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Donnerstag, 15. Juni 2017

Die Marktmühle

Bad Kötztinger Häuserchronik

die Marktmühle

alte Hausnummer 63
Die Marktmühle in Bad Kötzting, noch voll in Betrieb, links an der oberen Ecke (das Gebäude mit dem hellen Dach), das Marktmülleranwesen, schön zu sehen auch die "alte" Oberbergerbrücke, damals noch befahrbar , Luftaufnahme aus den 60er Jahren
Mühlen, also Sag- und Mahlmühlen gehörten sicherlich zu der Grundausstattung einer Ansiedlung. Aus diesem Grund können wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Kötztinger Mühlen, und hier insbesondere die Marktmühle - bereits kurz nach bzw. mit der Entstehung des Ortes "Kötzting" durch die Aufteilung der 3+1 Urhöfe zu 36 Marktlehen, 10 Sölden und 20 Häuser entstanden sind, bzw. zusammen mit den neuen Anwesen mit aufgebaut worden waren.
Ähnlich wie es bei Schmieden der Fall war - auch diese sind für einen Aufbau eines Gemeinwesens unerlässlich - gibt es für die Müller in manchen Orten sogenannte Ehhaftordnungen, also Verpflichtungen der Handwerker für die Mitbewohner aber auch die Verpflichtung der Bürger bei diesen Handwerkern arbeiten zu lassen.
Aus diesen Anfangsjahren Kötztings sind nur sehr, sehr wenige Schriftstücke überkommen, der erste Namensnachweis der Marktmühle stammt aus einem Dokument von 1382, in dem sowohl das Stockrecht "oberhalb der Kötztinger Wür" (=Wasserfall der Marktmühle) als auch explizit die Marktmühle erwähnt ist und auch die Pflichten und Rechte des Marktmüllers beim Durchlassen bzw. Durchtransport vom Fluderholz.

Marktmüllerfall in einem Aquarell von Mathias Heilmeier ca. um die Jahrhundertswende 1900




Diese "Wür", also das Wehr der Marktmühle, stellt über Jahrhunderte - bis heutzutage - eine wichtige Fischereigrenze dar. Auch nach Abbruch der Marktmühle im Zuge der Hochwasserfreilegung der Stadt Bad Kötzting wurde die "alte" Stelle des Marktmühlenfalles vermessen und als Geländemarke im Flussverlauf neu markiert. Die Rechte am Wasser - und an der Wasserkraft - lagen in der Vergangenheit bei den Hofmarksherren in Blaibach und Hohenwarth. Die Nothafft auf Runding und Blaibach vergaben ihr Fischereirecht nachgewiesenermaßen bereits seit dem 16. Jahrhundert an die Fischer in Pulling.
Auch heutzutage ist dieses Wehr, bzw. die Stelle an der dieses Wehr den Flusslauf markierte eine wichtige Fischereigrenze, denn am 3.06.1902 gegründete Bezirks=Fischerei=Verein kaufte zum Jahreswechsel 1903 das Fischwasser der Hafenbrädl nämlich vom Wehr der Marktmühle bis hinauf zum Wehr der Hohenwarther Mühle.

Ausschnitt aus dem Uraufnahmeplan von Kötzting von 1831 die Marltmühle ist Hausnummer 63, man beachte die kleinen Mühlen bei Nr. 66 und 71 , die zu den Lederern und Gerbern gehörten.


1382 in einem Dokument des Klosters Rott wird die Marktmühle, genauer das Wehr dieser Mühle, erstmal erwähnt. Man kann also mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Marktmühle zum Anfangsbestand der Kötztinger Häuser gehörte.Da die schriftlichen Überlieferungen sehr dünn gesäht sind, sind es nur Zufallsfunde, die den einen oder anderen Besitzer der Marktmühle überliefern:
1445 ist es Knüttinger Paul und


Hauptstaatsarchiv München Kloster Rott 112: item Paulus Knittinger von der marktmul ......

1462 ein Ullrichin, der „von der mil im Markt“seine Steuern bezahlt. Dieser Ullrich war damals sehr begütert in Kötzting, neben der Marktmühle besaß er auch noch die Wiesmühle, die Sagmühle, eines der beiden Bäder, im Markt ein Söldenanwesen und noch dazu die Honigwiese, ein Wiesengrundstück, dass in der meisten Zeit über die Jahrhunderte im Besitz der jeweiligen Landrichter sich befand.
HStA München Kloster Rott 111

1585 kennen wir einen Marktmüller mit Namen Georg Spager, der neben der Marktmühle auch noch ein Marktlehen besaß. Danach war wohl Höhel Michael der Marktmüller; von ihm wissen wir, dass er 1595 eine zusätzlichen Lohmühle aufrichtete. Solch eine Lohmühle war für die Lederer und Gerber am Regenfluß wichtig.

