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Mittwoch, 30. Juli 2014

1914 .... der Wahnsinn beginnt

vor 100 Jahren begann der erste Weltkrieg.

Mit dem Attentat in Sarajewo begann eine verhängnisvolle Entwicklung. Für alle handelnden Seiten war damals Kriegsführung nicht nur eine Option unter vielen, sondern stand offensichtlich ganz oben als die Lösung vieler Probleme, die die Nationen bzw. die Staaten untereinander zu haben schienen. Viel wurde darüber geschrieben, mehrere Generationen von Historikern der verschiedenen Lager diskutierten über die Kriegsschuldfrage, je nach Lesart war Deutschland mal der alleinige Hauptschuldige oder bei anderen Autoren, durchaus auch der angelsächsischen Länder, eben doch nur eine von mehreren Parteien, die sich am Ausbruch des Krieges schuldig machten, unfähig, sich in die Motive und Wünsche der Gegenseite hineinzuversetzen.


Nun, wie auch immer, Kriege werden immer von Denen da oben angerichtet, aber grundsätzlich von uns da herunten durchlitten und so mußten auch unsere Kötztinger Vorfahren in den Krieg ziehen und viele blieben auf französischen Schlachtfeldern liegen, viele - auch wenn sie zurückkamen - waren verwundet an Körper und Seele.



Obwohl Kötzting zu dieser Zeit bereits seit vielen Jahren eine eigene Tageszeitung - den Kötztinger Anzeiger - hatte und dieses Blatt auch in München bei der Staatsbibliothek archiviert ist, so fehlen doch aus all den vielen Jahren des Erscheinens gerade die zwei kompletten Jahrgänge von 1914 und 1916. Hier kann nun die Further Tageszeitung: Der Bayerische Wald" einspringen, da die offiziellen Veröffentlichungen verpflichtend für alle Organe war. Wir können also davon ausgehen, dass die Kötztinger Bürger exakt dieselben Mitteilungen und Befehle erhalten haben wie die Further Bürger.




Der Krieg selber begann mit dem Ausrufen des Kriegszustandes in Deutschland am 1. August 1914. Frankreich und Deutschland befahlen die allgemeine Mobilmachung dann am 2. August. Auch wenn Deutschland schon viele Jahre im Schatten einer kriegerischen Auseinandersetzung gelebt hatte, so war es doch eine 45 Jahre andauernde Friedenzeit, die nun mit einem Schlag zu Ende ging. Für die Bevölkerung vor Ort kamen nun fast täglich neue Befehle, Anordnungen und Beschränkungen.


Als erstes noch vor der offiziellen Erklärung des Kriegszustandes wurde schon am 31. Juli davor gewarnt, im Kontakt mit Ausländern Informationen preiszugeben und es wurde darauf hingewiesen dass mit Verhängung des Kriegszustandes ein verbringen von Pferden in einen anderen Verwaltungsbezirk verboten sein solle. Dann ging es Schlag auf Schlag:














Neben den Tageszeitungen lief die Information aber auch auf der Schiene:

Regierung - Bezirksämter (=heutzutage Landratsämter) - Gemeinden - Aushang, Einsagen  bzw Ausrufen durch den Gemeindeboten
Diese amtlichen Bekanntmachungen sind natürlich alle noch vorhanden und geben ein lebhaftes Bild der Hektik und der Zerrissenheit der Behörden, wie mit der neuen Situation umzugehen sei.



Noch am 1. August wurde mitgeteilt, dass einige Verbrechen, auf denen eine lebenslängliche Zuchthausstrafe vorgesehen war, ab dem Kriegszustand nun mit dem Tod bestraft werden würden. Mit Gefängnis bis zu einem Jahr habe zu rechnen, wer falsche Gerüchte ausstreue, Vorschriften der örtlichen Militärbefehlshaber übertrete, Zu Hochverrat, Landesverrat oder Brandstiftung auffordere und einen Soldaten zu einer Handlung gegen die militärische Ordnung auffordere.
Die örtlichen Behörden wurden für den organisierten Bahnschutz, der Überwachung der Eisenbahnanlagen, und der Telegraphen und Telefonlinien eingesetzt. Der Verkehr mit Kraftfahrzeugen wurde beschränkt, jeder Führer und Insasse Muss sich durch Papiere ausweisen können. Besondere Beschränkungen gab es für den Übertritt über die Österreichische Grenze. Nur noch wenige Übergangsstellen, bei uns Neuaign, Schafberg und Waidhaus waren zugelassen. Der Eisenbahnverkehr wird in Furth im Wald überwacht.






