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Donnerstag, 21. April 2016

Ein unbekannte Tote .... ein interessanter Fund im alten Kirchhof

Ein alter Sarg - ein Rätsel und eine mögliche Lösung

Ich denke mal, dass viele meiner Leser sich das Leben eines "Archivverwalters" einer Kleinstadt dann doch ziemlich fade und langweilig vorstellen, >>>>>>>>Ansichtssache ;-).

Zur Zeit jedenfalls gibt es viele Neuzugänge und immer wieder auch ein paar faustdicke Überraschungen.

Vor wenigen Wochen ist mir bei der Durchsicht eines Stapels Bilder ein Detail am Rande aufgefallen, das ich bisher noch gar nicht beachtet hatte:

Photo einer Situation im Kirchhof, man beachte die Grabstelle am rechten Bildrand.


Mir fiel dann auch auf, dass ich dort - als Kind - niemals einen Grabstein gesehen hatte, vor allem aber war die, undeutlich abergerade noch lesbare, Aufschrift interessant:
schwach, aber erkennbar,: die Grabinschrift Georg Schrank, Bierbrauer
Man konnte bei genauem Hinsehen die Inschrift lesen: GEORG SCHRANK Bierbrauer.
Berücksichtigt man weiter, dass, obwohl der damals obere Friedhof (nun der alte Friedhof am Torplatz) schon lange Jahrhunderte existierte aber die Kötztinger Bürgersfamilien ebensolange an ihren angestammten Familiengräbern festhielten, dann sollte dies auch die Grablege der Vorfahren des Georg Schranks sein und damit, rückwärtsgerechnet :
Schrank >>>Poschinger>>>sind wir bei Wolfgang Samuel Luckner (!)
Es dürfte bei der Enge des Kirchhoffriedhofs höchst unwahrscheinlich gewesen sein, dass eine Familie, nur wegen einer Namensänderung, mehrere Familiengräber ge(be)nutzt hätte und so war für mich in einem ersten Schritt ein weiteres Mosaiksteinchen im Leben Samuel Luckners zutage getreten.
Die Grablege der Schranks sollte/müsste auch die Stelle sein, an der 80 Jahre zuvor Wolfgang Samuel Luckner zur letzten Ruhe gebettet worden war.


Es sollte aber noch besser kommen:

Alfred Silberbauer, alias Gwasch d.A., ein Heimatforscher aus Rimbach, der IMMER seine Forschungsergebnisse mit uns Interessierten teilt, durchforscht zZ das Zeitungsarchiv der Kötztinger Zeitung und so kam, wie jede Woche ein Stapel an Zeitungsausschnitten im Stadtarchiv an:






Beide Zeitungen berichteten 1970 von einem Zinksarg, der bei Aushebarbeiten zur neuen Garagenanlage des damaligen Stadtpfarrers Augustin zutagegetreten und teilweise zerstört worden war. Vermutlich anhand von Grabbeigaben wurde der Leichnam als der einer Frau erkannt und der Zeitraum auf das Ende des 18. oder Beginn des 19. Jahrhunderts bestimmt. Ein kleines Detail noch am Rande, es wurde erwähnt, dass der Sarg eine Glasscheibe enthielt.


StA Landshut Plansammlung 1049 Kirchenburg von Kötzting von Bezirksgeometer Heilmeier 1904 gemalt

In dem Plan der Kötztinger Kirchenburg von 1904 habe ich die Blickrichtungen eingezeichnet, welche die verschiedenen Photographen vermutlich eingenommen haben.

So und wer ist nun die unbekannte Kötztinger Tote aus dem Zeitraum 1780-1820?

In Frage kämen - immer unter der Voraussetzung das die erste Vermutung, es handle sich um das Familiengrab der Besitzer des Anwesens, das jetzt das Hotel zur Post ist, eigentlich nur drei Frauen, alles Ehefrauen der jeweiligen Besitzer.

Möglichkeit I:

Wolfgang Samuel Luckner, der große Kötztinger Kammerer heiratete er am 29.07.1743 in Kötzting in zweiter Ehe  Maria Magdalena Zissler aus Roding.  In den Folgejahren hatte das Paar eine stattliche Reihe von Kindern von denen allerdings die meisten im frühen Kindesalter starben.
Da Luckner Samuel bereits drei Kinder von seiner ersten Frau hatte, beginnt die Nummerierung der Kinder hier mit der Nummer 4

4)  Joseph Andreas                                    * 21.05.1744 † 21.05.1744 in Kötzting
5)  Maria Anna
                                            * 27.04.1745 † 20.04.1746 in Kötzting
6)  Samuel Sebastian                                  * 20.01.1747 † 1813 in Straubing
7)  Franz Xaver Andreas W.                          * 06.07.1748 † 07.01.1749 in Kötzting
8)  Anna Sabina Magdalena
                          * 12.11.1749 † 25.03.1750 in Kötzting
9)  Franz
 de Paula                                       * 10.12.1750 † 29.04.1754 in Kötzting
10) Maria Franziska Sabina
                          * 27.01.1752 00  Michael Poschinger
11) Maria Klara                                            * 10.05.1753, † 30.05.1753 in Kötzting
12) Johann Nepomuk
                                   * 15.05.1754 † 29.07.1754 in Kötzting
13) Maria Anna Walburga                             * 05.08.1755 00 J.P. Aschenbrenner
14) Wolfgang Samuel Nikolaus
                     * 07.12.1756 † 12.08.1757 in Kötzting
15) Ignatz Wilhelm                                      * 02.05.1758 † 05.02.1759 in Kötzting
16) Anna Maria Aloysia
                               * Juni 1759    † 07.03.1760 in Kötzting
17) Felix Wilhelm
                                       * 14.04.1761 † 22.09.1761 in Kötzting
18) Infans
                                                   * 19.03.1764 † 19.03.1764 in Kötzting

Das Paar hatte also zusammen weitere 15 Kinder und Frau Magdalena Luckner verstarb im Frühjahr 1780




Möglichkeit II


Franziska Luckner,(hier das Kind Nummer 10) hatte 1774 Johann Michael Poschinger geheiratet und war bereits 1778 wieder verstorben.