Der nächste bekannte Besitzer ist ca. ab 1621 Riederer Simon, er taucht mit seinen Holz bzw. Bretterlieferungen dann bereits in den Pfleggerichtsrechnungen auf, die ungefähr ab diesem Zeitraum überliefert sind.
Nun kommen fast 100 Jahre lang Vertreter der Familie Billich zum Zuge, eine in Kötzting sehr einflussreiche Familie, zu der auch der spätere Kammerer Samuel Luckner (siehe Tafel Nr. 99)  gehörte.


Wir kennen als Marktmüller Billich Georg und seine Frau Margaretha von 1631 bis 1652
Nach einer Überlassung der Mühle an den Pächter Ullrich Fink im Jahre 1652 blieb die Marktmühle bis zum Ende des Jahrhunderts wieder in den Händen der Billichs. Der nächste Billich, diesmal wieder Georg verheiratet mit Katharina, hatte die Mühle von 1658-1692 inne und erneut ein Billich, Wolfgang verheiratet mit Margaretha, war der Kötztinger Müller dann in den Folgejahren 1692 bis 1713. Billich Georg  stritt mit dem Kötztinger Magistrat um die Errichtung eines zweiten Sagganges. 1697 ist die Mühle bereits mit 3 Mühlgängen überliefert.




Der Berufstand der Müller gehörte früher aus mehreren Gründen zu den unehrenhaften Berufen.  Erstens vermuteten die Bürger, dass der Müller möglicherweise in seiner Mühle vom Mehl der Bauern heimlich etwas abzwackte und zweitens befanden sich die Mühlen zumeist außerhalb der Markt/Stadtbefestigungen und waren der strengen Kontrolle bei der Polizeistunde damit etwas entkommen. Nicht umsonst ranken sich eine Anzahl leicht frivoler Schanklieder um die "schöne Müllerin"
Den ersten Vorwurf, den des Betruges, versuchten die Behörden so gut es ging zu verhindern nämlich durch die Mühlenvisitation, die von Mitgliedern des Magistrats durchgeführt werden mußte. Im Landgericht war diese die Aufgabe des Kastners.

Bei solch einer Mühlvisitation in Kötzting zu Ende des 17. Jahrhundert fielen die beiden Mahlmüller, der an der Sagmühle und der Marktmüller unangenehm auf.

zu weithe Mahlgäng: Paulluß Hofmann Miller uf der Saag, und Wolf Billich auch Miller alhier ist, umb bey selben in der Mühl Visitation die Sarchen uf 4 Mühlgäng sich umb 1 1/2 bis 2 Zohl zu weith befunden , ieder neben ernstlich verwiesen und dabey auf getragene besserung per 1 also 2 Pfund Pfennig gestrafft worden, zaig Verhörs Proth(okoll) fol 48 Stadtarchiv Kötzting, Marktrechnung




Sta Landshut Regierung Straubing A 4357 von 1683 Auszug aus dem Kötztinger Rats- und Verhörsprotokoll: Antrag des Marktmüllers Georg Billich einen weiteren Saggang einrichten zu dürfen, weil andere Müller am Fluss 2 Saggänge hätten.


 

Hinein ins 18. Jahrhundert ging es dann mit der Müllerfamilie Wittmann Ander und Hans Adam, Vater und Sohn, welche die Mühle dann 1736 an Hans Simon Eberl übergaben. Eberl hielt die Säge nur für kurze Zeit, schon ein Jahr später veräußerte er diese an Irlbacher Stephan. Unter dessen Sohn wurde die Kötztinger Marktmühle mit 4 Gängen und Wasserfall beschrieben.

Dokument vom 23.März 1759 aus der Sammlung Amberger, Irlbacher Stephan zeigt Kaspar Auzinger, den Hammermüller, an, dass er zu hoch aufstauen würde. Auszug aus dem Kötztinger Verhörsprotokoll

 

1786 nun kam der letzte große Besitzerwechsel zustande, Amberger Johann Michael aus Thenried erstand die Marktmühle und bis zum Abbruch der Mühle 1980 im Zusammenhang mit der notwendig gewordenen Hochwasserfreilegung der Stadt Bad Kötzting blieb die Marktmühle viele Generationen lang im Besitz dieser Familie.