Vom ersten bis zum  10. Mobilmachungstag wird das „Feil bieten von geistigen Getränken“ vorübergehend verboten.  Besitzer von Brieftaubenschlägen werden informiert, wie die vom militärischen Nachrichtendienst benutzten Brieftauben zu erkennen seinen und wie und unter welchen Bedingungen solche Brieftauben, sollten sie sich verflogen haben und in einem fremden Taubenschlag aufgefunden werden, an die Behörden zu übergeben seien. Nun ist es verboten  nicht nur Pferde, sondern auch Fuhrwerke, Kraftfahrzeuge, Betriebsstoffe in einen anderen Verwaltungsbezirk zu verbringen.

Für die Einbringung der Ernte und die Unterstützung, durch die Einberufen, bedürftiger Familien werden Anordnungen und Hilfen angeboten.
Dann kommt es zu einer skurrilen Situation:


Mit Datum vom 7. August, im Buch mit eingebunden, allerdings händisch durchgestrichen, wird der Bevölkerung befohlen auf im Lande verborgene ausländische Kraftwagen zu achten. Es müsse  damit gerechnet werden, dass diese die Aufmarschbewegungen durch Zerstörungen zu gefährden suchen. Ab dem 6.8 1914 ist nun jeglicher Verkehr mit Personen und Lastkraftwagens außerhalb von Städten und Ortschaften verboten. In Punkt 5 werden alle Ortsbehörden verpflichtet nicht nur die Hauptstraßen, sondern auch kleine Ortsverbindungen durch bewegliche Sperren abzuschließen. Es empfiehlt sich, diese Sperren nicht vor der Ortschaft, sondern im Ortsinnern so anzuordnen, dass ein Umkehren und Ausweichen der Automobile unmöglich ist (Autofallen), Punkt 6 sagt kurz und Knapp: Jedes Automobil, das auf Anruf nicht hält, wird als feindlich betrachtet.
Punkt 7 Werden Kraftwagen festgehalten, so sind die Führer von den Wagen zu trennen.
Gleichzeitig wird bekanntgegeben, dass für den  Kraftwagen des Herrn Karl Roßberg eine Ausweiskarte auf Hermann und Karl Roßberg ausgestellt wurde und dass diese beiden das Fahrzeug der Nummer II C 422, gekennzeichnet mit einer weißblauen Fahne im Bezirk fahren dürften.

weiteres Fragment des berichtes über die Goldautos von Georg Rauscher


Mit Datum 8. August wird der gesamte Akt des Vortages aufgehoben und für nichtig erklärt:
…..fremde Automobile sind im Lande überhaupt nicht mehr vorhanden. Der Truppenführung sind bereits schwere Schädigungen durch das Aufhalten der von ihr entsandten Automobile erwachsen. Das Generealkommando des 3. Armeekorps hat ferner, da durch aufgeregte Bevölkerung mehrere Militärpersonen in Autos erschossen wurden, strengsten Befehl erlassen, dass Schusswaffen nur mehr staatliche Sicherheitsorgane….führen dürfen.

Dass eine ähnliche Verwirrung und eine Jagd auf fremde Autos auch in Kötzting stattgefunden hat,  wurde von Georg Rauscher in seinem Buch: "A Kirm voller G`schichten" humorvoll berichtet. Dieses Buch ist im Buchverlag der Mittelbayerischen Zeitung erschienen und aus Rechtgründen bringe ich hier nur einen kleinen Auschnitt der Geschichte - dieses Buch sollte eigentlich eh jeder Kötztinger Haushalt besitzen.







