre" auf, für die sich 8 Männer hatten eintragen lassen, mit Michael Herre an der Spitze. 
Auch für das Amt des Bürgermeisters gab es mehrere Kandidaten:






Am Schluss dieses Jahresreigens noch ein paar Anzeigen, die vielleicht auch zum Rückblick auf das Jahr 1924 gehören.



Die Gänskragenwiese ist die große Flussschleife hinter dem Kötztinger Flussschwimmbad.


Der Lichtenegger Autor Johannes Linke hat in seinem Buch " Ein Jahr rollt über das Gebirg" das - leicht - unvernünftige und neidhässige Verhalten der Rimbacher Holzbitzler herrlich beschrieben. Viele - vermutlich alle - seiner Episoden beruhen auf einer wahren Begebenheit, die er in den zwanziger Jahren selber erlebt hatte oder die ihm zugetragen worden waren. Eine jedenfalls spielt vor und während einer Holzauktion des Kötztinger Finanzamtes und es könnte durchaus genau die aus dem Jahre 1924 gewesen sein, die in der Presse angekündigt wurde. Ich kann das Buch jedenfalls nur jedermann wärmstens empfehlen, es ist einfach ein Genuss.