In diesen vier Jahren gebar sie drei Kinder, von denen nur das Mädchen überlebte und um deren Erbschaft, nach dem frühen Tod der Mutter, Wolfgang Samuel Luckner einen erbitterten Streit mit seinem Schwiegersohn führte, bis dieser endlich nachgab und das Anwesen an die Tochter und deren neuen Mann übergab, nämlich Maria Theresa geboren am 09.10.1776





 Möglichkeit III

eben diese Theresa Poschinger, welche den Drachselsrieder Braumeister Georg Schrank 1791 heiratete. Die beiden hatten ebenfalls eine stattliche Anzahl von Kindern, sie selbst starb an den Folgen der letzten Geburt 1811. 

Da das Grabmonument die Inschriften der Familien Schrank trägt, spricht vielleicht  Einiges für die letzte Möglichkeit. Ich glaube aber, dass, bei der räumlichen Enge des Friedhofes, dies die Familienlege auch der Billichs, Krieger, Luckner und Poschinger gewesen war und dass es ausreichend Hinweise gibt, dass ganz speziell Samuel Luckner ein sehr besonderes Verhältnis zu seiner zweiten Ehefrau gehabt hatte.
Vielen Kötztingern ist möglicherweise der langjährige erbitterte Streit zwischen dem Kötztinger Pfarrherrn und Prior Mack und dem Kammerer Luckner bekannt, dessen noch heutzutage sichtbares Ergebnis der linke Seitenaltar in der Kötztinger Pfarrkiche ist. Auf diesem Bild wollte der Pfarrer die "Hausheiligen" des Klosters Rott verewigen, die Heiligen Benedikt und Anianus, aber wie man sehen kann: es ist eine Frau dargestellt, die heilige Magdalena.
Den Streit hier darzulegen würde zu weit führen nur soviel: Luckner sagte er wolle dieses Altarbild: "Damit die Weiber auch einen Altar haben", Pfarrer Mack mutmaßte er wolle dies nur, weil Luckners Frau Magdalena hieße. 
Einen zweiten Hinweis gibt es noch für ein ein ganz besonderes Verhältnis Samuel Luckners zu seiner zweiten Frau:
Im Prozess mit seinem Schwiegersohn, lange nach dem Tode seiner Tochter, bzw. dessen Frau, wurde auch der Schmuck erwähnt, den Luckners Tochter von ihrer Mutter erhalten hatte:

Zu diesem Zweck legte nun auch Michael Poschinger ein Inventarium vor, und zwar über Kleinodien, Silbergeschmeidt, Halskleid und Ausfertigung, die er, respektive seine Frau, erhalten hatte. Bemerkenswert in dieser Liste ist unter der Rubrik Silber und andere einig kostbare Stuck:
2 Kindtsgehäng worunder 1 grosses mit 14en Stuck behängt.
Hierbei dürfte es sich um einen persönlichen Schmuck der zweiten Frau Samuel Luckners und Mutter der früh verstorbenen Frau Poschinger handeln, die für jedes ihrer 14 Kinder (eines wurde ungetauft und ohne Namen nur im Sterbebuch eingetragen, und war daher wohl eine Todgeburt) ein Schmuckstück für ihr Kindtsgehäng von ihrem Mann erhalten hatte.

Luckner schenkte also seiner Frau für jedes der gemeinsamen Kinder ein Schmuckstück, das sich zu einem großen "Kindtsgehäng" sammeln lies. Dies zeigt nun zusammen mit allem oben Erwähnten von einem ganz besonderen Verhältnis, das Wolfgang Samuel Luckner zu seiner Frau Magdalena hatte.
Zusätzlich war er zum Zeitpunkt des Todes seiner zweiten Frau vom Tagesgeschäft bereits frei, war sehr wohlhabend, er war bei weitem der reichste Bürger Kötztings.
Michael Poschinger, seinem Schwiegersohn, der lt Luckners Aussage nicht einmal die täglichen Geschäfte sorgfältig machen konnte, ist solch ein Gepränge nicht zuzutrauen und auch Georg Schrank eher nicht.

 
Epithaph der Maria Magdalena Luckner in der Kötztinger Anna Kapelle


Nur Samuel Luckner dürfte der Mann gewesen sein, der für seine geliebte Frau solch einen Aufwand mit reich verziertem Zinksarg, inkl einer Glasscheibe, betrieben hätte.

QED
Die tote Frau im Zinksarg war also, meiner Meinung nach, Frau Maria Magdalena Luckner, geborene Zissler aus Roding gestorben 1780!
 
Aber trotzdem: "Nix G´wiss woas ma net.

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