Am 12. August dann in aller Kürze: …ist nunmehr der gesamte Verkehr mit Automobilen vollkommen freigegeben; alle Sperren sind sofort zu beseitigen, weder militärische noch Privatautomoblie dürfen angehalten werden. Ausweise sind nicht mehr nötig.
Weiter unten heißt es, dass das Generalkommando sich nicht in der Lage sieht, den Gesuchen um Abgabe von Waffen und Munition an die Bevölkerung zu entsprechend. Es dürfte daher zweckmäßig sein, die Schützengesellschaften usw. aufzufordern, sich zu organisieren und sich und ihre Waffen für die Zwecke der Landesverteidigung zur Verfügung zu stellen. Am selben Tag wird auch verfügt, dass alle leichten Lastkraftwagen von 1.5 bis 2.5 t zum 14. Mobilmachungstag nach Ansbach eingeliefert werden mussten.
Die auf den 16.8 angesetzten Bezirksfeuerwehrversammlung und die Inspektionen wurden bis auf weiteres abgesagt.
Am 17. August begannen die Aufrufe für Spenden, sowohl für die Soldaten an der Front, als auch für Lazarettzwecke. Das bayerische Landeskomitee für die freiwillige Krankenpflege in Kriege rief die Behörden auf vor Ort Sammelstellen zu errichten. In Kötzting gründete sich ein Hilfeausschuss, die dort genannten Namen stellten ein Who-is-Who der Kötztinger Bürger von 1914 dar:
Amberger Gasthofbesitzer
Aschenbrenner Kaufmann
Decker Brauereibesitzer
Dietrich Rentamtsdiener und Vorstand des Veteranen und Kriegervereins
Drunkenpolz Hauptlehrer
Gmach Schuhmachermeister
Gschaider Fabrikant
Januel Gastwirt und Vorstand des Gemeindekollegiums
Keim k. Bezirksamtmann und Vorstand des Männervereins vom Roten Kreuz
Liebl jr. Bankier
Nagler Pfarrer und Distriktsschulinspektor
Oexler Buchdruckereibesitzer
Dr. Probst k. Bezirksarzt und Kolonnenarzt
Stauber Distriktssparkassenkassier
Wensauer Goldschmied und Bürgermeister
Ziegler Apothekerswitwe und Vorsitzende vom Frauenverein vom Roten Kreuz

In unserem Bereich wurden die Übungsflüge deutscher Flieger wieder aufgenommen und vorsorglich wird die Anordnung vom 5.8. außer Kraft gesetzt, die das beschießen von Luftschiffen und Flugzeugen von den mit dem Bahn- Brücken-, Straßen und Grenzschutz beauftragten Personen regelte. Nach den Erfahrungen der letzten Tage besteht dringende Veranlassung, dass die Ortspolizeibehörden alles aufbieten, dass die Bekanntmachung ÜBERALL im Bezirke so rasch als möglich bekannt wird, damit die Tätigkeit und das Leben unserer Flieger nicht gefährdet wird.
Am 20. August werden dann alle bisher noch nicht eingezogenen Männer für den 25. Und 26. August zur, unter Umständen erforderlichen, Musterung und zur Aushebung als Soldaten einbestellt
Am 1. September werden die noch nicht eingerückten Infanteristen, der Landsturm II, also die Reserve einberufen und zwar bereits zum 4. September nach Straubing um ein Landsturm Infanterie Bataillon zu formieren.
Danach kommen nur noch kleinere Bekanntmachungen, die aber – zwischen den Zeilen gelesen – den Schrecken des Krieges vielleicht noch viel deutlicher aufzeigen:
Regelung der Feldpostbriefe und seiner Inhalte
Vorschriften wir mit den Gerüchten über die Misshandlung gefangener deutscher Soldaten umgegangen werden soll
Sammlungsaufrufe für Liebesgaben an die deutschen Soldaten
Verbot der stenographischen Schrift auf den Kriegsansichtskarten
Aufruf für den (noch freiwilligen) Umtausch von Goldgeld gegen Geldscheinen mit dem Faktor 1 zu drei.
Bekanntgabe der Auskunftsstellen über kriegsgefangene Deutsche
Zum Jahresende lässt ein „Gutachten“ genannter Vorschlag tief blicken, offensichtlich gab es bereits die ersten Versorgungslücken und die Behörden versuchten der Bevölkerung bereits Mehlersatzstoffe schmackhaft zu machen, und das bereits im ersten Kriegswinter, nach erst 5 Monaten des ersten Weltkrieges ….. es sollten noch 4 lange Jahre folgen.



 Von Seiten des Stadtarchives und des Arbeitskreises Heimatforschung versuchen wir Feldpostbriefe, Bilder und Berichte unserer Vorfahren zu sammeln, die im ersten Weltkrieg gekämpft hatten.

Wie solche Zusammenstellungen dann aussehen können, kann ich hier exemplarisch am Beispiel meines eigenen Großvaters mütterlicherseits vorstellen. Auch wenn er kein Kötztinger Bürger war, so kann es doch aufzeigen, was man bei der Suche in der eigenen Familie so alles finden kann und wie man mit den im Internet zu findenen Informationen die Geschichte ergänzen kann.

Ich komme ja eigentlich von der Familienforschung und bin erst nachträglich auf die Heimatforschung umgeschwenkt. Wer also tapfer bis hierher mitgelesen hat und Interesse daran hat, wie man solch eine politische schwierige Zeit auch in der Familienforschung darstellen kann, kann gerne folgenden Blogeintrag noch mitnehmen.....


http://genealogiepongratz.blogspot.de/2014/02/franz-geerdtz-der-kriegseinsatz-im.html


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