Gleich bei Antritt des Besitzes versuchte er ein altes Problem aller Marktmüller zu lösen, die kleinen Mahlmühlen am Oberlauf, die vor allem bei Niedrigwasser die Leistungsfähigkeit der Marktmühle schmälerten. Im März 1786 schloss er einen vergleich mit seinen Nachbarn.
Sammlung Amberger: Planskizze zum Vergleich des Michael Amberger mit dem Rotgerber Stoiber und dem Küffner Reithmeier, siehe die kleinen Wasserräder am Oberlauf
17.10.1786 Michael Amberger schließt einen Vergleich mit seinen Nachbarn.





Militärentlassungspapier für Joseph Amberger von 1859 aus der Sammlung Amberger

 



Im Jahre 1930 betrieben die Gebrüder Heinrich, Hans und Franz die Mühle gemeinsam.
Franz Amberger
Hans Amberger


Heinrich Amberger
Herr Herbert Amberger, der letzte Kötztinger Marktmüller, besitzt eine Sammlung an alten Dokumenten, Bildern und Plänen, aus dieser Sammlung stammen einige der hier gezeigten Dokumente und Bilder




Der letzte Besitzer war Herr Herbert Amberger.
Im Besitz der Familie Amberger befinden sich Original Urkunden aus mehreren Jahrhunderten und wertvolle Aufzeichnungen aus dem Mühlenbetrieb, sowohl der Mahl- als auch der Sagmühle.
die Marktmühle im Dezember in einer Aufnahme um 1900 von Mathias Heilmeier, im Vordergrund die Waschbänke für die Kötztinger Hausfrauen


Kötztinger Zeitung 1959
Auch in den SCHEINWERFER der Kötztinger Umschau schaffte es die Marktmühle, resp. die Sau der Marktmüllerseheleute.
Für Ortsunkundige: der Scheinwerfer in der Kötztinger Umschau war eine Rubrik im Lokalteil, in dem Frau Renate Serwuschok größere und kleinere Missgeschicke in Form einer Glosse öffentlich machte. Manche Vorkommnisse, die eher harmlosen bzw. einfach lustigen wurden mit den echten Namen veröffentlicht, peinlichere dann eher unter dem Schutzmantel eins "Kötztinger Bürgers" verschlüsselt, wobei es dann doch Ortsgespräch war und die Verschlüsselung bald entschlüsselt wurde. Diese wöchentlichen "Scheinwerfer", in manchen Jahren auch durch Karikaturen ergänzt, bilden einen Riesenschatz an humorvollen kleinen Anekdoten aus dem leben einer Kleinstadt und deren Umgebung. "Pass fei auf, sunst kummst in´n Scheinwerfer" ist durchaus auch heute noch ein regelmässiger Kommentar wenn etwas vor Zuschauern passiert.


Der Zustand der unteren Müllerstraße und des gegenüber liegenden Spitalplatzes war für viele Jahrzehnte ein andauerndes Ärgernis, natürlich nicht für die Sau, die sich den langen Weg zum Bleichanger auf dem Jahnplatz sparen konnte.

Leider haben wir vom März 1959 keine Aufnahmen der Müllerstraße, ABER, ein Bild ebenfalls vom 3/1959 aus Zeitung zeigt uns den Zustand auf der anderen Seite der Oberbergerbrücke - damals in den Zeitungen zumeist Kollmeierbrücke genannt - und läßt erahnen, warum sich die Sau so wohl mitten auf der Straße fühlte.
Kötztinger Umschau vom März 1959
AN dem Zustand hat sich über Jahre hinweg nichts geändert, wie ein weiterer Hilferuf in der Kötztinger Umschau aus dem Jahre 1964 zeigt:
Auch wenn diese Aussagen nur indirekt auch den Zustand bei der
Marktmühle beschreiben, so haben diese Verhältnisse - links und rechts des Regenflußes - und der dringende Wunsch dies dauerhaft zu ändern im letzter Konsequemz zum Abbruch der Marktmühle geführt.
Dieser zu tief gelegene Ortsteil war nur durch eine weit die Stadt Kötzting umgreifende Hochwasserfreilegung dauerhaft zu sichern. Im neuen Jahrhundert hat dann ein sogenanntes Jahrhunderthochwasser dann doch wieder den Spitalplatz und auch den Neubau, der an der Stelle der Marktmühle getreten ist, überflutet und einen Riesen Schaden angerichtet.




















Hier noch ein paar Bilder, die vom Kötztinger Gymnasiallehrer Schwarz stammen und sich nun im Besitz des Arbeitskreises Heimatforschung befinden.
"Kleinvenedig" in Kötzting Blick von der Marktmühle flussaufwärts an die Rückseite der Gebäude der Jahnstraße











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